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Apotheker verlieren Einfluss

10.01.2000
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-Wirtschaft & HandelGovi-VerlagHERBA CHEMOSAN

Apotheker verlieren Einfluss

von Thomas Bellartz, Frankfurt am Main

Es besteht kein Zweifel: Der Verkauf des Aktienpaktes an der Herba Chemosan Apotheker-AG von der Sanacorp AG an die Gehe AG (die PZ berichtete ausführlich in PZ 1/00) kennt auf den ersten Blick mehrere Gewinner. Doch während sich Gehe über einen neuen Brückenkopf Richtung Osteuropa freut, verliert Österreich seine apothekereigene Großhandlung. Die Aktienmehrheit und damit die Macht halten nicht mehr die Apotheker, sondern die Gehe.

Auch wenn noch das Einverständnis aus Brüssel abgewartet wird, wurde am Dienstag letzter Woche deutlich, wie weit sich Konkurrenten auch aus festgefahrenen Situationen heraus bewegen können. Hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatten die Vorstände mit Zustimmung der Aufsichtsräte ein Paket geschnürt, das beiden wie ein spätes Weihnachtspräsent vorgekommen sein musste. Details wurden aber bis heute nicht offenbart.

Doch der Deal hat einen faden Beigeschmack, insbesondere unter Berücksichtigung eines übergeordneten genossenschaftlichen Gedankens: Durch die Mehrheitsübernahme wandelt sich mit der Herba erneut ein Apotheker-eigenes Unternehmen. Diese Wandlung stößt auf positive wie auf negative Kritik. Insbesondere in Deutschland befürchtet man, dass die Einflussnahme der Apotheker immer weiter zurückgedrängt wird.

Auch wenn Sanacorp-Vorstandschef Dr. Jürgen Brink für seine Herba-Aktien nun deutlich mehr bekommen hat, als er vor einigen Monaten zahlte, sind viele Beobachter nach dem allzu langen Tauziehen von der jüngsten Entwicklung enttäuscht.

Die Apotheker in Österreich waren der Schlüssel, den am Ende nicht mehr die Sanacorp, sondern die Gehe in Händen hielt. Eine feindliche Übernahme der Herba hätte weder kaufmännisch und wahrscheinlich noch nicht einmal strategischen Sinn gemacht. Die Situation war verzwickt. So ist der hohe Preis, den Gehe zahlen muss, beinahe eine Entschädigung.

Europas größter Pharmahändler Gehe ist erneut durch Zukauf gewachsen. Das Aktienpaket der Sanacorp sichert neben den bereits eingekauften Anteilen der österreichischen Apotheker die Mehrheit an dem Wiener Unternehmen. Doch der Preis ist nicht nur auf den ersten Blick sehr hoch. Und zu einem deutlichen Kursauftrieb hat die Bekanntgabe des Aktienkaufs nicht geführt. Die nicht gerade euphorisch gehandelte Gehe-Aktie dümpelt weiter im Börsen-Nirwana. Nicht anders erging es dem Sanacorp-Papier.

Gespannt werden die weiteren Expansionsaktivitäten der Gehe abgewartet. Und auch, ob und wie der Konzern die neuerliche Investition unter Renditegesichtspunkten verkraftet. Top

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