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Das Jahr der Schrotthändler

18.12.2000
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BÖRSENJAHR 2000

Das Jahr der Schrotthändler

von Thomas Bellartz, Frankfurt am Main

Peter K. ist Schrotthändler in einem Frankfurter Vorort. Der Mittfünfziger arbeitet sechs Tage die Woche, oft sieben. Manchmal schuftet er 14 Stunden und mehr. Für Peter K. war die Welt im März noch in Ordnung. Das mühsam erspartes Aktienpaket hatte seinen Wert vervielfacht. Einige Monate später steht der Kaufmann nun mit leeren Händen dar: "Verzockt hab‘ ich mich."

So wie dem Frankfurter erging es in den letzten Monaten zahllosen Aktionären und Investoren. Das große Geld und die nimmer endende Hausse beflügelte die Fantasien der Anleger. Eindeutiger Gewinner waren zunächst die Werte am Neuen Markt der Frankfurter Wertpapierbörse. Die Unternehmen strichen Unsummen an Kapital ein, finanzierten damit Marketing und PR, den Bau und Kauf von Produktionsstätten, Forschung und Entwicklung oder einfach nur den Einstieg und die mitunter fürstliche Bezahlung neuer Mitarbeiter.

Gewinnwarnungen, Umsatzrückgänge und aufgeblähte Kostenstrukturen haben mittlerweile manch ambitioniertem Start Up den Garaus gemacht. Während in der deutschen Apothekenlandschaft intensiv über typische – wenn auch nicht börsennotierte - New Economy-Unternehmen wie 0800DocMorris oder vitago.de diskutiert wird, bereinigt sich der Markt in den USA zusehends.

Das Cashburning, also die Vernichtung von durch Investoren bereitgestelltes Kapital, fordert bereits seine Opfer. Zahllose Unternehmen melden ihre Pleite. Für Anleger kann dies den Totalverlust ihrer Investition bedeuten. Beim Münchener Unternehmen vitago.de, das sich als Internethändler auf den gesamten Freiwahlbereich und vieles mehr spezialisierte, ticken die Uhren. Nach massiven Mitarbeiterentlassungen und dem Zusammenstreichen von mutigen Expansionsplänen, versucht man nun zu retten, was noch zu retten ist. Alleine bei dem Versandhändler würden rund 80 Millionen DM Risikokapital vernichtet – sofern das Unternehmen nicht doch noch die Wende schafft.

Rücklagen investiert

Peter K. hat eine stolze sechsstellige Summe, seine Ersparnisse und Rücklagen, in Aktien und Fonds investiert. Nur die Fonds sind ihm geblieben. "Aber auch die haben mich Geld gekostet. Dabei hatte ich schon im Februar wahnsinnig viel Geld verdient", trauert er und steigt wieder auf seinen Kran. Später habe er seine Papiere nicht mehr rechtzeitig verkauft. "Jetzt hab‘ ich die Quittung dafür bekommen."

Am Neuen Markt konnten sich lediglich die Biotech-Titel einigermaßen behaupten. Einbrüche mussten aber auch initiative Unternehmen wie die Hamburger Evotec Biosystems AG hinnehmen. Trotzdem ist deren Notierung auch heute noch beinahe doppelt so hoch wie der Ausgabepreis der Aktie. Zu einem stillen Star auf dem Frankfurter Parkett entwickelte sich die CyBio AG aus Jena. Das solide geführte Unternehmen wartet mit guten Zuwächsen und stabilen Erträgen auf.

Panik

Viele Anleger sind panikartig aus dem Neuen Markt in die vertrauten Standards der Old Economy, besonders in die so genannten Blue Chips geflüchtet. Von dieser Wanderungsbewegung, aber natürlich auch der eigenen brillanten Performance, profitierte auch die Bayer AG, Leverkusen. Die Grafik zeigt das Wachstum der Aktie im Vergleich zu den noch am Jahresbeginn 2000 hoch gehandelten Internet-Werten.

Auch die Phase der Elefantenhochzeiten scheint vorerst vorbei. Die Fusionspartner des Jahres 1999 haben meist noch mit internen Sorgen zu kämpfen. Stattdessen gibt es eine starke Tendenz, innerhalb der Branche durch kleinere strategische Zukäufe zu wachsen und auf diesem Weg definierte Segmente zu besetzen und das Gesamtportfolio zu stärken. Gleiches gilt für das Abstoßen ganzer Unternehmensbereiche. Jüngstes Beispiel ist der Verkauf der Knoll AG durch die BASF AG, Ludwigshafen.

Schleichender Crash

Börsianer sprachen in den vergangenen Wochen vom schleichenden Crash, der den Neuen Markt im Griff hält. Ein Ende des Abwärtstrends ist nicht in Sicht. Denn auch die erhoffte Wiederbelebung im Dezember ist trotz guter konjunktureller Ausgangslage, trotz der schlussendlich entschiedenen US-Wahlen, trotz der Gesetzesinitiativen der Bundesregierung ausgeblieben. Das Weihnachtsgeschäft im Handel ist sehr gut, bei den Internetversendern mitunter katastrophal schlecht verlaufen.

Sauer ist Peter K. auf sich und ganz besonders auf seine Bank: "Die hätten mich zurückpfeifen sollen. Sonst wär' ich auf dem Schrott nicht sitzen geblieben."Top

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