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Apotheker bei Stiftungsinitiative in guter Gesellschaft

27.11.2000  00:00 Uhr

ERIINERUNG, VERANTWORTUNG UND ZUKUNFT

Apotheker bei Stiftungsinitiative in guter Gesellschaft

von Erdmuthe Arnold, Frankfurt am Main

Diejenigen Apothekeninhaber, die auf eigene oder auf Initiative ihrer Kollegen Karin Walter und Bernd Bähr der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" beigetreten sind und durch einen Geldbeitrag den ehemaligen Zwangsarbeitern während des Naziregimes sozusagen in letzter Minute ein wenig finanzielle Erleichterung verschaffen, befinden sich in bester Gesellschaft.

http://www.Stiftungsinitiative.de - Auf dieser Webseite kann ein jeder die Namensliste von jetzt über 4700 deutschen Unternehmen finden, die dem Aufruf gefolgt sind und mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren. Sie konnten dies ganz bewusst tun, ohne überhaupt ein Schuldbekenntnis ablegen zu müssen. Die Tabelle soll beispielhaft verdeutlichen, dass von den erst rund 40 Apotheken und 40 Pharmaunternehmen viele aufgeführt sind, die vor einem halben Jahrhundert noch gar nicht existierten.

Zu den Stiftern zählen im übrigen auch die Apothekerkammer Hamburg, das ARZ Haan und mit Max Jenne, Kiel, Noweda, Essen, sowie Richard Holdermann, Baden-Baden, drei Pharmagroßhandlungen. Zu nennen ist außerdem die mit der Versicherungsstelle der Apotheker kooperierende R+V Versicherungsgruppe, Wiesbaden. Ihnen allen - auch anderen Freiberuflern, wie Rechtsanwälten, Steuerberatern, Ingenieuren, ferner Autohäusern, Hotels, privaten Krankenversicherungen, Lebensversicherungen, Krankenhäusern, Stadtwerken und vielen anderen mehr - ist es ein Bedürfnis, den ehemaligen Zwangsarbeitern für ihr erlittenes Unrecht eine kleine Wiedergutmachung am Ende ihres Lebens zukommen zu lassen. Sie sollen zumindest eine kleine Geste der Versöhnung erfahren und bekommen doch nur einen symbolischen Betrag dessen, was ihnen schon seit über 60 Jahren und mehr zusteht, ein Entgelt für die in der Nazi-Wirtschaft geleistete Arbeit. Wer die fatalen wirtschaftlichen Verhältnisse und die Unterversorgung kranker und alter Menschen in Osteuropa kennt, kann zu dieser Initiative nur ja sagen.

Dies war auch der Beweggrund für Karin Walter, Mercator-Apotheke, und Bernd Bähr, Rotlint-Apotheke, beide Frankfurt am Main, aus humanitären Gründen in der Pharmazeutischen Zeitung einen Aufruf zu veröffentlichen (Nr. 31/00, Seite 74). Sie baten Apothekeninhaber, wie sie selbst für den pharmazeutischen Bereich moralische Verantwortung zu übernehmen, "da von Seiten der pharmazeutischen Industrie die Solidaritätsbekundungen eher zaghaft sind" und "Teile unseres Berufsstandes und der Pharmaindustrie ... in nationalsozialistischen Machenschaften verstrickt" waren. In einem Gespräch mit der PZ fügte Bähr jetzt bedauernd an, dass er gerade auch seitens der Ärzteschaft mehr Engagement erwartet hätte, da Tausende von Zwangsarbeitern und Insassen von Konzentrationslagern damals für Arzneimittelversuche missbraucht wurden. Ohne die Mediziner, wie etwa dem berühmt berüchtigten KZ-Arzt Mengele, wäre dies nicht möglich gewesen.

Die Einzahlung wird als Betriebsausgabe gewertet

Wichtig ist auch der Hinweis der beiden Kollegen, dass die Zuwendung als Betriebsausgabe steuerlich geltend gemacht werden kann. Bedauerlich war für sie übrigens die Reaktion auf ihren Aufruf aus der Apothekerschaft. Bei ihnen gingen per Telefon oder Post nur negative Äußerungen aus unterschiedlichen Gründen ein. Zusammen nehmen wir aber an, es ist so wie mit den Leserbriefen: Es fällt leichter, Kritik zu üben als ein Lob auszusprechen.

Viele der 200 000 von der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft angeschriebenen Unternehmen haben eine Einzahlung bislang aus Gründen der Rechtsunsicherheit abgelehnt. Dazu gibt es jetzt eine erfreuliche Nachricht: Der US-amerikanische Richter William G. Bassler vom Bundesgericht in New Jersey hat am 13. November 2000 insgesamt 46 gegen deutsche Firmen gerichtete Klagen zurückgewiesen. Er entsprach damit dem am 17. Juli 2000 in Berlin unterzeichneten internationalen Abkommen, wonach die mit 10 Milliarden DM ausgestattete deutsche Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" als ausschließliche Instanz zur Befriedigung von Forderungen aus der NS-Zeit gilt. Bassler war für eine schnelle Entscheidung, "da viele Betroffene schon älter als 80 Jahre seien. Geld könne zwar das nicht wieder gut machen, was geschehen sei, es sei aber ein Symbol" (so der Bericht der Frankfurter Rundschau am 14. November).

Wie die Stiftungsinitiative schreibt, ist der Verhandlungsführer der deutschen Unternehmen, Finanzvorstand von DaimlerChrysler Dr. Manfred Gentz, mit dieser Entscheidung sehr zufrieden. Er hofft nun auf die Abweisung der anderen Fälle. Am 28. November (nach Druckfreigabe dieser Ausgabe) stehen jetzt noch einige Klagen gegen Versicherungen und spätestens Ende Januar 2001 eine Entscheidung gegen Banken an.

5 Milliarden DM wird die Bundesregierung für die Stiftung erst dann zur Verfügung stellen, wenn die anderen 5 Milliarden DM auf dem Stiftungskonto zusammen gekommen sind. Wie auf Anfrage zu erfahren ist, sind bislang erst 3,3 Milliarden DM eingezahlt worden. Es ist also höchst wichtig, der Stiftung möglichst schnell beizutreten, damit mit den Leistungszahlungen endlich begonnen werden kann. Leistungen werden nur auf persönlichen Antrag für ehemalige Zwangsarbeiter, rassisch Verfolgte (Vermögensschäden) und andere Härtefälle erbracht.

Ein Teil der Stiftung soll darüber hinaus Zukunftsaufgaben gewidmet sein, die die Erinnerung an den Holocaust und das weitere NS-Unrecht wach halten sollen. Das sicher von vielen Zeitgenossen unterstützte Ziel ist, durch Förderung von Information und Begegnung eine erneute Bedrohung durch totalitäre Systeme zu vermeiden.

Die Beitrittserklärung zur Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft kann unter der oben angegebenen Webseite abgerufen werden, die PZ veröffentlichte sie in PZ 31, auf Seite 149. Dort sind auch die Bankkonten angegeben. Die Anschrift der Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft ist: Haus der Deutschen Wirtschaft, Breite Straße 29, 10493 Berlin.  Top

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