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Wert von Arzneimitteln unbestritten

18.10.2004
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Interview

Wert von Arzneimitteln unbestritten

von Thomas Bellartz, Berlin

Neun Monate nach Einführung des GMG feiert die Politik das Gesetz als Erfolg. Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) hat in den vergangenen Monaten allerdings stets hervorgehoben, das GMG kenne im Arzneimittelbereich nur Verlierer. Dr. Mark Seidscheck, Hauptgeschäftsführer des mitgliederstärksten Branchenverbandes, bezog in einem PZ-Interview Stellung zur aktuellen Situation.

PZ: Gehören die Arzneimittelhersteller zu den Verlierern der Reform?

Seidscheck: Die Arzneimittelhersteller, insbesondere der Mittelstand, haben jetzt schon erhebliche Verluste zu verzeichnen durch die Absenkung der Festbeträge, den 16-prozentigen Herstellerrabatt und die Ausgrenzung rezeptfreier Arzneimittel aus der GKV-Versorgung. Im übrigen sind aber auch die Patienten neben ihren zusätzlichen finanziellen Belastungen vor allem deswegen betroffen, weil der Arzt ihnen ihre bewährten rezeptfreien Arzneimittel in vielen Fällen nicht mehr verschreiben kann, sie also diese Arzneimittel selbst bezahlen müssen.

PZ: Die Politik wollte durch die Herausnahme rezeptfreier Arzneimittel aus der Erstattungspflicht Einsparungen erzielen. Wie sehen Sie das heute?

Seidscheck: Jüngste Analysen der Krankenkassen zur Arzneimittelversorgung belegen, dass die Ärzte in bedeutendem Maße auf die Verordnung in der Regel teurerer verschreibungspflichtiger Alternativen ausweichen. Das ist Fakt. Also wird die GKV mehr belastet als zuvor - ein Widersinn zum geplanten Einspareffekt. Überdies - und dies hat der BAH stets kritisiert, werden bewährte und in der Regel eben auch preiswerte Arzneimittel aus der beschwerdeadäquaten Therapie herausgenommen. Letztlich Leidtragender, wie fast immer, ist der Patient. Er zahlt mehr oder bekommt Bewährtes nicht mehr erstattet.

PZ: Es wird kritisiert, dass sich bei den Preisen – trotz des Wegfalls der Preisbindung der zweiten Hand - bisher nicht viel geschehen sei.

Seidscheck: Das ist richtig. Bis zum Inkrafttreten der Gesundheitsreform galt für alle apothekenpflichtigen Arzneimittel in Deutschland die Arzneimittelpreisverordnung. Im Ergebnis war damit für rezeptpflichtige ebenso wie für rezeptfreie Präparate ein Preiswettbewerb auf der Einzelhandelsebene ausgeschlossen und ein bundesweit einheitlicher Apothekenabgabepreis für Arzneimittel sichergestellt. Im Konsens wurde dann seitens der Politik beim OTC-Markt die Preisbildung auf der Apothekenstufe freigegeben, um mehr Wettbewerb, sprich Preissenkungen zu erzielen. Die ersten neun Monate GMG haben gezeigt, dass diese Erwartung auf einer Fehleinschätzung beruhte und das OTC-Preisniveau bundesweit nahezu unverändert geblieben ist.

PZ: Öffentlich ist vielerorts von Konsequenzen die Rede.

Seidscheck: Verschiedene Verfechter der Preisfreigabe und der Hypothese sinkender OTC-Preise sehen sich von dem Ergebnis, dass der „freie Markt“ bislang generiert hat, enttäuscht und reklamieren politischen Handlungsbedarf dahingehend, dass sinkende Preise nun wiederum mittels dirigistischer Instrumente zum Durchbruch zu verhelfen sei.

Dabei ist übersehen worden, dass Arzneimittel eine Ware besonderer Art sind und dass über einen abgesenkten Preis kein höherer Bedarf erzeugt werden kann.

PZ: Dieser Erkenntniszugewinn ist nicht überall vorhanden. Was ist also zu tun?

Seidscheck: Auf keinen Fall sollte die Politik nun wieder zu dirigistischen Instrumenten greifen; die daraus resultierenden Ergebnisse sind hinlänglich bekannt. Außerdem ist der Eingriff in marktwirtschaftlichen Wettbewerb mittels derartiger Instrumente ein ordnungspolitischer Fehler. Freier Markt und dirigistische Eingriffe schließen einander aus. Der BAH fordert vor diesem Hintergrund die Politik auf, entweder den eingeschlagenen marktwirtschaftlichen Weg der Preisfreigabe für rezeptfreie Arzneimittel beizubehalten oder konsequent zum Modell der Arzneimittelpreisverordnung zurückzukehren. Die Arzneimittelpreisverordnung in der bis zum Inkrafttreten des GMG geltenden Fassung hat sich nach Überzeugung aller Marktpartner bei der Arzneimittelversorgung bewährt und stellt ein System dar, mit dem Patienten wie Apotheker zu kalkulieren und umzugehen gelernt haben.

PZ: Wie wollen Sie diesen Vorschlag der Politik schmackhaft machen?

Seidscheck: Wir haben den Mitgliedern des Gesundheitsausschusses des Bundestages unsere Position dargestellt und stehen hier im Dialog. Ebenso bestehen Gespräche über die Entwicklungen auf dem Arzneimittelmarkt mit dem BMGS.

PZ: Krankenkassen befürchten einen erneuten dramatischen Kostenanstieg im nächsten Jahr. Das Preismoratorium entfällt und immerhin wird 16-prozentige Herstellerrabatt wieder auf das alte Maß gestutzt. Wie sehen Sie die Entwicklung des Arzneimittelmarktes?

Seidscheck: Das ist sehr schwer seriös einzuschätzen. Eine Vielzahl von Firmen ist von diesen Eingriffen durchaus stark wirtschaftlich betroffen. Außerdem sind die Preise seit vielen Jahren stabil, die Kosten für die Hersteller steigen aber, betrachten wir alleine nur die Energie- und Rohstoffpreise. Und für die steigenden Arzneimittelausgaben ist in aller Regel die Strukturkomponente verantwortlich. Das bedeutet, der Arzt verordnet innovative und teurere Arzneimittel. Auf diese Komponente haben die Hersteller letztlich keinen Einfluss. Aber ich richte an unsere Mitgliedsfirmen trotzdem den Appell, bei ihren künftigen Marktstrategien und Preisen Augenmaß zu bewahren. Ansonsten droht sehr schnell wieder irrationales politisches Handeln mit dirigistischen Eingriffen.

PZ: Die Diskussion um das Arzneimittel und dessen Preis hält allgemein an. Warum ist das so?

Seidscheck: Das ist teilweise nicht nachvollziehbar. Der Wert von Arzneimitteln für die Gesellschaft, für Kranke, aber auch zur Gesunderhaltung ist unbestritten. Darüber wird zu wenig gesprochen. Die Pharmaunternehmen entwickeln und produzieren echte Werte. In der öffentlichen und in der politischen Debatte kommt das eindeutig zu kurz. Andererseits ist die Bevölkerung in dem Irrglauben, die Pharmaindustrie verdiene immer noch zu viel. Bezeichnend ist zum Beispiel die Tatsache, dass nach Einschätzung der Bevölkerung der Arzneimittelanteil an den Gesamtausgaben der GKV 35 Prozent beträgt. Tatsächlich beläuft sich dieser Anteil dagegen nur auf rund 15 Prozent.

PZ: Was tun Sie, um die Diskussion in die richtige Richtung zu leiten?

Seidscheck: Diese Vor- beziehungsweise Fehlurteile abzubauen oder zu beheben, sehen wir als eine sehr wichtige Aufgabe an. Dies können wir aber nur tun in einer konzertierten Aktion mit allen, die mit der besonderen Ware Arzneimittel betraut sind und sich der öffentlichen Korrektur des Irrglaubens verpflichtet fühlen. Hier sind die Apotheker ein ganz wichtiger Partner für uns.

PZ: Die Zusammenarbeit zwischen dem BAH und dem Deutschen Apothekerverband (DAV) funktioniert anscheinend besser denn je.

Seidscheck: Wir haben viele gemeinsame Projekte entwickelt und dann auch umgesetzt, teilweise mit großem Erfolg. Besonders beim Grünen Rezept können wir auf der ganzen Linie von einem Erfolg sprechen. Das zeigt, welche Möglichkeiten ein Schulterschluss bietet. Auch im Rahmen der Expopharm in München war der BAH Mitveranstalter des Selbstmedikations-Kongresses OTC Pro Apotheke. Die Verleihung des Selbstmedikations-Preises im Rahmen unserer Jahresversammlung im September in Berlin ist auch ein Resultat der guten Zusammenarbeit und ein deutliches Signal an die Apotheken. Wir würden uns freuen, wenn wir diese Kooperation fortsetzen und ausbauen könnten.

PZ: In der Gesundheitspolitik gibt es zur Zeit heftige Diskussionen um die Zukunft der GKV, die verschiedensten Modelle werden diskutiert. Wie ist die Position des BAH?

Seidscheck: Unsere Position ist und bleibt das klare Bekenntnis zur solidarisch finanzierten GKV, aber nicht als Pflichtversicherung, sondern als Versicherungspflicht mit eigenständigen Wahlmöglichkeiten. Wir stehen für eine marktwirtschaftliche Gesundheits- und Sozialpolitik und wir stehen für Eigenverantwortung und Wettbewerb. Das BMGS hat für das kommende Jahr einen offenen wissenschaftlichen Dialog unter Einbeziehung aller Marktbeteiligten über die ordnungspolitischen Grundlagen des deutschen Gesundheitswesens angekündigt. Hier werden wir unsere Vorstellungen darstellen und einbringen. Wir haben zu diesem Zweck bereits bei Professor Wasem in Essen ein Gutachten in Auftrag gegeben, das international Erstattungssysteme und Finanzierungsmodelle vergleicht. Top

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