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Patienten verlangen Schadenersatz

11.10.2004
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Vioxx-Rückruf

Patienten verlangen Schadenersatz

von Thomas Bellartz, Berlin

Während sich der Bayer-Konzern allmählich von den Folgen des weltweiten Lipobay-Desasters erholt, muss nun der Pharmakonzern Merck mit einer ähnlich dramatischen Entwicklung rechnen. Anwälte scharen Patienten um sich und bereiten eine Klagewelle vor.

Nach dem weltweiten Rückruf des Arthrose- und Rheumamedikaments Vioxx verlangen auch deutsche Patienten Schadenersatz vom US-Pharmakonzern Merck. „Wir prüfen zugleich, ob wir uns einer Gruppenklage in den USA anschließen“, sagte der Berliner Anwalt Andreas Schulz. Der Jurist vertritt Vioxx-Patienten sowie die Angehörigen eines Verstorbenen, der das Medikament mehr als zwei Jahre einnahm. Die Ansprüche würden beim deutschen Merck-Ableger MSD Sharp & Dohme GmbH geltend gemacht.

Wie der Anwalt betonte, wurde das Medikament am 1. Oktober weltweit „systematisch“ vom Markt genommen. Beipackzettel über die Wirkungen und Nebenwirkungen des Präparates seien offiziell nicht mehr erhältlich. Merck hatte Vioxx zurückgerufen, nachdem eine Studie eine Verdoppelung von Herzattacken und Schlaganfällen nachgewiesen hatte, wenn das Mittel mehr als 18 Monate eingenommen wurde.

Derweil ist in den USA die erste Sammelklage gegen das Pharmaunternehmen eingegangen. Darin wird dem Konzern vorgeworfen, die Öffentlichkeit und Gesundheitsdienstleister nicht über die Risiken von Vioxx informiert zu haben.

Nach einem Bericht des „Spiegel“ hat Vioxx auch in Deutschland viele Todesfälle verursacht. Die Einnahme des oft verschriebenen Präparats habe bei mindestens 2500 Patienten zu Schlaganfällen, Thrombosen und Herzinfarkten geführt, sagte Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Köln, dem Magazin.

Gut 125 Millionen Tagesdosen haben danach allein die gesetzlichen Krankenkassen 2003 bezahlt, das ergebe 340.000 deutsche Vioxx-Patienten. Eine Studie der US-Gesundheitsbehörde FDA kam zu dem Ergebnis, dass in den USA hochgerechnet 27.785 Herzattacken und Herztode zwischen 1999 und 2003 vermutlich hätten verhindert werden können, wenn die Patienten statt Vioxx ein anderes Präparat eingenommen hätten.

Für den Konzern und seine deutsche Tochtergesellschaft ist der Rückruf ein herber Verlust. Dem dramatischen Einbruch an der Aktienbörse und dem Wegfall der Einnahmen durch Vioxx dürften erhebliche milliardenschwere Forderungen durch Dritte folgen. Merck hatte mit Vioxx allein im vergangenen Jahr 2,5 Milliarden Dollar (2,03 Milliarden Euro) Umsatz gemacht. Top

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