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Sanacorp kritisiert »Unterstellungen« durch Noweda-Chef

10.10.2005  00:00 Uhr
Großhandel

Sanacorp kritisiert »Unterstellungen« durch Noweda-Chef

von Thomas Bellartz, Berlin

Ein Interview des Noweda-Vorstandsvorsitzenden Wilfried Hollmann löst eine neuerliche Debatte um die Zukunft der beiden genossenschaftlichen Pharmagroßhandlungen aus. Die Sanacorp schreibt in einem Brief an ihre Mitgliedsapotheken nun von infamen und wahrheitswidrigen Unterstellungen Hollmanns ­ ein Überblick über die Inhalte des Schlagabtauschs.

In der DAZ vom 6. Oktober 2005 äußert sich Hollmann als Nachfolger des langjährigen Noweda-Chefs Dr. Dietrich L. Meyer über die Perspektiven einer intensiveren Zusammenarbeit oder gar Fusion mit der Sanacorp und den Expansionsbestrebungen der Essener Großhandlung. Auch wenn man über die Absichten der Noweda nur wenig erfährt, macht Hollmann aus seiner Abneigung gegenüber den Genossenschaftskollegen aus Planegg keinen Hehl.

Das Interview kommt zur rechten Zeit: Im kommenden Monat wird Hollmann erstmals alleine der Generalversammlung Bericht erstatten ­ für genügend Material jenseits von Zahlen und Fakten hat das Interview bereits gesorgt.

In einem Schreiben an alle Mitglieder, Kunden und Vertreter der Sanacorp eG nahm am Montag der Vorstandsvorsitzende der Sanacorp, Manfred Renner, Stellung zu den Vorwürfen. Renner hat kein Verständnis dafür, dass Hollmann sagte, ein Fusionsangebot der Sanacorp habe man seitens der Noweda als »nicht ernst gemeint« empfunden.

Renner fragt, ob Hollmann vergesslich sei, denn der sagte im Interview, ernst gemeinte Fusionsangebote würden im Vier-Augen-Gespräch und nicht auf der Hauptversammlung gemacht. Dabei hätten sich Hollmann und Renner bereits am 10. Februar 2005, mehr als vier Monate vor der  Sanacorp-Vertreterversammlung und der Hauptversammlung getroffen. Renner sei eigens nach Münster, zu Hollmanns Wohnort, gefahren. Dort habe man »ein mehrstündiges Vier-Augen-Gespräch geführt«. Renner: »Neben höflicher Begleitkonversation haben wir in diesem Gespräch über nichts anderes diskutiert als über die Möglichkeit einer Fusion zwischen Noweda und Sanacorp.« Renner habe Hollmann ein Holding-Modell vorgeschlagen, das die Beibehaltung der Unternehmen Noweda und Sanacorp vorsehe und das die beiden Genossenschaften in einer Muttergesellschaft vereinige.

Der Noweda-Chef habe einige Tage danach telefonisch mitgeteilt, dass »eine derartige Verschmelzung im Vorstand der Noweda nicht vermittelbar sei«. Die Generalversammlungen der Noweda, dem obersten Gremium des apothekereigenen Unternehmens, finden alljährlich im November statt.

Renner hatte auf der diesjährigen Vertreterversammlung in München einen deutlichen Versuch gestartet und die Noweda aufgefordert, sich für eine gemeinsame Lösung zu öffnen. Renner beschreibt dies in seinem aktuellen Schreiben als »Appell an die Noweda«, gemeinsam mit der Sanacorp einen großen und starken genossenschaftlichen Verbund zu bilden. Die Delegierten der Vertreterversammlung hätten dies ausdrücklich unterstützt und »uns als Vorstand aufgefordert, nochmals Gespräche mit der Noweda darüber zu führen«.

Doch seitdem ist laut Schreiben von Renner nicht mehr viel passiert: »Die Gesprächsbereitschaft der Noweda war leider sehr dürftig, Termine für ein Gespräch konnten nicht gefunden werden.« Selbst die »dankenswerte Unterstützung durch einen Spitzenfunktionär der Standesvertretung« habe nicht weiterhelfen können. Als weiterer Vermittler habe sich ein hochrangiger Repräsentant eines standeseigenen Kreditinstituts zur Verfügung gestellt. Doch der habe nach einem Gespräch mit Hollmann dessen ablehnende Haltung mitgeteilt.

Als »nicht nachvollziehbaren Unsinn« bezeichnet Renner in seinem Brief an die Mitglieder, den Hinweis von Hollmann, der Vortrag auf der Vertreterversammlung zum Fusionsthema sei »möglicherweise ein Ablenkungsmanöver oder der Versuch, von weiteren Problemen abzulenken«. Die Sanacorp habe das »beste Unternehmensergebnis aller Zeiten« präsentiert und die Zukunftsfähigkeit des apothekereigenen Unternehmens zum Nutzen seiner Mitglieder dargestellt. Dass Hollmann zudem den Erfolg der Fusion zwischen EGWA und Wiveda infrage stelle, sei bemerkenswert. Renner: »Er behauptet sogar, der Vorstand der Sanacorp habe ihm gesagt, nicht einmal der Aufsichtsrat, geschweige denn die Vertreter hätten nach Synergieeffekten aus der Fusion gefragt. Dies ist eine infame und wahrheitswidrige Unterstellung.«

Der Aufsichtsrat, und zwar Arbeitgeber- wie Arbeitnehmervertreter, sei mit größter Sorgfalt und Pflichtbewusstsein seiner Verantwortung nachgekommen. Renner fragt: »Wie anders soll denn eine solche gravierende unternehmenspolitische Entscheidung überhaupt zu Stande kommen? Ich halte den in der genannten Veröffentlichung ausgesprochenen Diffamierungsversuch für untauglich und deplatziert.« Dass die Fusion zur Sanacorp eine Erfolgsstory sei, stehe außer Frage. Dies belegten auch die Zahlen aus den vergangenen Jahren: Im vergangenen Geschäftsjahr vor der Fusion hätten die beiden Genossenschaften EGWA und Wiveda zusammen einen Umsatz von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro erwirtschaftet; im Jahr 2004 waren es 2,3 Milliarden Euro. Die Mitgliederzahl lag zum Zeitpunkt der Fusion bei 6059; zum 31. Dezember 2004 betrug diese Zahl 7089. Ohne marktgerechte Konditionen und gute Leistungen wäre dieses Wachstum nicht möglich gewesen, ist man sich bei der Sanacorp sicher. Von den 14 Niederlassungen habe man neun Häuser in dieser Zeit völlig neu errichtet, die anderen wurden modernisiert ­ ein gigantisches Investitionsvolumen. Renner: »Unsere Leistungen erbringen wir mit einem technischen Standard, der für die Branche in vielen Bereichen richtungsweisend ist.« Zudem habe man mit dem Programm »meine apotheke« die stärkste Verbundgruppe im Wettbewerb geschaffen.

Renner ist der Überzeugung, dass sich die Entwicklung der Sanacorp sehen lassen könne. Das zeige auch der von Hollmann im DAZ-Interview geforderte Vergleich: Die Eigenkapitalquote der Sanacorp habe man von 25 Prozent (umgerechnet 68 Millionen Euro) im Jahr 1989 auf 53 Prozent (277 Millionen Euro) im Jahr 2004 gesteigert. Die Noweda weise in ihrem Abschlussbericht des Jahres 2004 eine Eigenkapitalquote von 26 Prozent (113 Millionen Euro) aus. Renner: »Unsere Rendite vor Steuern im Jahr 2004 betrug 1,77 Prozent (41 Millionen Euro), die der Noweda 1,05 Prozent (18 Millionen Euro). Nur so viel zum Erfolg unserer Fusion und der Aussage, die Zahlen der Noweda seien deutlich besser als die der Sanacorp.«

Die Apothekerinnen und Apotheker, die seinerzeit in der Vertreterversammlung in Repräsentanz aller Mitglieder für das Erfolgsprojekt mit überwältigender Mehrheit votiert hätten, seien umfassend über das Vorhaben informiert gewesen, von dessen Sinnhaftigkeit und Zukunftsorientierung überzeugt ­ »und der bemerkenswerte Erfolg zeigt, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben«.

An den von Herrn Hollmann angesprochenen Gerüchten über die Niederlassungspolitik der Noweda wolle man sich in Planegg nicht beteiligen. Interessant sei die Aussage, dass die Noweda das partnerschaftliche Verhältnis suche. Dies sei allerdings dann schwer nachzuvollziehen, »wenn wir feststellen müssen, dass sich die Noweda mit ihrem neuen Haus in Berlin in unmittelbarer Nähe unserer Potsdamer Niederlassung eingenistet hat«. Man glaube überdies nicht, dass sich die Außendienstmitarbeiter der Noweda, »die seit einigen Wochen in unseren Mitgliedsapotheken in Hamburg akquirieren, verlaufen haben«.

Renner schreibt weiter: »Mit Blick auf die weitere, unberechenbare Entwicklung unseres Gesundheitsmarktes müssen wir für unsere Mitglieder vorsorglich Konzepte entwickeln, mit denen unseren Wettbewerbern eine starke Verbundgruppe selbstständiger Apotheken gegenübergestellt werden kann.« Regionale Ausnahmen könnten in der Präsenz dabei nicht gemacht werden: Denn die großen Wettbewerber seien deutschlandweit aufgestellt. Die Antwort auf den Wettbewerb müsse flächendeckend sein. Renner weiter: »Wir sähen in einer vereinten Vorgehensweise eine Optimierung apothekereigener Ressourcen. Wenn diese Gemeinsamkeit nicht hergestellt werden kann, müssen wir nach Alternativen greifen; und wir werden es tun.« Die Frage nach einer Fusion der beiden ­ erfolgreichen ­ Apothekergenossenschaften werde von der Noweda zurzeit »leider abschlägig beschieden. Aber ich denke, die Frage ist damit nicht aus der Welt. Wir wären bereit ... ernst gemeint«, schließt Renner. Top

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