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Furcht auf höchstem Niveau

05.08.2002
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Pharmaindustrie

Furcht auf höchstem Niveau

von Thomas Bellartz, Berlin

Cornelia Yzer fällt es schwer, die guten Zahlen der Pharma-Großindustrie hier zu Lande zu kaschieren. Knapp 10 Prozent Wachstum gilt es zu tarnen. Da hilft der Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) nur der internationale Vergleich. Denn nur anderswo wird noch mehr verdient als in Deutschland.

So konnten die 44 VFA-Mitglieder im Jahr 2001 zwar ihren Umsatz um 9,4 Prozent auf insgesamt 21,3 Milliarden Euro steigern. Doch "damit gehört Deutschland weltweit erneut zu den unterdurchschnittlich wachsenden Märkten", betonte Yzer. Bei der Vorstellung der aktuellen Daten der Arzneimittelindustrie in Deutschland. verwies sie darauf, dass die VFA-Mitgliedsunternehmen in 2001 ihre Investitionen mit knapp 1,3 Milliarden Euro um 19,9 Prozent gesteigert hätten. Die Zahl der Beschäftigten sei um 1,9 Prozent auf 80 116 Mitarbeiter angewachsen, während der Zuwachs im Bundesdurchschnitt aller Branchen nur bei 0,2 Prozent gelegen habe.

 

Die aktuellen ZahlenUmsatz: Die Mitgliedsunternehmen des VFA konnten im Jahr 2001 einen Umsatzanstieg von 9,4 Prozent auf 21,3 Milliarden Euro verzeichnen, während das Umsatzplus der Arzneimittelindustrie in Deutschland insgesamt 7,2 Prozent betrug.

Beschäftigte: Die Zahl der Beschäftigten in den 44 VFA-Mitgliedsunternehmen stieg erneut überdurchschnittlich an: Im Jahr 2001 um 1,9 Prozent auf 80 116 Mitarbeiter. Dieser Zuwachs liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt aller Branchen von 0,2 Prozent. Damit entfallen auf die forschenden Arzneimittelhersteller rund zwei Drittel der insgesamt 114 959 Arbeitsplätze der pharmazeutischen Industrie in Deutschland.

Investitionen: Investitionen der VFA-Mitglieder von knapp 1,3 Milliarden Euro bedeuten für 2001 ein Investitionsplus von 19,9 Prozent. Davon entfallen 230 Millionen Euro auf Forschung und Entwicklung (+ 9,9 Prozent).

Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE): Die VFA-Mitgliedsunternehmen steigerten in 2001 ihre FuE-Aufwendungen um 7,3 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro - das sind täglich 9,3 Millionen Euro.

Export: Die pharmazeutische Industrie in Deutschland erzielte in 2001 bei einem Exportvolumen von 19,8 Milliarden Euro einen Exportüberschuss von 7,4 Milliarden Euro.

Neue Medikamente: Im Jahr 2001 konnten die VFA-Mitglieder 29 Arzneimittelinnovationen auf den deutschen Markt bringen. Die meisten neuen Wirkstoffe sind zur Bekämpfung von Krebs und von Infektionen (je fünf Innovationen).

Gentechnik: Die VFA-Mitglieder konnten in 2001 ihre Umsätze mit rekombinanten Medikamenten um 21,6 Prozent auf 2 Milliarden Euro steigern. Die Zahl der FuE-Beschäftigten im Bereich der Gentechnik wuchs um 11,7 Prozent auf 1.475. Die Zahl der Patentanmeldungen aus Deutschland für Arzneimittel mit biotechnischem Bezug ist 2001 um 13,7 Prozent auf 208 angestiegen, damit liegt Deutschland in Europa an der Spitze.

 

Beim Zugang zu innovativen Arzneimitteln liege Deutschland auf den hinteren Plätzen. Yzer klagte: "Zwar hat die Abschaffung der Arzneimittelbudgets in 2001 eine Trendwende gebracht. Doch die Versorgungsdefizite haben sich dadurch nicht signifikant abbauen lassen." So entfielen auf einen Euro, den die Krankenkassen im Jahr 2001 ausgaben, lediglich 3,7 Cent auf innovative Arzneimittel.

Deutschland im Abwind

Diese Marktentwicklung verstärkt nach Yzers Einschätzung den "seit Jahren anhaltenden Trend" zur Investitionsverlagerung. Noch 1997 habe Deutschland bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung hinter den in der Arzneimittelforschung mit Abstand führenden USA innerhalb Europas auf dem ersten Platz gelegen. "Inzwischen haben uns Großbritannien und Frankreich auf den dritten Platz verwiesen", stellte Yzer fest. Großbritannien beschäftige inzwischen mehr Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung als Deutschland. In der klinischen Forschung spielten die Briten international ebenfalls eine führende Rolle, während die deutsche Bedeutung abnehme.

Die Gründe für den Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands seien vielschichtig. Nach Yzers Ansicht "ist ein aktuell entscheidender Faktor der politisch gewollte und initiierte Anstieg der Reimporte" mit festgelegten Umsatzquoten der Gesetzlichen Krankenversicherung von 5 Prozent in 2001 und 7 Prozent in 2002. In der Folge sei der Reimportanteil auf dem Apothekenmarkt seit 1998 um mehr als 300 Prozent gestiegen. Da sich die Preise der Reimporte denen der Originale inzwischen deutlich angenähert hätten, "profitiert hier in erster Linie der Reimporteur, nicht aber die Gesetzliche Krankenversicherung, geschweige der Patient", kritisierte die VFA-Hauptgeschäftsführerin. Mit dieser "innovationsfeindlichen Politik“ werde der forschenden Industrie Umsatz entzogen, der nicht in Forschung und Entwicklung reinvestiert werden könne. Yzer: "Wer hier auf Verpacker und Umpacker setzt, kann als innovativer Standort langfristig einpacken", unterstrich Yzer die Forderung des VFA, die Umsatzgarantien für Importeure aufzuheben.

Totaler Wettbewerb

"Um die Wettbewerbsfähigkeit des Pharmastandortes Deutschland zu sichern, muss die Politik innovationsfreundliche und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen schaffen", bekräftigte Yzer. Es gehe um ein positives Klima für die Ansiedlung und den Ausbau industrieller Produktionen sowie die Förderung der Akzeptanz neuer Technologien. Gleichzeitig sei eine Neuausrichtung und enge Verzahnung der Gesundheits-, Wirtschafts- und Forschungspolitik erforderlich.

"Nur ein Wachstumsmarkt zieht Forschung, Entwicklung und Produktion an. Der Wachstumsmarkt Gesundheit muss sich auch in Deutschland entwickeln können", forderte die Hauptgeschäftsführerin des VFA. Überdies gelte es, Qualitätsmängel, Versorgungsdefizite und mangelnde Leistungsfähigkeit im deutschen Gesundheitswesen zu beseitigen. Dazu sei eine konsequente Ausrichtung auf mehr Wettbewerb erforderlich: Unmittelbar nach der Bundestagwahl müssten die Weichen für eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens gestellt werden. Nur durch eine Gesundheitsstrukturreform werde sich die beste Qualität in der Versorgung der Patienten durchsetzen und würden Innovationen für das Gesundheitswesen stimuliert.

 

Kommentar: Nehmen, nicht geben Ich traue mich längst nicht mehr, den Wirtschaftsteil meiner Zeitung aufzuschlagen. Negative Nachrichten, gefälschte Bilanzen, miese Aussichten: keine Lust mehr auf all die Negativschlagzeilen dieser Wochen.

Einziger Lichtblick ist noch die Pharmaindustrie. Auch auch wenn manche Analysten die Konzerne im Abwind sehen, bleiben die Zahlen doch im Vergleich zu den meisten anderen Branchen geradezu brillant.

Gute Nachrichten sind aber gar nicht gut für die Branche. Besonders dann, wenn die agile Hauptgeschäftsführerin frei nach dem Motto "Nehmen ist seliger denn geben“ den totalen freien Wettbewerb fordert. Um am Ende natürlich weiterhin von den monatlichen Einzahlungen der Versicherten in die Krankenkassen profitieren zu wollen. Cornelia Yzer will die hohen Zuwachsraten verbergen und gleichzeitig von den übrigen Beteiligten im Gesundheitswesen Reformen verlangen. Das wird nur schwerlich gelingen.

Thomas Bellartz

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