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Klagen auf höchstem Niveau

28.07.2003
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Pharmaindustrie

Klagen auf höchstem Niveau

von Thomas Bellartz, Berlin

Der Pharmabranche geht es gut. Das sagen zumindest diejenigen, die etwas davon verstehen, nämlich die Analysten der Banken und Investmenthäuser. Die Branche selbst ist verhalten wie immer. Und für den Standort Deutschland befürchtet sie das Schlimmste.

Die Lobby der deutschen Pharmaindustrie ist gewaltig und mächtig. Während sich um die Interessen der deutschen Apothekerschaft in Berlin lediglich die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände kümmert, sorgen sich gleich mehrere Lobbyvereinigungen um das Wohl der nach eigenem Bekundung eher maladen Branche. Neben dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), dem Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) und dem kleinen Deutschen Generikaverband ist dies insbesondere der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Alles, was Rang und Namen hat in der deutschen und internationalen Pharmaindustrie pulvert jede Menge Kapital und – weit wichtiger – noch mehr politische Kontakte in die hauptstädtische Lobbyarbeit.

Während sich BAH und BPI immer noch an der Seite der Apothekerschaft sehen, hat der VFA anscheinend diesen Weg längst verlassen. Seit langem schon macht man im noblen Geschäftssitz am Hausvogteiplatz in Mitte keinen Hehl daraus, dass man für die Einführung des Versandhandels mit Medikamenten ist. Den Vogel schoss der Pharmalobbyverbund freilich ab, als er rechtzeitig zur Anhörung des Gesundheitssystemmodernisierungsgesetzes (GMG) im Juni seine Stellungnahme präsentierte. Darin sprach sich der VFA nicht nur für den Versandhandel, sondern auch für die Einführung von Fremd- und Mehrbesitz an Apotheken aus. Das spätere Zurückrudern war arg spät und kam nicht von Herzen.

Schwerer Stand

Dabei fällt es der Pharmabranche mindestens ebenso schwer wie den Apothekern, die eigenen Argumente zum Beispiel bei den Medien unterzubringen. Bei der Pharmaindustrie scheint dies im Übrigen manchmal weit verständlicher als bei der Apothekerschaft. Denn die Pharmabranche hat in den vergangenen Jahren wie keine zweite Branche der drohenden Rezession ein Schnippchen geschlagen. Entgegen der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, Europa und auch in den Vereinigten Staaten legten die großen Pharmakonzerne allesamt zu – im Umsatz wie beim Ertrag. Das belegen auch die aktuellen Zahlen.

Oft waren es nur Zukäufe oder Fusionen, also außergewöhnliche Belastungen, die zu Ertragseinbußen in der Bilanz führten. Faktisch ist die Pharmabranche nach Ansicht der meisten Fachmedien und Analysten eine echte Zukunftsbranche. Dass sich daran vorerst nichts Wesentliches ändern wird, zeigt sich auch im Konsenspapier der Gesundheitsreform. Während sich Apothekerinnen und Apotheker an allen Ecken und Enden von den politisch motivierten Umwälzungen bedroht sehen, wird der Pharmaindustrie ein beträchtliches, aber zumindest für die Großkonzerne problemlos zu schulterndes Opfer abverlangt.

Trotzdem meldet der Frankfurter Branchendienst IMS Health, dass die der Pharmabranche angekündigten Festbeträge und die diesen ein Jahr lang vorgeschalteten 16-prozentigen Abschläge die Wirtschaftskraft der Branche gefährdeten.

Der Herstellerrabatt werde sich zusammen mit den weiteren Maßnahmen auf bis zu 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2004 summieren, rechnet IMS vor. Das sei dann ein Vielfaches von dem, was die Branche noch im Jahr 2002 als Solidarbeitrag hätte leisten sollen. Auch für das laufende Jahr leiste man im Rahmen des Beitragssatzsicherungsgesetzes deutlich mehr Rabatt als die von der Regierung eingeforderten 420 Millionen Euro.

Ob in den Presseverlautbarungen der Verbände nach Veröffentlichung der Konsensergebnisse oder in der jüngsten IMS-Meldung – schon ist von Arbeitsplatzabbau und von Verlagerungen in das Ausland die Rede. Dabei ist sogar der natürlich Freund der Branche, Kanzler-Intimus und Gewerkschaftsboss Hubertus Schmoldt, getreuer Wegbegleiter der Pharmabranche, auf Seiten derjenigen, die ein größeres Opfer von Bayer & Co. fordern.

Natürlich lässt die Branche geflissentlich in ihrer PR-Strategie außer Acht, was denn auch hier zu Lande möglich wäre, um – jenseits eines Abbaus von Arbeitsplätzen – weiterhin erfolgreich zu sein. Schließlich hat die Branche besonders bei der Schaffung und dem Ausbau neuer Standorte, zum Beispiel in den neuen Bundesländern, gerne auch in die Fördertöpfe von Bund, Ländern und Kommunen gegriffen.

Weniger Pharmamarketing

So ermöglicht das Konsenspapier der Pharmaindustrie fast automatische Einsparungen, erschließt Potenziale, wie ein Konzern-Management in kürzester Zeit Kosten reduzieren und damit Erträge und Arbeitsplätze sichern kann. So soll die bislang fast ausschließlich von der Pharmaindustrie bezahlte so genannte Ärzte-Fortbildung Pharma-frei werden. Das bedeutet konkret: Die Fortbildungsveranstaltungen – und damit das spätere Verschreibungsverhalten – der Ärzteschaft sollen nicht mehr von den Marketingüberlegungen der Industrie nachhaltig beeinflusst werden. Damit wird der Marketingetat so manches deutschen Pharmaherstellers schnell und wohl auch gewaltig entlastet. Der Gesetzgeber will zukünftig verschärft ein Auge auch darauf haben, wie eng die Netzwerke zwischen Ärzteschaft und Pharmaindustrie sind. Organisationen wie Transparency International und Verbraucherverbände kritisieren seit jeder die Vorgehensweisen der Pharmaindustrie. Überhaupt ist in den vergangenen Monaten das Pharmamarketing immer stärker ins Gerede gekommen.

Brancheninsider gehen davon aus, dass die Marketingausgaben hier zu Lande die Forschungsausgaben bei weitem übersteigen. Eher gereizt reagierten auch die Lobbyverbände zuletzt bei Pressekonferenzen auf Nachfragen zu diesem Thema. Denn die Marketingausgaben tragen zu den hohen Kosten für Arzneimittel maßgeblich bei.

Interesse am Vertriebsweg

Während die Industrie mittlerweile knapp zwei Drittel der GKV-Ausgaben vereinnahmt, schielt so manches Unternehmen längst auch nach den vermeintlich hohen Ertragsmöglichkeiten – zum Beispiel in der Vertriebsebene. Belegt ist dies nicht zuletzt durch die seit einiger Zeit stark steigenden Direktbelieferungen. Diese Umgehung des Großhandels hat auf lange Sicht mehrere Effekte. Zum einen schneidet die Industrie einen Teil des Vertriebskuchens zur eigenen Verwendung heraus. Auf der anderen Seite macht sie den einzelnen Abnehmer durch zunächst attraktive Rabatte regelrecht abhängig – mit all den Konsequenzen, die ein Kaufmann mitunter in der Folge leidlich erfahren muss.

So erklärt sich also auch das Interesse beispielsweise des VFA an einer Aufgabe des Fremdbesitzverbotes. Der Gesetzgeber, allen voran Ulla Schmidt (SPD), scheint persönlich durchaus begriffen zu haben, dass genau das keine wirklich gute Idee wäre, weil das nur der Großindustrie Tür und Tor öffnet. Sie steht der Pharmaindustrie extrem skeptisch gegenüber. Die so genannte Task Force von Ministerium und Industrie ist eine reine Showveranstaltung und dient der Kontaktpflege. Mehr passiert nach Auskunft von Teilnehmern nicht.

Dass Apothekenketten als Tochterunternehmen von Pharmakonzernen keine ausnahmslos optimale Versorgung bieten würden, steht für die Sozialdemokratin außer Frage. Dass sie den Mehrbesitz als Türöffner für den Fremdbesitz allerdings immer noch nicht abgeschrieben hat, zeugt aber einmal mehr davon, dass das Standing der Pharmaindustrie und das der Apotheker bei Rot-Grün ziemlich ähnlich ist.

Top-Renditen

Manche Apotheke wäre allerdings froh, wenn sie über derart hohe Umsatz- und Ertragssteigerungen verfügen dürfte wie die Pharmabranche. Erst am Dienstag dieser Woche hatten 31 Analysten die Berliner Schering AG bewertet. Das Resultat war sehr positiv. Mehr als die Hälfte der Analysten empfehlen, dass Anleger ihre Depots mit Schering-Papieren auffüllen, zehn weitere stuften die Aktie als „neutral“ ein.

Angesichts wirtschaftlich unsicherer Zeiten ist alleine dies ein Beispiel für die tatsächliche Lage einer Branche, die von sich selber gerne behauptet, nur im Ausland und keinesfalls in Deutschland Geld zu verdienen. Von den beiden großen international agierenden Konzernen des deutschen Pharmagroßhandels ist dieses Spiel auch bekannt. Angeblich ist das deutsche Geschäft einfach nur schlecht. Das große Geld wird im Ausland verdient.

Altana-Chef wettert

Der Chef des Pharma- und Chemiekonzerns Altana, Nikolaus Schweickart, kritisierte das Reformkonzept von Regierung und Opposition als eine „verpasste Chance“. Die Vorschläge belasteten den Pharma-Forschungsstandort Deutschland, sagte Schweickart, der seit Jahren bei Ertrag und Umsatz mit Altana die eigenen Rekorde bricht und dies auch gerne der Öffentlichkeit präsentiert. Es könne keine Rede davon sein, dass die Pharmaindustrie bei dem Kompromiss glimpflich davongekommen sei. Tatsächlich bestrafe das Programm einmal mehr die wenigen in Deutschland noch verbliebenen forschenden Pharmahersteller.

Für Altana rechnet Schweickert 2004 mit einer Ergebnisbelastung von 20 Millionen Euro. Zudem sei zu erwarten, dass es schon in wenigen Jahren eines grundsätzlichen Systemwechsels im Gesundheitswesen bedürfe, sagte Schweickart. Etwas Licht ins Dunkel dürften die Zahlen einiger Konzerne liefern, die in den vergangenen Tagen aktuelle Zahlen veröffentlichten. Diese Einschätzung erwies sich als falsch. Altana ist übrigens in der Hand der Quandt-Familie.

Bayer bleibt bei positiver Prognose

Der Chemie- und Pharma-Konzern Bayer rechnet mit Belastungen im zweistelligen Millionen-Bereich durch die Gesundheitsreform. Trotzdem bekräftigte der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning seine Prognose vom Jahresanfang, wonach der operative Gewinn 2003 im zweistelligen Prozentbereich steigen werde. Bayer treffe es „massiv“, dass im Rahmen der Gesundheitsreform der Zwangsrabatt für Arzneimittel von 6 auf 16 Prozent angehoben werde. Welche Belastungen sich aus der Reform genau ergäben, sei „noch nicht endgültig zu berechnen“.

Aventis verdient gut

Der Pharmakonzern Aventis hat seinen Überschuss im zweiten Quartal deutlich erhöht und die Wachstumsprognose für 2003 im hohen einstelligen Prozentbereich bestätigt. Im Kerngeschäft sank der Umsatz durch Veräußerungen um 6,2 Prozent, währungsbereinigt stieg er dank dem guten Geschäft mit Medikamenten gegen Krebs und Thrombose um 6,9 Prozent auf 4,17 Milliarden Euro. Der Gewinn nach Steuern stieg im Vergleich zum zweiten Quartal 2002 um 18,8 Prozent auf 603 Millionen Euro, teilte das französisch-deutsche Unternehmen am Dienstag in Straßburg mit. Der Gewinn pro Aktie kletterte um 19,3 Prozent auf 0,76 Euro.

Schwarz Pharma begeistert Börse

Der Arzneimittelhersteller Schwarz Pharma hat im ersten Halbjahr 2003 dank seines Verkaufsschlagers Omeprazol zur Behandlung von Magen- und Darm-Geschwüren Umsatz und Gewinn drastisch gesteigert. Wie das im MDAX notierte Unternehmen am Montag in Monheim mitteilte, legte der Umsatz um sage und schreibe 142,6 Prozent auf 978,1 Millionen Euro zu. Das Betriebsergebnis erreichte 259,6 Millionen Euro nach 7,5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2002.

Vor Steuern stieg das Ergebnis auf 274,6 Millionen Euro (13,6 Millionen Euro). Das Konzernergebnis stieg von 9,4 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2002 auf 143,2 Millionen Euro in diesem Halbjahr. Für das Gesamtjahr erwartet Schwarz Pharma ein starkes Wachstum bei Umsatz und Ertrag. „Wir sind mit dem ersten Halbjahr 2003 zufrieden“, sagt der Vorstandsvorsitzende Patrick Schwarz-Schütte, der auch im VFA das Wort führt.

Unerwartet hohe Gewinne

Die US-Pharmakonzerne Eli Lilly und Bristol-Myers Squibb haben im zweiten Quartal ein unerwartet deutliches Plus bei Umsatz und Gewinn verzeichnet. Bei Eli Lilly erwies sich das neue Schizophrenie-Medikament Zyprexa als Umsatzmotor, bei Bristol-Myers Squibb (BMS) waren es vor allem das Herzmedikament Plavix und der Cholesterinsenker Pravachol. Das teilten die Unternehmen in den USA mit.

Unter dem Strich sei der Gewinn um 5 Prozent auf 692,2 Millionen US-Dollar (602,7 Millionen Euro) oder 64 Cent je Aktie gestiegen, hieß es bei Eli Lilly. Analysten hatten im Schnitt mit einem Gewinn je Aktie von 60 Cent gerechnet. Beim Umsatz verzeichnete das Unternehmen ein Plus von 11 Prozent auf 3,09 Milliarden Dollar. Dabei habe der Zyprexa-Umsatz erstmals die Marke von einer Milliarde Dollar in einem Quartal übersprungen.

Bei Bristol-Myers Squibb ist der Gewinn im zweiten Quartal von 479 Millionen auf 878 Millionen Dollar gestiegen. Der Gewinn je Aktie legte binnen Jahresfrist von 25 Cent auf 45 Cent zu, teilte der weltweit achtgrößte Pharmakonzern mit. Der Umsatz wuchs im Quartal um 22 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr 2003 bestätigte das Unternehmen seine Ergebnisprognose. Top

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