Pharmazeutische Zeitung online

Miese Stimmung

21.07.2003  00:00 Uhr
Großhandel

Miese Stimmung

von Thomas Bellartz, Berlin

Entweder sind die Beiträge brillant recherchiert oder die Autoren gezielt informiert. Fakt ist: Mit den Diskussionen um die Gesundheitsreform ist ein beinahe gänzlich Unbekannter ins Licht der Öffentlichkeit gerückt: der Pharmagroßhandel. Vorsichtig tasten sich die Großen nach vorne und bringen sich in Position.

Während die deutsche Apotheke in den Medien Tag für Tag sturmreif geschossen wird, gelangen im gleißenden Scheinwerferlicht einer handwerklich oberflächlichen wie mittelmäßigen Gesundheitsreform auch diejenigen ins öffentliche Interesse, die sich am liebsten hinter dem vermeintlich übermächtigen Apotheken-A verstecken. Doch die Medien haben ihre Sympathie für den von deutschen Apothekerinnen und Apothekern unterjochten Großhandel entdeckt. Denn sie haben erkannt, dass bei einer Liberalisierung des deutschen Arzneimittelsystems der Großhandel wohl eine entscheidende Rolle spielen kann.

Bewiesen haben dies beispielsweise die Phoenix Pharmahandel AG wie auch die Celesio AG, früher Gehe AG, in mehreren europäischen Märkten. Dank ihrer Kapitalstärke gelang es den Konzernen beispielsweise, den kompletten Apothekenmarkt Norwegens nach eigenem Gutdünken umzustrukturieren – das Ergebnis ist hinlänglich bekannt.

Dass die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) nun „Die Apotheker an der Kette“ titelte, ist nicht wirklich überraschend. In der FAS jedenfalls wird auch Celesio-Chef Dr. Fritz Oesterle in der Überschrift zitiert: „Wir würden in Deutschland Apotheken kaufen.“ Oesterle betonte, er kenne viele Apotheker, aber „allerdings nur sehr wenige wehklagende Apotheker“. Das hörbare Wehklagen der Verbände könne er nicht nachvollziehen. Schließlich sei die deutsche Apotheke im europäischen Vergleich „ein wirtschaftlich attraktives Einzelhandelsunternehmen“.

Celesio ist vorbereitet

Oesterle zu widersprechen fällt schwer. Schließlich steht er an der Spitze eines mächtigen Groß- und Einzelhandelskonzerns. Auch wenn der Chef der früheren Gehe klarstellt, dass Versandhandel sowie Fremd- und Mehrbesitz die Arzneiversorgung in der Fläche gefährden werde, bedeutet dies im Umkehrschluss: Wenn es für diesen Fall ein annehmbares Lösungsmodell gibt, dann soll er doch kommen. Oesterle und Celesio geben sich jedenfalls vorbereitet.

Die FAS behauptet überdies, bei der Mannheimer Phoenix habe man mitgeteilt, man werde „notgedrungen“ erst dann Apotheken kaufen, wenn sich die Gehe in den Markt einklinke. Zitat: „Wir werden nicht zusehen, wie die Gehe unsere besten Kunden kauft.“ Von der Anzag ist nicht viel anderes zu lesen. Die anderen deutschen Großhändler kommen im Text nicht vor.

Die Phoenix jedenfalls wollte sich mit dem Text nicht einverstanden geben und verschickte eine Pressemitteilung, wohl um die Brisanz des Inhalts fürchtend. Pressemitteilungen sind bei Phoenix ansonsten selten. Noch nicht einmal die Geschäftsjahren gibt man gerne der Öffentlichkeit zur Kenntnis. Dabei hat der Konzern im letzten Jahr seinen Umsatz um famose 27,5 Prozent und den Gewinn um 16 Prozent vor Zinsen und Steuern gesteigert.

Nun behauptet man, das Phoenix zugeschriebene Zitat „zu seinem Wettbewerber“ zu keinem Zeitpunkt geäußert worden sei. Überdies werde der Eindruck erweckt, dass Phoenix ein Befürworter von Apothekenketten in Deutschland sei. Das sei nicht zutreffend. Phoenix halte die bestehende Struktur des Arzneimittelvertriebs für sinnvoll und ist kein Befürworter von Apothekenketten in Deutschland. Einsparungen im Gesundheitswesen könnten durch Apothekenketten nicht erzielt werden, wie Beispiele aus dem Ausland zeigten. Man habe betreffend des Apothekeneinzelhandels derzeit keine Pläne für den deutschen Markt in Vorbereitung.

Nicht abgestimmt

In den vergangenen Wochen mehren sich die Berichte aus den Großhandelsunternehmen beträchtlich. Darin wird vermehrt auch Kritik an den Verbänden geübt. Hintergrund sind unterschiedliche Vergütungsmodelle des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) und der Apothekerschaft. Bei diversen Gelegenheiten lassen Phagro-Vertreter immer wieder ihren Unmut darüber aus, dass das ABDA-Modell zur Änderung der Apothekenpreisverordnung nicht mit ihnen abgestimmt gewesen sei. Der Phagro selbst präsentierte sein Werk erst Ende Juni der Politik – Wochen nach der ABDA und zu spät, um in die politischen Planungen einfließen zu können.

In mehreren Apothekerverbänden ist zudem aufgefallen, dass die Phagro-Kritik gezielt in die Apotheken getragen wird. Die Dissonanzen zwischen Phagro und Apothekerschaft kumulieren nun auch in einer deftigen Absage des Großhandels. Bislang engagierte sich auch der Großhandel beispielsweise beim Versenden von ABDA-Plakaten oder Infomaterial in die Apotheken. Doch die jüngste Aktion ließ der Phagro abblitzen. Man werde keine politischen Aktionen der ABDA verbreiten, lautete die Begründung.

Doch das öffentliche Interesse hat zwei Seiten: In der jüngsten Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ fällt das unliebsame Licht der Öffentlichkeit auch im Zusammenhang mit fragwürdigen Geschäftspraktiken und Arzneimittelfälschungen auf den Großhandel. Manche Hersteller haben im Umfeld der Spiegel-Recherchen anscheinend den schwarzen Peter an den Großhandel weitergereicht. Dort sähen „viele die Wurzel allen Übels in den problematischen Einkaufspraktiken des Großhandels“. Ebenfalls problematisch sei der aufkeimende Versandhandel via Internet.

Bereits seit Wochen werden Ermittlungen gegen einen international agierenden Fälscherring vorangetrieben. Im Rahmen der Ermittlungen wurden auch Gebäude der Phoenix durchsucht und zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt.

Während die langjährige Allianz zwischen Großhandel und der Apothekerschaft bröselt, lodern innerhalb des Großhandels die Rabattkämpfe auf. Der Streit um die Marktanteile wird unbeirrt ausgefochten, die Stimmung innerhalb des Phagro ist nach Angaben von Mitglieder „auf dem absoluten Tiefpunkt“. Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Den Schulterschluss in den eigenen Reihen versucht mancher Großhändler nun auf Kosten der Apothekerverbände. Top

© 2003 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa