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Preisbildung in den USA kritisiert

15.07.2002
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Pharmapolitik international

Preisbildung in den USA kritisiert

von Eckart Bauer, Berlin

Während in Deutschland „Reformer“ das Heil in einer weitgehend marktlichen Ausgestaltung suchen, gibt es in Amerika eine andere Tendenz: In der Bevölkerung und bei den Volksvertretern wächst die Zustimmung zu staatlichen Eingriffen in die Preisbildung von Medikamenten.

Die Volksvertreter präsentieren eine Vielzahl von Vorschlägen zur Reform des Gesundheitswesens, die eine deutliche Zunahme staatlicher Regulierung bedeuten würde.

Medicare-Reform

Die amerikanische Bevölkerung ist zunehmend darüber besorgt über die hohen Arzneimittelpreise. Diese erschwerten eine angemessene Versorgung im Alter. Dies um so mehr, weil das staatliche Absicherungssystem für Rentner Medicare keinen Versicherungsschutz für Arzneimittelausgaben umfasst.

Kurz vor den Kongresswahlen im November unterbreiteten daher sowohl die Republikaner als auch die Demokraten Vorschläge zur Weiterentwicklung von Medicare: Beide Reformvorschläge empfehlen eine teilweise Übernahme der Arzneimittelausgaben. Der von den Republikanern im Kongress vorgestellte – und letztlich mit knapper Mehrheit verabschiedete – Plan würde über zehn Jahre hinweg insgesamt circa 350 Milliarden Dollar kosten. Der Vorschlag der Kongress-Demokraten würde in diesem Zeitraum sogar 750 bis 800 Milliarden Dollar kosten. Darüber hinaus gibt es einen Vorschlag der Demokraten aus dem Senat, der über acht Jahre hinweg insgesamt 400 bis 500 Milliarden Dollar kosten soll.

Der Plan der Kongress-Demokraten sah vor, dass die ersten 100 Dollar vom Patienten zu zahlen sind. Gegen eine monatliche Prämie von 25 Dollar würde der Staat 80 Prozent der darüber hinausgehenden Arzneimittelkosten übernehmen. Die 2000 Dollar übersteigenden Kosten würden sogar vollständig erstattet.

Der vom Kongress verabschiedete Plan der Republikaner sieht Folgendes vor: Pro Jahr müssen die ersten 250 Dollar vom Patienten selbst bezahlt werden. Gegen eine monatliche Prämie von 33 Dollar erstattet die Versicherung die jährlichen Kosten von 250 bis 1000 Dollar zu 80 Prozent. Die Selbstbeteiligung der Patienten erhöht sich auf 50 Prozent bei Beträgen zwischen 1000 und 2000 Dollar. Der Ausgabenanteil zwischen 2000 und 3700 geht vollständig zu Lasten des Patienten. Über 3700 Dollar liegende Ausgaben werden hingegen vollständig von der Versicherung getragen. Der Versicherungsschutz soll von privaten Versicherern angeboten werden.

Der Vorschlag der demokratischen Senatoren wiederum sieht eine monatliche Prämie der Versicherten von 25 Dollar sowie Zuzahlungen von 10 Dollar für jedes verordnete Generikum und 40 Dollar für jedes Markenpräparat vor. Arzneimittelausgaben über 4000 Dollar sollen vollständig vom Staat getragen werden. Pharmacy Benefit Manager (PBM) sollen dabei die Abwicklung übernehmen.

Allgemein wird erwartet, dass der von den Republikanern im Kongress verabschiedete Plan im Senat von der knappen Mehrheit der Demokraten gekippt wird. Bis zu den Wahlen im November dürfte es deshalb keine Einigung geben. Besonderer Streitpunkt ist die Frage des Versicherungsschutzes: Republikaner – und die Pharmaindustrie – befürchten einen erstmaligen wesentlich staatlichen Eingriff in die Preisgestaltung von Arzneimitteln, sollten die Vorstellungen der Demokraten umgesetzt werden. Die Demokraten werfen den Republikanern hingegen vor, ihr Plan helfe eher den Versicherern als den Versicherten.

Preissteigerungen kritisiert

Die Verbraucherorganisation "Families USA" weist in ihrer jüngst erschienenen Publikation "Bitter Pill: The Rising Prices of Prescription Drugs for Older Americans" auf die steigenden Preise bei für Senioren bedeutsamen Arzneimitteln hin. 2001 stieg der Preis von 36 der 50 meistverschriebenen Arzneimittel um 50 Prozent schneller als die allgemeine Inflationsrate von 2,7 Prozent. 18 Produkte waren gar mit der dreifachen Inflationsrate konfrontiert. Sie betrug bei ihnen also mindestens 8,1 Prozent. Die durchschnittliche Preissteigerungsrate der 50 bedeutendsten Generika lag hingegen mit 1,8 Prozent unter der allgemeinen Inflationsrate – wobei der Preis bei neun von zehn Generika überhaupt nicht anstieg. Von den 40 Markenpräparaten verteuerten sich hingegen nur drei im betrachteten Zeitraum nicht.

Aufmarsch der Lobbyisten

Die Verbraucherschutzorganisation Public Citizen hat einen neuen Bericht zu Lobbyismus-Aktivitäten der amerikanischen Pharmaindustrie veröffentlicht (The Other Drug War II). Danach haben amerikanischen Arzneimittelhersteller 2001insgesamt 78,1 Millionen Dollar für direkte lobbyistische Aktivitäten in Washington, D.C. ausgegeben. Dazu wurden 623 Personen beschäftigt, von denen 340 vorher im öffentlichen Dienst oder für die Regierung tätig waren. 23 der Lobbyisten waren früher einmal Mitglied des Kongresses. 97 Prozent der Lobbyausgaben im Pharmabereich wurden von den Herstellern von Originalarzneimitteln bezahlt – nur 3 Prozent von Generikaherstellern.

Vermont kontrolliert schärfer

In Vermont müssen Pharmahersteller alle Geschenke an Ärzte melden, die den Wert von 25 Dollar übersteigen – Geldzahlungen bleiben auf Betreiben der Republikaner allerdings ausgenommen. Die staatlichen Stellen erhalten die Erlaubnis, die so gewonnenen Informationen zu veröffentlichen. Mit dem neuen Gesetz folgt Vermont entsprechenden Maßnahmen anderer Bundesstaaten, die ebenfalls die Öffentlichkeit über Geschenke von Herstellern an Ärzte sowie über Werbeausgaben allgemein informieren wollen.

Bei den Ärzten gibt es zunehmend Widerstand gegen die Einschränkungen: So fordern sie von der American Medical Association die Aufhebung einer Regelung, die es Herstellern untersagt, Ärzten Reisen zu Fachkongressen und die Unterkunft dort zu bezahlen. Auch darf ihnen für die zeitliche Inanspruchnahme durch den Veranstaltungsbesuch kein Entgelt gezahlt werden. Die Ärzte argumentieren, diese Regelung halte sie von der Weiterbildung ab. Schließlich sei „ärztliche Zeit“ ein unterbewertetes, knappes Gut.

Klagen wegen überhöhter Preise

Der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats Minnesota, Mike Hatch, hat gegen einen Pharmahersteller wegen überhöhter ausgewiesener Average Wholesale Prices (AWP) Klage erhoben. Der AWP ist Maßstab für die Erstattung von Arzneimitteln bei Empfängern von Medicaid.

Hatch wirft dem Unternehmen vor, an Ärzte Arzneimittel teilweise nur zu einem Zehntel des ausgewiesenen AWP verkauft zu haben. Bei den Ärzten sei sogar mit der hohen Differenz zwischen AWP und faktischem Einkaufspreis geworben worden.

Gegen einen anderen Hersteller ist in New Jersey von verschiedenen Gewerkschaften und ihnen angeschlossenen Versicherern mit ähnlicher Begründung Klage eingereicht worden.

Hierzu passt, dass verschiedene Bundesstaaten die in den Medicaid-Programmen geltenden Erstattungssätze für Arzneimittel abgesenkt haben oder dies planen.

PBMs als Apotheken führen

Georgia verpflichtet als erster Bundesstaat Pharmacy Benefit Manager (PBM), die von vielen Versicherern zur Regulierung der Arzneimittelausgaben eingesetzt werden, sich als Apotheken registrieren und regulieren zu lassen. PBM greifen dabei häufig in die Arzneimittelversorgung ein, indem sie einzelne Arzneimittel von der Erstattungsfähigkeit ausnehmen, die Substitution mit Generika faktisch erzwingen und die Versicherten durch Zuzahlungsregelungen lenken.

Vertreter der Gegenseite argumentierten, PBM steuerten nur, sie würden aber keinesfalls selbst als Apotheke tätig. Eine solche Regelung sei nicht angemessen. Letztlich setzten sich aber die Vertreter der Apotheker mit ihrer Argumentation durch, dass die Tätigkeit der PBM in wesentlichen Teilbereichen denen der Apotheken gleichkomme. Sie müssten dementsprechend reguliert werden.Top

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