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Rausschmiss mit Ansage

14.04.2003
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Anzag

Rausschmiss mit Ansage

von Thomas Bellartz, Berlin

Mit dem als Ausscheiden „in bestem freundschaftlichen Einvernehmen“ klassifizierten Rausschmiss des Anzag-Vorstandsvorsitzenden Horst Trimborn geht das Geplänkel um die Fusion der Pharmagroßhändler Sanacorp und Anzag in die nächste Runde. Der Personalwechsel ist der vorläufige Höhepunkt im Kampf um die Macht bei Anzag.

Am 10. April 2003 hatte der Aufsichtsrat das Schicksal von Trimborn endgültig besiegelt. In einer Ad-hoc-Mitteilung hieß es in wenigen Zeilen, dass Trimborn zum 30. April aus seiner Funktion ausscheide und: „Über eine Nachfolge wird in Kürze entschieden.“

Bereits seit Wochen deutete sich an, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die eigentlichen Machthaber bei der Anzag ihre Dominanz auch personell demonstrieren würden. Ein deutliches Signal setzte die Sanacorp, unterstützt von der DZ Bank und anderen Anteilseignern, bei der Hauptversammlung der Anzag im Frankfurter Marriot Hotel. Am 18. März sorgte das Sanacorp-Management für klare Verhältnisse im Aufsichtsrat. Für Großhandelskonkurrent Noweda blieb dort kein Platz mehr frei.

Schon im März mutmaßten nicht wenige Beobachter, dass es nun auch an der Spitze der Anzag zu einer Änderung kommen werde.

Denn Trimborn hatte sich – trotz der immer stärker werdenden Position der Sanacorp – für eine eigene Strategie entschieden. Er zog offensiv gegen die Fusion zu Felde, brachte eine große genossenschaftliche Lösung ins Spiel. Auch die Mobilisierung von Mitarbeitern im Vorfeld der Hauptversammlung und die vermehrten öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten konnten den drohenden Sturz des erfolgreichen Managers nicht mehr aufhalten.

Dabei hatte die Anzag zuletzt prächtige Zahlen präsentieren können, erwies sich als eines der leistungsfähigsten Unternehmen der Pharmagroßhandels-Branche. Maßgeblichen Anteil hatte daran Trimborn. Und das wurde ihm auch innerhalb der Branche immer wieder bescheinigt.

Zuletzt hatte sich das Sympathie-Fähnchen jedoch arg gedreht - zu Ungunsten des Logistik-Spezialisten. Denn die Anzag hatte seit Bekanntwerden des Beitragssatzsicherungsgesetzes (BSSichG) aggressive Abwerbemaßnahmen eingeleitet. Mit extrem hohen Rabatten sorgten die Frankfurter in den vergangenen Wochen für Stress bei den übrigen Großhandlungen. Die stiegen teilweise auf die Rabattangebote ein, um ihre Marktanteile nicht zu verlieren. Bei der Sanacorp fürchtete man wohl um die Folgen dieser Strategie, sah das strategische Investment erodieren.

Ob es nun der für die nüchterne Sanacorp-Führung vielleicht zu bombastische Apothekerball, die Stimmungsmache Trimborns gegen die Fusion oder die von ihm angezettelte Rabattfehde war – wahrscheinlich hat von jedem etwas zu der Entscheidung geführt.

Bereits am 7. und 8. April hatten sich die Informationen verdichtet, dass Trimborns Tage gezählt seien. Zunächst hieß es, der 50-jährige Manager werde am 9. April sein Amt zur Verfügung stellen. Für den 10. April war die erste Sitzung des neun Anzag-Aufsichtsrats angesetzt.

Die PZ hatte noch am vergangenen Dienstag sowohl bei Anzag als auch bei Sanacorp in München nachgefragt, ob Trimborn am Mittwoch oder Donnerstag den Hut nehmen werde. In Frankfurt wusste man nichts von den Vorgängen, in Planegg wollte sich niemand äußern. In beiden Unternehmen tagten die Vorstände.

Wenige Minuten, bevor Aufsichtsratschef Manfred Renner, der Vorstandsvorsitzende der Sanacorp, die Sitzung eröffnete, flatterten die Halbjahresergebnisse der Anzag in die Mailbox vieler Journalisten.

Und die zeigten: Zumindest an den Zahlen lässt sich der Rauswurf Trimborns nicht festzurren. Denn neben einem deutlichen Umsatzzuwachs konnte er trotz der BSSichG-Rabatte und der entfachten Kämpfe um mehr Marktanteile ein nur leicht schwächeres Ergebnis verkünden. In der Zeit von September 2002 bis Februar 2003 hatte das Unternehmen den Konzernumsatz um 7,6 Prozent auf 1,54 Milliarden Euro steigern können. Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit lag mit 28,6 Millionen Euro um 1,2 Prozent niedriger als im Vorjahresvergleich. Nur einige Stunden, bevor in nur zwei Sätzen das Ausscheiden des Managers bekannt gegeben wurde, beschrieb Trimborn in seiner Pressemitteilung dramatische Veränderungen der „wirtschaftlichen und unternehmerischen Rahmenbedingungen“.

In der Mitteilung heißt es, das BSSichG führe zu einem weiter zunehmenden Rabattwettbewerb, zu erhöhten Aufwendungen für Debitorenrisiken und nachhaltig reduzierten Umsatzrenditen. In nur einem Satz öffnet die Mitteilung, sicherlich vom noch amtierenden Vorstandschef Trimborn autorisiert, dem Leser die Augen für die tatsächliche Lage am Markt. Trimborn selbst spricht von einem verstärkten Wettbewerb um die Apotheke unter Zuhilfenahme von Rabatten. Gleichzeitig aber warnt er vor dem Risiko, das immer mehr Apotheken ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könnten. Hierdurch und durch die Rabatte der Regierung würden die Renditen des Großhandels bedroht.

Ein Nachfolger für Trimborn war bis Dienstag noch nicht benannt. Gut möglich, dass der langjährige frühere Sanacorp-Vorstand Bernd Roos, vor eineinhalb Jahren zur Anzag gewechselt, von der Sanacorp wieder ins Spiel gebracht wird. In jedem Fall wird die Sanacorp einen ihr genehmen Vorstandsvorsitzenden ins Amt hieven.

In der Belegschaft jedenfalls kam die Nachricht am Donnerstag Nachmittag sehr schlecht an. Die Mitarbeiter seien „zornig und unglaublich sauer“, wie man mit ihnen umgehe. Ein Mitarbeiter aus der Anzag-Zentrale lobte Trimborns offene und herzliche Art. „Der hat den Kahn doch wieder flott gemacht“, so der Mitarbeiter. Bei der Anzag gehe nun die Furcht um, dass weitere zentrale Positionen im Unternehmen neu besetzt würden, um auf „allen Ebenen Einfluss nehmen zu können. Top

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