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Phoenix im Visier der Staatsanwälte

24.03.2003
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Durchsuchungen

Phoenix im Visier der Staatsanwälte

von Thomas Bellartz, Berlin

Gegen den Pharmagroßhändler Phoenix ermittelt derzeit in mehreren Fällen die Staatsanwaltschaft. 160 Zollfahnder durchsuchten unter anderem Speditionen, Geschäftsstellen und auch die Phoenix-Zentrale in Mannheim. Dort weist man die Vorwürfe zurück. Deutsche und schweizerische Behörden sind auf der Suche nach einem internationalen Fälscher- und Händlerring.

Für die Staatsanwaltschaft Mannheim war es eine der größten Durchsuchungsaktionen der letzten Jahre. Grund für die umfangreichen Maßnahmen sind die bereits seit Monaten andauernden Ermittlungen gegen den Großhandelsriesen wegen möglicher Verstöße gegen das Arzneimittel- und Markengesetz.

Rund 160 Mitarbeiter der Zollfahndung, des Regierungspräsidiums sowie der Staatsanwaltschaft hatten am 18. März bundesweit an zehn unterschiedlichen Orten nicht nur die Zentrale, sondern auch Geschäftsstellen der Phoenix sowie Speditionen durchsucht. In mehreren Bundesländern fahndeten die Ermittler nach Beweismaterial, um die umfangreichen Ermittlungen zu erhärten.

Nach Informationen der PZ beschlagnahmten die Ermittler in der Phoenixzentrale zahlreiche Aktenordner. Ware wurde bei Phoenix laut Auskunft des Unternehmens nicht beschlagnahmt. Die Strafanzeigen, die bereits vor Wochen bei der Staatsanwaltschaft eingegangen waren, richteten sich insbesondere gegen vier Mitarbeiter des Phoenix-Einkaufs. Der Hinweis aus dem Unternehmen, die Strafanzeigen könnten sich nicht gegen ein Unternehmen wenden und müssten daher gegen Personen gerichtet sein, wurde in Justizkreisen nur bedingt bestätigt. Es gebe durchaus Verdachtsmomente, die eine Strafanzeige rechtfertigten. Schon jetzt seien die Ermittlungen derart ergiebig, dass es wohl zu einem Verfahren kommen werde.

Verdächtige Paletten

Im Rahmen der Durchsuchungen wurden bei einer Spedition auch zwei Paletten mit dem Aids-Präparat Zerit entdeckt und beschlagnahmt. Der Wert der Ware beläuft sich auf rund 840.000 Euro. Nach Auskunft von Staatsanwalt Hubert Jobski, Mannheim, handelt es sich hierbei zwar nicht um Substanzfälschungen, man habe allerdings bereits festgestellt, dass die Ware nicht originalverpackt ist. Es handele sich insoweit um Fälschungen.

Die PZ erfuhr, dass gegen Phoenix in zwei unterschiedlichen Fällen zurzeit ermittelt wird. So hat die deutsche Tochter des schweizerischen Pharmakonzerns Novartis mit Sitz in Nürnberg bereits im Herbst 2002 Anzeige gegen Phoenix erstattet. Der Großhändler hatte von der Eva Ever Vital AG mit Sitz im schweizerischen Liestal Medikamente eingekauft und diese in Deutschland in Verkehr gebracht. Von einer Apothekerin sei man, so hieß es auf PZ-Nachfrage bei Phoenix, auf Unregelmäßigkeiten hingewiesen worden. Bereits im Sommer 2002 habe man sämtliche Ware aus den Lägern genommen und an das Unternehmen zurückgeschickt.

Allerdings warte man seitdem in Mannheim auf die Rückerstattung von insgesamt rund 1,2 Millionen Euro. Rechtliche Schritte gegen Eva Ever Vital habe man bislang nicht eingeleitet. Bei dem umverpackten Medikament handelt es sich um Sandimmum. Das bei Transplantationen eingesetzte Medikament gehört mit einem Umsatz (2001) von rund 1,8 Milliarden Schweizer Franken (rund 1,7 Milliarden Euro) zu den erfolgreichsten Produkten von Novartis.

Während man bei der Phoenix davon ausgeht, dass die Angelegenheit damit erledigt ist, sieht dies die Novartis anders. Aus dem Umfeld des Konzerns ist zu hören, dass der Pharmagroßhändler mit einer kräftigen Schadensersatzforderung rechnen muss. Zwischen den Anwälten beider Unternehmen gibt es demnach bereits einen regen Schriftwechsel. Hintergrund sind wohl auch die Auswüchse im so genannten Graumarkt sowie die Schwierigkeiten, die aus den Entwicklungen in der vom deutschen Gesetzgeber so sehr geschätzten Importeursszene entstanden sind.

Mehrere Strafanzeigen

Novartis scheint jedenfalls ebenso entschlossen, die Angelegenheit juristisch zu verfolgen wie auch Branchenkollege BristolMyersSquibb (BMS). Auch dieses Unternehmen wehrt sich bereits seit einiger Zeit gegen Manipulationen. Auch dessen Strafanzeige gegen Phoenix ist einige Wochen alt.

Nicht zutreffend dürfte eine Formulierung in der Pressemitteilung der Phoenix vom Montag sein. Danach handelt es sich um eine Strafanzeige beider Unternehmen. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Mannheim jedoch werden beide Verfahren getrennt behandelt. Und es seien im Vorfeld getrennt und zeitlich unabhängig Strafanzeigen gegen Phoenix eingegangen.

Während Phoenix klar stellen wollte, die „Staatsanwaltschaft war irrtümlich davon ausgegangen, dass Phoenix selbst die Ware umgepackt und mit Beipackzetteln versehen habe“, will man bei der Justiz hiervon nichts wissen. „Die Ermittlungen werden noch einige Wochen und Monate in Anspruch nehmen“, so Jobski.

Und auch der Phoenix-Hinweis, wonach die Durchsuchungsaktion der Staatsanwaltschaft ergebnislos gewesen sei, wollen die Ermittler so nicht unterschreiben. Schließlich bemüht man sich zurzeit, das umfangreiche Aktenmaterial mit den Funden bei Speditionen und anderen Geschäftsstellen beziehungsweise Lieferanten abzugleichen.

Bei Phoenix betonte man indes, dass man mit dem Spediteur, bei dem zwei Paletten Zerit gefunden wurden, noch nie zusammengearbeitet habe. Allerdings sei die Ware dem Unternehmen angeboten worden. Man sei aber nie im Besitz der Ware gewesen, habe sie nicht bestellt und auch nicht gekauft.

Richtig in Fahrt gekommen ist das Verfahren durch ein Rechtshilfeersuchen aus der Schweiz. Der Liestaler Statthalter (Staatsanwalt, Anm. d. Red.) Dr. Daniel Spichty erläuterte, dass gegen die Firma Eva Ever Vital wegen Warenfälschung sowie der Inverkehrsetzung von gefälschten Arzneimitteln ermittelt werde. Das Unternehmen habe sich lediglich mit Pharmahandel beschäftigt, selbst keine Arzneimittel hergestellt. Die Arzneimittel waren, so Spichty, ausschließlich für den deutschen Markt bestimmt, seien nicht in der Schweiz vertrieben worden. Durch den Handel und die Verpackungsfälschungen sollte der Ertrag dank Preisdifferenzen maximiert werden.

Internationaler Fälscherring

Mittlerweile geht man in der Schweiz von internationalen Verbindungen aus. So wird vermutet, dass die Mini-Firma nur ein kleiner Teil eines großen multinationalen Fälscherrings ist. Spichty erwartet, dass die Ermittlungen noch Monate in Anspruch nehmen. Möglicherweise wird es in den kommenden Wochen zu weiteren Durchsuchungen kommen. Ermittelt wird mittlerweile nicht nur in der Schweiz und in der Bundesrepublik, sondern auch in Österreich und Belgien. Top

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