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Apotheke in der Apotheke

08.03.2004
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Ratiothek

Apotheke in der Apotheke

von Thomas Bellartz, Berlin

Es sind manchmal die kleinen Dinge, die einen aufhorchen lassen. In der Elmshorner Flora-Apotheke eröffnete am Dienstag die ratiothek ihre Pforten. Ein Shop im Shop oder doch schon ein Wink mit dem Zaunpfahl?

Die Flora-Apotheke in Elmshorn bei Hamburg ist mehr als nur eine einfache Apotheke. Das Familienunternehmen ist vielschichtig aufgestellt, ein echtes Gesundheitsunternehmen eben. Seit Dienstag sind die Inhaber, Helmut und Sönke Kehrhahn, um eine Innovation reicher: Denn am 9. März öffnete innerhalb ihrer Offizin die „ratiothek“ ihre Pforten.

In direkter Schaufensternähe haben die Inhaber auf die bisherige Kosmetikauswahl verzichtet und diese durch ein vollkommen neues Konzept ersetzt: die ratiothek. Im Namen steckt das, was auch das Shop-in-shop-System tatsächlich ausmacht: Der Generikahersteller Ratiopharm ist wesentlicher Namensgeber und auch einziger Inhalt des integrierten Systems.

Allerdings sind Kehrhahns selbst auf die Idee gekommen. Hintergrund ist die Gesundheitsreform. Sönke Kehrhahn erläuterte gegenüber der PZ, dass man sich darüber Gedanken gemacht habe, wie man Patientinnen und Patienten, die wegen der höheren Belastungen nicht mehr zum Arzt gingen, zum Gang in die Apotheke bewegen könne. Kehrhahn: „Natürlich wollten wir das Signal aussenden, dass es auch in der Apotheke preiswerte Arzneimittel gibt.“ Aber man habe nicht an einem Preiswettbewerb teilnehmen oder diesen starten wollen. Vielmehr gehe es darum, die Patientinnen und Patienten intensiv zu beraten und ihnen bei Bedarf preiswerte Alternativen anzubieten. „Und natürlich raten wir falls nötig auch dazu, den Arzt aufzusuchen.“

Trotzdem ist das Konzept nicht nur neu, sondern könnte in vielerlei Hinsicht wegweisend sein. Denn auf einem kleinen Bereich werden ausschließlich Ratiopharm-Produkte angeboten und dargestellt. Rund 100 apothekenpflichtige Artikel bietet das Sortiment; der gesamte Bereich ist in allem dem Ratiopharm-Auftritt angepasst. Die Idee dazu hatten die Inhaber selbst. Allerdings hatte sich Ratiopharm den Begriff ratiothek bereits im Jahr 2000 schützen lassen, wie nicht nur Kehrhahns, sondern auch aus der Ulmer Ratiopharm-Zentrale bestätigt wurde.

Gemeinsam mit dem Ratiopharm-Außendienst und später auch mit der Vertriebsleitung habe man das Konzept ausgearbeitet und die eigene Agentur mit der Umsetzung beauftragt. Am Montag wurden die 14.000 Elsmhorner Haushalte mit einem Flyer auf die Eröffnung der Apotheke in der Apotheke aufmerksam gemacht. Bei Werbung und Marketing hatte der Generika-Marktführer die umtriebigen Apotheker kräftig unterstützt; die Ratiopharm-Zwillinge als Teil des Marketingprogramms waren am Dienstag natürlich am Ort.

Versuchsballon

Beide, sowohl Apotheke wie auch Hersteller, betrachten das Konzept anscheinend als Versuchsballon. Kehrhahn: „Wir wollten auf jeden Fall etwas Neues versuchen, natürlich auch um mehr Menschen in unsere Apotheke zu holen.“ Sollte das Konzept nicht fruchten, sei man bereit, wieder etwas anderes zu probieren.

In der ratiothek sind die Mitarbeiter an einem entsprechend gekennzeichneten Kittel zu erkennen, Auch andere Accessoires und Namensschilder deuten den Unterschied zwischen der ratiothek und dem übrigen Bereich der Flora-Apotheke hin.

Wichtig war den Inhabern allerdings, dass den Kunden weiterhin das komplette Apothekensortiment zur Verfügung stehe. Die Konsequenz der Aktion sei es nicht gewesen, andere Produkte aus dem Sortiment zu nehmen oder diese zu verstecken. Der Erfolg liege im Nebeneinander. Man glaubt an die Lenkungsfunktion der ratiothek.

Bei Ratiopharm betonte man am Dienstag gegenüber auf PZ-Nachfrage, dass man derzeit nicht plane, die Ratiothek bundesweit umzusetzen. Das Konzept sei beileibe keine Kette und auch kein Franchisesystem oder ähnliches. Der Presseabteilung war das Thema bis Dienstag nicht bekannt.

Die Initiative sei schließlich von der Apotheke ausgegangen – und das sei nicht selten. Gleichwohl werde man die Entwicklung sorgfältig beobachten. Sollten sich weitere Apotheken für diese Lösung interessieren oder ebenfalls kreative Vorschläge mitbringen, sei man natürlich bereit, diese zu diskutieren.

Inhaltlich zeichnet eine Aktion wie die in Elmshorn aber auch einen Weg, wie es ihn bereits im Zuge des Beitragssatzsicherungsgesetzes bei der Fokussierung auf einen wesentlichen Großhändler als Lieferanten gegeben hatte. Die Apotheken sind auf der Suche nach starken Partnern, mit denen sie deutlich weiter gehende Bindungen und Maßnahmen als bislang eingehen wollen, um die Herausforderungen zu meistern. Dazu passt auch der Hinweis der Elmshorner Apotheker, dass man nicht nur mit Ratiopharm, sondern auch mit den übrigen Herstellern verhandelt habe. Am Ende habe man sich aber für dieses Konzept entschieden.

Auf dem Flyer wirbt die Flora-Apotheke damit, dass es die ratiothek „exclusiv bei uns“ gebe. Obwohl es keine schriftlichen Vereinbarungen gebe, soll der Gebietsschutz für etwa ein Jahr bei rund 20 Kilometer Radius liegen. Allerdings könnte dieser Umstand ein Signal sein, dass das Konzept schon bald auch in anderen Apotheken zum Tragen komme.

 

Kommentar: Zukunftsmusik Die Apotheke ist tot. Es lebe die Apotheke. Es gibt viele Wege, einen Wettbewerb als Gewinner zu überleben. Und es gibt auch Wege, den Wettbewerb zu entfachen. Bei der Ratiothek fällt es schwer, zu einer Entscheidung zu kommen. Aber die Entscheidung der beiden Elsmhorner Apotheken ist grundsätzlich richtig. Denn ihnen geht es zunächst um die Generierung neuer Kundenströme. Und auch darum, diejenigen, die schon Kunden sind, nicht wegen der Reform und deren Folgen zu verlieren.

Die enge Kooperation mit einem starken Hersteller ist eine spannende Variante. Und genauso spannend ist sicherlich die Frage, wie viele dieser „Apotheken in der Apotheke“ es bis Ende dieses Jahres geben wird. Bei Ratiopharm wird man den Testballon beobachten und seine Schlüsse ziehen. Ohne Frage ist jedoch, dass die Marke Ratiopharm, stark von Fernsehwerbung unterstützt, dem System Flügel verleihen kann. Sollte ratiothek in der Fläche eingeführt werden, werden sich natürlich weitere Fragen stellen. Zum Beispiel nach den Folgen für den Markt, die Apotheken oder nach daraus resultierenden Abhängigkeiten. Aber alles der Reihe nach.

Thomas Bellartz
Leiter der Hauptstadtredaktion

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