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Marathon und keinen Schritt weiter

09.02.2004  00:00 Uhr
Anzag-Hauptversammlung

Marathon und keinen Schritt weiter

von Thomas Bellartz, Frankfurt am Main

Seit Jahren kommt die Anzag nicht zur Ruhe. Die Hauptversammlung am Dienstag machte deutlicher denn je, dass der Frankfurter Großhändler auch in diesem Jahr weiter für Diskussionsstoff sorgen wird.

Die Liste der Fragesteller war am Dienstag länger denn je. Aus der ansonsten selten länger als drei Stunden dauernden Hauptversammlung wurde unversehens ein Sitzungs-Marathon. Das lag an den zahlreichen Fragen und Gegenanträgen, die detailliert abgearbeitet wurden. Hintergrund der Fragen war zumeist die Geschäftsentwicklung der Anzag im vergangenen Jahr und die zahlreichen Veränderungen im und rund um den Konzern.

Immerhin führten sowohl der Vorstandsvorsitzende Dr. Thomas Trümper wie auch Aufsichtsratschef Manfred Renner, zugleich Vorstandsvorsitzender der Sanacorp, erstmals durch die Hauptversammlung. Trümper ist erst seit dem 1. August vergangenen Jahres für die Anzag tätig, folgte dem im April im „freundschaftlichen Einvernehmen“ geschassten Horst Trimborn. Dessen plötzlicher Abgang wenige Wochen nach der letztjährigen Hauptversammlung und die Gründe dafür waren immer wieder der Inhalt von Fragen.

Meist ging es um die Höhe der Abfindung. Der in der Branche seit Trimborns Fortgang gemutmaßte goldene Handschlag wurde auf der Hauptversammlung allerdings nicht präzisiert. Die Rede ist von einem siebenstelligen Eurobetrag, mit dem Trimborn abgefunden worden sein soll. Zu den Untiefen der Vergangenheit wollte sich Trümper nicht äußern – und mitunter konnte er es wohl tatsächlich nicht. Denn zwischen seinem Unternehmenseintritt und Trimborns Abgang liegen einige Monate. Trümper war faktisch nur für einen einzigen Monat des auf der Hauptversammlung diskutierten Geschäftsjahres verantwortlich zu machen.

Rabattwettbewerb

Trimborns Fortgang vorausgegangen war der Start eines harten Wettstreits um Marktanteile im Großhandel. Trimborn gilt immer noch als derjenige, der eine wahre Rabattschlacht des Großhandels im vergangenen Jahr in Wallung gebracht hatte. Trotz seiner famosen Bilanzzahlen wurde Trimborn entlassen. Der Grund ist allerdings in der aktuellen Bilanz nachzulesen. Zwar hat die Anzag ihren Marktanteil um 1 Prozent auf nunmehr 17,5 Prozent erhöhen können. Allerdings gelang dies nur auf Kosten der eigenen Erträge.

Im Geschäftsjahr 2002/2003 stieg der Umsatz kräftig an: Doch beim Ertrag stürzte die Anzag dramatisch ab. Auf der Hauptversammlung hieß es, das Unternehmen habe Ende letzten Jahres faktisch kein Geld mehr verdient, profitiere vom abweichenden Geschäftsjahr.

Trümper ist sich sicher, dass die Anzag die schwierigen Zeiten, die vor dem Konzern liegen, überstehen werde: „Wir werden das schaffen.“ Im Geschäftsjahr von September 2002 bis August 2003 stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 2,887 auf 3,156 Milliarden Euro. Allerdings verbuchte man beim Rohertrag einen Rückgang von 207,6 auf 194,3 Millionen Euro. Trümper führte diese Entwicklung auf die Maßnahmen des Gesetzgebers zurück. Diese Einschätzung teilten manche der Redner, insbesondere die Vertreter der Kleinaktionäre nicht. Allerdings ist ihr Einfluss sehr eingeschränkt, denn nur wenig mehr als 8 Prozent der Aktien befinden sich noch in Streubesitz, entsprechend wenig aussagekräftig ist der Aktienkurs. Die Anzag ist in dieser Hinsicht ein besonderes Unternehmen.

Trümper ist indes der Meinung, dass die schlechte Bilanz auf die Auswirkungen der rot-grünen Gesundheitspolitik zurückzuführen sind und stellte fest: „So können Unternehmen nicht wirtschaften.“ Stolz sein kann der Chef auf seine Mitarbeiter. Bei einem Mitarbeiterzuwachs von nur 0,4 Prozent realisierte man ein Umsatzwachstum von mehr als 9 Prozent. Die Erfahrenheit und Kompetenz der Mitarbeiter werde dazu führen, dass man in Zukunft im Wettbewerb „die Nase vorn“ haben werde.

Obwohl um fast fünf Punkte auf 40,5 Prozent zurückgegangen, ist die Eigenkapitalquote der Anzag immer noch bemerkenswert hoch und ein Indiz für ein grundsätzlich gesundes Unternehmen. Die hingegen deutlich gestiegenen Verbindlichkeiten resultieren aus einer strategischen Änderung. Trümper argumentierte, dass man die Lagerhaltung und damit die Lieferfähigkeit gegenüber den Apotheken drastisch erhöht habe. Angesichts der Gesundheitsreform gehörten Rabatte der Vergangenheit an. Man wolle die Apothekekunden durch Qualität und Leistung binden. Hohe Rabatte gehörten faktisch der Vergangenheit an.

Kein Bonus

Bei der Dividende müssen die Aktionäre auf den in den vergangenen Jahren wegen der guten Ertragssituation angewachsenen Bonus nunmehr verzichten. Die Kritik daran verblasste angesichts der klaren Worte des Vorstandschefs. Der machte deutlich, dass die Zeit der hohen Erträge eben vorbei sei. Insofern gebe es eine gleich bleibende Dividende, aber keinen Bonus mehr.

Kurz und bündig referierte Trümper die veränderte Aktionärsstruktur. Die DZ Bank verkaufte bekanntlich ihre Anteile an der Anzag je hälftig an Celesio und Phoenix; allerdings behält die Sanacorp weiterhin ihre Call Option daran (die PZ berichtete ausführlich). Noch spektakulärer und gleichsam überraschend war der Deal zwischen Noweda und Alliance UniChem (AU). Noweda, die bislang ebenso viele Anteile wie die Sanacorp gehalten hatte, verkaufte Ende November 2003 für umgerechnet 62 Millionen Euro 19 Prozent ihrer Anteile an AU. Der Konzern mit Sitz in Großbritannien wurde daraufhin zum größten Aktionär und hält nun 29,9 Prozent der Anzag-Anteile. Noweda verbleiben knapp 6 Prozent.

An der Anzag sind damit derzeit die größten deutschen Großhändler, aber auch die drei größten europäischen Konzerne beteiligt. Im Vorfeld der Hauptversammlung hatte AU den Druck auf die Anzag und die deutschen Markt gewaltig erhöht. Das Kartellverfahren mache die Vermachtung des deutschen Marktes deutlich, ließ AU-Boss und -Hauptaktionär Pessina mehrere Medien wissen. Man wolle sich in Deutschland engagieren und warte einen günstigen Zeitpunkt ab.

Etwas überraschend war das Eingeständnis, dass bislang erst 35 Apotheken einen den Kooperationsvertrag der Vivesco unterzeichneten. Zwar ist die Kooperation erst seit Jahresbeginn offiziell am Start, ließ aber als erste Kooperation bereits Mitte letzten Jahres ihre Absichten verkünden. Bis Ende des Jahres möchte Trümper 1000 seiner Apothekenkunden als Kooperationspartner gewinnen. In der Hauptversammlung gab es angesichts des schleppenden Einstands daran erhebliche Zweifel.

Viel größere Zweifel hatte im Vorfeld einen Gegenantrag ins Feld geführt, der zu einer Nicht-Entlastung von Ex-Vorstand Trimborn und Vertriebsvorstand Bernd Roos führen sollte. Der Antrag blieb jedoch erfolglos. Obschon die vorgetragene Begründung für allerlei Aufmerksamkeit gesorgt haben dürfte. Dabei ging es insbesondere um die Rabattschlacht, deren Initiative von Trimborn ausgegangen und von Roos weiter betrieben worden sein soll. In der Hauptversammlung sah man das anders.

Um allerdings keine weiteren Zweifel aufkeimen zu lassen, wurde am späteren Nachmittag einzeln und geheim über die Entlastung der Vorstandsmitglieder und schließlich sogar über die Entlastung der Aufsichtsratsmitglieder abgestimmt. Sowohl Aufsichtsrat als auch Vorstand wurden einstimmig entlastet. Celesio und Phoenix sind nicht im Aufsichtsrat vertreten, Alliance UniChem weiter durch Jeff Harris. Gerüchte um personelle Veränderungen im Aufsichtsgremium erhellten sich am Dienstag noch nicht.

Trotz der für die Mitarbeiterschaft unbefriedigenden Eigentümerstruktur zielt die Anzag weiterhin auf einen Erhalt und sogar Ausbau ihrer Marktanteile. Man will erneut das Ertragsniveau des abgelaufenen Jahres von rund 23 Millionen Euro erreichen. Trümper glaubt, dass dieses Ziel realistisch und durchaus erreichbar sei. Trümper: „Wir wollen zu alter Ertragsstärke zurückfinden.“ Trotzdem: Der Wettbewerb wird sich nach Ansicht des Anzag-Vorstandsvorsitzenden weiter verschärfen. An verschiedenen Stellen hat Trümper gezielt Hebel angesetzt, um in Logistik und EDV noch wirtschaftlicher agieren zu können.

 

Kommentar: Das Jahr der Entscheidung Die Anzag könnte einem fast Leid tun. Der Konzern müht sich eifrig um gute Zahlen, die Mitarbeiter sind hoch motiviert schaffen immer neue Produktivitätsrekorde. Der neue Vorstandschef macht einen soliden Eindruck und manövriert sich souverän durch die heiklen Fragestellungen.

Doch das Damoklesschwert schwingt über dem traditionsreichen Frankfurter Großhändler. Die Zeit der Entscheidungen ist gekommen. Auch wenn das Urteil des Bundesgerichtshofs erst im Sommer erwartet wird, wehte durch diese Hauptversammlung der Anzag kein angenehmes Lüftchen. Manch ein Fragesteller hinterließ einmal mehr den Eindruck, als habe ihn ein Großhandels-Mitbewerber ins Rennen geschickt. Die Gegenanträge waren scharf formuliert und vergaßen mitunter professionelle Sachlichkeit und verstiegen sich zu sehr persönlichen Affronts.

Anzag wird aus den Schlagzeilen nicht herauskommen. Dafür sorgt jetzt auch Alliance UniChem. Der Großaktionär verschärft den Druck nicht nur auf die Anzag, sondern auch auf die übrigen Großaktionäre. Die meisten von ihnen sind allesamt Wettbewerber der Anzag.

Keine Frage: Eine andere Entwicklung wie die der vergangenen Monate wäre dem Markt, der Anzag und besonders den Genossenschaften und ihren Mitgliedern und Kunden insgesamt sicher nicht schlecht bekommen. Der Rausschmiss der Noweda-Aufsichtsräte vor fast einem Jahr durch die Sanacorp war der Beginn einer Entwicklung, die für die Anzag in nicht allzu ferner Zeit das Ende einer langen Großhandelsgeschichte bedeuten wird. Es wäre zu einseitig, die Schuld am erhöhten Druck durch die Alliance UniChem auf die Anzag ausschließlich der Noweda zuzuschreiben. Deswegen war der Anteilsverkauf am Dienstag in Frankfurt nur am Rande ein Thema. Es wird darum gehen, wer die Anzag wie in Zukunft kontrolliert. Das Jahr 2004 ist das Jahr der Entscheidung für die Anzag. Aber auch für die Sanacorp, für Alliance UniChem und den Großhandelsmarkt insgesamt.

Thomas Bellartz

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