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Sanofi will Aventis schlucken

26.01.2004  00:00 Uhr
Pharmaindustrie

Sanofi will Aventis schlucken

von Thomas Bellartz, Berlin

Seit einigen Tagen wird bereits heftig spekuliert: Wer übernimmt wann wen? Mit einem feindlichen Übernahmeangebot der Sanofi-Synthélabo an die Aktionäre des Aventis-Konzerns wird aus den Spekulationen geldwerte Realität.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Konzentration in der Pharmabranche weiter fortsetzt. Die jüngste Vorgänge dürften indes nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn seit Jahren reifen die Spekulationen rund um eine Fusion der beiden schweizerischen Arznei-Multis Novartis und Roche. Mittlerweile hat Novartis seinen Anteil an der Roche auf 33,2 Prozent aufgestockt. Das Signal ist klar, auch wenn die Roche-Eigentümerfamilien immer noch skeptisch sind.

In der aktuell anlaufenden Übernahmeschlacht wird vieles an das erinnern, was den Deutschen in Sachen Mannesmann und Vodafone dieser Tage wieder in Erinnerung gebracht wird. Denn die feindliche Übernahme kann für die Aktionäre des angegriffenen Konzerns zwar durchaus profitabel werden. Aber dem Angegriffenen droht mitunter ein böses Ausbluten, manchmal auch die Zerschlagung, während der Gewinner noch jahrelang mit den finanziellen Auswirkungen eines solchen Kampfes leben muss.

Kleinerer Konkurrent

Nunmehr ist die Existenz des deutsch-französischen Pharmakonzerns Aventis von einer feindlichen Übernahme durch den kleineren Konkurrenten Sanofi-Synthélabo bedroht. Die französische Sanofi-Synthélabo will mit der Übernahme zum größten Pharma-Anbieter in Europa und zur Nummer drei in der Welt aufsteigen. Aventis wies die Offerte von 47 Milliarden Euro am Montag umgehend als feindlich, zu niedrig und mit Risiken behaftet zurück. Der deutsch-französische Konzern, zu dem die Frankfurter Hoechst AG gehört, ist zwei- bis dreimal so groß wie Sanofi. Sanofi ist aber schuldenfrei und weitaus profitabler und hat deswegen einen vergleichbaren Börsenwert.

 

Feindliche Übernahme Bei einer feindlichen Übernahme kauft ein Unternehmen ein anderes gegen den Willen des Managements. Meist beschafft sich der Interessent Aktien des Übernahmekandidaten an der Börse und macht den Aktionären ein Angebot. Um die Offerte attraktiv zu gestalten, wird normalerweise eine hohe Prämie auf den aktuellen Aktienkurs gezahlt. Meist geraten Unternehmen mit niedrigen Aktienkursen in Gefahr, geschluckt zu werden.

Gegen den ungewollten Aufkauf wappnen sich Firmen mit Überkreuzbeteiligungen oder Aufsichtsratsmandaten, hinter denen meist Geschäftsbanken stehen oder auch ein „weißer Ritter“, der mit Einverständnis des Übernahmekandidaten eine Gegenofferte vorlegt. Auch der Einsatz der so genannten „Goldenen Aktie“ zählt zu den Gegenmitteln: In diesem Fall besitzt ein Aktionär - meist der Staat - das Recht, ein Veto gegen strategische Entscheidungen einzulegen.

In Deutschland machte vor vier Jahren die feindliche Übernahme des Telekomkonzerns Mannesmann durch die britische Vodafone Schlagzeilen.

 

Bereits seit Mitte der Vorwoche hatten sich hartnäckig Gerüchte gehalten, wonach Sanofi die größere Aventis schlucken wolle. Während man bei Sanofi mehr oder minder deutlich dementierte, hatte Aventis bereits erste Maßnahmen getroffen, um auf den am Montag dann eingetretenen Fall vorbereitet zu sein.

Sanofi bot den Aventis-Aktionären am Montag fünf neue Aktien für sechs Aventis-Titel plus 69 Euro in bar. Das entspreche einer Prämie von 15,2 Prozent auf den Durchschnittskurs der vergangenen vier Wochen, so der Konzern. Mit der Fusion entstünde ein weltweit führender Pharmakonzern, der aus eigener Kraft dauerhaft und profitabel wachsen könne, sagte Sanofi-Chef Jean-Francois Dehecq in Paris. Es gehe nicht um eine feindliche Übernahme, sondern um ein „europäisches Projekt“. Mit der Vereinigung der Marketingteams insbesondere in Nordamerika und der Forschungslabors könne die Produktivität erheblich gesteigert werden.

Aventis-Chef Igor Landau rechnete dagegen vor, dass die Offerte nur einen Aufschlag von 3,6 Prozent auf den letzten Aktienkurs bedeute. Aventis sei viel mehr wert. Für Aktionäre wie Mitarbeiter sei das Projekt uninteressant, zumal sie Risiken der Hauptprodukte von Sanofi mittragen müssten. Bei Sanofis „Goldeseln“ Plavix (Thrombozytenaggregationshemmer) und Stilnox (Sedativum) gilt der Patentschutz als gefährdet.

Es gebe sinnvollere Alternativen, erklärte Aventis. An der Pariser Börse schürte dies Spekulationen, Konkurrenten wie GlaxoSmithKline oder AstraZeneca könnten ebenfalls Kaufangebote vorlegen und damit eine Übernahmeschlacht gegen Sanofi beginnen. An der Pariser Börse legte das Papier von Aventis infolge des konkreten Angebots am Nachmittag um 3,48 Prozent auf 59,55 Euro zu, während die Aktie von Sanofi 5,37 Prozent auf 54,65 Euro verlor.

Nummer drei in der Welt

Bei einem gemeinsamen „strategischen Umsatz“ von 25 Milliarden Euro im Jahre 2002 läge der Weltmarktanteil nach Sanofis Darlegung bei 5 Prozent. Alleine Aventis hatte 2002 mit 71.000 Mitarbeitern rund 20,6 Milliarden Euro umgesetzt, Sanofi mit 30.000 Beschäftigten rund 7,4 Milliarden Euro. Auf der Basis der Umsatzplanung von Sanofi entstünde der drittgrößte Pharmakonzern der Welt nach Pfizer und GlaxoSmithKline. In Westeuropa, Nahost und Afrika wäre Sanofi dann die Nummer eins, in Lateinamerika und Osteuropa die Nummer zwei, in den USA die Nummer neun und in Japan die Nummer vierzehn.

Der gemeinsame Konzern hätte 25.000 Mitarbeiter in Frankreich und 12.000 in Deutschland. Sanofi beziffert die Kosten des Konzernumbaus auf 2 Milliarden Euro. Dem stünden Synergien von 1,6 Milliarden Euro pro Jahr ab 2006 gegenüber. Dehecq wandte sich gegen Befürchtungen, die Fusion werde viele Arbeitsplätze kosten. Bei dem geringen Anteil der Produktionskosten würden Betriebsschließungen kaum Einsparungen bringen. Der französische Sozialminister Francois Fillon sagte, die sozialen Folgen der Fusion zu einem „europäischen Giganten“ könnten auch positiv sein.

Kein Liebeswerben

Sanofi hatte keinen Versuch unternommen, Aventis für eine Fusion zu gewinnen. Dehecq begründete dies mit der Notwendigkeit, schnell und ohne große Diskussion zum Ziel zu kommen. Aventis gelte als geschwächt und bei Sanofi laufe der Pakt der Großaktionäre L'Oréal und Total im Dezember aus. Weil beide Gruppen damit Gefahr liefen, übernommen zu werden, habe Sanofi die Initiative ergriffen. Die Gefahr, übernommen zu werden, dürfte für Sanofi allerdings ungleich größer sein als für Aventis. Denn der Mineralölkonzern Total kündigte bereits vor Monaten seinen Rückzug aus der Sanofi an. Dort ist Total mit knapp 35 Prozent der Stimmrechte und 24,4 Prozent Anteil am Grundkapital größter Anteilseigner. Zwischen Total und dem zweitgrößten Anteilseigner L'Oréal soll es zu Meinungsverschiedenheiten wegen der Übernahme gekommen sein.

Sanofi versprach, kein eingeführtes Medikament von Aventis und keinen Markt aufzugeben. Die Forschung solle aber auf die vielversprechendsten Bereiche gelenkt werden, um die Rentabilität zu heben. Die Rendite von Sanofi-Synthélabo liege bei 24 Prozent gegen 15 Prozent bei Aventis, hieß es. Mit einem Forschungsbudget von zusammen 4 Milliarden Euro würde der neue Konzern zum drittgrößten Pharmalabor der Welt. Top

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