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Similares, Schwitzhütten und Schamanen

16.12.2002  00:00 Uhr

Gesundheit in Mexiko

Similares, Schwitzhütten und Schamanen

von Ulrich Brunner, Eschborn

Viele Gegensätze und eine wechselvolle Geschichte prägen das Gesundheitswesen in Mexiko. Mit den Kolonialherren eroberte die westliche Medizin Lateinamerika. Doch heute setzen immer mehr Einwohner wieder auf die Kraft alter Heilpflanzen und die Erfahrungen ihrer Naturheiler, der „Curanderos“.

„Hasta 75 % de ahorra“ prangt von dem riesigen Plakat. Ein Lockruf für die Preisbewussten. Die Apothekenkette „Farmacias similares“ hat sich auf billige Generika spezialisiert. Wer hier seine Medikamente kauft, kann bis zu zwei Drittel der Kosten sparen.

Kein klassisches Berufsbild

Was für die deutschen Apotheker Horror bedeutet, ist in Mexiko seit jeher Realität. Eine bunte Mischung unterschiedlichster Apothekenketten hat die Arzneimittelversorgung in den Millionenstädten des lateinamerikanischen Staates fest im Griff.

Egal ob Antibiotikum oder Antibabypille - wer sich in Mexiko mit Arzneimitteln versorgen will, braucht meist kein Rezept. Der ungeregelte, freie Verkauf von Medikamenten ist an der Tagesordnung. Und fast immer sind es Nicht-Pharmazeuten, die die Ware über den Verkaufstisch schieben.

Filme, Chipstüten, gekühlte Getränke türmen sich neben den Regalen mit Arzneimittelschachteln. Die meisten Apotheken Mexikos ähneln eher einem Gemischtwarenladen. Und nicht nur das breit gefächerte Sortiment, sondern auch der mehr oder weniger unkontrollierte Handel mit Medikamenten ist für europäische Verhältnisse abenteuerlich. Eine kompetente Kontrollinstanz, zum Beispiel bei der Abgabe der Präparate, gibt es nicht.

Da die meisten Farmacias ihre Waren möglichst billig anbieten, um so die Umsätze anzukurbeln, wird auch bei den Personalkosten gespart. Zwar schreibt das mexikanische Gesetz vor, dass pro Apotheke mindestens ein Pharmazeut die Arzneimittelabgabe überwachen muss. In den meisten Filialen der Ketten trifft man allerdings keinen ausgebildeten Apotheker.

Das klassische Berufsbild des Apothekers gibt es in Mexiko sowieso nicht. In den Apotheken arbeiten so genannte QFBs. Die drei Buchstaben stehen für die Disziplinen, in denen die Absolventen an der Hochschule ausgebildet wurden: Chemie (Quimico), Pharmazie (Farmaco) und Biologie (Biológo). Der QFB kann damit als Universalkraft in den unterschiedlichsten Berufssparten eingesetzt werden. Liest man den Stundenplan, lässt sich der Studiengang zum QFB mit unserer Ausbildung zum medizinisch-technischen Assistenten vergleichen.

„Das endgültige Ende für den Apotheker als Arzneimittelfachmann kam bereits 1899“, erklärt Dr. Enrique Sánchez Ruiz. Damals nahm der Staat per Gesetz die Offizin aus apothekerlicher Hand. Schon rund fünfzig Jahre zuvor hatte er die pharmazeutische Ausbildung in das Medizinstudium integriert, nachdem das Fremd- und Mehrbesitzverbot nach der Unabhängigkeit Mexikos 1821 im Zuge der sukzessiven Liberalisierung des Gesundheitswesens gefallen war und die Pharmazeuten die Hoheit über die Arzneimitteldistribution verloren hatten. Anfang des 20. Jahrhunderts sollte die Ausbildung der Apotheker in den chemischen Fakultäten angesiedelt werden. „Man wollte das Know-how der in Chemie bewanderten Pharmazeuten für die Sprengstoffproduktion nutzen“, berichtet Sánchez.

Neuauflage des Studienfachs

Sánchez, Vizepräsident der Pharmazeutischen Gesellschaft Mexikos, kurz AFM, lehrt an der größten Universität des Landes. Als Direktor des pharmazeutisch-chemischen Instituts der Universität UNAM in Mexiko-Stadt engagiert er sich dafür, dass künftig wieder wirkliche Pharmazeuten an Mexikos Hochschulen ausgebildet werden. Er betont, dass den QFBs für die rein pharmazeutische Tätigkeit die nötige Spezialisierung fehlt.

Das wollen Sánchez und seine Kollegen aus der rund 80 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Universitätsstadt Puebla ändern. An der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla (BUAP) gibt es seit 1995 einen eigenen Fachbereich Pharmazie. Dieser ist zwar nach wie vor an der Fakultät für Chemie angesiedelt. In Puebla werden jedoch auch reine Pharmazeuten ausgebildet.

Die Initiative für die Neuauflage des Studienfachs Pharmazie kam ursprünglich vom Tübinger Hochschullehrer Professor Dr. Hermann J. Roth, der im vergangenen Jahr für seine Verdienste mit der Ehrendoktorwürde der BUAP ausgezeichnet wurde. „Wir wollen die Pharmazie in Mexiko wieder beleben“, bekräftigt Universitätsrektor Dr. Enrique Doger Guerrero den Pioniergeist von Roth. Derzeit können die Studenten entweder den gerade bei Frauen beliebten Abschluss als QFB oder ein pharmazeutisches Diplom anstreben. Für beide Studiengänge ist die Fakultät immerhin mit 18 Professorenstellen ausgestattet. Noch steckt das Modellprojekt in Puebla in den Kinderschuhen. Auch arbeiten die meisten Absolventen des Studiengangs Pharmazie später in der Pharmaindustrie. Aber wenn Legislative, Berufsverbände und Hochschulen an einem Strang ziehen, könnten in einigen Jahren wieder gut ausgebildete Pharmazeuten in Mexikos Apotheken stehen, hofft Sánchez.

Die Medizin der Azteken

Die Heilkunde hat in Mexiko eine lange Tradition. Dabei sind Heilpflanzen, die von den Azteken schon früh kultiviert wurden, nur ein winziger Teil des über Jahrhunderte übermittelten Arzneischatzes. Überhaupt gibt es im Gegensatz zu den Mayas, über deren Heilkunst heute nur noch wenig bekannt ist, vom Volksstamm der Azteken einige Überlieferungen. Um 1200 nach Christus zogen sie in das Hochtal von Mexiko und erbauten auf den Inseln des Texcoco-Sees ihre Hauptstadt Tenochtitlán; heute liegt hier Mexiko-Stadt, mit über 25 Millionen Einwohnern die größte Metropole der Welt.

Die Medizin der Azteken erreichte während der präkolumbischen Zeit den höchsten Entwicklungsstand. Es gab beispielsweise Spezialisten für Massage, das Austreiben einer Krankheit durch Saugen an der Wunde, die Behandlung von Augenleiden, für Geburtshilfe, Diagnose durch Wasserbeobachtung, Therapien nach einem Wahrsagekalender, Operationen, Aderlass oder Dampfbäder sowie Seelenbeschwörer. Als Hauptursache für Krankheiten betrachteten die Azteken, wie viele andere indigene Völker auch, den Unmut der Götter.

 

Die Schwitzhütte der Azteken Schwitzkuren sind in zahlreichen Kulturen der Welt zu Hause. Auch die Azteken schätzten die heilende Kraft der Wärme. Der so genannte Temazacal ist in vielen Teilen des Landes noch immer lebendige Tradition. Das mexikanische Schwitzbad dient allerdings nicht der Entspannung oder Körperreinigung. Bis heute hat die Schwitzhütte der Indianer eher eine rituelle Bedeutung.

Der Temazacal ähnelt von außen einem altmodischen Bienenstock und besteht in der Regel aus Lehm oder Steinen. Das Wort leitet sich aus dem Nahuatl, der Sprache der Azteken ab: „Temas“ steht für Bad und „Calli“ für Haus. In der Kultur der Nuhatl galt Temacalteci als Göttin der Schwitzbäder. Die „Großmutter der Bäder“ war eine Erscheinung der Hauptgöttin Teteoinan.

In der kleinen Lehmhütte ist in der Regel nur Platz für eine Person. Prinzipiell darf nur der Curandero als traditioneller Heiler den Temazacal betreiben. Der reichert den Dampf im Schwitzhaus häufig mit verschiedenen aromatischen Pflanzendrogen an.

Als die spanischen Eroberer die neue Welt erreichten, war der Temazacal ein fester Bestandteil der indianischen Heilkunst. Er half bei der Linderung und Heilung der unterschiedlichsten Erkrankungen, und sogar Schwangere wurden häufig in der heißen Hütte auf die bevorstehende Geburt vorbereitet. Die Spanier verboten die ihrer Meinung nach barbarische Praxis, doch es gelang ihnen nicht, die jahrhundertealte Tradition zu unterdrücken. Die Indianer praktizierten den Temazacal wie ihre anderen Bräuche heimlich an entlegenen Plätzen. Inzwischen erlebt der Temazacal wie viele andere Verfahren der traditionellen Heilkunst überall in Mexiko eine Renaissance.

 

Als die spanischen Eroberer um Hernán Cortez rund 300 Jahre später das mexikanische Hochland überrannten, zerstörten sie nicht nur die Aztekenkultur, sondern sukzessive auch deren Heilwesen. So vernichteten die Kolonialherren viele Zeugnisse aus der Epoche der Azteken. Auch wenn Überlieferungen vorhanden sind: „Wir haben heute nur noch sehr wenige Dokumente über die Heilkunst unserer Urahnen“, bedauert Sánchez, zu dessen Hobbys die Pharmaziegeschichte Mexikos zählt.

Die Spanier unterdrückten indianische Riten, das galt auch für die Naturheilverfahren. Parallel mussten zwangsweise sämtliche Heilmittel vom spanischen Festland eingeführt werden. Allerdings gibt es gerade in den schwer zugänglichen Regionen Mexikos indianische Siedlungen, deren Bevölkerung noch heute das traditionelle Heilwissen pflegt.

Von Curanderos und Schamanen

Bis heute praktizieren in Mexiko unzählige traditionelle Heiler und Schamanen. Die moderne Medizin konnte ihr Wissen nicht verdrängen, und nach wie vor suchen viele Mexikaner regelmäßig so genannte Curanderos, Naturheiler, auf.

„Die Kenntnis über traditionelle Medizin ist unendlich“, meint Estella Roma. Die Heilerin aus der Blumenstadt Cuernavaca engagiert sich für den Erhalt der traditionellen Heilkunst. Diese Form der Medizin verstehe den menschlichen Körper als einen komplexen Organismus, in dem das Sein in allen seinen Manifestationen wohnt: dem Körperlichen, dem Emotionalen, dem Mentalen und Spirituellen, macht Roma deutlich. Deshalb seien die Heiler stets darum bemüht, den Körper nicht zu verletzen, sondern die Harmonie des Kranken mit der Natur wieder herzustellen. Wie in vielen anderen Kulturen haben dabei die vier Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser eine wichtige Bedeutung.

Der für die Curanderos zentrale Begriff der Disharmonie steht nicht nur für Krankheit, sondern auch für das gestörte Verhältnis des Betroffenen zu seiner Umgebung. „Wird das Gleichgewicht mit der Natur gestört, ist der Körper für Krankheiten geöffnet“, erklärt die Heilerin. Sowohl Einflüsse aus dem sozialen Umfeld als auch andere Umweltfaktoren könnten dieses Gleichgewicht stören. Daher spielten seit jeher in der indianischen Tradition neben typischen physischen auch psychische Krankheitserreger eine zentrale Rolle.

Der Curandero übernimmt als Naturheiler ohne fachliche Ausbildung die Aufgaben eines Mediziners. Das Wissen der Curanderos wächst durch die eigene Erfahrung und Berufspraxis. Die Heiler tauschen aber auch in Netzwerken ihre Erkenntnisse aus. Zudem spezialisieren sich die Curanderos auf unterschiedliche Disziplinen wie beispielsweise rituelle Reinigungen, Heilungen mit Pulce, dem vergorenen Saft der Agave, Aussaugungen oder Massagen. Die Curanderos genießen in ihrem Ort meist eine große Wertschätzung. „Wir arbeiten aus Überzeugung und aus Liebe zu den Menschen“, erklärt Roma ihr Selbstverständnis. Daher sei es auch nicht üblich, feste Geldbeträge für eine Behandlung zu fordern. Der Curandero bittet stattdessen um Spenden. Roma, die sich auf Nachfrage zwar selbst als traditionelle Heilerin bezeichnet, korrigiert: „Wir ernennen uns nicht selbst zum Curandero. Es ist die Gemeinde, die letztlich unsere Fähigkeiten anerkennt. Zudem respektieren wir die moderne Medizin und überweisen unsere Patienten bei Bedarf auch an einen Arzt.“

Prinzipiell gilt es zwischen Curanderos und den Schamanen zu unterscheiden. Bei den schamanistischen Ritualen verlässt die Seele des Heilers den Körper, um sich auf die Suche nach dem Krankheitsauslöser oder der verlorenen Seele des Kranken zu machen. Dazu versetzt sich der Schamane mit Hilfe verschiedener Techniken wie Trommeln oder halluzinogenen Substanzen in Trance. Grundvoraussetzung ist eine starke Persönlichkeit, da es dem Schamanen sonst nicht gelingt, aus dem transzendentalen Zustand zurückzukehren.

 

Der Huautla-Boom In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts strömten Scharen von Hippies nach Mexiko, um an exotischen Drogentrips der Indianer teilzunehmen. Schuld an der Invasion war vor allem ein Buchautor, der über die halluzinogene Wirkung von Pflanzen und ihre Bedeutung bei Ritualen verschiedener Volksstämme berichtet hatte. Im Mittelpunkt des Interesses standen der im nördlichen Hochland Mexikos beheimatete stachellose Kaktus Peyotl (Lophophora williamsii) sowie der in der Region um Oaxaca verbreitete Teonanacatl-Pilz (Psilocybe mexicana).

Die Schamanin Maria Sabina und ihr Gebirgsdorf Huautla wurden über Nacht weltberühmt. Leider interessierten sich die Pilger weniger für die Riten der Indianer als vielmehr für den Konsum des „Rauschpilzes“ im großen Stil. 1969 endete der Huautla-Boom abrupt. Das mexikanische Militär setzte die rund 500 Hippies fest und verwies sie des Landes.

 

Kräuter für Magen und Darm

Viele Mexikaner setzen nach wie vor fest auf die Heilkraft von Kräutern und Elixieren. Überall im Land bieten Händler in kleinen spezialisierten Läden oder auf Märkten ihre „plantas medicinales“ feil. Die meisten Mittel bestehen aus Kräutermischungen und sollen laut Überlieferung gegen die unterschiedlichsten Krankheiten helfen. Wichtiges Zentrum ist Oaxaca, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates im Südwesten Mexikos. Die Einwohner vom Stamm der Mixe im feucht-heißen Tiefland nutzen seit jeher eine Vielzahl von Arzneipflanzen. Meist helfen die Hausmittel gegen weniger schwere Erkrankungen. „Ein bedeutendes Durchfallmittel stammt von den Früchten der Caulote, einer Sterculiaceae“, erläutert Professor Dr. Michael Heinrich, Ethnobotaniker von der School of Pharmacy an der University of London. Aber auch die Rinden verschiedener Eichen-Arten helfen bei gastrointestinalen Problemen.

Heinrich und seine Kollegen beschäftigen sich seit Jahren in ethnobotanischen Feldstudien mit der traditionellen Medizin der Ureinwohner Mexikos. Um die Heilkunde in moderne Verfahren integrieren zu können, sei nicht nur die Analyse der pflanzlichen Inhaltsstoffe elementar. Heinrich: „Wesentliches Ziel unserer ethnobotanischen Forschung ist ein detailliertes Verständnis der kulturellen Bedeutung der jeweiligen Heilpflanzen.“

Ein Heim für bedrohte Pflanzen

Wer den kürzlich eröffneten ethnobotanischen Garten Oaxacas besucht, kann sich von der unglaublichen Artenvielfalt Mexikos ein Bild machen. In liebevoller Detailarbeit haben Studenten der dortigen Universität in den letzten zehn Jahren das großzügige Areal in dem ehemaligen Kloster Santo Domingo mitten in der Stadt als „Waisenheim für heimatlose Pflanzen“ angelegt. Heute wachsen hier zwischen 5000 und 8000 Pflanzen, vornehmlich solche, die ansonsten Baumaßnahmen im Umland zum Opfer gefallen wären. Die Gartenplaner sortierten die Pflanzen nicht nach ihrer Taxonomie, sondern nach ihrer kulturellen Bedeutung. Neben Nutzpflanzen wie diversen Mais- oder Hirsearten, dem populären Gewürzkraut Epazotl oder Heilkräutern gedeihen auf dem weitläufigen Grundstück auch Bäume, deren Holz traditionell als Baumaterial verwendet wurde.

Die Finanziers des ethnobotanischen Gartens, verschiedene Nicht-Regierungsorganisationen, darunter Profepa und der World Wildlife Fund, wollen die Besucher für die einzigartige Pflanzenvielfalt und gegen den „Pflanzenraub“ sensibilisieren. „Helfen Sie uns, die Pflanzenwelt von Oaxaca zu schützen“, so lautet denn auch das Motto des Gartens. Denn Jahr für Jahr verschwinden Pflanzenarten, die nur in dieser Region heimisch sind. Mit anderen Worten: Viele der hier lebenden Gewächse sind generell bedroht. Schuld sind vor allem rücksichtslose Pflanzensammler, Profiteure oder Hobbygärtner, die sich immer wieder an der einmaligen botanischen Vielfalt des Tals von Oaxaca bereichern.

Unglaubliche Artenvielfalt

Die Vegetation Mexikos ist nach Artenbestand und Ausbildung typischer Vegetationszonen einzigartig und von einer fast unübersehbaren Mannigfaltigkeit. Grund dafür ist die Gebirgsstruktur, die durch Überlagerung verschiedener Klimabereiche mit dem Formenwandel der Breitenlage eine Unzahl klimatisch differenzierter Standorte schafft. Über wenige 1000 Höhenmeter ist die Vielfalt der Pflanzenformationen zusammengedrängt wie zwischen Skandinavien und den tropischen Regionen Afrikas. Aber auch auf Grund der Brückenlage des Subkontinents zwischen Nord- und Südamerika konnten sich in den verschiedenen Höhenlagen verschiedene Pflanzenreiche ausbreiten und dann durchmischen.

Die rund sechsstündige Autofahrt von Mexiko-Stadt über Puebla in das weitläufige Tal von Oaxaca ist daher nicht nur für Botaniker ein Erlebnis. Wenige Kilometer hinter der Kleinstadt Tehuacan windet sich die gut ausgebaute Straße auf rund 2500 Höhenmeter über dem Meer durch die auf den ersten Blick karg und schroff anmutenden Gebirgsausläufer der östlichen Sierra Madre. Endlose Kakteenhaine wechseln sich mit niedrig bewachsener Steppenlandschaft ab.

„Reserva de la Biosphera“: Das riesige Schild direkt an der Straße rund 30 Kilometer hinter Tehuacan markiert den Ort mit der weltweit größten Pflanzenrepräsentanz auf engstem Raum. Rund 30.000 verschiedene Pflanzenarten zählten Botaniker im Hochland von Mexiko. Viele wachsen nur in dieser Region. Eine atemberaubende Zahl im Vergleich zur Artenvielfalt in Deutschland mit circa 1500 bis 2000 Arten.

Doch diese Vielfalt ist auch im Hochland von Mexiko durch den einseitigen Anbau von Nutzpflanzen, die Erosion und unerlaubte Wildsammlungen bedroht. Gerade für die von der indigenen Bevölkerung als Arzneien genutzten Pflanzen hat das unter Umständen fatale Konsequenzen. In Mexiko werden überall Medizinalpflanzen angeboten. Die meisten Heilkräuter stammen aus Wildsammlungen oder kleinen Anbaugebieten. Inwiefern die Pflanzen durch diese Aktivitäten in ihrem Bestand gefährdet sind, lässt sich nur schwer ermitteln. Laut Heinrich gibt es jedoch deutliche Hinweise auf eine Übernutzung. Denn die Hauptumschlagplätze seien immer weiter von den Sammelregionen entfernt. Einzelne Arten, die früher im Bundesstaat Puebla gesammelt wurden, müssen heute aus dem über 800 Kilometer entfernten Chiapas eingeflogen werden.

 

Der Autor

Ulrich Brunner studierte an der Philipps-Universität in Marburg Pharmazie. Nach dem praktischen Jahr in einer öffentlichen Apotheke in Lindau am Bodensee schloss er Anfang 1997 seine Ausbildung mit der Approbation ab. Von 1994 bis 1996 arbeitete er als Pressereferent für den Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD). Von 1997 bis 1998 absolvierte er ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung. Von April 1998 bis 2000 betreute er als Redakteur die Ressorts Pharmazie und Medizin. Seit 2000 leitet Brunner das Ressort Pharmazie. Seit Juni 2000 leitet er als erster Vorsitzender die Geschicke der Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen Deutschland e. V.

 

Anschrift des Verfassers:
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