Pharmazeutische Zeitung online

Arzneimittel aus indischer Kultur

18.12.2000
Datenschutz bei der PZ

AYURVEDA

Arzneimittel aus indischer Kultur

von Hermann P. T. Ammon, Tübingen

Eine besondere, auch heute noch weit verbreitete Form der traditionellen Medizin ist in Indien der Ayurveda, die Wissenschaft vom gesunden Leben. Wie auch den meisten anderen traditionellen Formen der Medizin liegt dem Ayurveda eine gewisse Philosophie zugrunde, nach der sich die Betrachtungsweise von Krankheit, Diagnose und Behandlung richtet.

Die indische Philosophie hat vor mehr als 3000 Jahren das damalige Wissen in den vier grundlegenden Büchern der Wissenschaft, den Veden, niedergelegt. Die Veden, denen die Ayurveda-Medizin entstammt, werden als die ältesten klassischen Schriften der Welt bezeichnet. Sie entstanden höchstwahrscheinlich mehr als 1000 Jahre vor der christlichen Zeitrechnung. Die ersten schriftlichen Überlieferungen sind die enzyklopädischen Samhitas von Charak und Sushruta, etwa 800 bis 1000 Jahre vor Christi.

Kurzer Ausflug in die Philosophie des Ayurveda

Ayurveda bedeutet so viel wie "volles Leben", das heißt langes und reiches Leben. Nach Ayurveda sind der Körper und alle seine Teile aus fünf Elementen (Elementartäuschungen, Pancabhutas) zusammengesetzt, die gewöhnlich als etwas Substanzielles beschrieben werden. Es sind dies Prithvi (Erde), Jala (Wasser), Tejac (Feuer), Vaju (das Bewegliche, die Luft) und Akasa (Raum, Himmel). Es wird dabei von einer Akzentuierung dieser Substanzen als Elemente in verschiedenen Strukturen (Organen) und Funktionen (Tätigkeit der Organe) innerhalb des Organismus ausgegangen. Auch die Nahrung ist aus den fünf genannten Elementen (Bhutas) zusammengesetzt, die die gleichen Elemente immer wieder auffüllen und ihren Bestand garantieren.

Nach Ayurveda ist der Mensch ein Mikrokosmos, lebend in einem Makrokosmos oder Universum. Im Mikrokosmos liegen daher alle diejenigen Elemente (Bhutas) vor, die auch im Makrokosmos vorkommen.

Ayurveda definiert das Leben als Einheit von Körper, Sinnen, Geist und Seele. Schematisch gesehen spielen mehrere Faktoren eine Rolle, die zusammen genommen nach Ayurveda das eigentliche Ich ausmachen, und zwar die fünf Elemente, die für das Materielle des Körpers zuständig sind, und die Psyche, die einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Elemente hat (moderne Lesart: psychovegetative Kopplung) und ihrerseits abhängig ist von äußeren Einflüssen über die Sinnesorgane. Das Ich wird mitbestimmt durch vererbte Komponenten. Es ist, und hier ist mehr der psychische Bereich gemeint, darüber hinaus abhängig von drei angeborenen Geistes-Qualitäten, den Trigunas: Sattva, Rajas und Tamas. Ein Mensch mit überwiegender Sattva-Komponente verfügt über geistiges Gleichgewicht, Klarheit sowie Reinheit von Gedanken und Ideen, fühlt Vergnügen und so weiter. Eine Person mit starkem Anteil der Rajas-Qualität ist voll Energie und Aktivität, und jemand, bei dem die Tamas-Qualität dominiert, besitzt ein Übermaß an Trägheit, Passivität, Verwirrung, Wahn und Unwissenheit. Die Resultante aus dem Zusammenwirken dieser Trigunas kennzeichnet somit den jeweiligen Zustand des Geistes.

Nach Ayurveda ist ein Mensch dann gesund, wenn die normale Verdauung und die exkretorischen Funktionen mit Frieden der Seele, des Geistes und der Sinne verbunden sind. Die Krankheit dagegen ist das Ergebnis eines Ungleichgewichts eines oder mehrerer dieser Faktoren. Eine Feststellung, der wir auch heute voll zustimmen können.

Dosas, die Prinzipien des biologischen Haushalts

So wie Ayurveda drei Qualitäten oder Komponenten im Bereich des Geistes beschreibt, kennt er auch drei Komponenten, die im Zusammenhang mit dem Körper beziehungsweise mit den Elementen stehen und deren Gleichgewicht untereinander maßgeblich für dessen gesundheitlichen Zustand sind. Es sind die drei Grundprinzipien (Dosas) des biologischen Haushalts: Vata, Pitta und Kapha (Tabelle 1). Durch ein Ungleichgewicht dieser drei Grundprinzipien werden strukturelle und funktionelle Elemente des lebenden Körpers geschädigt; auf diese Weise entstehen Krankheiten verschiedener Art.

Unter Vata versteht man eine Art Initiator und Promotor für Bewegung und biologische Aktivität. Pitta ist im allgemeinen verantwortlich für die Bildung von Körperwärme, den Stoffwechsel und bestimmte physiologische Eigenschaften des Individuums. Der Charakter von Kapha besteht mehr in stofflichen Eigenschaften von Körper und Körperteilen.

Krankheitstypen nach Vata, Pitta und Kapha

Psyche und Soma werden bei Ayurveda nicht als getrennte Prinzipien der Persönlichkeitsbildung angesehen, sondern als Aspekte der vererbten psychischen und physischen Konstitution. Je nachdem, welcher Konstitutionstyp vorliegt - entweder ein Vata-, Pitta- oder Kapha-Typ, können typische Erkrankungen auftreten. Dieser Typisierung nach Vata, Pitta und Kapha mit den dafür jeweiligen charakteristischen Erkrankungen könnte man nach westlicher Nomenklatur die Konstitutionstypen des Athleten, des Pyknikers und des Leptosomen gegenüberstellen.

Ayurveda kennt circa 75 verschiedene Krankheiten oder besser gesagt Krankheitsgruppen, die im wesentlichen nach Symptomen oder Symptomenkomplexen eingeteilt sind. Eine Differenzierung oder Beziehung auf bestimmte erkrankte Organe, wie sie in der modernen Medizin vorgenommen wird, ist nicht vorhanden. Behandelt werden die Symptome oder Symptomenkomplexe in erster Linie unter Zugrundelegung des Vata-Pitta-Kapha-Systems. Gezielte pharmakologische Effekte von Arzneimitteln scheinen nur in beschränktem Maß genutzt zu werden.

Therapie: das Gleichgewicht wiederherstellen

Im Wesentlichen konzentriert sich die Therapie auf die Wiederherstellung des Gleichgewichts, indem sie entweder ein Zuviel bestimmter Elemente beseitigt oder ein Zuwenig substituiert.

Bei überaktiven Dosas, also einem Zuviel an Vatta-, Pitta- oder Kapha-Elementen, können zwei Prinzipien bei der Behandlung mit Arzneimitteln eingesetzt werden: Samana und Sodhana. Samana beruhigt lediglich überaktive Dosas, während Sodhana diese aus dem Körper eliminiert. Für die Elimination überaktiver Dosas wird eine Reihe therapeutischer Maßnahmen angegeben. Zunächst werden überaktive Dosas vom Krankheitsort in den Verdauungskanal überführt und zwar durch bestimmte Nahrung oder Getränke, Massage und durch Schwitztherapie. Aus dem Körper entfernt werden sie dann durch Erbrechen lassen, abführen, ölige Einläufe, Einläufe mit Decocten, Einblasen in die Nase oder Aderlass.

o Durch Erbrechen sollen die Kaphas vermindert werden; es wird bei Kapha-Erkrankungen eingesetzt.

o Bei Patienten, bei denen überaktive Dosas in den Verdauungskanal gebracht wurden, werden anschließend Abführmittel gegeben. Abführmittel werden aber auch bei einer Reihe anderer Erkrankungen verabreicht, zum Beispiel bei Hauterkrankungen, Fieber, Störungen im Bereich der Harnwege, Analfistel, Leibschmerzen, Kopfschmerzen, Flatulenz, Herzerkrankungen, Erkältung oder Epilepsie.

o Eine Medizin, die als Einlauf zugeführt wird, wird Basti genannt. Sie wird als die beste Behandlung angesehen, um Vata-Erkrankungen zu eliminieren. Sie führt zur Ausscheidung unerwünschter Exkremente wie Faeces, Schleim, Galle, Flatus und Urin.

o Das Einblasen der Arznei durch die Nase erfolgt insbesondere bei Nackensteifheit, Tonsillitis, Glossitis, Erkrankungen des Nackens, der Schulter, von Mund, Nase, Ohr, Auge, Kopf, bei Facialisparese oder Sprachverlust.

Bei einem Zuwenig an Vata-, Pitta- oder Kapha-Elementen setzt man Arzneimischungen ein, die meist aus vielen Bestandteilen bestehen. Die Arzneimittel des Ayurveda sind in erster Linie pflanzlichen Ursprungs, aber auch mineralische und animalische Produkte werden verwendet.

Aufbauend auf dem Gesetz von der Einheit der Natur, von Mensch, Tier und Pflanzen als Mikrokosmen im Makrokosmos, vertritt Ayurveda den Standpunkt, dass Arzneimittel ähnlich wie der lebende Körper zusammengesetzt seien und den Körper dadurch beeinflussen, dass sie das Verhältnis der seine Zusammensetzung bestimmenden fünf Elemente (Feuer, Wasser, Luft, Himmel und Erde) ändern. Bei der Kombination von einzelnen Arzneistoffen zu einer Arznei werden daher Pflanzen je nach den bei ihnen besonders ausgeprägten und für die Therapie erwünschten Elementen ausgewählt.

Es stellt sich natürlich die Frage, welche Indikatoren das Vorhandensein besonders für die Therapie erwünschter Elemente anzeigen. Der Schlüssel liegt in den Eigenschaften, die durch die Sinnesorgane, hauptsächlich Zunge und Hautsinne, wahrgenommen werden können, zum Beispiel Geschmack oder Gewicht. Bei den wahrnehmbaren Eigenschaften und den Wirkungen der Arzneimittel stehen folgende im Vordergrund:

o Rasa (Geschmack);
o Vipaka (Verwandlungsspektrum im Verdauungsprozess);
o Guna (physikalische Eigenschaften);
o Virya (arzneiliche Wirkungskraft) und
o Prabhava (pharmakodynamische Eigenschaften).

Eigenschaften der Arzneimittel

Rasa (Geschmack) fungiert vor allem als Indikator für die physikochemischen Eigenschaften eines Arzneimittels. Sechs verschiedene Geschmacksarten (Rasas) wie Madhura (süß), Amla (sauer), Lavana (salzig), Katu (scharf), Tikta (bitter) und Kasaya (zusammenziehend) entsprechen Kombinationen von Elementen und den daraus resultierenden Wirkungen auf den Körper. Zum Beispiel wird Madhura Rasa (süß) durch die Kombinationen von Erde und Wasser enthaltenden Pflanzen hervorgerufen (Tabelle 2).

Die simple Vorstellung der materiellen Substitution von Elementen ist noch nicht ausreichend. Vielmehr wird im Ayurveda davon ausgegangen, dass die bei der Anwendung der Arzneimittel über die Sinnesorgane wahrgenommenen "Elemente" direkt von diesen Sinnesorganen an die Psyche und von dort erst an den Körper weitergegeben werden. Wichtig ist, dass die Kombination verschiedener Geschmackstypen (Elemente) nur über eine Kombination mehrerer Drogen, die diese Geschmackseigenschaften besitzen, zu erreichen ist. Daraus erklärt sich die Vielfalt der in einer Rezeptur verwendeten Drogen.

Vipaka bezeichnet den Zustand eines Arzneimittels im Stadium der Umwandlung im Darm. Während des Verdauungsprozesses findet eine Art Umwandlung der Elementzusammensetzung des Arzneimittels statt. Das eigentlich wirksame Prinzip oder Element ist also nicht von Anfang an vorhanden, sondern entsteht erst bei der Verdauung. In der Nomenklatur der westlichen Medizin könnte man von einem "ayurvedischen Prodrug" sprechen.

Gunas, die physikalischen Eigenschaften von Arzneimitteln, rufen nach Ayurveda im Körper ähnliche Eigenschaften hervor, wie sie sie außerhalb des Körpers selbst besitzen. Bei den Gunas werden die Elemente also nicht durch den Geschmackssinn, sondern durch die Tastsinne identifiziert. Die Tabelle 3 zeigt die Elemente, die über die Tastsinne wahrgenommen werden.

Unter Virya wird die Kraft, mit der ein Arzneimittel wirkt, also seine Wirkungsstärke verstanden. Ein Arzneimittel, dem Virya fehlt, obwohl es über Rasas oder Gunas verfügt, ist bei Ayurveda unwirksam. Es scheint also nicht zu genügen, dass bestimmte Elemente vorhanden sind. Nach einer gewissen Einwirkzeit kann ein Arzneistoff seine Virya verlieren (Abklingen der Wirkung nach moderner Terminologie). Ayurveda kennt also auch die begrenzte Wirkungsdauer.

Prabhava bezeichnet eine spezielle Zusammensetzung eines Arzneimittels, die für eine besondere Wirkung, ohne Zuhilfenahme von Rasas und Gunas, verantwortlich ist. Nach der modernen medizinischen Terminologie würde man darunter die pharmakodynamische Wirkung verstehen. So fallen unter Prabhava zum Beispiel die kardiotonische Wirkung von Arjuna (Terminalia arjuna) oder die Antileprawirkung von Khadira (Acacia catechu). Die Wirkungen sind spezifisch für die jeweilige Pflanze, und sie haben nichts zu tun mit Feuer, Wasser, Himmel, Luft und Erde. Zu Prabhava zählt Ayurveda weiterhin Emetika, Laxantien, Narkotika, Antidote und andere.

Verwendete Rezepturen und Drogen

Bei den einzelnen Krankheiten und Krankheitsbildern werden jeweils Einzeldrogen meist pflanzlichen oder mineralischen Ursprungs in den verschiedensten Arzneiformen angewandt, aber auch Mischpräparate. Sie haben circa 450 eigene Namen und Herstellungsvorschriften. Diese sowie die verwendeten Einzeldrogen samt botanischen Namen, finden sich im Handbook of Domestic Medicine and Common Ayueredic Remedies, 1978, desgleichen eine Einteilung der Gunas.

Ayurveda ist keine Mystikmedizin

Wie stellt sich Ayurveda aus der Sicht der so genannten modernen oder westlichen Medizin dar? Man hüte sich, diese Form der Medizin in den Bereich von Mystik-Medizinmännern oder der Scharlatanerie abzuqualifizieren. Berücksichtigt man den Zeitpunkt der Entstehung, so stellt sie eine für die damalige Zeit hohe kulturelle Leistung dar. Freilich hat es Ayurveda versäumt, sich dem naturwissenschaftlichen Erkenntnisstand der jeweiligen Zeit anzupassen, und dies insbesondere in den letzten hundert Jahren, in denen gerade die Schulmedizin erhebliche Fortschritte gemacht hat. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein, zum Beispiel das besondere kulturelle und religiöse Umfeld in Indien, aber möglicherweise auch ein retardierender Einfluss aus der Kolonialherrschaft.

Ayurveda hat auch heute noch wertvolles Gedankengut zu bieten, insbesondere im Bereich der Präventivmedizin, ein zum Teil auch uns geläufiges Gedankengut, das zu vergessen wir im Zeichen immer stärker werdender Spezialisierung auf dem besten Wege sind. Nicht zu vergessen ist die Einbettung des Ayurveda in Kultur und Religion der Inder.

Indischer Weihrauch in der Ayurveda-Medizin

Unter den vielen pflanzlichen Produkten, die die Ayurveda-Medizin einsetzt, befindet sich auch Salai guggal, das Gummiharz des Indischen Weihrauchbaums Boswellia serrata. Nach den philosophischen Grundregeln vermindert Salai guggal Pitta und Kapha. An Geschmackseigenschaften (Rasa) werden ihm herb und bittersüß zugeschrieben; was die physikalischen Eigenschaften anbelangt (Gunna), wird Salai guggal als leicht und trocken bezeichnet. Sein Geschmack nach der Verdauung (Vipaka) gilt als scharf, seine Wirkungskraft (Virya) als erhitzend. Pharmakodynamische Eigenschaften (Prabhava) werden nicht beschrieben (8). In den ayurvedischen Textbüchern Caraka Samhita (1. bis 2. Jahrhundert nach Christi) und Astangahrdaya Samhita (7. Jahrhundert nach Christi) ist Salai guggal Bestandteil von Arzneimitteln zur Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems, der Atemwege, des Gastrointestinaltraktes, in der Frauenheilkunde und bei Erkrankungen der Haut (Tabelle 4).

Unter dem Eindruck, dass sich in Arzneimitteln der ayurvedischen Medizin auch für die moderne Medizin verwendbare Arzneistoffe befinden könnten, werden in Indien in einer Reihe von Forschungslaboratorien Arzneipflanzen der Ayurveda-Medizin auf pharmakodynamische Wirkungen untersucht. In den achtziger Jahren gelang Wissenschaftlern des Regional Research Institute in Jammu der Nachweis, dass Salai guggal beziehungsweise ein alkoholischer Extrakt aus Salai guggal im Tierexperiment antiphlogistisch wirken (14). Ein Extrakt aus Salai guggal wurde in Indien als Mittel gegen rheumatische Erkrankungen unter dem Namen Sallaki zugelassen. Der Mechanismus der antiphlogistischen Wirkung und die für diese Wirkung verantwortlichen Inhaltsstoffe von Salai guggal waren damals nicht bekannt.

1991 beobachteten Ammon und Mitarbeiter erstmals, dass ein Extrakt aus dem Gummiharz von Boswellia serrata (Salai guggal) bei isolierten Leukozyten konzentrationsabhängig die Bildung von LTB4 und anderen 5-Lipoxygenaseprodukten unterdrückte (1).

Boswelliasäuren hemmen die 5-Lipoxygenase

Indischer Weihrauch, aber auch andere Weihraucharten enthalten Schleim, ätherisches Öl sowie Reinharz. 1992 konnte beobachtet werden, dass ein Gemisch von acetylierten Boswelliasäuren die Leukotriensynthese bei isolierten Leukozyten der Ratte unterdrückte. Auf die Bildung von Prostaglandinen hatte dieses Acetylboswelliasäure-Gemisch in vergleichbaren Konzentrationen kaum eine Wirkung (10).

Es stellte sich heraus, dass die Hemmung der Leukotrienbiosynthese durch unterschiedliche Boswelliasäuren erfolgen kann. Am wirksamsten war die Acetyl-11-keto-b -Boswelliasäure mit einer IC50 von 1,5 µM.  Etwas geringer wirksam waren 11-Keto-Boswelliasäure und 11-Keto-diol-b -Boswelliasäure. Die b -Boswelliasäure hatte nur eine teilweise Hemmwirkung und das pentazyklische Triterpen Acetyl-11-keto-a -Amyrin war ohne Effekt, desgleichen eine Methyl-11-keto-b -Boswelliasäure (12). Interessanterweise fand sich bei 3-Oxo-Tirucallsäure sogar eine vermehrte Bildung von 5-Lipoxygenaseprodukten (2). Vermutlich resultiert die Wirkung eines Weihrauchextraktes bei chronisch entzündlichen Erkrankungen aus der Summe der Einzelwirkungen verschiedener Inhaltsstoffe.

Die Wirkung auf die Leukotrienbiosynthese ist auf eine nicht reduktive, nicht kompetitive Hemmung des Enzyms 5-Lipoxygenase zurückzuführen (10). Neben der Hemmung der Leukotriensynthese konnte auch eine Hemmung der Leukozytenelastase und von Plasmin beobachtet werden (11). In wesentlich höheren Konzentrationen als denjenigen, die zur Hemmung der Leukotriensynthese notwendig sind, führte Acetyl-11-keto-b -Boswelliasäure bei HL 60-Lymphomazellen zur Proliferationshemmung und zur Apoptose (7). Ähnliche Befunde wurden bei Glioblastomzellen erhoben (4).

Klinische Befunde

Was die klinischen Beobachtungen angeht, so gibt es eine Reihe von nicht veröffentlichten Untersuchungen, die eine Wirkung von Weihrauchextrakten beziehungsweise des im Handel befindlichen, aus Indien verfügbaren Präparates H 15 bei chronischer Polyarthritis nahe legen (13).

Bei verschiedenen chronischen Erkrankungen spielt die vermehrte Bildung von Leukotrienen vermutlich eine Schlüsselrolle, zum Beispiel bei chronischer Polyarthritis, rheumatoider Arthritis, Asthma oder entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Diese Erkrankungen sollten auf Weihrauchextrakt oder Boswelliasäuren ansprechen.

Angeregt durch die In-vitro-Ergebnisse zur Hemmung der Leukotriensynthese wurden in Indien Pilotstudien zur Wirksamkeit eines Extraktes aus Boswellia serrata bei Patienten mit Colitis ulcerosa und Asthma bronchiale angestellt. Dabei führte der Extrakt bei Patienten mit Colitis ulcerosa, Schweregrad II und III, nach sechswöchiger Behandlung zu einer deutlichen Abnahme von Durchfall, Schleim im Stuhl, Blut im Stuhl und abdominalem Schmerz. Wesentliche Besserungen fanden sich auch bei den Entzündungserscheinungen der Darmschleimhaut, zum Beispiel in den Krypten, bei Abszessen und Erosion der Schleimhaut. Die Ergebnisse waren vergleichbar mit denen, die durch Sulfasalazin als Referenzpräparat erzielt wurden. Die Remissionsrate betrug in beiden Fällen circa 80 Prozent (6). Kürzlich wurde über ähnliche Ergebnisse bei Morbus Crohn berichtet (Gerhardt, Z. f. Gastroenterologie, im Druck).

Bei Asthma-Patienten verbesserte die dreimal tägliche Gabe von 300 mg eines indischen Weihrauchproduktes die Atemnot und reduzierte deutlich die Asthmaanfälle (5). Bei Patienten mit Hirntumoren sprach das peritumorale Ödem deutlich auf die Verabreichung hoher Dosen eines Weihrauchextraktes (H 15) an (3, 15).

Nebenwirkungen sind außer einigen gastrointestinalen Unverträglichkeiten bisher nicht bekannt geworden.

So stehen mit dem Extrakt aus Weihrauch oder seinen Inhaltsstoffen möglicherweise in der Zukunft wertvolle Arzneimittel gegen schwerwiegende Erkrankungen mit einem nur geringen Nebenwirkungspotenzial zur Verfügung. Anzustreben sind valide klinische Studien, die weitere Beweise für die Wirksamkeit liefern. Allerdings kann eine ärztlich unkontrollierte Verabreichung von Weihrauchprodukten keinesfalls empfohlen werden, da sich im Weihrauch auch Stoffe befinden, die die Leukotriensynthese steigern und damit sogar eine Verschlimmerung des Krankheitsbildes bewirken können (9). Auch wegen der Schwere der mit Weihrauch potenziell behandelbaren Erkrankungen ist eine Standardisierung auf wichtige repräsentative Inhaltsstoffe, zum Beispiel einige Boswelliasäuren, oder auch eine biologische Standardisierung unerlässlich.

Literatur

(1) Ammon, H. P. T., et al., Inhibition of leukotriene B4 formation in rat peritoneal neutrophils by an ethanolic extract of the gum resin exudate of Boswellia serrata. Planta Med. 57 (1991) 203 – 207.
(2) Boden, S. E., et al., Identification of a genuine triterpene from the gum of Boswellia serrata with 5-lipoxygenase activity stabilizing properties. Naunyn-S. Arch. Pharmacol. 357 S (1998) R 40.
(3) Böker, D.-K., Winking, M., Die Rolle von Boswellia-Säuren in der Therapie maligner Gliome. Dt. Ärztebl. 94 (1997) A-1197 – 1199. Janßen, G., et al., Boswellic acids in the palliative therapy of children with progressive or relapsed brain tumor. Klin. Pädiatr. 212 (2000) 189 – 195.
(4) Glaser, T., et al., Boswellic acids and malignant glioma: induction of apoptosis but no modulation of drug sensitivity. Br. J. Cancer 80 (1999) 756 - 765.
(5) Gupta, I., et al., Effects of Boswellia serrata gum resin in patients with bronchial asthma: results of a double-blind, placebo-controlled, 6-week clinical study. Eur. J. Med. Res. 3 (1998) 511 – 514.
(6) Gupta, I., et al., Effects of Boswellia serrata gum resin in patients with ulcerative colitis. Eur. J. Med. Res. 2 (1997) 37 – 43.
(7) Hoernlein, R. F., et al., Acetyl-11-keto-beta-boswellic acid induces apoptosis in HL-60 and CCRF-CEM cells and inhibits topoisomerase I. J. Pharmacol. Exp. Ther. 288 (1999) 613 – 619.
(8) Kreck, C., Saller, R., Herbal drugs of foreign cultures and medical systems exemplified by Indian incense. Considerations regarding social and insurance medicine expert assessment. Versicherungsmedizin 51 (1999) 122 - 127.
(9) Safayhi, H., Concentration-dependent potentiating and inhibitory effects of Boswellia extracts on 5-lipoxygenase product formation in stimulated PMNL. Planta Med. 66 (2000) 110 - 113.
(10) Safayhi, H., et al., Boswellic acids: novel, specific, nonredox inhibitors of 5-lipoxygenase. J. Pharmacol. Exp. Ther. 261 (1992) 1143 - 1146.
(11) Safayhi, H., et al., Inhibition by boswellic acids of human leukocyte elastase. J. Pharmacol. Exp. Ther. 281 (1997) 460 – 463.
(12) Safayhi, H., Sailer, E.-R., Ammon, H. P. T., Mechanism of 5-lipoxygenase inhibition by acetyl-11-keto-beta-boswellic acid. Mol. Pharmacol. 47 (1995) 1212 - 1216.
(13) Safayhi, H., Ammon, H. P. T., Pharmakologische Aspekte von Weihrauch und Boswelliasäuren. Pharm. Ztg. 142, Nr. 39 (1997) 3277 – 3286.
(14) Singh, G. B., Atal, C. K., Pharmacology of an extract of salai guggal ex-Boswellia serrata, a new non-steroidal anti-inflammatory agent. Agents Actions 18 (1986) 407 – 412.
(15) Winking, M., Boswellic acids inhibit glioma growth: a new treatment option? J. Neuro-Oncol. 46 (2000) 97 – 103.

Anmerkung:
Eine ausführliche Fassung dieses Beitrages wird im Januar 2001 in dem Buch "Arzneimittel der komplementären Medizin" im Govi-Verlag erscheinen. Dieses Buch bietet einen umfassenden Überblick über theoretische Hintergründe und Therapiekonzepte verschiedener komplementärer Therapieverfahren. Besprochen werden unter anderem von Phytotherapie, Homöopathie, Biochemie, Anthroposophie, Hildegard-Medizin, Spagyrik, Bachblüten, Aromatherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und Kampo-Medizin.

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Hermann P. T. Ammon
Pharmakologie für Naturwissenschaftler
Pharmazeutisches Institut
Universität Tübingen
Auf der Morgenstelle 8
72076 Tübingen

 

Tabelle 1: Die drei Grundprinzipien des biologischen Haushalts (Dridosas)

DosaEinfluss auf Vata (Himmel und Luft) Muskelbewegung

Herztätigkeit

Kreislauf

Atmung

Exkretionsvorgänge Pitta (Feuer und Erde) Verdauung/Stoffwechsel (Anabolismus, Katabolismus)

Funktion des Auges

Färbung von Blut, Haut und Urin Kapha (Erde und Wasser) Das Materielle der Organe: Gehirn, Magen, Zunge, Herz

 

Tabelle 2: Geschmacksvarianten (Rasas) von Arzneistoffen als Indikatoren für bestimmte Elemente

RasaElemente Süß (Madhura) Erde und Wasser Sauer (Amla) Erde und Feuer Salzig (Lavana) Wasser und Feuer Scharf (Katu) Luft und Feuer Bitter (Tikta) Luft und Himmel Zusammenziehend (Kasaya) Luft und Erde

 

Tabelle 3: Physikalische Eigenschaften (Gunas) von Arzneistoffen, die für das Vorliegen bestimmter Elemente (Mahabhutas) sprechen

GunaElement Fest und schwer Erde Flüssig und kühl Wasser Heiß und scharf Feuer Rau und bewegend Luft Hell und geräumig Himmel

Tabelle 4: Anwendung von Zubereitungen aus der Rinde oder dem Harz von Boswellia serrata

OrgansystemZubereitungNervensystem

Tollheit, Ohnmacht, Epilepsie, "Vertreibung von Dämonen", Verwirrtheit, Ruhelosigkeit, Wahnsinn

Um Wohlbefinden zu erzeugen  

Oral einzunehmende Abkochung

 

 

Rauch, Inhalationen Magen-Darm-Kanal

Durchfall, "schlimme Winde", Stuhlverhalten, verfärbter Stuhl, Erbrechen Abkochung Atemwege

Husten, Heiserkeit, Atemnot, Schnupfen, Lösen von Schleim Inhalation von Rauch, oral einzunehmende Abkochung Frauenheilkunde

Uteruserkrankungen, Geschlechtskrankheiten

"Um unfruchtbare Frauen eines Sohnes teilhaftig zu machen"  

Lokal anwendbare Abkochung

 

Oral einzunehmende Abkochung

Top

© 2000 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa