Pharmazeutische Zeitung online

Gartenparadies für Kunstfreunde

20.12.1999  00:00 Uhr

-TitelGovi-Verlag

HORTUS EYSTETTENSIS

Gartenparadies für Kunstfreunde

von Werner Dressendörfer, Bamberg

Schon Carl von Linné, der Begründer der modernen Botanik, sprach von einem "incomparabile opus", einem unvergleichlichen Werk. Er meinte damit den "Hortus Eystettensis": jenen realen Garten, den sich der Eichstätter Fürstbischof Johann Konrad von Gemmingen (1593/1612) am Beginn des 17. Jahrhunderts auf seiner Willibaldsburg anlegen ließ und zugleich auch den gleichnamigen Bildband, der die dort kultivierten Pflanzen auf 367 großformatigen Kupfertafeln im Bild festhält. 1613 wurde dieser unter dem Namen des Nürnberger Apothekers Basilius Besler (1561 bis 1629) in der Noris gedruckt.

Während die von Zeitgenossen gerühmte Gartenanlage nur etwa ein halbes Jahrhundert bestand, hat ihr gedrucktes Spiegelbild als Buch und insbesondere als beliebter graphischer Wandschmuck in Form nachträglich kolorierter Einzelblätter in relativ großer Zahl bis heute überdauert. Äußerst selten sind dagegen jene Bände, die bereits in der Entstehungszeit ihr prachtvolles Kolorit erhielten. Nur etwa zwanzig Exemplare sind heute noch bekannt (1). Sie werden als Rarissima sorgsam gehütet und gehören zu den normalerweise nicht zugänglichen Schätzen großer öffentlicher und privater Sammlungen. Dennoch kann jeder Interessierte den bischöflichen Garten auch heute noch - zumindest in Gedanken - problemlos betreten: Im farbigen Nachdruck des altkolorierten Exemplars der Eichstätter Universitätsbibliothek (2) blätternd, eröffnen sich ihm die Schönheiten und exotischen Besonderheiten, die einstmals der Kirchenfürst stolz seinen hohen Besuchern zeigte.

Bischof Johann Konrad, am Ende seiner Tage von Gicht und Podagra geplagt, schuf sich mit seiner Gartenanlage nicht nur ein bemerkenswertes Stück Lebensqualität, das ihm den Aufenthalt auf seiner Burg verschönte und ihn seine Gebrechen wenigstens zeitweise vergessen ließ. Er befriedigte mit ihr auch die in der Renaissance besonders weit verbreitete Vorliebe vermögender Herren, die Natur in all ihren Erscheinungsformen sammelnd zu dokumentieren, um auf diese Weise ein überschaubares Abbild eines Teils der Naturgeschichte zu erhalten. Es ist nur zu verständlich, dass dabei besonders das Seltene und Ungewöhnliche, das Exotische und von der Norm Abweichende reizvoller und verlockender war als das alltäglich Vertraute (3). Zudem stand gerade auch einem hohen geistlichen Würdenträger eine solch gelehrte Liebhaberei gut an, denn das Staunen über die Schöpfung und die Freude an ihr wurden zum Lobpreis des Schöpfers, der auf dem Titelblatt des "Hortus Eystettensis" Adam, stellvertretend für die gesamte Menschheit, die Tiere und Pflanzen des Paradieses zeigt.

Besler: Apotheker, Sammler, Gartenliebhaber, Verleger

Basilius Besler, dem selbstbewussten und wohl auch geschäftstüchtigen Nürnberger Apotheker, mögen solche zeittypischen religiösen Gedanken zwar nicht fremd gewesen sein; dennoch war der Blickwinkel, unter dem er die Natur betrachtete, berufsbedingt sicherlich ganz überwiegend vom frühen naturwissenschaftlichen Interesse bestimmt. Als Beleg hierfür müssen wir die vier Zwischentitel ansehen, die mit identischer Graphik jeweils am Beginn der jahreszeitlichen Abteilungen stehen. Salus mit der Elixierflasche und Flora mit dem Blumenkorb thronen als Personifikationen der Heilkunst und der Pflanzenwelt auf den Säulen einer bühnenartigen Architektur, in der sich zahlreiche Vertreter aller drei Naturreiche finden. Im Vordergrund erinnern uns Apothekenstandgefäße und Destillierapparaturen deutlich an die pharmazeutische Verarbeitung dieser Substanzen zu heilsamen Arzneien. Über allem jedoch prangt das Wappen Beslers und bildet damit unübersehbar und unmissverständlich das Gegenstück zu dem des Bischofs, dem er an gleicher Stelle auf dem Titelblatt zwangsläufig den Vortritt lassen musste.

Dass sich der Name Beslers überhaupt so eng mit dem "Hortus Eystettensis" verbindet, ist auf einen Zufall zurückzuführen. Ursprünglich hatte der Bischof den als Botaniker ausgewiesenen Nürnberger Arzt Joachim Camerarius (1534 bis 1598) mit der Planung und Anlage des Gartens betraut, musste sich nach dessen unerwartetem Tod allerdings nach einem geeigneten Nachfolger umsehen. Die Wahl fiel auf Besler, der als Sammler (4) und Gartenliebhaber bekannt war, so dass sich die Absichten Gemmingens und die Interessen Beslers weitestgehend zu decken versprachen.

Offenbar war es Besler, der dem Bischof vorschlug, die mit großem Aufwand zusammengetragenen Pflanzen nun auch im Bild festzuhalten. Er wollte den repräsentativen Band Johann Konrad "dedicieren", zugleich aber auch als Verfasser und Verleger seinen eigenen "Ruhm und profitt darmit suchen" (5). Wir können heute nicht mehr im Einzelnen entscheiden, wem welcher Anteil an den einzelnen Phasen der Entstehung und Vermarktung des Werkes zukam. Die nach und nach geleisteten hohen Zahlungen des Bischofs und seines Nachfolgers Christoph von Westerstetten (1612/1636) machen aber zumindest deutlich, dass Besler den Geld gebenden Fürsten nachhaltig schmackhaft machen konnte, was auch seinen eigenen Interessen entgegenkam.

Beeindruckende Pracht

Trotz der Federführung durch einen Apotheker entstand mit dem Hortus Eystettensis aber kein herkömmliches Kräuterbuch, bei dem die medizinisch-pharmazeutische Verwendbarkeit der Gewächse das alles entscheidende Auswahlkriterium gewesen wäre. Unverkennbar sollte der Garten in erster Linie durch seine Schönheit erfreuen und durch seine Pracht beeindrucken. Dass darüber hinaus die Auswahl der Pflanzen das gelehrte Studium anregte, war ein gerne akzeptierter Nebeneffekt, der das ganze Unternehmen ideal abrundete. Nicht die botanische Wissenschaft stand im Vordergrund, sondern die hortologische Praxis.

Daher gibt der Druck das Aussehen der kultivierten Pflanzen zumeist in natürlicher Größe wieder, so wie sie der Besucher beim Spaziergang durch die Anlage im jahreszeitlich wechselnden Gartenflor vorfand, und übernimmt als Ordnungsprinzip auch die saisonale Abfolge von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die zudem durch Zwischentitel akzentuiert wird. Gleichermaßen wird so die fachliche Sicht des Botanikers befriedigt und die Vorfreude des Blumenliebhabers auf ein beglückendes Gartenjahr anregt. Deshalb wollen wir den Hortus Eystettensis im folgenden auch nicht streng botanisch betrachten. Vielmehr sollen die kunstvollen Darstellungen - dem Geist ihrer Entstehungszeit folgend - dazu anregen, ein wenig über die Geschichte einzelner Pflanzen und die mit ihnen verbundenen Geschichten zu erfahren.

Frühlingsblüher: Anemonen, Hyazinthen, Narzissen

Auf 134 Tafeln werden die Frühlingsblüher vorgestellt, wobei die ersten 14 Blätter überwiegend verholzten Pflanzen, also Bäumen und Sträuchern, gewidmet sind. Der Buchs, Buxus sempervirens, eröffnet die lange Reihe der fast 1100 Gewächse. Obwohl er keine auffällig gefärbten Blüten trägt, war er seit der Renaissance aus den Gärten nicht mehr wegzudenken, denn als niedrige Hecke betonte er oftmals die Ränder kunstvoll geformter Blumenbeete und ließ sich als Busch gut in Form schneiden. Größer und farbenprächtiger nimmt sich dagegen der Flieder aus, den Besler als Begleiter des Buchsbaums vorstellt. Der weiß und violett blühende Strauch war damals erst vor etwa fünfzig Jahren über Konstantinopel nach Europa gekommen und hatte sich schnell die Gärten erobert, wo er als "Syringsbaum" bekannt wurde.

Anemonen, Aurikeln, Veilchen, Storchschnäbel und Hahnenfußarten blühen jeweils mit mehreren Vertretern in der Ersten Ordnung des Frühlings. Wie bei vielen anderen Pflanzen auch, verbinden sich mit ihnen oftmals alte Sagen und Legenden, die den Blumen über ihre rein botanischen Merkmale hinaus phantasievolle und liebenswerte Identität verleihen. So erklärte man schon in der Antike die auffällige rote Blütenfarbe mancher Anemonen damit, dass sie aus dem Blut des von einem Eber getöteten schönen Jünglings Adonis entstanden seien, während aus den Tränen Aphrodites, die diese über den Verlust ihres Geliebten vergoss, die weißblühenden Anemonen hervorgingen.

Auch eine Garten-Anekdote des 17. Jahrhunderts rankt sich um die Windröschen: Damals besaß ein französischer Gartenliebhaber derart prachtvolle Exemplare, dass er sie seinen Freunden zwar gerne zeigte, deren drängenden Bitten nach Samen aber hartnäckig widerstand. Als er wieder einmal einen Gast stolz durch den Garten führte, ließ dieser wie zufällig seinen pelzbesetzten Mantel absichtsvoll auf die bereits Samen tragenden Pflanzen fallen, um später überglücklich die im Pelz haften gebliebenen Samenkörner einzusammeln und erfolgreich anzupflanzen.

Ganz besonderes Interesse fanden offenbar bei Gemmingen wie bei Besler die Hyazinthen, Narzissen und Tulpen, die jeweils auf mehreren Tafeln erscheinen. Auch wenn die Blütenstände der Hyazinthen noch nicht die heute gewohnte Fülle besaßen, waren die im 16. Jahrhundert in die europäischen Gärten gekommenen Blumen wegen ihres Duftes und ihres extravaganten Aussehens sehr geschätzt. Der Name, in der Antike für eine andere, heute unbekannte Pflanze gebraucht, erinnert an einen schönen Jüngling, den Apoll und Zephir gleichermaßen liebten. Als sich aber Hyakinthos dem Sonnengott zuwandte, rächte sich der Gott des Westwindes schrecklich: Er lenkte einen Windstoß so, dass ein fehlgeleiteter Diskus den Epheben erschlug. Apoll, voller Verzweiflung, aber unfähig ihn wieder zum Leben zu erwecken, verwandelte ihn in die Hyazinthe. Sie galt den Griechen als Todesblume, zumal sie nach einer anderen Überlieferung aus dem Blut des von Athene mit Wahnsinn geschlagenen heldenhaften Ajax entstand, als dieser sich, rasend, in sein Schwert stürzte.

Ebenfalls tragische Erzählungen verbinden sich mit der Narzisse. Sie wurde nach Narkissos benannt, dem wegen seiner Schönheit Vielgeliebten, der jedoch alle Zuneigung eitel ausschlug. Von einem verschmähten Liebhaber um Hilfe gerufen, verdammte Nemesis, die Göttin der Rache, ihn dazu, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Als er dieses daraufhin im Wasser des Sees Helikon erblickte, konnte er sich nicht mehr von ihm lösen und starb entkräftet am Ufer. Plinius dagegen erklärt den Namen als Ableitung des griechischen Wortes "narke", Schlaf, Betäubung, das sich bis heute im Begriff Narkose erhalten hat. Angeblich war der Duft so stark, dass er die Besinnung rauben konnte, weshalb das Haar der Erinyen mit den Blüten geziert war, um die von diesen Rachegeistern Gejagten auf ihrer Flucht zu lähmen.

Tulpomanie in der frühen Barockzeit

Eine ganz besondere Stellung unter den Gartenpflanzen der frühen Barockzeit nahmen die Tulpen ein. 54 Arten zeigt der Hortus Eystettensis, obwohl es nur rund ein halbes Jahrhundert her war, dass sie erstmals in deutschen Gärten blühten. Bald erfreuten sie sich zunehmender Beliebtheit und wurde zum begehrten Mittelpunkt der Gärten.

Der Wunsch, möglichst seltene Färbungen und Blütenformen zu besitzen, führte jedoch zu eigenartigen Auswüchsen, die unter der Bezeichnung "Tulpomanie" in die Kulturgeschichte eingegangen sind. Die zunehmende Verbindung von Blumenliebhaberei und börsenähnlicher finanzieller Spekulation führte zu phantastischen Preisen für einzelne Blumenzwiebeln, die nicht selten in einer Art von Warentermingeschäften gehandelt wurden. Im Januar 1637 brach dieser Lufthandel endgültig zusammen, was nicht wenige Beteiligte ruinierte. Der Beliebtheit der Tulpen tat dies jedoch keinen Abbruch. Vielmehr konnten sie nun, nach der Normalisierung der Preise, von jedermann kultiviert und gezüchtet werden

Rosen und Götterblumen für den Sommer

Prachtvolle Kaiserkronen und Lilien leiten über zu den Rosen mit sechs und den Pfingstrosen mit neun Tafeln. Rose und Pfingstrose sind uns heute nur noch als Zierpflanzen vertraut, doch sollten wir nicht vergessen, dass sie früher als Heilpflanzen geschätzt und viel gebraucht wurden. Das Rosenwasser, Aqua Rosae, spielt heute noch in der Parfümerie und bei der Marzipanherstellung eine Rolle, während der früher bei Mundfäule eingesetzte Rosenhonig, Mel rosatum, fast ganz verschwunden ist.

Die Pfingstrose wird nur noch in der Homöopathie vereinzelt verwendet; in früheren Zeiten und noch lange in der Volksheilkunde war sie aber ein wichtiges Mittel gegen die "Frais" und das "Schrecken", also epilepsieartige Anfälle von Kindern. Dagegen sollten die zu Halsketten aufgereihten Samen, die "Fraisperlen", helfen. Da dieses Krankheitsbild auch als "Gicht" oder "Gegicht" bezeichnet wurde, bürgerte sich für die Pflanze der Name "Gichtrose" ein, von dem - sprachlich aber missverstanden - auf die Anwendung bei der echten Gicht geschlossen wurde.

Um eine wirkliche Heilpflanze, die in der Medizin und der Volksheilkunde schon lange und zu Recht verwendet wird, handelt es sich dagegen beim Beinwell. Er erscheint im Hortus Eystettensis in drei unterschiedlichen Blütenfärbungen. Viele seiner alten Namen - Symphytum, Consolida, Solidago, Beinwell, Wallwurz - bedeuten "zusammenwachsen" und beziehen sich damit auf die Wundheilungs-fördernde Wirkung, die insbesondere auch zur Heilungsbeschleunigung bei Knochenbrüchen geschätzt wurde. "Beinwell" bedeutet also keineswegs "gut für die Beine", wie eine Gesundheitsillustrierte vor einigen Jahren in tollkühner Ableitung vom Englischen "well" behauptete, sondern setzt sich aus den althochdeutschen Begriffen "Bein" für Knochen und "wallen" für innig vermischen zusammen.

Als "Götterblume" bezeichnete Linné die Gartennelke, als er ihr den botanischen Namen "Dianthus" gab, und mit den Göttern verbindet sich auch die klassische Sage ihrer Entstehung. Diana stieß eines Tages nach erfolgloser Jagd auf einen zufrieden auf seiner Schalmei blasenden Hirten und vermutete, dieser habe mit seinem Spiel das Wild verscheucht. Wutentbrannt riss sie ihm beide Augen aus und warf sie fort. Nach einiger Zeit überkam sie Reue und sie verwandelte die Augen des Unglücklichen in die schönen Blüten der Nelke, deren französischer Name "oeillet", Äuglein, noch heute an diese von Ovid überlieferte Erzählung erinnert. Mit Frankreich verbindet sich auch eine andere Schilderung, die behauptet, die Pflanze sei vom Heer König Ludwigs IX. 1270 bei der Belagerung der nordafrikanischen Stadt Tunis entdeckt und wegen ihres schönen Aussehens und intensiven Geruchs mit nach Hause gebracht worden, wo sie schnell die Gärten schmückte und durch Kreuzungen weitergezüchtet wurde.

Der deutsche Name Nelke wird erst im 15. und 16. Jahrhundert wegen des intensiven Geruchs von der Gewürznelke auf die Gartennelke übertragen. Sie hieß wegen der an einen Nagel erinnernden Form ihrer Blütenknospen schon länger "Nägelchen", woraus sich der uns heute geläufige Pflanzenname herausbildete.

Herbst: Goldapfel, Paprika und Papas Peruanorum

Mit den Augen unserer Zeit betrachtet, erinnert der Herbst-Teil des Hortus Eystettensis eher an einen Gemüse- als einen Blumengarten. Eine solche Einschätzung übersieht aber völlig, dass viele der abgebildeten Pflanzen am Beginn des 17. Jahrhunderts noch bestaunte und seltene Exoten in europäischen Gärten waren. Das gilt für die Tomate ebenso wie für die Aubergine und den Paprika, die den Abschnitt eröffnen. Als "Paradeiser", als Paradiesapfel, kennt jeder Österreich-Urlauber jene rote Beerenfrucht, die bei uns in Anlehnung an ihren ursprünglichen indianischen Namen "tomatl" Tomate genannt wird.

Der Hortus Eystettensis verwendet keine der beiden Bezeichnungen, sondern spricht im Text von "Goltöpffel" und "Lieböpffel" und nennt dementsprechend auf den Tafeln als lateinischen Namen "Poma amoris". Zugegeben, diese Bezeichnung ist sehr hübsch; sie verdankt ihre Entstehung jedoch einer sprachlichen Missdeutung. Da die Tomaten von Nordafrika aus nach Italien gelangten, nannte man sie "pomo dei mori", Maurenapfel, und die gelbfrüchtigen Exemplare "pomo d'ore", Goldapfel, was sich im heutigen Italienisch als "pomodore" erhalten hat. In Frankreich wurde aus dem ursprünglichen Maurenapfel ein "pomme d'amour", der dann als Liebesapfel auch ins Deutsche Eingang fand, zumal man den ursprünglich als Lebensmittel nicht genutzten Früchten aphrodisische Wirkungen nachsagte.

Seine schönen und auffälligen Früchte machten auch den Paprika als Zierpflanze interessant. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Europa bekannt geworden, wurde er hier in den Gärten kultiviert, gelangte zugleich aber auch von Spanien nach Griechenland, in die Türkei und auf den Balkan. Die Ungarn, aus deren Küche er uns heute nicht mehr wegzudenken scheint, lernten ihn vermutlich während der türkischen Besetzung kennen. In Deutschland eroberte er erst in unserem Jahrhundert als Gewürz und Gemüse nach und nach die Märkte. Aus Paprika isolierte Albert Szent Györgyi das Vitamin C in solchen Mengen, dass er dessen chemische Struktur bestimmen konnte. Für diese Forschungen erhielt er 1937 den Medizin-Nobelpreis.

Wie viele andere Pflanzen fand Paprika in der Barockzeit auch Aufnahme in die Pflanzensymbolik. Er galt als warnendes Beispiel für die verderbliche Überschätzung irdischen Prunks, der zwar prachtvoll anzusehen ist wie die tiefroten, glänzenden Paprikafrüchte, bei denen aber schon ein Biss den brennenden Geschmack offenbart, ebenso wie die Seele des Menschen zu verbrennen droht, wenn er nur auf den äußeren Schein sieht.

Den ebenfalls aus Amerika stammenden Tabak lernen wir in drei verschiedenen Arten kennen. Kolumbus hatte bereits bei seiner ersten Reise die Eingeborenen Tabakrauch "trinken" sehen, eine Sitte, die sich von England ausgehend auch in Europa einbürgerte, während man am französischen Hof das Tabakschnupfen vorzog. Bereits in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird in Deutschland Tabak in größerem Umfang angebaut und nicht nur als Genussmittel verwendet. In der Medizin dient er zur innerlichen und äußerlichen Anwendung bis hin zum analeptischen Tabakrauch-Klistier. Den früher üblichen deutschen Namen "Heil aller Welt" können wir allerdings heute, nach Kenntnis der gravierenden Nebenwirkungen der Tabakprodukte, nicht mehr unterstützen.

Nicht die Früchte wie bei Tomate oder Paprika und auch nicht die Blätter wie beim Tabak werden heute von den "Papas Peruanorum" verwendet; unser Interesse richtet sich vielmehr auf die Knollen. Da diese entfernt an die begehrten Trüffel erinnern, nannte man sie im Italienischen "tartufuli", woraus sich unser deutsches Wort ableitet: Kartoffel. Schon Pizarro lernte sie auf seinen Feldzügen in den Andenländern als Kulturpflanze kennen, aus der in einem komplizierten Herstellungsvorgang ein lang haltbares Nahrungsmittel hergestellt werden konnte. Dennoch dauerte es in Deutschland bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, bis der Kartoffelanbau im großen Umfang eingeführt war. Die Essgewohnheiten änderten sich in der Folge und man schätzte den angenehmen Geschmack und die gute Bekömmlichkeit so sehr, dass Matthias Claudius sogar ein "Kartoffellied" schrieb:

Schön rötlich die Kartoffeln sind Und weiß wie Alabaster! Sie däun sich lieblich und geschwind Und sind für Mann und Weib und Kind Ein rechtes Magenpflaster.

Christrose und Schneeglöckchen zur Winterzeit

Der Winter ist mit nur sieben Tafeln recht kurz vertreten. Die Schnee- oder Christrose, eine der drei abgebildeten Helleborus-Arten, dominiert das erste Blatt. Ihr deutscher Name weist ebenso wie der des Winterlings und des Schneeglöckchens direkt in die ganz kalte Jahreszeit, in der auch der Eichstätter Garten unter der weißen Decke verborgen blieb. Aber Küchenschelle, Seidelbast, Huflattich, mehr noch Märzenbecher und Frühlings-Adonisröschen fungieren als erste Boten der kommenden hellen und farbenfrohen Zeit, in der sogar die Pracht der Kupferstiche im Hortus Eystettensis übertroffen wird von der Vielfalt und Schönheit der Natur.

Ein neuer Garten

1998 wurde auf der Schmiede-Bastion der Willibaldsburg wieder ein Garten eingerichtet, der ausschließlich Pflanzen zeigt, die ehemals auch im Hortus Eystettensis kultiviert wurden. Der von Ostern bis Ende Oktober geöffnete Garten ist in der Form eines aufgeschlagenen Buches angelegt um die Verbindung von realer Anlage und gedrucktem Werk zu verdeutlichen.

Anmerkungen und Literatur

  1. Eine Übersicht über die altkolorierten Exemplare gibt Nicolas Barker, Hortus Eystettensis. The Bishop's Garden and Besler's magnificent Book. London 1994.
  2. Der Garten von Eichstätt. Das Pflanzenbuch von Basilius Besler. Mit einer Einführung von Klaus Walter Littger und botanischen Erläuterungen von Werner Dressendörfer. Köln, 1999. Dort auch weiterführende Literatur.
  3. Da solche Sammlungen praktisch immer auch Kunstobjekte aus oder mit natürlichen Bestandteilen, zum Beispiel Korallenbäumchen in Edelmetallfassung, Kokosnussbecher oder Nautiluspokale, enthielten, bürgerte sich die Bezeichnung "Kunst- und Wunderkammer" ein.
  4. Seine eigene Kunst- und Wunderkammer stellte Besler 1616 mit dem "Fasciculus rariorum et aspectu dignorum varii generis quae collegit et suis impensis aeri ad vivum indici curavit atque evulgavit Basilius Besler ..." im Bild vor. 1622 folgte eine "Continuatio rariorum et aspectu ...".
  5. Diese Äußerung des Bischofs wurde von Philipp Hainhofer festgehalten. Zitiert nach Häutle, Chr., Die Reisen des Augsburgers Philipp Hainhofer nach Eichstätt, München und Regensburg in den Jahren 1611, 1612 und 1613. Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 8 (1881) 27.

Anschrift des Verfassers:
Dr. Werner Dressendörfer,
Lange Straße 30,
96047 Bamberg
Top

© 1999 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa