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Spannung im Kreuz

13.12.1999  00:00 Uhr

-TitelGovi-Verlag

RÜCKENSCHMERZEN

Spannung im Kreuz

von Elke Wolf, Rödermark

Jüngste Ergebnisse der Schmerzforschung sind faszinierend und revolutionär zugleich. Man stelle sich vor: Wissenschaftler können heute dem menschlichen Gehirn dabei zusehen, wie das Gefühl Schmerz entsteht. Sie sehen auch, was sich im Zentralorgan verändert, wenn etwa Rückenschmerzen den Geplagten über längere Zeit malträtieren. Außerdem haben sie ein bestimmtes Gen identifiziert, das darüber entscheidet, wie wehleidig ein Mensch reagiert. Doch das Erbe allein macht nicht alles. Auch Lernprozesse spielen eine Rolle. Kinder von chronischen Rückenschmerz-Patienten leiden beispielsweise länger als Kinder von gesunden Eltern, wenn sie Schmerzen haben. Mit dem Wissen wächst das Staunen - und hoffentlich auch die therapeutischen Interventionsmöglichkeiten bei Rückenschmerzen.

Nichts kommt die Gesellschaft teurer zu stehen als die Annehmlichkeiten, in denen sie lebt. In der Tat: Der Rücken scheint für die Gewohnheiten der Wohlfahrtsgesellschaft büßen zu müssen. Bewegungsmangel, Übergewicht und Stress entpuppen sich auf die Dauer als rückenfeindliches Trio. Verschleißerscheinungen und Verspannungen lassen das früher oder später schmerzhaft bewusst werden. Kaum ein Mensch in Industrienationen, der noch nie Rückenschmerzen hatte. Bei Umfragen gibt jeder dritte Erwachsene an, gerade Rückenschmerzen zu haben, achtzig Prozent berichten über Beschwerden im vergangenen Jahr. Bei etwa zehn bis 15 Prozent sind die Beschwerden chronisch, sie halten also länger als drei Monate an. Auf jeder fünften Krankschreibung stehen "Dorsopathien"; deshalb bleiben rund siebzig Millionen Arbeitstage pro Jahr auf der Strecke. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch die Fehltage entsteht, und die Kosten für Arztkonsultationen, Diagnostik, Medikation und Rehabilitation schlagen mit 33 Milliarden DM zu Buche. Übrigens beanspruchen die eingesetzten Arzneimittel nur 1,5 Prozent der Gesamtkosten für sich, hat eine aktuelle Rückenschmerz-Kostenanalyse (12) ergeben.

Auf dem Rücken ausgetragene Krankheiten

Die Wirbelsäule hält uns aufrecht und gleichzeitig einiges aus. Doch wenn sie zu stark belastet oder einseitig strapaziert wird, protestiert sie. Es gibt über 500 verschiedene Ursachen von Rückenschmerzen. Die häufigsten sind im Folgenden aufgeführt. Meist sind plötzlich auftretende Rückenschmerzen selbst limitierend - auch dann, wenn sie nicht behandelt werden. Mechanische Ursachen für die Rücken-Pein müssen natürlich behoben werden. Ratsam ist in jedem Fall eine rückenfreundlichere Lebensweise. Besonders anfangs sind die Beschwerden schier unerträglich. Die Patienten wissen kaum, wie sie sitzen, liegen oder stehen sollen. Für das Beratungsgespräch wichtig: Der Patient muss sofort zum Arzt, wenn Lähmungen oder Taubheitsgefühle auftreten oder wenn sich Blase oder Darm nicht mehr kontrollieren lassen. Auch wenn nach drei bis vier Tagen keine Besserung eingetreten ist, ist es Zeit für den Arztbesuch.

  • Einer der häufigsten Auslöser sind Muskelverspannungen oder muskuläre Dysbalancen. Schon ab dreißig können sich Haltungsfehler rächen. Erste Vorboten sind ein Ziehen im Nacken, zwischen den Schulterblättern oder im Kreuz. Hohlkreuz, Rund- oder Flachrücken sollten in jungen Jahren möglichst in der Rückenschule oder durch Krafttraining korrigiert werden. Sportarten, die die Rücken- und Bauchmuskulatur stärken, sind zum Beispiel Walking, Wandern, Skilanglauf, Tanzen und Reiten. Auch Rücken- und Kraulschwimmen sind erlaubt. Auf Brustschwimmen sollte man besser verzichten, weil der Kopf dabei zu stark nach oben gereckt wird. Übrigens: Stress sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Etwa vierzig Prozent der Nacken- und Schulterverspannungen gehen auf das Konto von Konflikten, Angst, Überforderung und anderen Stresskomponenten.
  • Achtung, Hexe schießt: Zu einer ungebliebten Berühmtheit haben es die Bandscheiben gebracht. Sie liegen als elastische Puffer zwischen den Wirbelkörpern. Verlieren sie mit zunehmendem Alter an Elastizität, kann sich ihr gallertartiger Kern vorwölben oder herausrutschen. Drückt die Gallertmasse auf einen Nerven, schießen blitzartig Schmerzen in die Lendengegend ein. Der Hexenschuss oder Lumbago (lumbus, lat., die Lende) strahlt gewöhnlich nicht ins Bein aus. Eine reflexartige Muskelverspannung zwingt den Betroffenen, eine gekrümmte Schonhaltung einzunehmen. Ein Bandscheibenvorfall ist ungleich heftiger: Dann drücken nämlich Teile der mürbe gewordenen Bandscheibe auf das Rückenmark, und die Schmerzen können zusätzlich von Gefühlsstörungen und Lähmungen begleitet werden.
  • Auch der Ischiasschmerz setzt relativ häufig und meist schlagartig ein. Er unterscheidet sich vom Hexenschuss vor allem dadurch, dass er nicht auf den Rücken begrenzt bleibt, sondern bis ins Bein ausstrahlt. Grund des Übels ist eine Reizung des Ischiasnerven, der vom Becken bis zum Fuß zieht, weil etwa eine verlagerte Bandscheibe oder eine Muskelverspannung den Nerv reizen.

Treibstoff Forschung

Angesichts der Häufigkeit, mit der sich Hexenschuss und andere Malaissen das Kreuz als Zielscheibe aussuchen, werden neue Erkenntnisse aus den Forschungslaboren der Schmerzwissenschaftler dringend gebraucht. Mit erfreulichen Neuigkeiten konnte der Deutsche Schmerzkongress im Herbst in München aufwarten. So ist beispielsweise die medizinische Erklärung für erhöhte Schmerzempfindlichkeit gefunden: ein Mangel an µ-Rezeporen. Wie schmerzsensibel ein Mensch ist, hängt davon ab, welche Variation eines bestimmten Gens ihm in die Wiege gelegt wurde. In diesem Erbstück ist die Bauanleitung für den µ-Rezeptor verschlüsselt, ein Rezeptor, an dem Endorphine und Opioide binden. Je nachdem, welche Variation des Gens vorliegt, werden mehr oder weniger µ-Opiatrezeptoren gebildet. Das ist wahrscheinlich auch die Erklärung dafür, warum manche Patienten Schmerztherapeutika in höheren Dosen benötigen.

Oberstes Gebot bei der Therapie von Rückenschmerzen ist, die Chronifizierung zu verhindern. Das Nervensystem darf den Schmerz nicht lernen, sonst etabliert sich eine Schmerzspur, das Schmerzgedächtnis. Anhaltende und starke Schmerzen bringen einen fatalen Mechanismus in Gang: Wenn Nervenzellen unentwegt feuern, wird an den Synapsen die Reizübertragung von den schmerzleitenden Nervenbahnen auf die Neuronen up-reguliert. Die synaptische Übertragungsstärke potenziert sich. Und Synapsen, die häufig benutzt werden, arbeiten schneller. Schmerzforscher sind sich einig: Interveniert man in diesem Stadium nicht mit einer adäquaten Analgesie, verselbstständigt sich das Schmerzgeschehen sowohl auf peripherer als auch auf zentraler Ebene. Das ist vermutlich auch der Grund, warum einige Patienten mit Bandscheiben-Schmerzen selbst nach einer Operation weiterhin unter ihrer Pein leiden. Gelingt es allerdings, die Ursache des Nozizeptorschmerzes zu beheben, geht auch die Sensibilisierung des zentralen Nervensystems zurück.

Durch die Dauerattacke der Nozizeptoren verändern sich peripher die Transmittersynthese und deren Freisetzung, die Expression von postsynaptischen Rezeptoren für die Transmitter und Mediatoren sowie die Expression von Ionenkanälen in den Neuronen. In Primärafferenzen kann der Dauerreiz von Schmerzrezeptoren beispielsweise dazu führen, dass Bradykininrezeptoren vermehrt exprimiert werden. Da Bradykinin algetisch ist und Nozizeptoren sensibilisiert, ist diese Hochregulation vermutlich eine wesentliche Komponente der peripheren Sensibilisierung. Ein anderer Rezeptor in Primärafferenzen, der Neurokinin-1-Rezeptor für Substanz P, kann bei Entzündungen zumindest für einige Tage vermehrt aufgelegt werden. Im Rückenmark schießt Glutamat, ein wichtiger Transmitter nozizeptiver Primärafferenzen, verstärkt auf spinale Neurone. Auch exzitatorisch wirksame Neuropeptide wie Substanz P mischen bei akuten und chronischen Schmerzen das System auf. Sie werden intraspinal vermehrt freigesetzt.

Ein Highlight der jüngsten Schmerzforschung ist die Sichtbarmachung des Schmerzes mit bildgebenden Verfahren. So lassen sich zum Beispiel mit der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) physiologische und biochemische Prozesse im Gehirn verfolgen. Auch die funktionelle Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) hat es in sich. Mit ihr kann man den Homunculus in der Großhirnrinde sehen.

Chronische Schmerzen verändern die Repräsentation (Spiegelung) von Körperteilen im motorischen Cortex - jenem Teil der Großhirnrinde, der Bewegungsmeldungen verarbeitet. Dort ist der Körper in Form eines "Homunculus" gespiegelt. Je mehr Sinnesrezeptoren ein Körperteil hat, desto größer wird er im Homunculus abgebildet. So nehmen die Lippen ein größeres Feld ein als der Unterschenkel. Chronische Schmerzen verzerren jedoch die Abbildung des betroffenen Körperteils. Die Areale werden größer oder verschieben sich. Die Größe korreliert mit dem Chronifizierungsstadium und der Intensität des Schmerzes. Der Clou: Mit Hilfe der fMRT kann man die Veränderungen verfolgen. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen drängt sich die Spiegelung des Rückens in benachbarte Areale wie zum Beispiel in die des Mundes. Sind die Schmerzen behoben, wandert das Rückenareal wieder in sein angestammtes Feld.

Mit Hilfe solcher Einsichten hoffen die Wissenschaftler, Mechanismen und Risikofaktoren aufspüren zu können, die zur Chronifizierung von Schmerzen führen. Mehr noch: Bildgebende Verfahren können auch für die Weiterentwicklung therapeutischer Strategien von Vorteil sein. Anhand der Homunculus-Darstellung kann man kontrollieren, ob eine Therapie anschlägt. Und mit der PET kann man untersuchen, ob und wie Behandlungsmethoden verschiedene Neuronengruppen beeinflussen, die an der Verarbeitung schmerzhafter Reize beteiligt sind.

Der Psyche nicht den Rücken kehren

Patienten mit chronischen Rückenschmerzen empfinden auch andere Schmerzreize intensiver als Gesunde. Die corticale Verarbeitungszone im Gehirn hat sich durch den lang bestehenden Schmerz ausgedehnt. Selbst wenn nur Worte wie "Brennen" oder "Stechen" fallen, reagieren Patienten mit einer stärkeren Antwort. Alles, was den Betroffenen an seine Dauerpein erinnert, reizt das System. Eine Art Konditionierung ist eingetreten; der Beweis, dass sich das System verselbstständigt hat. Das somatosensorische Schmerzgedächtnis ist jedoch psychologisch beeinflussbar. Das zeigt zum Beispiel der "Eiswasser-Schmerztest" (5), bei dem Schmerzen intensiver empfunden werden, wenn ein besorgter Partner anwesend ist. Die Schmerzschwelle der Hand des Kranken im Eiswasser liegt höher, wenn der Partner die Schmerzen nicht laufend zum Thema macht. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass der Gesunde den kranken Partner nicht laufend zur körperlichen Schonung auffordern darf. Dies ginge mit einem deutlich verstärkten Schmerzverhalten einher.

Beim chronischen Schmerzsyndrom spielen auch Lernprozesse eine Rolle, wie neuere psychologische Untersuchungen ergeben haben (5). Zwischen Kindern von gesunden Eltern und Kindern von Schmerzpatienten gibt es zwar keine Unterschiede in der Art der Beschwerden. Aber: Der Krankheitsverlauf von Kindern schmerzkranker Eltern gestaltet sich langwieriger. Zudem ist in Schmerzfamilien, also auch bei den Kindern, negatives Denken sehr viel ausgeprägter. Diese Kinder gaben in einem Fragebogen verstärkt körperliche Beschwerden an, wenn ein Elternteil in höherem Maße unter Schmerzen litt und sich beeinträchtigt fühlte.

Chronifizierung, wenn der Stress im Nacken sitzt

Es scheint tatsächlich Risikofaktoren dafür zu geben, die entscheiden, ob akuter Rückenschmerz chronifiziert oder nicht. Besonders Menschen mit depressiver Stimmungslage und solche, die beruflich oder privat permanent unter starkem Druck stehen, sind dafür prädestiniert. Deshalb spricht man auch vom Rücken als Erfolgsorgan der Psyche. Daneben ist es nicht unerheblich, wie jemand mit seinen Schmerzen umgeht. Wer seine Beschwerden ignoriert nach dem Motto "Durchhalten um jeden Preis", der verkrampft noch mehr. Genauso falsch ist die verständliche Reaktion vieler Patienten mit akuten Beschwerden, sich zu schonen und möglichst allen Aktivitäten aus dem Weg zu gehen. Das Gegenteil ist richtig, wie Schmerztherapeuten stets aufs Neue betonen. Wer Kreuzschmerzen hat, soll sich viel bewegen und seine Rückenmuskulatur gezielt auftrainieren, um Rezidiven oder gar einer Chronifizierung vorzubeugen. Bettruhe ist nur für maximal zwei Tage angesagt. Ein Circulus vitiosus von Schmerz und Schonhaltung potenziert sonst die Beschwerden.

Wohltat für die Wirbel

"Oben der Kopf voller Grips, vorn der Wohlstandsbauch und auf den Schultern noch die Last der Verantwortung: All das soll die Wirbelsäule tragen. Kein Wunder, dass sie rebelliert." Dr. Thomas Wessinghage, Arzt und ehemaliger Spitzen-Leichtathlet, bringt es auf den Punkt. Mit folgenden Tipps können Sie Ihren Patienten den Rücken stärken:

Haltung bewahren: Wenn ein Gegenstand von zehn Kilogramm mit weit vorgebeugtem Oberkörper gehoben wird, lasten rund 300 Kilogramm auf den unteren Bandscheiben. Der Druck auf die Bandscheiben verringert sich beim gleichen Gegenstand auf 130 Kilogramm, wenn man in die Knie geht und aus den Knie- und Hüftgelenken anstatt aus dem Kreuz heraus anhebt. Eine fatale Rücken-Tücke ist beispielsweise das Entladen eines Getränkekastens aus dem Kofferraum.

Muskelkorsett entlastet Rücken: Für die Stütz- und Bewegungsfunktionen steht der Wirbelsäule ein ganzes System von Muskeln und Bändern zur Seite. Die wichtigsten sind die Rücken- und Bauchmuskeln und die Brust- und Gesäßmuskeln. Besonders der Bauch muss gestärkt werden, da die Bauchmuskeln ein Widerlager zum Rücken bilden. Spezielle Rückenübungen lieber täglich fünf Minuten als einmal in der Woche ein halbe Stunde machen. Broschüren mit geeigneten Übungen verteilt jede Krankenkasse.

Der Sitz muss sitzen. Auf der diesjährigen IAA in Frankfurt kam der "Anti-Lumbago-Sitz" groß raus. Vor allem für Langstrecken- und Berufskraftfahrer ist es wichtig, dass ihre Sitze muskulären Verspannungen vorbeugen. Ein Beispiel ist ein von DaimlerChrysler entwickelter Sitz mit Luftpolstern in den Rückenlehnen . Die Polster werden abwechselnd automatisch aufgeblasen und sollen so ermöglichen, was Orthopäden als Prophylaxe von Rückenschmerzen empfehlen: das dynamische Sitzen im Gegensatz zum lange Zeit unbewegten, statischen Sitzen. Ein ähnliches System mit automatisch aktivierten Luftpolstern in der Sitzfläche bietet auch BMW. Durch die Bewegung beim Sitzen wird die Durchblutung der Muskulatur angeregt; dies beugt Stoffwechselstörungen durch Sauerstoff-Unterversorgung des Gewebes und damit dem Entstehen von Schmerzen vor.

Arbeiten im Stehen liegt im Trend. Seit einigen Jahren kehren Stehpulte in die Bürostuben zurück. Altertümliche Schulpulte mit um 16 Grad ansteigenden Platten sind gut für den Rücken, hat eine Vier-Jahres-Studie (11) mit 400 Grundschülern ergeben. Kinder, die an solchen Pulten arbeiteten, hatten im Vergleich zu Kindern an Tischen mit ebenen Platten weniger ausgeprägte Rundrücken.

Bewegte Sitz-Pausen machen. Längere Sitzarbeitsphasen sollten durch Bewegung unterbrochen werden. Das gelingt, wenn man bewusst nicht alles in Reichweite stellt. Das Telefon so platzieren, dass man beim Klingeln aufstehen muss; Telefongespräche am besten gleich "aus dem Stand" führen.

Wohlige Wärme. Ein warmes Vollbad mit entspannend wirkenden ätherischen Ölen (zum Beispiel Leukona® Tonikum Bad) lockert verkrampfte Muskeln. Das gilt auch für Schmerz- und Wärmepflaster, die beispielsweise Nonivamid (zum Beispiel ABC® Wärmepflaster) enthalten.

Analgesie Stufe für Stufe

Schmerzgeplagte Patienten brauchen vor allem eins - und das sofort: eine rasche, ausreichend starke und anhaltende Schmerzlinderung. Oberstes Gebot in der Schmerztherapie ist, die Medikamente nie nach Bedarf, sondern immer nach der Uhrzeit einzunehmen. Der Schmerz darf nie durchbrechen. Nur durch diese konsequente Strategie kann man verhindern, dass sich der Schmerz in das Gedächtnis eingräbt. Schmerztherapeuten empfehlen, sich bei Rückenschmerzen an das Muster des WHO-Stufenschemas für die Tumorschmerz-Therapie zu halten. Dabei bestimmt nicht die Schmerzdauer, sondern dessen Intensität, in welche Stufe der Arzt einsteigt.

Basis der Medikation (Stufe 1) ist die Behandlung mit Nicht-Opioid-Analgetika. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft rät in ihren Empfehlungen zur Therapie von Rückenschmerzen wegen der geringen Nebenwirkungsrate zunächst zu Analgetika ohne oder mit geringer antiphlogistischer Komponente, speziell zu Paracetamol (zum Beispiel benuron®). Eine weiterer Arzneistoff in dieser Gruppe ist Flupirtin (zum Beipiel Katadolon® ), eine Substanz, die analgetisch und muskelrelaxierend wirkt und deshalb ein günstiges Wirkprofil für muskuläre Dysbalancen des Rückens mitbringt. Reichen Nicht-Opioid-Analgetika ohne antiphlogistische Wirkung nicht aus oder haben die Schmerzen eine entzündliche Komponente, ist die Indikation für nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAIDS) gegeben. Im Beratungsgespräch sollte darauf hingewiesen werden, dass die NSAIDS wie andere Schmerzmittel in Intervallen, also eine halbe Stunde vor Nachlassen der Wirkung, einzunehmen sind. So sollten etwa Acetylsalicylsäure (zum Beispiel Aspirin®), Ibuprofen (zum Beispiel Aktren® ) oder Diclofenac (zum Beispiel Voltaren® ) entsprechend ihrer Halbwertszeit alle vier bis sechs Stunden genommen werden. Außerdem muss darauf geachtet werden, dass Patienten mit bekanntem Ulkus oder gastrointestinalen Blutungen prophylaktisch etwa Misoprostol (zum Beispiel Cytotec® 200) bekommen.

Lässt sich der Schmerz auf diese Weise nicht ausreichend kappen, sollte keine Scheu bestehen, auch bei akuten (!) Rückenschmerzen Opioid-Analgetika zu verabreichen. Die Stufe 2 des WHO-Schemas sieht zusätzlich zu den Nicht-Opioiden schwach wirksame Opioid-Analgetika vor wie Tramadol (zum Beispiel Tramal®), Tilidin/Naloxon (zum Beispiel Valoron®) oder Dihydrocodein (zum Beispiel DHC Mundipharma®). Faustregel: Die Patienten sollten die Arzneistoffe in retardierter Form bekommen; dann müssen die Präparate nicht so häufig eingenommen werden. Beispiel Tramadol: Um eine konsequente Analgesie zu erzielen, muss der Arzneistoff mindestens alle acht Stunden eingenommen werden, also dreimal täglich. In retardierter Form ist eine zweimal tägliche Gabe ausreichend. Speziell zur Behandlung akuter Schmerzen gibt es diese Substanz als Zweiphasentablette (Tramundin SL®), die rasch 25 mg Tramadol freisetzt, außerdem aber noch 75 mg des Wirkstoffs in retardierter Form enthält und somit auch anhaltende Schmerzen lindern soll.

Bei extrem starken, immobilisierenden Rückenschmerzen, seien sie akut oder chronisch, sind analog der Stufe 3 des WHO-Plans stark wirksame Opioid-Analgetika wie retardiertes Oxycodon (zum Beispiel Oxygesic®), retardiertes Morphin (zum Beispiel MST®), Hydromorphon (zum Beispiel Dilaudid®) oder Buprenorphin (Temgesic®) neben der Behandlung mit Nicht-Opioid-Analgetika indiziert. Allen Vorbehalten zum Trotz: Opioide sollten "nicht widerstrebend, aber mit Augenmaß" verordnet werden, teilt das Schmerztherapeutische Kolloquium mit. Im Gegensatz zu Drogensüchtigen sind Abhängigkeit und Toleranzentwicklung bei Schmerzpatienten von untergeordneter Bedeutung. Vielmehr wird die Lebensqualität bei starken Schmerzen über Jahre hinweg wesentlich verbessert.

Mehr Medikamente, Massagen und Mozart

Wenn es nach der Meinung einiger Schmerztherapeuten geht, müssten Myotonolytika in der Therapie von Rückenschmerzen einen höheren Stellenwert bekommen - nachvollziehbar, da das WHO-Stufenschema für die Tumortherapie erstellt und andere Schwerpunkte gesetzt wurden. Oft machen perorale Muskelrelaxantien wie Flupirtin, Pridinol (Myoson®), Tetrazepam (zum Beisipiel Musaril®), Mephenesin (DoloVisano®) oder Tolperison (Mydocalm®) Rückentraining erst möglich, weil sie den Teufelskreis von Schmerz - Verspannung - Schmerz knacken. Eine weitere Möglichkeit, muskuläre Triggerpunkte auszuschalten, ist die Infiltration von Lokalanästhetika wie Bupivacain, Procain oder Lidocain.

Relativ neu ist die Überlegung, dass das stärkste biologische Gift der Welt bei muskulären Rückenverspannungen Hilfe bringen könnte: Botulinumtoxin. Die Pharmakologie macht verständlich, warum. Botulinumtoxin unterbindet die Verschmelzung der Acetylcholin-Vesikel mit der Zellmembran an cholinergen Nervenendigungen der motorischen Endplatte (quergestreifte Muskulatur). Eine Exozytose findet dadurch nicht statt. Die Blockade ist irreversibel. Nach mehreren Wochen sorgen neu aussprossende Nervenendigungen für die Reinnervation, so dass die Wirkung nach etwa drei Monaten vollständig abgeklungen ist. Erste klinische Untersuchungen mit Patienten, die an Lumbago oder myofaszialen Schmerzsyndromen leiden, waren erfolgversprechend. Zum Teil sind die Betroffenen noch nach einem Jahr schmerzfrei.

Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, die nach Stufe I des WHO-Schemas mit NSAIDS behandelt werden, dürften zusätzlich von einer Therapie mit Phytopharmaka profitieren. Extrakte aus Weidenrinde (zum Beispiel Assalix®) oder Teufelskralle (zum Beispiel Rivoltan®) sowie eine Extraktkombination aus Eschenrinde, Zitterpappel und echtem Goldrutenkraut (Phytodolor®) haben ihre Wirksamkeit in klinischen Studien bewiesen. Zum Beispiel der Auszug der südafrikanischen Teufelskrallenwurzel: In einer placebokontrollierten Studie brachte die Behandlung bei Schulter-, Nacken- oder Rückenschmerzen mit täglich zweimal 480 Milligram Verum nach zwei Wochen signifikante Linderung. Auch Verspannungen der Muskulatur sind zurückgegangen. Vorteil der pflanzlichen Analgetika ist, dass sie mit weniger unerwünschten Wirkungen aufwarten als Synthetika. Allerdings setzt der Schmerz hemmende Effekt nicht prompt, sondern erst nach rund zwei Wochen ein. Deshalb sollten diese Phytopharmaka nicht bei akuten Schmerzen empfohlen werden.

Was zunächst erstaunt, hilft vielen chronischen Rückenschmerz-Patienten: Antidepressiva. Diese werden mit Analgetika kombiniert, auch wenn der Schmerz nicht durch Depression entfacht wurde. Die trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin (zum Beispiel Syneudon®) oder Doxepin (zum Beispiel Aponal®) haben in niedriger Dosierung einen analgetischen Effekt und helfen bei der Schmerzverarbeitung. In einer Dosierung von 10 bis 25 mg haben sie keine antidepressive Wirkung. Möglich ist auch die Behandlung mit Johanniskraut (zum Beispiel Helarium®) oder Kava Kava (zum Beispiel Antares®). Johanniskraut wird in einer Dosierung von dreimal 300 mg täglich und Kava Kava dreimal 120 mg gegeben.

Vermutlich ist der Stellenwert von Antidepressiva für die Schmerztherapie größer als bislang angenommen. Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung lassen den Schluss zu, dass sie in den Prozess der Schmerzchronifizierung nicht nur eingreifen, sondern ihn eventuell sogar rückgängig machen. Professor Dr. Walter Zieglgänsberger, Pharmakologe und Toxikologe am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, hat Anhaltspunkte, dass Antidepressiva nicht nur die Neurotransmitter Noradrenalin und Serotonin beeinflussen. Zieglgänsberger hat beispielsweise einen Effekt auf die Natriumkanäle an den Nervenzellen nachweisen können. Diese Ionenkanäle werden bei anhaltenden Schmerzreizen an den veränderten Neuronen überexprimiert. Laut Zieglgänsberger nehmen Antidepressiva eventuell Einfluss auf die Genexpression; sie hemmen Glutamat, NMDA (N-Methyl-D-Aspartat) und Substanz P. Über all diese Mechanismen könnten sie das Schmerzgedächtnis beeinflussen, allerdings erst, wenn sie längere Zeit eingenommen werden.

Arzneimittel sind nur ein Baustein in der Behandlung von Rückenschmerz-Patienten. Im Regime der Maßnahmen spielen Krankengymnastik und Verhaltenstherapie eine bevorzugte Rolle, auch wenn die Physiotherapie mit Massage, Bewegungs- und Thermoanwendungen oft als Gefälligkeitsmedizin abgetan und die Stromtherapie als "Steckdosenmedizin" betitelt wird. Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) ist beispielsweise eine Alternative, wenn man mit medikamentösen und physikalischen Methoden nicht weiterkommt. Die Wirkung von TENS ähnelt der Akupunktur. Durch die elektrische Reizung afferenter peripherer Nerven sollen hemmende Mechanismen im Hinterhorn des Rückenmarks aktiviert werden, die die Schmerzweiterleitung herabsetzen. Außerdem sollen vermehrt Endorphine an den freien Nervenendigungen im Muskelgewebe ausgeschüttet werden. Nicht zu unterschätzen im Therapie-Reigen für Rückenschmerz-Patienten ist Musik. Denn Musik geht nicht nur in die Beine, sondern auch unter die Haut. Bestimmte Klänge wirken auf die Nerven wohltuend und entspannend.

Literatur:

  1. Arendt, W., Bischoff, H.-P., Rückenschmerzen: Ursachen, Behandlung, Selbsthilfe. Wort & Bild Verlag, Baierbrunn 1995.
  2. Arnheim, K., Beim Kreuzschmerz reicht minutenschnelle Minimaldiagnostik. Münch. Med. Wschr. 44 (1999) 4-10.
  3. Bölch, S., Was tun bei chronischen Rückenschmerzen? Forschung und Praxis, Wissenschaftsjournal der Ärzte Ztg. 252 (1998) 32-36.
  4. Der Rücken braucht Entlastung. Broschüre des Arbeiter-Ersatzkassen-Verbandes, Hamburg 1993.
  5. Deutscher Schmerzkongress 1999 - Netzwerk Schmerz. Jahrestagung der Dt. Gesellschaft zum Studium des Schmerzes und der Dt. Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. München, 20. bis 24. Oktober 1999.
  6. Loew, D., et al., Phytopharmaka-Report - Rationale Therapie mit pflanzlichen Arzneimitteln. Steinkopff-Verlag, Darmstadt 1999.
  7. Neeck, G., Phytotherapeutika sollten nur adjuvant angewendet werden. Forschung und Praxis, Wissenschaftsjournal der Ärzte Ztg. 258 (1998) 14-17.
  8. Physiologie der neuromuskulären Schmerzentstehung. Symposium auf dem 10. Dt. Schmerztag 1999, Schmerztherapeutisches Kolloquium. Frankfurt, Februar 1999.
  9. Potrafki, B., Rheumatische Erkrankungen. Broschüre der Firma Heel GmbH, Baden-Baden 3/99.
  10. Rückengerechte Verhältnisprävention. Ratgeber Aktion Gesunder Rücken e. V., akt. Aufl.
  11. Rückenschmerzen. Kleine Sommerakademie, Ärzte Ztg. 17./18. Juli 1998, S.10.
  12. Rückenschmerzen und allgemeine Schmerzen. Kleine Medizin Akademie 99. Ärzte Zeitung Verlagsges. 1999, S. 181-186.
  13. Rückensignale. Ratgeber der Aktion Gesunder Rücken e. V. 2/99.
  14. Sturm, D., Geriatrische Erkrankungen. Broschüre der Firma Heel GmbH, Baden-Baden 5/98.
  15. Wilke, H.-J., Claes, L. E., Die traumatische und degenerative Bandscheibe. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg 1999.
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  17. Wörz, R., et al., Leitlinien der medikamentösen Therapie von Rückenschmerzen. Münch. Med. Wschr. 12 (1995) 182-186.
  18. Wolf, E., Chronische Schmerzen: Vom bellenden Wachhund zur Dauerfolter. Pharm. Ztg. 144, Nr. 38 (1999) 73.

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