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Apotheken bestimmen den Arzneimittelmarkt

03.11.2003
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Pharmazie in Australien

Apotheken bestimmen den Arzneimittelmarkt

von Hartmut Morck, Sydney

Strukturen wie Versandhandel, Mehrbesitz und Preisfreigabe bei OTC-Arzneimitteln, die mit dem GKV-Modernisierungsgesetz in Deutschland ab 2004 eingeführt werden, sind in Australien seit Jahren Realität. Es lohnt sich, die Arzneimittelversorgung auf dem kleinsten Kontinent zu studieren, um Antworten auf die Frage zu finden, welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf die Apotheken eines Landes haben. Der Besuch des FIP-Kongresses Anfang September in Sydney bot die Gelegenheit dazu.

Eines fällt dem deutschen Apotheker, der in Australien nach Apotheken Ausschau hält, sofort auf: Die australischen Apotheken unterscheiden sich grundsätzlich von den deutschen. Sie bedienen primär das Vorurteil einer Drugstore-Apotheke, wobei deren Größe sehr variabel ist. Man findet kleine, circa 60 m2 große Apotheken neben großflächigen Betrieben. Eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestgröße gibt es nicht. Auch müssen Apotheken kein Labor und kein Nachtdienstzimmer vorweisen. Die Hauptfläche der Offizin steht regelmäßig der Freiwahl zur Verfügung, in der fast alles, was für den Erhalt der Gesundheit gebraucht wird, zu haben ist. Nur Zigaretten und Alkoholika kann man hier nicht kaufen. Auffällig und für Deutsche gewöhnungsbedürftig ist der häufig schon außen angebrachte, offensive Hinweis auf Fotoartikel und schnelle Entwicklung von Fotos.

Meistens erst im hinteren Bereich der Offizin findet der Kunde die „dispensary“, die häufig auch mit dem Hinweis „prescriptions“ gekennzeichnet ist. Dieser Bereich besteht in der Regel aus einem kleinen Lagerraum, einem Computerarbeitsplatz, an dem der Patient beraten wird, und einer Rezeptur, die eine Mindestarbeitsfläche von einem Quadratmeter haben muss. Rezepturarzneimittel spielen allerdings nur eine untergeordnete Rolle in den australischen Offizinen.

Drugstore oder pharmacy?

Spricht man australische Apotheker auf das Erscheinungsbild ihrer Apotheke an, können sie mit dem Begriff „drugstore“ nichts anfangen und sehen auch keinen Unterschied zur „pharmacy“. Drugs sind für sie Arzneimittel, die in der Apotheke verkauft werden. Außerdem hat der Verkauf der anderen Waren in der australischen Apotheke Tradition, denn in diesem Land gab und gibt es keine Drogerien. Klassische Drogeriewaren waren schon immer in den Apotheken erhältlich.

Vor diesem Hintergrund müssen die meisten Apotheken als typisch und traditionell australisch angesehen werden, wie zum Beispiel die alte Apotheke in der George Street im alten Hafenviertel von Sydney oder die Quay Pharmacy jenseits der Harbour Bridge, einem der beiden Wahrzeichen von Sydney neben der Oper.

Im Durchschnitt erwirtschaften die Apotheken circa ein Drittel ihres Umsatzes mit Rezepten und zwei Drittel aus dem Verkauf von apothekenpflichtigen und frei verkäuflichen Arzneimitteln sowie dem Freiwahlsortiment. Da es in Australien kein Ladenschlussgesetz gibt, steht es jedem Kollegen frei, wie lange er seine „pharmacy“ geöffnet hält. So haben einige Apotheken an sieben Tagen und Nächten in der Woche durchgehend geöffnet, andere sind nur von 8 bis 19 oder 21 Uhr dienstbereit. Einen organisierten Nachtdienst wie in Deutschland gibt es nicht.

Kein Fremdbesitz und keine Kette

Während die Apotheken in Deutschland an dem roten Apotheken-A leicht identifizierbar sind, muss man sie in Australien suchen. Der Grund: Die dortigen Apotheken haben kein einheitliches Logo. Einige, wie die alte Apotheke im Hafen von Sydney, verwenden zwar ein goldenes Kreuz, das Logo der „Pharmacy Guild of Australia“. Diese australische Berufsorganisation ist mit der ABDA vergleichbar. Das Kreuz hat sich als Erkennungszeichen aber nicht durchgesetzt.

Es fällt auch auf, dass die wenigsten Apotheken einen individuellen Namen tragen, wie zum Beispiel die Quay Pharmacy. Die meisten heißen Manning’s Pharmacy, McCarthy’s Pharmacy, Soul Pattinson Chemist, Kirribilli Pharmacy, Terry White Chemists, Amcal oder Guardian Pharmacy.

Die Assoziation, dass es sich bei diesen Apotheken um Kettenapotheken vergleichbar mit denen in Großbritannien und den USA handele, ist jedoch falsch. Australien ist ähnlich wie Deutschland nach einem föderalen System mit Bundesstaaten aufgebaut, die in ihrer Gesetzgebung eine gewisse Autonomie besitzen. So ist in einigen Regionen der Mehrbesitz an Apotheken ausgeschlossen, in anderen beschränkt oder völlig freigegeben. Der Fremdbesitz ist allerdings im ganzen Land verboten. Besitzer der Apotheken sind also immer registrierte Pharmazeuten.

Amcal, Terry White, McCarthy und andere Apotheken sind keine Ketten. Dahinter verbergen sich Marketingorganisationen und Partnerschaften, die dem Dachmarken-Prinzip folgen, eigene Produktlinien vertreiben und ein aufwendiges Werbekonzept mit ihrer Marke für die angeschlossenen Apotheken fahren: ein klassisches Franchise-Konzept. Spricht man die Apotheker auf diese Kooperationen an, legen sie selbstbewusst großen Wert darauf, dass sie nach wie vor Eigentümer ihrer Apotheken sind. In vielen Fällen sind sie auch an den Marketinggesellschaften beteiligt. Auch die Pharmacy Guild of Australia hat mit ihrem goldenen Kreuz eine Dachmarke für Eigenprodukte aufgebaut.

Diese Marketingstrukturen haben bereits eine lange Tradition. So wurde zum Beispiel Amcal 1937 von elf Apothekern gegründet, weil sie in der Dachmarke einen Vorteil sahen. Heute ist die Amcal-Gruppe mit über 400 teilnehmenden Apotheken eine der größten Gruppen. Wie die anderen Marketingunternehmen bietet sie den Mitgliedern ein umfangreiches Programm, das dem einzelnen Apotheker an seinem Standort helfen soll, seine Existenz zu sichern. Im Katalog der unterstützenden Angebote findet man Managertraining, Marketingprogramme für Produkte und Standort, Gesundheitsprogramme, Teamtraining, Produktplatzierung und Gestaltung der Apotheke. Unterstützt werden diese Maßnahmen durch einen ausgeklügelten Mediaplan, also Anzeigen in Tageszeitungen, TV-Spots und eigenen Kundenzeitungen. Amcal als einer der Marktführer investiert allein in diesem Sektor jährlich 8,8 Millionen Australische Dollar, das sind circa 44 Prozent der gesamten Werbeausgaben dieser Branche.

In den Marketinggruppen wird konsequent eine vertikale Durchlässigkeit geschaffen: Neben den Apothekern sind Großhändler und pharmazeutische Hersteller beteiligt. Bei Amcal ist es Sigma Pharmaceuticals Limited, die auch bei Guardian Pharmacy beteiligt ist.

Kampf gegen Supermarkt-Apotheken

Zurzeit kämpfen die australischen Apotheker gegen die Etablierung von Apotheken in Supermärkten, die insbesondere von Woolworths geplant werden. John Bronger, Präsident der Pharmacy Guild of Australia, hat eine Gegenoffensive gestartet, in der die Kompetenz und die Dienstleistungen der Apotheke herausgestellt werden und der Woolworths-Kette in erster Linie Profitstreben vorgeworfen wird. Offensichtlich hat diese Kampagne gewirkt, denn der Gesundheitsminister Michael Wooldridge hat sich für die bestehende Form der australischen Apotheke und gegen Apotheken in Supermärkten analog den USA ausgesprochen: „Ich glaube, die Gesellschaft würde verlieren, wenn dieses System in Australien etabliert wird.“

Der Versandhandel per Internet, der seit knapp sechs Jahren erlaubt ist, hat sich in dünn besiedelten Regionen durchaus als Existenz bedrohende Konkurrenz für die öffentliche Apotheke entwickelt, die oft die Arzneimittel mit dem eigenen Flugzeug zum Patienten transportieren muss. Trotzdem spielt er noch eine untergeordnete Rolle. Insgesamt ist die Zahl der öffentlichen Apotheken in den letzten 12 Jahren von 5626 auf 4926 im Jahre 2002 zurückgegangen (Tabelle).

 

Der australische Arzneimittelmarkt in Zahlen (Stand 2003)

ParameterZahlenwert Bevölkerung 19,8 Millionen Zahl der Apotheken 4926 Einwohner pro Apotheke 4019 angestellte Apotheker
davon in öffentlichen Apotheken
andere Mitarbeiter in Apotheken (Assistenten und andere) 13.833
11.126 (80,4 Prozent)
etwa 35 000 dispensierende Ärzte 80 private Krankenhausapotheken 39 Gesellschaftsapotheken 100 Arzneimittel
verschreibungspflichtige Mittel
OTC-Arzneimittel
6703
4014 Arzneimittelabgabe pro Apotheke und Tag
(Durchschnitt)
Kundenzahl
Abgabe von RX-Arzneimitteln
OTC-Verkäufe

185
145
70

Quelle: Pharmacy Guild of Australia

 

Arzneimittel, die vom Staat nicht in eine der acht „schedule“-Gruppen eingeteilt worden sind, können auch außerhalb der Apotheke verkauft werden, vergleichbar mit den nicht apothekenpflichtigen Arzneimitteln in Deutschland. Die „schedule“-Gruppen charakterisieren das Toxizitätsrisiko von Giften und Arzneimitteln. Wird ein Arzneistoff dort eingruppiert, ist er automatisch apothekenpflichtig.

Hoher pharmazeutischer Standard

Trotz der aktuellen Schwierigkeiten, die die australischen Apotheker haben: Aus dem Konflikt mit der Regierung Anfang der 90er-Jahre ist inzwischen eine Kooperation erwachsen. Die Apothekerorganisation ist in die pharmazeutische Offensive gegangen. Mit entsprechenden Home Medicines Reviews (HMR) und Qualitätsstandards, die die Pharmaceutical Society of Australia – die wissenschaftliche Pharmazeutische Gesellschaft vergleichbar mit der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft - entwickelt hat, und einer intensiven Pharmacy education wurde ein Standard entwickelt, der sich weltweit sehen lassen kann.

Mit sehr viel Selbstbewusstsein und einem gewissen Stolz schreibt die Pharmacy Guild of Australia in ihrem „Pharmacy Review“ von September 2003:

„Australia has the world’s best system of access to medications through its unique network of 5000 pharmacies. People get effective medications at very affordable prices through the Pharmaceutical Benefits Scheme, just by walking into a pharmacy. They know they will also get expert professional advice about the use and effects of the medications. Community pharmacies are not only the most accessible health services in metropolitan areas, but also in regional areas, and in many cases are the only readily available health service in regional communities. They play a significant role in maintaining the excellent standard of service and access that the Australian community has to medications and pharmacist service.”

Inzwischen hat die Regierung den Nutzen der Apotheken für eine sichere und kosteneffiziente Arzneimittelversorgung erkannt und stützt das derzeitige Apothekensystem.

In den Apotheken wird inzwischen die Arzneimittelabgabe an den Patienten mit entsprechenden Patientenkarten elektronisch dokumentiert. Damit werden Doppelverordnungen und Interaktionen erkannt. Außerdem haben sich die Apotheken verpflichtet, jedes Arzneimittel innerhalb von 48 Stunden zum Patienten zu bringen. Möglicherweise anfallende Flugkosten in dünn besiedelten Regionen erstattet der Staat. Das Dienstleistungsprogramm wurde in den letzten Jahren stark ausgeweitet: Neben Blutdruckmessung und Bestimmung von Blutwerten bieten die Apotheker Funktionstests der Atemwege oder Hörtests an.

Große Bedeutung hat die Weitergabe von Arzneimittelinformationen gewonnen. Da gesetzlich keine Beipackzettel bei den Arzneimitteln vorgeschrieben sind, übernimmt der informierende Apotheker diese bedeutende Rolle. Jedes Arzneimittel, das in der Apotheke abgegeben wird, erhält einen Aufkleber mit dem Hinweis, wie es eingenommen werden muss.

Soziale Absicherung

Jeder Australier zahlt in die staatliche Krankenversicherung „Medicare“ ein. Die Basis des Beitrags ist das zu versteuernde Einkommen. Normalerweise sind es 1,5 Prozent des zu versteuernden Einkommens, vergleichbar mit der in Deutschland derzeit diskutierten Bürgerversicherung. Der Beitrag wird mit der Einkommensteuer eingezogen. Auch diejenigen, die ein höheres Einkommen haben und sich privat versichern wollen, müssen bezahlen.

Nach den offiziellen Mitteilungen von Medicare reichen die Beiträge allerdings zur Deckung der Kosten nicht aus, so dass der Staat die Krankenversicherung aus dem Steueraufkommen subventionieren muss. Über die Höhe der Subventionen wird fast jedes Jahr neu diskutiert. Die Leistungen von Medicare sind auf das Notwendigste beschränkt.

Zusätzlich gibt es das „Australian Governments Pharmaceutical Benefits Scheme“ (PBS), das die Arzneitherapie für den Versicherten erschwinglich machen soll. Der monatliche zusätzliche Beitrag für PBS beläuft sich auf 3,70 Australische Dollar (circa 1,90 Euro). 2500 Arzneimittel stehen auf der Liste der von der PBS erstattungsfähigen Arzneimittel. Bevor ein Arzneimittel auf diese Positivliste gesetzt wird, prüft ein von der Regierung eingesetztes Institut das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Phytopharmaka sucht man hier allerdings vergeblich. Neue teure Arzneimittel dürfen von den Ärzten erst dann zu Lasten der Krankenversicherung verschrieben werden, wenn durch deren Einsatz eine Entlastung der Versicherung sichtbar wird, zum Beispiel durch Vermeidung von Krankenhausaufenthalten. Gerade vor diesem Hintergrund konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich der deutsche Gesetzgeber bei der Formulierung des GKV-Modernisierungsgesetzes Anregungen aus Australien geholt hat.

Pharmazie in Australien studieren

Das Pharmaziestudium in Australien dauert vier Jahre. Danach schließt sich ein einjähriges Praktikum an. Inhaltlich dominieren die medizinischen und praxisbezogenen Fächer auf Kosten der Pharmazeutischen Chemie. Insbesondere die nasschemische Analytik ist stark eingeschränkt. In dem Fach „Pharmacy Practice“, das an der Universität Sydney erst 1991 etabliert wurde, werden in erster Linie Medikationsprobleme anhand von Fallbeispielen diskutiert. Daneben werden auch Kommunikation und Kundenberatung geübt. Weitere Fächer sind Ökonomie, Epidemiologie und Sozialpharmazie.

Im vierten Studienjahr besteht die Möglichkeit, sich in einem Fach zu spezialisieren. Beendet wird das Studium mit dem „Bachelor of Pharmacy“, der Voraussetzung für eine anschließende Promotion ist.

Sydney, eine sehenswerte Stadt

Erwähnen möchte ich abschließend, dass sich der zwanzigstündige Flug nach Sydney lohnt. Es ist eine der schönsten Städte der Welt, die sich durch Sauberkeit auszeichnet und in der sich der viktorianische Baustil und die moderne Architektur der Wolkenkratzer harmonisch ergänzen. Klassische viktorianische Straßenzüge mit den zweigeschossigen Wohnhäusern wechseln mit glasverkleideten Hochhäusern ab. Es lohnt sich also, die Strapazen des langen Fluges auf sich zu nehmen, um auf der anderen Seite der Erdkugel den kleinsten Kontinent der Welt kennen zu lernen.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Hartmut Morck
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