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Hinsehen, handeln, helfen

09.10.2000  00:00 Uhr
DER GERIATRISCHE PATIENT

Hinsehen, handeln, helfen

von Gisela Stieve, Eschborn

Die Bevölkerung in der Bundesrepublik werde in den nächsten 50 Jahren um etwa zehn Millionen Menschen schrumpfen, hat das Statistische Bundesamt in diesem Sommer prognostiziert. Eine dramatisch steigende Alterslast stelle gleichzeitig die sozialen Sicherungssysteme in Frage. Diese sich herausbildende neue, auch als Altersdiamant bezeichnete Bevölkerungsstruktur macht die Heilberufe krisensicher. Je mehr Menschen älter werden, desto mehr werden auch multimorbid und brauchen die Dienstleistungen dieser Heilberufler. Doch sind sie heute schon darauf vorbereitet? Die Recherchen zu diesem Beitrag ließen Zweifel aufkommen. Nicht Ignoranz, sondern Gedankenlosigkeit waren immer wieder auszumachen. Hinsehen, handeln und helfen sollte daher zur Maxime werden.

Obwohl der medizinische Fortschritt gewollt und für die Patienten segensreich ist, dürfen Ärzte und andere an der Versorgung Beteiligte den optimalen Therapieerfolg und den Kostenaspekt nicht aus den Augen verlieren. Zu beobachten sind unterschiedliche Compliancebereitschaft und –fähigkeit der Patienten und damit unterschiedliche Erfolgschancen und Kosten einer medikamentösen Therapie. Professor Dr. Robert Heinrich, Chefarzt am Zentrum für Akutgeriatrie und Frührehabilitation (ZAGF) am Krankenhaus München Neuperlach, erklärt, dass das Complianceverhalten von Patienten – unter Ausschluss altersverwirrter Patienten – prinzipiell nicht altersabhängig ist. Im Gegensatz zu dem verbreiteten Vorurteil, alte Menschen seien bei der Einnahme ihrer Medikamente vergesslich, zeigten sich 70-Jährige stärker compliant als manch 50-Jähriger, dem bei unregelmäßiger Einnahme seines Antihypertonikums unmittelbar keine Nachteile oder Schmerzen entstehen. Abhängig sei die Compliance vielmehr von der Einnahmehäufigkeit. Patienten, die einmal am Tag ein Medikament einnehmen müssen, seien zu 95 Prozent compliant, während sich gerade noch 58 Prozent der Patienten, die täglich vier Mal ein Arzneimittel nehmen müssen, an die Einnahmevorschriften halten.

Apotheker sollten Compliance positiv beeinflussen

Heinrich sieht vor allem im Apotheker als dem letzten Glied in der professionellen Versorgungskette – Industrie, Arzt, Apotheker – eine verantwortungsvolle Person, die mehr noch als bisher Einfluss auf die Compliance der Patienten nehmen sollte. Dabei sei entscheidend zu erkennen, ob ein Patient sein Medikament nicht richtig einnehmen kann oder will. Der einfachere Fall sei der erste.

Gründe für mangelnde Compliance sind Hirnleistungsstörungen, Sehstörungen, motorische und sensorische Störungen, Schluckstörungen, subjektiv unzureichende Information über die Bedeutung der richtigen Arzneimittelanwendung und deren Nebenwirkungen, ein Fortbestehen der Beschwerden trotz Therapie sowie fehlende Beschwerden bei einer Erkrankung. Dabei könnten auch unterschiedliche Wahrnehmungs- und Handlungsdefizite gleichzeitig auftreten.

Hinzu komme, dass zahlreiche Medikamente nicht patientengerecht dargeboten werden, so Heinrich, der an die Industrie appelliert, auf diesem Gebiet tätig zu werden. Patienten hätten andere Versorgungsbedürfnisse als die Industrie dies meint, oder anders gesagt, der potente Wirkstoff als solches nutze wenig, wenn die Handhabung nicht anwenderfreundlich sei.

Alzheimer-Krankheit fordert Fehlgebrauch geradezu heraus

Aus der Münchner geriatrischen Tagesklinik weiß Heinrich unter anderem, "dass die Alzheimer-Krankheit geradezu danach schreit, dass sich Noncompliance einschleicht". Deshalb müssten Ärzte und Apotheker bei allen Alzheimer-Patienten sofort und ständig prüfen, ob sie ihre Medikamente zuverlässig nehmen oder bekommen. Zuverlässig bedeutet auch, dass Patienten davor bewahrt werden, ihre Medikamente in zu hoher Dosis zu nehmen – entweder weil sie glaubten, "viel hilft viel" oder weil sie einfach schon wieder vergessen hätten, dass sie soeben ihre Tabletten genommen haben. Hier seien Ärzte und Apotheker gefragt.

Defizite im Umgang mit alten Patienten

Heinrich sieht bei den Heilberufsgruppen erhebliche Defizite im Umgang mit alten Patienten. Immerhin mache die Betreuung von geriatrischen Patienten 40 Prozent der Arbeit von Internisten und Hausärzten aus. "Manche nennen es Erfahrung, wenn sie 20 Jahre etwas falsch machen", zitiert der Kliniker Kurt Tucholsky. Weit über 90 Prozent der Ärzte hätten keine Ausbildung für den Umgang mit geriatrischen Patienten. "Nur, weil sie etwas tun, glauben viele Kollegen, dass sie es könnten", kritisiert der Arzt seine niedergelassenen Kollegen. Darüber hinaus seien diese Patienten noch unbequem, zeitaufwendig und kostenträchtig. Genug Gründe, sich nicht intensiv mit ihnen zu beschäftigen. Wenn es eine Zusatzbezeichnung und entsprechende Abrechnungspositionen gäbe, könnte sich das Interesse für diese Patientengruppe erhöhen.

Nach Heinrichs Auffassung ist es eine originäre ärztliche und pharmazeutische Aufgabe, den Alten und Multimorbiden höchste Aufmerksamkeit zu widmen. Man solle sich nicht vom kalendarischen Alter leiten lassen, sondern vom biologischen, rät er. "Wie alt ein Mensch ist, erkannt man daran, ob er zwei Treppenstufen oder zwei Tabletten auf einmal nimmt", so eine Faustregel. 15 Prozent der Patienten verbrauchten schließlich 60 Prozent der verordneten Medikamente. Deshalb brauche diese vergleichsweise kleine Patientengruppe besondere Zuwendung. Für sie müsse alles getan werden, um ihnen so lange wie möglich ein selbstständiges Leben und damit Lebensqualität zu ermöglichen.

Der Medikamentenplan – Wunsch und Wirklichkeit

Dass mit der Betreuung der Patienten vieles im Argen liegt, beweise der Drehtüreffekt. 40 Prozent der über 65-jährigen Krankenhauspatienten werden binnen vier Wochen erneut eingewiesen, was auf mangelhafte Versorgung im außerklinischen Umfeld schließen lasse. Dabei sei es so einfach, die richtige Medikamenteneinnahme zum Beispiel mit einem vernünftigen Medikamentenplan zu unterstützen. Dieser sollte übersichtlich und leserlich und am besten in DIN-A4-Format gehalten sein.

Natürlich sei die Aufsicht über die richtige Medikamenteneinnahme nicht nur ein Problem in der ambulanten Versorgung, meinte Heinrich und zeigte ein Foto von einer Schublade eines Krankenhausnachttisches. Es sei kein Einzelfall, dass Patienten nur so tun als nähmen sie ihre Arzneimittel und würden sie dann irgendwie "entsorgen" – in diesem Fall in die Nachttischschublade. Hier sei zu bemängeln, dass die Patienten offensichtlich nicht die nötige Einsicht haben oder Aufklärung und Information erfahren haben, dass die korrekte Befolgung des Arzneimittelplans für ihre Genesung unabdingbar sei.

Ein Medikamenten-Trainingsprogramm

Gute Erfolge mit einem Medikamenten-Trainingsprogramm hat eine Ärztegruppe in der akutgeriatrischen Tagesklinik am ZAGF erzielt. Die Multimorbidität geriatrischer Patienten bedingt oft Polymedikation bei häufig gleichzeitig ausgeprägter mangelhafter Compliance. Die Patienten können den hohen Anforderungen, mehrmals am Tag verschiedene Arzneimittel in unterschiedlichen Darreichungsformen einzunehmen, nicht gerecht werden. Erschwerend hinzu kommen reduzierte kognitive, motorische und/oder sensorische Fähigkeiten.

In der Tagesklinik des ZAGF haben nun Patienten unter Anleitung trainiert, wie sie ihre Medikamente richtig vorbereiten und einnehmen. Am Aufnahmetag wurde den Patienten gezeigt, wie sie den Medikamentenplan lesen und nutzen sollen. Dann haben Schwestern täglich mit den Patienten geübt, wie sie ihre Medikamente in einer Dosette vorbereiten, wobei auch später die Einnahme der Arzneimittel konsequent beobachtet wurde. Zwischendurch haben die Patienten den Umgang mit verschiedenen Darreichungsformen geübt (zum Beispiel Tropfen abzählen, Tabletten aus dem Blister drücken). Die dokumentierten Daten lassen den Schluss zu, dass die richtige Handhabung und Einnahme der Medikamente mit einem gezielten Training verbessert werden können. Ausschlaggebend war auch eine umfassende Information der Patienten. Auf diese Weise motiviert haben die Patienten ihren Medikationsplan besser befolgen können.

Sozialmedizinischer Auftrag an Ärzte und Apotheker

Nach den Erfahrungen in der geriatrischen Tagesklinik mit dem Medikamenten-Training hält Heinrich eine solche Initiative auch in der ambulanten Versorgung für sinnvoll. Es sei sogar ein sozialmedizinischer Auftrag an niedergelassene Ärzte und Apotheker. Im Idealfall könnte das folgendermaßen aussehen: Eine Sprechstundenhilfe fragt den Patienten, ob er denn weiß, welches der Medikamente, die vor ihm stehen, das Herzmittel, die Wassertablette, die Vitamine und das Abführmittel ist. Sollte der Patient Unsicherheiten zeigen, könnte der Arzt den Apotheker bitten oder mit einem Zeichen auf dem Rezept signalisieren, dass dieser Patient ein individuelles Arzneimitteltraining braucht. Dann könnte der Apotheker mit dem Patienten die richtige Handhabung der unterschiedlichen Medikamente trainieren oder ihm dabei behilflich zu sein, die obligatorische Medikation für eine Woche in einer Dosette zusammenzustellen. Wer hier nicht aktiv werde, verliere nach Heinrichs Auffassung Kunden und Marktanteile. Die Betreuung der geriatrischen Patienten sei Qualitätssicherung in Reinkultur.

Ganzheitliches Denken tut Not

Ganzheitliches Denken vor allem der aktiven Mitglieder der Gesellschaft fordert Professor Dr. Ingo Füsgen, Chefarzt der Geriatrischen Kliniken St. Antonius, Wuppertal, und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Er sieht einen Entsolidarisierungsprozess der jungen gegenüber der alten Generation, bei dem Altern, Alter, Krankheit und deren Chronizität bequemerweise zum Tabuthema abgestempelt wurden. Die viel zitierte demographische Entwicklung zwinge die Bevölkerung, die Wahrheit, nämlich die Überalterung der Gesellschaft, zur Kenntnis zu nehmen und sich darauf einzustellen. Für die geriatrische Arbeit bedeute dies, die Situation und die verschiedenen Lebensstile älterer und alter Patienten sowie die Situation der Angehörigen wahrzunehmen und zu verstehen.

Das Ausmaß der Überalterung machte Füsgen am Beispiel der Stadt Wuppertal deutlich. Hier leben 16 000 Menschen, die über 80 Jahre alt sind. In 15 Jahren werden es 46 000 sein. 40 Prozent der über 80-Jährigen sind mindestens einmal im Jahr im Krankenhaus, sieben Prozent dreimal. 90 Prozent der Hochbetagten sind in dauernder ärztlicher Behandlung. Laut der Berliner Altersstudie aus dem Jahr 1997 nehmen über 70-Jährige durchschnittlich fünf Medikamente (verordnete und Selbstmedikation).

Die vier geriatrischen I's

Charakteristische Krankheitssymptome seien bei geriatrischen Patienten schwieriger auszumachen als bei anderen Patientengruppen, da die Multimorbidität zu Symptomüberlagerungen und altersphysiologische Veränderungen zu Symptomvariabilität führen, erklärt Füsgen. Dem gegenüber stehen wichtige geriatrische Leitsymptome – die vier geriatrischen I's -, die immer wieder in typischer Form auftreten und oft Anlass zu Resignation sowohl bei Angehörigen als auch bei betreuenden Ärzten geben: Intellektueller Abbau, Immobilität, Instabilität, Inkontinenz.

Alte, kranke Menschen brauchen eine ganz spezielle Versorgung, so Füsgen. Wer mit einem Schenkelhalsbruch in die Klinik eingeliefert wird, muss oft gleichzeitig gegen Bluthochdruck, Diabetes, chronischer Bronchitis und Herzinsuffizienz behandelt werden.

Gleiches gilt für die ambulant behandelten Patienten, die den Rat und die Betreuung ihrer Apothekerin und ihrer Apothekers erwarten, wenn vielfach auch nicht aktiv einfordern. Füsgen hält den Apothekerstand in hohem Maße mitverantwortlich für eine altengerechte Versorgung. Ebenso wie das Gros der Ärzte müssten die Pharmazeuten ihre Einstellung zu den alten Patienten ändern. Sie seien keine zeitaufwändige, sondern eine interessante Kundengruppe, die den Heilberufler im Apotheker ansprechen. Wenn die Apotheker den Alten die spezifischen Dienstleistungen versagten, würde der Ruf nach Drugstore und Versandhandel laut. Auch wenn Senioren keinen Computer mit Internetanschluss zu Hause stehen hätten, haben das deren Kinder und Enkel, die sich möglicherweise auf diesem Wege Betreuungserleichterungen versprechen.

Die altengerechte Apotheke, eine Utopie?

Beobachtungsgabe, Fantasie und damit zielgruppengerechte Maßnahmen wünscht sich Füsgen von den Apothekern. Er habe immer nur von Apotheken mit Versorgungs- und Betreuungsschwerpunkten wie Diabetes, Homöopathie, Convenience und anderen Themen gehört, selten aber etwas von der altengerechten Apotheke. "Ist sie wirklich eine Utopie?", fragt er sich. Da zum Beispiel Inkontinenz bei jedem zweiten alten Menschen der Grund für eine Einweisung in ein Heim sei, überlegt sich der Geriater, warum die Apotheken keine Kundentoilette hätten. In so vielen Offizinen stünde, wenn überhaupt, lieblos in der Ecke ein Stuhl – "abgestellt" -, auf dem sich ein alter Kunde ausruhen könne.

Dabei hätten die Apotheker bei den zahlreichen Kundenkontakten so viele Möglichkeiten, über die reine Arzneimittelabgabe hinaus zum Wohle ihrer Patienten tätig zu werden. Bei Senioren verbreitet sei die mangelnde Flüssigkeitsaufnahme. Apotheker müssten ihre betagten Kunden aufklären, dass zu wenig Flüssigkeit zu Vergesslichkeit, eingeschränkter Beweglichkeit, vermindertem Durstempfinden und einer dramatischen Verschlechterung des Allgemeinzustandes führen kann. Die Kunden sollten sich überprüfen, ob sie vielleicht deshalb unbewusst so wenig trinken, um die Zahl der beschwerlich gewordenen Toilettengänge zu senken. Verwirrtheitszustände bis hin zu Bewusstlosigkeit wegen mangelhafter Flüssigkeitsaufnahme seien ein häufiger Grund für Krankenhauseinweisungen, so Füsgen.

Genauso müsse der Apotheker als Generalist "seine Alten" zum Beispiel auf den Zusammenhang zwischen Mundhygiene und Gesundheit hinweisen. Viele Senioren scheuen auf Grund ihrer fortschreitenden Immobilität den regelmäßigen Kontrollbesuch beim Zahnarzt – für Senioren mindestens genau so wichtig wie für jeden anderen Menschen.

Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie

Mit Verve vertritt Professor Füsgen, Präsident der DGG (Kasten), die Ziele seiner Gesellschaft. Nachdem diese medizinische Disziplin zunächst einen schweren Stand hatte, hat der Deutsche Ärztetag 1992 in Köln die Weiterbildungsqualifikation "Klinische Geriatrie" beschlossen. Sie baut auf fünf Facharztqualifikationen (Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Neurologie, Psychiatrie und Nervenheilkunde) auf, umfasst zwei Jahre und wird mit einer Prüfung abgeschlossen.

Die Richtlinien für die Umsetzung dieser Weiterbildungsordnung und der Themenkatalog, der zur inhaltlichen Orientierung und zur Prüfung des erfolgreichen Abschlusses der Weiterbildung dient, sind mit von der DGG erarbeitet worden. Diese Weiterbildung ist in allen Bundesländern umgesetzt worden. In Brandenburg ist inzwischen im Gebiet Innere Medizin ein Schwerpunkt Geriatrie eingeführt worden.

Ohr und Blick für die Senioren

Alten- und altersgerechte Darreichungsformen sind für Dr. Wolfgang Kircher in Peißenberg südlich von München zu einem Lieblings- und Spezialgebiet geworden. Im Laufe seiner 20-jährigen Berufstätigkeit hat der Apotheker immer wieder gesehen, mit welchen Widrigkeiten in der Handhabung von Arzneimitteln vor allem betagte Patienten zu kämpfen haben. Oft haben aber schon die jungen Eltern Probleme, den Hustensaft für ihr Kind richtig zu dosieren und zu verabreichen. Der Pragmatiker hat daher eine Reihe Hilfsmittel erfunden, ausfindig gemacht oder aus dem Ausland mitgebracht, die oft "ganz banal, aber wirkungsvoll und hilfreich sind" und sie auch in seinem Buch "Arzneiformen richtig anwenden" aufgeführt.

Kircher rät ganz allgemein, vor allem auf das große Harmoniebedürfnis älterer Patienten Rücksicht zu nehmen. Geduld und Einfühlungsvermögen erwarten diese Patienten vom Apotheker und seinem Team sehr viel entschiedener als jüngere Kunden, die meist unter Zeitdruck stehen und keinen sozialen Kontakt in der Apotheke suchen. Man müsse sich hinter dem Handverkaufstisch auch vorstellen können, dass sich manche Kunden im Beisein anderer Leute scheuen zuzugeben, dass sie akustisch etwas nicht verstanden haben, sagt Kircher. Deshalb die Bitte an seine Mitarbeiter, mit den Kunden laut und deutlich zu sprechen. Schon das könne Fehler bei der Anwendung von Arzneimitteln vermeiden helfen.

Viele Hilfsmittel sind "Pfennigartikel"

Die Hilfsmittel, die der Apotheker für seine Kunden bereit hält, sind oftmals "Pfennigartikel". Man müsse nur auf die Idee kommen, sie dem Kunden anzubieten. Wer versteifte Fingergelenke hat, hat vermutlich Probleme, die Tabletten aus einem Blister zu drücken, kleine Tabletten zu teilen oder die Augentropfen aus dem kleinen Plastikbehältnis richtig zu applizieren. Für all' diese Fälle hat Kircher Hilfsmittel parat. In seiner Apotheke sind diese Artikel so in der Freiwahl platziert, dass die Kunden sie in die Hand nehmen und ausprobieren können. Allein der dicke, geriffelte Knauf, der auf die unterschiedlich großen Drehverschlüsse von Tuben und Fläschchen passt, verblüfft durch seine Einfachheit und Handlichkeit.

Differenzierter sind die Hilfsmittel für die Handhabung zum Beispiel von (Insulin-)Einmalspritzen (Skalenlupen, Aufziehhilfen) oder zur Entnahme flüssiger und fester Peroralia aus dem Primärpackmittel. Auch zum Teilen oder Pulverisieren von Tabletten und Dragees gibt es einfache, nützliche kleine Helfer.

"Das Wichtigste ist, dass man sich seine Kunden genau anschaut und überlegt, welche Schwierigkeiten sie vielleicht bei der richtigen Handhabung und Anwendung der Arzneimittel haben könnten", so Kircher. "Vielleicht bietet man dann auch einmal an, einige Tabletten in der Rezeptur zu teilen oder in einen Wochendispenser einzusortieren". Zu solchen Hilfestellungen sollten Apotheker von sich aus bereit sein. Oder sie sollten mit dem Arzt Rücksprache nehmen, falls es ein Produkt gibt, das für den Patienten unter pharmazeutischen, pharmakologischen und anwendungstechnischen Gesichtspunkten geeigneter erscheint. "Nur, wer sich in die Situation seiner Patienten versetzen kann, die vielleicht nur ein kleines Handicap oder eine schwere Behinderung haben, kann seinem Versorgungs- und Betreuungsauftrag vollkommen gerecht werden", ist Kircher überzeugt.

Deutsche Gesellschaft für Geriatrie

Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) wurde 1985 gegründet. Mit über 1400 ordentlichen, korrespondierenden, fördernden und Ehrenmitgliedern ist sie heute die größte Fachgesellschaft in Deutschland, die sich mit der Medizin der späten Lebensphase befasst.

Leitlinien der DGG

Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter. Immer mehr alte Menschen haben zugleich verschiedene chronische und akute Krankheiten und Behinderungen.

Weltweit wächst das spezifische geriatrische Wissen für diese Patientengruppe. Nicht nur für den stationären Bereich, sondern auch für niedergelassene Ärzte gewinnt die Geriatrie an Bedeutung. Etwa 90 Prozent der geriatrischen Patienten werden in den Praxen versorgt, über 90 Prozent der Pflegetage im Krankenhaus werden durch geriatrische Patienten bedingt. Wir müssen dieses Wissen umsetzen.

Aufgaben und Ziele der DGG

* Förderung und Koordination von Forschung, Praxis und Lehre in der Geriatrie. Entwicklung und Verbreitung neuer Konzepte und Strategien (zum Beispiel Geriatrisches Assessment, Ambulante Geraitrische Rehabilitation, Denken und Handeln in enger stationär-ambulanter Kooperation)

* Durchführung nationaler und internationaler wissenschaftlicher Kongresse. Anregung und Durchführung regionaler Fortbildungsveranstaltungen sowie Weiterqualifizierungen.

* Sensibilisierung aller altersrelevanten Medizinfelder für geriatrische Sichtweisen und Erfordernisse.

* Sensibilisierung junger Ärzte für altersmedizinische Fragen und Förderung ihres geriatrischen Engagements

* Zusammenarbeit in allen in- und ausländischen Fachgesellschaften, die einen Bezug zur Geiatrie haben.

* Berufs-, gesundheits- und sozialpolitisches Engagement, insbesondere Planung und Umsetzung geriatrischer Strukturen.

Die Geriatrie braucht vorausschauende, zupackende und umsichtige Ärzte.

Was tut die Industrie?

Mit freundlicher Unterstützung der Verbände BAH, BPI und VFA hat die PZ bei den Pharmaherstellern gefragt, wer sich mit dem Thema alters- und altengerechte oder anwendungsfreundliche Applikationsformen beschäftigt. Hier eine weder vollständige noch repräsentative Auswahl der Antworten.

Unter dem Schlagwort "Fürs Leben ist man nie zu alt" hat Azupharma die Initiative AzuVital ins Leben gerufen, die ganz auf die Versorgung geriatrischer Patienten mit Medikamenten (zum Beispiel ein Osteoporose-Granulat zum Trinken, ein Nasenspray, das die Sprühstöße zählt und ein Muskel- oder Gelenk-Roll-on, das wie ein Deo-Roller funktioniert), Serviceleistungen und Informationen abhebt.

Mucos hat mehrere Vitamin-Präparate in flüssiger Form, die in Flaschen oder Tuben in Verkehr sind. Ebenso Abott mit einem Antibiotikum für den Atemwegsbereich in Trinkform für Patienten mit Schluckbeschwerden; auch Bayer bietet saftige Zubereitungen oder Roche lösliche Tabletten. Byk Gulden hat einen Protonenpumpenhemmer als kleine, schluckfreundliche Tablette entwickelt. GlaxoWellcome produziert eine Tablette für Epileptiker, die man sowohl ganz schlucken, kauen oder auflösen und trinken kann. Krewel-Meuselbach arbeitet an leicht teilbaren Snab-Tabletten. UCB hat ein Präparat gegen Demenz als Granulat zum Auflösen und Trinken.

Schering bietet einen Dosierassistenten für Parkinson-Patienten. Aventis zum Beispiel eine Insulininjektion mit Dosis-Memory. Merck wartet mit einem Rheumaspender auf.

Firmen wie betapharm sehen die geriatrische Versorgung als Teil einer jeweils ganzheitlichen Versorgung und Betreuung von Patienten je nach Indikation.

Einige Pharmafirmen bieten auch Informationsbroschüren zu einzelnen Krankheitsbildern, Therapieformen und Pflege an (unter anderem Knoll, Hexal, Lilly, Thomae, Roche, Schwabe). Dr. Willmar Schwabe Arzneimittel hält zum Beispiel ein Demenz-Manual sowie einen Test zur Früherkennung von Demenzen mit Depressionsabgrenzung bereit.

 

Literatur:

(1) Füsgen, I., Der ältere Patient: Problemorientierte Diagnostik und Therapie. Urban & Fischer, München und Jena 2000.
(2) Füsgen, I., Summa, J. D., Geriatrie:Studienbuch für Krankenschwestern, Krankenpfleger, Altenpflegerinnen, Altenpfleger und medizinisch-technische Assistentinnen. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln 1995.
(3) v. Bruchhausen, F., Lemmer, B., Arzneimitteltherapie für ältere Menschen, Springer, Berlin 2000.
(4) Platt, D., Mutschler, E., Pharmakotherapie im Alter: Ein Lehrbuch für Praxis und Klinik. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1999.
(5) Das Bildlexikon der Krankenpflegeartikel, Govi-Verlag, Eschborn 2000.
(6) Kircher, W., Arzneiformen richtig anwenden: Informationen und Tips des Apothekers zur sachgerechten Anwendungstechnik und Aufbewahrung der verschiedenen Arzneiformen. Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 2000.

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