Pharmazeutische Zeitung online

Die Konsequenzen einer wunderbaren Nacht

27.09.2004  00:00 Uhr
.Gesundheitsreform

Die Konsequenzen einer wunderbaren Nacht

von Daniel Rücker, Eschborn, und Thomas Bellartz, Berlin

OTC-Ausgrenzung und neue Preisverordnung, Zulassung des Versandhandels und des begrenzten Mehrbesitzes: Das GKV-Modernisierungsgesetz hat die Arzneimittelversorgung so stark beeinflusst wie kaum ein Gesetz zuvor. Nach neun Monaten zieht die PZ eine erste Bilanz.

Das GKV-Modernisierungsgesetz sollte ein großer Wurf werden. Es sollte den Weg in ein wettbewerbliches Gesundheitssystem – zumindest auf der Anbieterseite - bereiten. Am Ende sprang dabei für einige Akteure eine wunderbare Nacht dabei heraus, für andere weit weniger. Die Begeisterung der Apotheker hielt sich seit dem Beginn der Reformdiskussion in engen Grenzen. Immerhin konnten die Apotheker Fremdbesitz und Preisverhandlungen und somit den völligen Systembruch verhindern. Sogar einzelne positive Resultate sind erkennbar. Nach den Diskussionen der letzten Tage steht der Einführung der elektronischen Versichertenkarte nichts mehr im Weg.

Geht es um die Erfolge der Gesundheitsreform, dann steht für Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sicherlich die Kostenentwicklung im Vordergrund. Im ersten Halbjahr 2004 tat sich für die finanziell gebeutelte GKV in der Tat ungewöhnliches: Sie erwirtschaftete einen Überschuss. Satte 2,5 Milliarden Euro betrug das Plus in den ersten sechs Monaten 2004. Ein Großteil der Einsparungen wurde bei Arzneimitteln erwirtschaftet. 1,4 Milliarden Euro weniger gaben die Kassen für Arzneimittel aus. Im Juli setzte sich der Trend weiter fort. Nach sieben Monaten lag das Minus sogar bei 1,67 Milliarden Euro. Das ist ein Rückgang um 13,16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Anteil der Arzneimittel an den GKV-Ausgaben sank damit nach Angaben der ABDA von 15,3 Prozent auf 13,9 Prozent.

Betrachtet man jedoch nicht nur die nackten Zahlen, dann wird der Kreis der Jubelnden schnell kleiner: Die Einsparungen finanziert haben nämlich ausschließlich Apotheker, Großhandel, Arzneimittelhersteller und vor allem die Patienten – zum einen über die höhere Zuzahlung, zum anderen wegen der Ausgrenzung von nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aus der Erstattungsfähigkeit.

Gerade die OTC-Ausgrenzung lässt den Erfolg der Reform in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Mit der logisch nicht nachvollziehbaren Verknüpfung von Verschreibungspflicht und Erstattungsfähigkeit hat die Politik bewiesen, dass es ihr ausschließlich um Kosten und nur bedingt um Qualität geht. Denn die Regelung hat zur Folge, dass Ärzte Arzneimittel nicht mehr verordnen, wenn diese keine Nebenwirkungen haben.

Durch die Kostenbrille betrachtet war die Ausgrenzung allerdings ein großer Erfolg. Um sagenhafte 52 Prozent ist der Anteil der OTC-Rezepte nach IMS-Angaben im ersten Halbjahr zurückgegangen. Entfielen im ersten Halbjahr 2003 noch 39 Prozent aller ärztlichen Verordnungen auf nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel, waren es im ersten Halbjahr 2004 nur noch 23 Prozent.

In einer gemeinsamen Aktion konnten Ärzte, Apotheker und OTC-Hersteller immerhin verhindern, dass noch mehr Patienten auf therapeutisch notwendige OTC-Arzneimittel verzichten. Im Frühjahr stellten Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Deutscher Apothekerverband (DAV) gemeinsam mit der pharmazeutischen Industrie das Grüne Rezept vor.

Mit dem Formular, dass sich optisch am GKV-Rezept orientiert, sollte den Ärzten ein Instrument in die Hand gegeben werden, mit dem sie ihren Patienten die Bedeutung der OTC-Arzneimittel für die Behandlung ihrer Erkrankung verdeutlichen können.

Das Konzept ging zumindest teilweise auf. Zwar konnte auch das Grüne Rezept nicht den Einbruch bei den OTC-Verordnungen kompensieren. Mit bislang immerhin 100 Millionen an Ärzte verteilten Formularen erfüllte es aber Erwartungen der Initiatoren. „Das Grüne Rezept gibt den Patienten Sicherheit bei der Selbstmedikation und räumt mit dem Missverständnis auf, ein Arzneimittel sei nicht so wichtig, wenn es nicht von der Krankenkasse erstattet wird“, konstatierte ABDA-Hauptgeschäftsführer Professor Dr. Rainer Braun.

8000 Arbeitslose

Angesichts der deutlichen Rückgänge im Arzneimittelumsatz ist es nicht verwunderlich, dass die Arbeitslosenzahlen in der Branche auf hohem Niveau bleiben. Nach Angeben der Apothekengewerkschaft Adexa waren im Juli dieses Jahres 7999 Apothekenangestellte als arbeitslos gemeldet. Damit liegen die Zahlen auf dem Niveau des Vorjahres, das von den Umsatzeinbußen des Beitragssatzsicherungsgesetzes (BSSichG) gekennzeichnet war. Eine Erholung des Arbeitsmarktes ist damit auch in der Apotheke ausgeblieben.

Dramatisch fällt der Vergleich zum August 2002 aus. Unter dem Einfluss von BSSichG und GMG hat sich die Zahl der Arbeitslosen Apothekenmitarbeitern um schaurige 41 Prozent erhöht. Besonders stark betroffen sind PTA mit einer Verdoppelung der Arbeitslosenzahlen.

Versand und Filialen ohne Bedeutung

Auch wenn die finanziellen Auswirkungen der Gesundheitsreform nicht unterschätzt werden dürfen, sind die strukturverändernden Passagen des GMG wohl noch bedeutender. Allerdings fällt es nach neun Monaten schwer, deren Konsequenzen für die Arzneimittelversorgung richtig einzuordnen.

Bislang haben Versandhandel und Filialbesitz die Apothekenlandschaft nur marginal verändert. Angesichts der schwierigen Ertragssituation in den deutschen Apotheken lohnt es sich offensichtlich nur für wenige Apotheker, weitere Filialen zu eröffnen. Nach vorläufigen Zahlen der ABDA gibt es zurzeit rund 360 Filial-Apotheken in Deutschland. Da immerhin etwa 800 Apotheker eine Betriebserlaubnis für Filialen beantragt haben, dürfte die Zahl in Zukunft noch deutlich ansteigen. Aber selbst wenn sie in absehbarer Zeit 1000 betragen sollte, würden immer noch 95 Prozent aller öffentlichen Apotheken in bewährter Form betrieben.

Nach den bisherigen Erfahrungen fehlt der jüngst von Bundeskanzler Gerhard Schröder angezettelten Diskussion über eine völlige Freigabe des Mehrbesitz der Bezug zur Realität. In der Regel haben Apotheken eine, höchstens zwei Filialen. Unterhalb der juristischen Grenze gibt es offensichtlich eine ökonomische, die sich wohl auch nicht per Gesetzesänderung aufheben lässt.

Ähnlich verhält es sich beim Versandhandel mit apothekenpflichtigen Arzneimitteln. Zwar haben immerhin 800 deutsche Apotheken eine Versanderlaubnis erhalten. Wirtschaftlich hat der Arzneiversand dennoch keine Bedeutung. Es existieren nicht einmal genaue Zahlen über seinen Anteil am Gesamtmarkt.

Daran ändern notorischen Erfolgsmeldungen von DocMorris ebenso wenig wie vollmundige Verlautbarungen pro Versandhandel von Krankenkassen. Wer bei den Kassen nach Zahlen fragt, bekommt auch keine verwertbaren Zahlen. Zuerst werden die erhofften 7 bis 10 Prozent Versandanteil angeboten. Auf die Nachfrage zu aktuellen, nicht prospektiven Zahlen, werden die Kassen kleinlauter. Der Anteil sei heute noch „deutlich niedriger“ sind noch die detailliertesten Angaben.

Die Zurückhaltung ist nachvollziehbar, denn der tatsächliche Anteil des Versandhandels am Arzneimittelmarkt taugt nicht für Erfolgsmeldungen. Nach den KV45-Zahlen hatten Versandapotheken im ersten Quartal einen Marktanteil von 0,2 Prozent. Mittlerweile dürfte er deutlich gestiegen sein, doch auch IMS-Health glaubt nicht, dass die 1-Prozent-Marke bereits überschritten ist.

Exakt bestimmen lässt sich die Zahl nicht, denn neben den etwa 10 ausländischen und 30 inländischen Apotheken, die im größeren Umfang versenden, gibt es ungefähr 200 deutsche Apotheken, die mehr oder minder regelmäßig ihren Kunden Arzneimittel zusenden. Bei diesen Apotheken wird jedoch nicht erfasst, welchen Umsatzanteil der Versand bei ihnen hat.

In jedem Fall fristet der Versand bis auf weiteres ein Nischendasein. Und DocMorris hat immer noch keinen Käufer gefunden und die bisherigen Besitzer wollen ihre Anteile immer noch loswerden.

Es wäre jedoch falsch, die Strukturveränderungen im GMG allein nach ihren kurzfristigen Auswirkungen auf das Marktgeschehen zu beurteilen. So hat allein die Diskussion um eine Liberalisierung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes den Markt stark beeinflusst. Innerhalb weniger Monate schlossen sich rund 6000 Apotheker in 15 überregionalen Kooperationen zusammen. Die größten wie MVDA oder parmapharm haben in etwa so viele Mitglieder wie ein Landesapothekerverband (siehe dazu: Interview).

Der Sammelbegriff Kooperationen für die Verbünde suggeriert zudem eine Homogenität, die in der Realität nicht besteht. Die Art der Zusammenarbeit innerhalb der Kooperationen unterscheidet sich erheblich. So gibt es Organisationen, die ihre Zusammenarbeit auf Marketing oder Einkauf begrenzen. Andere wollen mit einer gemeinsamen Dachmarke und einheitlichem Auftritt an den Markt.

Vor allem die Dachmarken-Konzepte haben dafür gesorgt, dass Kooperationen bei Standesvertretern und Politikern Unmut ausgelöst haben. Die Dachmarken werden als „Pseudoketten“ angesehen. Ihre Existenz sei somit eine Gefahr für das Fremdbesitzverbot.

Das dürfte wohl auch für eine Kooperation gelten, die in diesen Tagen startet. Unter dem Markennamen „avie“ will die Sympateam GmbH das erste Franchise-Konzept für Apotheken an den Markt bringen. Nach einem Bericht des Wirtschaftsmagazins „Euro“ will „avie“ am 30. September starten. Auf rund 1000 Apotheken soll avie in den kommenden Jahren nach Angaben von Geschäftsführer Joachim Birkle wachsen. An dem Unternehmen ist auch der Arzneimittelimporteur Kohl-Pharma mit 50 Prozent beteiligt.

Angriffe auf die Apothekenpflicht

Versand und Fremdbesitz sind ohne Frage die wesentlichen Hebel, mit denen externe Unternehmen den Markt öffnen wollen. In den vergangenen Monaten gab es zahlreiche Versuche Branchenfremder, die Apothekenpflicht für Arzneimittel anzugreifen. So eröffnete im Juni die Drogeriekette dm in acht nordrhein-westfälischen Filialen Sammelstellen für Arzneimittelrezepte. Diese schickte sie nach Venlo zur Europa-Apotheek, die die entsprechenden Arzneimittel an die dm-Filialen lieferte. Das Gesundheitsamt Düsseldorf stoppte diese Geschäftsidee Ende August. Beendet ist der Rechtsstreit allerdings noch nicht, denn das Landgericht Düsseldorf hält sich für nicht zuständig, weil dm seinen Hauptsitz in Karlsruhe hat.

Ebenfalls seit Sommer kommen bei eBay Arzneimittel unter den Hammer. In Zusammenarbeit mit einer Hand voll Apotheken bietet die Internet-Auktionsplattform Arzneimittelversteigerungen an. Der Erfolg ist bislang eher bescheiden, denn für eBay gilt, wie für alle Versender: Die angebotenen Arzneimittel sind zwar oft ein wenig billiger als in der öffentlichen Apotheke, doch reicht die Differenz nicht, um die Versandkosten zu begleichen.

Nicht ohne Gefahr für die Strukturen Arzneimittelversorgung ist auch das Urteil des Oberlandesgerichtes Hamm vom vergangenen Dienstag. Danach darf der niederländische Versender DocMorris rezeptpflichtige Arzneimittel preiswerter anbieten, als dies die Arzneimittelpreisverordnung erlaubt. Was dies bedeuten, kann zeigt eine Pressemeldung der AOK-Rheinland vom darauf folgenden Tag. Mit Blick auf das Wirtschaftlichkeitsgebot empfahl sie ihren Patienten, verstärkt Arzneimittel beim Versender zu bestellen.

Grundsätzlich ist es zwar möglich beim Bundesgerichtshof eine Revision zu beantragen. Doch bringt dies die Apotheker in eine schwierige Situation. Immer wieder haben sie gegenüber der Politik auf die Wettbewerbsverzerrung hingewiesen, die sich aus der Nichtbeachtung der Preisverordnung durch ausländische Apotheken ergibt. Das Bundesgesundheitsministerium kennt also das Problem, aber auch eine andere Lösung. Ministerin Ulla Schmidt hat bereits angedeutet, sie halte es für einen Fehler, dass sich die Apotheker für den Erhalt der Preisverordnung beim Versandhandel eingesetzt hatten.

Erfolgreiche Hausapotheke

Trotz einiger Schwierigkeiten, lassen sich die vergangenen neun Monate nicht als Aneinanderreihung von Katastrophen darstellen. Es gibt einige positive Aspekte. An erster Stelle steht hierbei das Hausapothekenmodell. Unter dem Namen Barmer-Service-Apotheke hat es sich innerhalb weniger Monate bundesweit etabliert. Rund zwei Drittel aller öffentlichen Apotheken haben sich qualifiziert und dürfen nun Barmer-Versicherte als Hausapotheke betreuen.

Auch wenn die Zahl der eingeschriebenen Patienten noch nicht den Erwartungen entspricht, so steht doch außer Frage, dass es den Apothekern mit der Hausapotheke gelungen ist, für zahlreiche positive Schlagzeilen zu sorgen. Auch in der Politik stieß das Konzept auf Interesse. Mehr als einmal betonte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, dass sie die intensive Betreuung der Patienten durch die Apotheker für den richtigen Weg hält.

Wie wichtig die Hausapotheke für die Positionierung der Apotheker ist, zeigt auch der Barmer-Hausärztevertrag. Bestandteil des Vertrages, der zwischen Barmer, Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Deutschem Apothekerverband abgeschlossen werden soll, ist die Hausapotheke. Damit hätten die Apotheker einen Weg in die Integrierte Versorgung gefunden.

Noch vor wenigen Monaten sah es allerdings überhaupt nicht danach aus, dass Ärzte ein Interesse an Verträgen hätten, die auch nur im entferntesten mit der Hausapotheke zu tun haben. Vor allem KBV-Vize Dr. Leonhard Hansen, aber auch der Vorsitzende Dr. Manfred Richter-Reichhelm, waren der Meinung, mit der Hausapotheke hätten die Apotheker „die Friedensgrenze überschritten“. Erst in intensiven Gesprächen konnten die Apotheker ihren Heilberufskollegen klarmachen, dass die Hausapotheke keine „Verordnungspolizei“ ist, sondern eine Möglichkeit, die Arzneimitteltherapie zum Nutzen des Patienten zu verbessern.

Da die Begeisterung für das Konzept bei den Krankenkassen unterschiedlich stark ausgeprägt ist, haben die Apothekerverbände die Hausapotheke um eine zweite Variante ergänzt. Zuerst in Sachsen-Anhalt und später auch in anderen Bundesländern können auch Versicherte anderer Krankenkassen die Leistungen der Hausapotheke in Anspruch nehmen.

Möglich macht dies das Hausapothekenscheckheft, in dem Schecks für Leistungen wie Blutzucker- oder Colesterolmessung, Reiseberatung oder Bestimmung des Body-Mass-Index enthalten sind. Mit dem Heft macht der Patient die ausgebende Apotheke zu seiner Hausapotheke und bindet sich, wie im Barmer-Vertrag für ein Jahr an die Apotheke. Nach Überzeugung des Vorsitzenden des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, Knut Vocke, ist das Scheckheft „ein wunderbares Instrument zur Kundenbindung“ (siehe dazu: Interview).

Elektronische Gesundheitskarte

Ulla Schmidt und Horst Seehofer ist sie ein Herzensanliegen, nicht erst seit dem Spätsommer 2003: die elektronische Gesundheitskarte. Beide und viele andere mit ihnen versprechen sich von der Karte nicht nur erhebliche Einsparungen, sondern zudem eine verbesserte Versorgung der Patienten. Sie soll die heutigen Chipkarten ablösen, wesentlich mehr Daten enthalten, fälschungssicher sein und die Einführung des elektronischen Arzneimittelrezeptes sowie die Aufnahme des Notfallausweises ermöglichen. Eingeführt werden soll die Karte zum Jahresbeginn 2006.

Doch immer wieder droht Ungemach aus verschiedensten Winkeln. Derzeit dreht sich allerdings weniges um den Patienten, die Fragen von Compliance und die Korrekturen bei Fehl-, Unter- und Überversorgung. Die Datenhoheit steht im Mittelpunkt des Interesses. Die Gespräche auf der Fachebene drohten in den vergangenen Wochen in einer Sackgasse zu verlaufen, da es erhebliche Differenzen zwischen der KBV und den Krankenkassen auf der einen, den anderen Leistungserbringern auf der anderen Seite gegeben hatte. Die Frage ist, ob die Daten nur auf der Karte des Patienten hinterlegt werden, – und er damit bestimmt, was mit seinen Daten geschieht, oder ob es eine zentrale Server-Lösung gibt.

Das Ministerium hatte früh klar gemacht, dass man eine reine Server-Lösung nicht wolle. Das hätte auch nicht in das Bild des mündiger werdenden Patienten gepasst, an dem Rot-Grün verstärkt bastelt. Und so kam es Mitte September dann doch zur Einigung zwischen den streitenden Parteien, die sich teilweise partout diskussionsunwillig zeigten. Nun gibt es eine Sowohl-als-auch-Lösung, mit der sich zunächst alle einverstanden erklären können.

„Der Zeitplan ist zu halten“, sagten jedenfalls Schmidt und Seehofer nach Gesprächen mit Vertretern von Krankenkassen, Apothekern und Ärzten. Technisch sei die Karte kein Problem. Eine Testphase werde es im kommenden Jahr geben.

Wie viele Daten zusätzlich gespeichert werden und wer sie lesen darf, soll der Patient selbst bestimmen. Die Angehörigen des Gesundheitswesens bekämen über „Heilberufsausweise“ Zugang zu den Daten auf den Patientenkarten. Nach Prüfung des gemeinsamen Konzepts, das am 30. September dem Ministerium vorliegen sollte, wird die Testphase in Modellregionen anlaufen. Im Verlauf des Jahres 2005 sollen die Testgebiete und die Funktionen der Karte immer mehr erweitert werden. Die flächendeckende Einführung soll Anfang 2006 beginnen, kann aber möglicherweise Monate in Anspruch nehmen.

Auch nach der Einführung der Karte sollen ihre Funktionen weiter entwickelt werden. Die für den Patienten freiwillige Übermittlung von Arztinformationen, die die Karte zur elektronischen Patientenakte machen würde, ist laut Schmidt ein „Endziel“. Seehofer sagte, es werde nicht von Anfang an alles Wünschenswerte auf der Karte sein: „Das ist ein ständiger Ausbauprozess.“ Schmidt sagte unter Berufung auf einen Experten: „Das ist das größte Telematikprojekt im Gesundheitssektor weltweit.“ Darin liege auch eine große Chance für die Industrie. Die Kosten der Einführung werden auf 1,4 bis 1,7 Milliarden Euro geschätzt. Sie sollen per Einsparungen durch die Karte in spätestens vier Jahren erwirtschaftet sein.

Vertragsverletzungsverfahren

Mancher Damm droht aber an einer Stelle zu brechen, die nur die wenigsten auf ihrer gesundheitspolitischen Landkarte vermerkt hatten. So hält die EU-Kommission die deutschen Regelungen für die Belieferung von Krankenhäusern mit Arzneimitteln für zu restriktiv und hat deshalb ein so genanntes Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Das könnte Folgen haben, befürchten mittlerweile nicht mehr nur die Juristen. Und auch im BMGS sieht man der Angelegenheit alles andere als gelassen entgegen. Denn von der Kommission will man sich nicht vorschreiben lassen, wie man die eigenen Angelegenheit zu regeln hat.

Der eigentliche Sachverhalt ist nicht kompliziert: Die Regelung, dass eine Klinik nur von einer Apotheke aus demselben oder einem benachbarten Kreis beliefert werden dürfte, ist nach Ansicht der Kommission zu restriktiv. Als Begründung muss einmal mehr die Einschränkung des freien Warenverkehrs herhalten. Dies schade dem Verbraucher, weil er mit einem kleineren Angebot zu höheren Preisen rechnen müsse, behauptet man in Brüssel.

Das Argument der Arzneimittelsicherheit, das nicht nur von Apothekern selbst, sondern auch vom deutschen Gesetzgeber explizit betont wird, wollen die Eurokraten nicht gelten lassen. Es sei nicht zu erkennen, „warum die Arzneimittelsicherheit und der Gesundheitsschutz die Inanspruchnahme eines örtlichen Apothekers erfordern sollte“.

Auslöser des Verfahrens ist ein privater deutscher Krankenhauskonzern. Dieser sieht sich beim Bezug von Arzneimitteln für seine Häuser behindert. Die Berufsorganisationen der Apotheker, ABDA, ADKA (Krankenhausapotheker) und BVKA (krankenhausversorgende Apotheker) sehen dies anders und haben in Stellungnahmen die Notwendigkeit der regionalen Begrenzung hervorgehoben. Wie ADKA-Präsident Steffen Amann im PZ-Interview erklärte, hänge man jedoch nicht an den Kreisgrenzen als regionale Begrenzung für den Arzneimitteleinkauf. Die Bundesregierung plant, das Apothekengesetz zu ändern, dürfte damit jedoch nicht unbedingt erfolgreich sein. Denn der Bundesrat müsste dieser Änderung zustimmen, und da bilden nicht nur die CDU-regierten Länder, sondern auch einige SPD-Landesregierungen eine gemeinsame Allianz gegen Rot-Grün.

Ausblick weiterer Entwicklung

Eine Frage beschäftigt die Beteiligten im Gesundheitswesen, insbesondere die Leistungserbringer, mehr als jede andere: Wann kommt die nächste Reform? Das ist weniger ein Ausdruck von Begehren oder Reformlust als die Sorge, was die Regierung als Nächstes plant.

Allerdings hat sich nach den Erfolgen des GMG die Diskussion in den vergangenen Monaten auf die Debatten rund um Bürgerversicherung und Gesundheitsprämie verlagert. Während Apothekertag und Expopharm treffen sich die Spitzen von Bündnis 90/Die Grünen in Kiel zu ihrer Bundesdelegiertenkonferenz. Einer der wesentlichen Tagesordnungspunkte ist die Bürgerversicherung. Die Grünen wollen die Einheitsversicherung auf jeden Fall und möglichst kompromisslos. Bei der SPD hat eine Arbeitsgruppe unter Andrea Nahles zwar die Eckpunkte vorgelegt, aber erst nach der nächsten Bundestagswahl will SPD-Chef Franz Müntefering dem Thema zu Leibe rücken.

Das kommt der Union entgegen, denn CDU und CSU konnten sich bislang nicht auf eine gemeinsame Linie verständigen. Bis spätestens zum Jahresende soll ein gemeinsames Konzept her, heißt es. Doch die aktuelle Diskussion in der Union deutet darauf hin, dass die Gesundheitsprämie und deren Ausgestaltung eine schwierige Geburt wird.

Angesichts ausbleibender Beitragssenkungen der Krankenkassen fürchten viele Leistungserbringer eine neu aufflammende Ausgabendiskussion, spätestens zum Beginn des Jahres 2005. Dann dürften die Zahlen für die Arzneimittelausgaben im Dezember bekannt werden – und für neuerliche Aufregung sorgen. Das befürchtet auch der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes, Hermann S. Keller, in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er sagte voraus, dass es spätestens Anfang nächsten Jahres zu einer neuen Diskussion rund um den Arzneimittelbereich kommen werde. Da der Herstellerabschlag Ende Dezember 2004 ausläuft und die Festbeträge neu geregelt werden, wird die GKV deutlich mehr für Arzneimittel berappen müssen. Abzuwarten bleibt, ob sich der Gesetzgeber mit der Situation zufrieden gibt und wie bei der Neuregelung der GKV-Finanzierung der Zeit nach der nächsten Bundestagswahl entgegensieht. Oder ob nicht doch noch innerhalb der nächsten 24 Monaten Eingriffe à la Beitragssatzsicherungsgesetz oder GMG drohen.

 

Krankenhausversorgung: Nicht im vorauseilenden Gehorsam nachgeben

Weil einige deutsche Krankenhauskonzerne ihre Arzneimittelkosten senken wollen, haben sie sich bei der EU-Kommission über das deutsche Apothekengesetz beschwert. Sie möchten erreichen, dass die Belieferung der Krankenhäuser nicht auf Apotheken im selben oder im benachbarten Kreis beschränkt bleibt. Die EU-Kommission hat daraufhin ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet. Die Regierung, beim Tabakwerbeverbot oder beim Autohandel durchaus streitbar, will in diesem Fall ein Verfahren unbedingt verhindern. Baden-Württembergs Gesundheitsministerin Tanja Gönner kann dies nicht nachvollziehen.

PZ: Die EU-Kommission hält die deutsche Regelung zur Arzneimittelversorgung von Krankenhäusern für nicht EU-konform. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gönner: Nein. Apotheken im EU-Ausland werden nicht, wie von der Kommission beanstandet, grundsätzlich von der Versorgung deutscher Krankenhäuser ausgeschlossen. Krankenhaus- und krankenhausversorgende Apotheken dürfen bereits heute Arzneimittel bei Anbietern im Ausland beziehen, sofern sie in Deutschland zugelassen sind. In den allermeisten Fällen ist dies aus finanzieller Sicht für ausländische Anbieter jedoch kaum interessant. Die Klage, auf die sich die EU-Kommission beruft, wurde im Übrigen auch nicht von einem ausländischen Anbieter, der sich benachteiligt sieht, eingereicht, sondern von einem deutschen Krankenhauskonzern.

PZ: Angeblich will die Bundesregierung ein mögliches Vertragsverletzungsverfahren in jedem Fall verhindern und dazu das Apothekengesetz ändern. Kennen Sie die konkreten Vorstellungen der Regierung?

Gönner: Die Regierung ist fest entschlossen, den Forderungen der EU-Kommission nachzugeben und arbeitet auf eine zügige Änderung des Apothekengesetzes hin. Ihr Ziel ist es, unter Einhaltung bestimmter Auflagen, die bisher vorgeschriebene räumliche Nähe zwischen Krankenhaus und Krankenhausapotheke beziehungsweise krankenhausversorgender Apotheke abzuschaffen. Es ist bedauerlich, dass hier nicht zunächst nach Lösungen gesucht wird, mit denen bestehende Regelungen aktuellen Erfordernissen angepasst werden können, ohne bewährte und aus gutem Grund etablierte Versorgungsstrukturen grundsätzlich in Frage zu stellen. Viele werden sich noch gut an die Mängel in der Arzneimittelversorgung der Krankenhäuser erinnern, die vor rund 20 Jahren zu den derzeit geltenden Regelungen geführt haben.

PZ: Eine Gesetzesänderung wäre sicher zustimmungspflichtig. Würde das Land Baden-Württemberg und die anderen Unions-geführten Länder dem Vorschlag der Regierung zustimmen?

Gönner: Aus baden-württembergischer Sicht ist der vorgelegte Entwurf zur Änderung des Apothekengesetzes nicht zustimmungsfähig. Die vorgesehenen Neuregelungen berücksichtigen aus meiner Sicht viel zu wenig, dass eine Krankenhausapotheke beziehungsweise krankenhausversorgende Apotheke einen Versorgungsauftrag hat, der weit über logistische Aspekte hinausgeht. Auch die vorgesehenen Auflagen tragen diesem Aspekt nicht ausreichend Rechnung.

Entscheidend ist doch, dass sich für die Krankenhauspatienten die Versorgungsqualität nicht verschlechtern darf. Die räumliche Nähe der Apotheke erleichtert die Einbeziehung pharmazeutischen Sachverstandes in das Klinikgeschehen mit der Mitarbeit in der Arzneimittelkommission des Krankenhauses, die Einbindung der Apotheke in die Therapiekonzepte, die notwendige Hilfestellung bei der richtigen Anwendung der Arzneimittel für das in dieser Hinsicht oft überforderte Pflegepersonal oder auch die ständige Rufbereitschaft. Wie soll all dies künftig noch möglich sein, wenn die versorgende Apotheke weit entfernt ist?

Ein Blick über die Grenzen hinweg, zum Beispiel in die USA, zeigt, dass der Stellenwert der klinischen Pharmazie dort sehr hoch eingeschätzt wird. Es ist dort der Regelfall, dass die Krankenhausapothekerinnen und – apotheker auf den Stationen tätig werden. In Deutschland hat man, unter Berücksichtigung der Erfahrungen in anderen Ländern, die Wichtigkeit der Tätigkeit des Apothekers im Krankenhaus immer wieder betont. Folge war, dass im Jahr 2000 die Approbationsordnung für Apotheker dahingehend novelliert wurde, dass „Klinische Pharmazie“ als Pflicht- und Prüfungsfach eingeführt wurde.

In einer Zeit, in der immer mehr die Entrümpelung der Lehrpläne gefordert wird, ist dies ein Schritt, der ganz sicher nicht ohne dringende Notwendigkeit erfolgt wäre. Vor diesem Hintergrund ist das Ansinnen der Bundesregierung und besonders die Eile, mit der der Forderung der EU-Kommission nachgekommen werden soll, für mich nicht nachvollziehbar.

Ein ganz anderes Problem ergibt sich im Zusammenhang mit der Notfallversorgung, beispielsweise bei Großschadensfällen, bei denen auf die Vorräte in den Krankenhaus- beziehungsweise krankenhausversorgenden Apotheken zurückgegriffen werden muss. Es besteht die Gefahr, dass eine weitere Öffnung der Krankenhausversorgung die Möglichkeiten einer schnellen Verfügbarkeit beeinträchtigt.

PZ: Wie stehen denn die anderen Bundesländer zu dieser Frage?

Gönner: Mitte August hat eine Besprechung der pharmazeutischen Fachreferenten der für Gesundheit zuständigen Länderministerien mit Vertretern des BMGS stattgefunden. Es zeigte sich, dass die weitaus überwiegende Mehrheit der Teilnehmer die baden-württembergischen Bedenken teilt. Auf politischer Ebene hat allerdings bisher noch keine Diskussion stattgefunden.

PZ: Wie sollte sich die Bundesregierung verhalten? Sollte man es nicht auf ein Verfahren ankommen lassen? Die seit 1984 geltende regionale Begrenzung für die Krankenhausversorgung mit Arzneimitteln sollte ja die Sicherheit im Krankenhaus verbessern.

Gönner: Die Bundesregierung sollte nicht in vorauseilendem Gehorsam nachgeben, sondern abwarten, welche Konsequenzen sich aus der EU-Rechtsprechung ergeben. Jüngere Entscheidungen des EU-Gerichtshofes zeigen, dass man sich dort durchaus bewusst ist, dass es Bereiche gibt, in denen der Schutz der Verbraucher Vorrang vor wettbewerbsrechtlichen Gesichtspunkten hat. Der freie Waren- und Dienstleistungsverkehr kann dort eingeschränkt werden, wo es für Leben und Gesundheit erforderlich ist.

Es ist durchaus möglich, dass unsere jetzige Regelung nicht zu hundert Prozent EU-konform ist. Dann muss man darangehen und überlegen, was man ändern kann, um einerseits Anbieter nicht unzulässigerweise auszuschließen, andererseits aber ein hohes Niveau der Arzneimittelversorgung zu gewährleisten. Ein Ansatz wäre zum Beispiel, anstelle der jetzigen Kreisregelung eine maximale Zeitspanne festzulegen, innerhalb derer die versorgende Apotheke im Krankenhaus präsent sein kann.

PZ: Die Apotheker befürchten, dass eine Änderung des Apothekengesetzes in den Krankenhäusern zu einer Trennung von Arzneimittellogistik und -beratung führen könnte und letztlich auch Konsequenzen für die ambulante Versorgung haben könnte. Halten Sie diese Sorge für berechtigt?

Gönner: Die Gefahr der Trennung von Arzneimittellogistik und Versorgung, die auch die Beratung umfasst, sehe ich mit den damit verbundenen Konsequenzen durchaus. Das ist ein wesentlicher Grund für meine ablehnende Haltung gegenüber dem derzeitigen Gesetzentwurf.

Konsequenzen für die ambulante Versorgung fürchte ich dagegen weniger. Ein ambulant behandelter Patient hat, im Unterschied zum Krankenhauspatienten, die Möglichkeit, die Verordnung in der Apotheke seiner Wahl einzulösen. Seit Januar ist der Versandhandel durch zugelassene Apotheken in Deutschland erlaubt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass nur ein Bruchteil der Arzneimittelabgaben auf dem Versandweg erfolgt. Insofern halte ich die Sorge, dass mit gravierenden Auswirkungen auf die ambulante Versorgung zu rechnen ist, derzeit nicht für berechtigt.

 

Kooperationen: Kritik an Dachmarken ist überzogen

Zu Beginn des vergangenen Jahres drohte noch die Zulassung des Fremdbesitzes. Auch als Reaktion darauf suchten Apotheker die Zusammenarbeit mit Kollegen. Der Großhandel machte seinen Kunden Angebote, die bis zu einer gemeinsamen Dachmarke reichten. Auf dem Apothekertag 2003 in Köln wurde eine sehr emotionale Diskussion über den Sinn solcher Verbünde geführt. Ein Jahr später haben sich die Wogen geglättet. Apothekenberater Klaus Hölzel hält die Aufregung für übertrieben.

PZ: Auf dem letzten Apothekertag waren Kooperationen das größte Thema. Jetzt ist es wieder stiller um sie geworden. Geht ihnen bereits die Luft aus?

Hölzel: Den Kooperationen geht die Luft nicht aus. Sie feilen an ihren Konzepten, entwickeln regionale Netzwerke (siehe PZ 34, Seite 41). Das ist zwar weniger spektakulär als die Präsentation einer neuen Dachmarke, aber für den wirtschaftlichen Erfolg wesentlich wichtiger.

PZ: Wie viele Kooperationen gibt es zurzeit, welche sind die erfolgreichsten?

Hölzel: Die Zahl der Kooperationen hängt davon ab, wie man den Begriff definiert. Zählen kleine lokale Einkaufsgruppen mit 5 bis 6 Apotheken schon dazu? Sind Großhandels-Angebote wie Vivesco einzubeziehen? Wir haben in der letzten Auflage unseres "Kooperations-Kompass" nur überregionale Gruppen ohne den Großhandel einbezogen, dessen Aktivitäten wir eher als Kundenbindungssysteme verstehen. Damals gab es 15 solcher Kooperationen. Inzwischen ist "A-Star" unseres Wissens nach nicht mehr aktiv, "1A-gesund Apotheken" sind neu und es hat einige Veränderungen im Marktauftritt gegeben. Zahlenmäßig die größte Gruppierung ist unverändert der MVDA, gefolgt von parmapharm. Die Frage, wer am erfolgreichsten ist, kann man nicht einfach beantworten, weil keine überprüfbaren Zahlen genannt werden. Außerdem muss der wirtschaftliche Erfolg einer Kooperations-Zentrale nicht identisch sein mit dem ihrer Mitglieder.

PZ: Wie viele Apotheker engagieren sich in solchen Verbünden?

Hölzel: Auch hier sind wir auf Schätzungen und Angaben der Kooperationen angewiesen. Aber man kann ohne Großhandel von rund 4000 bis 4500 Apotheken ausgehen. Manche Apotheker gehören zwei oder mehr Kooperationen gleichzeitig an, was vor allem mit dem Drang nach Gebietsschutz erklärbar ist.

PZ: Können Sie sagen, ob Kooperationen, die ihren Mitgliedern viele Freiheiten lassen, erfolgreicher sind, oder eher diejenigen, die sich stark in die Produktauswahl oder den optischen Auftritt einmischen?

Hölzel: Der optische Auftritt wird innerhalb der Branche überbewertet. Die Kunden können mit den Dachmarken noch nicht viel anfangen. Wichtiger ist es, den Apothekennamen als Marke am Standort zu positionieren. Auch das Bild vom geknebelten Kooperations-Apotheker, der kaum noch Freiheiten bei Einkauf oder Verkauf hat, ist überzeichnet. Doch das wirtschaftliche Gesetz der Handelsbetriebslehre, wonach die Differenz zwischen VK und EK möglichst groß sein soll, gilt unverändert. Gelingt es der Kooperation, besonders vorteilhaft einzukaufen, dann werden deren Mitglieder bei vernünftigem OTC-Preisverhalten auch eher profitieren. Da jedoch die lokale Kundennachfrage den Einkauf lenkt und die Industrie große Kooperationen nicht mit üppigen Sonderkonditionen ausstattet, relativiert sich der Vorteil. Lokale Netzwerke können hier oft erfolgreicher agieren.

PZ: Aus standespolitischer Sicht sind vor allem die Dachmarken-Konzepte umstritten. Ist diese Skepsis vor allem mit Blick auf eine Pseudo-Kette berechtigt?

Hölzel: Der Begriff "Pseudo-Kette" ist für fast alle am Markt befindlichen Kooperationen unzutreffend. Unter dem Markennamen AVIE haben sich allerdings etwa 30 Center-Apotheken zu einem Verbund mit deutlichem Franchise-Charakter zusammengeschlossen. Das ist zurzeit die Spitze des Eisbergs. Darunter betreiben viele Marktteilnehmer zwar seit längerem Gedankenspiele zur Kettenbildung aus einer Kooperation heraus, aber das ist noch Zukunftsmusik. Die Kritik an den Dachmarken halte ich für überzogen. Schon der jetzt erlaubte Mehrbesitz ist nicht wegen der Existenz von Dachmarken eingeführt worden. Diejenigen, die Ketten auf juristischem Weg erzwingen wollen, brauchen keine Dachmarken-Argumente. Der Feind steht nicht im Dachmarken-Lager.

PZ: Ebenfalls in der Kritik, auch aus dem BMGS, waren vom Großhandel initiierte Kooperationen. Halten Sie es aus Sicht eines Apothekers für klug, sich so eng an den Lieferanten zu binden?

Hölzel: Die vom Großhandel initiierten Aktivitäten waren unter anderem eine Reaktion auf den Kooperationsboom der Vorjahre. Die hohen Teilnehmerzahlen sind kein Ausdruck tiefer Verbundenheit, sondern schlicht Maßnahmen zur Verringerung des Rohgewinnverfalls. Finanzstarke Apotheken achten auf eine nicht zu enge Bindung an einen Großhandel. Für sie ist Unabhängigkeit ein hohes Ziel. Wer macht schon den Fuchs zum Vertrauensmann im Hühnerstall, fragen diese Apotheker.

PZ: Welche Vorteile hat ein Apotheker davon, sich einem Verbund anzuschließen?

Hölzel: Der ökonomische Druck durch das Beitragsatzsicherungsgesetz und die Maßnahmen des GKV-Modernisierungsgesetzes in diesem Jahr haben zu einem Anschluss von Verbundgruppen aller Art geführt. Hamburgs Kammerpräsident Töbing sprach dieser Tage davon, dass der Einzelkämpfer eher zum Auslaufmodell werde. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen ist mein Eindruck, dass manche Apotheker auch eine Gesinnungs-Heimat in Zeiten des Wandels suchen. Sie fühlen sich unter ihresgleichen wohler und sicherer.

PZ: Sind Kooperationen eine Konkurrenz zu Landesapothekerverbänden (LAV)? Der MVDA hat immerhin so viele Mitglieder wie ein großer Landesverband.

Hölzel: Immer mehr Apotheker vergleichen bei ihren diversen Mitgliedschaften, ob der Beitrag noch der Leistung entspricht. Das gilt auch zwischen Kooperationen und LAVs. Hier werden zarte Wettbewerbs-Pflänzchen sichtbar. Doch der wirtschaftliche Druck ist noch lange nicht so groß, dass man in großer Zahl an Austritt denkt. Würde es zu einem Systembruch im Apothekenmarkt kommen, wäre die Situation anders. Die LAVs müssten sich neu aufstellen, um nicht massenhaft Mitglieder zu verlieren.

PZ: Sie sagen, es gibt heute etwa 15 Kooperationen. Das ist nicht gerade wenig. Werden diese Bestand haben oder erwarten Sie auch hier einen Konzentrationsprozess?

Hölzel: Einen Konzentrationsprozess wird es geben, allerdings kann das bei unveränderten Marktbedingungen noch einige Jahre dauern. Unabhängig davon bilden sich neue Allianzen, zum Beispiel gerade jetzt zwischen Diabetes Vital und Pharma Consult.

PZ: Hängt die Zukunft der Kooperationen an der Frage, ob das Fremd- und Mehrbesitzverbot vollständig fällt? Oder werden sie sich auch so am Markt behaupten?

Hölzel: Zahlreiche Kooperationen werden auch ohne Fall des Fremdbesitzverbots weiter bestehen, weil sie Spezialleistungen anbieten wie zum Beispiel Torre oder sich inzwischen im Markt etabliert haben wie Parmapharm. Solche, die nur auf einen Systembruch setzen, brauchen einen langen Atem – hoffentlich sehr langen Atem.

 

Zunächst die Auswirkungen des GMG analysieren

Klaus Kirschner war dabei, beim Konsens zwischen Koalition und Opposition im vergangenen Jahr. Manches hat er zähneknirschend hingenommen. Im Gespräch mit der PZ erläutert der Sozialdemokrat und Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag seine Sicht der Dinge.

PZ: Das GMG wirkt. Das wird Sie freuen.

Kirschner: Natürlich freut mich das. Wir werden für unsere Reformpolitik immerhin fortlaufend scharf kritisiert. Die Tatsache, dass die Gesundheitsreform erste positive Wirkungen entfaltet, sollte den Menschen zeigen, dass die Reformen etwas bewegen.

PZ: Trotzdem bleiben flächendeckende Beitragssatzsenkungen bei den Krankenkassen aus. Sind die Kassen zu zurückhaltend?

Kirschner: Sinkende Beitragssätze sind ein wichtiges Signal für die Menschen und haben direkte Auswirkungen auf die Lohnzusatzkosten. Mir ist aber auch wichtig, dass die Krankenkassen – so wie vorgesehen – ihre Schulden tilgen. Allerdings nicht vorrangig, das gilt für Beitragssatzsenkungen.

PZ: Damit die Patienten wenigstens auf dieser Seite entlastet werden?

Kirschner: Ja, denn die Patienten sind diejenigen, die von dieser Reform am stärksten betroffen sind. Das dürfen wir nicht vernachlässigen. Deswegen ist es notwendig, die Beiträge auch zu senken, denn dafür wurde diese „Operation“ auch durchgeführt.

PZ: Neben den Patienten tragen insbesondere Apotheken, Großhandel und Hersteller zu den Entlastungen für die GKV bei.

Kirschner: Das war auch so beabsichtigt. Wir waren der Ansicht, dass da noch Luft im System war. Allerdings kann das nicht so unendlich weitergehen. Wir haben einige wesentliche Stellschrauben verändert. Wir werden dies aufmerksam beobachten.

PZ: Sie teilen nicht die Forderungen, die Liberalisierung, zum Beispiel bei den Apotheken, weiter voranzutreiben?

Kirschner: Nein. Jetzt muss man abwarten, es ist wichtiger, sich jetzt erst einmal in aller Ruhe anzuschauen, welche Wirkungen das GMG entfaltet. Die Apotheken müssen sich zunächst mit der neuen Situation arrangieren und die Chancen, die das Gesetz bietet, nutzen. Da passiert im Moment einiges. Das Gesetz ist jetzt erst neun Monate in Kraft. Es wäre falsch, die nächste Änderung hinterherzuschicken, ohne zu wissen, was die vorherige Reform gebracht hat, und wie sie sich auf die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung auswirkt. Nur die Ausgaben und die Apotheken oder Hersteller isoliert zu betrachten, reicht nicht aus.

PZ: Es gab sogar aus ihrer Fraktion Kritik an der Reformumsetzung durch das Ministerium. Hat sich das gelegt?

Kirschner: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Ich finde es nicht ungewöhnlich, dass es Probleme bei der Umsetzung von Reformen gibt. Genauso wie wir den Apotheken Zeit geben müssen, sich auf die Veränderungen einzustellen, braucht auch das Ministerium Zeit. Allerdings zeigen uns die Zahlen auch, dass wir insgesamt auf einem guten Weg sind. Ob Regelungen wie die Mehrbesitzbegrenzung bei den Apotheken aber langfristig zu halten sind, wird sich zeigen.

PZ: Apotheken entwickeln eigene Konzepte, ob Hausapotheke oder Grünes Rezept. Wie finden Sie das?

Kirschner: Das ist das, was wir immer wollten: Die Apothekerschaft hat die Möglichkeit, mit eigenen Konzepten zu wirken. Wir haben die Rahmenbedingungen erweitert und mehr Wettbewerb zugelassen. Das fördert die Kreativität. Und das freut uns.

PZ: Beim Zahnersatz sieht das anders aus.

Kirschner: Das ärgert einen kolossal. Die Zahnersatzpauschale ist das „Kind“ der Union. Frau Merkel wollte dies. Wir haben dem zugestimmt, damit wir eine Reform auf den Weg bringen. Was beim Zahnersatz abgelaufen ist, ist nicht nur schlecht für die Politik und für die Krankenkassen, sondern auch schlecht für die Patienten. Das hat man bei der Union wohl vergessen. Deshalb wird dies geändert: Statt Einheitspauschale einen prozentualen Beitrag und kein Wahlrecht zur Privaten Krankenversicherung.

PZ: Nicht weit von Ihrem Büro entfernt, im Kanzleramt, hat vor einigen Wochen die Bordeauxweinrunde getagt – der Kanzler mitsamt Vorständen der Pharmaindustrie. Hat Sie das geärgert?

Kirschner: Ich habe in der Fraktion dazu sehr deutlich meine Meinung gesagt, auch als Gerhard Schröder dabei war. Wir können nicht allen Ernstes den Versicherten mehr abverlangen und gleichzeitig vor internationalen Konzernchefs in die Knie gehen. Das geht einfach nicht.

PZ: Es gibt eine fortlaufende Debatte über hohe Arzneimittelpreise und jetzt auch über zu hohe Generikapreise. Was ist dran?

Kirschner: Zunächst einmal haben wir einen hohen Generikaanteil im internationalen Vergleich. Das sollte man nicht vergessen. Zum anderen muss man bedenken, dass die Generika diejenigen sind, die für den Wettbewerb im System und bei den Preisen sorgen. Das neue Institut wird sich sicherlich der Sache annehmen und die Zahlen prüfen. Ich sehe da akut keinen Handlungsbedarf.

PZ: Handlungsbedarf gäbe es auf der Finanzierungsseite. Aber bei der Bürgerversicherung tut sich zunächst nichts mehr, oder?

Kirschner: Bis zur Bundestagswahl wird uns das Thema beschäftigen, und wohl auch die Wählerinnen und Wähler. Aber wegen der Mehrheitsverhältnisse wird es keine grundlegende Reform vor der Wahl geben, erst danach.

PZ: Bei der elektronischen Gesundheitskarte läuft wieder alles nach Plan?

Kirschner: In den letzten Wochen hat es viel Hin und Her gegeben. Das war unnötig. Wir wollen die Karte ab Januar 2006 einführen, der Zeitplan steht.

PZ: Wird es bis dahin noch die ein oder andere kleine Reform geben?

Kirschner: Wie gesagt: Ich glaube, dass wir den Beteiligten nun die Zeit geben müssen, die Möglichkeiten des Gesetzes auszuschöpfen. Dann können wir beurteilen, wo noch Veränderungen nötig sind. Aber ich glaube nicht, dass dies noch vor den Wahlen nötig sein wird. Zumindest nicht die größere Reform.

 

Hausapotheke: Das Scheckheft ist ein wunderbares Marketing-Instrument

Im April startete bundesweit die Barmer-Service-Apotheke. Rund zwei Monate später folgte die kassenunabhängige Variante des Hausapothekenmodells. Zuerst in Sachsen-Anhalt konnten Apothekenkunden mit Hilfe eines Scheckheftes Service-Leistungen ihrer Apotheke in Anspruch nehmen. Mittlerweile wird es auch in anderen Bundesländern angeboten. Der Vorsitzende des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, Knut Vocke, ist trotz einiger Startschwierigkeiten vom Erfolg des Konzeptes überzeugt.

PZ: Warum gibt es ein Hausapotheken-Scheckheft?

Vocke: Die bisherige Umsetzung des Barmer-Vertrages hat relativ schnell einige Probleme aufgedeckt, deren Lösung nun angegangen werden muss: Es ist schwierig, dem Patienten die Vorteile einer Einschreibung in die Hausapotheke zu verdeutlichen. Deshalb nimmt der Patient die Leistungen auch nur sehr begrenzt wahr. Außerdem ist es sehr fragwürdig, anderen Patienten, die sich ähnliche Leistungen wünschen, diese zu verweigern, nur weil sie keine Barmer-Patienten sind. Die Lösung dieser Probleme ist aus unserer Sicht das Hausapotheken-Scheckheft.

PZ: Welche Angebote beinhaltet das Scheckheft?

Vocke: Es enthält die typischen Leistungen der Hausapotheke. In dem Heft sind Aktionen zusammengefasst, die jede Apotheke ohnehin ein- bis zweimal pro Jahr durchführt. Wer ein Scheckheft hat, kann die Leistungen allerdings unabhängig von Aktionen zu dem von ihm gewünschten Zeitpunkt in Anspruch nehmen.

Das Scheckheft hat den Vorteil, dass der Patient nachlesen kann, welche Leistungen die Apotheke überhaupt anbietet. Umfragen haben gezeigt, dass viele Patienten gar nicht wissen, wie groß das Leistungsspektrum der Apotheken ist.

PZ: Welche Leistungen bietet das Scheckheft konkret?

Vocke: Gemessen werden Parameter wie Blutdruck und Blutzucker, Body-Mass-Index und Gesamtcholesterol. Der Patient kann sich zum Hauslieferservice anmelden, er kann sich vor einer Reise beraten lassen und ich biete ihm an, seinen Arzneimittelbestand zu Hause zu überprüfen. Außerdem haben wir einen Info-Scheck im Heft. Wenn der Patient ein besonderes Problem hat, kann er diesen Scheck bei mir abgeben. Ich mache dann einen Termin mit ihm aus und löse bis dahin sein Problem. Darüber hinaus kann der Apotheker über Blankoschecks im Heft weiter Angebote machen. Grundsätzlich kann jeder Patient die Leistungen zweimal pro Jahr in Anspruch nehmen.

PZ: Eine Rabattvereinbarung über Freiwahlprodukte wie im Barmer-Vertrag ist im Scheckheft nicht enthalten?

Vocke: Nein, dass Heft ist keine Rabattkarte. In der Regel hat der Patient aber über seine Kundenkarte ohnehin 3 Prozent Rabatt auf die Freiwahl. Die können Sie ihm schlecht wegnehmen.

PZ: Welchen Unterschied gibt es zwischen Scheckheft-Patienten und Barmer-Patienten?

Vocke: Die Leistungen des Barmer-Vertrages gehen weiter als die im Scheckheft. Der Scheckheft-Patient ist ein VIP-Patient, der Barmer-Patient ist ein VIP-VIP-Patient. Der Vorteil vom Scheckheft gegenüber dem Barmer-Patienten ist auch, dass Apotheker und Patient immer genau wissen, welche Leistungen der Patient bereits in Anspruch genommen hat. Sie sehen es an der Zahl der eingelösten Schecks. Die Grundleistungen sind bei beiden Patienten ähnlich.

PZ: Wie lange bindet sich der Patient mit dem Scheckheft an die Apotheke?

Vocke: Ein Jahr, genau wie im Barmer-Vertrag. Das ist allerdings nicht verbindlich. Der Patient kann natürlich jederzeit kündigen, Sie können ihn nicht gegen seinen Willen in der Apotheke halten.

PZ: Wie reagieren die Apothekerinnen und Apotheker auf das Angebot?

Vocke: Sehr unterschiedlich. In einigen Apotheken kommt das Scheckheft sehr gut an. Anderen Kollegen konnten wir aber offensichtlich nicht ausreichend vermitteln, wie sie das Heft einsetzen können. So schlecht sieht es aber nicht aus: Immerhin haben 515 der 580 sachsen-anhaltinischen Apotheken die Qualifizierung für die Hausapotheke absolviert. Von diesen sind wiederum 422 der Arbeitsgruppe Hausapotheke im Landesapothekerverband beigetreten. Diese Mitgliedschaft ist die Voraussetzung zur Zertifizierung und zur Teilnahme am Hausapothekenkonzept in Sachsen-Anhalt.

PZ: Das ist für Barmer-Service-Apotheke und Hausapotheken-Scheckheft gleich?

Vocke: Ja, das ist identisch. Das Scheckheft kann nur einsetzen, wer auch Barmer-Service-Apotheke ist.

PZ: Welche Funktion hat die Arbeitsgruppe Hausapotheke?

Vocke: In Gesprächen mit den Krankenkassen mussten wir feststellen, dass diese sich nicht dafür interessierten, wie viele Apotheken in Sachsen-Anhalt das Curriculum der ABDA erfüllt haben. Wer der Hausapotheken-AG beitritt, musste gleichzeitig unterschreiben, dass er bestimmte Standards bezüglich Qualitätssicherung, technischer Ausstattung und Teilnahme an Schulungen erfüllt. Der Pharmazierat überprüft dies. Außerdem haben wir die Möglichkeit, die Mitgliedschaft einzelner Apotheken in der Arbeitsgruppe zu kündigen, wenn diese sich nicht an die Vorgaben halten. Das hat die Kassen beeindruckt.

PZ: Wenn die Kassen das Hausapothekenmodell gut finden, dann hätten sie doch mit denen Vereinbarungen ähnlich dem Barmer-Vertrag abschließen können. Warum dann das Scheckheft?

Vocke: Die Verhandlungen gingen uns zu langsam voran. Uns läuft doch gegenüber den Versandapotheken die Zeit weg. Wir haben jetzt unsere Stammpatienten. Wir müssen sie jetzt für uns gewinnen. Vor diesem Hintergrund haben wir nach einer kassen-unabhängigen Variante der Hausapotheke gesucht. Wir haben aber keine Türen zugeschlagen. Natürlich sind wir auch jetzt noch für Gespräche mit allen Kassen offen.

PZ: Wie steht es denn um die Akzeptanz der Patienten?

Vocke: Das ist noch ein Problem, allerdings nicht der Patienten, sondern der Apotheker. Es gelingt uns oft noch zu schlecht, die Vorteile des Hausapothekenmodells zu kommunizieren.

Das Hauptproblem ist die Ansprache der Patienten. Es bedarf einer minutiösen Planung, wie man die Kunden anspricht. Ein Problem ist die Zeit. Wenn man dem Patienten am HV-Tisch alle Leistungen der Hausapotheke vorstellt, dann dauert dies zu lange. In meiner eigenen Apotheke habe ich dann festgestellt, dass es sinnvoller ist, den Patienten zuerst nur zu informieren. Danach zeige ich ihm ein Info-Flugblatt sowie das Scheckheft inklusive datenschutzrechtlicher Bestimmungen. Wenn er dies gelesen hat, unterschreibe ich das Heft vor seinen Augen, in der Regel unterschreibt der Patient dann auch.

Es geht aber langsam voran. Mittlerweile haben 95 Apotheken in Sachsen-Anhalt Barmer-Versicherte in der Hausapotheke. Im Schnitt hat jede dieser Apotheken sieben eingeschriebene Hausapotheken-Patienten. Das ist zwar noch nicht befriedigend aber immerhin ein Anfang.

PZ: Wie viel Mehrarbeit machen Ihnen die Hausapotheken-Kunden?

Vocke: Vielleicht fünf bis zehn Minuten pro Patient. Sie müssen schon einen Mitarbeiter haben, der einspringen kann, wenn ein Hausapotheken-Kunde eine längere Beratung braucht. Das ist schon zwingend notwendig.

Natürlich ist das Hausapotheken-Scheckheft mit Mehrarbeit für die Apotheken verbunden. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Das Heft ist ein wunderbares Marketinginstrument. Die verschiedenen Schecks machen den Kunden auf die Leistungen der Apotheke aufmerksam. Außerdem kann der Apotheker das Scheckheft als Aufhänger dafür nutzen, den Patienten auf diese Leistungen anzusprechen. Der Aufwand lohnt sich deshalb in jedem Fall. Top

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