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Das New Kreüterbuch als Grundlage der modernen Phytotherapie

01.10.2001  00:00 Uhr

LEONHART FUCHS

Das New Kreüterbuch als Grundlage der modernen Phytotherapie

von Lutz Heide, Tübingen

Vor 500 Jahren wurde der Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs geboren. Er war einer der bedeutendsten Mediziner des 16. Jahrhunderts. Sein prachtvoll bebildertes "New Kreüterbuch" von 1543 war die beste Darstellung von Arzneipflanzen seiner Zeit und hat die Botanik und Arzneipflanzenforschung der folgenden Jahrhunderte entscheidend geprägt. Für 517 Arzneipflanzen führt er nicht nur eine genaue botanische Beschreibung, sondern unter dem Titel "Krafft und Würckung" auch die medizinischen Anwendungen auf. Wie hat sich nun die moderne Anwendung von Arzneipflanzen im Vergleich zu Leonhart Fuchs´ Zeit verändert?

Leonhart Fuchs wurde 1501 in Wemding im Nördlinger Ries geboren. An der Universität Ingolstadt studierte er Medizin und wurde dort 1524 zum Doktor der Medizin promoviert. Nach zweijähriger ärztlicher Praxis in München wurde er 1526, mit 25 Jahren, zum Professor für Medizin an der Universität Ingolstadt berufen. Als Lutheraner sah er sich an dieser katholischen Universität jedoch erheblichen Anfeindungen ausgesetzt, die ihn 1528 veranlassten, eine Stelle als Leibarzt des Markgrafen von Brandenburg in Ansbach anzunehmen. Ein zweiter Versuch, an der Universität Ingolstadt Fuß zu fassen, schlug wiederum nach kurzer Zeit fehl, und so war Fuchs wahrscheinlich froh, als ihn Herzog Ulrich nach Tübingen berief, wo er 1535 Professor für Medizin wurde. Dort lebte er mit seiner vielköpfigen Familie im heute noch erhaltenen "Nonnenhaus", das vor der Reformation von einer christlichen Frauengemeinschaft bewohnt worden war. Das zum Haus gehörende Gelände nutze Fuchs als Arzneipflanzengarten und gründete damit einen der ältesten botanischen Gärten der Welt.

Herzog Ulrich erwartete von ihm eine Mitwirkung an der Reformation der Universität. Als Dekan der medizinischen Fakultät und mehrfacher Rektor der Universität wandte Fuchs sich dieser Aufgabe mit großer Energie zu. Gleichzeitig verfasste und übersetzte er viele medizinische Werke, und sein internationales Ansehen war so groß, dass er 1548 einen sehr ehrenvollen Ruf nach Pisa erhielt, wo damals der wohl bedeutendste botanische Garten der Welt angelegt worden war. Fuchs lehnte diesen Ruf jedoch ab und blieb der Universität Tübingen bis zu seinem Tode 1566 treu.

Das zentrale Anliegen von Leonhart Fuchs

Zu den zentralen Zielen von Leonhart Fuchs gehörte die Zurückdrängung des "Arabismus", des Einflusses der arabischen Medizin auf die medizinischen Lehren seiner Zeit, und die Rekonstituierung der klassischen griechischen Medizin. Diese Bestrebung ist aus seiner Zeit heraus zu verstehen: Für Jahrhunderte war die arabische Kultur eine der am höchsten entwickelten Kulturen der Welt gewesen. Nach der Eroberung der iberischen Halbinsel hatten die Mauren dort eine blühende Zivilisation errichtet, die Europa nicht nur in der Medizin, sondern in vielen Bereichen nachhaltig beeinflusste. Der Gebrauch der arabischen Ziffern in der modernen Welt ist ein Beispiel dafür. Erst wenige Jahre vor Fuchs´ Geburt war es den "Katholischen Königen" von Spanien, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon, gelungen, die Mauren endgültig aus Granada und damit aus Spanien zu vertreiben.

Die Zurückdrängung des arabischen Einflusses war somit eine politische Bewegung jener Zeit, die Fuchs im geistigen Bereich aufnahm. Zudem war er Lutheraner, und ein Kernanliegen der Reformation war die Rückbesinnung auf die klassische heilige Schrift, die Bibel, und eine Abwendung von den vielfältigen späteren Schriften und Kommentaren führender Kirchenvertreter. Eine Parallele zu diesem Anliegen stellte die von Fuchs geforderte Rückbesinnung auf die klassische griechische Medizin und die Abwendung von der später entstandenen arabischen Medizin und ihren Schriften dar.
Hierbei gab es jedoch ein praktisches Problem: Zwar waren viele klassische Werke der antiken griechisch-römischen Medizin überliefert und enthielten die Namen und Anwendung einer großen Zahl von Arzneipflanzen. Jedoch waren diese im Lauf der Jahrhunderte stets handschriftlich kopierten Schriften nicht mit Abbildungen versehen. Nur zu oft war deshalb unklar, welche der zu Fuchs´ Zeiten bekannten Pflanzen denn mit den Namen gemeint waren, die in den klassischen Schriften gebraucht wurden. Daher stellte sich Leonhart Fuchs die zentral wichtige Aufgabe, die in Deutschland heimischen oder kultivierten Pflanzen seiner Zeit mit den in der klassischen griechischen Medizin erwähnten Arzneipflanzen zu identifizieren. Dies erforderte ein Werk, das mit naturgetreuen Abbildungen von Pflanzen versehen wurde. Mit der erst wenige Jahrzehnte zuvor eingeführten Technik des Buchdrucks konnten solche Abbildungen einem weiten Leserkreis zugänglich gemacht werden.

Einzigartiges Opus, das New Kreüterbuch

Leonhart Fuchs erfüllte diese Aufgabe in seinem epochalen Werk "De historia stirpium", das 1542 in lateinischer Sprache erschien und sich damit zunächst an die wissenschaftlichen Fachkreise wandte. Schon im folgenden Jahr, 1543, erschien in Basel die deutsche Ausgabe seines Werkes, das "New Kreüterbuch", das seinen Namen unsterblich machte.

Es ist ein außerordentlich umfangreiches Werk. In 346 Kapiteln werden insgesamt 517 Arzneipflanzen beschrieben und mit kolorierten Holzschnitten abgebildet. Die Qualität und naturgetreue Präzision der Abbildungen übertraf alle bisher erschienenen Werke und beeinflusste noch für Jahrhunderte die Pflanzendarstellung der Neuzeit. Jedes Kapitel entsprach in etwa einer Pflanzengattung, für die teilweise mehrere Pflanzenarten oder -varietäten ("Geschlechter", wie Fuchs sie nannte) vorgestellt und abgebildet wurden. Die botanischen Kategorien Art und Gattung wurden erst zweihundert Jahre später von Linné im modernen Sinne definiert. Linné bediente sich übrigens oft des Fuchs´schen Werkes und benannte, auf Vorschlag des Franziskanerpaters Charles Plumier, eine von diesem entdeckte amerikanische Blütenpflanze als Fuchsia triphylla. Die Gattung Fuchsie erinnert damit noch heute an den Tübinger Botaniker.

Etwa 100 im New Kreüterbuch aufgeführte Arten wurden erstmals in Deutschland beschrieben. Das Buch ist auch beispielhaft in seinem systematischen Aufbau. Es enthält drei alphabetische Register, eines für die lateinischen Pflanzennamen, eines für die deutschen Pflanzennamen, und eines für die Krankheiten, für die die Pflanzen eingesetzt wurden, jeweils mit genauen Verweisen auf die betreffenden Kapitel.

Auch jedes einzelne Kapitel ist nach einer strikten Systematik aufgebaut. Zunächst werden unter der Überschrift "Name" die deutschen, griechischen und lateinischen Synonyme für die Pflanze aufgeführt. Der Abschnitt "Geschlecht" stellt verschiedene Arten und Varietäten der Pflanze vor. Es folgen eine sorgfältige botanische Beschreibung der "Gestalt" der Pflanzen, die "Statt irer Wachsung", also der Wuchsort, sowie "Die Zeit" (Blütezeit). In "Die Natur und Complexion" wird die Pflanze in bestimmte Kategorien der wissenschaftlichen Medizin eingeordnet; "Die Krafft und Würckung" beschreibt ausführlich die medizinischen Anwendungen. Auffällig aus heutiger Sicht ist das Fehlen von Dosierungsangaben: Nur in wenigen Fällen spezifiziert Fuchs die Dosis seiner Arzneipflanzen oder ihrer Zubereitungen; in den meisten Fällen werden nur die Indikation und Anwendungsart genannt.

Der Aufbau eines Kapitels soll am Beispiel des Baldrians verdeutlicht werden. Im Abschnitt "Namen" schreibt Fuchs: "Baldrion würdt sonst auch ... Katzenkraut ...genent, darumb das die katzen die wurtzel dises krauts gern riechen... In Griechischer und Lateinischer spraach würdt dis gewechs Phu und Nardus sylvestris geheyssen. Die Apotecker und gemeine kreütler nennens Valerianam." Zentral wichtig war dem Botaniker die Identifizierung der Pflanze mit den Namen, die in der griechisch-römischen Antike gebraucht worden waren. Aus diesem Grund waren die Kapitel in seinem Buch auch alphabetisch nach den griechischen Pflanzennamen geordnet. Im Abschnitt "Die Natur und Complexion" wird aufgeführt: "Baldrion ist warm und trucken im andern grad."

Die modernen Anwendungsgebiete für Baldrianwurzel sind Unruhezustände, nervös bedingte Einschlafstörungen sowie auch nervös bedingte, krampfartige Schmerzen im Magen-Darm-Bereich. Im Vergleich hierzu schreibt Fuchs über die "Krafft und Würckung": "Baldrionwurtzel gesoten und getruncken treibt den harn, ... stillt den weetagen der seiten, ....ist zur Zeit der Pestilenz seer gut, ... macht ein klar gesicht [= verbessert die Sehkraft], ... ist gut zu den wunden." Kein Wort von Unruhe und Schlafstörungen! Wie erklärt sich dieser deutliche Unterschied zwischen den heutigen und den damaligen Indikationsangaben? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir einen Exkurs in die medizinische Gedankenwelt von Leonhart Fuchs vornehmen.

Die medizinische Gedankenwelt im 16. Jahrhundert

Medizin, oder allgemeiner Gesundheitspflege, spielt sich in nahezu allen Kulturen auf drei Ebenen ab. Die erste Ebene ist die Hausmedizin, die innerhalb der Familien mit dort vorhandenem medizinischen Wissen praktiziert wird, ohne dass außenstehende Fachleute hinzugezogen werden. Ein Beispiel ist die Anwendung von Wadenwickeln oder Kamillentee. Die zweite Ebene, die Volksmedizin, beruht auf dem Wissen von spezialisierten Heilkundigen - in früheren Jahrhunderten beispielsweise die "Kräuterweiblein" oder, wie Fuchs sie nennt, die "gemeinen kreütler". Diese verfügten über ein empirisches, aus der Erfahrung der praktischen Anwendung gesammeltes Wissen über die Heilung von Krankheiten, oft mit Hilfe von Arzneipflanzen. Sie haben jedoch in der Regel keine formale Ausbildung in Hochschulen oder Universitäten.

Die dritte Ebene sind die konzeptualisierten medizinischen Systeme, die in Universitäten oder vergleichbaren Einrichtungen gelehrt werden und die neben den empirischen Erfahrungen ausgeprägte Theorien zur Funktion des menschlichen Körpers und zur Entstehung von Krankheiten beinhalten. Daraus wird dann das Vorgehen zur Heilung von Krankheiten abgeleitet. Ein solches System ist unsere naturwissenschaftliche Medizin, aber zum Beispiel auch die Homöopathie, die traditionelle chinesische Medizin und die indische Ayurveda-Medizin. Auch die Materia Medica zu Zeiten von Leonhart Fuchs, also die damals an den Universitäten gelehrte wissenschaftliche Medizin, war ein konzeptualisiertes Medizinsystem. Fuchs war mitnichten ein "gemeiner kreütler", der die Anwendung seiner Arzneipflanzen durch Versuch und Irrtum ermittelte, sondern er stand in der wissenschaftlichen und weltanschaulichen Tradition seiner Zeit.

Zu den klassischen medizinischen Konzepten gehörten die vier Elemente der griechischen Antike und ihre Entsprechungen in der Humoralpathologie, der Säftelehre. Den vier Elementen der griechischen Antike, also Wasser, Erde, Feuer und Luft, wurden zunächst Eigenschaften aus den beiden Gegensatzpaaren "trocken - feucht" und "warm - kalt" zugeordnet, sodann je ein Körpersaft: Schleim, Blut, gelbe und schwarze Galle (Tabelle 1). Krankheit wurde als ein Ungleichgewicht der Säfte verstanden, das durch Medikamente mit entsprechenden Eigenschaften ins Gleichgewicht gebracht werden musste. So erklären sich die Eigenschaften, die Fuchs unter den Abschnitten "Die Natur und Complexion" beschreibt, zum Beispiel "warm und trocken" für Baldrian.

 

Tabelle 1: Grundkategorien der frühneuzeitlichen Humoralpathologie

Element

Eigenschaft

Geschmack

Körpersaft

Wasser

Feucht und kalt

salzig

Schleim

Erde

Trocken und kalt

sauer

schwarze Galle

Feuer

Trocken und warm

bitter

gelbe Galle

Luft

feucht und warm

süß

Blut

 

Bei der Auswahl von Arzneipflanzen spielte zudem die Signaturenlehre eine wichtige Rolle. Diese Lehre ging davon aus, dass Übereinstimmungen zwischen Pflanzen und menschlichen Körperteilen oder Krankheiten, beispielsweise in Farbe, Form oder Geruch, Beziehungen zwischen Pflanze und menschlichem Körper widerspiegeln und damit Hinweise auf die geeignete medizinische Anwendung geben. Der gelbe Milchsaft des Schöllkrauts wurde so in Beziehung zur gelben Galle des Menschen gesetzt, woraus sich die Anwendung des Schöllkrauts als Gallenmittel ableitete.

Wenn wir die Anwendung von Arzneipflanzen bei Leonhart Fuchs mit deren heutigem Einsatz vergleichen, so müssen wir berücksichtigen, dass Fuchs von gänzlich anderen medizinischen Konzepten ausging. Zudem ist, selbst innerhalb von ähnlichen medizinischen Systemen, die Anwendung von bestimmten Arzneimitteln deutlich zeit- und kulturgebunden. Dies gilt sogar für synthetische Arzneimittel: So ist die Anwendung von Acetylsalicylsäure in hohen Dosen bei rheumatoider Arthritis in den USA die Therapie der ersten Wahl, hingegen in Europa völlig ungebräuchlich. Und schließlich sollten wir nicht übersehen, dass auch unser modernes Wissen über pflanzliche Arzneimittel noch sehr unvollständig ist.

Fuchs´sche Arzneipflanzen aus heutiger Sicht

Als erstes Beispiel soll Thymian dienen, der heute sehr häufig in pflanzlichen Hustenmitteln eingesetzt wird. Sein ätherisches Öl soll expektorierend und bronchospasmolytisch wirken, weshalb Thymian gerade auch bei Keuchhusten verwendet wurde. Die Kommission E gibt als Anwendungsgebiete Symptome der Bronchitis und des Keuchhustens sowie Katarrhe der oberen Luftwege an.

Fuchs beginnt seine Ausführungen über "Krafft und Würckung": "Der Thym, mit honig gesotten und getrunken, ist bequem und nützlich denen so keichen und einen schweren athemb haben". Dies gibt recht genau die heutige Indikation wieder. Weiter heißt es: "Thym gestossen zu pulver und mit salz vermischt, zu der speis genützt, macht lust zu essen." Auch heute werden Gewürze zur Anregung des Appetits genutzt. Jedoch führt Fuchs noch zahlreiche weitere Anwendungen des Thymians auf: "Er treibt aus die würm,...bringt den frawen ire zeit, ... zerteylt das gerunnen Blut, ... verzeret die Geschwulst, ... vertreibt die warzen, ... ist hilfreich dem hüftwee, ... [ist nützlich denen die] blöde augen haben [= an Sehschwäche leiden] [oder] die fallende Sucht haben, ... vertreibt die blast und wind im bauch." Eine solche Vielzahl völlig unzusammenhängender Indikationen ist typisch für die Kräuterbücher dieser Zeit und steht in deutlichem Gegensatz zur modernen Arzneimitteltherapie, die eine Konzentration auf wenige, gut belegte Indikationen anstrebt.

Die Aloe ist auf Grund ihrer Anthrachinon-Derivate ein klassisches dickdarmwirksames Laxans, das heute noch in etlichen Phytopharmaka enthalten ist. Fuchs beschreibt die wohl aus der Karibik importierte Aloe vera Burm. (syn. Aloe barbadensis Miller) und kommentiert: "Des zusamen gerunnenen Safts der Aloen ... treibt zum stulgang. ... So Aloen mit anderen purgierenden artzneye vermischt würt, so macht es das sie dem magen weniger nachteil bringen, dan es dem magen sonderlich dienstlich und angenehm ist." Zwar betrachten wir Aloe heute im Vergleich zu Sennesblättern, Faulbaumrinde und Rhabarberwurzel eher als schlecht magenverträglich. Jedoch stand Fuchs keine diese modernen Anthrachinon-Drogen zur Verfügung, und als Laxans wurden damals drastisch wirksame Arzneipflanzen wie die Koloquinten eingesetzt. Im Vergleich zu diesen dürfte Aloe durchaus eine bessere Verträglichkeit aufweisen.

Schöllkraut wurde bereits als Beispiel für die Signaturenlehre erwähnt, weil der gelbe Milchsaft zur Verwendung als Gallenmittel führte. Dazu schreibt Fuchs: "Die wurtzel, mit Enis [= Anis] in weissem wein gesotten unnd getruncken, eröffnet die verstopfung der leber und vertreibt die geelsucht [= Gelbsucht]." Es muss offen bleiben, ob die heute noch gebräuchliche Anwendung des Schöllkrauts die Empfehlung von Fuchs nachträglich rechtfertigt oder ob sie eher anzeigt, wie lange frühneuzeitliche medizinische Vorstellungen die Phytotherapie geprägt haben. Wirksamkeit und therapeutischer Nutzen von pflanzlichen Gallenmitteln, einschließlich des Schöllkrauts, sind heute heftig umstritten.

Die Kamille ist mengenmäßig eine der am meisten verwendeten Arzneipflanzen. Die von der Kommission E befürworteten Anwendungsgebiete umfassen Magen-Darm-Beschwerden, Reizung der Mund- und Rachenschleimhaut sowie der oberen Atemwege. Die Angaben von Fuchs weichen erheblich ab: "Chamillen ... bringen den frawen ire Zeit, ... treiben den harn und stein, ... vertreiben die blast und wind, ... reynigen die geelsüchtigen, ... vertreiben die mundfeule, ... würt nützlich gebraucht zu den clystieren die man im fieber gebraucht, ... ist nützlich denen so von den natern gebissen sind. ... Heylet auch die alten wunden..." Erst im letzten Satz ist die heute gebräuchliche Anwendung bei Hautleiden angedeutet.

Wie erklärt sich dieser Unterschied bei einer so auffallenden und so häufig vorkommenden Arzneipflanze? Ein Satz im Fuchs´schen Abschnitt zu "Krafft und Würckung" der Kamille gibt einen Hinweis: "Das krefftigst under allen geschlechtern ist das mit den purpurfarbenen blumen." Eine Kamille mit purpurfarbenen Blüten? Der Abschnitt "Geschlecht" löst das Rätsel: "Der Chamillen, wie Dioscorides klärlich anzeygt, seind dreierley geschlecht. Das erst hat weiß blumen [= Echte Kamille]... Das ander geschlecht ...würdt geheyssen ... geele Chamill [= Färber-Hundskamille]. Das dritt geschlecht hat purpurfarb blumen ... Die Teütschen heyssens Rittersporn." Alle drei "Kamillenarten" sind abgebildet, und bei der dritten handelt es sich tatsächlich um Rittersporn (Delphinium consolida L. [syn Consolida regalis Gray], Ranunculaceae). Diese Pflanze hat nach heutiger Vorstellung mit der Kamille gar nichts zu tun, weder systematisch noch hinsichtlich der Inhaltsstoffe. Rittersporn enthält Alkaloide und ist schwach giftig. Vielleicht beschreibt ihn Fuchs deshalb als "die kräftigste unter den Kamillenarten", vielleicht entgingen ihm deshalb die Wirkungen der Echten Kamille. Dieses Beispiel zeigt, dass Fuchs´ Versuch, die überlieferten Pflanzenbeschreibungen der Griechen auf die deutschen Arzneipflanzen seiner Zeit zu übertragen, mitunter in die Irre führte.

 

New Kreüterbuch im handlichen Format

Anlässlich des 500. Geburtstages von Leonhart Fuchs wurde das New Kreüterbuch in einer preisgünstigen Ausgabe neu verlegt (3). Das Buch ist ein vollständiges Faksimile des Werkes von 1543, mit den farbigen Abbildungen aller Pflanzen. Dem vollständigen Originaltext ist ein modernes Kapitel vorangestellt, das das Leben von Leonhart Fuchs zusammenfasst. Eine Liste mit Kurzkommentaren zu allen Kapiteln, ein Register der abgebildeten Pflanzen mit den heutigen Namen, ein alphabetisches Verzeichnis der wissenschaftlichen Pflanzennamen und schließlich ein Glossar der ungewohnten neuhochdeutschen Begriffe runden die Neuauflage ab und ermöglichen dem Leser, sich rasch mit dem Werk von Leonhart Fuchs vertraut zu machen.

 

Den Ricinus nannte Fuchs Wunderbaum. Das fette Öl des Ricinus, abgepresst aus den geschälten Samen, wirkt durch seinen Gehalt an 12-Hydroxy-Ölsäure als dünndarmwirksames Laxans. Dies war schon im Altertum bekannt, und entsprechend schreibt Fuchs über die Wirkung: "Dreissig zeckenkörner von iren schelfen gereynigt, zerstossen und getrunken, treiben durch den stulgang die gallen, zähen schleim und wasser. Manche speien. Es ist aber solche purgation unlieblich und müeselig, dann sie bewegt und überwürfft den magen hefftig." Die stark abführende Wirkung ist korrekt beschrieben, völlig überraschend ist aber die angegebene Dosis von dreißig Samenkörnern. Die Samen enthalten das Eiweiß Ricin, einen der giftigsten bekannten Naturstoffe. Das kalt abgepresste Öl enthält das Gift nicht, wohl jedoch das Nährgewebe des geschälten Samens. Tödliche Vergiftungen durch Ricinus-Samen werden auch heute immer wieder berichtet. Das Gift wird um so besser aufgenommen, je feiner der Samen zerkleinert oder zerkaut wird. Die tödliche Dosis für den Erwachsen liegt zwischen zwei und zwanzig Samen. Die beschriebenen "30 geschälten Samenkörner, zerstossen und getrunken" sind damit eine tödliche Dosis!

Eine Erklärung für diese lebensgefährliche Angabe ist nicht bekannt. Möglicherweise hatte Fuchs eine Ricin-arme, weniger toxische Rasse in seinem Garten oder Exemplare mit sehr kleinen Samen. Vielleicht hatte er auch keine eigene Erfahrung mit Ricinus-Samen, weil sie ihm nicht in ausreichender Menge zur Verfügung standen. Ein Versuch, dem Fuchs´schen Rezept zur Anwendung von Ricinus zu folgen, könnte jedenfalls sehr gefährliche Auswirkungen haben.

Ähnlich überraschend sind die Angaben zum Fingerhut (Digitalis purpurea L.). Die exzellente naturgetreue Darstellung der Pflanze bei Fuchs ist die erste botanische Beschreibung des Fingerhuts in Deutschland. Zur Wirkung finden wir den Abschnitt: "Die Fingerhutkreüter gesotten und getruncken zerteylen die grobe feüchtigkeyt, seubern und reynigen, ... bringen den ... frawen ihre zeit, machen auswerfen und reynigen die brust. ... haben allerley würckungen so der Entian hat ... Wer dieselbigen begert zu wissen, der mag sie am gedachten ort suchen und lesen." Fingerhut enthält die herzwirksamen Glykoside Digitoxin und Digoxin - essenzielle Arzneimittel zur Therapie der Herzinsuffizienz -, die jedoch eine sehr enge therapeutische Breite haben. Bereits geringe Überdosierungen wirken toxisch. Fingerhutblätter sind äußerst giftig: Drei Blätter sind für einen Erwachsenen tödlich. Tödliche Vergiftungen sind glücklicherweise relativ selten, da die Blätter intensiv bitter schmecken. Der Ratschlag von Fuchs jedoch, die Wirkungen des (ebenfalls intensiv bitteren!) Enzians mit Fingerhutkraut nachzuahmen, "gesotten und getruncken", oder einen Fingerhut-Tee bei Husten einzusetzen, ist nachgerade eine Einladung zum Tode!

Wie konnte es geschehen, dass dem ausgezeichneten Botaniker und Arzt ein so gefährlicher Missgriff unterlief? Eine mögliche Antwort finden wir in dem Abschnitt "Gestalt". Als Abschluss der schönen botanischen Beschreibung des Fingerhuts heißt es: "Ist in summa ein schön lustig kraut anzusehen, habs derhalben nit künden übergeen, unangesehen das es noch in keinem Brauch ist bey den ärtzeten, so vil und mir bewüßt." Fuchs hat in seinem New Kreüterbuch zwar überwiegend Arzneipflanzen aufgeführt, jedoch ausdrücklich auch einige Gewächse wegen ihrer Bedeutung als Nahrungspflanzen oder eben wegen ihres schönen Aussehens aufgenommen. Er hat für den Fingerhut offenbar nur die Anwendungsgebiete wiedergegeben, die ihm von anderen genannt worden waren. Eigene therapeutische Erfahrungen hat er sicherlich nicht gesammelt, sonst wäre ihm die außerordentliche Giftigkeit nicht verborgen geblieben.

Wir müssen uns hier bewusst machen, dass Fuchs im New Kreüterbuch nicht primär medizinische Erfahrungen niederlegen wollte, die er selbst in seiner ärztlichen Praxis gesammelt hatte. Der Hauptzweck des Buches war die Identifizierung der in Deutschland heimischen oder kultivierten Pflanzen mit den Arzneipflanzennamen, die in der griechisch-römischen Antike benutzt worden waren. Diesem Zweck dienten die exzellenten Abbildungen. Die Anwendungen hatte Fuchs aus vielen Quellen zusammengetragen und, wie an den letzten beiden Beispielen ersichtlich, nicht oder nur zum Teil empirisch überprüft.

Indikationen im Vergleich

Wie hat sich nun die moderne Anwendung von Arzneipflanzen im Vergleich zur Fuchs´schen Zeit verändert? Pflanzliche Arzneimittel haben in Deutschland auch heute eine erhebliche Bedeutung. Die in der Bevölkerung bekanntesten Arzneipflanzen sind dabei nur zum Teil identisch mit denen, die von Ärzten am häufigsten verschrieben werden. In einer repräsentativen Befragung der Bevölkerung einer deutschen Großstadt wurden Baldrian, Kamille, Pfefferminze, Echinacea, Ringelblume, Brennnessel, Salbei, Fenchel, Arnika, Knoblauch und Johanniskraut am häufigsten genannt (1). Dagegen ist Ginkgo biloba die umsatzstärkste Arzneipflanze in der ärztlichen Verordnung, gefolgt von Johanniskraut, Rosskastanie, Weißdorn, Myrtol (aus Myrtus communis), Sägepalme, Brennnessel, Efeu und Mistel (2). Die meisten dieser Pflanzen gehören zu den 186 Arzneipflanzen, deren arzneiliche Anwendung die frühere Kommission E beim Bundesgesundheitsamt befürwortet hat und die heute den Grundstock der modernen Phytotherapie bilden.

Leonhart Fuchs hat in seinem Werk noch keine isolierten Reinstoffe beschrieben; die Isolierung des Morphins gelang Sertürner erst 300 Jahre später. Jedoch finden wir bei Fuchs viele Arzneipflanzen, die heute noch Anerkennung in medizinischen Fachkreisen genießen. Daneben erwähnt er viele Pflanzen, die nur noch volksmedizinisch oder kaum mehr verwendet werden.

Die Tabelle 2 zeigt die elf in der Bevölkerung am besten bekannten Arzneipflanzen mit ihren heutigen Indikationen. Immerhin neun Pflanzen sind bereits im New Kreüterbuch aufgeführt. Dort fehlen lediglich Echinacea, die Fuchs nicht kennen konnte (diese nordamerikanische Pflanze wurde erst im 19. Jahrhundert in die westliche Medizin übernommen), sowie - vielleicht überraschend - Arnika. Die Pfefferminze in ihrer heutigen Zuchtform existierte zu Fuchs´ Zeiten noch nicht; jedoch führt er mehrere damalige Minzenarten wie Mentha arvensis, M. spicata, M. longifolia und M. x gracilis auf, die teilweise ähnliche Inhaltstoffe haben. Als Anwendungsgebiet für die Minzen gibt er Magen-Darm-Beschwerden an, entsprechend der heutigen Verwendung. Auch bei Fenchel führt er ausdrücklich Blähungen als Einsatzgebiet auf, was der modernen Vorstellung entspricht.

 

Tabelle 2: Bekannteste Arzneipflanzen in der Bevölkerung und ihre Erwähnung im New Kreüterbuch von Leonhart Fuchs, 1543

Arzneipflanze Moderne Indikation im New Kreüterbuch: aufgenommenIndikation im Vergleich zu moderner Anwendung Baldrian Nervosität, Schlafstörungen ja verschieden Kamille Haut- und Schleimhautentzündungen ja geringe Ähnlichkeit Pfefferminze Magen-Darm-Beschwerden (ja) gleich Echinacea Stärkung der Abwehrkräfte nein - Ringelblume Haut- und Schleimhautentzündungen ja verschieden Brennnessel Prostatahyperplasie, Rheuma ja verschieden Salbei Entzündungen von Mund und Rachen ja geringe Ähnlichkeit Fenchel Blähungen, Magen-Darm-Beschwerden ja gleich Arnika Verletzungen, Rheuma nein - Knoblauch Altersbeschwerden, Arteriosklerose ja verschieden Johanniskraut Depressionen ja verschieden

 

Bei Kamille überlappen die Fuchs´schen Angaben nur zu geringem Teil mit den heutigen Indikationen. Bei Salbei fehlt der Hinweis auf eine Anwendung bei Entzündungen im Mund-Rachen-Raum, jedoch wird der (auch moderne) Einsatz als Hustenmittel erwähnt. Für Baldrian, Ringelblume, Knoblauch und Johanniskraut gibt Fuchs völlig andere Anwendungsbereiche an, und auch für die Brennnessel finden wir keinen Hinweis auf Prostataleiden oder Rheuma. Andererseits sind einige der beschriebenen Anwendungen heute noch in der Volksmedizin lebendig. Ergebnis: Die Mehrzahl der heute sehr bekannten Arzneipflanzen ist schon bei Fuchs aufgeführt; jedoch beschreibt er überwiegend völlig andere Indikationen als die, die heute im Vordergrund stehen.

Dieses Bild bestätigt und erweitert sich, wenn wir das New Kreüterbuch mit denjenigen Pflanzen vergleichen, die von der Kommission E des Bundesgesundheitsamtes positiv bewertet wurden. Von den 186 positiv monographierten Pflanzen finden wir 93, also die Hälfte schon im New Kreüterbuch. Noch eindrucksvoller wird der Vergleich, wenn man die Pflanzen ausklammert, die aus Übersee kommen und die Fuchs noch gar nicht kennen konnte, etwa Eukalyptus aus Australien, Ginkgo aus Japan und Kawa-Kawa aus Polynesien. Etwa 119 der positiv monographierten Pflanzen stammen aus Europa; von diesen hat Fuchs schon achtzig Prozent erwähnt. Eine ganz überraschend hohe Zahl! Jedoch gibt Fuchs in den meisten Fällen ganz andere Indikationen an als die Kommission E.

Die Änderungen bei der Anwendung von Arzneipflanzen sind noch deutlicher bei den am meisten verordneten Phytopharmaka (Tabelle 3). Von den neun Arzneipflanzen, die den höchsten Umsatz in der ärztlichen Verschreibung erzielen, erwähnt Fuchs vier: Johanniskraut, Brennnessel, Efeu und Mistel. Jedoch decken sich die Indikationen in keinem Fall mit der modernen Verwendung. Bei der Mistel wird zwar erwähnt, dass sie gegen "allerley Geschwulst" helfe, jedoch ist unklar, ob hier wirklich die (erst im 20. Jahrhundert von Rudolf Steiner begründete) Anwendung gegen Krebsleiden gemeint ist. Johanniskraut wird nicht als Psychopharmakon erwähnt; nicht überraschend, denn diese Anwendung wurde ebenfalls erst im 20. Jahrhundert begründet. Ebenso wenig bringt Fuchs Efeu mit Husten in Verbindung oder Brennnessel mit Prostataleiden oder rheumatischen Erkrankungen.

 

Tabelle 3: Umsatzstärkste Arzneipflanzen in der ärztlichen Verordnung und ihre Erwähnung im New Kreüterbuch von Leonhart Fuchs, 1543

Arzneipflanze Moderne Indikation im New Kreüterbuch: aufgenommenIndikation im Vergleich zu moderner Anwendung

Ginkgo biloba

Altersdemenz

nein

-

Johanniskraut

Depressionen

ja

verschieden

Rosskastanie

Venenleiden

nein

-

Weißdorn

Herzinsuffizienz

nein

-

Myrtus communis

Husten

nein

-

Sägepalmen

Prostatahyperplasie

nein

-

Brennnesselwurzel

Prostatahyperplasie

ja

verschieden

Efeu

Husten

ja

verschieden

Mistel

Krebs

ja

geringe Ähnlichkeit

 

Drei der Pflanzen konnte Fuchs noch nicht kennen. Ginkgo biloba wurde erst später aus Japan eingeführt; die Rosskastanie stammt aus dem Himalaja und wurde in späteren Jahrhunderten in Europa als Zierbaum angepflanzt. Die Sägepalme stammt aus Nordamerika und war sicherlich zu Fuchs´ Zeiten noch nicht in Europa bekannt. Überraschen mag vielleicht, dass Weißdorn, heute ein bekanntes Mittel bei Herzinsuffizienz, bei Fuchs nicht erwähnt wird. Auch die im Mittelmeerraum beheimatete Myrte (Myrtus communis), deren ätherisches Öl Myrtol heute den wirksamen Bestandteil in Hustenpräparaten darstellt, fehlt im New Kreüterbuch.

Bei den ärztlich viel verordneten Arzneipflanzen zeigt sich deutlich die Weiterentwicklung der modernen Phytotherapie, die die überlieferte Tradition teilweise verlässt und sich an heute medizinisch wichtigen Indikationen sowie an modernen pharmakologischen und klinischen Wirksamkeitsnachweisen orientiert.

Verdienste und Grenzen des Werkes von Leonhart Fuchs

Ohne die außerordentlichen Verdienste von Leonhart Fuchs für die Arzneipflanzenwissenschaft schmälern zu wollen: Das New Kreüterbuch ist aus moderner Sicht keine Anleitung für eine wirksame und unbedenkliche phytotherapeutische Praxis. Von überragender Bedeutung für seine Zeit waren die exzellenten naturgetreuen Pflanzendarstellungen, die unter seiner Aufsicht von den Künstlern Heinrich Füllmaurer und Albrecht Meyer sowie dem Straßburger Holzschneider Veyt Rudolf Speckle angefertigt wurden. Sie haben die botanischen Pflanzendarstellungen für viele Jahrhunderte geprägt. Die außerordentlich naturgetreue Darstellung verdeutlicht auch eine wichtige geistige Entwicklung der damaligen Zeit, die die Grundlage für die später entstehende moderne Naturwissenschaft bildete: die beginnende Abkehr von der reinen Scholastik, also der theoretischen Erörterung der Schriften der klassischen Gelehrten, und ihre Ergänzung durch eine sorgfältige Beobachtung der Natur.

Neben der außerordentlichen wissenschaftlichen Produktivität war es Fuchs´ besondere Stärke, dass er ein sehr systematisch denkender Wissenschaftler und glänzender Organisator war. So gelang ihm die präzise und nach einheitlichem Muster aufgebaute Beschreibung von über 500 Heilpflanzen seiner Zeit und deren Anwendung. Damit bildet sein Werk auch einen Schritt derjenigen Entwicklung ab, die das Wesen einer Universität und einer modernen Wissenschaft ausmacht: der Übergang vom Geheimwissen, das vom Kundigen zum eigenen Nutzen gehütet und nur einem engsten Kreis von Schülern offenbart wird, zu einer öffentlich zugänglichen und diskutierbaren Wissenschaft.

 

Fuchs-Pflanzen in Tübingen

Das Original des New Kreüterbuch von 1543 war neben vielen weiteren Schriften in der Ausstellung "Leonhart Fuchs (1501-1566), Mediziner und Botaniker" im Stadtmuseum in Tübingen zu sehen. Der Botanische Garten der Universität Tübingen hat anlässlich des Jubiläumsjahres alle "Fuchs-Pflanzen" in seinem Bestand besonders gekennzeichnet und in Kooperation mit dem Pharmazeutischen Institut einen neuen Arzneipflanzengarten angelegt, in dem die von Fuchs beschriebenen Pflanzen besonders hervorgehoben sind.

 

Die Zusammenstellung überlieferter medizinischer Anwendungen der Arzneipflanzen, besonders aus der griechisch-römischen Antike, zeugt von großem Fleiß und Belesenheit, befriedigt aber nicht unsere heutigen Ansprüche an die empirische Überprüfung wissenschaftlicher Behauptungen. Fuchs war kein Empiriker. Es war nicht seine Absicht, ein Kompendium von praktisch erprobten Behandlungsmaßnahmen zu verfassen. Für die medizinischen Handlungsvorschriften suchte er, streng scholastisch, die Wahrheit in den Schriften der griechisch-römischen Klassiker, deren Wiedereinsetzung nach Jahrhunderte langer Vorherrschaft der arabischen Medizin sein eigentliches Ziel war. Eine experimentelle Überprüfung dieser überlieferten Vorschriften sah er nicht als Aufgabe. Wie das Beispiel des Fingerhuts zeigt, hat er auch die Pflanzen, die er als Erster in der wissenschaftlichen Literatur erwähnte, nach präziser Naturbeobachtung zeichnen lassen und beschrieben, sich hinsichtlich der medizinischen Anwendung aber auf die Aussagen von Dritten beschränkt.

Hier wird deutlich, das der bleibende Wert des Fuchs´schen Werkes in der exzellenten botanischen Beschreibung und Abbildung einer sehr großen Zahl von Pflanzen liegt, die deren eindeutige Identifizierung ermöglicht. Hiervon ausgehend konnte sich die Arzneipflanzenforschung der nachkommenden Generationen auf die Untersuchung der Wirksamkeit, Zubereitung und Dosierung konzentrieren, ohne dass weiterhin Ungewissheit bestand, von welcher Pflanze ein bestimmter Autor nun eigentlich sprach. Die medizinischen Anwendungen haben sich - glücklicherweise - vielfach weit von den Vorschlägen im New Kreüterbuch entfernt.

Leonhart Fuchs hat mit seinen botanischen Pflanzenbeschreibungen das Feld abgesteckt, innerhalb dessen sich die Arzneipflanzenforschung der nachfolgenden Jahrhunderte entwickelt hat, und in diesem Sinne wirkt sein Werk noch heute in der modernen Phytotherapie nach. Nach heutigen Maßstäben wäre Fuchs wohl ein Nobelpreis zuerkannt worden, schon für das New Kreüterbuch alleine. Das noch umfangreichere dreibändige Folgewerk, an dem er bis zu seinem Tod gearbeitet hat, ist leider nie gedruckt worden.

 

Danksagung: Mein Dank gilt Dr. Klaus Dobat vom Botanischen Garten der Universität Tübingen für Unterlagen über das Leben und Werk von Leonhart Fuchs. Ebenfalls danke ich Professor Dr. Franz Oberwinkler vom Botanischen Garten der Universität Tübingen für die Zusammenarbeit und Professor Dr. Peter Dilg vom Pharmaziegeschichtlichen Institut der Universität Marburg für die Zusendung biographischer Daten von Leonhart Fuchs.

 

Literatur

  1. Brühl, A, et al., Laienverständnis pflanzlicher und synthetischer Arzneimittel. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Pharm. Ztg. 142, Nr. 31 (1997) 11-19.
  2. Blumenthal, M (Hrg.), The complete German Commission E monographs. Therapeutic guide to herbal medicines. American Botanical Council, Austin, Texas 1998.
  3. Fuchs, L., Das Kräuterbuch von 1543. Taschen-Verlag Köln 2001. Zu beziehen über den Govi-Verlag.
  4. Baumann-Schleihauf, S., Kräuterbücher und die Fuchsie erinnern an Leonhart Fuchs. Pharm. Ztg. 146, Nr. 6 (2001) 400-406.
  5. Dobat, K., Ein Leben für die Wissenschaft: Leonhart Fuchs (1501-1566). In: Tübinger Blätter, 87. Jahrgang 2000/2001, S. 4-15.
  6. Stübler, E., Leonhart Fuchs. Leben und Werk. Verlag der Münchner Drucke, München 1928.

 

Der Autor

Lutz Heide studierte Pharmazie an der Universität Münster und wurde auf Grund einer Arbeit über die Biosynthese von chinoiden Arzneistoffen in pflanzlichen Zellkulturen und in Bakterien promoviert. Für drei Jahre arbeitete er als beratender Apotheker im Gesundheitsministerium von Somalia, wo er für die Arzneimittelversorgung von Flüchtlingslagern verantwortlich war. Von 1985 bis 1987 untersuchte er als Humboldt-Stipendiat an der Universität Kyoto, Japan, die biotechnologische Produktion des pflanzlichen Arzneistoffs Shikonin und habilitierte sich anschließend über dieses Thema an der Universität Bonn. 1991 trat er eine Professur für Pharmazeutische Biologie an der Universität Freiburg an, seit 1994 ist er Professor (C4) für dieses Fach an der Universität Tübingen. Seine Forschungsinteressen umfassen klinische Studien zu pflanzlichen Arzneimitteln sowie bio- und gentechnologische Untersuchungen zur Herstellung von Antibiotika und pflanzlichen Arzneistoffen. Er wurde unter anderem mit dem Egon-Stahl-Preis der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung, mit einem Heisenberg-Stipendium und mit dem Alfred-Krupp-Förderpreis für junge Hochschullehrer ausgezeichnet.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Lutz Heide
Pharmazeutische Biologie
Universität Tübingen
Auf der Morgenstelle 8
72076 Tübingen
E-Mail: heide@uni-tuebingen.de
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