Pharmazeutische Zeitung online

Wahlen, Rabatte und integrierte Versorgung

19.09.2005
Datenschutz bei der PZ
.Gesundheitspolitik 2005

Wahlen, Rabatte und integrierte Versorgung

von Thomas Bellartz, Berlin, und Daniel Rücker, Eschborn

Bis zur Bundestagswahl war 2005 im Vergleich zu seinen Vorgängern ein bislang eher ruhiges Jahr. Strukturen wurden kaum diskutiert. Allein die steigenden Arzneiausgaben rückten die Apotheken einige Male in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zum Apothekertag blickt die PZ zurück auf die ersten neun Monate des Jahres und bewertet die möglichen Entwicklungen.

Selten war eine unerwünschte Entwicklung so vorhersehbar wie der Ausgabenanstieg bei Arzneimitteln in diesem Jahr. Nachdem der Herstellerrabatt zum 1. Januar 2005 wie zuvor vereinbart von 16 auf 6 Prozent gesenkt wurde, stiegen die Ausgaben der Krankenkassen an. Verschärft wurde die Situation durch den Vergleich mit dem von zahlreichen Sondereffekten beeinflussten Vorjahr. Zudem erzielten die neu festgesetzten Erstattungsgrenzen, die erstmals auch für einige patentgeschützte Arzneimittel galten, die Erwartungen nicht. Die Konsequenz war eine Ausgabensteigerung im ersten Halbjahr um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Kassen machten sich flugs auf die Suche nach den Schuldigen. Ihre Wahl fiel erstaunlicherweise in erster Linie nicht auf die Apotheker, sondern auf die Ärzte. Diese trügen die Hauptschuld, weil sie zu viele und zu teure Arzneimittel verordneten. Dabei vergaßen die Kassen allerdings zu erwähnen, dass sie einen Teil der Mehrausgaben selbst verschuldet hatten. Versicherte konnten zum Jahresbeginn pauschal ihre Zuzahlung leisten. Damit beraubten sich die Kassen des Steuerungseffektes der Zuzahlung. Der Effekt liegt im neunstelligen Eurobereich.

Bei den Ärzten stießen die Kassen schnell auf Granit. Die Mediziner waren keinesfalls bereit, einer von den Kostenträgern vorgeschlagenen Bonus-Malus-Regelung zuzustimmen. Das hätte bedeutet, dass die Ärzte einen Teil der Mehrausgaben hätten tragen müssen. Auf der anderen Seite wären sie für sparsames Verhalten belohnt worden. KBV-Vize Ulrich Weigeldt wies dies vehement zurück. Die Kassenärzte seien nicht bereit, den schwarzen Peter zu übernehmen. Sie hätten zu wenig Möglichkeiten, die Arzneiausgaben zu steuern. Der Konflikt zog sich über den ganzen August hin. Auch wenn beide Seiten mittlerweile wieder miteinander reden, steht eine Lösung noch aus.

Apothekenabschlag

Völlig spurlos ging die Ausgabendiskussion an den Apothekern natürlich nicht vorbei. Ein erster negativer Höhepunkt war eine konzertierte Aktion von Kassenfunktionären zu Pfingsten in der »Bild am Sonntag«. »Millionen-Geschenk für alle Apotheker« titelte das Boulevard-Blatt auf der ersten Seite. Auf der zweiten Seite folgten dann die vermeintlichen Fakten. Von einer »Gesetzeslücke« war da die Rede und von einem »Nachschlag für jeden Apotheker« in Höhe von 11.000 Euro.

Das Spiel mit dem Sozialneid war der wenig feine Versuch der Kassen, ihre eigenen Fehler zu korrigieren. Nach dem GKV-Modernisierungsgesetz sollte der Rabatt, den Apotheker den Kassen gewähren, zum 1. Januar 2005 entsprechend der Entwicklung der Packungszahlen angepasst werden. Da die Packungen seit 2003 nicht wie von den Kassen vermutet gestiegen, sondern gefallen waren, hätte der Kassenabschlag deutlich gesenkt werden müssen.

Die Apotheker waren in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite stand ihnen eine Absenkung des Abschlags zu, auf der anderen Seite war dies vor dem Hintergrund steigender Arzneiausgaben und partout nicht sinken wollender Kassenbeiträge politisch nicht durchzusetzen.

Wegen der geschickten Verhandlungsstrategie der Apotheker konnte der Konflikt erstaunlich schnell entschärft werden. Knapp zwei Wochen nach Pfingsten gab es einen Kompromiss. Der Abschlag wird bis zum Jahresende nur leicht gesenkt, dafür erhalten die Apotheker Planungssicherheit für die Zukunft, indem die strittige Gesetzespassage gestrichen wird.

Naturalrabatte

Für den zweiten großen Aufreger des Jahres sorgte ein alter Bekannter. In der Online-Ausgabe der »Berliner Zeitung« vom 20. Juli nahm der Kölner SPD-Bundestagskandidat Professor Dr. Karl Lauterbach die vermeintlich viel zu hohen Naturalrabatte der Apotheker aufs Korn. Seine weitgehend faktenfreien Behauptungen gipfelten in dem Satz: »Es ist das schmutzige Geschäft der Apotheker, dass sie sich solche Geschenke machen lassen.«

Mit seinen Aussagen konnte der Kölner Wahlkämpfer allerdings kaum punkten. Zu abstrus waren die Zahlen. Auf zwei bis drei Milliarden Euro bezifferte er das Rabattvolumen der Apotheker. Da konnte selbst Klaus Vater, Sprecher des von Lauterbach beratenen Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung, nur ungläubig staunen. Auf 400 Millionen Euro bezifferte er die Rabatte für die Apotheker. Er lag damit sogar noch unter dem von der ABDA publizierten Wert von 450 Millionen Euro.

Lauterbach war nicht der Einzige, der in diesem Jahr das Thema Naturalrabatte ausschlachten wollte. Knapp drei Wochen später legte der BKK-Bundesverband nach. Dessen Chef Wolfgang Schmeinck warf den Apothekern auf einer Pressekonferenz vor, sie würden doppelt bezahlt. In Lauterbachs Höhen wollte er sich nicht aufschwingen, 1,1 Milliarden Euro Rabatt hielt aber auch er für möglich. Mit dem Kölner eint den BKK-Chef Schmeinck immerhin, dass beide die von ihnen präsentierten Zahlen nicht belegen konnten.

Schmeinck gelang es genauso wenig wie den ZDF-Magazin »Frontal« das Thema Rabatte auf die Titelseiten zu bringen. Dem klugen Vorgehen von ABDA und DAV sowie der weitgehenden Entkopplung der Apothekervergütung vom Arzneipreis ist es zu verdanken, dass die Apotheker nur am Rande mit den steigenden Arzneiausgaben in Zusammenhang gebracht wurden.

Ein weiterer Grund ist der § 130 a SGBV. Er ermöglicht es Krankenkassen, Rabatte mit Pharmaherstellern auszuhandeln. Die ABDA unterstützt dies ausdrücklich und auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hält viel davon. Umso enttäuschter ist sie deshalb, dass die Kassen kaum Gebrauch davon machen. Allein die Barmer Ersatzkasse hat mittlerweile neun Vereinbarungen getroffen. Die meisten anderen Kassen stehen noch bei null.

Schmidt, die den Kassen auch noch ihre zögerliche Haltung bei Beitragssenkungen übel nimmt, forderte die Kassen regelmäßig auf, endlich entsprechende Vereinbarungen mit Pharmaherstellern zu treffen. Die Selbstverwaltung müsse ihre Probleme endlich selbst lösen, so ihre Position. Ohnehin zeigt Schmidt in diesem Jahr wenig Bereitschaft, die Regelungen des GKV-Modernisierungsgesetzes zu verändern. Selbst als der abgesenkte Herstellerrabatt die Medien erreicht hatte, zeigte sie Standfestigkeit.

Das liegt natürlich zum einen daran, dass die SPD kein Interesse daran hatte, das Gesundheitswesen und mögliche Schwachstellen in den Bundestagswahlkampf zu bringen. Darüber hinaus muss bei all dem Klagen der Kassen berücksichtigt werden, dass sie in diesem Jahr wahrscheinlich schwarze Zahlen schreiben werden. Im ersten Halbjahr fuhren sie einen Gewinn von rund 1 Milliarde Euro ein.

Hausapotheke

Die Barmer Ersatzkasse ist nicht nur bei 130-a-Vereinbarungen besonders aktiv. Sie hat auch mit dem Hausarzt- und Hausapothekenmodell den richtigen Riecher bewiesen. Ein halbes Jahr nach dem In-Kraft-Treten schrieb sich am 9. September mit der Grundschullehrerin Anja Geisen die millionste Teilnehmerin in das Barmer-Modell ein. Auch wenn die Entscheidung sicher nicht für alle Apotheker eine Herzenssache war, ist die Akzeptanz im Berufsstand für das Modell groß. Mehr als 80 Prozent oder in Zahlen 17.651 Apotheken sind heute Barmer-Service-Apotheke. Nach Angaben der Barmer sind zudem 36.000 Ärzte dem Vertrag beigetreten.

Mittlerweile erkennen auch andere Krankenkassen den Vorteil solcher Verträge. So hat die Deutsche BKK im Frühjahr eine eigene Vereinbarung zur Hausapotheke mit dem DAV abgeschlossen. Zudem gibt es Homöopathieverträge mit der Energie BKK, Autoclub BKK und der mhplus BKK. Weitere Verhandlungen mit Kassen stehen vor einem Abschluss.

Filialisierung

Zur Beruhigung der Apotheker hat sich in diesem Jahr weiter bestätigt, dass die im GMG festgeschriebenen Strukturveränderungen aktuell keine Bedrohung für die Apotheken sind. Die Filialisierung schreitet zwar langsam voran. Weiterhin haben aber mehr als 95 Prozent der Apotheken keine Filiale. Nach Angaben der ABDA gab es am 30. Juni 2005 exakt 20.433 Hauptapotheken und 973 Filialen. Die Zahl der Betriebsstätten lag mit 21.406 um 14 über dem Wert vom 31. Dezember 2004.

Ein weiterer Blick auf die Statistik zeigt, dass die gesetzliche Begrenzung auf vier Filialen für die meisten Apotheken irrelevant ist. Die 973 Filialen verteilen sich auf 895 Hauptapotheken. 83 Prozent der Filialbetreiber beschränken sich auf eine Dependance, 13 Prozent haben zwei, 4 Prozent haben drei.

Versandhandel

Ähnlich unspektakulär wie bei der Filialisierung ist auch die Entwicklung im Versandhandel. Nach ABDA-Zahlen hatten zum 30. Juni 1258 Apotheken eine Versanderlaubnis erteilt bekommen. Also rund 6 Prozent. Der Anteil am GKV-Umsatz ist auch weiterhin marginal. Nach bisherigen Zahlen liegt der Versandhandel im GKV-Bereich weiterhin unter einem Prozent. Allerdings sind diese Angaben nicht exakt, da vor allem die Apotheken, die Versandhandel nur sporadisch betreiben, dies nicht gesondert abrechnen. In der Statistik tauchen diese Sendungen deshalb erst gar nicht auf.

Trotz der überschaubaren Marktbedeutung bleibt der Versandhandel vor allem über Gerichtsverfahren in der Öffentlichkeit. Für Aufsehen sorgte vor allem ein Urteil des Kammergerichts Berlin, dass Anfang Januar publik wurde. In einem vom Berliner Wettbewerbsverein gegen DocMorris angestrengten Verfahren entschied das Gericht, niederländische Apotheken dürften nicht ohne Versanderlaubnis deutsche Kunden beliefern. Das GKV-Modernisierungsgesetz erlaube dies nur Versendern aus Staaten, die ein ähnliches Apothekensystem haben wie Deutschland. Dies treffe auf die Niederlande nicht zu, so das Kammergericht.

Auf den ersten Blick war das Urteil spektakulär. Es hatte allerdings einen Nachteil, weil es nur für den zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Unternehmen ausgeschiedenen Gründer Jacques Waterval galt und nicht für DocMorris. Den Versender beeindruckte das Urteil deshalb auch wenig. Mittlerweile hat der Wettbewerbsverein zwar eine weitere Klage gegen DocMorris eingeleitet, über die wurde bislang aber noch nicht verhandelt.

Wie DocMorris zeigte sich auch das BMGS vom Urteil des Kammergerichts kaum beeindruckt. Im Juni, knapp 18 Monate nachdem das Versandhandelsverbot gefallen war, veröffentlichte das Ministerium die Liste der Länder, aus denen ohne weitere behördliche Genehmigung nach Deutschland versendet werden darf. Obwohl die Liste mit zwei Ländern extrem kurz ist, hat sie viel Unverständnis ausgelöst. Neben England werden nämlich auch die Niederlande aufgeführt- ­ ein klarer Widerspruch zum Urteil des Kammergerichts.

Eine Klärung, ob DocMorris tatsächlich nach Deutschland versenden darf, steht weiterhin aus. Das Urteil im Verfahren zwischen dem Deutschen Apothekerverband und dem Versender sollte ursprünglich Ende August kommen, wurde dann aber zweimal verschoben.

Ebenfalls noch offen ist die Entscheidung, ob die Drogeriemarkt-Kette dm für die Europa-Apotheek Rezepte sammeln darf. Bis auf weiteres gilt eine einstweilige Anordnung des Gesundheitsamtes in Düsseldorf, die Ende August vom Oberverwaltungsgericht in Münster bestätigt wurde.

Apothekengesetz

Neben den beiden AMG-Novellen, die in der vorletzten Woche in Kraft traten, hat die Apotheker vor allem die Novellierung des Apothekengesetzes bewegt. Grund war die Neuregelung der Arzneimittelversorgung von Krankenhäusern. Um ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof zu verhindern, wollte die Bundesregierung die Belieferung von Krankenhäusern auch von weit entfernten Apotheken zulassen und zugleich Logistik und Beratung voneinander trennen. Hintergrund war die Klage deutscher Krankenhauskonzerne, die ihre Klinikapotheke möglichst preiswert beliefern wollten.

Die von der Bundesregierung geplante Novelle bereitete nicht nur Krankenhaus- und krankenhausversorgenden Apothekern Sorgen, sondern auch den Kollegen in der Offizin. Eine Trennung von Beratung und Logistik war für alle nicht hinnehmbar und die Hoffnung, dies ließe sich auf den stationären Bereich begrenzen, wäre naiv.

Es gelang den Berufsvertretungen, die Bundesländer von den Problemen dieser Regelung zu überzeugen. Nachdem der Bundesrat das Apothekengesetz abgelehnt hatte, mussten sich Bund und Länder deshalb im Vermittlungsausschuss einigen. Ende April beschlossen sie im Kompromiss, dass die Kreisgrenzen für die Belieferung aufgehoben werden, eine Trennung von Beratung und Logistik wurde aber verworfen, so dass ein enger räumlicher Bezug von Apotheke und Krankenhaus unvermeidlich ist.

Neue ABDA-Spitze

Während die Gesundheitspolitik zur Zufriedenheit der Apotheker vergleichsweise ruhig verlief, gab es in der Standespolitik zahlreiche personelle Veränderungen. Außer dem DAV-Vorsitzenden Hermann S. Keller wurde die komplette Spitze neu besetzt.

So steht seit Jahresbeginn mit Heinz-Günter Wolf erstmals ein Verbandsvorsitzender an der Spitze der ABDA. Der Chef des LAV Niedersachsen ist in der Berufspolitik freilich alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Als ABDA-Vizepräsident hatte er unter anderem das Konzept der Hausapotheke maßgeblich mitentwickelt.

Ebenfalls seit Januar ist Magdalene Linz als erste Frau Präsidentin der Bundesapothekerkammer. Die Präsidentin der Landesapothekerkammer Niedersachsen will vor allem die Qualitätsoffensive der Bundesapothekerkammer voranbringen.

Im Juni gab es dann auch an der Spitze der ABDA-Geschäftsführung einen Wechsel. Mit Dr. Hans-Jürgen Seitz ist nun ein Molekularbiologe Hauptgeschäftsführer der ABDA. Der 46-Jährige, der zuvor im Management eines großen Pharmakonzerns tätig war, hat maßgeblich an dem neuen Konzept für den Deutschen Apothekertag mitgearbeitet.

Die Wahl

Auch bei der ABDA wird man, wenige Tage vor Beginn des Deutschen Apothekertags, natürlich ganz genau auf das Wahlergebnis geschaut haben. Ebenso wie viele andere, hat man sich auch im Deutschen Apothekerhaus die Augen gerieben.

Im Wahlkampf hatte die Gesundheitspolitik zuletzt eine untergeordnete Rolle gespielt. Weder Ulla Schmidt (SPD) noch Ursula von der Leyen (CDU) trumpften an jeder Straßenecke mit ihren Modellen und Gedankenspielen auf. Den vor Monaten noch erwarteten Schlagabtausch zwischen den Systemmodellen aus Gesundheitsprämie und Bürgerversicherung gab es nicht. Und so blieb auch die Gesundheits- und Sozialpolitik bei der Entscheidung der Wählerinnen und Wähler am 18. September unter ferner liefen.

Während sich nun die Parteien orientieren und versuchen, mit der neuen Lage umzugehen, stellt sich allenthalben die Frage, was gesundheitspolitisch kommen mag. Wie groß ist also der Druck für eine neue Regierung, diesen Bereich offensiv anzugehen?

Zunächst sollte man festhalten, dass die große Koalition, also eines der möglichen Modelle, zwischen Union und SPD bereits getestet wurde. Im Zusammenspiel der großen Volksparteien wurde das GMG aus der Taufe gehoben. Viele erinnern sich noch an Horst Seehofers (CSU) »schönste Nacht« mit Ulla Schmidt.

Dem ehemaligen sozialpolitischen Eckpfeiler der Union sagten manche am Sonntagabend eine triumphale Rückkehr in die CDU/CSU-Fraktion voraus. Merkel hatte Seehofer nach dessen Kritik am Prämienmodell kaltgestellt. Nachdem der stellvertretende CSU-Vorsitzende erneut seinen Wahlkreis gewonnen hat, dürfte er sich eher erstarkt denn geschwächt sehen. Zumal er eines der besten Erststimmenergebnisse bundesweit schaffte. 65,9 Prozent der Wähler in seinem Stimmbezirk setzten auf Seehofer ­ das waren mehr als im Jahr 2002.

Die bisherige Gesundheitsministerin hat es in ihrer Heimatstadt Aachen gerade so geschafft. Mit einem hauchdünnen Vorsprung von einem knappen halben Prozent sicherte sich Schmidt erneut ein Direktmandat und damit den Einzug in den Bundestag. Da wird sie im gleichen Fraktionsblock sitzen wie ihr bisheriger Berater Professor Dr. Karl Lauterbach, der seinen Wahlkreis in Köln-Leverkusen deutlich mit 49 Prozent gewann. Innerhalb der SPD gelten sowohl Schmidt wie auch Lauterbach als gesetzt. An ihnen dürfte, in Fraktion, Ausschuss oder auf einer Regierungsbank, kaum ein Weg vorbei führen.

Für höhere Weihen innerhalb der Fraktion berufen dürfte sich der CDU-Abgeordnete Jens Spahn fühlen. Der gelernte Bankkaufmann vom Niederrhein sicherte sich erneut ein Direktmandat und baute dabei ­ gegen den Trend im Land ­ seinen Vorsprung weiter aus. Spahn, in der vergangenen Legislaturperiode Mitglied im Gesundheitsausschuss des Bundestages, erreichte das selbstgesteckte Ziel und holte mit mehr als 51 Prozent der Erststimmen in seinem Wahlkreis Ahaus ein gutes Ergebnis.

Während Wolfgang Zöller (CSU) seinen Wahlkreis -­ trotz kräftiger Einbußen ­ wieder direkt holte, hatte Andreas Storm das Nachsehen. Der bisherige sozialpolitische Sprecher der Unionsfraktion scheiterte in Darmstadt gegen die erstmals kandidierende Justizministerin Brigitte Zypries (SPD). Die Gesundheitsstaatssekretärin Marion Caspers-Merk wurde mit 43,7 Prozent direkt in den Bundestag gewählt. In Tübingen brachte es Annette Widmann-Mauz (CDU) auf 42,7 Prozent. In Düsseldorf erreichte Hildegard Müller auf 44,6 Prozent und schaffte damit das Direktmandat. Andrea Nahles (SPD) verpasste hingegen wie in der vergangenen Legislaturperiode den direkten Einzug in den Bundestag.

 

Interview: Wir wollen den Nutzen apothekerlicher Leistungen noch deutlicher machenvon Thomas Bellartz, Hartmut Morck und Daniel Rücker, Berlin

Seit Juni steht Dr. Hans-Jürgen Seitz als Hauptgeschäftsführer an der Spitze des hauptamtlichen Arms der ABDA. Mit der Vorbereitung des Deutschen Apothekertages und der Kommunikation der ABDA-Positionen vor der Bundestagswahl hatte Seitz von Beginn an keinen Grund, sich über mangelnde Arbeit zu beklagen.

PZ: Sie haben lange Zeit bei einem international aufgestellten Großkonzern gearbeitet. Jetzt sind Sie zu einem Berufsverband gewechselt. Fiel Ihnen die Umstellung schwer?

Seitz: Nein, im Großen und Ganzen nicht. Es gibt ­ abstrakt betrachtet ­ einige Parallelen zwischen einem Großkonzern und der ABDA als einem Spitzenverband, also einem Verband der Verbände. Man bewegt sich in beiden Fällen in komplexen Strukturen. Im ersten Fall geprägt von internationaler und nationaler Zusammenarbeit. Bei der ABDA geprägt von der Zusammenarbeit auf nationaler Ebene und mit den Mitgliedsorganisationen im Bereich der Bundesländer.

PZ: Bei der ABDA haben Sie es aber neben den hauptamtlich Tätigen auch mit ehrenamtlich Tätigen zu tun.

Seitz: Ob Hauptamt oder Nebenamt, das ist nicht entscheidend. Wichtig ist, dass man sich in seinem Zuständigkeitsbereich auskennt, kommunizieren kann und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich ist. Das ist bei der ABDA und war sicherlich auch in meiner früheren Position der Fall.

PZ: Wie bewerten Sie die föderale Struktur der ABDA?

Seitz: Wichtig ist, dass die Apotheker im Bund wie in den Ländern mit ihren Berufsorganisationen präsent sind. Das ist auch absolut gegeben und eine klare Stärke der ABDA.

PZ: In der Vergangenheit wurde immer wieder die Frage diskutiert, ob die Apotheker mit der ABDA als Dachverband oder mit Kammer und Verband als separate Organisation politisch mehr erreichen würden.

Seitz: Ich habe von diesen Diskussionen gehört. Ich halte dies eher für Geschichte. In meiner bisherigen ­ wenn auch noch kurzen ­ Amtszeit haben solche Überlegungen noch keine Rolle gespielt. Wie bereits gesagt, die Berufsvertretungen der Apotheker arbeiten effizient. Viele andere Organisationen beneiden uns um eine Spitzenorganisation wie die ABDA. Warum sollten wir daran etwas ändern?

PZ: In den vergangenen Jahren haben ABDA, Kammern und Verbände Konkurrenz durch andere Interessensvertretungen von Apothekergruppen bekommen. Wie gehen Sie damit um?

Seitz: Grundsätzlich vertritt die ABDA die Interessen aller Mitglieder. Ich werde mich dafür einsetzen, dass wir hier noch stärker werden, auch wenn natürlich die Berufsgruppe der Offizinapotheker am stärksten im öffentlichen und politischen Interesse steht und wohl auch weiterhin stehen wird.

Es muss immer die Aufgabe von ABDA, BAK und DAV sein, ihre Angebote allen Apothekern zu machen. Das bedeutet auch, dass grundsätzlich jeder einem Vertrag, den der DAV abschließt, beitreten können muss, wenn er die vereinbarten Kriterien erfüllt.

PZ: Mit dem Anspruch, alle Apotheker oder ­ beim DAV ­ die selbstständigen zu vertreten, unterscheiden sich ABDA, BAK und DAV von den Kooperationen, die ihren Vorteil in selektiven Verträgen sehen. Wie stehen Sie zu diesen Zusammenschlüssen?

Seitz: Das Thema ist komplex. Es gibt keine einheitliche Definition von Kooperationen. Sie finden eine große Zahl unterschiedlicher Ansätze mit differenzierten operativen und strategischen Zielen. Die ABDA kann und will keinem Apotheker verbieten, sich einer Kooperation anzuschließen. Allerdings sollte jeder, der dies tut, darauf achten, wozu er sich möglicherweise verpflichtet.

PZ: Gibt es auch Ihrer Sicht gute und schlechte Kooperationen?

Seitz: Auf jeden Fall gibt es transparente und intransparente. Wichtig ist die Transparenz für die Apotheker. Die Apotheker sollen wissen, worauf sie sich gegebenenfalls einlassen und wo Vor- beziehungsweise Nachteile für sie liegen können.

PZ: Einige Apothekerverbände überlegen, ob führende Akteure in Kooperationen aus dem Verband ausgeschlossen werden. Halten Sie dies für richtig?

Seitz: Dies hängt sicher vom Einzelfall ab. Wenn massiv gegen die Interessen der übrigen Verbandsmitglieder verstoßen wird, halte ich das Nachdenken über Konsequenzen für legitim.

PZ: Was halten Sie von Kooperationen, die eng mit einem Großhändler oder Hersteller verbandelt sind?

Seitz: Da muss man schon sehr genau hinschauen. Wie bereits gesagt, wir leben in einem freien Land. Niemand kann und will es einem Apotheker verbieten, sich einer Kooperation anzuschließen. Transparenz für die Apotheker ist aber in jedem Falle überaus wichtig.

PZ: Glauben Sie, dass die Kooperationen gefährlich für die Verbände sind?

Seitz: Der DAV und die Landesapothekerverbände stellen sich dem Wettbewerb. Sie haben sehr gute Angebote und damit die besten Voraussetzungen für Erfolg. Damit kommen die Krankenkassen nicht am DAV oder den LAVs vorbei. Nur die Verbände können eine flächendeckende Versorgung garantieren. Die ersten Erfahrungen mit Integrationsverträgen zeigen, dass auch die Kassen dies wissen. Das bedeutet aber nicht, dass wir uns entspannt zurücklehnen dürfen.

PZ: Kurz nach Ihrem Amtsantritt hat Bundeskanzler Gerhard Schröder Neuwahlen angekündigt. Wie hat sich die ABDA darauf vorbereitet?

Seitz: Für einen komplexen Spitzenverband extrem schnell. Wir haben uns zügig über die zentralen Positionen abgestimmt und kommunizieren diese nun zusammen mit den Landesorganisationen. Mit dem Ende des Wahlkampfs hört die Arbeit natürlich nicht auf. Wir werden unsere politische Arbeit mit derselben Intensität fortsetzen. Es wird viele neue Gesichter im Bundestag geben. Diesen gilt es, die schwierige Materie Arzneimittelversorgung zu vermitteln.

PZ: Mit welchen Themen treten Sie an die Politiker heran?

Seitz: Es hat sich eine Mischung aus Bewährtem und Neuem herauskristallisiert. Wir haben vier Schwerpunkte.

Erstens: Die Apotheker sind die Arzneimittelfachleute. Eine optimale Arzneimitteltherapie nutzt dem Patienten. Optimal ist die Arzneimitteltherapie nur, wenn der Patient das richtige Medikament zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosierung und Dauer einnimmt. Hier kommt dem Apotheker eine Schlüsselrolle zu.

Zweitens: Eine qualitativ hochwertige und flächendeckende Arzneimittelversorgung rund um die Uhr kann der freie Heilberufler Apotheker am besten sicherstellen.

Drittens: Die Apotheker stellen sich dem Wettbewerb um Qualität und Leistung. Diesen Wettbewerb gibt es heute schon. Die Patienten stimmen mit den Füßen über der Qualität der Apotheke ab.

Viertens: Die Apotheken sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Sie stellen fast 140.000 qualifizierte, wohnortnahe Arbeitsplätze, mehr als zwei Drittel für Frauen.

Man kann es auch auf einen Punkt bringen. Wir wollen der Öffentlichkeit noch deutlicher machen, dass und wie die vielfältigen Leistungen der Apotheker den Menschen nutzen.

PZ: Welche Resonanz haben Sie?

Seitz: Für eine detaillierte Auswertung, wie unsere Botschaften ankommen, ist es noch viel zu früh. Erste Signale, die wir empfangen haben, sind sehr positiv.

PZ: Wirtschafts- und Gesundheitspolitiker bewerten die Regulierungen in der Arzneimitteldistribution unterschiedlich. Die Gesundheitspolitiker erkennen in der Regel eher die Notwendigkeit. Sprechen Sie beide Gruppen unterschiedlich an?

Seitz: Wie Sie schon andeuten, liegt der Fokus der Gespräche anders. Unsere Argumente bleiben aber die Gleichen. Beide Gruppen sind sehr wichtig für uns und wir tun alles, sie zeitnah und kompetent über die Apotheker zu informieren.

PZ: In diesen Tagen findet der Deutsche Apothekertag in Köln statt. Es ist Ihr Erster als Hauptgeschäftsführer. Welche Erwartungen haben Sie?

Seitz: Ich bin gespannt darauf, wie in einer so großen Veranstaltung mit den unterschiedlichen Themen umgegangen wird. Ich erwarte eine ernsthafte, faire und offene Diskussion. Außerdem erwarte ich, dass der Apothekertag ein in die Zukunft weisendes Signal an die Öffentlichkeit aussendet.

PZ: Auf Ihren Vorschlag wird es ein neues Konzept für den Apothekertag geben. Wie sieht dies aus?

Seitz: Das ist nicht ganz korrekt. Es ist ein gemeinsames Konzept, getragen von den ABDA-Gremien und natürlich auch der ABDA-Geschäftsführung. Wir werden in diesem Jahr unsere Partner im Gesundheitswesen noch stärker einbinden. Ohne den interdisziplinären Diskurs kommen wir heute nicht mehr weit. Deshalb werden wir die Themen Pharmakovigilanz, Nutzenbewertung von Arzneimitteln und Zukunftsaufgaben der Apotheker mit unseren Partnern aus Ärzteschaft, Krankenkassen sowie Vertretern von Ministerien und den Behörden vertieft diskutieren.

PZ: Die Bedeutung der Pharmakovigilanz wird in der Zukunft steigen. Haben die Apotheker hier eine Chance?

Seitz: Unbedingt. Niemand kennt die Medikation der Patienten besser als der Apotheker. Die Politik und auch die Kassen sind an einem intensiveren Medikationsmanagement interessiert. Vor allem für die integrierte Versorgung ist dies unerlässlich.

PZ: Das bedeutet aber oft Zusatzarbeit.

Seitz: Natürlich. Aber jedes Unternehmen, das zukunftsfähig bleiben will, muss investieren. Das gilt auch für Apotheker.

PZ: Erkennen dies die Apotheker?

Seitz: Vielleicht nicht alle, die weitaus meisten aber schon. Sehen Sie, finanzielle Investitionen, in ein neues Labor bis hin zu einer attraktiveren Offizin sind für jeden selbstverständlich. Das rechnet sich sicher nicht an dem Tag, an dem die Rechnung bezahlt werden muss. Dasselbe gilt für neue Dienstleistungen oder zum Beispiel Investitionen in die Steigerung der Kommunikationskompetenz des gesamten Apothekenteams, die oftmals sicher noch nicht angemessen vergütet werden.

  Top

© 2005 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa