Pharmazeutische Zeitung online

Chancen sehen und nutzen

03.09.2001
Datenschutz bei der PZ

SELBSTHILFE IN BEWEGUNG

Chancen sehen und nutzen

von Winfried Kösters, Bergheim

Zwar haben alle Landesapothekerverbände die Bedeutung der organisierten Patientengruppen erkannt und eigene Ansprechpartner für Selbsthilfegruppen benannt, dennoch zögern viele Apothekerinnen und Apotheker, offensiver auf die Patienten-Selbsthilfe zuzugehen. Dabei ist das Interesse auf beiden Seiten da. Ein gestiegenes Informationsbedürfnis belegen nicht nur gut besuchte Seminare zum Thema, sondern auch die vermehrte Berichterstattung der PZ. Doch wie kann eine Kooperation zwischen Apotheken und Selbsthilfebewegung konkret gestaltet werden?

Karin Wahl, Apothekerin in Stuttgart, hält gerade "Sprechstunde" - Kundenberatung nennt sie es. "Die Apothekerinnen und Apotheker müssen viel aktiver auf ihre Kunden zugehen", philosophiert sie. Das seien eben nicht nur die Patienten, das seien alle Menschen, die an Gesundheit interessiert sind. Längst ist die Gesundheitsbranche die "Mega-Branche": 500 Milliarden DM Umsatz im Jahr, davon "nur" die Hälfte im GKV-System, 82 Millionen potenzielle Kunden in Deutschland und 2,5 Millionen Beschäftigte.

Doch für Karin Wahl, Präsidentin der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, gewinnen vor allem die Selbsthilfegruppen als Organisation der Patienteninteressen an Bedeutung. "Meine Vision ist die einer lebendigen Partnerschaft zwischen Apothekern und Selbsthilfegruppen", wirbt sie für ihre Überzeugung. Apotheken gebe es überall, ebenso Selbsthilfegruppen. Beide Akteure im Gesundheitswesen stünden bisher nicht im Mittelpunkt, beide hätten ein relevantes Wissen und seien sehr patientenorientiert. Das umreißt schon sehr klar die tragfähige Basis der Gemeinsamkeiten, auf der diese Partnerschaft mit Leben gefüllt werden könne. Ähnlich sieht es auch Apothekerin Monika Koch, Vorstandsmitglied des Deutschen Apothekerverbandes und bundesweite Ansprechpartnerin für Selbsthilfegruppen. Ihrer Auffassung nach kommt ihren niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen eine "Schleusenfunktion" zu. Denn für viele Patienten sei es ein Problem, Kontakt zu einer regionalen Gruppe zu finden. Koch fordert ihre Verbandsmitglieder auf, sich aktiv ein Bild von der Selbsthilfegruppen-"Landschaft" in der jeweiligen Region zu machen.

Doch längst sind noch nicht alle Apothekerinnen und Apotheker davon begeistert. Knallharte Überzeugungsarbeit ist zu leisten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich Kooperation immer in einem bestimmten gesellschafts- und gesundheitspolitischen Klima ereignet. Vier Aspekte, die die Argumentation wesentlich mitbestimmen werden, werden im Folgenden dargestellt.

  • Veränderungen in der Gesundheitspolitik: Sie prägen das Schlagwort von der Macht der Patienten, denn die Patienten wollen immer stärker mitentscheiden.
  • Veränderung des "Konsumententypen Patient": Immer mehr Geld wird außerhalb der GKV für Gesundheit ausgegeben. Doch "den" Patienten gibt es nicht. Eine zielgerechte und auf den jeweiligen Patiententyp zugeschnittene Ansprache wird wichtiger.
  • Mehr Information über die Selbsthilfe als Bewegung: Diese "Szene" hat sich weitgehend außerhalb der gesundheitspolitischen Öffentlichkeit weiter entwickelt.
  • Konkrete Ideen und Projekte für eine Partnerschaft werden beschrieben, die regional und lokal individuell differenziert realisiert werden können und die Kooperation erst denkbar machen.

Dass das Thema Gesundheit zu einem politischen Dauerbrenner wird, verrät ein Blick in die aktuelle Medienberichterstattung. Die Gesundheitsbranche insgesamt wird zu einer wirtschaftlichen Macht, so der Ökonom Leo A. Nefiodow in seinem Buch "Der sechste Kondratieff". Er weist nach, dass die psychosoziale Gesundheit zum Produktivitätsmotor der Wirtschaft wird. Ebenso beschwört der Trendforscher Peter Wippermann seine Vision der "Megabranche Gesundheit", die die Bereiche der klassischen Gesundheitsangebote, Fitness, Ernährung und Freizeit umfasse und für Arbeitsplätze sorge. Die wachsende Bedeutung von Humankapital (als Ergebnis von Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheit) für die Wohlfahrt der Nationen und die hohe Zahlungsbereitschaft der Menschen, um die Risiken von Krankheiten und Tod zu mindern, lassen die Branche boomen.

Der Patient wird ungeduldiger

Im Mittelpunkt all dieser Überlegungen steht der Patient: als Kunde, als Nachfrager, als Nutznießer gesundheitsorientierter Angebote und Dienstleistungen - ob innerhalb des kassenfinanzierten Gesundheitssystems oder außerhalb. Für ihn ist Gesundheit ein hohes Gut. Zwei Drittel der Deutschen zeigen sich "eher zufrieden" mit dem Gesundheitssystem. Dennoch ist der Patient - so der Philosophieprofessor Peter Sloterdijk - längst "kein Erduldender" (aus dem lateinischen patiens: ertragend, erduldend), sondern ein "Impatient", ein "Ungeduldiger" geworden. Das Leitbild vom mündigen, mitwissenden Patienten gewinnt an Selbstverständlichkeit. Die Tatsache, dass sich immer mehr Menschen in Selbsthilfegruppen organisieren, mag ein Beleg für diese These sein. Als weiterer Beleg kann die wachsende Bereitschaft gewertet werden, für die eigene Gesundheit zusätzlich zu den Kassenleistungen Geld aufzuwenden. Die breite öffentliche Diskussion über alternative Heiltherapien mag ein weiterer Indikator sein. Das immense Angebot an abrufbarem gesundheitsorientierten Wissen im Internet wird ebenfalls das Verhalten vieler Patienten im Gesundheitssystem verändern, vielleicht sogar revolutionieren.

"Der Patient", so Wippermann, "wird zum Konsumenten". Gesundheit werde zum "active lifestyle". Wir bewegten uns dabei weg vom sozialen Netz, das alle Fälle aufzufangen vermag, hin zur "Vier-Klassen-Medizin", die als erste Stufe mindestens eine Grundvorsorgung vorsehe und dann - je nach Geldbeutel -zwischen einer "Economy-Class", einer "Business-Class" und einer "First-Class" differenziere. Dienstleister werden sich zukünftig auf unterschiedliche Konsumententypen und -wünsche einzustellen haben, meint der Trendforscher.

Doch was ist mit den chronisch kranken Menschen und jenen, die von Geburt an auf die Solidarität ihrer Mitmenschen angewiesen sind? Die Zahl der chronisch kranken Menschen wird zunehmen, sowohl unter den Kindern und Jugendlichen als auch unter den Senioren. Ein Leben lang brauchen sie Heilmittel, Arzneien und Betreuung. Das verlangt neben den finanziellen vor allem auch wissensorientierte Ressourcen. Dazu zählt zum einen die "erlernte Kompetenz" unserer Profis im Gesundheitswesen: Ärzte, Apotheker, Psychologen und zahlreiche weitere Heilberufe. Doch die Alltagsbewältigung, die "erlebte Kompetenz", das Wissen, die gesundheitlichen Herausforderungen des Lebens ohne massive Qualitätsverluste meistern zu können - das zählt zu den wahren Ressourcen der Zukunft. Aber wer vermittelt diese?

Wissensvernetzung als Herausforderung

Überall wächst die Einsicht: Wir brauchen den Patienten, wir brauchen das Know-how der Selbsthilfe-Initiativen, wir brauchen Menschen, die sich freiwillig, ehrenamtlich für andere Menschen zur Verfügung stellen. Wir brauchen soziale Netzformen, die sich als tragfähig für diese zukünftigen Herausforderungen erweisen. "Mit der stärkeren Patientenorientierung im Rahmen eines letztlich durch Wettbewerbsdruck immer bedeutungsvolleren Qualitätsmanagements bekommen auch Selbsthilfegruppen die neue Chance, eine bedeutsamere Rolle in der Gestaltung des Gesundheitswesens zu spielen", bilanziert der Hamburger Medizin-Soziologe Alf Trojan und fügt hinzu: "Diese Rolle anzunehmen und produktiv und offensiv zu gestalten, erscheint mir als die größte Herausforderung für Selbsthilfe- und Patientengruppen im nächsten Jahrhundert."

Noch Mitte der achtziger Jahre führten die Selbsthilfegruppen ein idyllisches Schattendasein. Heute ist das anders. Im Mai 2000 führte die Gesellschaft für Recht und Politik im Gesundheitswesen e. V. (GRPG) ein wissenschaftliches Symposium in München durch, das der Frage "Brauchen wir staatliche Patientenvertreter?" nachging. Gerd Thomas, Bad Homburger Berater im Gesundheitswesen, organisiert am 21. September 2001 zum vierten Mal einen "Deutschen Selbsthilfekongress", da er - wie übrigens auch die GRPG - von einer "neuen Macht im Gesundheitswesen" ausgeht.

Doch was heißt das: "neue Macht"? Welche Herausforderungen rollen auf die Patienten zu, insbesondere auf diejenigen, die sich in Selbsthilfegruppen organisieren? Sind sie sich dieser Herausforderungen bewusst und ihnen gewachsen? Welche Ressourcen benötigen sie, um sich der Zukunft zu stellen? Wollen sie das überhaupt? Wie sind die bundes-, landes- und kommunalpolitischen sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesteckt? Welche Rolle spielen dabei die anderen Akteure im Gesundheitswesen, insbesondere die Apotheker? Wie bringen sie sich in diese Diskussion ein, wie gestalten und verändern sie diese?

"Erlebte Kompetenz" formiert sich

Etwa 70.000 Selbsthilfegruppen soll es in Deutschland geben. Kein Thema ist ausgelassen. Täglich gründen sich neue. In diesen Gruppen versammelt sich die "erlebte Kompetenz", die so dringend benötigte Ergänzung zur "erlernten Kompetenz". Die boomartige Entwicklung dieser neuen sozialen Bewegung macht eines klar: Die Menschen sind mündiger, selbstbewusster und eigenständiger geworden. Sie entscheiden zunehmend selbst, brauchen keinen Arzt, der über sie bestimmt. Sie suchen etwas, das sie im professionellen Gesundheitssystem nicht finden: Zuwendung, Information, Qualifizierung, Alltagsbewältigungskompetenz, Erfahrung, Verständnis, praktische Lebenshilfe. Hier versagt das professionelle milliardenschwere Unternehmen Gesundheit. Dabei könnten Apotheken durchaus diesen Bedarf decken.

Die Realität sieht meist noch anders aus. Ärzte, Apotheker, Juristen, Wissenschaftler, Kirchenvertreter, Politiker, Psychologen und weitere Professionen tauschen sich über den Patienten aus und entscheiden für ihn - das Beste wollend. Nun möchten die Patienten - organisiert in Selbsthilfegruppen, Patientenorganisationen, Wohlfahrtsverbänden oder Fachinstitutionen - mitreden und mitentscheiden. Ob das die am 16. Dezember 1999 im Bundestag beschlossene Gesetzesänderung (§ 20 Abs. 4 SGB V), Selbsthilfegruppen sollten mit einer DM pro Versichertem (also rund 71 Millionen DM) gefördert werden, ändern wird, bleibt abzuwarten. In 2000 sind schließlich nur 17,8 Millionen DM geflossen.

Eine repräsentative Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) ergab, dass 75 Prozent der Befragten eine SHG aufsuchen würden, wenn sie krank wären. Eine derart hohe Zustimmung gab es noch nie. Damit verbunden ist die Anerkennung der Kompetenz der zu erwartenden Hilfestellung. Mehr als 70 Prozent der Bürger befürworten eine finanzielle Unterstützung dieser Gruppen durch die Krankenkasse. Angesichts der Tatsache, dass bisher nur drei bis fünf Prozent der Bürger in Selbsthilfegruppen Mitglied sind, ist dies ein großes, noch zu aktivierendes Potenzial. Eckhard Schupeta, DAK-Vorstandsmitglied, will diesen Prozess unterstützen: "Wir brauchen mehr mündige, selbstbewusste Patienten." Dies wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Befragten sich davon überzeugt zeigten, dass "durch die Arbeit der Selbsthilfegruppen Geld gespart" werde. Dies ist jedoch keine neue Erkenntnis, denn schon 1995 veröffentlichte der Wissenschaftler Hans-Dietrich Engelhardt seine Studie "Was Selbsthilfe leistet ...", in der er am Beispiel von München nachwies, dass eine Förderung von 100 DM eine Wertschöpfung von 587 DM bei gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppen erzielt.

Der Verein zur Erforschung der Epidemiologie der Epilepsien ließ 1996 in Kooperation mit der Deutschen Sektion der Internationalen Liga gegen Epilepsie 1222 erwachsene, an Epilepsie erkrankte Menschen zu verschiedenen Aspekten ihrer Erkrankung befragen. Darunter befand sich auch die Frage, ob es überhaupt eine Selbsthilfegruppe zum Thema Epilepsie in der räumlichen Nähe des jeweiligen Befragten gebe. 59,5 Prozent wussten dies nicht. 24,2 Prozent antworteten, dass es keine Selbsthilfegruppe in ihrer Nähe gebe, und nur 16,3 Prozent wussten von einer Gruppe. Doch nur 5,6 Prozent der befragten Epileptiker hatten tatsächlich Kontakt zu einer lokal erreichbaren Selbsthilfegruppe. Eine positive Akzeptanz der Selbsthilfebewegung belegt die repräsentative Bevölkerungsstudie des pharmazeutischen Unternehmens Janssen-Cilag, die 1999 publiziert wurde. Danach wünschen die Patienten mehr Information, Transparenz und Aufklärung ihrer Rechte. Entsprechend sehen 22 Prozent der Befragten eine stärkere Organisation der Patienten als "auf jeden Fall wünschenswert" an, weitere 43 Prozent bezeichnen die Bildung von Patientenorganisationen immerhin noch als "eher wünschenswert". Eine klare Zwei-Drittel-Mehrheit steht den Selbsthilfegruppen positiv gegenüber. Folgerichtig finden 74 Prozent es als "wünschenswert", dass Selbsthilfegruppen von den Krankenkassen finanziell unterstützt werden.

Selbsthilfe - eine Dienstleistung am Menschen

Doch was ist eigentlich Selbsthilfe? "Selbsthilfe ist eine freiwillige, unentgeltliche, auf Solidarität Gleichbetroffener beruhende Dienstleistung am Nächsten. Die Lage des jeweiligen Nächsten ist dabei mindestens genauso misslich oder vortrefflich wie die eigene. Es besteht der Wunsch, diese soziale und/oder gesundheitliche Lebenssituation anderen Menschen mitzuteilen und zu bewältigen. Dabei wird der Betroffene rasch zum Experten in eigener Sache mit realistischem Blick für das Machbare - auch wenn dies bis heute kaum ein anderer Beteiligter im Gesundheitswesen wahrhaben will. Selbsthilfe repräsentiert die "erlebte Kompetenz", also jenes Wissen, das hilft, den Alltag trotz sozialer und/oder gesundheitlicher Problemlagen im Leben zu meistern. Sie ergänzt sich vortrefflich zur "erlernten Kompetenz" der Medizin, der Pharmazie, der Sozialwissenschaft und -pädagogik und anderer theoretischer Einsichten." So beschreibt es die KISS Köln in ihrer Selbstdarstellung.

In Wirklichkeit ist sie bunter, lebendiger, vielfältiger, in kein Schema zu pressen. Jeder Versuch einer Definition ist nur eine Näherung an ein gesellschaftliches Phänomen. Sicher: Der Gedanke der Selbsthilfe ("Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner!") ist nicht neu. Doch die Hinwendung der Menschen zu diesem Gedanken kommt einer neuen sozialen Bewegung gleich, die Antworten auf neue Fragen sucht und wohl auch vermittelt. Diese Fragen kreisen letztlich um die Alltagsbewältigung von schwierigen gesundheitlichen und sozialen Lebenslagen. Der Deutsche Psoriasis Bund e. V. verdeutlicht das auf einem Info-Blatt: Selbsthilfe ist ...

  • das Werben um die Solidarität der Kranken und Gesunden,
  • ein Geben und Nehmen,
  • Motivation, sich nicht aufzugeben,
  • das Kennen lernen seiner Krankheit,
  • Lebensfreude wollen,
  • der Wissenschaft Fragen aufgeben dürfen,
  • Hilfe zur Selbsthilfe.

Was leistet die Selbsthilfe? Sie ist jener Raum, wo - oft erstmals - eine persönliche, offene und vertrauensvolle Auseinandersetzung mit dieser Lebenssituation stattfinden kann, wo das Zuhören und das Verständnis im Vordergrund stehen, ein Austausch und eine gegenseitige Beratung füreinander individuell erfahrbar wird. Das sind jene Faktoren, die eine Lebensqualität trotz und mit der chronischen Erkrankung oder einer sozialen Benachteiligung erlauben.

Ein neues Mit- und Füreinander

Doch die Leistung und Bedeutung der Selbsthilfe wird noch tiefer verständlich, wenn die gesellschaftlichen Umbruchphasen Berücksichtigung finden: Die Menschen sind heute regelrecht benommen von einem Gefühl des Zerrissenseins zwischen einer Globalisierung, deren Erscheinungsformen sie sehen können und manchmal auch ertragen müssen, und ihrer individuellen Suche nach Wurzeln, Beziehungspunkten und einem Gefühl der Dazugehörigkeit. Diese Umbruchphase mischt sich mit der demographischen Herausforderung, mit den Auswirkungen des medizinischen Fortschritts sowie mit den familiären und beruflichen Veränderungen der Lebensbiographien. Dieser rasante Wandel provoziert die Entwicklung neuer sozialer Netzfunktionen.

Gesucht wird ein neues Mit- und Füreinander, Orientierung an gleichen Zielen und Werten (geschaffen durch eine ähnlich gelagerte Betroffenheit), Verständnis für die Lebenssituation des Nächsten, das auch Tipps und Überlebensstrategien beinhaltet. Dieses Wissen und diese Fähigkeiten nach außen zu tragen, sie zu einer Informationsdienstleistung in Sachen Aufklärung und Interessenvertretung weiter zu entwickeln - auch das sind unübersehbare Leistungen der Selbsthilfe. Dadurch wird auf Dauer der Betroffene ernster genommen und erfährt jene Zuwendung, derer er tatsächlich bedarf.

Apotheke als Kontaktstelle für Patienten

Viele Menschen, insbesondere in den kleineren Städten und Gemeinden, haben jedoch zu geringe Kenntnisse über Selbsthilfegruppen. Zwar hat man schon einmal davon gehört (Anonyme Alkoholiker, Aids-Hilfe, Deutsche Krebs-Hilfe oder Rheuma-Liga), doch wissen nach wie vor viele nicht, wie sie den Zugang zu diesen Gruppen finden können und was dort konkret geschieht. Hier können die Apotheker einen aktiven, informierenden und unterstützenden Beitrag leisten. Denn sie sind letztlich immer auch Kontaktstellen für Patienten(interessen). Doch wie könnten konkrete Projekte, Kooperationsformen, Begegnungsforen aussehen?

  • Positionierung als Apotheke formulieren

Wichtigstes Gebot ist es, die eigenen Zielsetzungen und Erwartungen zu kennen und zu formulieren, bevor Kontakte geknüpft werden. Was wollen Sie? Möchten Sie diese Ziele allein oder gemeinsam mit Kollegen erreichen? Wie offen sind Sie für die Anregungen der potenziellen Partner? Wovor haben Sie Angst, gibt es gar konkrete Befürchtungen, die im Gespräch aufgegriffen werden könnten? Eine Position könnte zum Beispiel lauten, "Partner der Patienten/Selbsthilfegruppen" oder "Ratgeber/Berater der Patienten/Selbsthilfegruppen" zu sein. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Spezifizierung auf besondere Indikationsgebiete, zum Beispiel auf Diabetiker oder Asthmatiker.

  • Kontakt mit potenzieller Zielgruppe aufbauen

Suchen Sie den persönlichen Kontakt zu der gewünschten Zielgruppe. Sind es die Selbsthilfegruppen, die indikationsübergreifend oder die thematisch festgelegt arbeiten? In jedem Fall ist die lokale oder regionale Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen der richtige Ansprechpartner. Auf diese Weise erfahren Sie indikations- und gruppenübergreifend den Status-Quo der lokalen Selbsthilfe-Szene. Ein Verzeichnis dieser 275 Einrichtungen in Deutschland gibt es als Broschüre bei der Nakos in Berlin (siehe Literatur und Anschriften). Im Gespräch mit dieser Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen überlegen Sie weitere konkrete Schritte zur Umsetzung Ihrer Ziele. Inzwischen bietet auch die ABDA an, entsprechende Anschriften zu vermitteln. Ihre Ansprechpartnerin im Deutschen Apothekerhaus in Eschborn ist Christina Claußen (Fax: 06196/92 81 53). Haben Sie bereits gute Kontakte zu verschiedenen Selbsthilfegruppen und deren Repräsentanten, so laden Sie sie zu einem Gespräch ein, um mögliche Gemeinsamkeiten herauszufinden.

  • Strukturen des Austauschs schaffen

Gründen Sie gemeinsame Strukturen, die regelmäßigen Austausch und Begegnung, also ein Forum für Fragen und Lösungen bieten. Das kann ein "Runder Tisch", die lokale Gesundheitskonferenz oder ein spezieller Arbeitskreis sein. Hierzu könnten Sie als Apotheker zu sich einladen, aber es wären auch die Selbsthilfegruppe(n), das Gesundheitsamt oder andere Akteure im lokalen Gesundheitswesen als Motoren denkbar. Damit verbunden könnte der Besuch eines Repräsentanten der Selbsthilfe im Apothekerverband oder umgekehrt eines Apothekers bei Treffen der Selbsthilfegruppen (indikationsübergreifend) sein. Regelmäßige gegenseitige Einladungen zu Veranstaltungen könnten weitere Begegnungen schaffen. Denken und berücksichtigen Sie dabei aber die Ehrenamtlichkeit der meisten Selbsthilfegruppenvertreter sowie deren persönliche gesundheitliche Belastung. Das kann die Terminfindung und -realisierung immer wieder erschweren.

  • Kreative Wege des Miteinander gehen

Streben Sie eine Partnerschaft auf Dauer an. Es empfiehlt sich, dieses Miteinander mit einer gemeinsamen, aneinander mittel- bis langfristig bindenden Vision zu verknüpfen. Ziele müssen her, für die sich die Mühen lohnen, die Begeisterung entfachen können. Derartige Ziele könnten lauten: "Patienten und Apotheker leben eine aktive Partnerschaft in unserer Stadt". Oder: "Patienten und Apotheker bemühen sich gemeinsam um eine bessere gesundheitliche Versorgung der Bürger/innen in unserer Stadt". Ein gutes Instrument ist die "Zukunftswerkstatt", in der die Kritikphase das Bisherige zusammenfasst, eine Phantasiephase Visionen entstehen und leben lässt, bevor eine Realisierungsphase nach den konkreten Schritten fragt, wie man zu den Visionen gelangt.

  • Den Wissenstank der Pharmazie anzapfen lassen

Lassen Sie Ihr Wissen anzapfen. Sie vereinigen als Apotheker sehr häufig die Fähigkeiten eines Akademikers - wissenschaftlich denken und fachlich argumentieren zu können - mit den Fähigkeiten eines Verkäufers - das Produkt an den Mann und die Frau zu bringen. Dahinter steckt die soziale Kompetenz der Kommunikation, die bei den Apothekern häufig stärker ausgeprägt ist als bei den Ärzten. Damit wird in vielen Fällen ein Defizit der gesundheitlichen Wissenskommunikation gefüllt. Diese Kompetenz gilt es zu stärken. Bieten Sie sich an: als Berater, als Referent, als "Übersetzer", als Fachmann für Medikamente. Gerade Elternselbsthilfegruppen, deren Kinder unter seltenen Krankheiten leiden, sind auf derartige pharmazeutische Wissenstankstellen angewiesen.

  • Projekte auf die Schiene setzen

Nichts bindet mehr und vernetzt stärker als ein gemeinsames Projekt. Es empfiehlt sich, die Projektziele zu formulieren und die jeweiligen Verantwortlichkeiten zu definieren. Projekte lassen sich immer wieder öffentlich darstellen und garantieren somit, das man über das Thema und die Akteure spricht. Als Beispiel seien hier regelmäßige Info-Tage über Neuentwicklungen auf dem Arzneimittelmarkt angeführt. Ziel ist es, zum einen indikationsbezogen über neue Medikamente und deren Wirkprofile zu informieren, aber auch den richtigen Gebrauch und den alltäglichen Umgang mit ihnen zu schulen. Eine andere Projektidee sind gemeinsame Aktionen, zum Beispiel einen Straßenstand zu gestalten, an dem Apotheker Zuckertests durchführen und die Selbsthilfegruppe der Diabetiker auf ihre Dienstleistungen aufmerksam macht. Solche gemeinsamen Aktivitäten geben darüber hinaus Anlass für eine Berichterstattung.

  • Kooperation öffentlich kommunizieren

Die Medien bestimmen nicht, was die Menschen denken, sondern worüber sie nachzudenken haben. Sie bestimmen die Tagesordnung der öffentlichen Diskussion. Daher gilt es unbedingt, gemeinsame öffentliche Auftritte zu realisieren. "Tue Gutes und lass' andere darüber reden", lautet das Motto.

  • Wege der finanziellen Förderung ebnen

Selbsthilfegruppen sind in der Regel ehrenamtlich tätig und neben Mitgliedsbeiträgen auf öffentliche Zuwendungen aller Art angewiesen. Damit verbunden sind meist aufwändige bürokratische Antragsverfahren, wo nicht wenige Menschen aufgeben, weil der Aufwand letztlich meist in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Hier brauchen die Selbsthilfegruppen aktive Partner, die sie in ihren berechtigten Forderungen unterstützen und auf Anfrage konkret helfen, die Anträge zu stellen.

  • Gemeinsame Interessen stärken

Stärken stärken und Schwächen schwächen, könnte das Motto der Zusammenarbeit lauten. Es gilt, die gemeinsamen Interessen zu formulieren und offensiv zu vertreten. Unterschiedliche Standpunkte in manchen Fragen sollten nicht unter den Tisch fallen, sondern offen benannt werden. Das hindert nicht, die Gemeinsamkeiten nach vorn zu tragen. Hier spielt die Art und Weise des fairen Umgangs miteinander eine große Rolle. Daher sollte am Beginn der Kooperation neben der Definition der gemeinsamen Ziele auch ein Versuch stehen, den Umgang miteinander in Worte zu fassen, die Vertrauen und Glaubwürdigkeit signalisieren.

Wenn diese Schritte gelingen, gewinnt auch das Netzwerk der Gesundheit an Bedeutung, an dem alle Akteure gleichberechtigt stricken und wirken. Um diesem Ziel näher zu kommen, ist die Vorstellung einer "lebendigen Partnerschaft zwischen Apothekern und Selbsthilfegruppen", wie Karin Wahl sie postulierte, ein wichtiger Baustein dieses Netzwerkes. "Es entspricht meiner Überzeugung, dass wir einander gegenseitig nur stärken und befruchten können" sagt die Präsidentin und fügt hinzu: "Wir können so viel von einander lernen. Das finde ich wichtig."

 

Anschriften

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e. V. (DAG SHG)
Friedrichstraße 28, 35392 Gießen
Tel.: 06 41/9 94 56 12
Fax: 06 41/9 94 56 09

Kindernetzwerk für kranke und behinderte Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft e. V.
Hanauer Str. 15, 63739 Aschaffenburg
Tel.: 0 60 21/1 20 30
Fax: 0 60 21/1 24 46
www.kindernetzwerk.de

Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS)
Albrecht-Achilles-Straße 65, 10709 Berlin
Tel.: 0 30/8 91 40 19
Fax: 0 30/8 93 40 14
www.nakos.de

 

Literatur

  • Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e. V. (Hrsg.), Selbsthilfegruppenjahrbuch 2001. Gießen 2001.
  • Engelhardt, H.-D., et al., Was Selbsthilfe leistet ... . Ökonomische Wirkungen und sozialpolitische Bewertung. Freiburg 1995.
  • Kindernetzwerk für kranke und behinderte Kinder und Jugendliche in der Gesellschaft e. V. (Hrsg.), Eltern-Selbsthilfegruppen - Wer hilft weiter? Ein bundesweiter Wegweiser. Band 1. 2., überarb. Auflage, Lübeck 1999.
  • Kösters, W., Selbsthilfe in Bewegung - Auf dem Weg zum erfolgreichen Patienten. Freiburg 2000.
  • Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (Hrsg.), Lokale/Regionale Selbsthilfegruppen-Unterstützungsstellen in der Bundesrepublik Deutschland. Rote Adressen 1999/2000. Berlin 1999.
  • Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (Hrsg.), Bundesweite Selbsthilfevereinigungen und relevante Institutionen. Grüne Adressen 1999/2000. Berlin 1999.

 

Der Autor

Winfried Kösters arbeitet freiberuflich als Publizist und Journalist, als Dozent und Berater. Bisher veröffentlichte er sieben Bücher, darunter zuletzt im Freiburger Lambertus-Verlag den Titel "Selbsthilfe in Bewegung - Auf dem Weg zum erfolgreichen Patienten." Der promovierte Politikwissenschaftler (Dr. phil.) lebt mit seiner Familie in Bergheim. Er ist selbst ehrenamtlich in der Selbsthilfe aktiv.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Winfried Kösters
Sindorfer Straße 57
50127 Bergheim-Ahe
E-Mail: info@winfried-koesters.de

Top

© 2001 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa