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Ein süßes Fleckchen Erde

23.08.2004
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.PZ-Leserreise

Ein süßes Fleckchen Erde

von Christina Hohmann und Hanna Kleine-Weischede, Mauritius

Wer den Namen Mauritius hört, denkt an paradiesische Strände, den ausgestorbenen Dodo oder eine blaue Briefmarke. Dass die Insel jedoch viel mehr zu bieten hat, erlebten die Teilnehmer der PZ-Leserreise im Mai dieses Jahres.

„Zuerst wurde Mauritius geschaffen und dann der Himmel – und zwar nach dem Vorbild von Mauritius“. Dieser Ausspruch wird Mark Twain zugeschrieben, der vor gut 100 Jahren die Insel besuchte. Das Zitat, das natürlich gerne vom Fremdenverkehrsamt verwendet wird, ist auf der Insel häufig anzutreffen, sogar auf dem Etikett einer Rumsorte. Und tatsächlich hat Mauritius etwas paradiesisches: Türkisblaues, klares Wasser, weiße, palmenbestandene Strände und eine exotische und vielfältige Flora. Botanikbegeisterte können etwa 80 verschiedene Palmenarten, zahlreiche Gewürz- sowie Heilpflanzen entdecken.

Auch in anderer Hinsicht kann Mauritius als Vorlage für das Paradies gedient haben, denn auf der Insel leben die Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion harmonisch und friedlich zusammen: Hindus, Muslime und Christen. Der bunte Mix der Kulturen rührt aus der bewegten 400-jährigen Geschichte der Insel her. Kolonialherren verschiedener europäischer Länder kamen und gingen, brachten Sklaven und Arbeiter aus Afrika, Indien und China mit und machten die Insel zu einer Art Schmelztiegel. Mehr als 20 verschiedene Sprachen werden auf Mauritius gesprochen und auch die Vielzahl der Religionen ist verwirrend. Auf der Insel existieren etwa 80 unterschiedliche Glaubensvorstellungen und -organisationen. Aber die Einheimischen fühlen sich nicht einer bestimmten Herkunft verpflichtet, sondern empfinden sich in erster Linie als Mauritier, die ihre Insel lieben.

Die Entdeckung des Paradieses

Vor circa 200 Millionen Jahren entstand die Insel Mauritius durch Vulkanausbrüche. Die Zeitzeugen, bizarr anmutende Berge, bestimmen noch heute das Aussehen der Insel. Zusammen mit Rodrigues und La Réunion bildet Mauritius die Inselgruppe der Maskarenen, die vor der östlichen Küste Afrikas, nahe bei Madagaskar liegt. Die 330 Kilometer lange Küstenlinie ist vom drittgrößten Korallenriff der Welt umgeben und stellt für Taucher ein wahres Eldorado dar. Mit einer Fläche von 1866 Quadratkilometern ist die Insel zwar nur halb so groß wie Mallorca, aber mit 1,2 Millionen Menschen doppelt so dicht bevölkert.

Bereits 975 vor Christus landeten arabische Händler an der Küste. Das unbewohnte Fleckchen Erde im südlichen Teil des Indischen Ozeans war jedoch mit seinem rauen Bergmassiv und der undurchdringlichen Vegetation für sie nicht von Interesse. So blieb die Insel weiterhin über mehrere Jahrhunderte sich selbst überlassen.

Offiziell entdeckte der portugiesische Seefahrer Pedro Mascarenhas 1505 die unbewohnte Insel. Doch die Seefahrer waren lediglich auf Handel, Plünderung und Bekehrung zum christlichen Glauben aus. Mauritius wurde daher nur Zwischenstopp auf den Fahrten nach Indien, wo wertvolle Gewürze gekauft wurden. Außer ein paar Schweinen, Ziegen, Rindern, Affen und Ratten ließen sie nichts auf dem Eiland zurück. Die eingeschleppten Nagetiere und die ungezügelte Jagdlust der Eroberer führten schließlich zum Aussterben des Dodos, eines flugunfähigen, truthahngroßen Vogels, der heute noch das Wahrzeichen der Insel ist.

Eher durch Zufall landete während eines Sturms der Holländer Wybrandt van Warwyck mit seiner Flotte 1598 an der Südostküste der Insel. Er nahm sie für die Niederlande in Besitz und nannte sie zu Ehren seines Königs Maurits, Prinz von Oranje und Herzog von Nassau, „Mauritius“. 1638 gründeten die Niederländer ihre erste Niederlassung und sicherten so ihre Handelswege nach Asien. Aus Madagaskar und Batavia (Jakarta) holten sie Sklaven, zum Roden des wertvollen Ebenholzes, der Gewinnung von Amber und für die Feldarbeit. Auch das Rotwild und das Zuckerrohr brachten die Holländer von Reisen nach Batavia mit.

Zweimal scheiterten die Siedlungsversuche: Es fehlte an der richtigen Führung, an Unterstützung aus der Heimat und an Arbeitseifer. Wirbelstürme und rebellierende Sklaven ließen den Mut schnell sinken, weshalb die Holländer das unwirtschaftliche Projekt 1710 endgültig beendeten. Zurück blieben die Sklaven, das Rotwild und vor allem das Zuckerrohr, das später zum wichtigsten Exportartikel der Insel werden sollte.

 

Reiseziel Mauritius Tourismus bildet neben der Zuckerproduktion das zweite wichtige Standbein der Wirtschaft auf Mauritius. Da die Insel eine der höchsten Einwohnerdichten der Welt hat, setzten die Mauritier nicht auf Massen-, sondern auf Exklusivtourismus, weshalb es vermutlich nie preiswerte Charterflüge dorthin geben wird.

Um die Gesundheit müssen sich Reisende keine großen Gedanken machen, denn auf Mauritius kommen keine epidemiologischen Tropenkrankheiten vor. Die Insel ist nahezu malariafrei. Auch vor giftigen Tieren muss sich an Land niemand fürchten. Im Wasser besteht jedoch die Gefahr auf Seeigel oder den giftigen Steinfisch (Synanceia verrucosa) zu treten, der ein tödliches Neurotoxin besitzt. Badeschuhe sind daher sehr zu empfehlen, da diese Tiere oft mit den zahlreichen Felsen verwechselt werden.

Die Insel hat tropisches Klima und in keiner der zwei Jahreszeiten wird es richtig kalt. Im Sommer, der von November bis April dauert, schwanken die Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad Celsius. Von Mai bis Oktober, dem Winter auf Mauritius, liegen sie bei etwa 18 bis 24 Grad Celsius. Wichtig ist daher auch der richtige Sonnenschutz, denn Sonnenbaden ist rund ums Jahr möglich. Oft werde zu wenig Sonnencreme verwendet oder ungenügend verrieben, erklärte Anna Laven, Apothekerin aus Aachen. Für den gesamten Körper werden etwa 25 ml Creme benötigt, pro Woche verbrauche eine Person daher knapp eine Packung Sonnenschutzmittel.

Bei der Auswahl der Präparate ist zu beachten, dass sie sowohl vor UV-B- als auch vor UV-A-Strahlung schützen sollten. Die Wirkung von UV-A sei im Gegensatz zu UV-B nicht sofort, sondern erst Jahre später an einer verstärkten Faltenbildung zu erkennen. UV-B-Strahlung dagegen ruft Sonnenbrand noch am selben Tag hervor und schwächt die Immunabwehr der Haut: Nach Jahren kann er außerdem Hautkrebs verursachen. Für den UV-B-Schutz gibt es für Sonnenschutzmittel eine Norm mit vorgeschriebenen Prüfungsmethoden, für UV-A dagegen existiert keine einheitliche Regelung. Nur eine Methode zur Messung ist hier validiert – der australische Standard. Produkte, die diesem Standard entsprechen, absorbieren etwa 90 Prozent der UV-A-Strahlung, erklärte Laven. Auf dieses Qualitätsmerkmal sollten Apotheker bei der Beratung zu Sonnenschutzmitteln achten.

Durch UV-Strahlung entstehen in der DNA auf verschiedene Weisen Schäden. Ein Mechanismus ist die Dimerisierung: Zwei benachbarte Basen bilden eine kovalente Bindung miteinander aus. Das Enzym Photolyase, das zum Beispiel in Ladival med® von Stada enthalten ist, spaltet diese Dimere. Bereits nach 30 Minuten sind etwa die Hälfte der störenden Paare wieder getrennt, sagte Laven. Somit repariert das in einer Lotion aufgetragene Enzym, das aus der Blaualge Anacystis nidulans stammt, die Strahlenschäden soweit, dass kein Sonnenbrand auftritt. Außerdem hebt es die durch UV-B induzierte Immunsuppression auf. Diese gilt als einer der Hauptfaktoren für die Krebsentstehung.

Neben dem geeigneten Sonnenschutz ist bei einer Reise nach Mauritius noch ein weiteres Problem zu beachten: Von Europa aus gesehen ist die Insel ein typisches Fernreiseland. Reisende müssen circa zwölf Stunden im Flugzeug ausharren, bevor sie ihr Urlaubsziel erreichen. Durch das lange Sitzen in meist unbequemer Haltung sackt das Blut in die Beine. Trockene Luft und der hohe Druck in der Kabine sowie eventueller Alkoholkonsum an Bord verändern die Blutkonsistenz. Dies alles kann zur Bildung von tiefen Beinvenenthrombosen (DVT) führen, erklärte Professor Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung. Ein Langstreckenflug erhöht das Jahresrisiko für eine solche Thrombose um etwa 12 Prozent. Das höchste Risiko besteht dabei in den 14 Tagen nach dem Flug. Todesfälle treten aber nur sehr selten auf, etwa bei einem von einer Million Fernreisenden, sagte Morck. Kompressionsstrümpfe (zum Beispiel Travelsocks® von Scholl) senken das Risiko für tiefe Beinvenenthrombosen erheblich, wie die Lonflit-Studien belegen. So ergab die 2003 beendete Lonflit-5-Studie, dass das Tragen von Strümpfen mit einem Kompressionsdruck von 14 bis 17 mmHg, die Inzidenz für DVT bei Hochrisikopatienten signifikant senkte.

Ein weiteres Problem, das bei Flugreisen auftreten kann, sind Atemwegsinfektionen: Fast jeder fünfte Reisende zieht sich im Flugzeug eine Erkältung zu. Das Phytopharmakon Umckaloabo® kann helfen, dass nicht der gesamte Urlaub durch Schnupfen, Niesen und Husten verleidet ist. Der ethanolische Extrakt aus Pelargonium sidoides (Geraniaceae) wirkt über verschiedene Mechanismen. Zum einen hemmt er das Bakterienwachstum, wobei er aber deutlich schwächer bakteriostatisch wirkt als Penicillin G, sagte Morck. Für diesen Effekt sind vor allem die im Extrakt enthaltenen Cumarine verantwortlich. Weiterhin hat das Phytopharmakon immunmodulatorische Eigenschaften: Durch verstärkte Expression von Zytokinen regt es die unspezifische Immunabwehr an und wirkt daher besonders gegen virale Infektionen. Zusätzlich beschleunigt der Extrakt die Schlagfrequenz der Flimmerhärchen in den Atemwegen und verbessert somit den Schleimtransport. Das Präparat zeigt gute Akutwirkung bei Atemwegsinfektionen, verhindert den chronischen Verlauf, vor allem bei Bronchitis, und ist gut verträglich, sagte Dr. Traugott Ulrich von der Firma Spitzner. Da es außerdem nicht zu einer Resistenzentwicklung führt, könnte es bei Infekten als Alternative zu Antibiotika eingesetzt werden.

 

Île de France

Die auf der benachbarten Insel La Réunion angesiedelten Franzosen nutzten die Gunst der Stunde, übernahmen Mauritius im Jahr 1715 und gaben dem Eiland einen neuen Namen: Île de France. Erst nach weiteren sieben Jahren besetzte die französische Ostindien-Handelsgesellschaft die Insel. In ihrem Gefolge waren französische Siedler, Beamte, Sklaven aus Madagaskar, Mozambique und Westafrika sowie Piraten samt ihren Frauen und schweizerische Söldner.

Doch auch die Franzosen hatten wenig Erfolg. Wie bei ihren holländischen Vorgängern traten Probleme mit Disziplin und Wirtschaft auf. Außer Kaffee wurde nichts über den Eigenbedarf hinaus produziert. Wirbelstürme und Ratten taten ein Übriges, um erste landwirtschaftliche Erfolge zunichte zu machen.

1735 gelang es schließlich Kapitän Bertrand François Mahé de La Bourdonnais, das Fundament der maurizischen Nation zu legen: Er veranlasste, dass Port Louis Hauptstadt wurde, sicherte die Nahrungsversorgung durch den Anbau brasilianischer Maniok und erließ neue Gesetze. Hilfe bekam er dabei von Pierre Poivre. Der ehemalige Angestellte der Ostindien-Handelsgesellschaft förderte den Gewürzhandel und mehrte so den Wohlstand auf der Insel. Zahlreiche Ruinen lassen noch heute erahnen, wie pompös das damalige Leben gewesen sein muss. Als weitere wichtige Einkommensquelle galt lange die Piraterie. Beliebte Opfer waren die britischen Handelsschoner, die von Indien auf dem Weg in die Heimat waren.

Durch die französische Revolution 1789 erhielt Mauritius zum ersten Mal eine eigenständige Volksvertretung. Als 1794 die Sklaverei durch das Mutterland abgeschafft werden sollte, revoltierten die Kolonialherren, bis 1799 Napoleon General Charles Decaen als Gouverneur einsetzte. Er ließ den Siedlern ihre Sklaven. Als er schließlich 1810 in die Hände der Briten fiel, wechselte Mauritius erneut seine Besatzer und aus der Île de France wurde wieder Mauritius.

Trotz der bewaffneten Übernahme gelobten die Briten, weder Gesetze, Sitten, Sprache oder Religion zu verändern, noch Privatbesitz anzutasten. Diese Großzügigkeit zeigt sich noch heute an der Kultur: Obwohl Englisch Amtssprache ist, reden die Menschen untereinander französisch oder kreolisch, einem Gemisch aus Französisch und afrikanischen Sprachen, das sich zwischen den französischen Kolonialherren und ihren Sklaven entwickelte.

Mit der britischen Machtübernahme begann das Zeitalter des „Weißen Goldes“ – des Zuckers. Gouverneur Robert Farquhar förderte massiv den Zuckeranbau, denn als einzige Wirtschaftspflanze widerstand sie den zerstörerischen Kräften der Zyklone. Die Plantagenbesitzer gaben die meist klägliche Produktion von Kaffee, Baumwolle oder Indigo auf und spezialisierten sich auf den Anbau der Zuckerpflanzen. Innerhalb eines Jahres stieg die Produktion von 11.000 Tonnen auf rund das Doppelte an, nach drei Jahren war Zuckerrohr das wichtigste Anbauprodukt.

Die aus dem Zuckerboom hervorgegangenen „Zuckerbarone“ bildeten eine neue Gesellschaftsschicht. 1835 mussten sie schließlich dem internationalen Druck der Sklavengegner nachgeben und die Sklaven in ihre Freiheit entlassen. Aus Angst vor Aufständen erhielten die Kolonialherren als Entschädigung zwei Millionen Pfund von der britischen Regierung.

Die Folge des plötzlichen Arbeitermangels war die Rekrutierung von etwa 450.000 indischen Vertragsarbeitern. Durch den plötzlichen rapiden Anstieg der Bevölkerung traten Kriminalität, Krankheiten wie Cholera und vor allem Hunger auf die Tagesordnung.

1859 war die Spitze der Nachfrage nach maurizischem Zucker endgültig erreicht. Die in Deutschland gezüchtete Zuckerrübe und der preiswertere Rohrzucker aus Java machten 1863 dem maurizischem in Europa starke Konkurrenz. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Mauritius wirtschaftlich am Ende. In den 20er- und 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die Insel ihren letzten Zuckerboom.

Nach dem zweiten Weltkrieg rückte das Streben nach Freiheit in den Vordergrund: 1948 gewann die Labour Party unter Seewoosagur Ramgoolam die Mehrheit der Sitze im Regierungsrat. Seine Partei forderte die Selbstverwaltung und Unabhängigkeit für Mauritius. 1967 wurden die Forderungen erfüllt und Ramgoolam Premierminister. Seit dem 12. März 1968 hat Mauritius offiziell eine demokratische Regierung. Bis heute sprechen die Mauritier voller Bewunderung und Ehrfurcht von dem später geadelten Sir Ramgoolam. Seinen Namen tragen zahlreiche Bauten, Straßen und Plätze wie zum Beispiel der Flughafen oder der Botanische Garten Pamplemousses.

Weißes Gold Zucker

Zuckerrohr bestimmt das Gesicht von Mauritius wie keine andere Pflanze. Wie riesige grüne Meere überziehen die Plantagen die Insel, meterhohe „Wände“ aus Zuckerrohr rechts und links der Straßen nehmen die Sicht auf die übrige Landschaft oder die See.

Die Zuckerproduktion ist neben dem Tourismus und der Textilindustrie der größte Wirtschaftszweig auf Mauritius. 600.000 Tonnen Zucker werden jedes Jahr produziert und zu insgesamt 15 verschiedenen Sorten verarbeitet. Der Zucker wird vollständig exportiert – dank einer Abnahmegarantie allein 500.000 Tonnen davon in die Europäische Union. Für Einheimische ist der maurizische Zucker zu teuer, sie essen ausschließlich preiswerte Importware.

Das Zuckerrohr (Saccharum officinarum) gehört zur Familie der Süßgräser (Poaceae). Die mehrjährige Pflanze kann bis zu sieben Meter hoch werden und besitzt einen zwei bis fünf Zentimeter dicken Halm. Er besteht aus 10 bis 40 Internodien, die das zuckerspeichernde Mark enthalten. Über jedem Knoten liegt der so genannte Wurzelring - eine Zone, die Anlagen für Wurzeln besitzt. Zuckerrohr lässt sich daher sehr einfach anbauen: Im Abstand von einem Meter werden etwa 20 cm lange Zuckerrohrstücke in die Erde gesteckt, aus denen dann die Wurzeln ausschlagen.

Die Pflanzzeit dauert von Januar bis September. 18 Monate müssen die Pflanzen wachsen, bevor sie zu blühen beginnen und somit erntereif sind. Zwischen Juli und Dezember schneiden die Bauern das Rohr dicht über der Erde ab und lassen die Wurzeln im Boden. Aus ihnen treiben die Pflanzen dann erneut aus und sind bereits zwölf Monate später bereit für die nächste Ernte.

Über fünf Jahre kann ein Feld auf diese Art bewirtschaftet werden. Dann muss es umgepflügt und gedüngt werden und einige Zeit ruhen, bevor wieder Setzlinge ausgebracht werden können. So einfach das Setzen ist, so beschwerlich ist das Vorbereiten der Felder. Auf Grund des vulkanischen Ursprungs ist der Boden durchsetzt mit Steinen oder Felsbrocken. Diese werden vor jeder neuen Pflanzperiode aufgelesen und zu Pyramiden aufgeschichtet. Wer dies nicht weiß, könnte meinen, bei den Steinhaufen handele es sich um steinzeitliche Bauwerke, wie sie zum Beispiel auf Teneriffa zu finden sind.

Für die Gewinnung des Rohrzuckers, des Disaccharids Saccharose, werden die Halme erst zerkleinert und dann zwischen riesigen Walzen zerquetscht. Der so gewonnene Saft wird gereinigt und durch Erhitzen eingedickt, bis er kristallisierbar ist. Die nach dem Abkühlen des Sirups entstandenen Kristalle werden schließlich in einer Zentrifuge abgetrennt.

Der verbleibende Sirup, die dunkelbraune Melasse, enthält neben Glucose etwa 30 bis 40 Prozent Saccharose, die sich allerdings nicht mehr kristallisieren lässt. Aus diesem Nebenprodukt destillieren die Mauritier den berühmten Rum oder verwenden es als Futtermittel. Der bräunliche Rohrzucker kann schließlich zu Weißzucker verarbeitet werden, der 99,8 Prozent Saccharose enthält.

Im Zuckermuseum „L’Aventure du Sucre“, einer stillgelegten Zuckerfabrik, konnten sich die Teilnehmer der PZ-Leserreise über die Gewinnung des Zuckers und die wechselhafte Geschichte der Zuckerproduktion auf Mauritius informieren. Das auf der Insel angebaute Zuckerrohr führten die Holländer bereits 1639 aus Java ein, berichtete Professor Dr. Michael Heinrich von der School of Pharmacy in London in einem begleitenden Seminarvortrag. Ursprünglich stammte die Nutzpflanze vermutlich aus Polynesien und Neuguinea. Schon 500 vor Christus gewannen die Inder Zucker aus Zuckerrohr. Auf das altindische Wort „Sarkara“ (zermahlene Stücke) gehen fast alle heutigen Bezeichnungen für Zucker in den verschiedenen Sprachen zurück, so Heinrich. Die eigentliche Methode, um aus dem Zuckerrohrsaft kristallinen Zucker zu gewinnen, das Raffinieren, entwickelten allerdings die Araber. Zwischen 1300 und 1400 gelangte der Zucker schließlich nach Europa. Hier war er lange Zeit so kostbar, dass er als Arzneizutat in Apotheken verarbeitet und verkauft wurde.

Heute wird Zucker dagegen verteufelt und in der Presse zum Teil als „weißer Tod“ bezeichnet, berichtete Professor Dr. Hartmut Morck, Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung. Doch Zivilisationskrankheiten wie Diabetes auf eine einzige Substanz zu reduzieren, sei unverantwortlich. Zucker, vor allem Glucose, die durch Disaccharidspaltung aus Saccharose entsteht, ist für den Organismus lebensnotwendig. Der Grundbedarf liegt bei 2 mg pro kg Körpergewicht pro Stunde. „Ein Mensch mit 75 kg benötigt und Stunde knapp 10 g Glucose“, sagte Morck. Allein 5 bis 6 g davon verbraucht das Gehirn. Schon bei Blutzuckerwerten von 40 mg/dl ist die Funktionsfähigkeit des Gehirns eingeschränkt. Nicht kurzfristig zu hohe, sondern zu niedrige Werte seien gefährlich für den Organismus. Am besten sei es allerdings, die benötigte Glucose nicht in Form von raffiniertem Zucker, sondern als langkettige Kohlenhydrate zu sich zu nehmen, erklärte Morck.

Ein Paradies im Paradies

Außer Zuckerrohr hat Mauritius eine Vielzahl exotischer Pflanzen zu bieten: Neben den leuchtend rot oder weiß blühenden Anthurien und Vanille wird auf der Insel auch Tee angebaut, der oft mit Aromen wie Vanille, Kokos, Pfefferminze oder dem Geschmack tropischer Früchte versetzt wird.

Im Botanischen Garten von Pamplemousses, einem botanischen Highlight der Insel, kann man sich von der Pflanzenvielfalt überzeugen. Er zählt zu den schönsten und artenreichsten tropischen Gärten der Welt. Hier sind neben verschiedenen Baum- und Palmenarten auch zahlreiche Heilpflanzen zu finden: So nutzen die Einheimischen den Saft des Sagobaums (Cyeas circinalis) gegen Bluthochdruck und den des Drachenblutbaumes (Harungana madagascariensis) gegen Ekzeme. Sansevierien, Campher und Eukalyptus werden bei Erkältung eingesetzt, Zypresse soll bei Asthma Linderung verschaffen, die Rinde des Affenbrotbaums (Adansonia digitata) Ohrenschmerzen heilen und das ätherische Öl von Ylang Ylang den Kopfschmerz nehmen.

Alles begann mit einem Gemüsegarten: Der französische Gouverneur Bertrand François Mahé de La Bourdonnais übernahm 1735 die 2000 Quadratmeter große Fläche, um neben dem Kolonialhaus „Mon Plaisir“ Gemüse anzubauen. Die Versorgung seiner Familie, der Bürger von Port Louis sowie durchreisender Schiffe war somit gesichert.

Seinen faszinierenden Artenreichtum erhielt der Garten 1768 durch den französischen „Gewürzjäger“ Pierre Poivre. Als Verwalter der Insel versuchte er möglichst viele tropischen Pflanzen und Gewürze der Welt in Pamplemousses anzusiedeln und förderte auch die Kultur einheimischer Pflanzen. Von seinen Reisen aus Indien schmuggelte er Setzlinge von Muskatnuss, Nelkenbäumen, Pfeffer, Zimt sowie einiger anderer Arten nach Mauritius. Poivre gelang es so, das Gewürzmonopol der Vereinigten Holländischen Ostindien-Gesellschaft zu brechen.

Heute wachsen auf dem 25 Hektar großen Areal rund 500 verschiedene Pflanzenarten der südlichen und nördlichen Hemisphäre, darunter etwa 80 Palmenarten – und nur 40 einheimische Pflanzen. Zu den beeindruckendsten Spezies gehört die Talipot-Palme (Corypha umbraculifera): Die fächerförmigen Blätter der bis zu 24 Meter hohen Palme erreichen einen Durchmesser von 5,4 Metern. Nach 40 bis 50 Jahren entwickelt die Palme einen 6 bis 8 Meter hohen Blütenstand mit fast 50 Millionen Blüten. Nach der Fruchtreife stirbt die Pflanze ab.

Wer auf dem Weg durch den Garten Schatten sucht, sollte sich nicht unter den Leberwurstbaum (Kigelia africana) setzen: Die 60 Zentimeter langen und 5 bis 7 Kilogramm schweren Früchte haben eine wahrlich erschlagende Wirkung. Für die Rast eignet sich eher einer der 400 Jahre alten „Peepul“-Bäume. Diese bei den Hindus als heilig verehrte Würgefeige (Ficus religiosa) hat angeblich bereits Buddha auf seinem Weg zur Erleuchtung beschützt.

Den Hindus heilig ist auch die Lotosblume (Nelumbo nucifera). Bekannt sind ihre schmutzabweisenden Blätter mit dem so genannten Lotoseffekt. In einem weiteren Bassin schwimmen die Blätter der Seerose Victoria amazonica wie riesige Tortenböden auf dem Wasser. An der Unterseite mit Dornen bewehrt können die Blätter einen Durchmesser von bis zu zwei Metern erreichen.

Die stattlichen Eukalyptusbäume wurden 1866 während der großen Malariaseuche, die rund 500.000 Menschen das Leben kostete, angepflanzt. Sie sollten das vorhandene Sumpfland trockenlegen und mit dem Geruch ihrer Blätter die Mücken vertreiben.

Auch farblich hat der Park viel zu bieten: Während im Mai die Akazien gelb und der Palisander (Jacaranda mimosifolia) hellblau erblühen, verwandeln sich im November die kahlen Flamboyantbäume (Delonix regia) in ein rotes Blütenmeer.

Zahlreiche Gedenksteine, Statuen und „Ehrenbäume“ erinnern an die früheren Besitzer des Gartens sowie etliche Staatsgäste. Offiziell heißt heute der Garten von Pamplemousses „Sir Seewoosagur Ramgoolam Garden“. Er wurde 1985 nach dem „Vater der Unabhängigkeit“, benannt, dessen Leichnam die Mauritier vor dem „Mon Plaisir“ in einer feierlichen Zeremonie verbrannten.

Kulturelle Vielfalt

Vielfältig ist auch die Bevölkerung von Mauritius. Einwanderer aus Europa, Asien und Afrika brachten ihre Traditionen und ihre Sprache mit. Insgesamt 20 verschiedene Sprachen sind heute auf Mauritius verbreitet. Die meisten Mauritier sprechen im Alltag Kreolisch. Daneben können die Einheimischen meist zwei bis drei weitere Sprachen, vor allem Französisch, die Amtssprache Englisch und Hindi. Rund 65 Prozent der 1,2 Millionen Einwohner stammen ursprünglich aus Indien.

Die Einwanderer brachten aus ihren Heimatländern auch ihre Tracht, die Küche und vor allem die Religion mit: Hindus, Muslime und Christen leben friedlich nebeneinander und feiern auch gerne die religiösen Feste der anderen Glaubensrichtungen mit, was an den zahllosen Feiertagen auf Mauritius zu erkennen ist. Auch in der Küche spiegelt sich der Mix der Kulturen wider: Typische Spezialitäten sind vor allem die zahlreichen Curry-Gerichte, Chutneys, Samosas (frittierte dreieckige Blätterteigtaschen) und das Rougaille, ein kreolischer Eintopf aus Gemüse und Fleisch.

Besonders deutlich zeigt sich die kulturelle Vielfalt an den unzähligen religiösen Stätten. Neben buddhistischen Tempeln und katholischen Kirchen trifft der Besucher auf die bunten Heiligtümer von Tamilen und Hindus. In der Hauptstadt Port Louis stehen sie eng beisammen. Die Pagoden in Chinatown liegen in Laufnähe der berühmten Jummah-Moschee und der großen, farbenprächtigen Tempelanlage Kaylasson der Tamilen.

Als Teil ihrer Traditionen führten die Einwanderer verschiedene medizinische Richtungen auf der Insel ein: So zum Beispiel die traditionelle chinesische Medizin, die indische Heilkunst mit Arzneipflanzen (siehe Kasten) sowie Ayurveda, eine ganzheitliche Heilmethode, die sich mit Körper, Geist und Seele befasst und auch Meditation mit einschließt. Aber auch die klassische Schulmedizin kommt nicht zu kurz: Auf Mauritius existieren fünf öffentliche Krankenhäuser, verschiedene Privatkliniken und natürlich Apotheken.

 

Kräuterheiler aus Tradition Der Zentralmarkt in Port Louis wird bestimmt von Farben, fremdartigen Gerüchen und lautem Stimmengewirr. Hier gibt es nicht nur die unterschiedlichsten Arten von Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch. Neben Ständen von Stoffen, Teppichen und Töpfen befinden sich auch die beiden Stände der „Kräuterapotheke“ von C. G. Naiken und seinem Sohn. Das Wissen über die Heilpflanzen brachte sein Großvater aus Indien mit. Die heimischen Arten wurden nach und nach erforscht.

In großer Zahl kommen die Patienten in Naikens Kräuterapotheke. Und auch Touristen wissen seinen Rat zu schätzen. Nach einer eingehenden Diagnose verschreibt Naiken den passenden Tee. Diabetes, Bluthochdruck, Gicht, Asthma, Leberschäden: Es gibt fast keine Krankheit, zu der er keinen Rat geben kann. So sollen ein paar Blätter der Mimosa pudica abends als Tee getrunken gegen Schwindel, Stress und Schlaflosigkeit helfen. Wer einem Liter Tee des „Bois deron“ pro Tag über fünf Tage hinweg trinkt, kann seine Nierenleiden kurieren. Dreimal täglich eine Tasse „Bois de l’eau“ vertreibt Sodbrennen und „Bebejon“ heilt offene Beine. „Und wenn’s nicht hilft, hilft was anderes“, ist Naikens Devise. Besonders beliebt seien seine Mixturen gegen Cellulite oder Übergewicht, deren Rezeptur er den deutschen Apothekern aber nicht verraten wollte.

Die Pflanzen – meist Wildpflanzen – stammen zum überwiegenden Teil aus den Bergen der Insel. Seine Sammler wissen zwar, wo sie suchen müssen, eine Identitäts- oder Qualitätskontrolle in unserem Sinn findet aber nicht statt. Wie die Pflanzen weiterverarbeitet und gemischt werden, bleibt ein Familiengeheimnis.

 

Pharmazie auf Mauritius

Um die pharmazeutische Versorgung muss sich auf Mauritius niemand Sorgen machen, denn die dortigen Apotheken haben 74 Stunden in der Woche, also mehr als 10 Stunden täglich, geöffnet. Dafür übernehmen sie keine Notdienste. Insgesamt gibt es auf der Insel knapp 280 öffentliche Apotheken. Somit versorgt eine Offizin etwa 4500 Menschen, in Deutschland sind es etwa 3800. Die maurizischen Apotheker haben sich 1979 zur „Pharmaceutical Association of Mauritius“ zusammengeschlossen, um für Pharmazeuten eine Plattform zu schaffen und vor allem die professionellen Standards zu verbessern, berichtete Ravind Gaya, Präsident der Gesellschaft, den deutschen Kollegen bei einem Treffen mit etwa 80 maurizischen Apothekern. Die Vereinigung trifft sich regelmäßig mit den Organisationen der benachbarten größeren Inseln wie La Réunion und Madagaskar, mit denen sie sich zur Fédération pharmaceutique de l’Océan Indien (FPOI) zusammengeschlossen haben.

Derzeit kämpft die Gesellschaft gegen den Zustrom von Apothekern aus dem Ausland. Seit 1985 kann jeder die Eröffnung einer Apotheke beantragen. Dafür ist weder die Staatsbürgerschaft noch ein Pharmaziestudium notwendig. Die einzige Bedingung ist, dass ein Apotheker in Vollzeitstellung in der Offizin beschäftigt ist. Diese Regelung wollen die maurizischen Apotheker abschaffen und fordern zumindest ein abgeschlossenes Studium als Voraussetzung.

Auch dieses ist seit 1985 auf Mauritius nicht mehr möglich, denn die einzige Universität der Insel bietet nur Betriebswirtschaftslehre, Design, Medizin und Landwirtschaft als Fächer an. An Pharmazie Interessierte müssen zum Studium ins Ausland gehen. Die meisten studieren, wegen der Sprache und der geringen Kosten, in Indien, einige auch in Südafrika oder Großbritannien. Die gesamte Ausbildung umfasst vier Jahre Studium und ein Jahr Berufspraktikum, das zur Hälfte in einer Offizin und zur Hälfte in einer Krankenhausapotheke absolviert werden muss.

Obwohl die Mauritier dem technischen Fortschritt sehr zugetan sind, was unter anderem am ständigen Handygebimmel zu erkennen ist, gibt es bisher keine Internetapotheken auf Mauritius. Es sind auch keine in Planung. Auch für Apotheker herrschen hier also noch paradiesische Zustände.

 

Die Autorinnen

Christina Hohmann studierte Biologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Nach Abschluss des Studiums absolvierte sie eine Ausbildung zur Wissenschaftsredakteurin, danach ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung. Seit 2002 ist sie als Redakteurin beschäftigt und leitet seit Ende 2003 das Ressort Medizin.

Hanna Kleine-Weischede studierte Biologie an der Technischen-Universität in Darmstadt. Auf den Diplomabschluss folgte eine journalistische Ausbildung zur Fachzeitschriftenredakteurin. Seit 2001 arbeitet sie als Schlussredakteurin für die Pharmazeutische Zeitung. 2002 übernahm sie zusätzlich die Leitung der Produktions-Abteilung. Top

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