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Gewaltige Verheißungen für die Therapie

20.08.2001
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EMBRYONALE STAMMZELLEN

Gewaltige Verheißungen für die Therapie

Neue Neuronen für Parkinson-Patienten, Nervenzellersatz auch für Schlaganfallopfer und Demente, Hautzellen für Brandverletzte, Herzmuskelgewebe zur Rettung nach einem Infarkt. All das wollen Forscher im Labor züchten. Die Mutigen unter ihnen wollen noch mehr: Niere, Leber oder Herz aus der Retorte. Mit dem Organmangel in der Transplantationsmedizin soll es endlich vorbei sein. Gewaltige Verheißungen.

Die Diskussion um Stammzellen wird äußerst emotional geführt. Die einen sehen in Stammzellen ein unlimitiertes Potenzial für neue Therapieansätze. Andere verknüpfen mit diesen Zellen Gedanken an den ultimativen Sündenfall. Dies ist eine typische Situation, in der klar ist, dass Protagonisten beider Standpunkte irren. Da das Problem selbst zunächst einmal eine naturwissenschaftliche Basis hat, die ganz offensichtlich in medizinische und pharmazeutische Zuständigkeiten ausstrahlt, sollte man als Apothekerin oder Apotheker zumindest diese Basis kennen, um sich dann den zweifelsfrei vorhandenen moralischen Aspekten zuzuwenden und sich danach erst ein abschließendes Urteil zu bilden.

In dem Beitrag "Erst kommt das Wissen", den Bundeskanzler Gerhard Schröder kürzlich für die Süddeutsche Zeitung verfasst hat, schreibt er: "Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und die Legalisierung des therapeutischen Klonens in Großbritannien haben uns drastisch vor Augen geführt, dass Gentechnik keine Utopie mehr ist, sondern Teil unserer Gegenwart. Unsere Gesellschaft hat sich bislang einer redlichen Diskussion der Chancen und Risiken gentechnischer Verfahren nicht gestellt. Denn die damit zusammenhängenden Fragen rühren ans Innerste unseres Selbstverständnisses. Wir haben hier über Dinge zu entscheiden, die sich im Kraftfeld zwischen Denkbarkeit und Machbarkeit, Verantwortbarkeit und Verantwortlichkeit nicht zuletzt gegenüber kommenden Generationen bewegen."

Was ist eine Stammzelle?

Unter einer Stammzelle verstehen wir jede noch nicht ausdifferenzierte Zelle, die sowohl von einem Embryo als auch von einem Fetus oder von einem erwachsenen Menschen stammen kann. Überspitzt gesagt kann man auf Stammzellen gewissermaßen ein "Unschärfeprinzip" anwenden, da sie eigentlich nur durch ihre Funktion zu definieren und zu entdecken sind. Denn zum einen sind diese Zellen in der Lage, sich unlimitiert zu teilen und gleichartige undifferenzierte Tochterzellen hervorzubringen. Zum anderen besitzen sie aber auch die Fähigkeit zur Differenzierung, einem Prozess, bei dem aus einer Stammzelle eine Zelle mit völlig anderen, neuen Eigenschaften entsteht.

Man kann Stammzellen am besten im Kontext einer normalen menschlichen Entwicklung beschreiben. Diese Entwicklung beginnt bekanntlich dann, wenn eine Eizelle von einem Spermium befruchtet wird. Die befruchtete Eizelle besitzt alle Eigenschaften, um einen ganzen menschlichen Organismus auszubilden. Sie kann zu jeder der knapp über 200 verschiedenen Zelltypen des Menschen ausdifferenzieren. Sie ist totipotent. In den ersten Stunden nach der Befruchtung teilt sich diese Zelle, wobei ein Klon identischer totipotenter Zellen entsteht. Das heißt: Auch jede dieser ganz frühen embryonalen Zellen ist für sich in der Lage, einen kompletten menschlichen Organismus zu bilden, wenn sie in eine geeignete biologische Umgebung implantiert wird.

 

Tabelle: Vergleich unterschiedlicher humaner Stammzellen

Stammzelltyp

Charakteristika

Embryonen bis zum Acht-Zell-Stadium
(totipotent)

Differenzierung in jede Körperzelle möglich
Induktion einer Immunabwehr des Empfängers
Ethisch umstritten
Derzeit verboten

Frühe SCNT-Zellen
(totipotent)

Empfänger ist gleichzeitig sein eigener Spender
Daher keine Immunreaktion
Hohe ethische Barrieren

Späte Embryonen (100-Zell-Stadium)
(pluripotent)

Differenzierung in fast jede Körperzelle möglich
Induktion einer Immunabwehr des Empfängers
Ethisch umstritten
Derzeit verboten

Fetales Gewebe
(pluripotent)

Differenzierung in fast jede Körperzelle möglich
Induktion einer Immunabwehr des Empfängers
Ethisch umstritten
Nicht verboten

Adulte Stammzellen
(pluripotent)

Eingeschränkte Differenzierungspotenz
Eingeschränkte Proliferationspotenz
Induktion einer Immunabwehr bei heterologer Anwendung
Keine Induktion einer Immunabwehr bei autologer Anwendung
Keine ethischen Hürden

Nabelschnur-Stammzellen
(pluripotent)

Potenzial derzeit noch nicht abschließend zu beurteilen
Keine Induktion einer Immunabwehr bei autologer Anwendung
Keine ethischen Hürden

 

Ganz natürlich geschieht dies bei der Entwicklung eineiiger Zwillinge. Hier entstehen aus einem einzigen befruchteten Ei zwei Menschen, da sich die beiden totipotenten Tochterzellen nach der ersten Teilung der befruchteten Eizelle getrennt und einen eigenständigen Entwicklungsweg eingeschlagen haben. Da die beiden Zellen aus einer einzelnen Zelle hervorgegangen sind, sind eineiige Zwillinge genetisch identisch oder klonal. Das bedeutet aber nicht, dass sich aus ihnen auch identische Persönlichkeiten entwickeln werden. Die Entwicklung der "Persönlichkeit" hängt ganz wesentlich von äußeren Faktoren ab; so sind beispielsweise die Verschaltungsmöglichkeiten der wachsenden Neuronen zwar genetisch angelegt, aber keineswegs fixiert. Durch unterschiedliches "Erleben" und "Erfahren" sowie unterschiedliches Training - so genannte Context-Faktoren - können die potenziellen Verschaltungsmöglichkeiten ganz unterschiedlich realisiert werden. In der Laienpresse wird darauf nur selten hingewiesen, so dass die Vorstellungen über das Klonieren von Menschen sicherlich bei vielen Menschen nicht korrekt sind: Aus einer somatischen Zelle des Herrn Professor Einstein würde mit Sicherheit keine Kopie des Menschen Einstein, weshalb ein solches Unterfangen nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch riskant, da im Ausgang unvorhersehbar wäre.

Circa vier Tage nach der Befruchtung und nach mehreren Zellteilungen beginnen sich die totipotenten Zellen zu spezialisieren. Die außen gelegenen Zellen lagern sich dicht zusammen, und es bildet sich - als letztes Stadium der so genannten Präimplantationsphase - die Blastozyste aus, eine Zellkugel, die im Inneren zehn Zellen enthält, die wir als innere Zellmasse bezeichnen. Aus der äußeren Zellschicht, der "Hülle" der Kugel, entstehen schließlich die Plazenta und anderes Nährgewebe, das für die Entwicklung des Fetus im Uterus erforderlich ist. Die Zellen der inneren Zellmasse können in nahezu alle Organe und Gewebe eines menschlichen Organismus differenzieren. Eine Plazenta und plazentales Nährgewebe können sie hingegen nicht ausbilden. Somit sind die Zellen der inneren Zellmasse auch nicht mehr totipotent. Alleine können sie nämlich keinen kompletten Organismus mehr bilden. Zellen der inneren Zellmasse sind somit "nur" pluripotent. Zwar haben sie noch ein gewaltiges Entwicklungspotenzial, können aber eben nicht alle Zellen bilden, die für eine normale Entwicklung eines Menschen erforderlich sind. Würde man eine solche Zelle in einen weiblichen Uterus implantieren, würde sich daraus kein Fetus entwickeln. Man kann sie aber in eine andere Blastozyste einbringen. Dann beteiligen sich die implantierten Zellen an der Bildung des Säugers. Das Ergebnis ist ein chimärer Organismus, der aus Zellen mit unterschiedlicher genetischer Ausstattung bestehen würde.

Pluripotente Stammzellen wandeln sich nach und nach in weiter spezialisierte Stammzellen um, die ein Reservoir für Zellen mit ganz bestimmten Funktionen darstellen. Dies sind beispielsweise die hämatopoetischen Stammzellen, aus denen sich alle Blutzellen entwickeln können. Täglich werden mehrere Milliarden neue Blutzellen aus diesem Stammzellreservoir in die Peripherie entlassen. Auch in der Haut befinden sich Stammzellen. Unsere Haut wird alle 14 Tage "runderneuert", indem Haut-Stammzellen zu den unterschiedlichen Hautzelltypen ausdifferenzieren. Dies ist beispielsweise nach einem Sonnenbrand extrem hilfreich. Und wer einmal einen Beinbruch hatte, der weiß, dass der Muskel während der Ruhigstellung stark degeneriert, jedoch danach wieder aufgebaut wird. Weniger bekannt ist, dass sich beispielsweise auch die Bauchspeicheldrüse teilweise regenerieren kann oder dass selbst Nervenzellen im Gehirn Erwachsener aus Stammzellen gebildet werden.

Diese mehr spezialisierten Stammzellen sind allerdings wohl nur noch multipotent. Sie sind jedoch ganz wichtige Bestandteile eines jeden erwachsenen Organismus. Ohne diese Zellen könnte man nicht überleben. Allerdings sind sie schwer aufzuspüren, da sie sich in "Nischen" verstecken, wo sie mit den umliegenden Geweben und Faktoren in Wechselwirkung treten.

Wie werden pluripotente Stammzellen isoliert?

Derzeit gibt es zwei Möglichkeiten, Stammzellen zu isolieren. Beide wurden in Tiermodellen erarbeitet und werden dort vielfältig eingesetzt. Obwohl die experimentellen Ansätze zur Isolierung der Stammzellen völlig unterschiedlich sind, sind die resultierenden Zellen offensichtlich sehr ähnlich.

Auf Arbeiten von Dr. Thomson und Mitarbeitern (1) beruht der Ansatz, pluripotente Stammzellen aus der inneren Zellmasse von Blastozysten zu isolieren. Die Wissenschaftler erhielten überzählige Embryonen, die im Rahmen von In-vitro-Befruchtungen angefallen waren. Die Paare, von denen man diese überzähligen Embryonen erhalten hatte, hatten ihre Zustimmung für die Präparation der Stammzellen aus den Blastozysten gegeben. Die Zellen wurden unter bestimmten Bedingungen in Kulturschalen gegeben, wo sie sich seitdem permanent teilen, ohne ein bestimmtes Differenzierungsprogramm einzuschlagen.

Im Gegensatz dazu isolierte die Arbeitsgruppe um Dr. Gearhart (2) pluripotente Stammzellen aus fetalem Gewebe, das sie von Aborten erhalten hatte. Auch hier lag die Zustimmung der Betroffenen vor, und diese Zustimmung war erst eingeholt worden, nachdem die Entscheidung für den Abort getroffen worden war. Das Gewebe, aus dem die Stammzellen schließlich etabliert werden konnten, enthielt die primordialen Keimzellen; das sind die Zellen des Feten, aus denen sich die Gonaden entwickeln.

Ein dritter Weg, zu pluripotenten oder sogar zu totipotenten Stammzellen zu kommen, kann durch Fusion einer somatischen Zelle mit einer entkernten, reifen Eizelle beschritten werden (somatic cell nuclear transfer, SCNT). Hierzu wird zunächst eine Eizelle entkernt. Diese Zelle, die jetzt kein genetisches Material mehr enthält, wohl aber die biochemische Ausstattung einer totipotenten Zelle, wird nun vorsichtig mit einer somatischen Zelle fusioniert. Die fusionierte Zelle und die unmittelbaren Abkömmlinge dieser Zelle sind totipotent. Aus ihr können ganze Lebewesen entstehen, wie es für eine Vielzahl unterschiedlicher Tierspezies gezeigt werden konnte. Das bekannteste Beispiel ist sicher Dolly, wohl das berühmteste Schaf der Welt. Das wissenschaftlich Revolutionäre an Dolly war der Nachweis, dass das Zytoplasma einer Eizelle den Kern einer Körperzelle so umprogrammieren kann, dass dieser Zellkern Totipotenz erlangt. Kultiviert man eine so reprogrammierte Zelle unter geeigneten Bedingungen, entwickelt sich sehr schnell eine Blastozyste, die dann wieder als Quelle für pluripotente Zellen dienen kann.

Die anfängliche Euphorie, mit der einige Wissenschaftler diesem Verfahren begegnet sind, ist zwischenzeitlich deutlicher Ernüchterung gewichen. Man realisiert mehr und mehr, wie ineffektiv dieses Verfahren und mit welchen Risiken es behaftet ist. Denn da man Kerne "alter" somatischer Zellen als Donor der Erbinformation verwendet, muss man damit rechnen, dass dieses "alte Genom" bereits zahlreiche Mutationen aufgefangen hat, die nicht auf der zellulären Ebene, wohl aber auf der Ebene des Organismus "auffallen". Tiere, die durch reproduktives Klonen erzeugt wurden, sind oft krank, mitunter sogar schwer krank. Und da die Chromosomen älterer Zellen mit der Zeit immer kürzer werden, kann man derzeit noch nicht abschätzen, ob nicht auch dadurch die Lebensdauer reproduktiv geklonter Tiere deutlich eingeschränkt ist.

Zielt die Isolierung von Stammzellen darauf ab, identische Lebewesen (Klone) zu erzeugen, spricht man von reproduktivem Klonen. Dies gelingt mit totipotenten Stammzellen, das heißt mit embryonalen Zellen bis zum Acht-Zell-Stadium oder mit den frühen Zellen, die mit Hilfe der SCNT-Methode erhalten wurden. Zielt die Generierung von Stammzellen mit SCNT-Methode jedoch darauf ab, differenzierungsfähige Zellen für eine Organersatztherapie zu isolieren, sprechen wir von therapeutischem Klonen. Die verwendeten Zellen sind in der Regel pluripotent.

Möglicher Einsatz pluripotenter Stammzellen

Es gibt mehrere Gründe, weshalb man die Stammzelltechnologie nicht von vorne herein ablehnen sollte, sondern das Für und Wider kritisch diskutieren sollte.

Zum einen lassen sich die biochemischen Prozesse, die während der frühen menschlichen Entwicklung ablaufen, nur mit Hilfe dieser Zellen studieren. Nur so lernen wir zu verstehen, welche molekularen Mechanismen der zellulären Spezialisierung durch Differenzierung zugrunde liegen. Natürlich basiert Differenzierung auf dem An- und Abschalten bestimmter Gene. Was diese Ereignisse allerdings steuert, ist im Detail nicht bekannt. Wollen wir die Mechanismen der großen medizinischen Probleme wie Krebs und angeborene Missbildungen detailliert verstehen lernen, um sie kausal behandeln zu können, ist dieses Wissen essenziell. Denn nur auf der Basis der genauen Kenntnis der normalen Entwicklung können Strategien zur Korrektur fehlgeleiteter Entwicklungsprozesse erarbeitet werden.

Die Verfügbarkeit menschlicher pluripotenter Stammzellen könnte auch ganz neue Wege eröffnen, Wirkstoffe zu entwickeln. Vor allem die Fragen nach einer sicheren Anwendung wären mit Stammzellen und deren Differenzierungslinien deutlich effizienter zu beantworten. Seit der Contergan-Katastrophe ist das Phänomen der Teratogenität allen bekannt. Aber nach wie vor sind die Methoden, ein teratogenes Potenzial neuer Wirkstoffe vorherzusagen, sehr unzuverlässig. Mit Hilfe von Stammzellen ließen sich Testsysteme aufbauen, mit deren Hilfe man eine mögliche Interferenz zwischen einem Wirkstoff und dem biologischen Entwicklungsprogramm erkennen könnte. Dies würde die Testung im Tierversuch nicht überflüssig machen. Allerdings könnten derartige Studien helfen, Tierversuche einzusparen. Nur noch solche Substanzen würden in tierexperimentelle Studien eingeschleust, die sich auf Zellkulturebene bereits als sicher erwiesen hätten.

 

Tabelle: Vergleich der Aspekte einer Stammzelltherapie

Charakteristika

Somatische Stammzellen

Embryonale Stammzellen

Therapeutisches Klonen

Eigenschaften

Multipotent

Pluripotent

Totipotent

 

Keine Immunbarriere

Immunreaktion

Keine Immunbarriere

 

Individuelle Herstellung

Generelle Verfügbarkeit

Individuelle Herstellung

Probleme

Reparatur möglicher Gendefekte nötig

 

Reparatur möglicher Gendefekte nötig

 

 

Krebsrisiko

Krebsrisiko

 

Identifizierung

 

 

 

Isolierung, Kultivierung

 

 

 

Zugänglichkeit zur Therapie

 

 

Ressource

Eigener Körper

Zellkultur

Eigener Körper und fremde Eizelle

Ethischer Aspekt

 

Menschlicher Embryo wird einmalig "verbraucht"

Menschlicher Embryo wird generiert und "verbraucht"

 

Sicherlich noch am weitesten von einer konkreten Anwendung entfernt sind Stammzellen in den Bereichen, in denen sie heute am konkretesten diskutiert werden. Dies ist das große Gebiet der so genannten "Zelltherapien". Man ist jedoch relativ sicher, dass man Methoden entwickeln kann, um menschliche pluripotente Stammzellen in Differenzierungsprogramme "zu schicken", die zu spezialisierten Zellen und Organen führen; diese könnten bei Ausfall oder Zerstörung dieser Zellen und Organe einem Patienten implantiert werden. Morbus Parkinson, Alzheimer, Rückenmarksverletzungen, Schlaganfall, Verbrennungen, Herzerkrankungen, Diabetes, Osteoarthritis und rheumatoide Arthritis werden als potenzielle Indikationen für Stammzelltherapien gehandelt und diskutiert. Hier sollen nur einige Beispiele etwas konkreter dargestellt werden.

  • Auf die Transplantation gesunder Herzmuskelzellen hoffen viele Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Es besteht tatsächlich berechtigte Hoffnung, dass die erforderlichen Herzmuskelzellen aus pluripotenten Stammzellen gewonnen werden können. Entsprechende Versuche in Maus und anderen Tiermodellen waren durchaus erfolgreich. Hierzu wurden Stammzellen mit verschiedenen "Cocktails" von Wachstums- und Differenzierungsfaktoren inkubiert, die die Zellen so programmierten, dass in der Zellschale eine Kultur schlagender Herzmuskelzellen entstand. Diese Zellen wurden Tieren implantiert, und man konnte zeigen, dass sie nicht nur die zerstörten Gewebebereiche repopulieren konnten, sondern auch in der Lage waren, mit den übrigen Herzzellen zu kooperieren.
  • Mehreren Forschergruppen ist es inzwischen gelungen, tierische Stammzellkulturen zu pankreatischen Inselzellen ausdifferenzieren zu lassen. Diese Zellen konnten diabetischen Tieren erfolgreich implantiert werden. Es war nicht einmal erforderlich, die Zellen in das Pankreas der Tiere einzusetzen. Selbst unter der Haut platziert, waren sie in der Lage, einen Typ-I-Diabetes erfolgreich zu komplementieren.

In mindestens einer Hinsicht zeichnen die Tierversuche derzeit noch ein zu optimistisches Bild. Da alle diese Versuche mit Inzuchtstämmen, das heißt mit genetisch identischen Tieren erfolgen, werden die immunologischen Probleme einer solchen Therapie ausgeblendet. Bei der Anwendung am Menschen würde man hingegen allogene Spenderzellen verwenden, die vom Immunsystem des Empfängers erkannt und zerstört würden, wenn nicht adäquate Maßnahmen gegen eine solche Abstoßung ergriffen werden. Dies betrifft zum einen die klassische Gewebeverträglichkeit. Bei Autoimmunerkrankungen, zum Beispiel dem Typ-I-Diabetes, müssten die implantierten Zellen zudem vor den autoreaktiven Zellen geschützt werden. 

Bevor derartige Ansätze Eingang in die Klinik finden können, müssen noch viele Probleme gelöst werden. Eine angemessene Grundlagenforschung sollte daher mit erster Priorität gefordert und gefördert werden. Dazu müssen jedoch Stammzellen prinzipiell verfügbar sein. Hingegen sollten keinesfalls zu übereilt Therapieversuche am Menschen begonnen werden, wie dies beispielsweise im Bereich der Gentherapie geschehen ist.

Adulte Stammzellen sind eher multipotent

Multipotente Stammzellen findet man auch in verschiedenen adulten Geweben. Ein bekanntes Beispiel sind die hämatopoetischen Stammzellen. Zwar kennt man heute erst wenige Stammzelltypen, jedoch werden immer wieder neue Typen entdeckt. So hat man kürzlich erst neuronale Stammzellen aus der Ratte und der Maus isoliert. Es liegt daher nahe, dass auch der Mensch ein derartiges Reservoir besitzt.

Bis vor kurzem musste man davon ausgehen, dass multipotente Stammzellen wie etwa die hämatopoetischen Stammzellen ausschließlich die hämatopoetische Linie bedienen könnten. Tierexperimentelle Daten deuten nun darauf hin, dass sich die Zellen durchaus reprogrammieren lassen und sicherlich auch Hautzellen, Leberzellen oder ganz andere Zellen bilden können. Wie "plastisch" hämatopoetische Stammzellen offensichtlich sind, konnte man erst kürzlich in einem eindrucksvollen Experiment belegen. Hierzu zerstörte man zunächst das komplette hämatopoetische System einer Maus durch Bestrahlung, wie man es auch bei einer Knochenmarktransplantation am Menschen macht. Der so vorbehandelten weiblichen Maus wurden dann Knochenmarkstammzellen eines männlichen Spendertieres implantiert. Bereits nach wenigen Tagen konnten im Empfängertier in nahezu allen untersuchten Geweben und Organen ausdifferenzierte Zellen männlichen Ursprungs nachgewiesen werden. Dieser Nachweis wurde sehr leicht und sehr eindeutig über die Anwesenheit des männlichen Y-Chromosoms geführt.

Warum konzentriert man sich dann nicht auf den Einsatz adulter Stammzellen für eine Transplantationstherapie? Trotz der wahrscheinlich großen Vorteile adulter Stammzellen scheint deren Einsatz zumindest derzeit eher limitiert.

So hat man nach wie vor nicht für alle Gewebetypen Stammzellen isolieren können. Daher ist noch völlig offen, für welche Therapien sich diese Zellen anbieten könnten. Signifikanter gegen den Einsatz adulter Stammzellen sprechen jedoch die äußerst limitierten Mengen, in denen diese Zellen natürlicherweise vorkommen. So kann man sich derzeit nur schlecht vorstellen, dass man beispielsweise Teile des Gehirns eines Parkinson-Patienten entfernen könnte, um daraus Stammzellen für eine Transplantation zu gewinnen. Zwischen dem Zeitpunkt der Entnahme und der Reimplantation würde enorm viel Zeit vergehen, denn es müssten zunächst ausreichende Zellmengen angezüchtet werden, bevor eine Transplantation vorgenommen werden kann.

Derzeit muss man davon ausgehen, dass adulte Stammzellen sicherlich nicht das gleiche Proliferationspotenzial besitzen wie fetale oder embryonale Stammzellen. Das gilt auch für das Differenzierungspotenzial. Zwar bestehen gute Hoffnungen, dass adulte Stammzellen wohl flexibler differenzieren können als ursprünglich vermutet. Allerdings ist es doch wahrscheinlich, dass ein realistisches Potenzial auf einige wenige Zelltypen beschränkt ist und dass man adulten Stammzellen eine Pluripotenz - zumindest was die Differenzierung in vitro anbelangt - wohl absprechen muss.

Nabelschnurblutzellen

Besondere Aufmerksamkeit sollte den Nabelschnurblutzellen geschenkt werden. Diese kleine Zellpopulation des Neugeborenen scheint sehr flexibel bezüglich ihres Differenzierungspotenzials in spezialisierte Zelltypen zu sein. Außerdem proliferieren die Zellen sehr aktiv, da es sich um sehr junge Zellen handelt. Allerdings gilt auch für Nabelschnurblutzellen, dass zunächst noch sehr viel Grundlagenforschung notwendig ist, um die Möglichkeiten und Limitationen dieser Zellen genau abschätzen zu können. Aus diesem Grund fällt sicherlich die Entscheidung nicht leicht, wie eine Mutter über diese Zellen verfügen soll. Zwischenzeitlich bestehen Möglichkeiten, diese Zellen bei einem kommerziellen Unternehmen gegen Gebühr privat oder in öffentlichen Blutbanken einlagern zu lassen. Wichtig ist aber, dass möglichst viele Mütter sich dazu entschließen, diese Zellen für Forschungszwecke freizugeben, damit deren therapeutisches Potenzial systematisch erforscht werden kann.

 

Literatur

  1. Thomson, J., et al, Embryonic stem cell lines derived from human blastocysts. Science 282 (1998) 1145-1147.
  2. Shamblott, M., et al, Derivation of pluripotent stem cells from cultured human primordial germ cells. PNAS 95 (1998) 13726-13731.

 

Der Autor

Theo Dingermann arbeitete nach Pharmaziestudium und Promotion an der Universität Erlangen als Stipendiat der DFG an der Yale University New Haven, USA, und ab 1982 als wissenschaftlicher Assistent im Institut für Biochemie in Erlangen. 1987 habilitierte er sich in den Fächern Biochemie und Molekularbiologie. 1990 wurde er mit dem Ria Freifrau von Fritsch-Stiftungspreis ausgezeichnet. Im selben Jahr erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Pharmazeutische Biologie der Universität Frankfurt. Professor Dingermann ist Mitglied in Fachkommissionen und -gremien, zum Beispiel der Arzneibuch-Kommission und des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesapothekerkammer, Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift des Govi-Verlages "Die Pharmazie" und seit Januar 2000 Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft. Seine Forschungsschwerpunkte betreffen Mikroorganismen als biologische Modellsysteme für das Arzneistoff-Screening, springende Gene beim Einsatz in der Gentherapie, die Produktion therapierelevanter Humanproteine durch Mikroorganismen sowie Klonierung und bakterielle Synthese von Antikörperfragmenten.

Einen Vortrag über die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Stammzellgewinnung und -verwendung hielt Professor Dingermann am 23. Mai beim Fortbildungskongress der Bundesapothekerkammer in Meran.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Theodor Dingermann
Institut für Pharmazeutische Biologie
Biozentrum
Marie-Curie-Straße 9
60439 Frankfurt/Main
E-Mail: Dingermann@em.uni-frankfurt.de
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