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Auf den Spuren von Fjallagrös und Thorskalýsi

11.08.2003
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PZ-Leserreise Island

Auf den Spuren von Fjallagrös und Thorskalýsi

von Brigitte M. Gensthaler und Gerd Moser, Reykjavík

Island, die Insel am nördlichen Polarkreis, ist ein Land der Superlative und Extreme. Feuer und Eis sind hier in unmittelbarer Nachbarschaft zu finden. Lavafelder, heiße Quellen und Gesteinswüsten, aktive Vulkane und die Weiten des Atlantiks sind Teil einer beeindruckenden Natur.

Dies erlebten auch die Teilnehmer der PZ-Leserreise, die vom 12. bis 20. Juli das jüngste Land Europas mit dem ältesten Parlament und der nördlichsten Hauptstadt der Welt besuchten. In Fachvorträgen wurde „Island spezial“ für Apothekerinnen und Apotheker geboten: Balneologische Themen, Isländisches Moos, Omega-3-Fettsäuren sowie eine pharmazie- und medizinhistorische Exkursion standen auf dem Terminplan.

Land auf dem Vulkan

Einem Hotspot am Meeresgrund verdankt Island seine Existenz. Und der Tatsache, dass dieser vulkanisch aktive Fleck vor rund 25 Millionen Jahren durch Bewegungen in der Erdkruste zu gesteigertem Lavaausstoß angeregt wurde. Der Mittelatlantische Rücken verläuft hier, jene Nahstelle zwischen der Amerikanischen und der Eurasischen Kontinentalplatte, die immerfort mit magmatischem Nachschub aus dem Erdinneren versorgt wird. Was dazu führt, dass die Platten auseinander driften. Immer mehr Gestein türmte sich im Lauf der Jahrmillionen auf dem Meeresgrund auf – bis sich vor 16 Millionen Jahren neues Land über die Wasseroberfläche erhob: Island.

Auch heute ist die Erde an dieser Stelle höchst aktiv. Zwei Zentimeter driften die Platten pro Jahr auseinander, geht Island in die Breite. In weiten Teilen der Insel finden sich auf Schritt und Tritt zischende Spalten, heiße Quellen und brodelnde Tümpel. Etwa alle fünf Jahre bricht ein Vulkan aus, Erdbeben sind noch häufiger. Für Geowissenschaftler zählt Island zu den interessantesten Regionen der Erde.

Raue Gegend

Die Insel aus Vulkangestein stellt hohe Ansprüche an die Geduld und Ausdauer der Menschen, die hier leben, denn Natur und Landschaft sind rau. Nur ein Viertel der Oberfläche ist von Vegetation bedeckt, nur 1 Prozent wird heute kultiviert, über 60 Prozent sind Schotter und Stein. Und die Wälder sind dezimiert: Die verbliebene Waldfläche beträgt nur noch 1 Prozent. Nach der Landnahme war Holz ein begehrtes Baumaterial. Aber den rechten Moment, mit dem Einschlag aufzuhören, haben die frühen Siedler verpasst. Mit fatalen Folgen: „Seit 1100 Jahren“, sagen sie hier, „gibt es für die Isländer nur einen Feind: die Erosion.“ Staatliche Aufforstungsprogramme sollen Abhilfe schaffen. Hunderttausende Setzlinge werden jedes Jahr gepflanzt.

Im Sommer ist es für die Isländer von Vorteil, den nördlichen Wendekreis vor der Tür zu haben: Drei Monate im Jahr geht die Sonne nicht mehr unter – oder nur für zwei bis drei Stunden, und dazwischen ist Dämmerung. Die besondere Atmosphäre der Mitternachtssonne gilt es zu genießen. Denn auch diese Medaille hat zwei Seiten: Von November bis Anfang Februar herrscht nahezu rund um die Uhr Nacht – nur unterbrochen von zwei bis drei Stunden schwacher Dämmerung. Dass dies nicht ohne Einfluss auf das Gemüt bleibt, lässt sich nicht nur an der hohen Suizidrate ablesen, sondern auch an der Tatsache, dass Antidepressiva zuzahlungsfrei abgegeben werden.

Gebändigte Gewalten

Unweit von Borgarnes tritt inmitten einer Wiese der Fels zutage, als habe jemand der Erde von unten einen Tritt versetzt. Auf acht bis zehn Metern Länge und zwei Metern Höhe sprudelt, rauscht, tröpfelt es: Deildartunguhver ist Europas schüttkräftigste Quelle. 180 Liter Wasser fließen hier pro Sekunde aus dem Hang, 97 °C heiß.

Fauchend dampfende Spalten, zischend heiße Quellen, in den Himmel schießende Wasserfontänen - was den Wikingern Angst und Schrecken eingejagt haben mag, das wissen ihre Nachfahren zu nutzen. Seit 1930 dient die Hitze aus dem Untergrund nicht mehr nur an Ort und Stelle der Erbauung und zum Waschen der Wäsche. Damals wurde die erste Fernwärmeleitung in Betrieb genommen. Heute ist die Technik ausgereift. Das heiße Wasser wird mit geringen Temperaturverlusten über weite Strecken hinweg transportiert. Die geothermische Energie dient in großem Umfang zur Stromgewinnung, man beheizt Wohnungen und Gewächshäuser damit und im Winter in Reykjavíks Altstadt die Bürgersteige.

Bad im Blauen

Aber Wasser ist auf Island nicht nur zum Waschen und Wärmen da. Zumindest das Wasser der Blauen Lagune auf der Halbinsel Reykjanes im Südwesten der Insel soll auch Patienten mit Plaque-Psoriasis, Ekzemen, Neurodermitis und anderen Hautkrankheiten helfen. Dabei ist die Blaue Lagune ursprünglich als Abwassersee eines Kraftwerks entstanden.

Das Gebiet Svartsengi zählt zu den geothermalen Hochtemperaturgebieten Islands. Das unterirdische Salzwasser ist etwa 240 °C heiß und wird seit Mitte der 70er-Jahre zum Erhitzen von Frischwasser und zur Elektrizitätsgewinnung gefördert. Das stark Mineralsalz- und Kieselerde-haltige Wasser wurde nach Gebrauch in ein Lavafeld gepumpt und versickerte dort zum größten Teil. Ablagerungen füllten Sprünge und Risse in der Lava, sodass die heutige Lagune entstand. Dank der lichtbrechenden Eigenschaften der Kieselsäure-Moleküle schimmert das 35 bis 47 °C warme Wasser mit einem Salzgehalt von 2,5 Prozent tatsächlich hellblau.

Seit 1999 eine moderne Badeanstalt das alte Gebäude ersetzte, strömen nicht nur Isländer, sondern vermehrt auch ausländische Gäste in die Wellness-Oase. Im letzten Jahr zählte man knapp 300.000 Besucher, bis Sommer dieses Jahres waren es bereits 200.000, darunter etliche mit Hautkrankheiten. Für die gesundheitsfördernden Effekte werden der hohe Gehalt an Kieselerde, Mineralsalzen, Cyanobakterien (Leptolyngbya erebi var. thermalis) und ein Roseobacter-Bakterium verantwortlich gemacht, erklärte Ester Kristinsdóttir, Mitarbeiterin des Therapiezentrums, bei einem Seminar während der PZ-Leserreise.

Nach ersten Fallberichten konnte in kleinen Studien gezeigt werden, dass das Lagunenbad Schwere und Ausbreitung einer Plaque-Psoriasis lindern kann. Hautschuppung und -entzündungen gingen noch schneller zurück, wenn die Patienten vier Wochen lang täglich badeten und zusätzlich mit UV-B-Licht bestrahlt wurden. Auch wenn das wirksame Prinzip noch nicht identifiziert ist, dürfte das Auftragen von Kieselerdeschlamm die schnelle Abschuppung der Herde wesentlich fördern. Der Algenanteil soll die Abwehrkräfte der Haut anregen, Feuchtigkeit binden und antioxidativ wirken.

Seit 1994 bietet die Dermatologische Poliklinik an der Blauen Lagune eine Therapie für Psoriasis- und Ekzempatienten an und treibt die wissenschaftliche Erforschung der Heilwirkung des geothermalen Wassers voran. Derzeit werden hier 20 bis 25 Patienten behandelt. Doch im geplanten neuen Therapiezentrum sollen in Zukunft 40 bis 50 Betten für die stationäre Behandlung bereit stehen.

Geschichte im Schnelldurchlauf

Island ist das letzte europäische Land, das besiedelt wurde, hat aber das älteste noch amtierende Parlament. Wie die Flora sich auf Grund des kurzen Sommers in wenigen Monaten entfalten und Frucht bringen muss, so scheint auch die Staatenbildung wie im Zeitraffer abgelaufen zu sein.

Als erster Dauersiedler wird in der offiziellen Geschichtsschreibung Ingólfur Árnarson genannt, der sich 874 n. Chr. in „Reykjavík“, der „Rauchbucht“ niederließ. Doch es gilt inzwischen als sicher, dass Island bereits vorher besiedelt war. Ausgrabungen von Hofanlagen aus dem 7. und 8. Jahrhundert in der Altstadt von Reykjavík und auf den Westmännerinseln bestätigen dies, und auch Berichte irischer Mönche deuten darauf hin. Möglicherweise ist Island sogar identisch mit „Thule“ oder „Ultima Thule“. Von dieser „nördlichsten Insel der Welt“ berichten bereits griechische und römische Quellen.

Die eigentliche Landnahme begann aber um das Jahr 874, nachdem nordische Seefahrer und Krieger zunächst Shetland (um 620) und die Färöer-Inseln (um 800) besiedelt hatten und dann weiter nach Norden segelten. Hier entdeckten sie „Eisland“. Diesen Namen soll der norwegische Wikinger Flóki Vilgerdarson dem Land angesichts eines völlig vereisten Fjordes gegeben haben. Die meisten Einwanderer kamen aus dem westlichen und südwestlichen Norwegen, aber auch von den Britischen Inseln, speziell Irland, sowie Schottland. Sie verbanden sich rasch zu einer neuen Nation - den Isländern - und entwickelten eigene Bräuche, Kultur, Sprache und Literatur.

Ältestes Parlament der Welt

Am Ende der Landnahmezeit 930 lebten rund 60.000 Menschen in kleinen, mehr oder weniger unabhängigen Godentümern. Die Goden waren regional herrschende Anführer einer Gruppe oder Häuptlinge und zugleich heidnische Priester. Nicht einmal 60 Jahre nach der Landnahme einigte man sich auf die Vereinigung aller Godentümer zu einer Republik, die Schaffung eines einheitlichen Gesetzes und die Gründung einer Generalversammlung für die ganze Nation.

Auf der Ebene von Thingvellir trat das neue Parlament – Althing – 930 n. Chr. zusammen und rief den unabhängigen isländischen Freistaat aus. Das Parlament hatte legislative und judikative Befugnisse, während die Exekutive in privater Vollmacht blieb. Mächtigster Mann im Parlament war der Gesetzessprecher, der alle Gesetze auswendig vom Gesetzesfelsen aus vortrug. Im Jahr 1000 entschied der Sprecher Thorgeir von Ljósavatn in Thingvellir, dass das Volk den christlichen Glauben annehmen werde. Er soll bei der Heimkehr alle Statuen der alten Gottheiten aus dem Tempel getragen und in einen nahe gelegenen mächtigen Wasserfall geschleudert haben. Seitdem heißt dieser Wasserfall, einer der schönsten im Land, Godafoss (Götterwasserfall).

Bis zum Jahr 1798 und wieder ab 1843 tagte das Althing jedes Jahr im Mittsommer in Thingvellir, wobei seine Befugnisse in den Jahrhunderten der Fremdherrschaft deutlich eingeschränkt waren.

Der erste Freistaat endete 1262 mit dem „Alten Vertrag“, in dem das isländische Volk den norwegischen König als Herrscher anerkannte. Damit begannen lange und oft finstere Jahrhunderte unter norwegischer, ab 1380 dänischer Herrschaft. Ein großer Augenblick war daher die Ausrufung der neuen Republik am 17. Juni 1944 – natürlich in Thingvellir. Hier wurde im Juni 1930 auch das tausendjährige Jubiläum des ältesten Parlaments der Welt gefeiert.

Die Kunst des Schreibens

In vorchristlicher Zeit kannten die Isländer ausschließlich die Runenschrift. Doch nach Einführung des Christentums verbreitete sich das lateinische Alphabet sehr rasch. Kundige Männer schrieben die Zivilgesetze 1117/18 auf, die Kirchengesetze vermutlich um 1123. Die ältesten Saga-Handschriften stammen vom Anfang des 13. Jahrhunderts.

Die Geschichte Islands seit der Besiedelung verfasste 1130 erstmals der Gelehrte Ari Thorgilsson (1067 bis 1148). Einige sehen in ihm auch den Autor der Originalversion des Landnámabók, des Landnahmebuches, aus der verschiedene Versionen abgeleitet sind. Die exakten Aufzeichnungen sind eine einzigartige Quelle für Historiker und Genealogen, die damit Familienstammbäume weit zurückverfolgen können (siehe Kasten „Das Genom der Isländer“).

 

Das Genom der Isländer: Auf der Suche nach Krankheitsgenenvon Hannelore Gießen, Reykjavík

Insellage, Pocken, Pest und Vulkanausbrüche haben dazu geführt, dass sich die heutige Bevölkerung auf eine begrenzte Zahl von Familien zurückführen lässt. Isländer sind sich somit genetisch ähnlicher als andere Völker. Seit sieben Jahren sucht ein Biotech-Unternehmen im Erbgut der Isländer nach Genen, die am Entstehen von Krankheiten beteiligt sind.

Diabetes, Bluthochdruck, Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson oder Schizophrenie kommen in manchen Familien gehäuft vor. Anscheinend spielt neben Lebensstil und Umwelt auch die Vererbung eine Rolle. Die Suche nach den genetischen Wurzeln einer Krankheit ähnelt der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Gleichwohl wird sie verfolgt. Denn sind erst die Gene bekannt, die am Entstehen der großen Krankheiten beteiligt sind, so lassen sich diese gezielter als bisher behandeln. Vor allem für die Entwicklung neuer Medikamente sind solche Kenntnisse von unschätzbarer Bedeutung.

Die Voraussetzungen für das ebenso gigantische wie schwierige Unternehmen sind in Island günstig: Wie in kaum einem anderen Land gibt es historische Quellen, die bis zum „Buch der Landnahme“ im Jahr 1125 zurückreichen. Doch nicht nur das ganze Volk hat Buch geführt, sondern auch einzelne Familien. So genannte Sagas erzählen die Geschichte einer Familie, nennen die Namen von Familienmitgliedern, Knechten und Mägden und sogar jene der Pferde, und sie berichten, wer wann an welcher Krankheit gestorben ist.

Island - die Gene

Zwar lebten um 1300 vermutlich an die 70.000 Menschen auf Island, doch Pest und Vulkanausbrüche ließen die Bevölkerung im 18. Jahrhundert bis auf 40.000 Menschen schrumpfen. Auf Grund dieser besonderen Ereignisse ist die isländische Bevölkerung ziemlich homogen; manche Familienstammbäume wurden so drastisch beschnitten, dass nur wenige Linien überlebten. Viele der heutigen Isländer haben einen gemeinsamen Vorfahren im 18. Jahrhundert; sie sind also Verwandte siebten Grades. Manche Isländer blicken sogar stolz auf einen Stammbaum, der 35 Generationen umfasst.

Auch die geographisch abgeschiedene Lage trug dazu bei, dass Isländer unter sich blieben. Doch genetische Robinsone sind sie keineswegs. Die historischen Bücher berichten über Reisen der Wikinger nach Nordamerika, Grönland und Südeuropa. Umgekehrt kamen Fischer, Piraten und später Reisende auf die Insel. So zeigen neuere Forschungsarbeiten in der biologischen Anthropologie, dass die Isländer genetisch zwar homogener sind als andere Europäer, dennoch ist ihr Erbgut für ein so kleines Volk überraschend vielfältig.

Island - die Geschichte

Die Geschichte festzuhalten, hat in Island eine lange Tradition. Der isländische Begriff für Anthropologie lautet „mannfrædi“. Er bedeutet wörtlich „Studium von Menschen“ und geht bis zum Sagenalter zurück. Isländische Geschichte erzählen zwei Bücher, einerseits das Íslendingabók („Das Buch der Isländer") und das Landnámabók (Das Buch der Landnahme). Beide wurden vom gleichen Priester, Ari Thorgilsson, zu Beginn des zwölftes Jahrhunderts geschrieben. Außerdem gibt es Dutzende von Íslendingasögur, („Sagas von Isländern“), die das Leben isländischer Familien nachzeichnen. Dabei wird ein Mensch nicht allein innerhalb eines Netzes familiärer und sozialer Beziehungen kartiert, sondern auch seine Erscheinung und sein Charakter beschrieben. Die Dokumente verknüpfen manchmal persönliche und medizinische Daten. So heißt es von einem im 17. Jahrhundert geborenen Mann: „Er war ein großer Dichter..., der des öfteren an Depression oder Verrücktheit litt.“

Wertvolle historische Quellen sind zudem Kirchenregister und in jüngerer Vergangenheit die Aufzeichnungen der Gemeindeverwaltungen. Zwölf Volkszählungen aus den Jahren 1703 bis 1930 sind überliefert, aus denen sich ein Überblick über die Entwicklung der Bevölkerung gewinnen lässt. Islands erster Medizinalrat, Bjarni Pálsson, betreute die isländischen Bürger Mitte des 18. Jahrhunderts, als Pocken und Lepra wüteten. Sorgfältig führte er Buch über alle Krankheitsfälle, eine vorbildliche epidemiologische Dokumentation, die der isländische Staat seit 1915 fortführt: Vorkommen und Ausbreitung von Infektionskrankheiten, aber auch anderer Erkrankungen, werden akribisch gesammelt, sodass weit reichende medizinische Aufzeichnungen vorliegen.

Island - das Genomprojekt

Diese besonderen Voraussetzungen machten Island interessant für ein Projekt, das das menschliche Erbgut nach krankheitsrelevanten Genen durchforstet. Denn je homogener das Ausgangsmaterial ist, desto eher lassen sich durch Vergleiche veränderte Gene aufspüren, die am Entstehen von Krankheiten mitbeteiligt sind. Doch das große Projekt wurde nicht vom isländischen Staat initiiert, sondern von einem Privatunternehmen. Nicht nur in Island hat das Vorhaben zu heftigen Diskussionen und zu Schlagzeilen wie „Verkaufte Gene“ geführt. Kritisiert wird auch die Widerspruchsregelung: Die Datenbank basiert auf dem Prinzip des angenommenen Einverständnisses, das heißt Patienten können die Weitergabe ihrer Daten ablehnen. Tun sie es nicht, können medizinische Informationen automatisch in die Datenbank eingegeben werden.

Drei Jahre lang gab es in Island eine öffentliche Debatte über das Thema. Dabei protestierten die Isländer vor allem gegen die Verwendung genealogischer Daten, der Familienstammbäume, die sie als ihr gemeinsames kulturelles Erbe ansehen. Viele Ärzte sahen in der Weitergabe medizinischer Daten einen Verstoß gegen die ärztliche Schweigepflicht.

Im Dezember 1998 verabschiedete schließlich das isländische Parlament ein Gesetz, das der Einrichtung einer nationalen Gesundheitsdatenbank zustimmte. Sie gehört zwar dem nationalen Gesundheitswesen, die Lizenz für die Nutzung erhielt jedoch ein Privatunternehmen, deCODE Genetics. Die 1996 gegründete Biotechfirma hat ihren Sitz in Reykjavík, finanziert wird sie jedoch durch Risikokapitalfonds in den USA. DeCODE Genetics wurde verpflichtet, jährlich 70 Millionen Isländische Kronen (circa 800.000 Euro) an den Staat zu bezahlen als Lizenzgebühr für Aufbau und Nutzung der Datenbank. Zudem sollen dem Staat 6 Prozent des Gewinns zufallen, den deCODE Genetics aus der Nutzung der Datenbank zieht.

Island - Geschichtsbuch im Zellkern

Ziel des Unternehmens ist es, die genetischen Spuren von Krankheiten über viele Generationen zurückzuverfolgen und genetische, genealogische und medizinische Daten zu verknüpfen. Vier Jahre brauchte ein Team aus Wissenschaftlern und Programmierern, um die Daten aus den verschiedenen Quellen in einer Datenbank zusammenzuführen. Jetzt schließt sie 650.000 Menschen ein, das ist fast die Hälfte aller Personen, die seit der Besiedelung durch die Wikinger geboren wurden. Von der heutigen Generation war bis Ende 2002 das Erbgut von 80.000 Isländern kartiert, fast einem Drittel der Bevölkerung.

Die laufende Arbeit bei deCODE Genetics beginnt meist mit einem Vertrag zwischen einem oder mehreren Ärzten, die sich auf die zu untersuchende Krankheit spezialisiert haben. Eine Liste mit Patientendaten wird in verschlüsselter Form an das Forschungsteam des Unternehmens geschickt, das daraufhin die erhaltene Information und genealogische Aufzeichnungen mit Hilfe speziell entwickelter Software vergleicht. So kann die Suche nach den für die Krankheit verantwortlichen Genen eingeengt werden.

Im nächsten Schritt wird die DNA des Patienten sowie eventuell seiner Angehörigen an Hand einer Blutprobe analysiert. Dieser Untersuchung muss der Patient ausdrücklich zustimmen, was auch 90 Prozent tun. Jetzt werden die genetischen Daten mit den historischen verglichen, das Geschichtsbuch mit dem Geschichtsbuch im Zellkern. Im letzten Schritt werten Spezialisten für Statistik und Bioinformatik die Ergebnisse der Analyse aus und versuchen über Wahrscheinlichkeitsterme die Zahl der für die Krankheit verantwortlichen Gene weiter einzugrenzen.

DeCODE Genetics arbeitet mit zahlreichen pharmazeutischen Unternehmen zusammen, so mit Hoffmann-LaRoche, eine Kooperation, die sich auf die Erforschung von zwölf wichtigen Krankheiten wie Diabetes und Schlaganfall konzentriert. Zusammen mit Merck sucht deCODE Genetics nach neuen Wirkstoffen gegen Übergewicht.

Diagnostik und Therapie gehen heute immer mehr Hand in Hand. So möchte das isländische Biotech-Unternehmen mit der Firma Pharmacia genetische Marker finden, um verschiedene Stadien einer koronaren Herzkrankheit rasch erkennen zu können. Pharmakogenomik ist ein weiterer Schwerpunkt des isländischen Genomprojektes, den beispielsweise Wyeth nutzen möchte, um neue Wirkstoffe gegen Atemwegserkrankungen zu testen.

Island - molekulare Wurzeln der Schizophrenie entdeckt?

Im letzten Jahr hatte deCODE Genetics erste Erfolge zu verzeichnen: Auf Chromosom acht wurde eine Genmutation identifiziert, die das Risiko, an Schizophrenie zu erkranken, verdoppelt. Das Gen kodiert für das Signalprotein Neuroregulin-1, das an der Verschaltung von neuronalen Synapsen beteiligt ist. Funktioniert das Neuroregulin-1-Gen nicht korrekt, häufen sich möglicherweise falsch gebildete Synapsen im Gehirn an. Die Daten wurden gewonnen aus einer Genotypisierung von 800 Patienten sowie nicht erkrankter Verwandter in ganz Island und einem Vergleich mit der genealogischen Datenbank. Untersuchungen in Schottland kamen inzwischen zu einem ganz ähnlichen Ergebnis. Dr. Kari Stefansson, einer der Gründer von deCODE Genetics hofft, auf der Basis der Forschungsergebnisse in Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Roche einen Ansatz für neue Arzneistoffe entwickeln zu können.

 

Einige der wertvollsten altisländischen Handschriften, die den Isländern damals wie heute als herausragende Quelle ihrer nationalen Kultur und Identität gelten, sind jetzt im Kulturhaus in Reykjavík (Thjóðmenningarhùs) zu sehen. Darunter befinden sich auch Handschriften des Isländerbuches und des Landnahmebuches.

Naturkatastrophen und Seuchen

Klimawechsel, Seuchen, Hungersnöte, Überfälle von Piraten und das berüchtigte dänische Handelsmonopol (von 1602 bis 1787) ließen die isländischen Einwohner verelenden. Politisch und wirtschaftlich war das Volk den Dänen ausgeliefert. Anfang des 18. Jahrhunderts waren 95 Prozent der Bauern hoffnungslos verschuldet, und 6 Prozent der Landbesitzer teilten mehr als die Hälfte der Insel unter sich auf.

Die landesweite Volkszählung von 1703 ergab nur 50.358 Einwohner (im Dezember 2002: 288.000), deren Zahl bis Mitte des 18. Jahrhunderts weiter absank – auf die niedrigste Zahl seit der Landnahme. Seuchenzüge von Pocken, Pest und Lepra trugen dazu bei. Allein die Pockenepidemie von 1707 raffte rund 18.000 Menschen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung, dahin.

Nach hoffnungsvollen Reformen durch den Landvogt Skúli Magnusson begann sich die wirtschaftliche Lage ab 1752 langsam etwas zu bessern. Doch Missernten, die Ausbrüche der Vulkane Katla (1755) und Hekla (1766) und vor allem die Eruption der Vulkanspalte Laki, die im Frühjahr 1783 begann und etwa ein Jahr anhielt, lösten dramatische Hungersnöte aus. Man schätzt, dass in diesen beiden Jahren bis zu 10 000 Menschen verhungerten.

Arzt und Apotheker in Nesstofa

Im Gesundheitswesen gilt das Jahr 1760 als Wendepunkt. In diesem Jahr wurde Bjarni Pálsson (1719 bis 1779), der erste Isländer mit einem abgeschlossenen Medizinstudium (in Kopenhagen), zum ersten Generaldirektor für Gesundheit berufen. Der Medizinalrat arbeitete als Arzt und Apotheker und war zuständig für Prävention, Infektionseindämmung, öffentliches Gesundheitswesen sowie die Ausbildung von Ärzten und Hebammen.

Als Amtssitz und Praxis wurde Nesstofa gebaut, eines der ersten Steinhäuser auf Island. Seit 1992 ist hier das Medizinhistorische Museum (Nesstofusafn) untergebracht. Gleich nebenan befindet sich das Pharmaziehistorische Museum (Lyfjafraeðisafnið), das alte Apotheken und deren Inventar vorwiegend aus den letzten beiden Jahrhunderten zeigt.

Pálsson betreute auch die erste Apotheke der Insel und die komplette Arzneimittelherstellung. Erst 1772 wurden die Berufe von Arzt und Apotheker offiziell getrennt und bald waren vier Apotheker in Nesstofa tätig. Als erster Isländer mit abgeschlossenem Pharmaziestudium ist Björn Jónsson belegt. Per königlichem Dekret wurden der Amtssitz des Medizinalrates und die Apotheke 1833/34 nach Reykjavík verlegt – das Dörfchen mit knapp 200 Einwohnern hatte 1786 das Stadtrecht erhalten. Diese älteste Apotheke in Reykjavíks Innenstadt beherbergt heute ein großes Restaurant.

Zum Studium nach Reykjavík

Kurz nach Gründung der Universität 1911 zog die Medizin als eine der ersten Fakultäten hier ein. Seit 1957 kann man an der Universität in Reykjavík auch Pharmazie studieren. Zunächst war jedoch nur ein dreijähriger Studiengang etabliert. Um den vollen akademischen Abschluss zu erlangen, mussten die Studenten damals nach Dänemark gehen, berichtet der Dekan der Fakultät für Pharmazie, Thorsteinn Loftsson. 1982 wurde die Ausbildung auf fünf Jahre erweitert, und 1987 verließen die ersten, nur in Island ausgebildeten Apotheker die Universität.

In Reykjavík studiert man fakultätsübergreifend. Nur die klassisch pharmazeutischen Fächer hören die Studenten in der eigenen Fakultät, erklärt Loftsson, Professor für Physikalische Pharmazie. Chemie wird beispielsweise vom Department für Chemie angeboten, Physiologie unterrichten die Physiologen.

Nach Angaben von Ingunn Bjoernsdóttir von der Pharmazeutischen Gesellschaft Islands sind derzeit rund 300 Apotheker auf der Insel tätig; 60 Kollegen sind im Ruhestand oder arbeiten in berufsfremden Feldern. Etwa 125 Offizinapotheker in 60 öffentlichen Apotheken sichern die Arzneimittelversorgung der Isländer. Wie in Deutschland dürfen Medikamente nur in Apotheken abgegeben werden. Bjoernsdóttir schränkt ein: „Einige wenige Ärzte in abgelegenen ländlichen Gebieten, in denen keine Apotheke erreichbar ist, haben ein Dispensierrecht.“

Die Bürger genießen seit 1946 eine umfassende soziale Sicherung. Neben der Kranken- und Rentenversicherung (Rentenalter: 67 Jahre) gibt es eine Unfall-, Familien- und Arbeitslosenversicherung. Finanziert werden die Versicherungen über Beiträge, die von allen Steuerpflichtigen zu entrichten sind. Bis auf wenige Ausnahmen müssen die Patienten bei verordneten Medikamenten zuzahlen, den Rest übernimmt die Sozialversicherung.

Kein Pony und mehr als ein Pferd

Eng verbunden mit den Menschen leben seit der Landnahme die Pferde, die die Wikinger mitgebracht hatten. Sie dienten als Arbeits-, Trag- und Reittiere (auch zum jährlichen Althing) sowie als Nahrungsquelle. Nur mit ihrer Hilfe konnten die Menschen in dem rauen Land überleben. Die Landnahmebücher verzeichnen nicht nur exakt die Namen der nordischen Siedler, sondern auch die ihrer Pferde. Schon bald gab es Schutzgesetze, die beispielsweise den mit Verbannung bestraften, der einem Thing-Pferd den Schweif abschnitt oder es mutwillig erschreckte.

Der heutige Bestand von 80.000 Tieren auf der Insel geht auf eine kleine Gruppe von rund 8000 Tieren zurück, die die harten Winter und vor allem den Laki-Ausbruch 1783/84 überlebte. Ein Fünftel der Bevölkerung und ebenso viele Pferde starben damals.

Da die Wikinger die Einfuhr fremder Pferde schon 930 verboten, hat sich die Rasse bis heute absolut rein erhalten. Auch heute darf ein Islandpferd, das die Insel einmal verlassen hat, nicht mehr zurückkehren. Dies dient zugleich dem Schutz vor Infektionskrankheiten. Aus diesem Grund darf Reitkleidung nur frisch gewaschen oder desinfiziert (mit amtlicher Bescheinigung) und Leder, zum Beispiel Zaumzeug und Sattel, überhaupt nicht eingeführt werden.

Erklärtes Zuchtziel ist der charakterfeste, trittsichere Fünfgänger mit starken und weichen Gängen. Neben den drei Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp beherrscht ein gutes Pferd den Tölt, einen „gelaufenen Schritt“ im Viertakt, sowie den zweitaktigen Pass, der als Königsgangart bei Rennen gilt.

Die Isländer wehren sich entschieden gegen die Bezeichnung „Pony“ und schätzen die große Zuverlässigkeit und Schläue sowie den unabhängigen Geist ihrer Pferde.

„Nur Diebe und Bettler gehen in Island zu Fuß“, sagt ein altes Sprichwort. Um der Überweidung des Landes Einhalt zu gebieten, dürfen Bauern heute entweder Schafe oder Kühe besitzen. Nur die Zahl ihrer Pferde ist nicht beschränkt.

Leben mit und vom Fisch

Eine weitere Tierart bestimmte Leben und Arbeit der Isländer von Anbeginn an: fiskur, Fisch. Heute sind Fisch- und Fischereiprodukte die wichtigsten Exportgüter, im letzten Jahr machten sie 63 Prozent des Gesamtexports aus - Tendenz steigend.

Fisch in vielen Varianten bestimmt die Speisekarte seit jeher. Harðfiskur (Trockenfisch), Fiskbollur (Fischbällchen, meist aus Schellfisch), Hákarl (Haifisch), Lax oder Silungur (Forelle) gibt es am Meer und im Landesinneren in bester Qualität. Etwa 80 Kilogramm soll jeder Isländer pro Jahr verzehren. Dass dies nicht nur nahrhaft, sondern auch gesund ist, ist wissenschaftlich belegt. Der reichliche Genuss von fettem Seefisch verringert die Morbidität und Mortalität an koronaren Herzkrankheiten.

Immerhin hat Island weltweit eine der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartungen: 78,1 Jahre für Männer und 82,2 für Frauen (2000/2001). Zum Vergleich: Die Lebenserwartung eines neu geborenen Jungen beträgt in Deutschland derzeit 75,1 Jahre, die eines Mädchens 81,1 Jahre. Die Säuglingssterblichkeit ist in Island mit 2,7 pro 1000 eine der niedrigsten der Welt.

Das Öl fetter Seefische enthält reichlich langkettige, mehrfach ungesättigte Omega-3-Fettsäuren (poly-unsaturated fatty acids, PUFA) wie Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA). Diese werden für positive Effekte auf das Herz-Kreislaufsystem verantwortlich gemacht, sagte Professor Dr. Sigmundur Gudbjarnason vom Science Institute der Universität Reykjavík bei einem Seminar an der Universität. Die PUFA reduzieren die Häufigkeit von ventrikulären Arrhythmien, Kammerflimmern und plötzlichem Herztod, senken Triglyzeridspiegel, erweitern die Gefäße und dämpfen Gefäßwandentzündungen, vermindern die Thrombozytenaggregation, wirken Thrombosen entgegen und mild antihyperton.

Die Fettsäuren werden in Zellmembranen eingebaut und beeinflussen damit Membranbeweglichkeit und Signaltransduktion, erläuterte der Wissenschaftler. In Herzmuskelzellen scheinen sie einen übermäßigen Natrium- und Calciumstrom durch die Membran zu blockieren.

Gut bekannt ist auch der antientzündliche Effekt der Omega-3-Fettsäuren. Die reichliche Zufuhr von EPA und DHA vermindert die Synthese stark proinflammatorischer Eicosanoide aus Arachidonsäure. Aus den Omega-3-PUFA entstehen schwächer wirksame Eicosanoide der Leukotrien- und Prostaglandinreihe. Patienten mit rheumatischen und entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Neurodermitis, Psoriasis und Dermatitiden können von einer fleischarmen, fischreichen Kost und der Supplementierung der hoch ungesättigten Fettsäuren profitieren.

Darüber hinaus scheinen Omega-3-Fettsäuren „notwendig für neuronale, zerebrale und visuelle Funktionen und die normale Hirnentwicklung beim Neugeborenen“ zu sein, sagte Gudbjarnason. DHA ist die Hauptfettsäure in den Stäbchenzellen der Retina. Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen hätten oft einen geringen Omega-3-Fettsäuregehalt im Plasma, jedoch sei ein Kausalzusammenhang nicht erwiesen. Bei der Krebsentstehung werden diesen Fettsäuren günstige Wirkungen zugesprochen: sie sollen die Zellproliferation eindämmen.

Nicht zu viel Thorskalýsi

EPA und DHA kommen mit hohem Gehalt im Öl fetter Seefische wie Makrele, Lachs, Hering und Tunfisch vor (und natürlich in den daraus hergestellten Fischölkapseln). Ein Gläschen Thorskalýsi (Lebertran vom Dorsch) ergänzte das isländische Frühstück im Hotel. Weniger gehaltvoll sind die in Deutschland beliebten Fischarten Heilbutt, Rotbarsch und Forelle.

Im Körper entstehen die beiden Omega-3-PUFA aus der Vorstufe a-Linolensäure, die in höherer Konzentration in pflanzlichen Ölen wie Lein-, Raps-, Soja- und Walnussöl vorkommt. Allerdings sind Verfügbarkeit und Metabolisierungsrate dieser Vorstufe ungenügend. Dagegen ist die zweifach ungesättigte Linolsäure, die die Vorstufe zu Omega-6-PUFA bildet, reichlich in Pflanzenölen enthalten. Bestenfalls 10 Prozent der essenziellen Fettsäuren werden in die langkettigen Derivate umgesetzt. Pflanzliche Öle könnten den Fischverzehr nicht ersetzen, mahnte denn auch der isländische Forscher.

Auf das Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6 kommt es in der Ernährung an. Ein Übermaß an Omega-6-Fettsäuren verdränge die Omega-3-Moleküle aus den Membranen von Herzmuskelzellen und erhöhe das Risiko für Kammerflimmern. Umgekehrt reduziert ein Übermaß an Omega-3-PUFA den Arachidonsäure-Anteil der Membranen zu stark und erhöhe das Risiko für Stress-induzierte Nekrosen in Herz- und Magengewebe. Als optimal gilt ein Verhältnis der Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren von 1 zu 5, wobei die vertretbare Bandbreite bei Gesunden von 1 zu 4 bis 1 zu 10 reicht.

Fachgesellschaften wie die American Heart Association empfehlen Patienten nach Herzinfarkt die Zufuhr von 0,9 bis 1 g Omega-3-Fettsäuren pro Tag, bei erhöhten Triglyzeridwerten sogar 2 bis 4 g. Ein Löffel Thorskalýsi (10 ml) enthält 1,6 bis 2 g der wertvollen PUFA, warb Gudbjarnason für das heimische Produkt.

Für geschmacksempfindliche Mitteleuropäer dürfte die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung angenehmer sein: 0,5 Prozent der täglichen Energiezufuhr (Schätzwert) soll von Omega-3-Fettsäuren wie Linolensäure, EPA und DHA stammen. Empfehlenswert ist laut DGE, Pflanzenöle mit einem hohen Gehalt an a-Linolensäure zu verwenden sowie ein- bis zweimal pro Woche Fisch zu essen.

Fjallagrös – Flechte für Genießer

Man nehme: Cetraria islandica, getrocknet. In kalter Milch einweichen. Ziehen lassen. Dann aufkochen und eine Art Grütze daraus bereiten. Gegebenenfalls mit Thymian anreichern.

Mit diesem Rezept sind Generationen von Isländern aufgewachsen. Zur Vorbeugung und Behandlung von Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Fjallagrös, das Isländische Moos, wurde auch in Deutschland lange Zeit als Bestandteil von Husten- und Bronchialtees verwendet. Nach wie vor zu haben ist es in Form von Lutschpastillen, die zu Beginn eher als exotische Nascherei gedacht waren: 1837 notierte der Frankfurter Konditor Philipp Rumpf das Rezept für „Ackermännisches Caramel mit Isländisch Moos“ in seinem Rezeptbuch. Sein Schwiegersohn, der Apotheker Karl Philipp Engelhard, erkannte bald das Potenzial der Rezeptur und begann, aus Cetraria islandica ein Arzneimittel zu entwickeln. Im Jahr 1860 nahm die Rosen-Apotheke zu Frankfurt am Main die Herstellung der „Isländisch Moos Pasta“ auf, die für sich in Anspruch nehmen kann, eines der ersten Fertigarzneimittel Deutschlands zu sein.

In moderner Form gibt es die Pastillen noch heute, als Medizinprodukt, das auch mit Minzölzusatz angeboten wird. Und die Pharmacopoea Europaea (2002) führt Cetraria islandica als Lichen islandicus auf.

Isländisches Moos - der deutsche Name führt gleich doppelt in die Irre: Zum einen kommt die Pflanze nicht nur auf Island vor, sondern in den Mittel- und Hochgebirgen von der arktischen Tundra bis Mitteleuropa (die arzneilich verwendete Droge stammt vor allem aus Wildsammlungen in Osteuropa). Und zum anderen ist Cetraria islandica kein Moos, sondern eine Flechte. Genauer gesagt eine Strauchflechte, wie Professor Dr. Rudolf Bauer, Institut für Pharmakognosie der Universität Graz, in seinem Seminarvortrag über Botanik, Inhaltsstoffe und Pharmakologie von Flechten ausführte.

Er stellte einen interessanten Vergleich an: „Weltweit gibt es zehnmal mehr Blütenpflanzen- als Flechtenarten“, sagte Bauer. Das Verhältnis sei etwa 160.000 zu 16.000. Für Deutschland gelte 2600 zu 1200 und auf Island 600 zu 600. In der Nähe des Nordpols dominieren schließlich die Flechten: 94 Flechtenarten stehen 23 Blütenpflanzenarten gegenüber.

Das hat seinen Grund: Flechten sind Symbiosen, die aus Pilzhyphen und autotrophen Algen bestehen. Diese niederen Pflanzen sind per se gut geeignet, unwirtliche Lebensräume zu besiedeln. Der Zusammenschluss zum Organisationstyp Flechte optimiert diese Fähigkeit und ist für beide Symbionten von Vorteil. Verschiedene Kombinationen aus Myco- und Phycobionten führten zu einer großen Vielfalt an Arten.

An Beispielen für das Meistern extremer Lebensbedingungen fehlt es nicht: Einige Flechten ertragen schadlos Temperaturen bis -196 °C. Andere wachsen auf sonnenexponierten Felsen und vertragen eine Erwärmung des Thallus bis auf 70 °C. Vielen genügt Wasserdampf, um ihren Feuchtigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten, und selbst monatelange völlige Austrocknung stellt kein Problem dar. Wieder befeuchtet, erwachen sie innerhalb weniger Minuten zu neuem Leben. Deshalb können Flechten auch die Polargebiete und das Hochgebirge besiedeln.

Physikalischer Schleimhautschutz

Als Anwendungsgebiete führte die Kommission E in der Monographie „Schleimhautreizungen im Mund- und Rachenraum verbunden mit Reizhusten“ und „Appetitlosigkeit“ auf. Die in der Pflanze enthaltenen bitter schmeckenden Flechtensäuren fungieren dabei als Amara. Die Wirkung bei Atemwegserkrankungen wird auf die antibiotischen und bakteriostatischen Eigenschaften dieser Flechtensäuren zurückgeführt. Allen voran Fumarprotocetrarsäure (die bei Lagerung und Verarbeitung zu Fumarsäure und Protocetrarsäure umgewandelt wird) und Protolichesterinsäure (die bei der Trocknung in Lichesterinsäure übergeht).

Hauptinhaltsstoffe mit über 50 Prozent Anteil sind die Polysaccharid-Schleimstoffe. „Diese legen sich als Schutzschicht auf die Schleimhäute“, so Bauer. Das in der Apotheke erhältliche Fertigpräparat enthält über 80 Prozent dieser Schleimstoffe. „Dadurch wird das Anwendungsprinzip verstärkt bedient“, sagte Professor Dr. Karin Kraft, Inhaberin des Lehrstuhls für Naturheilkunde an der Universität Rostock. „Auf den Schleimstoffen beruhen die physikalischen Effekte der Arzneidroge.“ Sie seien schmerzlindernd, schleimhautschützend und könnten die Infektanfälligkeit reduzieren.

Eine Anwendungsbeobachtung bei 3143 Kindern zwischen vier und zwölf Jahren habe gezeigt, dass in 89,2 Prozent der Fälle die Behandlung wie gewünscht beendet werden konnte. Die Patienten litten überwiegend an Reizhusten sowie an Entzündungen in Mund und Rachen und lutschten dagegen vier bis sechs Isländisch-Moos-Pastillen täglich. Die Wirksamkeit bewerteten jeweils 85 Prozent der Ärzte und der Eltern als gut bis sehr gut. 90 Prozent bezeichneten auch die Verträglichkeit als gut bis sehr gut. Nur in 1,8 Prozent der Fälle sei ein unerwünschtes Ereignis eingetreten, dass zu einem Abbruch der Behandlung führte.

Als Fazit formulierte Kraft: „Die seit Jahrhunderten bekannte günstige Wirkung von Cetraria-islandica-Extrakten bei Erkrankungen des oberen Respirationstraktes bei Kindern und Erwachsenen wird durch die Anwendungsbeobachtung bestätigt. Nur sehr selten ist mit milden Nebenwirkungen zu rechnen.“ Die isländischen Großmütter wird’s freuen – das haben sie schließlich schon immer gewusst.

 

Die Autoren

Brigitte M. Gensthaler hat Pharmazie in München studiert und erhielt 1984 die Approbation als Apothekerin. Nach mehrjähriger Tätigkeit als angestellte Offizinapothekerin wechselte sie als Redakteurin zur Pharmazeutischen Zeitung. Seit Anfang der 90er-Jahre geht sie ihrer Tätigkeit im Münchner PZ-Büro nach und leitet das Ressort Titelbeiträge.

Gerd Moser studierte Biologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Nach fünfjähriger Tätigkeit am dortigen Botanischen Institut und Promotion über die Kieselalgenflora Neukaledoniens folgte eine journalistische Ausbildung. Seit 2001 ist er Redakteur bei der Pharmazeutischen Zeitung und hier vor allem für die Online-Ausgaben von PZ, PTA-Forum und PZ-Akademie zuständig. Top

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