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01.08.2005
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.Samuel Hahnemann

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von Axel Helmstädter, Eschborn

Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, wurde anlässlich seines 500. Geburtstags als »Alternativer in einer Umbruchzeit« bezeichnet (1). Auf Samuel Hahnemann (1755 bis 1843), dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 250. Mal jährt, lässt sich diese Beschreibung in gleicher Weise anwenden.

Medizin- und wissenschaftshistorisch war das ausgehende 18. Jahrhundert, das Hahnemann erlebte, sicherlich ebenso von Umbrüchen geprägt wie die Lebenszeit des Paracelsus. Der Ruf des »Alternativen« haftet dem sächsischen Arzt bis heute an, ebenso wie der von ihm begründeten Homöopathie, die wohl das prominenteste Verfahren der medikamentösen Komplementärmedizin ist. Ein historischer Rückblick über 250 Jahre kann als Mittel zur wissenschaftlichen Betrachtung einer »unwissenschaftlichen« Heilmethode helfen, Entstehung und Wirkmacht der Homöopathie besser zu verstehen.

Ein das Leben des jungen Hahnemann unmittelbar betreffender Wandel vollzog sich in der medizinischen Ausbildung des 18. Jahrhunderts. Zurückgehend auf den im niederländischen Leiden lehrenden Herman Boerhaave (1668 bis 1738) wurde klinischer Unterricht mehr und mehr zum Bestandteil der Medizinerausbildung. Während mancherorts an eine Ausbildung am Krankenbett noch nicht zu denken war und reine Buchgelehrsamkeit vermittelt wurde, konnten Studenten beispielsweise in Leiden und Wien schon wesentlich praxisnäher lernen.

Praxis statt Theorie

Der als Sohn eines wenig begüterten Meißner Porzellanmalers am 10. April 1755 geborene Samuel Hahnemann begann im Mai 1775 das Studium der Medizin an der damals noch sehr traditionell orientierten Universität Leipzig. Nach vier Semestern zog es den wissbegierigen Studenten an die Universität Wien, wo unter Leitung Joseph von Quarins der Patientenkontakt im chronisch überbelegten Armenhospital der Barmherzigen Brüder bereits zur täglichen Praxis zählte. Hahnemann scheint diesen Wechsel geradezu als Befreiung empfunden zu haben, denn während er über seine Studienzeit in Leipzig kaum Autobiographisches berichtet, spricht er 1799 von seinem Lehrer Quarin als »dem großen praktischen Genie, dem er alles verdanke, was an ihm Arzt genannt werden könne« (2, S. 30).

Die Begeisterung des sächsischen Arztes für diese »neue« Form des Arztseins schlägt sich an prominenter Stelle in Hahnemanns Werk nieder. Seine zentrale Veröffentlichung, das 1810 erstmalig erschienene »Organon der rationellen Heilkunde« beginnt mit dem Satz: »Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt« (3, § 1).

Eine Fußnote führt näher aus: »Nicht aber (...) das Zusammenspinnen leerer Einfälle und Hypothesen (...) zu sogenannten Systemen, oder die unzähligen Erklärungsversuche über die Erscheinungen in Krankheiten (...) in unverständliche Worte und einen Schwulst abstracter Redensarten gehüllt, welche gelehrt klingen sollen (...), während die kranke Welt vergebens nach Hülfe seufzte. Solcher gelehrter Schwärmereien (man nennt es theoretische Arzneikunst und hat sogar eigne Professuren dazu) haben wir nun gerade genug, und es wird hohe Zeit, daß, was sich Arzt nennt, endlich einmal aufhöre, die armen Menschen mit Geschwätze zu täuschen, und dagegen nun anfange, zu handeln, das ist, wirklich zu helfen und zu heilen.«

Man darf allerdings davon ausgehen, dass bereits der junge Hahnemann die »Systeme« gut überblickte, die die theoretische Medizin seiner Zeit anzubieten hatte; nicht nur infolge seines Studiums in Leipzig, sondern auch, weil er zu Studienzeiten, und noch lange Zeit danach darauf angewiesen war, seinen Lebensunterhalt durch Übersetzungen medizinisch-wissenschaftlicher Texte zu bestreiten oder aufzubessern. In dieser Hinsicht erwies er sich als äußerst produktiv: So soll er während seines knapp dreijährigen Aufenthalts in Stötteritz bei Leipzig insgesamt 4552 Seiten aus dem Englischen, Französischen und Italienischen übertragen und teilweise kommentiert haben (2, S. 49).

Tatsächlich hatte er als ausgebildeter Arzt und Oberhaupt einer kinderreichen Familie noch jahrelang ein schwieriges Leben. Niederlassungen als Arzt in insgesamt 20 Orten, unter anderem in Gommern (1781), Dresden (1785) und Leipzig (1790) fanden teilweise unter bedrückenden wirtschaftlichen Bedingungen statt, die sich sein Biograph Hans Ritter wie folgt vorstellt: »Hahnemann lief in Holzschuhen und abgeschabter Kleidung einher, half, so gut er konnte im Haushalt. Abends, wenn die Kinder zur Ruhe gebracht waren, zog er einen schäbigen Vorhang vor die Schlafecke des einzigen Zimmers und schrieb bei Kerzenlicht oft fast die ganze Nacht hindurch« (4, S. 28).

Der Selbstversuch

Zu den von Hahnemann unter solchen Umständen bearbeiteten Werken gehörte die zweibändige »Arzneimittellehre« des angesehenen schottischen Pharmakologen William Cullen (1710 bis 1790), in der dieser die Wirkung der Chinarinde bei Malaria zu erklären suchte. Der im Kapitel »Von den stärkenden Mitteln« angegebene Wirkmechanismus, nachdem die Bitterdroge den Magen und davon ausgehend den ganzen Organismus stärke (5), befriedigte Hahnemann nicht. In einer ausführlichen Fußnote gab er seine Sicht der Dinge wieder, die eine erste vorsichtige Formulierung des Simile-Gedankens enthält. Insbesondere widersprach er der Gedankenführung Cullens, bittere Drogen wie Chinarinde und mehr noch die »Ignazbohne« besäßen tonisierende, narkotische und fiebersenkende Eigenschaften, unter anderem mit dem Argument, Arsenik helfe ebenfalls gegen Fieber, sei aber weder bitter noch tonisierend (5, S. 18 und 80 ­ 82; 2, S. 49 ­ 50).

Um das »zur Erklärung ihrer Wirkung noch fehlende Principium der Rinde« (5, S. 24) aufzufinden, unternahm Hahnemann wahrscheinlich im Frühjahr 1790 seinen legendären Selbstversuch, der als Geburtsstunde des Simile-Gesetzes gilt. Er schreibt nicht, was ihn konkret bewogen hat, das Mittel selbst zu testen, es ist aber anzunehmen, dass Kenntnisse über Selbstversuche und Wirkungsbeschreibungen durch Anton Störck, einen Vorgänger seines Wiener Lehrers Quarin, eine Rolle gespielt haben (6, S. 290).

Hahnemann nahm »etliche Tage lang« die übliche Tagesdosis von knapp 30 Gramm (entsprechend etwa zwei Gramm Chinin) ein und beobachtete eine »Art von Fieber«, das ihn an eine zwischen 1777 und 1779 in Siebenbürgen durchgemachte Malaria-Erkrankung erinnerte. Dabei ging es weniger um eine messbare Erhöhung der Körpertemperatur, sondern um allgemeines Unwohlsein mit Frösteln, Hitze und Beschleunigung des Pulsschlags.

War das prinzipielle Auftreten von »Fieber« noch ein erwartetes Resultat, so war Hahnemann überrascht von der großen Übereinstimmung der einzelnen Symptome und Empfindungen mit denjenigen des »Wechselfiebers« (Malaria) im Detail. Seit seiner Wiener Studienzeit war er gewohnt, Symptome und Befindensänderungen anamnestisch präzise und detailreich zu erfassen, anstatt nur grobe Diagnosen anzugeben (5, S. 33).

Der »autistische Denkakt«

In den Fußnoten zu Cullens Werk vermied es der Übersetzer vorsichtigerweise noch, von »Ähnlichkeit« zu sprechen und trat erst sechs Jahre später mit seinen Überlegungen an die breite Öffentlichkeit. 1796 erschien die Schrift »Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte nebst einigen Blicken auf die bisherigen«, der ersten breiteren Darlegung des Heilprinzips »similia similibus [curentur]« (Ähnliches [soll] mit Ähnlichem [geheilt werden]«).

Dieser apodiktische Satz ist das grundlegende Prinzip der Homöopathie, dem im Laufe der Zeit einige weitere Postulate zur Seite gestellt wurden. Neben der Ähnlichkeitsregel sind dies die Arzneimittelprüfung am Gesunden zur Feststellung der von einem potenziellen Heilmittel hervorgerufenen Symptomatik, die ausschließliche Verwendung von Einzelmitteln und die Gabe kleinster Dosierungen in Form der bekannten »Potenzen« (7). Diese Axiome beruhten letztlich auf einer ursprünglich intuitiv, bestenfalls empirisch gefundenen, aber keineswegs systematisch validierten und nie prinzipiell infrage gestellten Grundannahme, eben dem »Ähnlichkeitsgesetz«.

 

»Man ahme der Natur nach, welche zuweilen eine chronische Krankheit durch eine andre hinzukommende heilt, und wende in der zu heilenden (vorzüglich chronischen) Krankheit dasjenige Arzneimittel an, welches eine andre möglichst ähnliche, künstliche Krankheit zu erregen im Stande ist, und jene wird geheilet werden; Similia similibus.«

Hahnemann, S., Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen”. Journal der praktischen Arzneykunde und Wundarzneykunst (1796).

  

Wie die Homöopathie gehen auch andere komplementärmedizinische Verfahren auf einzelne charismatische Persönlichkeiten zurück, deren empirisch gefundene Postulate wesentliche, wenn nicht einzige theoretische Grundlage der jeweiligen Methode sind. Oft zeigt sich dies schon am Sprachgebrauch, wenn beispielsweise von »Schroth-Kur«, »Biochemie nach Schüßler«, »Bach-Blütentherapie« oder »Neuraltherapie nach Huneke« die Rede ist. Der Frankfurter Balneologie-Professor Heinrich Lampert sprach in diesem Zusammenhang von »autistischen Denkakten« (8, S. 77) der Methodenbegründer, die zu feststehenden Prinzipien führen, die nicht bewiesen und daher bestenfalls geglaubt werden können. Man nennt komplementärmedizinische Verfahren deshalb auch »Dogmatische Heilmethoden« (9) oder »Health Belief Systems« (10).

Wider Aderlass und Opium

Hahnemann führte mit seiner Methode um 1800 ein weiteres medizinisches System auf den von Aktionismus und einer gewissen Ratlosigkeit geprägten Markt der damaligen medizinischen Möglichkeiten ein. Von den alten Autoritäten konnte man sich noch schwer lösen, gleichwohl suchte man intensiv nach wirksameren Behandlungsmethoden. Die Homöopathie konkurrierte unter anderem mit Verfahren, die in humoralpathologischen Vorstellungen wurzelten. Basierend auf antiken Vorstellungen kam es hier darauf an, ein pathologisches Quantum von »Säften« (humores) in therapeutischer Absicht auf das Normalmaß zu reduzieren.

Praktisch bedeutete dies einen unkritischen Einsatz von Brech- und Abführmitteln sowie eine massenhafte Anwendung des Aderlasses. Diese Prozedur trug vor allem bei mehrfacher Wiederholung zur weiteren Schwächung, wenn nicht zum baldigen Exitus der Patienten bei. Ein prominentes Beispiel ist der österreichische Kaiser Leopold, der 1792 trotz oder besser wegen fortgesetzter Aderlässe durch seine Leibärzte verstorben war. Hahnemann kritisierte aus diesem Anlass die Blutentleerung aufs Heftigste in der Presse und bewies erneut publikumswirksam seine Qualitäten als streitbarer »Alternativer«.

Gleiches gilt für seinen Versuch, die menschenunwürdige Behandlung Geisteskranker zu reformieren. In seiner 1792 in Georgenthal bei Gotha gegründeten »Irrenanstalt für die besseren Stände« behandelte er (als einzigen Patienten) den geistig verwirrten Kanzleirat Friedrich Arnold Klockenbring unter völligem Verzicht auf damals noch übliche Züchtigungsmaßnahmen, bis dieser als geheilt entlassen werden konnte. Vor allem mangels zahlungswilliger Kundschaft, aber auch aus räumlichen Gründen musste Hahnemann indes danach seine psychiatrische Praxis wieder aufgeben (2, S. 55­58). Ein weiterer, im Jahre 1800 in Hamburg unternommener Versuch scheiterte an der Gewalttätigkeit des Patienten (2, S. 71).

Zu den medizinischen Modeerscheinungen zur Zeit Hahnemanns gehörte auch der Brownianismus, ein von dem schottischen Arzt John Brown (1735 bis 1788) eingeführtes, auf sehr einfachen Annahmen beruhendes Heilsystem. Anknüpfend an physiologische Überlegungen zu Erregbarkeit (»Irritabilität«) und Sensibilität als lebenserklärende Prinzipien postulierte Brown nur zwei prinzipielle Krankheitsursachen: Reizüberflutung und Reizmangel. Ziel der Brownschen Behandlung war es, ein Gleichgewicht der Erregbarkeit herzustellen. Dies geschah ­ vor allem, weil die überwiegende Mehrzahl der Krankheiten auf Reizmangel zurückgeführt wurde ­ überwiegend mit exzessivem Einsatz von »Reizmitteln« wie Alkohol und Opium.

Die Methode war um 1800 so heftig in der Diskussion, dass sie Hahnemann nicht verborgen bleiben konnte. Die Auseinandersetzungen zwischen »Brownianern« und »Nicht-Brownianern« gingen bis hin zu Studentenunruhen 1802 in Göttingen (11, S. 224). Der Homöopathiebegründer setzte sich in einer Streitschrift »Ueber den Werth der speculativen Arzneysysteme« 1808 zynisch mit dem Brownianismus auseinander (2, S. 16), der das genaue Gegenteil von »Ähnlichkeitsregel« und Minimaldosen, wie Hahnemann sie forderte, bedeutete.

Man kann schwerlich behaupten, Hahnemann hätte keine spekulativen Vorstellungen entwickelt; allerdings tat er es erst als Folge empirischer Beobachtungen. Seine therapeutische Alternative hatte zudem einen unbestreitbaren Vorteil im Wettbewerb mit humoralpathologischen oder reiztherapeutischen Konzepten: Sie war ungleich nebenwirkungsärmer.

Hahnemann und die Lebenskraft

Die Physiologie zu Hahnemanns Lebzeiten war geprägt von Vorstellungen einer »Lebenskraft« als imaginäres metaphysisches Agens, das den Unterschied zwischen belebter und unbelebter Natur ausmachen sollte. In Deutschland wurde der Gedanke beispielsweise popularisiert von dem Mannheimer Arzt Friedrich Casimir Medicus (1736 bis 1808), der »Lebenskraft« definierte als »einfache Substanz, die der Schöpfer allen organischen Körpern als die belebende Kraft mitgetheilet hat« (12, S. 45).

Die plausible Vorstellung einer solchen vis vitalis war zentraler Bestandteil des Vitalismus, einer noch zu Lebzeiten Hahnemanns populären Physiologie. Daher verwundert es nicht, dass der Homöopathiebegründer den Terminus Lebenskraft in seinen Werken wie selbstverständlich verwendet (13). Eine Stichwortsuche in der elektronischen Gesamtausgabe der wichtigsten Werke Hahnemanns (14) liefert 328 Fundstellen, der gedruckte Index (15) über 100 Einträge.

 

Leben und Werk Samuel Hahnemanns
  • 1755 geboren in Meißen
  • 1775-1779 Medizinstudium in Leipzig und Wien, Aufenthalt in Siebenbürgen
  • 1779 Promotion in Erlangen
  • 1782 Heirat der Apothekertochter Henriette Küchler
  • 1790 Selbstversuch mit Chinarinde in Stötteritz bei Leipzig
  • 1792 Gründung einer Heilanstalt für Geisteskranke in Georgenthal
  • 1793-1799 Zweibändiges »Apothekerlexikon«
  • 1796 Formulierung des Simile-Gesetzes in Hufelands »Journal der praktischen Arzneykunde«
  • 1807 Prägung des Begriffs »Homöopathie«
  • 1810 Erstausgabe des »Organon der rationellen Heilkunde«
  • 1811-1821 Praxis und Hochschullehrer in Leipzig
  • 1821-1835 Praxis in Anhalt-Köthen
  • 1825-1833 »Reine Arzneimittellehre« in 6 Bänden
  • 1828-1830 Vierbändiges Werk »Die chronischen Krankheiten«
  • 1830 Tod seiner Frau Henriette
  • 1835 Heirat der 45 Jahre jüngeren französischen Malerin Mélanie d‘Hervilly und Übersiedlung nach Paris
  • 1843 Tod in Paris

  

In §§ 9 bis 11 der 6. Auflage des Organons heißt es denn: »Im gesunden Zustande des Menschen waltet eine geistartige, als Dynamis den materiellen Körper belebende Lebenskraft unumschränkt [...]. Wenn der Mensch erkrankt, so ist ursprünglich diese geistartige [...] Lebenskraft (Lebensprincip) [...] verstimmt. Einzig die krankhaft gestimmte Lebenskraft bringt die Krankheiten hervor« (3, § 9 ­ 11).

Geistige und kulturelle Zeitströmungen, insbesondere die romantische Naturphilosophie in der Folge Friedrich Wilhelm Schellings (1775 bis 1854) bestärkten die Homöopathen in der Vorstellung, die »geistartige Lebenskraft« mit immateriell wirkenden Arzneien, also den schließlich von Hahnemann verbissen bevorzugten Hochpotenzen therapeutisch beeinflussen zu können. Diese stellen »nunmehr völlig entstoffte, gleichsam geistig wirkende, dynamische Arzneikraft (= Potenz) dar, aufgefangen in den indifferenten Vehikeln Weingeist, Wasser und Milchzucker« (16, S. 30; 17).

Die Homöopathie ist somit durch ihren Anspruch, die Lebenskraft des Patienten auf immaterielle Weise oder sogar durch direkte Energieübertragung zu beeinflussen, ein wichtiger Vertreter der so genannten »biodynamistischen« Heilmethoden (18). Spätestens Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand die Idee der Lebenskraft aus der universitären Physiologie, so dass Methoden, die sich weiterhin dieser Vorstellung bedienten, mehr und mehr zu »alternativen« Heilweisen wurden. Produkte und Arzneimittel biodynamistischer Heilverfahren sollen in der Lage sein, Kraft auf den geschwächten Körper zu übertragen oder stärkende Reaktionen im Organismus selbst reaktiv hervorzurufen.

Die Power der Potenz

Das homöopathische Potenzierungsverfahren der mit »energischen Vermengungsmanipulationen« (19, S. 253) verbundenen schrittweisen Verdünnung sollte in der Tat dazu dienen, Arzneien Heilkräfte zu verleihen, sie zu »dynamisieren«: »Die Dynamis wird durch stetes Verdünnen gesteigert, da durch Verreibungen oder Schüttelschläge die Materie geschwächt wird« (20, S. 74).

Hahnemann formulierte die Herstellungsvorschrift in Schritten 1:100 in seinem Buch »Die chronischen Krankheiten« 1828. Eine Frucht seines Spätwerks sind die durch Konzentrationssprünge von 1:50.000 charakterisierten, so genannten LM-(oder Q-)Potenzen. Unter dem Einfluss der Lebenskraftpostulate und der romantischen Medizin bestanden im 19. Jahrhundert heute abenteuerlich anmutende Vorstellungen über den »Zuwachs an arzneilicher Mächtigkeit« durch »gleichmäßige Zerteilung der Ausgangssubstanz im Vehikel« (21, S. 3).

Der Meister selbst verglich sein Verfahren in der 6. Auflage des Organons mit dem Eisenmagnetismus, der, latent vorhanden, durch Reiben in einer bestimmten Richtung herausgearbeitet werden könne (3, S. 211 ­ 212). Manche »Hahnemannianer« wie der fürstliche Stallmeister Caspar Julius Jenichen (1787 bis 1849) verknüpften die Wirkmacht der hergestellten Arzneien direkt mit Anzahl und Intensität der Schüttelschläge.

Jenichen soll Potenzen bis C 8000 »in einsamer Besessenheit« mit jeweils zwölf bis dreißig kräftigen Armschlägen bereitet haben, was ihm allerdings schlecht bekam. Ritter berichtet anhand einer Porträtdarstellung Jenichens, dessen rechter »Schüttelarm« sei durch fortdauernde Anstrengung hypertrophiert und monströs angeschwollen. Andererseits habe das andauernde Sitzen beim Verschütteln zu therapieresistenten Unterschenkelgeschwüren geführt, die ihn schließlich so quälten, dass er Selbstmord beging (4, S. 146). Andere Theorien gingen davon aus, dass beim Verreiben und Schütteln Elektromagnetismus in die Arzneimittel eingearbeitet werde, ebenso aus der Reib- oder Schüttelhand ausströmende Lebenskraft des Herstellers (16, S. 41).

Nicht alle Homöopathen indes vermochten diesen Vorstellungen so weit folgen. Es entwickelte sich der »Hochpotenzstreit« zwischen Therapeuten, die Hahnemanns Hochpotenzlehre mehr oder weniger kritiklos folgten, und solchen, die lediglich das Simile-Prinzip und die Arzneimittelprüfung am Gesunden gut hießen (17, S. 33 ­ 38). Der Streit ist noch immer nicht ausgestanden, wobei Anhänger der Hochpotenzhomöopathie moderne physikalische Prinzipien heranziehen und weniger von Kraft- als von Informationsvermittlung sprechen (22) oder eine Signal übertragende Lichtstrahlung durch »Biophotonen« annehmen (23).

Homöopathie im EbM-Zeitalter

Es scheint, als habe sich die Homöopathie in ihrer über zweihundertjährigen Geschichte den Charakter des »Alternativen« nie streitig machen lassen. So steht die Methode im 21. Jahrhundert der so genannten »Evidenzbasierten Medizin« (EbM) gegenüber, die Verfahren nach dem Grad ihrer wissenschaftlichen Begründung anhand klar definierter Behandlungsergebnisse beurteilt.

Dieses Ende der 1970er-Jahre in Kanada entwickelte Konzept will wissenschaftliche Fakten zur Wirksamkeit therapeutischer Maßnahmen bereitstellen und propagieren, damit sie bei nach wie vor individuell zu treffenden Therapieentscheidungen berücksichtigt werden können. Es geht also nicht um eine strikte Normierung im Sinne unabänderlicher Behandlungsvorschriften, wie Kritiker befürchten, und ebenfalls nicht um zu Grunde liegende, eventuell hypothetische Mechanismen. Schließlich sind reproduzierbare Therapieergebnisse ungeachtet der zu Grunde liegenden Theorie entscheidend und umgekehrt kann eine plausible mechanistische Hypothese den Wirknachweis nicht ersetzen.

Innerhalb der EbM werden heute mindestens sechs Evidenzstadien mit abnehmender Vertrauenswürdigkeit unterschieden. Im Idealfall liegen für ein Verfahren Metaanalysen mehrerer randomisierter, kontrollierter Studien vor. Das niedrigste akzeptierte Evidenzniveau bezieht sich auf Berichte aus Expertenkreisen, Konsensuskonferenzen oder auf klinische Erfahrungen anerkannter Autoritäten (24).

Für die Homöopathie muss konstatiert werden, dass trotz inzwischen zahlreicher, auch randomisierter Doppelblindstudien kein höherwertiges Evidenzniveau erreicht werden konnte. Metaanalysen (25, 26, 27), auch solche aus homöopathischen Kreisen (28), kommen trotz durchaus vorhandener positiver Befunde insgesamt zu negativen Ergebnissen. Darüber können auch Versuche, EbM für die Homöopathie zu vereinnahmen, indem eine Reihe (pseudo-)physikalischer Wirkmechanismen für Hochpotenzeffekte angeboten werden (29), nicht hinwegtäuschen.

Erstaunlich ist der trotz allen Anfeindungen und objektivierbaren Schwächen extrem hohe Beliebtheitsgrad der Methode bei Patienten, die naturgemäß an einer optimalen Behandlung am meisten interessiert sind. Die Gründe hierfür liegen sicherlich in der Nebenwirkungsarmut der Methode und ihrem »guten Ruf« als naturnahe Heilweise, aber auch in der hohen Plausibilität der Vorstellung, Krankheiten könnten durch Stärkung der (Lebens-)Kraft eines Patienten überwunden werden. Auf jeden Fall kann die gesellschaftliche Akzeptanz komplementärmedizinischer Verfahren nicht negiert oder übergangen werden. So spricht der Medizinhistoriker Wolfgang Locher davon, die Homöopathie habe »wohl längst ihren Bedarfsnachweis erbracht« (7, S. 33).

Soziale Validierung

Für das Phänomen, dass Heilverfahren über einen längeren Zeitraum von Anwendern so geschätzt werden, dass sie nicht mehr davon lassen wollen, prägte der kanadische Medizinhistoriker John Crellin den Begriff »Soziale Validierung« (30). Anhand eingehender Studien des Gesundheitswesens der kanadischen Provinz Neufundland konnte er zeigen, dass vor allem Verfahren leicht gesellschaftlich akzeptiert werden, die sich auf allgemeine Erfahrungstatsachen (»popular belief systems«) berufen, die teilweise nicht rational, sondern nur spirituell erfahrbar sind. Hierzu gehört insbesondere die unmittelbar plausible Vorstellung ­ auf die sich auch die Homöopathie seit ihrer Entstehungszeit beruft ­, dass die Stärkung einer metaphysischen »Lebenskraft« heilend wirke.

Es wäre in der Tat zu diskutieren, ob eine Akzeptanz des Phänomens der »sozialen Validierung« als (nachrangiges) Evidenzniveau nicht dazu beitragen könnte, die Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern der Homöopathie zu entemotionalisieren. Ein therapeutischer Einsatz von Homöopathika wäre dann auch innerhalb der EbM möglich, zum Beispiel wenn keine sicherer wirksamen Methoden zur Verfügung stehen oder die Einzelfallentscheidung kein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis erkennen lässt.

Insbesondere dank der geringen Nebenwirkungsrate der Homöopathie wäre eine vergleichsweise unsichere Wirksamkeit akzeptabel, allerdings nur so lange eindeutig wirksame Verfahren nicht vernachlässigt werden. Jüngste Untersuchungen haben denn auch gezeigt, dass sich Patienten vor allem bei Beschwerden homöopathisch behandeln lassen, für die keine rasch und sicher wirksame Therapie zur Verfügung steht (Neurodermitis, »Infektanfälligkeit«), oder bei denen Nebenwirkungen durch Langzeiteinnahme von Allopathika befürchtet werden (Kopfschmerzen, Migräne, Schlafstörungen) (31).

Auf jeden Fall führen »soziale Validierung« und die große Popularität der Homöopathie zu einem starken Informationsbedürfnis der Patienten, das ­ auch und gerade in der Apotheke ­ sachlich und emotionslos, ohne ideologische Überfrachtung in der einen oder anderen Hinsicht befriedigt werden sollte. Ohnehin muss der Apotheker wie bei jeder anderen therapeutischen Maßnahme anhand der Evidenzlage und einer individuellen Nutzen-Risiko-Analyse in jedem Einzelfall entscheiden, ob die Homöopathie eine empfehlenswerte und verantwortbare therapeutische Alternative sein kann.

 

Literatur

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  3. Hahnemann, S., Organ der Heilkunst, 6. Aufl., Hrsg. v. R. Haehl 1921, Nachdruck Stuttgart 1979.
  4. Ritter, H., Samuel Hahnemann, Begründer der Homöopathie. Sein Leben und Werk in neuer Sicht. 2. Aufl., Heidelberg 1986.
  5. Bayr, G., Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde im Jahre 1790. Die Konzipierung der Homöopathie. Heidelberg 1989.
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  10. Blair O'Connor, B., Healing traditions: alternative medicine and the health professions. Philadelphia 1995.
  11. Eckart, W. U., Geschichte der Medizin, 3. Aufl. Heidelberg 1998.
  12. Medicus, F. C., Von der Lebenskraft. Manheim [!] 1774.
  13. Gottlieb, J., Die Lehre von der Lebenskraft bei Hahnemann. Sudhoffs Archiv 37 (1953) 250-252.
  14. Reihe Digitale Bibliothek², Directmedia publishing GmbH, Berlin 2003.
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  17. Jacobi, U. I., Der Hochpotenzstreit von Hahnemann bis heute. Heidelberger Schriften zur Pharmazie- und Naturwissenschaftsgeschichte, Bd. 12, Stuttgart 1995.
  18. Helmstädter, A., Medizin für die Lebenskraft ­ Arzneilicher Biodynamismus als Konzept der medikamentösen Komplementärmedizin. Habil.-Schrift Marburg 2004.
  19. Bayr, G., Die potenzierte Arznei als pharmakologische Information. Allg. Homöop. Ztg. 217 (1972) 253-264.
  20. Müller-Jahncke, W.-D., Jacobi, U., Borchardt, A., Die Entwicklung der Homöopathie und des Homöopathischen Arzneibuchs. In: Müller-Jahncke, W.-D., Reichling, J., Arzneimittel der Besonderen Therapierichtungen. Historische Grundlagen und heutige Anwendung. Heidelberg 1996, S. 71-87.
  21. Unseld, E., Einführung in das homöopathische Arzneipotenzierungsverfahren. Karlsruhe o. J. [ circa 1975].
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  23. Vgl. www.biophotonen-online.de
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  29. Dellmour, F., »Evidence based« Homöopathie. Der Wirkmechanismus homöopathischer Arzneimittel. Österr. Apoth. Ztg. 54 (2000) 656-661.
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  31. cae [i. e. Caesar, W.], Kleine Kügelchen mit großer Wirkung. Dt. Apoth. Ztg. 145 (2005) 1894-1896.

 

Der Autor

Axel Helmstädter studierte Pharmazie in Freiburg und erhielt 1985 die Approbation als Apotheker. 1988 wurde er in Heidelberg bei Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke promoviert. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Krankenhausapotheker trat er 1993 in den Govi-Verlag ein, wo er heute den Bereich Fachbuchlektorat, wissenschaftliche Zeitschriften und Elektronische Medien leitet. 2004 erfolgte die Habilitation im Fach Geschichte der Pharmazie an der Universität Marburg.

 

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