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Pflanzliche Heilmittel für Leber, Galle und Darm

18.07.2005
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.Phytotherapie

Pflanzliche Heilmittel für Leber, Galle und Darm

von Volker Schulz, Berlin

Viele Patienten greifen bei »Bauchbeschwerden« bevorzugt zu Phytopharmaka. Verbreitete Anwendungsgebiete für pflanzliche Arzneien sind neben Obstipation und Diarrhö vor allem Appetitlosigkeit, funktionelle Dyspepsie, Reizdarmsyndrom sowie chronische Leberschäden.

Nur Letzteren liegen organische Veränderungen zugrunde. Bei den übrigen Beschwerden handelt es sich um funktionelle Störungen im Verdauungstrakt. Die Selbstmedikation bedarf dringend der Beratung, Information und Steuerung durch den Apotheker.

Silymarin bei Leberschäden

Der Effekt der meisten »Lebertherapeutika« beruht auf Schutzwirkungen, die in tierexperimentellen Modellen beobachtet wurden, wobei sich die besonders charakteristischen Leberschäden durch Alkohol beim Menschen (siehe Titelbeitrag in PZ-Ausgabe 23) lediglich bei einzelnen Spezies von Menschenaffen relativ adäquat reproduzieren lassen. Klinische Ergebnisse mit Silymarin in Verbindung mit vorklinischen Untersuchungen zur antifibrotischen und regenerationsfördernden Wirkung des Silybinins sprechen dafür, dass Mariendistel-Extrakte die Progredienz hepatogener Erkrankungen hemmen und die Symptome lindern können (1-3).

Silymarin als Extraktfraktion aus den Früchten von Mariendistel (Silybum marianum) ist ein Gemisch aus den vier Isomeren Silybinin, Isosilybinin, Silydianin und Silychristin. Dieses Isomerengemisch, in dem das Silybinin zu circa 50 Prozent vorherrscht, findet sich angereichert in der Proteinschicht unter der Samenschale der Frucht. Die Monographie der Kommission E vom März 1986 nennt als Indikation für Silymarin-Zubereitungen «Toxische Leberschäden«. Laut Kommission E sind Silymarin-Zubereitungen zur unterstützenden Behandlung bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose geeignet. Die Kommission empfiehlt eine Dosierung, die der Gabe von 200 bis 400 mg Silymarin pro Tag entspricht.

Mariendistelfrüchte enthalten 15 bis 30 Prozent fettes Öl und etwa 20 bis 30 Prozent Proteine. Der eigentliche Wirkstoffkomplex macht nur etwa 2 bis 3 Prozent der getrockneten Droge aus. Mit dem Lebertherapeutikum Silymarin wurde der überwiegende Teil aller biochemischen, pharmakologischen und klinischen Prüfungen durchgeführt.

Bei pharmakologischen Untersuchungen des Isomerengemisches wurden in erster Linie antitoxische, antifibrotische sowie die Regeneration von Lebergewebe fördernde Wirkungen nachgewiesen. Die antitoxischen Wirkungen von Silymarin werden mit membranstabilisierenden und radikal-antagonisierenden Wirkungen in Zusammenhang gebracht (4).

Die Antidotwirkung gegenüber Mykotoxinen des Knollenblätterpilzes, hepatotoxischen Chemikalien oder Alkohol soll im wesentlichen darauf beruhen, dass sich Silymarin an Proteine und Rezeptoren der Zellmembranen binden und dadurch Toxine verdrängen beziehungsweise deren Penetration in die Zellen hemmen kann (3). Fibrotische Umbauprozesse spielen eine maßgebliche Rolle in der Pathogenese der Leberzirrhose. Die antifibrotische Wirkung von Silymarin wurde an Ratten und an Pavianen geprüft. Die mit Silymarin behandelten Paviane hatten nach sechs Wochen einen um 50 Prozent geringeren Kollagengehalt der Leber (5).

Silybinin, so Studien, wird nach oraler Applikation beim Menschen zu etwa 20 bis 50 Prozent resorbiert. Die Resorption ist von der galenischen Zubereitung des Präparates abhängig und kann zwischen verschiedenen Handelsprodukten (zum Beispiel Legalon 70 Protect®, Phytohepar®, HepaBesch®, Heplant®, hepa-loges®, Hepar-Pasc®, durasilymarin®, Silicur®) um mehr als den Faktor zwei variieren (6).

Zirrhose und Pilzvergiftungen

Bei Patienten mit alkoholtoxischen Leberschäden oder Leberzirrhose sind mit einem standardisierten Mariendistelfrüchte-Trockenextrakt (36-44:1; 86,5-93,3 mg/173-186,7 mg, entsprechend 70 mg/140 mg Silymarin, berechnet als Silybinin - Auszugsmittel Ethylacetat >96,7 Prozent) neun kontrollierte klinische Studien durchgeführt worden. Die Mortalität durch Leberzirrhose wurde bei fünf dieser Studien im Zeitraum von ein bis vier Jahren tendenziell reduziert. Zwei Studien zeigten signifikant verbesserte Überlebensquoten (3). Eine systematische Daten-Erfassung unter Einbeziehung weiterer Lebererkrankungen umfasste insgesamt 14 placebokontrollierte Doppelblindstudien und 15 Studien ohne Placebo-Kontrolle. Von sieben Studien bei chronischen alkoholischen Leberschäden ergaben fünf unter der Therapie Besserung zumindest eines Ziel-Parameters wie zum Beispiel der Prothrombin-Zeit beziehungsweise der Leberenzym-, sprich: AST-, ALT- oder g-GT-Werte. Von vier Studien an Patienten mit Leberzirrhose zeigten drei positive Trends und zwei signifikante Überlegenheit von Mariendistelfrüchtenextrakten gegenüber Placebo. Vier Studien bei Patienten mit Virus-Hepatitis ergaben dagegen nur widersprüchliche Resultate (2).

Die Verträglichkeit der Mariendistelpräparate gilt als sehr gut. Zwei Anwendungsbeobachtungen unter Einschluss von 2169 beziehungsweise 998 Patienten ergaben lediglich in 1 bis 2 Prozent der Fälle Meldungen von Nebenwirkungen, wobei es sich mehrheitlich um vorübergehende gastrointestinale Beschwerden wie Durchfall, Flatulenz, Völlegefühl oder abdominelle Schmerzen handelte; vereinzelt wurden auch Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Hitzewallungen oder allergische Reaktionen genannt (1, 7).

Silymarin wird auch bei Vergiftungen mit Knollenblätterpilz (Amanita phalloides) eingesetzt. Die Mykotoxine Amanitin und Phalloidin blockieren die RNA-Polymerase der Leberzellen, sodass diese nach einer typischen Latenzphase von etwa 12 bis 24 Stunden absterben. Diskutiert wird, dass Silybinin Amanitin kompetitiv hemmt und somit die Protein-Biosynthese reaktiviert wird.

Es liegen etwa 150 Fallberichte über Behandlungsverläufe bei Patienten mit Knollenblätterpilzvergiftungen unter der Therapie mit Silybinin vor. Während früher Knollenblätterpilzvergiftungen in 30 bis 50 Prozent der Fälle zum Tod führten, zeigen neuere Studien, dass die Mortalitätsrate bei Therapie mit Silymarin-Präparaten unter 10 Prozent gesenkt werden kann. Unter der Infusionsbehandlung mit Silybinin (Legalon® SIL; 20 mg (pro kg KG und Tag in vier Einzeldosen) endete in 18 beziehungsweise 13 Vergiftungsfällen jeweils nur noch ein Fall tödlich (8, 9, 10).

Dyspepsie und Reizdarmsyndrom

»Dyspepsie« ist die Bezeichnung für funktionelle Störungen im Bereich des Oberbauches mit Völle-, Druck- und vorzeitigem Sättigungsgefühl, Sodbrennen, epigastrischen Beschwerden, Übelkeit und gegebenenfalls Erbrechen. Unter einer Dyspepsie leiden epidemiologischen Studien gemäß im Laufe eines Jahres 25 Prozent der Bevölkerung. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen begibt sich in ärztliche Behandlung. Die funktionelle Dyspepsie ist keine harmlose Befindlichkeitsstörung, sondern ein Krankheitsbild, das die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen kann.

 

Tabelle 1: Charakteristika von Funktioneller Dyspepsie - FD und Reizdarmsyndrom - RDS

Eher passend zu FDEher passend zu RDS Oberbauchschmerzen diffuse Leibschmerzen frühes Sättigungs-, Druck- und Völlegefühl Meteorismus, Flatulenz Sodbrennen, nicht-saures Aufstoßen Wechsel von Diarrhö und Obstipation Übelkeit und Erbrechen Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung

  

Gleiches gilt für das Reizdarmsyndrom. Hingegen zeichnet sich dieses eher durch diffuse Leibschmerzen, Blähungen, Meteorismus, Flatulenz, Wechsel von Diarrhö und Obstipation beziehungsweise durch das Gefühl der inkompletten Stuhlentleerung aus ­ Beschwerden also, die in erster Linie vom unteren Darm, insbesondere dem Colon ausgehen (Tabelle 1). Differentialdiagnostisch müssen funktionelle von organischen Erkrankungen abgegrenzt werden (Tabelle 2). Erkrankungen wie zum Beispiel Gastritis, Refluxkrankheit, Helicobacter-pylori-Infektionen, Gallensteinleiden, Morbus Crohn oder Magenkarzinom müssen vom Arzt ausgeschlossen werden.

 

Tabelle 2: Abgrenzung organischer Erkrankungen vom funktionellen Magen-Darm-Syndrom

Merkmaleorganischfunktionell Anamnese kurz lang, chronisch Beschwerde-Qualität monoton variabel Schmerzlokalisation umschrieben diffus, wechselnd Gewichtsverlust ++ + Stressabhängigkeit + +++ Ereignisabhängigkeit (+) +++ Nahrungsabhängigkeit ++ (+) gestörte Nachtruhe ++ +() vegetative Labilität (+) +++

 

Die Beratung des Patienten stellt hohe Ansprüche an den Apotheker. Hinterfragt werden muss gegebenenfalls die Dauer, die Regelmäßigkeit der Symptome und die Art der Begleiterscheinungen. Geklärt werden muss, ob abdominale Voroperationen oder die Einnahme von Medikamenten wie zum Beispiel Acetylsalicylsäure oder nicht-steroidale Antirheumatika Ursache der Beschwerden sein können. Bei andauerndem örtlich begrenztem Magenschmerz, blutigem Erbrechen, seltenem oder bleistiftdünnem Stuhlgang, Blut im Stuhl oder schwarzem Stuhl, starken Änderungen in der Stuhlhäufigkeit oder starkem Gewichtsverlust muss dringend die ärztliche Konsultation angeraten werden.

Eine strenge diagnostische Trennung von Reizdarmsyndrom und funktioneller Dyspepsie ist häufig nicht möglich; etwa 30 Prozent der Patienten haben gleichzeitig Symptome, die beiden diagnostischen Entitäten zugeordnet werden können (12). Überlappungen finden sich auch hinsichtlich der Wirkungen der pflanzlichen Arzneimittel. So wird Pfefferminzöl (allein oder in Kombination mit Kümmelöl) sowohl bei funktioneller Dyspepsie als auch bei Reizdarmsyndrom mit Erfolg angewandt. Parallel zu einer etwaigen Phytotherapie muss die Reduktion von Risikofaktoren wie Einschränkung des Alkohol-, Kaffee- und Nikotinkonsums, Minderung von Stress, Umgehung von fetten, scharfen, sehr kalten und sehr heißen Speisen sowie hektischen und opulenten Mahlzeiten empfohlen werden.

Als mögliche Ursachen der funktionellen Dyspepsie werden eine verminderte Magensaftsekretion, eine verminderter Gallebildung, Gallenwegsdyskinesien beziehungsweise eine exokrine Pankreasinsuffizienz vermutet. Phytotherapeutisch werden je nach funktionellen Defiziten und Beschwerden »Amara«, »Cholagoga«, Spasmolytika oder »Carminativa« empfohlen.

Für den Erfolg der Behandlung ist das Vertrauen des Patienten in das Phytopharmakon von ausschlaggebender Bedeutung. In Verbindung mit der gewählten Arznei soll das therapeutische Gespräch vor allem die Selbstheilungskräfte wecken und fördern. Eine Metaanalyse placebokontrollierter Therapiestudien hat bereits vor Jahren gezeigt, dass die Behandlungserfolge bei Reizdarmsyndrom und funktioneller Dyspepsie mehr vom therapeutischen Umfeld als von den Wirkstoffen selbst abhängen (13). In einer Metaanalyse von 17 kontrollierten Studien reduzierte der Einsatz pflanzlicher Arzneimittel die Beschwerden bei 60 bis 95 Prozent der Patienten (14).

Amara mit psychischer Komponente

Ein Bittermittel, in Form zum Beispiel eines Aperitifs oder Magenbitters etwa 20 bis 30 Minuten vor dem Essen in mäßiger Menge eingenommen, regt die Sekretion des Magens und der Galle an, sodass eine bessere Verdauung resultiert. Nach Gabe pflanzlicher Bittermittel als Tee, Pflanzensaft oder Tinktur beziehungsweise als Extrakt zum Beispiel von Enzianwurzel in Fertigarzneimitteln allein (zum Beispiel in Sern®-SL) beziehungsweise in Kombination mit anderen Einzelstoffen wie Wermut (zum Beispiel in ventri-loges® N-Tropfen, Schwedentrunk Elixier, Amara-Pascoe®, Montana Haustropfen, Sedovent® Verdauungstropfen oder Gallexier® Kräuterbitter) wurde auch bei gesunden Probanden eine deutliche Intensivierung der Magensaftproduktion nachgewiesen. Die Therapie mit «Amara« hat eine besondere psychische Komponente. Das zeigt sich daran, dass Bitterstoffe auch bei Patienten mit Achylia gastrica eine Besserung des Appetits bewirken, obwohl bei diesen eine vermehrte Magensaftsekretion nicht induzierbar ist.

Bitterstoffdrogen (Tabelle 3), zu denen neben Enzian und Wermut auch Pomeranzenschalen oder Tausendgüldenkraut zählen, lassen sich pharmazeutisch nach der Intensität ihres bitteren Geschmackes einordnen. Nach mehrwöchiger Anwendung kann sich eine Abneigung gegen bestimmte Bitterstoffdrogen ausbilden, die dann ihrerseits von Appetitschwund begleitet ist. Die Bittermittel unterscheiden sich deshalb von anderen Antidyspeptica darin, dass sie nur kurzfristig anzuwenden sind. Wegen der sekretionsfördernden Wirkung gelten Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre als Gegenanzeigen (15).

 

Tabelle 3: Pflanzliche Bittermittel (Amara)

DrogenBitterwerte Bitterholz 40.000-50.000 Enzianwurzel 10.000-20.000 Wermutkraut 10.000-20.000 Artischockenblätter 15.000-5000 Teufelskrallenwurzel 10.000-5000 Tausendgüldenkraut 10.000-2000 Pomeranzenschalen 2500-1000 Benediktenkraut 2500-1000 Chinarinde circa 1000

  

Cholagoga zur Stärkung der Galle

Einige Phytopharmaka wie Extrakte aus Javanischer Gelbwurz (enthalten zum Beispiel in Salus Gallexier®) oder aus Artischockenblättern (Cynarae folium, enthalten zum Beispiel in Artischocke Madaus®, Artischocken-Tropfen V, Cefacynar®, aar® gamma N, Ardeycholan® Artischocke, Artischocke-ratiopharm, Cholagogum Nattermann®, Hepar-POS®, Hepar SL®, Heparstad® oder Losapan®) haben erwiesene Wirkungen im Sinne einer Verstärkung des Galleflusses und kommen zur symptomatischen Behandlung der funktionellen Dyspepsie zum Einsatz. Der Begriff »Gallemittel« hat sich aufgrund früherer pathogenetischer Vorstellungen zwar eingebürgert. Aufgrund der klinischen Daten wäre diese Gruppe von pflanzlichen Arzneimitten heute richtiger als »Antidyspeptica« zu klassifizieren. Im Sinne einer Teil-Indikation wären Cholagoga vor allem bei solchen dyspeptischen Beschwerden einzusetzen, die mit Druckgefühl oder Schmerzen im rechten Oberbauch einhergehen.

Eine milde und weitgehend physiologisch wirkende Intensivierung der Gallensekretion und Gallenwegsmotorik wird im übrigen auch durch Bittermittel ausgelöst (16). Wie überhaupt zwischen dem therapeutischen Einsatz von Phytopharmaka aus den Gruppen der Cholagoga, Amara und Carminativa in der Praxis nicht immer streng differenziert werden kann. Alle diese Mittel sind nach heutigem Kenntnisstand vorzugsweise symptomlindernd wirksam. Daraus ergibt sich für die Praxis die Forderung, dass in solchen Präparaten keine Bestandteile enthalten sein dürfen, welche in der Langzeittherapie schädlich sein können.

Artischockenblätter-Extrakte sind die einzigen Drogenzubereitungen dieser Indikationsgruppe, deren choleretische Wirksamkeit auch durch placebokontrollierte Doppelblindstudien am Menschen nachgewiesen wurde (17). Am Modell der isoliert perfundierten Rattenleber konnte eine dosisabhängige, etwa zweistündige Steigerung des Galleflusses auf maximal 200 Prozent des Ausgangswertes gezeigt werden; die Untersuchung mit einzelnen Inhaltstoffen ergab, dass die gallenflusssteigernde Wirkung vor allem den Inhaltsstoffen Chlorogensäure, Cynaropikrin und Cynarin zuzuschreiben ist (18). Die Wirksamkeit bei Patienten mit Dyspepsie wurde in einer prospektiven, placebokontrollierten Doppelblindstudie bestätigt (19).

Neben dem choleretischen Effekt wurden in pharmakologischen und klinischen Untersuchungen mit einem wässrigen Artischockenblätter-Extrakt auch Hemmwirkungen auf die Cholesterin-Biosynthese sowie darüber hinaus protektive Wirkungen an isolierten Leberzellen nachgewiesen. Die Hemmwirkung auf die Cholesterin-Biosynthese in vitro korrespondiert mit zahlreichen Erfahrungsberichten wie auch einer kontrollierten klinischen Studie, aus denen hervorgeht, dass Artischocken-Zubereitungen bei dauerhafter Anwendung auch beim Menschen zur Senkung insbesondere des Cholesterin-Blutspiegels beitragen können (15).

Die Monographie »Cynarae folium« der Kommission E empfiehlt für die Indikation »dyspeptische Beschwerden« als mittlere Tagesdosis 6 g Droge beziehungsweise das Extraktäquivalent berechnet nach dem Droge-Extrakt-Verhältnis. Als Gegenanzeigen werden Allergie gegen Artischocken oder andere Korbblütler sowie Verschluss der Gallenwege genannt. Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Mitteln sind laut Kommission E-Monographie nicht bekannt. Als pflanzliche Cholagoga gelten außerdem Schöllkraut (Chelidonii herba), Boldoblätter (Boldo folium), Erdrauchkraut (Fumarae herba) und Löwenzahn (Taraxici radix cum herba) (15).

Carminativa gegen Meteorismus

Meteorismus mit Völlegefühl und Übelkeit beziehungsweise Blähungen und Flatulenz gehören nicht nur zu den typischen Beschwerden der funktionellen Dyspepsie einer- und des Reizdarmsyndroms andererseits, sondern zu den häufigsten Befindensstörungen von Patienten in der allgemeinärztlichen Praxis überhaupt.

Carminativa, sprich: ätherische Öle, pflanzliche Zubereitungen oder Extrakte aus Kümmel, Fenchel und Anis, aber auch aus Pfefferminze, Kamille, Melisse und Angelikawurzel, denen in der Mehrzahl auch spasmolytische Wirkungen zugeschrieben werden (15), spielen in der Therapie des Meteorismus eine besondere Rolle.

Die arzneilich verwendete Pfefferminze (Mentha piperita) kommt als Wildform nicht vor. Züchtungen haben zu einer Reihe von Kultursorten geführt. Die bedeutsamste ist nach wie vor die vor mehr als 200 Jahren in England entstandene Mitcham-Minze. Pfefferminzöl wird aus der Droge durch Wasserdampfdestillation gewonnen. Es ist farblos bis blassgrün und zeichnet sich durch seinen charakteristischen durchdringenden Geruch aus Hauptkomponente (etwa 50 bis 60 Prozent) ist Menthol.

Den Monographien der Kommission E von 1986 gemäß sind »Pfefferminzblätter« zur Therapie «krampfartiger Beschwerden im Magen-Darm-Bereich sowie der Gallenblase und -wege²« geeignet, ist »Pfefferminzöl« bei innerer Anwendung zur Behandlung »krampfartiger Beschwerden im oberen Gastrointestinaltrakt und der Gallenwege sowie zur Therapie des Colon irritabile und Katarrhen der oberen Luftwege angezeigt.

Pfefferminz- und Kümmelöl gelten neben Anis-, Fenchel- und Kümmeltee sowie Quellmitteln wie Weizenkleie, osmotischen Laxantien wie Lactulose oder aber Spasmolytika als wichtige Therapeutika beim Reizdarmsyndrom, vom dem in Europa, den USA, China und Japan Studien gemäß zwischen 10 und 25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen sind (20). Welche pharmakotherapeutische Maßnahmen auch zum Einsatz kommen: Die vertrauensvolle Führung des Patienten durch den Arzt und Apotheker hat ausschlaggebende Bedeutung (21).

Eine statistische Meta-Analyse von acht Studien führte zu dem Resultat, dass die Behandlung des Reizdarmsyndroms mit Pfefferminzöl der mit Placebo signifikant überlegen ist (22). Die Einnahme von Pfefferminzöl kann mit Nebenwirkungen wie Exanthemen, Kopfschmerzen, Bradykardie, Tremor oder Diarrhö einhergehen. Verschlüsse der Gallenwege, Gallenblasenentzündungen, schwere Leberschäden sowie Anwendungen im Bereich des Gesichtes bei Kleinkindern gelten als Kontraindikationen.

Pfefferminz- und Kümmelöl

Die fixe Kombination aus Pfefferminzöl (als Einzelstoff enthalten zum Beispiel in Chiana®, Medacalm® et cetera) und Kümmelöl (enthalten zum Beispiel in Enteroplant®, Pasvoventral® beziehungsweise mit anderen Einzelstoffen wie Fenchel oder Pomeranzenschale oder aber Bitterer Schleifenblume, Angelikawurzel, Kamillenblüten, Mariendistelfrüchten, Melissenblättern, Schöllkraut oder Süßholzwurzel in Carminativum-Hetterich®, Gastrysat® Bürger, Gastricholan-L® beziehungsweise Iberogast®) kommt erfolgreich zur Anwendung bei dyspeptischen Beschwerden insbesondere mit Blähungen, Völlegefühl und leichten Krämpfen im Magen-Darm-Bereich beziehungsweise bei funktionellen und motilitätsbedingten Magenstörungen.

Die Wirkprofile der zugelassenen Kombinationen lassen sich zum Teil bei denen von Amara, zum Teil bei denen von Antidyspeptika einordnen. Studien gemäß wirken Pfefferminz- und Kümmelöl synergistisch; die Kombination hat das Wirkprofil eines milden Spasmolytikums und sollte bevorzugt bei Dyspepsien mit krampfartigen Beschwerden im Abdomen eingesetzt werden (23). Die signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo wurde in mehreren kontrollierten Doppelblindstudien belegt. Die Kombination aus Pfefferminz- und Kümmelöl wirkt bei funktioneller Dyspepsie ähnlich effektiv wie das Prokinetikum Cisaprid, das zur Therapie bei Dyspepsie nicht mehr zu Verfügung steht.

So, wie es zur diagnostischen Überlappung der diversen Symptome der einzelnen Krankheitsbilder kommen kann, so liegen auch Überlappungen in den Wirkprofilen der beschriebenen Phytotherapeutika vor. Die funktionelle Dyspepsie spricht eher auf Amara und Cholagoga, das Reizdarmsyndrom eher auf spasmolytische Wirkstoffe zum Beispiel in Pfefferminzöl an. Phytopharmaka haben ihren Stellenwert in der Behandlung der funktionellen Dyspepsie und des Reizdarmsyndroms. Psychologische Aspekte und hier insbesondere auch und gerade das Vertrauen des Patienten zum Apotheker sind für den Therapieerfolg des Phytopharmakons von ausschlaggebender Bedeutung.

 

Literatur

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Der Autor

Professor Dr. med. Volker Schulz studierte Medizin an den Universitäten Berlin und Göttingen. Nach seiner Promotion 1969 schloss er ein Studium der Biochemie an der Universität Tübingen an, das er 1972 als Diplomchemiker beendete, bevor er von 1973 bis 1974 zur Schering AG nach Berlin ging. Von 1975-1987 war Schulz als Assistenz- und Oberarzt an den Städtische Kliniken Dortmund, an der Medizinischen Hochschule Hannover und an der Medizinische Universitätsklinik Köln tätig. Als Professor für Innere Medizin übernahm er 1988 die Leitung des Bereiches Forschung und Entwicklung bei Lichtwer Pharma, Berlin. Seit 1998 ist Schulz als unabhängiger wissenschaftlicher Berater tätig.

 

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Volker Schulz
Oranienburger Chaussee 25
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