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Apotheker und die Liebe zur Physik

04.07.2005  00:00 Uhr
.Pharmaziegeschichte

Apotheker und die Liebe zur Physik

von Christoph Friedrich, Marburg

Zu keiner Zeit beschränkten sich Apotheker als Wissenschaftler auf rein pharmazeutische Fragen. Vielmehr ließen sie sich anregen, auch auf chemischem, botanischem, mineralogischem oder auch physikalischem Gebiet zu forschen und zu publizieren. Wichtige physikalische Erfindungen sind Apothekern zu verdanken. Ein Blick zurück.

Bereits die erste gesamtdeutsche Prüfungsordnung für Apotheker vom 1. Oktober 1875, mit der auch in Preußen das Studium der Pharmazie endgültig obligatorisch wurde, sah eine mündliche »Schlussprüfung« in den Fächern Chemie, Botanik, Gesetzeskunde und Physik vor. Sie verfügte zugleich die Bildung pharmazeutischer Prüfungskommissionen an den Universitäten. Diesen gehörte neben Professoren für Chemie und Botanik sowie einem wissenschaftlich gebildeten Apotheker, der die Gesetzeskunde zu prüfen hatte, auch ein Dozent der Physik an. In den folgenden in Deutschland erlassenen Prüfungs- und Approbationsordnungen blieb die Physik weiterhin Examensfach (1). So schließt auch das gegenwärtig innerhalb des Ersten Abschnitts der Pharmazeutischen Prüfung abzulegende dritte Prüfungsfach Grundlagen der Physik und der Physikalischen Chemie ein.

Obgleich Physik nicht immer zu den Lieblingsfächern der Pharmaziestudenten gehört, zeigen einige junge Pharmazeuten doch besonderes Interesse an physikalischen Lehrinhalten. Auch in früherer Zeit gab es Apotheker, die der Physik mehr als nur die für das Studium erforderliche Aufmerksamkeit schenkten, ja sich ihr sogar hauptamtlich widmeten. Im Folgenden werden einige physikalisch besonders engagierte und auf diesem Gebiet tätige Apotheker vorgestellt.

Trommsdorff und Gren

Obwohl der Erfurter Apotheker und Professor Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 bis 1837) vor allem auf chemischem Gebiet hervortrat, wurde in der von ihm 1795 gegründeten »Chemisch-physikalischen und Pharmazeutischen Pensionsanstalt für Jünglinge« auch Naturlehre, also Physik, einschließlich aller notwendigen Experimente gelehrt. Während dieser Unterricht in der Frühzeit des Instituts von Professor Alexander Joseph Hamilton (1754 bis 1828) übernommen wurde, widmete sich Trommsdorff in späteren Jahren diesem Fach selbst (2). Vermutlich aus diesem Grund verfasste er ein »Lehrbuch der Physik«, das 1817 erschien.

Trommsdorff betrachtete die Physik als eine Grundlagenwissenschaft, die dem Pharmazeuten das Verständnis der Chemie erleichtern sollte (3, 4). Er vertrat die Ansicht, dass »ohne die Kenntnis derselben [. . .] ein großer Theil der chemischen Lehren gar nicht verstanden werden können«. Sein Handbuch zeichnete sich »durch einen deutlichen, leicht verständlichen Vortrag« aus (5). Daher wurde es auch von anderen als Lehrbuch zu Grunde gelegt, so von seinem ehemaligen Schüler Anselm Franz Strauß (1780 bis 1830), der danach am Forstinstitut Aschaffenburg Physik unterrichtete (3).

In seinem achtbändigen »Systematischen Handbuch der gesammten Chemie« widmet sich Trommsdorff im fünften Band der »Geschichte des Galvanismus und der galvanischen Electricität« (6). Schließlich behandelte er auch in Vorträgen, die er vor der Mathematisch-physikalischen Gesellschaft und der Erfurter Akademie nützlicher Wissenschaften hielt, Probleme aus der Physik. So beschäftigte er sich am 5. Juli 1797 mit der »Revision einiger Begriffe aus der Chemie und Physik« und führte am 8. April 1801 »Versuche mit einer Volta‹schen Säule« vor (7).

Das Interesse an physikalischen Phänomenen hatte er offenbar seinem Sohn Hermann Trommsdorff (1811 bis 1884) vererbt, der sich gleichfalls vor der »Königlichen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt« mehrfach physikalischen Themen zuwandte, so der Kontaktelektrizität, dem Irrlicht und der Spektralanalyse. In einem Referat vor dem »Erfurter Gewerbeverein« beschäftigte sich Hermann Trommsdorff mit der Sonne, wobei er einen »weiten Bogen von der Wärmeentwicklung zur Beeinflussung aller Dinge auf Erden durch die Sonnenstrahlen« spannte (8).

Der gleichfalls dem Apothekerberuf entstammende Friedrich Albert Carl Gren (1760 bis 1798) vertrat als Professor an der Universität Halle neben der Chemie auch die Physik (Naturlehre). In seinem »Grundriß der Naturlehre« von 1788 behandelte er physikalische Grundlagen und stellte auch in einigen Aufsätzen Geräte und Forschungsergebnisse aus der Physik vor. Mit dem von ihm 1790 begründeten »Journal der Physik«, das nach seinem Tod unter dem Namen »Annalen der Physik« fortgeführt wurde, entstand eine Zeitschrift, die für die Entwicklung dieses Fachs eine große Bedeutung besaß (9).

Johann Wilhelm Ritter

Der im schlesischen Samitz als ältester Sohn eines armen Landpfarrers geborene Johann Wilhelm Ritter (1776 bis 1810) gilt in der Wissenschaftsgeschichte heute allgemein als Physiker. Nur noch »Insidern« ist bekannt, dass er seine naturwissenschaftliche Ausbildung 1791 mit 14 Jahren in der Hof- und Stadtapotheke Liegnitz begann (10). Diese Apotheke gilt als älteste in Schlesien, das Privileg ist auf den 5. Februar 1439 datiert.

Ritters Lehrherr, Apotheker Wilhelm Friedrich Schmidt, der die Witwe seines Vorgängers, Rosina Dorothea Stadelmann, geheiratet hatte, wird seit 1780 als Inhaber der Apotheke genannt. Schmidt weckte vermutlich Ritters Interesse an physikalischen Versuchen. Die Bunzlauer Monatsschrift berichtet, dass Schmidt Mitte Mai 1784 einen Luftballon, der mit »brennbarer Luft« (Wasserstoff) gefüllt war, vor den Augen der Zuschauer aufsteigen ließ, was diese sehr entzückte (11). Insgesamt scheint Ritter jedoch die Lehrzeit, die er 1795 beendete, als eine eher verlorene Zeit empfunden zu haben, wenn er rückblickend bekannte, dass »die Fügung in eine völlig technische Laufbahn« ihn »fünf beste Jahre seines Lebens« gekostet habe (10).

Gern gab er daher die Apothekenstelle auf, um sich am 27. April 1796 an der Universität Jena zu immatrikulieren. In der Vorrede zu seiner Schrift »Fragmente aus dem Nachlass eines jungen Physikers« berichtete er in der dritten Person distanziert über seine Studienzeit (10, S. 44 ): »Er [Ritter] lebte damals in der größten Zurückgezogenheit in einer abgelegenen Gasse, in einem kümmerlich ausgestatteten Zimmer, und welches er oft vier Wochen lang nicht verließ; im Grunde, weil er nicht wußte, warum, und zu wem es übrigens auch der Mühe wert sey, zu gehen. Seine ganze Gesellschaft waren lange Zeit seine wenigen, aber guten Bücher.«

Schnell erwarb er sich wissenschaftliche Anerkennung. Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) bat ihn, den ersten Band seiner »Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser« kritisch durchzusehen. 1797 hielt Ritter einen Vortrag vor der »Naturforschenden Gesellschaft zu Jena«, in dem er seine Untersuchungen zum Galvanismus vorstellte. Der italienische Mediziner Luigi Galvani (1737 bis 1798) hatte festgestellt, dass ein Froschschenkel durch Berühren mit einem Metallgegenstand zuckt. Er verglich den Muskel mit einer Leidener Flasche und betrachtete die »tierische Elektrizität« als Ursache dieses Phänomens. Galvanis Entdeckung, die er 1791 publizierte, übte eine große Faszination auf seine Zeitgenossen aus.

Trotz seiner Zurückgezogenheit freundete sich Ritter bald mit dem Dichter und Naturforscher Novalis an, der eigentlich Friedrich von Hardenberg (1772 bis 1801) hieß und ihn in den Kreis der Jenaer Frühromantiker einführte. Kontakte ergaben sich auch zu Hans Christian Oersted (1777 bis 1851), einem gleichfalls auf physikalischem Gebiet erfolgreich tätigen dänischen Apotheker, sowie zu Johann Gottfried Herder (1744 bis 1803) und Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832).

Seine Hoffnung, durch Vermittlung Goethes eine Anstellung bei Herzog Karl August erhalten zu können, erfüllte sich nicht. 1802 beschäftigte ihn jedoch der naturwissenschaftlich sehr interessierte Herzog Ernst II. (1745 bis 1804) von Sachsen-Gotha als Experimentator. Die Zeit in Gotha, in der er auf Anregung Ernst II. neben der Physik auch Mathematik betrieb, empfand er als die »glücklichste und Folgenreichste« (10, S. 117).

Von 50 Studierenden gedrängt, begann Ritter 1803 an der Universität Jena, Vorlesungen über Galvanismus zu halten. Der Tod von Herzog Ernst II. zerschlug seine Aussichten auf eine permanente Anstellung in Gotha. Diskrepanzen mit der Universität Jena sowie eine im Sommer 1804 eingegangene Ehe veranlassten ihn, 1805 eine Berufung an die Bayerische Akademie der Wissenschaften anzunehmen.

Die Münchner Zeit erwies sich indessen nicht als so glücklich wie erhofft; schon 1806 schrieb Ritter an Oersted (10, S. 133): »Hier lebe ich, wie in einer Einöde. Nicht einmal das Glück, die Jugend zu begeistern, kann mir hier werden.« Auch Geldsorgen blieben seine ständigen Begleiter, wie er 1808 bemerkte (12, S. 181 f.): »Ich bin ärmer geworden, als ich je war. Häufig weiß ich den Abend vorher nicht, wovon meine Kinder essen sollen [. . .]. Ich habe bereits ein Drittel meines Gehalts zur Abtragung einer hiesigen Schuld zedieren müssen [. . .] ich möchte betteln, wenn ich nur könnte.«

Während der Besetzung Münchens durch französische Truppen kam es zum wirtschaftlichen Zusammenbruch. Ritter schickte seine Frau und seine vier Kinder im August 1809 nach Nürnberg und versuchte selbst, seine finanziellen Verhältnisse zu ordnen. Jedoch erkrankte er infolge des permanenten Raubbaus an seiner Gesundheit im Oktober 1809 schwer und verstarb am 23. Januar 1810.

Apotheker Adolph Ferdinand Gehlen (1775 bis 1815), in dessen »Journal der Chemie« Ritter häufig publiziert hatte und der als Junggeselle in Ritters Haus lebte, übermittelte Oersted die Nachricht »von dem Tode eines Mannes [. . .], der in der Wissenschaft so einzig in seiner Art dasteht, der soviel für sie getan hat, und der seines herrlichen Gemütes wegen seinen Freunden so überaus teuer war« (12, S. 183).

Ritters physikalische Arbeiten

Ritter gab der Physik wichtige Impulse. Nachdem er bereits in seinem ersten Buch den Beweis erbracht hatte, »dass ein beständiger Galvanismus Lebensprozesse im Tierreiche begleite« (13), übertrug er den Galvanismus auf die anorganische Natur. Er zeigte, dass die Elektrizität Alessandro Voltas (1745 bis 1827) mit der chemischen Oxidationsreihe identisch ist. Wie er ferner feststellte, stimmte die von der Voltaschen Säule gelieferte Elektrizität mit der gewöhnlichen Reibungselektrizität überein, da sich durch Voltasche Batterien geladene Körper in gleicher Weise anziehen, abstoßen und »influenzieren« wie reibungselektrische. Zugleich wies er nach, dass auch Batterien von Leidener Flaschen durch Voltasche Säulen geladen werden können und stellte ein erstes Spannungsgesetz sowie eine Theorie der elektrolytischen Zersetzung auf. 1802 entwickelte er die Trockensäule und wenig später die Ladungssäule als Vorform des Akkumulators.

Als Ritters bedeutendste Tat gilt die Entdeckung der ultravioletten Strahlung. Neben Experimenten bediente er sich auch naturphilosophischer Spekulationen, um eine Verbindung von Physik und Metaphysik zu erreichen. In den letzten Lebensjahren wandte er sich vermehrt okkulten Fragen (Wünschelrutengängerei und Erzpendeln) zu (14, 15).

Johann Christian Poggendorff

Zu den gleichfalls stets als Physiker bezeichneten Apothekern zählt Johann Christian Poggendorff (1796 bis 1877), der 1796 als Sohn eines Zuckerfabrikbesitzers in Hamburg geboren wurde. Die Familie hatte während der Besetzung Hamburgs durch die Franzosen nahezu ihr gesamtes Vermögen verloren, weshalb Poggendorf den Beruf des Apothekers ergreifen musste (16). 1812 trat er in die Hassesche Apotheke in Hamburg ein, vermutlich in die auf dem Cremon 82 gelegene Offizin, die 1788 von Johann Friedrich Bernhard Hasse gegründet worden war und seit 1795 von Adolph Benedikt Koch geleitet wurde (17).

Nach beendeter Lehrzeit verließ Poggendorff 1818 Hamburg und übernahm eine Gehilfenstelle bei Apotheker Julius Spalkhafer in Itzehoe. Da er jedoch keine Aussicht auf eine eigene Apotheke hatte, entschloss er sich ­ nicht zuletzt angeregt von seinem ehemaligen Mitschüler Friedlieb Ferdinand Runge (1794 bis 1867), dem Entdecker des Anilin ­,, seine naturwissenschaftlichen Studien, die er bis dahin vornehmlich autodidaktisch betrieben hatte, 1820 an der Universität Berlin fortzusetzen.

Gemeinsam mit Runge bezog er eine Wohnung, in der beide, wie der Dichter Hoffmann von Fallersleben (1797 bis 1874) berichtet, eine echte »Junggesellenwirtschaft« führten (18): »Die Stube war bei den allerlei chemischen Versuchen fürchterlich zugerichtet: auf dem Fußboden, an den Wänden, an den Fensterscheiben zeigten sich Spuren von allerlei Farben und schmutzigen Überresten [. . .]. Neben dem lebendigen, unruhigen Runge beschäftigte sich sein stiller, bedächtiger Landsmann Poggendorff [. . .] meist mit Physik.« Poggendorff, der insbesondere Chemie und Physik belegte, fand in dem experimentellen Physiker Paul Erman (1764 bis 1851), einem Gegner der romantischen Naturphilosophie, einen Mentor, der seine Studien unterstützte.

Nach dem Tod von Ludwig Wilhelm Gilbert (1769 bis 1824) übernahm Poggendorff die Redaktion der Zeitschrift »Annalen der Physik und Chemie«. Bis 1877 widmete er sich dieser redaktionellen Aufgabe mit großem Einsatz und gab insgesamt 160 Bände heraus. W. Barentin betonte Poggendorffs spezielle Eignung für diese Tätigkeit (16): »Neben reichen historischen und litterarischen Kenntnissen, welche ihm bei der Beurtheilung wissenschaftlicher Arbeiten erhebliche Dienste leisteten, besass er Eigenschaften, die ihm gerade in diesem Beruf besonders zu statten kamen. Der Sinn für Ordnung erfüllte sein ganzes Wesen. [. . .] Nicht ohne Freude und Verwunderung konnte man diese Zeugen seiner Ordnungsliebe ansehen, deren nächster Vortheil für ihn jedenfalls darin bestand, dass er mit Leichtigkeit jede ihm wünschenswerthe und zugängliche Litteraturkenntniss sich beschaffen konnte und er mit Suchen in seinem Leben überhaupt nur wenig Zeit verlor. ­ Was er schrieb war sauber und deutlich, seine Ausdrucksweise, sowohl die schriftliche wie die mündliche, musterhaft klar, bündig, offen, und dabei stets verbindlich; er hatte die unter Umständen beneidenswerthe Gabe rückhaltlos aber mit Ruhe und Milde seine Meinung zu vertreten.«

Unter Gilbert waren in den »Annalen der Physik und der Chemie« überwiegend chemische Arbeiten abgedruckt worden, weshalb Apotheker wie Friedrich Wilhelm Sertürner (1783 bis 1841) häufig in dieser Zeitschrift publizierten. So war auch Sertürners Aufsatz über das Morphin, der ihn bekannt machte, 1817 in den »Annalen« erschienen (19). In der Ära Poggendorff verlagerte sich der Schwerpunkt der Zeitschrift mehr und mehr auf die Physik, die in dieser Zeit einen bemerkenswerten Innovationsschub erlebte, da inzwischen etliche pharmazeutische und chemische Periodika existierten.

Poggendorff war auch selbst auf physikalisch-experimentellem Gebiet tätig. Die Annalen enthalten einen »ansehnlichen« Teil eigener Veröffentlichungen, von denen nicht wenige »zu den bedeutsamsten ihrer Zeit« zählen (16, S. XII). Insgesamt verfasste er 156 wissenschaftliche Arbeiten. Bereits als Student in Berlin erfand er unabhängig von dem Physiker Johann Salomo Christoph Schweigger (1779 bis 1857) einen »Multiplikator«, das heißt eine Spule, die durch ihre zahlreichen Windungen auch bei schwach hindurchfließenden elektrischen Strömen eine Magnetnadel ablenkt. 1826 fügte Poggendorff dem Multiplikator eine Spiegelablesung hinzu. Seine Hauptforschungsgebiete waren Magnetik und Elektrik. Er verbesserte die Saxtonsche Induktionsmaschine und führte bereits 1869 mit Influenzmaschinen elektrische Kraftübertragungen durch. Daneben gilt Poggendorff als Mitbegründer der Physikalischen Chemie.

1830 erhielt er den Professorentitel, vier Jahre später promovierte ihn die Universität Berlin zum Dr. phil. h. c. und 1844 folgte der Dr. med. h. c. der Universität Königsberg. An der Berliner Universität hielt Poggendorff Vorlesungen zur Geschichte der Physik. Seine historischen Interessen mündeten zunächst in das Buch »Lebenslinien zur Geschichte der exakten Wissenschaften«, eine Zusammenstellung von 150 Wissenschaftlerbiographien und zugleich Vorstudie für ein größeres Werk, das Poggendorffs Namen bis heute lebendig hält: das »Biographisch-literarische Handwörterbuch zur Geschichte der exacten Wissenschaften, enthalten Nachweisungen über Lebensverhältnisse und Leistungen von Mathematikern, Astronomen, Physikern, Chemikern, Mineralogen, Geologen und so weiter aller Völker und Zeiten (bis 1858)«.

Es handelt sich um ein bis heute unentbehrliches Bio- und Bibliographikon für die Naturwissenschaftsgeschichte, in dem biographische Angaben, wichtige Publikationen und weiterführende biographische Hinweise von Naturwissenschaftlern zusammengestellt sind. Das »Biographisch-literarische Handwörterbuch«, von dem 1863 zwei Bände erschienen, wird bis heute unter dem Namen »Johann Christian Poggendorffs Biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften« fortgesetzt (20).

Ernst Beckmann

Obwohl der als Sohn eines Farbstofffabrikanten in Solingen geborene Ernst Otto Beckmann (1853 bis 1923) von 1892 bis 1897 in Erlangen und anschließend bis 1912 in Leipzig im Rahmen eines Ordinariats für Angewandte Chemie für die Pharmazeutenausbildung verantwortlich war, brachte er der Physik besonderes Interesse entgegen.

Beckmann hatte zunächst eine Apothekerlehre in Elberfeld absolviert und danach in Arolsen, Burg an der Wupper, Leipzig und Köln konditioniert. 1874 übernahm er eine Assistentenstelle bei dem Apotheker und analytischen Chemiker Remigius Fresenius (1818 bis 1897). Ein Jahr später immatrikulierte er sich in Leipzig, wo er Pharmazie und Chemie studierte und 1878 mit einer organisch-synthetischen Arbeit unter Ernst von Meyer (1847 bis 1916) promoviert wurde (21). Nach dem Militärdienst war Beckmann an der TH Braunschweig tätig und habilitierte sich hier 1882 mit einer Arbeit über »Untersuchungen über die Aluminate und basischen Haloidsalze des Bariums« (22).

Ein Jahr später kehrte er nach Leipzig zurück und war bei dem Physikochemiker Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932) tätig, widmete sich aber zugleich der Pharmazeutenausbildung. 1891 folgte Beckmann einem Ruf als außerordentlicher Professor für Physikalische Chemie nach Gießen, ehe er als Ordinarius nach Erlangen und schließlich erneut nach Leipzig wechselte (21). 1912 übernahm er die Direktion des Ersten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie und wirkte zugleich als Professor an der Berliner Universität.

In seinem wissenschaftlichen Werk überwiegen zwar pharmazeutisch-chemische Untersuchungen ­ noch heute erinnert die »Beckmannsche Umlagerung«, die er 1886 beschrieb (23), an sein diesbezügliches Wirken. Dennoch publizierte er auch eine Reihe physikalischer und physikalisch-chemischer Arbeiten. So beschäftigte er sich mit der Bestimmung von Molekulargewichten nach der Siedemethode, mit neueren physikalischen Methoden zur Beurteilung von Milch, Wein und Bier, mit dem Färben nichtleuchtender Flammen (Spektrallampen), aber auch mit kryoskopischen, photometrischen und ebullioskopischen (Bestimmung der relativen Molekülmasse) Bestimmungen. Schließlich belegen Erfindungen wie der Beckmannsche Zerstäuber, die Beckmannsche Natriumpresse und nicht zuletzt das von ihm entwickelte Beckmann-Thermometer seine physikalische Kompetenz (21).

Weitere Apotheker in der Physik

Zu den auf physikalischem Gebiet tätigen Apothekern zählt gleichfalls Anton Lederer (1870 bis 1932). Der in Prag geborene Rechtsanwaltssohn übernahm 1894 eine Apotheke in seiner Heimatstadt, setzte jedoch vier Jahre später seine Studien an der Universität Wien fort. 1903 übertrug man ihm dann die Leitung einer neu gegründeten Glühlampenfabrik in Atzgersdorf bei Wien. Lederer entwickelte gemeinsam mit Auer von Welsbach (1858 bis 1929) die Osmiumlampe als eine erste Metallfadenlampe und initiierte 1904/05 die Herstellung von Wolframfäden nach dem Pastenverfahren. 1906 konnte er die Lebensdauer der Glühfäden mit dem von ihm entwickelten Thoriumverfahren beträchtlich verlängern (24).

Auch einige Nachschlagewerke der Pharmazie behandeln physikalische Themen. Im »Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie« von Hermann Thoms (1859 bis 1931) ist der zweite Band physikalisch-chemischen Untersuchungsmethoden gewidmet (25). Das Buch beginnt mit einem Kapitel »Hypothesen und Theorien auf physikalischem und chemischem Gebiet«, das der Thoms-Schüler Theodor Sabalitschka (1889 bis 1971) verfasste. Sabalitschka, der seit seiner Habilitation 1922 für pharmazeutische Chemie an der Universität Berlin lehrte, 1936 jedoch wegen seiner Kritik am NS-Regime ein Lehrverbot erhielt, beschäftigte sich neben seinen chemischen Studien immer wieder auch mit physikalischen Fragen (26). In dem genannten Kapitel versucht er unter anderem, den Apothekern die Atomstruktur und die Relativitätstheorie nahe zu bringen (25). Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Pharmazeutische Technologie in zunehmendem Maß physikalischer und physikalisch-chemischer Methoden bediente, was auch in den Lehrbüchern seinen Niederschlag fand (27).

Apothekerwissen als Fundament

Wie Erika Hickel 1978 nachwies, war der Apothekerberuf eine »Keimzelle« für zahlreiche naturwissenschaftliche Professionen (28). Eine meist schon im Alter von 14 Jahren beginnende Ausbildung und die Möglichkeit, bereits mit 20 Jahren eigenes Geld zu verdienen, veranlasste gerade Söhne aus pekuniär schlechter gestellten Elternhäusern, ihre naturwissenschaftliche Ausbildung in der Apotheke zu beginnen. Besonders begabte Apothekergehilfen wandten sich später unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Arbeiten zu und machten diese zur Lebensaufgabe.

So ging eine nicht geringe Anzahl von Chemikern, Botanikern und Mineralogen und ­ wie hier dargelegt ­ auch Physiker aus der Apotheke hervor. Obgleich deren Anzahl nicht annähernd so groß ist wie die der Chemiker und Botaniker, besitzen Namen wie Ritter, Poggendorff oder Beckmann noch heute in der Geschichte der Physik oder der Physikalischen Chemie einen guten Klang.

Mit der in der Apotheke erworbenen Exaktheit beim naturwissenschaftlichen Arbeiten und Beobachten beschäftigten sich diese Pharmazeuten mit faszinierenden Phänomenen wie Galvanismus, Magnetismus und Elektrizität. Auffällig ist ihr besonderes Interesse an der praktischen Anwendung der »experimentell und mathematisch vorgehenden Erfahrungswissenschaft« Physik (29). Mit ihren Erfindungen oder Verbesserungen von Geräten und Apparaturen konnten sie das Methodenrepertoire der Physik und Physikalischen Chemie eindrucksvoll erweitern (30). Es sollte daher nicht vergessen werden, dass die Entwicklung des Akkumulators, des Multiplikators, der Induktionsmaschine, aber auch des Beckmann-Thermometers wesentlich durch Apotheker vorangetrieben wurde.

 

Quellen und Literatur

  1. Rankenburg, H., Die Apothekerausbildung im Spiegel der deutschen Prüfungs- und Approbationsordnungen von 1875 bis 1989. Frankfurt a. M., Berlin, Bern, New York, Paris und Wien 1996, S. 22f.
  2. Abe, H. R., Zur Geschichte des »Chemisch-physikalisch-pharmazeutischen Instituts« von Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt (1795 ­ 1828), der ersten modernen chemisch-pharmazeutischen Lehranstalt auf deutschem Boden. Beiträge zur Geschichte der Universität Erfurt (1392-1816), H. 16 (1971/72) 225.
  3. Götz, W., Zu Leben und Werk von Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770-1837). Darstellung anhand bisher unveröffentlichten Archivmaterials. Würzburg 1977.
  4. Trommsdorff, J. B., Lehrbuch der Physik zur Vorbereitung auf das Studium der Chemie. Gotha 1817.
  5. [Trommsdorff, J. B.], [Ankündigung]. Neues Journal der Pharmacie für Aerzte, Apotheker und Chemiker 1 (1817) 1. St., S. 401.
  6. Trommsdorff, J. B., Systematisches Handbuch der gesammten Chemie zur Erleichterung des Selbststudiums dieser Wissenschaft. 5. Bd.: Geschichte des Galvanismus oder der galvanischen Elektricität, besonders in chemischer Hinsicht. Erfurt 1803.
  7. Götz, W., Bibliographie der Schriften von Johann Bartholomäus Trommsdorff. Stuttgart 1985, S. 93f.
  8. Lauterbach, I. R., Christian Wilhelm Hermann Trommsdorff (1811 ­ 1884). Zu Leben und Werk eines pharmazeutischen Unternehmers. Stuttgart 2000, S. 205.
  9. Seils, M., Friedrich Albert Carl Gren in seiner Zeit 1760-1798. Spekulant oder Selbstdenker? Stuttgart 1995.
  10. Richter, K., Das Leben des Physikers Johann Wilhelm Ritter. Ein Schicksal in der Zeit der Romantik. Weimar 2003, S. 20.
  11. Brachmann, W., Beiträge zur Apothekengeschichte Schlesiens. Würzburg 1966, S. 314-317.
  12. Schimank, H., Johann Wilhelm Ritter. Der Begründer der wissenschaftlichen Elektrochemie. Ein Lebensbild aus dem Zeitalter der Romantik. In: Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte 5, Nr. 6 (1933) 176-203.
  13. Ritter, J. W., Beweis, daß ein beständiger Galvanismus Lebensprozess im Tierreiche begleite. Weimar 1798.
  14. Wetzels, W. D., Johann Wilhelm Ritter. Physik im Wirkungsfeld der Romantik. Berlin, New York 1973.
  15. Hartwig, W., Physik als Kunst. Über die naturphilosophischen Gedanken Johann Wilhelm Ritters. Diss. Freiburg i. Br. 1955.
  16. Barentin, W., Nekrolog. Poggendorffs Annalen 160 (1877) V-XXIV.
  17. Schmitz, R., Geschichte der Hamburger Apotheken 1818-1965. Frankfurt am Main 1966, S. 34.
  18. Anft, B., Friedlieb Ferdinand Runge ­ sein Leben und sein Werk. Berlin 1937, S. 12f.
  19. Friedrich, Ch., Zum 150. Todestag des Entdeckers des Morphins, Friedrich W. Sertürner. Pharm. Ztg. 136 (1991) 1935-1941.
  20. Salié, H., Poggendorff and »Poggendorff«. Isis 57 (1966) 389 ­ 392.
  21. Lockemann, G., Ernst Beckmann (1853-1923). Sein Leben und Wirken. Berlin 1927.
  22. Mayr, E., Universität und Apotheker in Leipzig. In: Friedrich, Ch., Müller-Jahncke, W.-D. (Hrsg.), Apotheker und Universität, Stuttgart (Veröffentlichungen zur Pharmaziegeschichte, 2), S. 129-148.
  23. Beckmann, E., Zur Kenntnis der Isonitrosoverbindungen. Berichte Dtsch. Chem. Ges. 19 (1886) 988.
  24. Finlayson, L., Anton Lederer. Elektrotechnik und Maschinenbau 26 (1932) Beilage Lichttechnik, S. 39f.
  25. Thoms, H., Handbuch der praktischen und wissenschaftlichen Pharmazie. Band II Untersuchungsmethoden. Berlin, Wien 1925.
  26. Kintzel, B., Friedrich, Ch., Th. Sabalitschka ­ Hochschullehrer im Dritten Reich. Pharm. Ztg. 136 (1991) 3326-3331.
  27. Friedrich, Ch., Zur Entwicklung der Galenik als Hochschulfach. Pharm. Ztg. 142 (1997) 4580 ­ 4582.
  28. Hickel, E., Der Apothekerberuf als Keimzelle naturwissenschaftlicher Berufe in Deutschland. Medizinhist. J. 13 (1978) 259-276.
  29. Krafft, F., Der Weg von den Physikern zur Physik an den deutschen Universitäten. Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 1 (1978) 123-162, hier 154.
  30. Wagner, M., Deutsche Apotheker als Pioniere der Technik, in: Süddeutsche Apotheker-Ztg. 74 (1934) 507-510.

 

Der Autor

Christoph Friedrich hat nach dem Pharmaziestudium und der Diplomarbeit Geschichtswissenschaften studiert und wurde 1983 mit einer pharmaziehistorischen Arbeit promoviert. 1987 habilitierte er sich für das Fach Geschichte der Pharmazie. 1990 erhielt er zusätzlich einen Lehrauftrag mit Promotionsrecht für Geschichte der Medizin an der Universität Greifswald und leitete dort die Abteilung Geschichte der Pharmazie/Sozialpharmazie. Seit Oktober 2000 ist er Geschäftsführender Direktor des Instituts für Geschichte der Pharmazie in Marburg. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Entwicklung der Pharmazie im 18., 19. und 20. Jahrhundert, Arzneimittelgeschichte und pharmazeutische Kulturgeschichte.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Christoph Friedrich
Institut für Geschichte der Pharmazie der Philipps-Universität Marburg
Roter Graben 10
35032 Marburg/Lahn
ch.friedrich@staff.uni-marburg.de
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