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Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren

26.06.2000
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-TitelGovi-Verlag

HYPERHIDROSIS

Schweißdrüsen arbeiten auf Hochtouren

von Elke Wolf, Rödermark

Bei sommerlichen Temperaturen ist es völlig normal, bei körperlicher Anstrengung wird es toleriert, und in der Sauna legt man es sogar darauf an, dass die salzigen Tropfen aus den Poren rollen. Schwitzen ist für die Wärmeregulation ein lebenswichtiger Vorgang. Verfärbt sich aber trotz morgendlicher Dusche, Puder, Deoroller und Parfüm die rote Bluse oder das graue Hemd verräterisch an den markanten Stellen, sorgt dies schon bei normal Transpirierenden für Unbehagen. Wie hoch müssen dann erst Peinlichkeit und Leidensdruck bei krankhaft erhöhter Schweißbildung sein! Welche Möglichkeiten es gibt, dem armen Tropf zu helfen, lesen Sie hier.

"Seine Hände schwitzen so stark, dass alles, was er anfasst, nass wird. Das begann im Gymnasium bei Prüfungen und hat sich auch während des Studiums nicht gebessert. Wenn er eine Prüfung hatte, musste er sich ein Taschentuch unterlegen. Es ist ihm natürlich peinlich, wenn er Leute begrüßen muss. Deshalb konnte er nicht weiter Karriere machen. Er ist jetzt als Frachtfahrer am Flughafen tätig."

"Ich leide seit Jahren unter Hand- und Fußschweiß. ..... Ich kann heute keinem die Hand geben, denn die Hände sind nass und kalt. Ich konnte auch immer nur schwarze Schuhe tragen, weil farbige sich dunkel färben."

"Ich habe ein Problem, und zwar liegt das bei mir in den Achselhöhlen. Da schwitze ich so, dass mir das Wasser an der Seite herunterläuft, nur in den Achselhöhlen. Das kommt so tropfenweise runter. Nach einer gewissen Zeit sind dann die Hemdenseiten ganz durchnässt. Ich mag schon kein dunkles Hemd mehr anziehen, am liebsten Pullover, die das dann irgendwie auffangen. Ohne Jacke traue ich mich gar nicht mehr aus dem Haus. Und da habe ich auch Angst, dass es durch die Jacke kommt. Es tropft jeden Tag, wenn es draußen warm ist, ist es noch schlimmer."

alle Fallberichte aus (1)

Das Phänomen Hyperhidrosis ist nicht in einem Satz zu definieren. Allgemeingültig ist sicher die Beschreibung, dass es sich um eine Schweißproduktion handelt, die das zur Thermoregulation nötige Maß bei weitem übersteigt. Diese Erklärung berücksichtigt allerdings nicht, dass sich hinter der Hyperhidrosis ein komplexes Syndrom mit multifaktoriellen somatischen und/oder psychischen Ursachen verbirgt, dass sie idiopathischer Natur oder Begleitsymptom endokrinologischer, metabolischer oder neurogener Störungen sein kann - entweder generalisiert am gesamten Körper oder lokalisiert beispielsweise an den Handinnenflächen oder den Fußsohlen. Mit regelmäßigem Duschen oder Parfümieren ist es hier nicht getan: Es handelt sich vielmehr um eine behandlungsbedürftige und nicht gerade seltene Erkrankung. Schätzungen zufolge sind rund 1 Million Deutsche im wahrsten Sinne des Wortes laufend schweißgebadet. Vermutlich gibt es ob der Scham, darüber zu sprechen, eine hohe Dunkelziffer.

Längst nicht alle Schweißdrüsen stehen beim Hyperhidrotiker ständig unter Strom. Nur die kleinen ekkrinen Knäueldrüsen laufen auf Hochtouren, die größeren apokrinen Duftdrüsen bleibt außen vor. Der Mensch wird mit rund zwei bis drei Millionen ekkrinen Schweißdrüsen geboren. Pro Quadratzentimeter Haut drängeln sich im Durchschnitt 50 bis 339 ekkrine Drüsen; die meisten sind in die Handinnenflächen und die Fußsohlen eingebettet, weniger finden sich am Kopf, Stamm und den Extremitäten. In der Schweißrinne des Rückens liegen beispielsweise etwa 55 Drüsen auf einem Quadratzentimeter. Die einzigen Körperstellen, die keine ekkrinen Schweißdrüsen aufweisen, sind die Innenseite der Vorhaut, Eichel sowie Klitoris und Schamlippen. Der gesunde Erwachsene sezerniert unter extremen Hitzebedingungen rund ein bis zwei Kilogramm Schweiß pro Stunde.

Die ekkrinen Schweißdrüsen zeichnen für den Großteil der Schweißmenge verantwortlich und übernehmen einen wichtigen Part in der Wärmeregulation des Organismus. Dagegen sind die apokrinen Schweißdrüsen entwicklungsgeschichtliche Überbleibsel, die im Tierreich für Partnerwahl und Rangordnung zuständig sind. Da ihr Sekret nach bakterieller Zersetzung den charakteristischen Schweißgeruch verbreitet, werden sie auch als Duftdrüsen bezeichnet. Unbewusst spielen sie wohl auch bei der Partnerwahl des Menschen eine Rolle: "Den kann ich nicht riechen". Interessant: Nach neueren Untersuchungen nehmen Frauen, die peroral verhüten, Schweißgerüche beim Mann anders wahr als ohne Pille. Das betrifft vor allem Düfte, die sexuelles Verlangen auslösen. Zudem wirken Frauen, die kurz vor dem Eisprung stehen, auf Männer begehrenswerter als Frauen in einer anderen Phase des Zyklus. Grund sind die Kopuline, spezielle Duftstoffe, die in der Zeit um den Eisprung im Scheidenschleim vorkommen. Apokrine Schweißdrüsen finden sich zusammen mit einer Reihe ihrer ekkrinen Schwestern bevorzugt in den Achselhöhlen, im Genital- und Analbereich, an den Brustwarzen und am behaarten Kopf.

Ekkrine Schweißdrüsen unter Acetylcholin-Beschuss

Die apokrinen Schweißdrüsen werden wahrscheinlich nicht innerviert. Vermutlich sprechen sie auf zirkulierendes Adrenalin an, das bei psychischen Reizen ausgeschüttet wird (Angstschweiß, Lampenfieber, Lustschweiß). Ganz anders ihr ekkrines Pendant: Es wird über cholinerge Fasern des sympathischen Nervensystems stimuliert. Ausgehend von den thermoregulatorischen Zentren des Hypothalamus wird der Reiz über zentrale sympathische Fasern zum Rückenmark weitergeleitet. Aus den dortigen sympathischen Ganglien verlassen postganglionäre sympathische Neurone das Rückenmark, münden in die Ganglienkette des Grenzstranges und laufen von dort zu den Spinalnerven und mit diesen zusammen zu den Endorganen. Acetylcholin überbringt die schwitzende Botschaft. Jede einzelne Drüse erhält eigene Impulse. Je mehr die Drüsen von Acetylcholin beansprucht werden, desto schneller füllen und entladen sich die Vesikel. Das System potenziert sich. Zusätzlich werden mehr Drüsen zur gleichen Zeit stimuliert.

Im Hypothalamus sitzt das Steuerzentrum der Thermoregulation, gewissermaßen der Thermostat. Zahlreiche Thermorezeptoren, die die Kerntemperatur registrieren, helfen ihm bei seiner Aufgabe. Zusätzliche Informationen holt der Hypothalamus mit Unterstützung der über 30 000 Thermorezeptoren der Haut ein. Im thermoregulatorischen Zentrum wird die tatsächliche Körpertemperatur, der Istwert, mit dem Sollwert ständig abgeglichen. Bei Differenzen erfolgt eine Korrektur. So stellen sich bei Wärme von außen oder innen die Gefäße weit, und Schweißperlen drängen sich durch die Hautporen. Das sorgt für die notwendige Verdunstungskälte. Letztendlich funktioniert die Wärmeregulation des Körpers wie eine Klimaanlage.

Weder Hygienemangel noch kosmetisches Problem

Der Übergang von normaler zu vermehrter Schweißabsonderung ist fließend. Nicht unerheblich ist sicherlich, wie belastend die Betroffenen ihre feuchte Begleitung empfinden. Als physiologisch gilt Schwitzen bei Anstrengung, Sport und Hitze. Verschiedene Faktoren pfuschen dem Thermostaten im Hypothalamus ins reibungslose Geschehen. So beeinflussen Pyrogene auf Grund eines akuten Infektes die Thermoregulation. Hinter den Hitzewallungen in den Wechseljahren stecken vermutlich Hormonmetaboliten, die an zentraler Stelle Einfluss auf den Temperatur-Sollwert nehmen. Die Empfindlichkeit der ekkrinen Schweißdrüsen wird dadurch erhöht, und die Schweißproduktion entgleist. Auch die übermäßige Ausdünstung von Adipösen ist nicht krankhaft, da es sich eigentlich nur um eine thermoregulatorische Hyperhidrosis handelt. Dadurch wird einerseits die erhöhte Wärmeproduktion des Übergewichtigen ausgeglichen, die durch die höhere körperliche Belastung entsteht, und zum anderen die durch die isolierende Fettschicht verminderte Wärmeabgabe nach außen über das Gefäßsystem kompensiert.

An der Grenze physiologisch/pathologisch liegt das gustatorische Schwitzen, eine Störung der Schweißsekretion, die durch den Genuss heißer, saurer und scharf gewürzter Speisen induziert wird. Geschmacksschwitzen kann sich einerseits ganz harmlos am Kopf, symmetrisch an der Oberlippe, an der Stirn oder den Wangen zeigen. Pathologisch ist gustatorisches Schwitzen, wenn große Hautareale, meist halbseitig, in Mitleidenschaft gezogen sind und der Betroffene zusätzlich durch Schmerzen, Hautrötung und Gefühlsstörungen gehandicapt ist.

Übermäßige und häufige Transpiration kann auch ein Symptom einer Reihe von Krankheiten sein. Die Hyperhidrosis dient dann bei der Diagnose gewissermaßen als Wegweiser zur Grundkrankheit. Bei der symptomatischen oder auch sekundären Hyperhidrosis schwitzt der Betroffene in der Regel am ganzen Körper. Wird die auslösende Erkrankung therapiert, verschwindet meist auch die lästige Ausdünstung. Wenn das nicht möglich ist, muss das schwitzende Problem symptomatisch angegangen werden.

Übrigens: Auch Arzneistoffe kommen als Übeltäter für die vermehrte Schweißsekretion in Frage. Pilocarpin als Parasympathomimetikum greift die Schweißdrüsen direkt an und stimuliert sie. Daher wird Pilocarpin in experimentellen Studien eingesetzt, um die Schweißsekretion zu imitieren. Auch die Arzneistoffe Cinnarizin, Tamoxifen, Penicillin, Acetylsalicylsäure oder Vitamin B1 können Schweißausbrüche als Nebenwirkung mit sich bringen.

Übermäßiges Schwitzen kann krank machen

Das wichtigste Krankheitsbild aus dem Kreis der Hyperhidrosen ist die lokalisierte idiopathische Form, die sich unter den Armen, an Händen und Füßen breit macht, entweder kombiniert oder auch singulär. Häufig besteht gleichzeitig eine generell erhöhte Bereitschaft zum Schwitzen. Die Probleme beginnen meist in der Pubertät. Der Schweregrad ist individuell unterschiedlich, es kann von unangenehmer Feuchtigkeit bis zum Abrinnen des Schweißes in Bächen reichen. Eine erbliche Komponente für diese Form der Hyperhidrosis wird ebenso diskutiert wie die Zugehörigkeit zum psychovegetativen Syndrom. Denn eins ist augenscheinlich: Die Schwitzattacken werden durch emotionale Ereignisse ausgelöst, und seien sie noch so unbedeutend. Hinzu kommt, dass die ekkrinen Schweißdrüsen in den Achseln, an den Händen und Füßen vornehmlich auf emotionale Reize reagieren.

Den Betroffenen sind die feucht-kalten Hände beim Händeschütteln oder der penetrante Achselschweißgeruch hochnot peinlich. Aus Angst, entlarvt zu werden, geraten sie in einen Teufelskreis. Der Leidensdruck treibt den Schweiß nämlich erst recht aus den Poren. Stress verursacht Schwitzen und Schwitzen wiederum Stress. Beweis für die Beteiligung der Psyche: Im Schlaf kommt emotionales Schwitzen vollends zum Erliegen. Das tägliche Schweißbad beeinträchtigt die Betroffenen in ihrer Lebensqualität ganz außerordentlich (siehe Interview mit Dr. Achenbach).

Hyperhidrosis kann zusätzlich krank machen. Am stärksten ist wohl die Psyche in Mitleidenschaft gezogen, aber das Dauer-Schwitzen geht auch an der Beschaffenheit der Haut nicht spurlos vorbei. Das ständig feuchte Milieu lässt eine Reihe von Hautkrankheiten erblühen. Bakterien, Pilze und Viren finden ideale Wachstumsbedingungen vor und fassen rasend schnell Fuß. So schlagen sich beispielsweise Menschen, die zum Schweißfuß neigen, besonders oft mit Fußpilz herum. In Hautfalten wie Achselhöhlen, Leisten und Analfalte quillt der Schweiß die Hornschicht auf; überdurchschnittlich oft machen sich bei Hyperhidrotikern Entzündungen, allergische Ekzeme und auch Neurodermitis breit. Auch Unverträglichkeitsreaktionen, beispielsweise auf Deos, Antitranspirantien oder Intimpflegemittel, treten gehäuft auf.

Lokaltherapie von A wie Aluminium bis T wie Toxin

Dauer-Schweißgebadeten kann heute durchaus geholfen werden - vorausgesetzt der krankhafte Zustand wird erkannt und die vielen Therapieoptionen werden maßgeschneidert eingesetzt. Für leichtere Formen des idiopathischen Hand-, Fuß- und Achselschweißes eignen sich Gerbstoff-Bäder oder -Puder (Eichenrinde oder synthetisch zum Beispiel Tannolact® , Tannosynt® ) und Deodorantien.

Penetranter Schweißgeruch?

Ist die Hyperhidrosis nur schwach ausgeprägt, rückt man ihr am besten mit intensiven hygienischen Maßnahmen zu Leibe. Folgende Tipps für das Beratungsgespräch sollten auch zum Basisprogramm des stärker Transpirierenden gehören:

* Täglich Duschen oder Waschen mit Deoseifen oder Syndets (zum Beispiel Sebamed® , Eubos® ). Deoseifen sollten am besten bakterizide Zusätze wie Triclocarban (zum Beispiel Ansudor® Emulsion) oder Methenamin (zum Beispiel Antihydral® ) enthalten.

* Regelmäßig die Achselhaare rasieren. So unterbindet man das Wachstum der Bakterien.

* Deodorantien in Form von Pumpspray, Stift oder Roller können den Schweißgeruch für eine gewisse Zeit überdecken. Die Schweißmenge wird durch Deos jedoch nicht reduziert! Achtung: Gefahr von allergischen Kontaktekzemen!

* Puder auf Talkum-Basis saugen den Schweiß auf, binden dadurch Körpergeruch und beugen Schwitzflecken vor (zum Beispiel Tannolact® , Penaten® Baby-Puder).

* Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle, Leinen oder Viskose verhindern Wärmestau.

* Schuhe aus Leder, im Sommer Sandalen, sind atmungsaktiv. Täglicher Strumpfwechsel ist selbstverständlich.

* Genussgifte wie Nikotin, Kaffee, Tee, Alkohol sollten tabu sein.

* Auf heiße Speisen und Getränke sowie scharf Gewürztes verzichten. Erklären Sie Ihren Kunden, dass auch derjenige viel schwitzen kann, der wenig trinkt!

* Vermeidung von Stress, Erlernen von autogenem Training, Yoga. Psychovegetatives Training ist gerade für das emotionale Schwitzen eine wichtige Therapie-Komponente.

* Wechselbäder, -duschen und Saunabäder mit Frischluft scheinen sich auf das vegetative Nervensystem günstig auszuwirken. Menschen, die unter einer wärmebedingten oder emotionalen Hyperhidrosis leiden, profitieren von diesen Anwendungen.

Bei leichter bis mäßiger Hyperhidrosis machen Antitranspirantien ihrem Namen alle Ehre. Sie hemmen nicht nur die Schweißproduktion, sondern wirken auch antimikrobiell. Sie enthalten meist Aluminiumsalze (zum Beispiel Ansudor® , Hydrofugal® , Zeasorb®), die in Form von Rollstiften, Sprays oder Cremes zum Einsatz kommen. Am wirksamsten scheinen Aluminiumsalze in einer Konzentration von rund 20 Prozent in Ethylalkohol zu sein. Manche Patienten müssen die Behandlung allerdings wegen starker Hautirritationen abbrechen. In manchen Fällen ist eine 10-prozentige wässrige Lösung ein hautverträglicher Mittelweg.

Die Aluminiumsalze diffundieren in die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen und schädigen durch Komplexbildung zwischen den Metallionen und den Mucopolysacchariden die Oberfläche der unverhornten Zellen der Ausführungsgänge. So bildet sich ein festhaftender Pfropf, der erst im Zuge der Epidermisregeneration nach etwa zwei bis drei Wochen abgestoßen wird. Dann ist die ursprüngliche Funktion der Schweißdrüse wieder hergestellt. Wird allerdings die Behandlung konsequent alle paar Tage fortgesetzt, atrophiert nach vielen Monaten das Drüsenepithel, so dass der Schweregrad der Hyperhidrosis abnimmt. Beratungstipp: Die Aluminum-Präparate nachts auftragen, da sich die emotionale Schweißdrüsenaktivität nachts beruhigt. So ist gewährleistet, dass die Aluminium-Verbindung ausreichend tief in die Haut diffundieren kann und nicht gleich wieder von der Haut geschwemmt wird.

Ganz anders die Wirkung von Botulinumtoxin: Das vermutlich stärkste biologische Toxin hat sich in der Behandlung der Hyperhidrosis seit einigen Jahren etabliert, besonders für vermehrtes Achselschwitzen - auch wenn bisher die Therapie mit Clostridium botulinum (Botox® , Dysport®) noch nicht zugelassen und einigen spezialisierten Zentren vorbehalten ist. Dazu muss es extrem verdünnt mit bis zu 40 bis 50 Stichen in die betreffenden Hautstellen injiziert werden, denn immerhin kann bereits ein Nanogramm Botulinumtoxin pro Kilogramm Körpergewicht tödlich sein.

Experten haben für die Wirkung folgende Erklärung: Botulinumtoxin inhibiert die cholinerge Transmission in postganglionären sympathischen cholinergen Nervenfasern. Dabei geht es mit äußerster Raffinesse vor: Das Botulinumtoxin A besteht aus zwei über Disulfidbrücken verbundenen Proteinketten. Diese beiden Untereinheiten sind unterschiedlich groß und haben unterschiedliche Teilfunktionen. Die schwerere Proteinkette dockt an die Nervenzellmembran an und bildet Poren, durch die die leichtere Untereinheit in das Zellinnere gelangt. Der kleinere Teil des Moleküls, der das eigentliche Gift darstellt, muss vom größeren Teil getrennt werden, damit er wirksam werden kann. Diese Trennung führt die Nervenzelle selbst durch. Sie stellt also aus einer ungiftigen Vorstufe erst das Gift her. Dieses ist ein Eiweiß spaltendes Enzym, eine Metalloprotease.

Das Gift setzt an einem Protein in der Membran jener Vesikel an, mit denen Acetylcholin zum synaptischen Spalt gelangt. Dieses Protein wird Synaptobrevin-2 genannt. Seine Funktion ist noch nicht genau bekannt, es dürfte aber eine Rolle bei der Fusion der Vesikel mit der Zellmembran am synaptischen Spalt spielen, dem letzten Schritt vor der Freisetzung der Neurotransmitter. Das Toxin spaltet also Synaptobrevin-2, dadurch wird das Verschmelzen der Vesikel in der Membran verhindert. Botulinumtoxin leistet dabei ganze Arbeit: Für die folgenden Monate ist der Schwitzvorgang unterbunden.

Erst nach fünf bis acht Monaten, wenn neue nervöse Ausläufer mit neuen Vesikeln ausgesprosst sind, setzt die Schweißbildung langsam wieder ein. Dann kann die Behandlung wiederholt werden. Der größte Vorteil dieser Methode liegt darin, dass Nebenwirkungen nicht ins Gewicht fallen, vor allem scheint kompensatorisches Schwitzen nur leicht oder kaum aufzutreten. Zudem sind Wirkung und somit auch Nebenwirkungen zeitlich begrenzt.

Systemische Therapie bremst Acetylcholin

Bei schwachen Schwitzattacken lohnt sich ein Versuch mit Salbei-Extrakt-haltigen Dragees (zum Beispiel Sweatosan® N, Salvysat®). Salbeis Vorteil: seine geringen Nebenwirkungen. Vor allem eignet sich das pflanzliche Antihydrotikum bei emotionaler Auslösung als Überbrückungshilfe, bis autogenes Training erste Erfolge zeigt. Schwere Schwitzstörungen behandelt man mit Anticholinergika wie Bornaprin (Sormodren®).

Bornaprin hemmt die überschießende Neurotransmitter-Wirkung auf die Schweißdrüsen, da es Acetylcholin-Rezeptoren antagonisiert. Wegen dieses kausalen Ansatzes kann Bornaprin bei jeder Form schwerer Hyperhidrosen, unabhängig von deren Lokalisation, eingesetzt werden. Pferdefuß: Seine Nebenwirkungen umfassen die bekannten Effekte anticholinerg wirkender Substanzen, in erster Linie Mundtrockenheit und Akkommodationsstörungen. Ferner klagen die Patienten über Schwindel, Obstipation, Tachykardie oder Benommenheit. Beratungshinweis für Bornaprin: Wenn man Bornaprin langsam aufdosiert, bekommt man die Nebenwirkungen gut in den Griff. Man beginnt mit 2 mg täglich und steigert bis zur Erhaltungsdosis von 4 bis 8 mg. Die Wirkung lässt ein paar Tage auf sich waren, mitunter sogar zwei bis drei Wochen.

Strom gegen Schweißfuß

Selbst bei extremer Ausprägung von Hand- und Fußschweiß hat sich die Leitungswasser-Iontophorese therapeutisch bewährt und ist auch bei Langzeitanwendung im allgemeinen gut verträglich. Sie ist die Standardtherapie für dieses Krankheitsbild in Deutschland. Für die Behandlung des Achselschweißes ist sie weniger geeignet, da die Applikation der Elektroden in den Achselhöhlen Schwierigkeiten bereitet.

Bei der Leitungswasser-Iontophorese werden flache, mit Leitungswasser gefüllte Schalen mit den elektrischen Polen einer Gleichstromquelle verbunden und der Stromkreis durch Eintauchen der Hände oder Füße geschlossen. Es ergibt sich dabei ein Stromfluss durch die gesamten Handflächen beziehungsweise Fußsohlen. Die Stromstärke ist optimal, wenn der Patient ein schwaches, angenehmes Kribbeln verspürt (rund 15 mA). Anfangs sollte die Iontophorese mindestens dreimal pro Woche für etwa 15 Minuten angewendet werden. Nach etwa zwölf Behandlungen hat sich die Feuchtigkeitsabgabe der Haut meist normalisiert, dann reicht eine Anwendung pro Woche aus. Der genaue Wirkungsmechanismus ist bislang nicht geklärt. Bekannt ist nur, dass der Strom die Schweißabsonderung bremst, ohne die Drüsen zu schädigen.

Nachteile des Verfahrens sind der große apparative und zeitliche Aufwand sowie die Beschränkung der Behandlung auf Hand- und Fußflächen. Hautkliniken und viele niedergelassene Dermatologen bieten die Iontophorese an. Manche Krankenkassen bewilligen auch ein Heimgerät, wenn die Behandlung unter regelmäßiger Kontrolle des Hautarztes erfolgt.

Operation nur in Extremfällen

Deutschlands Dermatologen sind sich einig: Operationen sollten nur für die schwersten Fälle der Hyperhidrosis in Erwägung gezogen werden. Übrigens sehen das auch die Dermatologen in den USA so. Das gilt vor allem für die Sympathektomie, bei der sympathische Nervenknoten und -fasern während einer Vollnarkose ausgeschaltet werden, also jene Nerven, die die Impulse zur Schweißabsonderung an die Schweißdrüsen senden. Die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen liegen auf der Hand: Die angepeilten Nervenfasern sind nicht nur für den Schwitzvorgang zuständig, sie vermitteln auch Druck-, Berührungs- oder Schmerzempfinden. Deshalb lässt die Operation gelegentlich Gefühlsstörungen, Schmerzzustände im Versorgungsgebiet des unterbrochenen Nervs und manchmal paradoxerweise Geschmacksschwitzen zurück.

Die Weiterentwicklung dieser Operationsmethode, die endoskopische transthorakale Sympathektomie (ETS), ist zwar weniger belastend für den Patienten - trotz Vollnarkose kann er die Klinik nach einem Tag wieder verlassen -, einige Komplikationen sind aber schwer gefürchtet. Bei etwa der Hälfte der Fälle kommt es nach dem Eingriff zum kompensatorischen Schwitzen an nicht operierten Hautgebieten. Zudem besteht die Gefahr eines Pneumothorax und eines Horner-Syndroms, bei dem sich durch Verletzung des untersten Halsganglions oder des obersten Brustganglions des sympathischen Grenzsstranges das Lid senkt, die Pupille einengt oder der Augapfel zurücksinkt.

Etwas differenzierter, da risikoärmer, bewerten die Fachleute die zweite Operationstechnik, und zwar die Entfernung der Schweißdrüsen mit einem Schnitt oder Abkratzen. Bei der Exzision wird das maximal schwitzende Hautareal mitsamt den Schweißdrüsen herausgeschnitten. Das eignet sich besonders für die Achselhöhlen (seltener die Leisten). Die Methode verspricht dauerhafte Wirkung, hat aber den Nachteil, dass die Wunde eventuell schlecht heilt. Dieser Gefahr glaubt man, mit der Kürettage weniger ausgesetzt zu sein. Dabei werden die am stärksten sezernierenden Schweißdrüsen in den Achseln durch einen kleinen Schnitt an der Unterseite der Haut nach örtlicher Betäubung mit einer Kürette abgekratzt.

Beim Experten nachgefragt - PZ-Interview

Dr. Reinhard Karl Achenbach ist seit rund 25 Jahren niedergelassener Hautarzt, Allergologe und Phlebologe in Herford/Westfalen. Den Patienten mit Hyperhidrosis zumindest etwas von ihrem Leidensdruck zu nehmen, liegt ihm besonders am Herzen. Er ist der Autor des ersten ausführlichen Patientenratgebers zum Thema Schwitzen (1), der im Mai dieses Jahres auf den Markt kam.

PZ: Können Sie auf Grund Ihrer langjährigen Erfahrung als niedergelassener Arzt etwas zum Leidensdruck sagen, der den Betroffenen zu schaffen macht?

Achenbach: Der Leidensdruck der Patienten mit Hyperhidrosis ist außerordentlich groß. Da hortet eine Sekretärin drei Blusen in ihrer Schreibtischschublade, um schnell auf der Toilette eine frische anziehen zu können, wenn sie zum Chef gerufen wird. Da berichtet mir eine Patientin während der Operation ihres krankhaften Achselschwitzens, dass ihr ganzes Leben anders verlaufen wäre, ja, dass sie einen anderen Mann geheiratet hätte, wenn sie nur nicht schon in ihrer Jugend so furchtbar geschwitzt hätte. Und da entkleidet sich ärgerlich ein junger Mann vor dem erschrockenen Zweigstellenleiter einer Krankenkasse und lässt den Schweiß auf den Schreibtisch tropfen, um die Kosten der Achseloperation endlich genehmigt zu bekommen.

Diese Episoden verdeutlichen den Leidensdruck der Betroffenen, zeigen aber auch, dass die Hyperhidrosis kein kosmetisches Problem, sondern eine behandlungsbedürftige Krankheit ist.

PZ: Was meinen Sie: Ist eher das Schwitzen an sich für die Betroffenen das Problem oder der Geruch?

Achenbach: Die Probleme liegen nicht allein in der überschießenden Menge des abgesonderten Schweißes, sondern vor allem im Geruch. Der penetrante Geruch beeinträchtigt oder zerstört nicht selten zwischenmenschliche Beziehungen und hat negative Rückwirkungen auf die Psyche der Betroffenen, die sich häufig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. In besonders schweren Fällen entwickelt sich ein "Eigengeruchswahn", also die wahnhafte Vorstellung, starken Schweißgeruch zu verbreiten, was objektiv gar nicht der Fall ist.

PZ: Können Menschen mit krankhaftem Schwitzen alle Berufe ausüben?

Achenbach: Die Hyperhidrosis bringt für die Betroffenen erhebliche arbeitsmedizinische und psychosoziale Probleme. So können Feinmechaniker ihren Beruf nicht mehr ausüben, weil sie mit ihren nassen Fingern polierte Werkstücke beschädigen, die durch die Feuchtigkeit rosten. Man bezeichnet sie deshalb im englischen Sprachgebrauch als "Ruster". Die Sekretärin mag weder dem Chef noch den Kolleginnen die Hand geben. Der technische Zeichner verschmiert sein Papier, Friseuse und Zahnarzthelferin werden mit ihren feucht-kalten Fingern von Kunden und Patienten abgewiesen. Für Elektriker ist die Hyperhidrosis der Hände geradezu lebensbedrohlich.

PZ: Ist es mit den heutigen therapeutischen Maßnahmen möglich, die Hyperhidrosis in den Griff zu bekommen? Oder kann man die Symptome wenigstens soweit unterdrücken, dass sich die Betroffenen wieder trauen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen?

Achenbach: Die Behandlungsmöglichkeiten sind heute besser als je zuvor. Vor allem das Botulinumtoxin stellt einen entscheidenden Fortschritt bei der fokalen Hyperhidrosis dar.

Die Therapie erfolgt je nach Ursache und Lokalisation auf verschiedenen Wegen. Da nicht selten mehrere Faktoren gleichzeitig das krankhafte Schwitzen auslösen, erzielt man die besten Erfolge mit einer individuell zugeschnittenen Kombination der verschiedenen Behandlungsformen.

Bei leichten Formen reichen manchmal allgemeine und hygienische Maßnahmen aus. Ohne Beseitigung einer eventuellen Grundkrankheit, beispielsweise einer akuten Bronchitis, wird verständlicherweise das Symptom Hyperhidrosis nicht abheilen können. Eine psychovegetative Beeinflussung ist bei den häufigen emotionalen Schwitzformen notwendig. Aluminiumhydrochlorid in Antitranspirantien hat sich bei konservativer Behandlung bewährt, besonders beim Achselschweiß, die Leitungswasser-Iontophorese bei der Therapie von Hand- und Fußschweiß. Botulinumtoxin hilft sehr gut bei fokaler Hyperhidrosis, besonders bei stärkerem Achselschweiß, beim Geschmacksschwitzen, aber auch beim Hand- und Fußschweiß. Bei Hitzewellen in den Wechseljahren wird man Hormone verordnen. Die Anticholinergika sind bei jeder schwereren Form der Hyperhidrosis wirksam, speziell bei den generalisierten Formen.

PZ: An wen können sich Betroffene wenden? Ist der Hausarzt der richtige Ansprechpartner? Was ist mit Selbsthilfegruppen?

Achenbach: In der Regel werden sich die Betroffenen an ihren Hausarzt oder direkt an den Dermatologen wenden. Bei speziellen Fragen und für eine maßgeschneiderte Therapie wird der Hausarzt den Patienten zum Dermatologen überweisen. Ganz besonders wichtig ist es, die Patienten umfassend zu informieren. Zu empfehlen ist der Beitritt zur ersten Selbsthilfegruppe "Hyperhidrose e.V.", die im Herbst letzten Jahres in Berlin gegründet worden ist (Pistoriusstraße 23, 13086 Berlin).

Literatur:

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