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14.06.2004
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Rationelle Antibiotikatherapie bei urologischen Infektionen

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von Florian M. E. Wagenlehner, Kurt G. Naber, Straubing

Bakterielle Harnwegsinfektionen - HWI sind häufige Infektionen sowohl im ambulanten als auch stationären Bereich. Vor Festlegung einer Antibiotikatherapie sind die genaue Diagnose und Einteilung der HWI und sonstiger urologischer Infektionen erforderlich.

Aus klinischer Sicht hat sich die Einteilung in 1. unkomplizierte untere HWI (akute Zystitis), 2. akute Pyelonephritis (a. unkompliziert, b. kompliziert), 3. sonstige komplizierte HWI und 4. sonstige urologische Infektionen wie Urethritis, Balanitis, Prostatitis, Vesiculitis, Epididymitis oder Orchitis (Glossar) bewährt.
 

Akute Zystitis

Von unkomplizierten HWI spricht man immer dann, wenn keine anatomischen oder funktionellen, die urodynamischen Abläufe beinträchtigenden Veränderungen oder Erkrankungen (zum Beispiel schwer einstellbarer Diabetes mellitus) im Harntrakt vorliegen, beziehungsweise keine Nierenfunktionsstörungen vorhanden sind, die zu HWI disponieren. Bakterielle Virulenzfaktoren sowie die Integrität der körpereigenen Abwehrmechanismen bestimmen den Verlauf der Infektion. Sind die Abwehrmechanismen infolge genetischer oder erworbener Faktoren gestört, können Spätkomplikationen oder Folgeschäden auftreten.

Die unkomplizierten unteren HWI treten meist bei Frauen in Form der akuten Zystitis auf. Die Patientinnen klagen über Dysurie, Pollakisurie und imperativen Harndrang, wobei eine Leukozyturie und Bakteriurie festgestellt werden können. Als häufigster Erreger findet sich Escherichia coli, gefolgt im größeren Abstand von Proteus mirabilis und Staphylokokken, meist Staphylococcus saprophyticus. Andere Erreger sind selten.

In einer Studie wurde die Inzidenz der Zystitis bei jungen, sexuell aktiven Studentinnen einer Universität in Seattle mit 0,5 bis 0,7 pro Person und Jahr berechnet (1). Bei der akuten Zystitis hat sich die Ein-Tages- beziehungsweise Kurzzeittherapie (bis zu drei Tagen) bewährt (Tabelle 1a).

Oral kommen für die Kurzzeittherapie Trimethoprim, Cotrimoxazol, Fluorochinolone (Tabelle 2), für die Einzeittherapie Fosfomycin-Trometamol in Frage. Die Escherichia-coli-Empfindlichkeit gegenüber Cotrimoxazol kann in verschiedenen Gegenden unterschiedlich sein: Deshalb sind epidemiologische Studien wichtig. Betalaktam-Antibiotika, wie zum Beispiel Amoxicillin, und klassische orale Cephalosporine, sind für die Kurzzeittherapie nicht so gut geeignet. Für neuere orale Cephalosporine liegen jedoch zum Teil günstigere Studienergebnisse vor.
 

Rezidivierende Harnwegsinfektionen

Treten häufig Rezidive auf, wobei es sich meist um Reinfektionen handelt, kann eine Reinfektions-Antibiotikaprohylaxe mit niedrigen Dosen auch über lange Zeit durchgeführt werden. Dazu eignen sich Trimethoprim, Cotrimoxazol, Nitrofurantoin, Fluorochinolone und orale Cephalosporine (Tabelle 1b). Es wird eine niedrige Dosierung einmal pro Tag empfohlen. Alternativ ist bei einer eindeutigen Assoziation zum Geschlechtsverkehr eine einmalige Antibiotika-Gabe nach dem Geschlechtsverkehr gleichfalls effektiv. Patientinnen wollen oft Antibiotika vermeiden, so dass alternative Therapien berücksichtigt werden müssen. Es konnte gezeigt werden, dass zum Beispiel die Einnahme von Preiselbeersaft die Rate an rezidivierenden HWI reduzieren kann (5, 6). Für andere pflanzliche Urologika liegen keine ausreichend validierten Studien vor.

Bei rezidivierenden HWI spielen sowohl extrinsische als auch intrinsische Faktoren eine Rolle. Hierbei werden drei Gruppen von Frauen unterschieden: Frauen in der Prämenopause, gesunde Frauen in der Postmenopause und ältere Frauen in Pflegeheimen.

Extrinsische Faktoren für HWI bei prämenopausalen Frauen sind der Gebrauch von Diaphragma oder Spermiziden, der mehr als viermalige Geschlechtsverkehr pro Monat und ein neuer Sexualpartner während des letzten Jahres. Intrinsische Risikofaktoren sind rezidivierende HWI der Mutter und die Erstmanifestation einer HWI vor dem Alter von 15 Jahren. Für die Entwicklung rezidivierender Harnwegsinfektionen sind bei gesunden Frauen in der Postmenopause auch anatomische Faktoren wie Inkontinenz, das Vorliegen einer Zystozele, eine erhöhte Restharnbildung sowie die Erstmanifestation einer HWI in der Prämenopause von Bedeutung (7, 8).

Frauen mit Diabetes mellitus zeigen im Vergleich zu gesunden Frauen eine signifikant erhöhte Rate an asymptomatischen HWI (26 versus 6 Prozent). Die Risikofaktoren unterscheiden sich abhängig von Diabetes-Typ. Bei Frauen mit Typ I-Diabetes sind die Dauer des Diabetes mellitus, das Vorliegen einer peripheren Neuropathie oder Zystopathie und eine Makroalbuminurie von Bedeutung. Bei Frauen mit Typ II-Diabetes mellitus sind Alter, Makroalbuminurie, ein geringerer Body-Mass-Index und eine HWI im vergangenen Jahr Risikofaktoren (9).

Noch einmal zum Stichwort „Prophylaxe“: In den letzten Jahren wurden verschiedene Impfungen untersucht, jedoch war die klinische Effizienz niedriger als die der Antibiotikadauerprophylaxe (10, 11). Probiotika können erfolgreich eine Candida-Vaginitis verhindern. Die Rolle in der Prävention von HWI ist jedoch noch nicht geklärt (12). Sind exogene Faktoren, wie zum Beispiel der Gebrauch von Spermiziden, für die rezidivierenden HWI verantwortlich, so sollte in diesen Fällen auf eine alternative Kontrazeption umgestellt werden. In der Postmenopause kann allein durch die lokale intravaginale Anwendung von Estriol (zum Beispiel Estriol 0.5 bis 1 mg Suppositorien, 2 x Woche) die Rezidivhäufigkeit signifikant gesenkt werden (13).
 

Akute unkomplizierte Pyelonephritis

Bei der akuten unkomplizierten Pyelonephritis, die ebenfalls am häufigsten bei Frauen insbesondere in der Schwangerschaft und im Wochenbett auftritt, klagen die Patientinnen über Flankenschmerzen und Fieber, wobei dysurische Beschwerden wie bei der Zystitits gleichzeitig vorhanden sein können. Bei der Untersuchung fällt die Klopfempfindlichkeit des Nierenlagers, eine Leukozytose, eine Leukozyturie und Bakteriurie auf. In Abgrenzung zur komplizierten Pyelonephritis ist es wichtig zu wissen, dass ein unauffälliger Nierenbefund in der Sonographie und eine restharnfreie Blasenentleerung für eine unkomplizierte akute Pyelonephritis sprechen. Als häufigste Erreger findet man dabei wieder Escherichia coli, gefolgt von Proteus mirabilis; andere Erreger sind selten.

Die Erregeridentifikation und -empfindlichkeitstestung kann in der Regel nicht abgewartet werden, da der frühe Einsatz einer effektiven Antibiotikatherapie nicht nur für den klinischen Verlauf, sondern auch für eine eventuelle Beeinträchtigung der Nierenfunktion beziehungsweise Narbenbildung der Nieren eine Rolle spielt. Der klinische Zustand der Patientin (Übelkeit, Erbrechen, hohes Fieber) erzwingt oft zu Beginn eine parenterale Therapieform. Dazu eignen sich Fluorochinolone, Cephalosporine der III. Gruppe, Aminopenicilline in Kombination mit einem Betalaktamaseinhibitor und Aminoglykoside (Tabelle 1c). Nach wenigen Tagen kann in der Regel die Therapie oral fortgesetzt werden, wenn sich der klinische Zustand der Patientin gebessert hat.
 

Komplizierte und nosokomiale HWI

Bei komplizierten und nosokomialen, also im Krankenhaus erworbenen HWI muss man je nach klinischer Situation und umgebendem Keimreservoir mit einer größeren Bandbreite möglicher Erreger rechnen, die häufig auch multiresistent sein können. Bei den komplizierten HWI sind zusätzlich klinische Aspekte und die Art der komplizierenden Faktoren im Harntrakt, zum Beispiel das Vorliegen einer Urolithiasis beziehungsweise eines Harnröhrenkatheters von Bedeutung. Außerdem spielen gegebenenfalls ein postoperativer Zustand des Patienten, die antibiotische Vorbehandlung sowie bei stationär behandelten Patienten das Keimreservoir der Abteilung, auf der sie liegen, eine Rolle - dieses vor allem dann, wenn Kreuzinfektionen nicht sicher ausgeschlossen werden können. Die ideale Situation ist gegeben, wenn der Erreger und seine Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika bekannt sind. Häufig jedoch muss eine kalkulierte antibiotische Therapie (Tabelle 1d) eingeleitet werden, so zum Beispiel bei fieberhaften HWI, drohender Urosepsis oder vor interventionellen Eingriffen in den Harnwegen.

Auf Grund der individuellen Beschaffenheit des Harntraktes und des Erregerspektrums ist die von komplizierten HWI betroffene Patientengruppe sehr heterogen. Fluorchinolone sind aus verschiedenen Gründen besonders zur Therapie von Harnweginfektionen geeignet. Auf Grund ihrer unterschiedlichen Pharmakokinetik und oft auch antibakteriellen Aktivität sowie der gegebenen Studienlage sind Aussagen zur Dosisäquivalenz von Fluorchinolonen jedoch schwierig. Da jedoch der urinbakterizide Titer-UBT nach Gabe von Levofloxacin länger anhält, erscheint im Regelfall die zweimal tägliche Gabe von 500 mg Ciprofloxacin und die einmal tägliche Gabe von 500 mg Levofloxacin gerechtfertigt. In der Zwischenzeit wurde auch für Ciprofloxacin eine „slow release“-Darreichungsform entwickelt, die die Einmalgabe von 500 mg bis 1000 mg pro Tag möglich macht.

Katheterisierungen als Ursache von komplizierten und nosokomialen Harnwegsinfektionen sollten nur von Personen durchgeführt werden, die mit der korrekten Indikationsstellung, Technik und den Erfordernissen der Aseptik und Antiseptik sowie der Katheterhygiene vertraut sind (14). Es sollten nur geschlossene Kathetersysteme verwendet werden, welche die hygienischen Anforderungen an die Probenentnahmestellen für bakteriologische Harnuntersuchungen, an die Rückflusssperre, das Luftausgleichventil, den Ablassstutzen sowie an das Ablassventil erfüllen (14).

Wird darauf geachtet, dass nach Katheteranlage das System in jedem Falle geschlossen bleibt, so kann für einen Zeitraum von bis zu zwei Wochen das Risiko für eine HWI unter 25 Prozent bleiben (15). Ein ungehinderter Urinabfluss muss gewährleistet sein, das heißt, der Katheterschlauch sollte zwischen der Harnblasenebene und Ebene des Auffangbeutels und Letzterer immer unterhalb der Blasenebene liegen. Wird dies nicht berücksichtigt, so steigt das Risiko für eine HWI signifikant an (16).

Da nosokomiale HWI meistens bei Patienten mit Harndauerkatheterableitungen oder nach urologischen Interventionen auftreten, sind der sorgfältige Umgang mit Dauerkathetern und die perioperative Antibiotikaprophylaxe stets in die Diskussion mit einzubeziehen. Unnötige Katheterisierungen sollten unbedingt vermieden werden, es sollten stets Alternativen zum transurethralen Katheter gesucht werden. Stets sollte mit neuesten Kathetermaterialien und -technologien gearbeitet werden.

In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass, schon beginnend in der Notaufnahme, bis zu 50 Prozent der Harnwegkatheterisierungen unnötig erfolgen beziehungsweise im weiteren Verlauf die Katheter unnötig lange verbleiben. Bei kontrollierter Reduktion der verfehlten Einsätze könnte die Inzidenz Katheter-assoziierter HWI je nach Fachrichtung zu 17 bis 45 Prozent gesenkt werden (17).

Alternativen zum transurethralen Katheter sind zum Beispiel suprapubische Katheter oder, falls keine subvesikale Obstruktion besteht, ein Kondomurinal. Verschiedene Studien, vor allem aus dem Bereich der Allgemeinchirurgie, haben eine Reduktion der HWI-Rate durch die Verwendung von suprapubischen Kathetern im Vergleich mit transurethralen Kathetern gezeigt (18, 19). Falls keine subvesikale Obstruktion besteht, scheint die Versorgung mit einem Kondomurinal ebenfalls mit einem erniedrigten HWI-Risiko behaftet zu sein (20).

Perioperative Antibiotikaprophylaxe

Die perioperative Antibiotikaprophylaxe gehört zwar nicht zur Therapie im engeren Sinn, spielt aber gerade bei Eingriffen im Harntrakt eine große Rolle. Sie ist am besten durch Studien bei der transurethralen Resektion der Prostata belegt. Dabei hat sich gezeigt, dass Fluorochinolone (auch oral), Aminoglykoside, Cephalosporine der II. und III. Gruppe sowie Breitspektrum-Penicilline grundsätzlich zur Prophylaxe geeignet sind. Zur Vermeidung einer systemischen Infektion oder Urosepsis sollte diese heute mit einer einmaligen Dosis (Tabelle 3) unmittelbar vor OP-Beginn erfolgen. Die längere Antibiotikagabe zum Beispiel bis zur Entfernung des Harnröhrenkatheters mag zwar zusätzlich die Rate postoperativer Bakteriurien verringern, erhöht jedoch gleichzeitig die Gefahr der Selektion resistenter Erreger (2, 3, 4, 21).
 

Urethritis

Die unkomplizierte Urethritis wird meist durch sexuell übertragbare Erreger ausgelöst. Bei Gonokokken-Infektionen zeigen alle Fluorochinolone in Ein- oder Kurzzeittherapie sehr gute Heilungsraten. Fluorchinolon-resistente Gonokokken werden jedoch vermehrt besonders im asiatischen Raum beobachtet. Gegenüber Chlamydien sind die Aktivitäten der verschiedenen Chinolone unterschiedlich. Als Mittel der Wahl gelten bei bekannten Chlamydieninfektionen nach wie vor Doxycyclin beziehungsweise die Makrolide. Inwieweit durch neuere Fluorochinolone wie zum Beispiel Levofloxacin oder Gatifloxacin eine Verbesserung der Therapieergebnisse zu erzielen sein wird, müssen klinische Studien zeigen.

Prostatitis

Die akute bakterielle Prostatitis wird in der überwiegenden Mehrheit der Fälle von Escherichia coli, anderen Enterobakterien und gelegentlich auch Pseudomonas aeruginosa verursacht. Die Rolle der Gram-positiven Kokken wird sehr kontrovers diskutiert und ist eher untergeordnet. Die wirksamsten Antibiotika stellen die Fluorchinolone dar. Weitere Substanzen, die ausreichende Gewebekonzentrationen in der akut entzündeten Prostata erzielen, sind Cephalosporine und Breitspektrum-Peniciline, die in Kombination mit einem Betalaktamaseinhibitor eingesetzt werden sollten, sowie Aminoglykoside. Nach dem kulturellen Erregernachweis aus dem Urin (Prostatamassage ist bei der akuten, bakteriellen Prostatitis kontraindiziert) und dem Ergebnis der Resistenzbestimmung sollte auf eine gezielte Antibiotikatherapie umgestellt werden, die nach Besserung der klinischen Situation als orale Therapie für mindestens vier bis sechs Wochen fortgesetzt wird. Bei schweren Infektionen kann eine Kombinationstherapie zum Beispiel mit Beta-Laktam-Antibiotika und Fluorchinolonen durchgeführt werden.

Das chronische Prostatitis-Syndrom ist eine multifaktorielle Erkrankung mit weitgehend unbekannter Ätiologie. Völlig unterschiedliche Behandlungskonzepte kommen deshalb zum Einsatz. Entsprechend der Klassifikation der Prostatitis des National Institutes of Health - NIH werden Erreger nur bei der akuten und chronischen bakteriellen Prostatitis nachgewiesen. Eine ausreichend lange Antibiotikatherapie, vornehmlich mit Fluorchinolonen, wird dabei empfohlen. Die meisten Patienten leiden aber an einem chronischen Schmerzsyndrom im kleinen Becken, das in eine entzündliche und eine nicht entzündliche Form unterteilt wird. Ob bei der entzündlichen Form eine Infektion ursächlich ist, ist unklar. Eine Antibiotikatherapie steht deshalb nicht an erster Stelle, obwohl einige Patienten über eine klinische Besserung nach einem solchen Therapieversuch mit Antibiotika, insbesondere in Kombination mit Alpha-Rezeptorenblockern, berichten.

Bei nachgewiesener oder angenommener funktioneller Obstruktion am Blasenhals werden Alpha-Rezeptorenblocker in relativ hoher Dosierung über einen längeren Zeitraum empfohlen. Führt dies nicht zum Erfolg, kommen verschiedene andere Therapieansätze, einschließlich psychosomatischer Verfahren, in Frage. Meistens liegen dazu nur Erfahrungsberichte, aber keine kontrollierten Studien vor. Auf jeden Fall ist es wichtig, dass der Patient über die Problematik der Diagnose und die Therapiemöglichkeiten voll aufgeklärt ist, da nur so ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Verhältnis aufrecht erhalten werden kann.
 

Epididymitis

Bei der akuten Epididymitis des jungen Mannes handelt es sich meist um eine Chlamydieninfektionen, wohingegen bei älteren Männern meistens eine Harnwegsinfektion mit den üblichen Erregern Ursache ist. Die Antibiotikatherapie richtet sich nach der Erregerwahrscheinlichkeit, wobei Fluorochinolone wegen ihrer guten Gewebegängigkeit bevorzugt eingesetzt werden. /

 

GlossarBalanitis: Entzündung der Glans penis und des inneren Vorhautblatts
Dysurie: erschwerte, schmerzhafte Blasenentleerung oft in Kombination mit Pollakisurie
Epididymitis: Entzündung des Nebenhodens meist fortgeleitet von einer Prostatitis oder Urethritis zum Beispiel bei Dauerkatheterisierung, selten hämatogen
Orchitis: Entzündung einer oder beider Hoden
Pollakisurie: häufige Entleerung kleiner Harnmengen zum Beispiel bei Blasenhalsobstruktion, Zystitis, Störungen der Blaseninnervation, postmenopausalem Östrogenmangel, Schrumpfblase
Prostatitis: akute oder chronische unspezifische Entzündung der Prostata durch urogene oder hämatogene Infektionen oder sehr selten Übergreifen einer Entzündung der Nachbarorgane
Urethritis: Entzündung der Harnröhrenschleimhaut, gegebenenfalls auch der tieferen Schichten
Urolithiasis: synonym Nephrolithiasis, Nierensteinkrankheit, Bildung von Konkrementen in den Tubuli der Niere, dem Nierenbecken und den ableitenden Harnwegen
Vesikulitis: Entzündung der Bläschendrüsen, hämatogene beziehungsweise urogene Infektion infolge Gonorrhoe, chronischer Prostatitis, Urethritis posterior, Orchitis, Epididymitis
Zystozele: Senkung des durch perivesikales Gewebe mit dem Scheidengewölbe verbundenen Blasenbodens bei Descensus vaginae als Zeichen einer allgemeinen Bindegewebsschwäche.  

Tabelle 1: Empfehlungen zur Antibiotikatherapie von Harnwegsinfektionen

 

Häufigste Erreger

Kalkulierte Initialtherapie

Therapiedauer  

·      Escherichia coli

·      Klebsiellen

·      Proteus spp.

·      Staphylokokken

 

·      Trimethoprim + Sulfonamid (drei Tage)

·      Fluorchinolon*(drei Tage)

·      Fosfomycin - Trometamol (ein Tag)

·      Pivmecillinam (sieben Tage)

·      Nitrofurantoin (sieben Tage)

Ein bis drei bis sieben Tage  

·      Prophylaxe wird nach erfolgreicher Therapie einer akuten HWI-Episode begonnen, das heißt der Urin ist zu Beginn der Prophylaxe keimfrei

·      Escherichia coli

·      Proteus spp.

·      Klebsiella spp.

·      andere Enterobakterien

·      Staphylokokken

·      Trimethoprim           50-100mg/d

·      Cotrimoxazol            40 -200mg/d

·      Nitrofurantoin           50-100mg/d

bei Durchbruchinfektionen:

·      Norfloxacin                    200mg/d

·      Ciprofloxacin                 125mg/d

in der Schwangerschaft:

Cephalexin                   125-500mg/d

 

Fluorchinolon·

Cephalosporin Gruppe II/III(a) alternativ

Aminopenicillin/Betalaktamaseinhibitor

Aminglykosid (maximal drei Tage, dann orale Therapie mit Alternativen)

Drei bis sechs Monate,

gegebenenfalls auch länger

 

 

 

 

 

Sieben bis zehn bis vierzehn Tage

   

·      Escherichia coli

·      Enterokokken

·      Pseudomonas spp.

·      Staphylokokken

·      Klebsiella spp.

·      Proteus spp.

·      Enterobacter spp.

·      andere Enterobakterien

·      (Candida spp.)

·      Fluorchinolon*

·      Aminopenicillin/Betalaktamase-inhibitor

·      Cephalosporin Gruppe III(a)

·      Carbapenem Gruppe I

bei Versagen der Initialtherapie innerhalb von ein bis zwei Tagen

·      pseudomonaswirksames Acylaminopenicillin/Betalaktamaseinhibitor

·      Cephalosporin Gruppe IIIb/IV

·      Carbapenem Gruppe I bei Candida

·      Fluconazol

·      Amphotericin B

Drei bis fünf Tage nach Entfieberung beziehungs-weise Beseitigung des komplizieren-den Faktors

 

Zwei bis drei Tage nach Entfieberung bei Patienten mit Blasendauer-kathetern

Tabelle 2: Äquivalente Tagesdosierungen oraler Fluorchinolone zur Therapie von HWI (4)

niedrige Dosierung Norfloxacin

2 x täglich 400 mg   Enoxacin 2 x täglich 200 mg

  Ofloxacin

2 x täglich 100 mg   Ciprofloxacin 2 x täglich 100 mg Standarddosierung Enoxacin 2 x täglich 400 mg   Ofloxacin 2 x täglich 200 mg   Ciprofloxacin 2 x täglich 250 mg   Levofloxacin 1 x täglich 250 mg hohe Dosierung Ciprofloxacin 2 x täglich 500 mg   Levofloxacin 1 x täglich 500 mg

*) Dosierung kann bei Bedarf noch erhöht werden

 

Tabelle 3: Einteilung und Dosierung ausgewählter Betalaktamantibiotika, die für die Therapie von Harnwegsinfektionen empfohlen werden.

Antibiotikumgruppe

Substanz

Dosierung

 

 

Oral

i. v. / i. m.

Aminopenicillin+ Betalaktamaseinhibitor

Ampicillin/Sulbactam

2 x 750 mg

3 x 0,75 bis 3 g

 

Amoxicillin/Clavulansäure

2 x 1 g

3 x 1,2 bis 2,2 g

Acylureidopenicillin+ Betalaktamaseinhibitor

Piperacillin/Tazobactam

-

3 x 2,5 bis 4,5 g

 

Piperacillin/Combactam

-

3 x 5 g

Cephalosporin Gruppe I

Cephalexin

nur Prophylaxe

-

Cephalosporin Gruppe II

Cefuroximaxetil

2 x 250 bis 500 mg

-

 

Cefuroxim

-

3 x 0,75 bis 1,5 g

 

Cefotiam

-

2-3 x 1 bis 2 g

Cephalosporin Gruppe III

Cefpodoximproxetil

2 x 200 mg

-

 

Ceftibuten

1 x 200 bis 400 mg

-

Cephalosporin Gruppe IIIa°

Cefotaxim

-

2 bis 3 x 1 bis2 g

 

Cetriaxon

-

1 x 1 bis 2 g

Cephalosporin Gruppe IIIb

Ceftazidim

-

2-3 x 1 bis 2 g

Cephalosporin Gruppe IV

Cefepim

-

2 x 2 g

Carbapenem Gruppe. I

Imipenem

-

3 x 500 mg

 

Meropenem

-

3 x 500 mg

Carbapenem Gruppe II

Ertapenem

-

1 x 400 mg

 

 

 

 

Literatur

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Der Autor

Florian Martin Erich Wagenlehner studierte von 1987 bis 1994 Humanmedizin an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. Nach seiner Approbation 1995 und Promotion 1996 an der Technischen Universität München erhielt er 2001 die Facharztanerkennung für Urologie. Von 1994 bis 1996 arbeitete Wagenlehner als Assistenzarzt der Urologischen Klinik, Klinikum St. Elisabeth, Straubing, von 1996 bis 1997 als Assistenzarzt der I. Chirurgischen Klinik (Visceral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie), Klinikum St. Elisabeth, Straubing, von 1997 bis 1998 als Assistenzarzt der Operativen Intensivstation, ebenfalls am Klinkum St. Elisabeth, Straubing. 1998 war Wagenlehner als Assistent des Institutes für medizinische Mikrobiologie der Universität Aberdeen/ Schottland, 1999 als Assistent des Institutes für Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg tätig. Nach weiteren zwei Jahren als Assistenzarzt der Urologischen Klinik, Klinikum St. Elisabeth, Straubing, ist Wagenlehner dort seit September 2001 Oberarzt.

 

Anschrift der Verfasser:
Dr. med. Florian Martin Erich Wagenlehner, Urologische Klinik, Klinikum St. Elisabeth, St. Elisabeth Straße 23, 94315 Straubing, Telefon (0 94 21) 7 10 67 02, Fax 7 10 17 17, E-Mail: Wagenlehner@AOL.com
Professor Dr. med. Kurt G. Naber, Urologische Klinik, Klinikum St. Elisabeth, St. Elisabeth Straße 23, 94315 Straubing, Telefon (0 94 21) 7 10 17 00, Fax 7 10 17 17, E-Mail: NaberK@Klinikum-Straubing.de

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