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Rheumamittel im Kalaharisand

11.06.2001
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TEUFELSKRALLE

Rheumamittel im Kalaharisand

von Christiane Berg und Brigitte M. Gensthaler, Windhoek

Zahlreiche Veröffentlichungen der vergangenen Jahre und Monate zeigen: Die Teufelskralle macht Karriere. Die auf dem lange Zeit als "dunkel" mystifizierten Kontinent beheimatete Arzneipflanze wächst auf den trockenen und sandigen Savannenböden der Kalahari in Namibia, Botswana und Südafrika. Sie wird seit jeher von den Buschmännern bei Magenbeschwerden, Fieber, Blutkrankheiten, Entzündungen und Schmerzen eingesetzt.

Die Wirksamkeit von Teufelskrallenwurzel-Präparaten zur unterstützenden Therapie bei Verschleißerscheinungen des Bewegungsapparates sowie bei dyspeptischen Beschwerden und Appetitlosigkeit ist in Deutschland von der Kommission E anerkannt. Auch positive Studien zur Rheumatherapie und eine entsprechende Monographie der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) liegen vor. Medizinisch verwendet werden Extrakte aus den knolligen sekundären Speicherwurzeln der traditionsreichen Pflanze. Wildsammlung oder kontrollierter Anbau? Die Gewinnung und Analyse der Teufelskrallenwurzel-Extrakte sind nicht nur von wissenschaftlichem Interesse, sondern gleichermaßen ein Politikum.

Die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens DC.) zählt zur Familie der Pedaliaceae, zu denen auch der Sesam gerechnet wird. Sowohl der Gattungs- (Harpagophytum, griech.: Hakenpflanze) als auch die Trivialnamen (Trampelklette, Devils Claw, Woodspider, Grapple Plant) weisen auf die typische, mit Widerhaken ausgestattete Form der holzig werdenden Früchte hin, die sich im Fell oder in den Klauen von Weidetieren verhaken und zu ernsthaften Verletzungen und Behinderungen führen können. Von den charakteristischen "Enterhaken" geschützt, breiten sich die oberflächigen Triebe des zählebigen mehrjährigen Gewächses mit den leuchtend rotvioletten Blüten kriechend auf dem unwirtlichen Wüstenboden aus und zeigen sich nicht nur den harten Umweltbedingungen, sondern selbst Elefantentritten gewachsen. Sie überleben in den Savannen mit nur 100 bis 200 mm Niederschlag pro Jahr und überdauern die Trockenzeit mit Hilfe ihrer unterirdischen Knollen. Die Pflanzen bilden eine wichtige Nahrungs- und Wasserreserve für Nutz- und Wildtiere.

Gefahr durch unsachgemäße Sammeltechniken

Nach Sitte ihrer Vorfahren nutzen die Ureinwohner der Kalahari-Gebiete, die Buschmänner und Damara, Abkochungen der getrockneten Wurzeln als Tee bei verschiedenen Erkrankungen oder bieten die Droge auf den Märkten zum Verkauf an. Das Sammeln der sekundären Speicherwurzeln, die bis zu zwei Meter tief im Boden liegen können, gilt als wichtige Einkommensquelle dieser ehemals nomadischen, heute sesshaften und oftmals im Elend lebenden Volksgruppen. Mit Macheten, Spaten und Löffeln machen sie sich auf den Weg und graben bis zu einem Meter tiefe Löcher, um die wertvollen Wurzeln frei zu legen. Die Gruben werden häufig nicht wieder verfüllt. Das bedroht nicht nur die Pflanze selbst, sondern auch weidende Tiere, die nach dem Sturz in ein solches Loch oftmals elendig verenden oder notgeschlachtet werden müssen.

Durch unsachgemäße Sammeltechniken (Verwechslung der Sekundär- mit Primärwurzeln, die zur anschließenden Erholung der Staude notwendig sind) und Übernutzung ist das Vorkommen der Teufelskralle in den Sammelgebieten stark zurückgegangen. Wegen fehlender Bestandserhebungen ist unklar, in welchem Ausmaß die Art bereits gefährdet ist.

Bereits im März vergangenen Jahres machte das Bundesamt für Naturschutz, Bonn, in einer Pressemitteilung auf Gefahren durch die starke Nachfrage aufmerksam (BfN, 2000). "Deutschland gehört zu den wichtigsten Verbraucherländern und trägt daher Verantwortung", so der Präsident des Bundesamtes für Naturschutz, Professor Dr. Hartmut Vogtmann. Ein Verbot sei keine Lösung und gehe zu Lasten der einheimischen Bevölkerung. "Wenn die traditionellen Sammler einen wirtschaftlichen Gewinn aus der Teufelskralle erzielen können, werden sie zu ihrem Schutz beitragen. Sie sind Garanten für die Erhaltung des Ökosystems". Das Bundesamt verfolge daher das Ziel einer schonenden und dauerhaften Wildsammlung. Die Bundesrepublik stellte im gleichen Monat den Antrag, die Teufelskralle in den Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) aufzunehmen. "Dies bedeutet kein Handelsverbot, sondern eine Handelskontrolle, die hilft, die langfristige Erhaltung und Nutzung dieser natürlichen Ressource sicherzustellen", hat Vogtmann den deutschen Antrag erklärt. Die Entscheidung steht bislang aus.

Handelsmengen gestiegen

Namibia hat 1999 mehr als 600 Tonnen der getrockneten Droge ausgeführt. Tendenz steigend. Auf einer Arbeitstagung in Windhuk zeigten sich Fachleute und Behördenvertreter aus Namibia, Botswana, Südafrika und Deutschland bereits im August 1999 besorgt über den steilen Anstieg der Handelsmengen und die drohende Gefährdung der traditionsreichen Pflanze. Mit Mitteln des Bundesamtes des Naturschutzes und des deutschen Bundesumweltministeriums werden deshalb seit einiger Zeit Maßnahmen gefördert, die die Voraussetzungen für eine nachhaltige Nutzung schaffen: Erfassung der Gesamtverbreitung, Entwicklung spezifischer Erntetechniken, Bestimmung der Erntequoten für ein Sammelgebiet, Ausbildung der Sammler in schonenden Sammelmethoden (BfN, 2000). Das Vorhaben wird gemeinsam von namibischen und deutschen Wissenschaftlern getragen. Partner in Namibia sind das National Botanic Research Institute und die südafrikanische Entwicklungshilfe-Organisation CRIAA, die seit 1997 ein Armutsbekämpfungsprojekt durchführt, bei dem die Sammlung der Teufelskralle die zentrale wirtschaftliche Komponente ist.

Eine andere Lösung zum Schutz der gefährdeten Art strebt Dr. George Betti, Courmes, Frankreich, an, der als einer der Pioniere des lange Zeit für unmöglich gehaltenen Anbaus von Teufelskralle in Namibia gilt. Nicht zuletzt in Erwartung eines weiter steigenden Bedarfs hat Betti verschiedene Möglichkeiten untersucht, wie die notwendigen Mengen an Teufelskralle in guter Qualität bereitgestellt und gleichermaßen die Pflanze in ihrem Bestand geschützt werden kann.

Auf der Eahero-Farm in der Nähe von Okahanja, 130 km nordöstlich von Windhuk, praktiziert Betti gemeinsam mit den Besitzern Wolfi und Irmela Horsthemke den feldmäßigen Anbau der Teufelskralle, der sich derzeit noch im Versuchsstadium befindet. Dabei wird größtes Augenmerk auf die Sortenauswahl der Pflanzen gelegt, um einen möglichst hohen Gehalt an Leitstrukturen im Drogenmaterial zu erhalten. Das Projekt ist nach den Richtlinien der EU biozertifiziert, das heißt der Anbau wird ohne Pestizide oder Herbizide betrieben. Auch werden die gesammelten Wurzeln nach der Ernte auf Schwermetalle oder andere toxische Rückstände untersucht.

 

Eine große Herausforderung

Die Farm von Wolfi und Irmela Horsthemke nordöstlich von Windhuk ist seit 1980 in Besitz der Familie, die väterlicherseits in dritter, mütterlicherseits in vierter Generation in Namibia lebt. "Gefarmt" wird hier vorrangig mit Rindern, angebaut werden Zwiebeln für den Export nach Südafrika, Erdnüsse für den namibischen Markt, in guten Regenjahren auch Mais. Bei Lektüre einer deutschen Frauenzeitschrift wurde Irmela Horsthemke, Apothekerin mit Studium in Kapstadt, auf die Bedeutung von Teufelskrallenpräparaten in Deutschland aufmerksam. Dieses veranlasste sie, Kontakt zur Firma Lichtwer aufzunehmen. Mit Unterstützung von Dr. Betti und basierend auf Forschungsarbeiten von Gerard Hansford und Professor Earle Graven von Grassroots Phytomed, zu dessen Team auch Peter Turner und Rikus Müller gehören, wird seit nunmehr vier Jahren auf einer vier Hektar großen Fläche Teufelskralle angebaut. Mit Irmela Horsthemke sprach PZ-Redakteurin Dr. Christiane Berg.

PZ: Frau Horsthemke, wie sind Ihre Erfahrungen im Anbau mit der Teufelskralle?

Horsthemke: Ich empfinde den Anbau von Teufelskralle als eine große Herausforderung. Wie im Umgang mit wilden Tieren scheint es auch hier manchmal, als müsse man die Pflanze zähmen. Trotz ihrer enormen Widerstandskraft, die ihr hilft, im Busch zu überleben, ist sie dennoch hoch sensibel. Dieser Sensibilität gilt es gerecht zu werden. Die Stecklinge werden im Gewächshaus herangezogen und dann auf das Freiland versetzt. Die Teufelskralle muss nur geringfügig bewässert werden und das auch nur, bis sie sich quasi im Boden gefestigt hat. Die natürliche Regenzeit kommt der Pflanze sehr zugute, in dieser Zeit verlieren sich oftmals auch etwaige Krankheiten, unter der interessanterweise nur die Pflanzen im Anbau leiden.

PZ: Die Pflanze muss sich widerstandsfähig nicht nur gegen Hitze, Wind oder den Durchzug von Elefantenherden zeigen. Sie ist im Anbau offenbar auch noch weiteren Gefahren ausgesetzt?

Horsthemke: Besonders die austreibende Pflanze im Frühling ist durch grasende Tiere wie Kudus, Schafe, Stachelschweine und Erdschweine gefährdet, während Nagetiere auch die Wurzeln beschädigen. Sehr häufig kommt es zu Pilzbefall. Insektenbefall ist weniger ein Problem, während Termiten im Anbaufeld als starke Bedrohung gelten. Wir testen derzeit verschiedene Methoden, die Termiten unter Kontrolle zu halten. Obwohl auch Ameisen ihre Bauten oftmals an einer Pflanze ansiedeln, hat das für deren Gedeihen keine Bedeutung.

PZ: Wildsammlung oder kontrollierter Anbau? Wie lautet Ihre persönliche Meinung in der zum Teil sehr heftig geführten Diskussion?

Horsthemke: Ich bin der festen Überzeugung, dass der kontrollierte Anbau den Druck auf die Wildsammlung verringert und somit zur Schonung der gefährdeten Art beiträgt. Dabei muss es vorrangiges Anliegen der Forschung sein, resistente Klone zu entwickeln. Die unsachgemäße Ernte im Rahmen der Wildsammlung führt nicht nur zum Aussterben der Pflanze; sie ist Ursache auch der mangelnden Qualität der Ware, die zudem oftmals noch stark verschmutzt ist. Ganz abgesehen davon, dass der Harpagosid-Gehalt je nach Sammelgebiet starken Schwankungen unterlegen ist. 

Der Versuch der Kontrolle der Wildsammlung durch das Ministerium für Umwelt und Tourismus in Windhuk, das den Sammlern Permits, also Ernte-Erlaubnisscheine ausstellt, hat bislang keine Wirkung gezeigt, da die Überprüfung der Einhaltung der Vorschriften vor Ort unmöglich ist.

 

Anbau macht unabhängig von natürlichen Schwankungen

Im Vorfeld der Inkulturnahme gab es ein breitangelegtes Screening vor allem der natürlichen Vorkommen in Namibia. Bei der Beobachtung und Analyse verschiedener Populationen über mehrere Jahre kristallisierten sich qualitativ hochwertige Genotypen heraus, die als Ausgangsmaterial für den Anbau auf der Eahero-Farm eingesetzt werden. Speziell abgestimmte Ernteverfahren gewährleisten die Mehrjährigkeit und das Überleben der Pflanze. Untersuchungen zum Einfluss verschiedener Anbauparameter ermöglichen eine optimale Anpassung an die Anforderungen des Gewächses. So kann der Gehalt an Harpagosid, der als Hauptinhaltsstoff der Knollen von H. procumbens gilt, jahreszeitlich schwanken. Nicht zuletzt diese Streuung in verschiedenen Pflanzen eines Standortes zu einem bestimmten Erntezeitpunkt macht weitere Untersuchungen zu Klima, Wasserzustand der Pflanze und des Bodens, Pflanzenalter und -wuchs, zur Variationsbreite des Harpagosid-Gehaltes in den Knollen oder zum optimalen Erntezeitpunkt erforderlich.

Bestätigung in ihrem Vorhaben finden Betti und das Ehepaar Horsthemke bei Professor Dr. Earle Graven, Grassroots Phytomed, Kapstadt, der mehrjährige Erfahrungen mit dem Anbau von Teufelskralle in Südafrika gesammelt hat. Neben dem Schutz natürlicher Vorkommen durch Verringerung des Sammeldrucks und Qualitätsverbesserung durch Auswahl bestimmter Genotypen nennt Graven homogene Qualität und höhere Rohstoffsicherheit als Vorteile des Anbaus. Nur der Anbau mache unabhängig von Schwankungen, die naturbedingt in wildgesammelter Droge vorzufinden sind, und könne eine gleichbleibend hohe pharmazeutische Qualität der Produkte gewährleisten. Bei Drogen aus Wildsammlungen werden zusätzlich Verunreinigungen mit Wurzeln anderer, zum Teil giftiger Pflanzen beobachtet, die durch einen kontrollierten Anbau der Pflanze einfach auszuschließen sind.

Verfälschungen durch H. zeyheri

Harpagophytum procumbens wurde in der Monographie der Kommission E positiv zur inneren Anwendung bei rheumatischen Beschwerden bewertet. Die Wirkung wird unter anderem auf die in den sekundären Speicherwurzeln von H. procumbens enthaltenen Iridoide (0,5 bis 3 Prozent) und hier hauptsächlich auf das Iridoidglykosid Harpagosid (Ph. Eur. 1,2 Prozent) zurückgeführt. Daneben kommen Harpagid, Procumbid und Procumbosid vor, außerdem Phenylethanoidglykoside wie Acteosid und Isoacteosid sowie große Mengen an Kohlenhydraten wie Stachyose, Raffinose, Saccharose und Glukose. Der durch die Iridoide bedingte Bitterwert beträgt 5000 bis 12.000; seine Bestimmung wird aber vom Arzneibuch nicht verlangt.

Mit Harpagophytum zeyheri wächst im Norden von Namibia, in Angola, Zimbabwe, Südafrika, Sambia und Mosambik eine weitere Teufelskrallenart, die nicht offizinell ist. Untermischungen von H. procumbens mit H. zeyheri sind sehr häufig und sollen den Wert der Droge mindern. Es ist vor allem der 8-p-Coumaroylharpagid-Gehalt (PCHG) der Speicherwurzeln, in dem sich H. procumbens und H. zeyheri signifikant unterscheiden. Während Harpagosid (HS) in H. procumbens der Hauptinhaltsstoff ist und PCHG, wenn überhaupt, nur in sehr geringen Mengen auftritt, weist H. zeyheri bei einem Verhältnis von PCHG zu Harpagosid von 1 : 1 im Durchschnitt sehr viel geringere Harpagosid-Gehalte auf.

Die HPLC-analytische Bestimmung von PCHG gestattet Aussagen über Beimischungen von Wurzeln der nicht offizinellen Art H. zeyheri. Zur Erkennung von Verunreinigungen wird der HS/PCHG-Quotient herangezogen, der als Qualitätskriterium für die Reinheit der Droge gilt. Mittlere und sehr niedrige Werte (< 20) zeigen Verfälschungen durch H. zeyheri an. Als noch aufschlussreicher gilt die PCHG-Kennzahl, die Aussagen zum prozentualen Anteil von PCHG an den Gesamtiridoiden macht. Auch sie gilt als Qualitätsmarker für den Reinheitsgrad der Droge. Der obere Grenzwert von 9 wird von einigen Autoren, die eine Erhöhung auf 12 vorschlagen, als zu eng gefasst angesehen.

So oder so kommt beiden Werten große Bedeutung zu, denn eine optische Differenzierung frischer Wurzeln ist schwierig und bei der getrockneten und geschnittenen Droge praktisch unmöglich. Als Verwechslungen kommen neben H. zeyheri zusätzlich noch Elephantorrhiza spec. (Fabaceae) und Acanthosycios naudians (Cucurbitaceae) in Betracht.

Extrakt wirksamer als reines Harpagosid

Teufelskralle gilt als pflanzliche Alternative zu nicht steroidalen Antiphlogistika in der Behandlung chronischer und unspezifischer Rückenschmerzen. Mit Ethanol (30 bis 60 Prozent) beziehungsweise Wasser hergestellte Flüssig- und daraus gewonnene Trockenextrakte, zum Beispiel der in einem standardisierten Verfahren hergestellte Trockenextrakt LI 174, werden als konform mit der Kommission-E-Monographie eingestuft. Die erforderliche Tagesdosis für die antientzündliche Therapie beträgt 4,5 g Droge, was im Falle von LI 174 durch die Einnahme von 960 mg Extrakt (zum Beispiel zwei Kapseln Rivoltan®) erreicht wird.

Die analgetische und entzündungshemmende Wirkung des Extraktes LI 174 wurde bereits in zahlreichen pharmakologischen In-vitro- und In-vivo-Studien untersucht. Vermutet wird insbesondere eine Beeinflussung des Arachidonsäurestoffwechsels. LI 174 hemmte in vitro an menschlichen Leukozyten konzentrationsabhängig die Thromboxan-B2- und Leukotrien-C4-Biosynthese. Auch die Hemmung der Cyclooxygenase-2 wurde kürzlich als möglicher Wirkmechanismus von H. procumbens vorgeschlagen. Mit einem Harpagophytum-Extrakt konnte an menschlichen Monozyten darüber hinaus belegt werden, dass dieser dosisabhängig die LPS-induzierte Synthese von Prostaglandin E2 und Zytokinen (Interleukin 1b, Tumornekrosefaktor a) unterdrückt, die bei degenerativen Gelenkerkrankungen für die Knorpelzerstörung verantwortlich sind und auch die Knorpelregeneration hemmen.

Obwohl Harpagosid als einer der Hauptwirkstoffe betrachtet wird, so hat sich doch gezeigt, dass neben diesem dominierenden "Leitiridoid" noch andere Inhaltsstoffe zur Wirksamkeit beitragen müssen, da der Extrakt wirksamer ist als das reine Harpagosid.

An Ratten und Mäusen wurde der analgetische Effekt von LI 174 in Form einer Erhöhung der Schmerzschwelle nachgewiesen. Die Wirkung war vergleichbar mit der von Diclofenac und Phenylbutazon. Teufelskrallenextrakte zeigten besonders in subakuten und chronischen Entzündungsmodellen deutliche Effekte. In zahlreichen älteren In-vivo-Versuchen mit unterschiedlichen Extrakten konnte kein einheitliches Bild der Wirkung gewonnen werden, was vermutlich auf die variable Qualität der damals untersuchten Extrakte zurückzuführen ist. Die Verwendung eines standardisierten Extraktes ist daher wie bei allen Phytopharmaka für eine verlässliche pharmakologische und klinische Wirksamkeit unumgänglich.

Bei Rückenschmerzen effektiv

Zahlreiche Publikationen zu klinischen Erfahrungen und Anwendungsbeobachtungen mit Teufelskralle liegen vor. Die Wirkung des Teufelskrallenextraktes LI 174 bei der Behandlung unspezifischer Rückenschmerzen sowie Effekte auf die sensible, motorische und vaskuläre Muskelreagibilität wurden unter anderem an der Neurologisch-verhaltensmedizinischen Schmerzklinik Kiel in Kooperation mit dem Institut für Medizinische Psychologie, Klinikum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, untersucht.

 

Weitere Fertigarzneimittel mit Teufelskrallenwurzel-Extrakt (Beispiele)

Handelsname

Trockenextrakt (mg) 
pro abgeteilte Form 

Tagesdosierung

Arthrotabs®

410 

3 x 2 Filmtabletten

Cefatec®

480

2 x 1 Brausetablette

Doloteffin®

400

3 x 2 Filmtabletten

Harpagoforte® AS medic

375

3 x 2 Kapseln

Jucurba®

300

3 x 2 Kapseln

Rheuma-Sern®

400

3 x 1 bis 2 Kapseln

Teltonal® 

480

2 x 1 Filmtablette

Zusammenstellung nach Schilcher, Kammerer 2000

 

Die randomisierte, prospektive, placebokontrollierte und doppelblinde Studie unter Leitung von Professor Dr. Hartmut Göbel schloss 63 Patienten mit leichten bis mittelstarken muskulären Verspannungen oder leichten Muskelschmerzen des Rückens, der Schulter sowie des Nackens ein (Göbel, 2001). Diese bekamen entweder zweimal täglich 480 mg LI 174-Extrakt oder Placebo. Die Therapiedauer betrug vier Wochen. Vor Behandlungsbeginn wurde die Intensität der Rückenschmerzen mit Hilfe einer visuellen Analogskala (0 = kein Schmerz bis 50 = sehr starker Schmerz) erfasst. Außerdem erfolgte eine Messung der Schmerzempfindlichkeit im Druckalgometertest. Aufschlussreiche Daten wurden des weiteren über die Erfassung der exteroceptiven Suppression der Temporalismuskelaktivität, über Muskelresistenztest, EMG-Oberflächenaktivität, Muskelischämietest, Clinical Global Impressions (CGI) sowie anhand subjektiver Patienten- und Arzturteile gewonnen.

In der Verumgruppe wurden 31, in der Placebogruppe 32 Patienten behandelt. Nach Abschluss der vierwöchigen Therapie fand sich eine deutliche klinische Wirksamkeit des Verums im klinischen Globalscore sowie in den Patienten- und Arzturteilen. Hochsignifikante Schmerz reduzierende Effekte ergaben sich in der visuellen Analogskala zur Schmerzintensität, im Druckalgometertest zur Schmerzempfindlichkeit, in der Muskelresistenz mittels Stiffness-Prüfung sowie im Muskelischämietest. Keinen Unterschied zu Placebo gab es in der Erfassung antinozizeptiver Muskelreflexe sowie in der EMG-Oberflächenaktivität. Die Verträglichkeit war gut, schwere unerwünschte Ereignisse traten nicht auf. Resümee der Autoren: Der Einsatz von Harpagophytum-Extrakt bei Rückenschmerzen ist effektiv. Sie empfehlen, den Extrakt im Stufenschema zur Schmerztherapie vor den Nicht-Opioiden zu platzieren. Besonders die gute Verträglichkeit spreche für eine Aufnahme in den therapeutischen Behandlungsrahmen.

In Deutschland ist jede fünfte Konsultation eines Arztes auf "rheumatische" Beschwerden, jede zehnte auf Rückenschmerzen zurückzuführen. Mit circa 97 Millionen Verordnungen pro Jahr stehen Analgetika/Antirheumatika an der Spitze aller Medikamentengruppen. Die durch Rückenschmerzen verursachten Kosten wie Arbeitsunfähigkeit, Produktionsausfall und Therapiekosten werden auf circa 70 Milliarden DM jährlich veranschlagt. Die Gabe der vorzugsweise eingesetzten, nicht steroidalen Antirheumatika wird speziell bei einer längerfristigen Behandlung als nicht unproblematisch angesehen. Sie geht bei 20 bis 40 Prozent der Patienten mit Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich (Magenschmerzen, Sodbrennen, Völlegefühl, Magen-Darm-Geschwüre mit Blutungen) einher.

 

Schätze der Natur

"...Die Erforschung und Nutzung unserer Pflanzenwelt hat sich als berechtigt erwiesen. Wir müssen uns heute die Schätze der Natur sichern, denn viel wertvolles Wissen wird mit dem Dahinsterben alter Kräuterkundiger bald und unwiederbringlich verloren sein."

Anthroposophie, Homöopathie, Phytotherapie: "...Im modernen Denken beginnen sich starre Fronten zu öffnen und die Einsicht wächst, dass nicht im Gegeneinander, sondern im Miteinander der verschiedenen Heilrichtungen der größte Segen für den kranken Menschen liegt."

Dr. Eberhard von Koenen, Autor des Buches "Heil-, Gift- und Essbare Pflanzen in Namibia", 1996

 

Sammlung und Anbau sind keine Gegensätze

Der Einsatz pflanzlicher Alternativen gilt nicht zuletzt auch auf Grund des zunehmenden Stellenwertes von Phytopharmaka als reizvoll und wird die Nachfrage nach Teufelskralle, die bereits heute ein namibischer Exportschlager ist, weiterhin steigern - dies angesichts der Tatsache, dass die Populationsdichte der wertvollen Arzneipflanze schon jetzt in alarmierendem Maße abgenommen hat. Während man früher im natürlichen Verbreitungsgebiet der Teufelskralle in Namibia 1000 bis 2000 Pflanzen pro Hektar finden konnte, ist der Bestand zwischenzeitlich oftmals auf ein Exemplar pro Hektar zurückgegangen. Mit der Verknappung der Art hat auch der Anteil fremder, nicht wirksamer oder sogar giftiger Pflanzenarten am gesammelten Material zugenommen, da es für die einheimischen Sammler immer schwieriger wird, die "richtigen" Teufelskrallenwurzeln zu finden.

Zum Schutz der Art und Sicherstellung der pharmazeutischen Qualität der Extrakte besteht dringender Handlungsbedarf. Die Inkulturnahme gilt als ein vielversprechender Ansatz, wobei sich Wildsammlung und kontrollierter Anbau nicht ausschließen müssen. Nicht zuletzt auf Grund der hohen Kosten wird der kontrollierte Anbau die Wildsammlung nicht ersetzen können. Denkbar allerdings wäre, dass durch Schärfung der Aufmerksamkeit und Stärkung der Sensibilität für die Bedürfnisse der traditionsreichen Pflanze beim Anbau auch die kontrollierte, Habitat schonende Wildsammlung profitiert. Die gewonnenen Kenntnisse können Berücksichtigung bei der Schulung der Sammler finden. Ein Beitrag zum Schutz der gefährdeten Art könnte somit auch auf diesem Weg geleistet werden.

 

Quellen und Literatur

  • Vorträge von Dr. Georges Betti, Courmes/Frankreich; Professor Earle Graven, Kapstadt; Professor Dr. Rudolf Bauer, Düsseldorf, und Professor Dr. Hartmut Göbel, Kiel, auf dem Symposium "Teufelskralle" unter der Moderation von Dr. Hartmut Morck, Eschborn, am 1. Mai 2001 in Windhuk/Namibia, im Rahmen der PZ-Leserreise vom 28. April bis 7. Mai 2001. Das Fachprogramm Teufelskralle wurde mit Unterstützung der Lichtwer Pharma erstellt.
  • BfN, Bundesamt für Naturschutz, Steckbrief - Die Teufelskralle, eine durch Übernutzung selten gewordene Heilpflanze aus dem südlichen Afrika. Bonn, 14. 3. 2000.
  • Göbel, H., et al., Harpagophytum-Extrakt LI 174 (Teufelskralle) bei der Behandlung unspezifischer Rückenschmerzen. Schmerz, Springer-Verlag 2001.

 

Weiterführende Literatur

  • Feistel, B., Gaedcke, F., Analytische Identifizierung von Radix Harpagophyti procumbentis und zeyheri. Ztschr. Phytother. 21 (2000) 246 - 251.
  • Wegener, T., Die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens DC.) in der Therapie rheumatischer Erkrankungen. Ztschr. Phytother. 19 (1998) 284 - 294.
  • Schmidt, M., et al., Anbau der Teufelskralle. Dt. Apoth. Ztg. 138 (1998) 46 - 57.
  • Wenzel, P., Wegener, T., Teufelskralle, Ein pflanzliches Antirheumatikum. Dt. Apoth. Ztg. 135 (1995) 1131 - 1144.
  • Chrubasik, S., et al., Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Teufelskrallenwurzelextrakt bei Rückenschmerzen: Erste Ergebnisse einer therapeutischen Kohortenstudie. Forsch. Komplementärmed. 4 (1997) 332 - 336.
  • von Willert, D., Schneider, E., Teufelskralle, Anbau und Wildsammlung. Dt. Apoth. Ztg. 141, Nr. 6 (2001) 55 - 62.
  • Teufelskrallenextrakt erzielt hochsignifikante Schmerzreduktion. Sonderdruck aus "Der Allgemeinarzt" 21 (1999) 1018 - 1019.
  • Mit Teufelskralle verträglich therapieren. Sonderdruck aus "Der Allgemeinarzt" 21 (1999) 24 - 28.
  • Caesar, W., Teufelskralle zur Therapie der Osteoarthritis. Dt. Apoth. Ztg. 141, Nr. 15 (2001) 41.
  • Schilcher,.H., Kammerer, S., Leitfaden Phytotherapie. 1. Aufl., Urban & Fischer, München, Jena 2000.

 

Die Autorinnnen

Christiane Berg studierte Pharmazie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde 1984 in der Abteilung Toxikologie des Zentrums Klinisch-Theoretische Medizin II (Leitung: Professor Dr. Otmar Wassermann) promoviert. Im selben Jahr begann sie ihre Tätigkeit als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung in Frankfurt. Sie kommt dieser Aufgabe seit Gründung eines norddeutschen Büros 1989 von Hamburg aus nach. Dr. Berg ist Mitautorin des "Lehrbuches für pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte - Die PKA" sowie Autorin zweier Patientenratgeber, die ebenfalls im Govi-Verlag erschienen sind. Sie berichtet regelmäßig für die "Neue Apotheken-Illustrierte" über aktuelle Gesundheitsthemen und ist seit über zehn Jahren Mitglied der Redaktion "Videopharm", Videomagazin zur Apothekerfortbildung.

Brigitte M. Gensthaler studierte in München Pharmazie und erhielt 1984 die Approbation. Nach Vertretungs- und Angestelltentätigkeit in öffentlichen Apotheken wechselte sie 1986 in die Redaktion der Pharmazeutischen Zeitung. Seit Anfang der neunziger Jahre arbeitet sie als Redakteurin von München aus und betreut unter anderem das Ressort der Titelbeiträge. Sie ist Autorin zweier Patientenratgeber, die im Govi-Verlag erschienen sind, und schreibt freiberuflich Artikel zu pharmazeutisch-medizinischen Themen für PTA und Laien.

 

Für die Verfasserinnen

Dr. Christiane Berg
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