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Auf Spurensuche im Berufsalltag

28.05.2001
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FRAUEN IN FÜHRUNGSPOSITIONEN

Auf Spurensuche im Berufsalltag

von Gisela Stieve, Neustadt/Weinstraße

Pharmazie ist die eine, die Leitung einer Apotheke die andere Seite der Medaille. Woran liegt es, dass immer noch verhältnismäßig wenig Frauen eine Apotheke leiten oder sich berufspolitisch engagieren? Fehlen Mut und Selbstvertrauen oder ist es die Angst, als Karrierefrau mit diversen negativen Attributen abgestempelt zu werden? Sind verantwortungsvolle Aufgaben nur Zusatzbelastung oder fehlt die Lust auf Erfolg? Auf der Spurensuche in der Pharmazie und in anderen Metiers ergaben sich interessante Erklärungen und Zusammenhänge.

In der Standes- und Berufspolitik sind Frauen in Führungspositionen inzwischen vertreten: Den 17 Apothekerkammern des Landes stehen drei Präsidentinnen vor. Acht Frauen bekleiden das Amt der Vizepräsidentin und sieben sind als Geschäftsführerinnen tätig. Bei den Apothekervereinen/-verbänden sind Frauen nicht so stark repräsentiert: Drei Apothekerinnen sind als Vorsitzende, sechs als stellvertretende Vorsitzende zu nennen. Auf Geschäftsführungsebene findet man eine Frau.

Ganz offensichtlich haben die Frauen in jüngster Vergangenheit etwas Neues in Bewegung gesetzt. In dieser "postemanzipatorischen" Phase, in der das Wort Emanzipation verstaubt wirkt und keinen Platz mehr in politischen oder sonstigen Diskussionen hat, sind ganz neue Fragen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Seminare, Symposien, Kongresse und jede Menge Literatur wollen die Frauen in ihrer Kompetenz stärken und ihnen die "Lust auf Erfolg" nahe bringen.

Professor Dr. Dagmar Schipanski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Thüringen und 1999 Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin hat beim 2. Heidelberger Kongress für weibliche Führungskräfte auf den Situationswandel der Frau in der Gesellschaft und im Beruf hingewiesen. Viele Bastionen seien in den vergangenen 100 Jahren errungen worden. Das Selbstbewusstsein der jungen Frauen heute sei so groß wie nie zuvor. 1995 hat es in allen Fakultäten mehr weibliche Studierende als Studenten gegeben, ein Trend, der sich bei der Besetzung wissenschaftlicher Führungspositionen jedoch nicht fortsetzt, bedauert Schipanski. C4-Professuren sind heute wie in den zwanziger Jahren lediglich zu fünf Prozent mit Frauen besetzt. In anderen Führungspositionen sei dies ähnlich. Die Ministerin sieht einen Grund in den festgefahrenen Strukturen einer von Männern dominierten Welt. Sie selbst war nach 40 Jahren die erste weibliche Vorsitzende des Wissenschaftsrates gewesen. Ihre beiden Nachfolger sind wieder Männer.

Als Frau aus dem Osten ist für sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nie eine Frage gewesen. Teile der ehemaligen Gesellschaftsstrukturen - von der Rolle des Mannes in Familie und Gesellschaft bis zum Angebot an Kinderbetreuungsplätzen oder Teilzeitregelungen am Arbeitsplatz - sind für das Deutschland des 21. Jahrhunderts überdenkenswert, empfahl sie. Schipanski ist davon überzeugt, dass es sich die Gesellschaft nicht leisten kann, auf 50 Prozent ihrer Kreativität und ihres geistigen Potenzials zu verzichten und ermuntert junge Frauen, ihren Weg zu gehen. Auch wenn sie ihren beiden Töchtern ein Schild mit der Aufschrift "Wer sich nicht wehrt, endet am Herd" an die Zimmertür gehängt hat, muss natürlich jede Frau Prioritäten setzen und realistisch ihre Grenzen erkennen: Eine Mutter von einem einjährigen Kind könne nicht Start-up-Unternehmerin sein und nebenbei noch promovieren, so Schipanski.

 

Nachwuchssorgen

Pro Jahr schließen rund 2000 Pharmaziestudenten ihr Studium mit der Approbation ab. 75 Prozent davon sind Frauen. 30 Prozent von ihnen können sich vorstellen, die Leitung einer Apotheke zu übernehmen. Lediglich 30 bis 40 Prozent der approbierten Pharmazeutinnen streben eine Promotion an. Es habilitieren sich nur ganz wenige.

Von den Apothekenleitern sind rund 42 Prozent Frauen, aber fast 63 Prozent beträgt ihr Anteil an den Angestellten in der öffentlichen Apotheke.

In Hochschulkreisen geht man davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren 4000 Pharmazeuten zu wenig ausgebildet werden. Dies hängt unter anderem mit der Kapazitätsverordnung zusammen.

 

Frauen sind doppelt rentabel

Ein dauerhaftes Ärgernis ist das Einkommen der Frauen in Führungspositionen, kann Professor Dr. Sonja Bischoff, Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg, nachweisen. Während 1998 51 Prozent der Männer im mittleren Management über 150.000 DM jährlich verdienten, bekamen nur 24 Prozent der Frauen in vergleichbarer Position dieses Gehalt. Dieser Einkommensnachteil sei seit 1986 nachweisbar, und zwar in Unternehmen jeder Größenordnung und jeder Branche, in allen Aufgabenbereichen, auf jeder hierarchischen Ebene und für alle Altersgruppen - er sei nur unterschiedlich groß, so die Hochschullehrerin für Betriebswirtschaftslehre.

Gleichzeitig stellte Bischoff fest, dass Frauen, die auf gleicher hierarchischer Ebene wie Männer arbeiten, ihre Aufgabe und somit ihre Leistung regelmäßig mit weniger Mitarbeitern erfüllen als Männer. Ihr Fazit: Frauen in Führungspositionen sind gewissermaßen doppelt rentabel, sie verursachen weniger direkte und indirekte Kosten als Männer in vergleichbaren Positionen. Erfreulich ist für Bischoff, dass viele Frauen in Führungspositionen inzwischen den Gehaltsnachteil für sich konstatiert haben und folglich damit unzufrieden sind. Sie rät: "Love it, change it or leave it" (sinngemäß: Liebe Deinen Job, ändere etwas oder lass es ganz bleiben).

Auf der Unzufriedenheitsskala mit der Arbeitssituation rangiert zwar bei beiden Geschlechtern der Grund "Qualität der vorgesetzten Führungsebene" an erster Stelle (bei Männern zu 44 Prozent, bei Frauen zu 59 Prozent), doch dann trennen sich die Wege der Beurteilung. Bei Frauen rangiert auf Platz zwei der Unzufriedenheit das "Gehalt" (44 Prozent; Männer Platz 5 mit 30 Prozent), gefolgt von "häufiger Zwang zum Kompromiss" mit 37 Prozent (Männer Rang 4 mit 34 Prozent). "Verkrustete Betriebsstrukturen" beklagen auf Platz 4 die Frauen mit 33 Prozent (Männer Platz 3 mit 38 Prozent). Mit der "Ausstattung mit Mitarbeitern und Arbeitsmitteln" sind Frauen erst an fünfter Stelle mit 26 Prozent unzufrieden, Männern dagegen ist das der zweitwichtigste Kritikpunkt mit 39 Prozent.

Schluss mit der Bescheidenheit

Die unterschiedliche Sozialisation von Jungen und Mädchen prägt früh für das andersgeartete Verhalten im späteren Berufsleben. Während Jungen am liebsten auf dem Schulhof Fußball spielen oder Raufen (Teams bilden oder sich voneinander abgrenzen), gehen Mädchen mit ihrer besten Freundin Hand in Händchen über den Schulhof und erzählen sich Geheimnisse (Suche nach Harmonie und Vertrauen). Sabine Asgodom, eine Selbstvermarktungsexpertin, sagt: "Bereits hier können lauter kleine Zicken entstehen" und erntet dafür in ihren Vorträgen meist Applaus, weil das Beispiel so plastisch ist. Deshalb tun sich ihrer Meinung nach so viele Frauen mit Netzwerken schwer, die sie unbedingt für ihren Erfolg nutzen sollten. Männer setzen in ihrem Leben immer wieder auf Netzwerke (old boys network): Sie gehen in Sportclubs, in studentische Verbindungen, in den Lions- und Rotary-Club oder in die entsprechenden Berufs- und Branchenverbände. Das Rollenverhalten sei nach wie vor dominant, was nicht dagegen spricht, dass auch Mädchen heute im Fußballverein oder Frauen im Lions Club sind. Eine Entwicklung, die noch ausbaufähig ist.

"Eigenlob stimmt", mit diesem Buchtitel rüttelt nicht nur die Journalistin Asgodom die wohlerzogenen braven Frauen auf. Die Anzahl der Bücher, die Frauen Mut machen wollen, sich speziell im Arbeitsleben zu behaupten, gleicht einer Flut, und manche Titel sind monatelang in den Bestsellerlisten zu finden. Unter anderem Ute Erhardts "Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin", "Machiavelli für Frauen" von Harriet Rubin oder "Wölfin unter Wölfen" von Gertrud Höhler. Wie und warum Männer und Frauen aneinander vorbei reden, hat die Professorin für Linguistik an der Georgetown Universität in Washington D.C., Deborah Tannen, spannend und lebendig in Büchern wie "Du kannst mich einfach nicht verstehen", "Job Talk" und "Andere Worte, andere Welten" herausgearbeitet. Erwähnenswert auch der US-Bestseller "Männer sind anders. Frauen auch." von John Gray, der auch hierzulande als Taschenbuch bei der einschlägigen Literatur zu finden ist.

Lillian Glass beschreibt Situationen, die jeder schon mit Familie, Freunden und Arbeitskollegen erlebt hat und nennt ihr Buch "Mit mir nie wieder!". Sie charakterisiert 29 toxische Typen, die unser Leben vergiften und uns den Alltag gründlich vermiesen. Und sie bietet zehn Methoden an, wie man sich gegen diese Terror-Typen wehren kann. "Wer loslässt, hat die Hände frei", meint schließlich Katrin Wiederkehr im Titel ihres Buches für Frauen, die, so der Untertitel, noch viel vorhaben.

 

Doppelte Quote

Monika Koch, Vorsitzende des Sächsischen Apothekerverbands, war 1994 die erste Frau, die an die Spitze einer der 34 Mitgliedsorganisationen der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände gewählt wurde. Die PZ bat sie um eine Stellungnahme: Wie stellt sich Ihnen die Verbandsarbeit heute dar? Was hat sich verändert? Was würden Sie gerne ändern?

"Während auf Landesebene in Sachsen die Frage, ob eine Frau oder ein Mann Vorsitzender des Apothekerverbandes werden soll, nie eine Rolle gespielt hat, war meine erste Wahl in den Geschäftsführenden Vorstand des Deutschen Apothekerverbands (DAV) 1996 die Wahl der doppelten Quote. Ich war die Ost- und die Frauenquote. Während ich früher eine Quotenregelung strikt abgelehnt habe, bin ich deshalb bei diesem Thema sehr nachdenklich geworden.

Bei meiner Wiederwahl in den Geschäftsführenden DAV-Vorstand im November 2000 hatte ich nicht das Gefühl, irgendeine Quote zu bedienen. Darauf bin ich durchaus stolz. Und es zeigt die Entwicklung der letzten Jahre. Es ist normal geworden, dass Frauen in den obersten Gremien vertreten sind. Die Vertreter der neuen Bundesländer haben die gleichen Probleme und werden als gleichberechtigte Partner anerkannt.

Diese Normalität muss von beiden Seiten gelebt werden. Es hilft mir nichts, als Frau besondere Behandlung oder Beachtung einzufordern. Meine Argumente sind gut oder schlecht, ich bekomme Mehrheiten oder nicht. An bestehenden Strukturen zu kratzen, ist immer gefährlich. Die Männer gehen untereinander mitunter auch nicht gerade zimperlich um. Netzwerke oder Bündnisse sind dabei sehr nützlich, aber müssen das Frauen- oder Männernetzwerke sein?

Ich wünsche mir natürlich, dass der Frauenanteil in den Spitzengremien noch weiter wächst, entsprechend dem Anteil im Berufsstand. Und ich möchte allen Kolleginnen Mut dazu machen.

Dabei darf aber nicht verschwiegen werden, dass ein solches Ehrenamt immer mit einer erheblichen Belastung und mit Opfern im Privatbereich verbunden ist, für Männer und Frauen. Nur finden Frauen bei ihren Partnern und in der Gesellschaft oft weniger Verständnis für gesellschaftliches Engagement. Verantwortung zu übernehmen und Entwicklungen mit zu gestalten, macht einfach Spaß, auch wenn Enttäuschungen und Frust über weite Strecken zu verkraften sind.

Ich wünsche mir, dass Frauen, ob als Mitarbeiter oder in Führungspositionen, in Zukunft von den männlichen Kollegen weniger nach ihrem Aussehen und mehr nach ihrer Sachkompetenz beurteilt werden (braucht Angela Merkel einen Typberater?). Ich wünsche mir, dass in Zukunft wenigstens für die Generation meiner Töchter das Geschlecht keine Rolle mehr spielt, eine Quote nicht mehr nötig ist. Der oder die Beste soll die entsprechende Position besetzen."

 

Sieben Schlüssel zum Erfolg

Man kann noch so talentiert und tüchtig sein, der Erfolg stellt sich erst ein, wenn die Leistungen gesehen und erkannt werden. "Machen Sie Selbst-PR für sich", rät Sabine Asgodom. Eine US-Studie von IBM zur Frage, wie man Karriere macht, habe gezeigt, dass drei Faktoren in unterschiedlicher Gewichtung bedeutsam sind: Leistung (zehn Prozent), Image/Selbstdarstellung (30 Prozent), Kontakte/Beziehungen (60 Prozent). Das bedeutet, dass man seine Fähigkeiten, Ideen und Erfolge kommunizieren muss, um die richtigen, wichtigen Leute auf sich aufmerksam zu machen - Geschäftspartner, Auftraggeber, Kunden, Patienten.

Wer Selbst-PR betreibt, sollte Formulierungen und Verhaltensweisen vermeiden, die den Zweck des Tuns sabotieren: leise oder schnell reden, den anderen an die Wand reden, sich mit Worten klein machen (Worte vermeiden wie "vielleicht", "eigentlich", "relativ", "ich denke, dass..."), widersprüchliche Körpersprache, keinen Augenkontakt mit dem Gegenüber halten oder in Frageform sprechen. Diese Tipps und Regeln, die so einfach klingen, haben ihre Berechtigung und Wirkung immer wieder bewiesen, berichtet Asgodom, die auch als Trainerin und Coach tätig ist.

Für Dienstleistungsberufe sei es wichtig zu wissen, dass Kunden einen Fehler lange übel nehmen. Eine Untersuchung zeigt, wie man Kunden verliert:

  • 1 Prozent stirbt;
  • 3 Prozent ziehen weg;
  • 5 Prozent kaufen bei Freunden oder Verwandten;
  • 9 Prozent kaufen anderswo günstiger;
  • 14 Prozent beschweren sich vergeblich;
  • 68 Prozent werden missachtet oder gleichgültig behandelt.

Daraus leitet Asgodom die sieben Schlüssel zum Erfolg ab. Erfolg werde nicht durch Aktionismus, sondern einen gelassenen (nicht lässigen) Führungsstil erzeugt. Dazu gehören Achtsamkeit (darauf achten, wie es einem selbst und den anderen geht), Vertrauen (Vertrauen in sich selbst und sein Können gibt Sicherheit), Geduld (vor allem mit Mitmenschen, die andere Wert- und Tugendvorstellungen haben als man selbst), Klugheit (das richtige Maß an Strategie und Scharfsinn), Großzügigkeit (auch anderen Erfolge gönnen), aber auch Humor (zum Beispiel in hochoffiziellen Besprechungen) und Balance.

Ohne Balance kein Erfolg

Dem Thema "Balance - Schlüssel zu dauerhaftem Erfolg" haben die "Women in European Business", ein Projektteam von Frauen verschiedener Firmen Mitte März 2001 in Frankfurt einen Kongress gewidmet, den die Deutsche Bank unterstützt hat. Von den 1000 zum ganz überwiegenden Teil weiblichen Teilnehmern gehörte knapp die Hälfte der Deutschen Bank an. Da Unternehmen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit immer stärker von Talent und Kreativität der Mitarbeiter abhängen, will sich das Geldinstitut an dem "war for talent and ideas" zur Rekrutierung talentierter Frauen beteiligen, erklärte Dr. Clemens Börsig, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank. Dort seien noch nicht viele Frauen in Führungspositionen. Gleichwohl sei der Anteil der Frauen in außertariflichen Bereichen von sieben Prozent im Jahr 1988 auf knapp über 20 Prozent im Jahr 2000 gestiegen. "Damit ist die Balance zwischen Frauen und Männern sicher noch lange nicht ausgeglichen, insbesondere da im Vorstand und in den Bereichsvorständen beziehungsweise den Executive Committees keine Frau vertreten ist", so Börsig.

Balance ist mehr als das Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Darunter wird vor allem das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Erholung, zwischen Beruf und Freizeit verstanden - ein Thema, das auch Männer interessieren sollte. Schließlich arbeiten alle lieber miteinander, wenn weder hausgemachter Stress noch Profilierungszwänge oder Erfolgsneurosen die Arbeit behindern. Dabei ist Balance nicht etwa Starrheit, sondern ein ständiges Auf und Ab, erklärt Sabine Asgodom. Starrheit und Gleichförmigkeit bedeute Exitus - und hier pflegt die Trainerin nach einigen Ausschlägen mit dem Zeigefinder eine gerade Linie auf dem Monitor eines EKG-Geräts zu beschreiben.

Was haben Apothekerinnen mit all dem zu tun?

Was haben Apothekerinnen mit diesen Bewusstseinsprozessen zu tun? Sehr viel. Sie sind als Apothekenleiterin in einer Führungsposition (wenn auch zahlenmäßig dort eher unterrepräsentiert; siehe Kasten "Nachwuchssorgen"), die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in besonders günstiger Weise für sie gegeben. Von der Bezahlung können angestellte Apothekerinnen ein Lied singen; die Pharmazeutinnen sollten Eigen-PR betreiben, um ihre Kompetenz Kunden und Vorgesetzten gegenüber herauszustellen. Im Gesundheitswesen als Dienstleistungsbranche tätig können sie ganz besondere soziale Fähigkeiten einbringen und schließlich müssen Apothekerinnen auch für ihre Balance sorgen. Und zu all diesen Berührungspunkten kommt das berufspolitische Engagement hinzu, wobei die personelle Besetzung der Ehrenämter keineswegs ausgewogen ist.

Dem von Clemens Börsig in der Wirtschaft ausgemachten "war for talent and ideas" sollten sich auch die Apotheker und Apothekerinnen stellen. Fähigkeiten und Kreativität bedeuten in der Pharmazie, fachliche und soziale Kompetenz zu zeigen.

Welche Möglichkeiten sowohl in Forschung und Lehre als auch in der öffentlichen Apotheke und anderen Tätigkeitsfeldern der Pharmazie sowie der Standes- und Berufspolitik bestehen, bestätigt Professor Dr. Ulrike Holzgrabe im Gespräch mit der PZ. Die Professorin für Pharmazeutische Chemie am Institut für Pharmazie in Würzburg und Vizepräsidentin der DPhG sagt, dass sie 1990 die einzige Professorin in ihrem Fach war. Heute ist sie nicht mehr allein auf weiter Flur. In Würzburg hat sie inzwischen zwei Kolleginnen. Damit sind von vier Professoren in der Pharmazeutischen Chemie drei weiblich. Ein ungewöhnliches Verhältnis, meint Holzgrabe.

Die Befürchtung, dass in den nächsten fünf Jahren rund 4000 Pharmazeuten zu wenig ausgebildet werden, sieht Holzgrabe mit großem Ernst. Wenn die Länder Lehr- und Assistentenstellen streichen, schlage dies natürlich auf die Ausbildungskapazität durch.

Die landläufige Meinung, dass von den ausgebildeten Pharmazeuten so viele dem Arbeitsmarkt verloren gingen, kann Holzgrabe nicht teilen. Sie ist davon überzeugt, dass es hier zu Verschiebungen kommt. Nach Studium und Berufsstart bekämen nun mal viele Frauen ihre Kinder ("Wer sollte es auch sonst tun?"), sie treten dann aber nach wenigen Jahren zumindest als Teilzeitkräfte wieder in den Beruf ein. Für die Apothekerinnen eine wunderbare Sache, so Holzgrabe. Vor allem in der öffentlichen Apotheke können die Pharmazeutinnen mit absehbarem fachlichen Aufwand wieder in den Beruf zurückkehren.

Überhaupt ist Dienstleistung die große Chance für Frauen. Professor Dr. Sonja Bischoff fasst es für die Wirtschaft so zusammen: "Wenn es den Frauen gelingt, ihre Fähigkeiten zur Anbahnung und Pflege von zwischenmenschlichen Beziehungen in ein effizientes und effektives Kundenmanagement umzusetzen, dann wird unter der Prämisse der leistungsabhängigen Gratifikation der Erfolg nicht ausbleiben. Doch dazu müssen mehr Frauen als bisher aus der Deckung der Schreibtische heraustreten, um an der Marketing- und Vertriebsfront den Markterfolg aktiv und sichtbar zu steuern". Wenn man diese marketing- und betriebswissenschaftlichen Termini in die Sprache der Apotheker übersetzt, heißt das: Kundenpflege und Pharmazeutische Betreuung in der öffentlichen Apotheke. Und die verlangt selbstständiges, unternehmerisches Handeln auf der Grundlage des naturwissenschaftlichen Wissens um das Arzneimittel - "die ganz große Stärke der Apotheker", so Holzgrabe.

Sind Sie ein Unternehmertyp?

Unabhängig von dem Rat und den Hilfsangeboten der eigenen Berufsorganisationen ist es wichtig, sich vor dem Schritt in die Selbstständigkeit die richtigen Fragen zu stellen und ehrliche Antworten zu geben ("Test: Eigne ich mich zur Einzelkämpferin?"). Apotheker, die sich niederlassen wollen, sind Einzelunternehmer, obwohl die heilberufliche Komponente überwiegt. Eine sorgfältige Planung ist überlebensnotwendig. Ulrike Bergmann, die in München das "Büro für ungewöhnliche Zielerreichung" leitet, begleitet Interessenten auf dem Weg in die Selbstständigkeit von der Idee bis zum Ziel. Praxisbeispiele, Tests, Modellrechnungen (Deckungsbeitrag, Liquiditätsplanung) und Checklisten taugen auch für Pharmazeutinnen, um sich Klarheit darüber zu verschaffen, "wie man den Rest seines Lebens gestalten will", sagt sie in einem Gespräch mit der PZ. Um Zufriedenheit und Balance im Leben zu erlangen, reicht es nicht, seine Berufspflichten zu erfüllen. Jeder Mensch sollte seine Potenziale entdecken und zielorientiert um der Sache Willen einbringen. Das kann die heilberufliche Verantwortung sein, ein politisches, kulturelles, musisches oder sportliches Engagement, das kann aber auch ein Amt in der Selbstverwaltung sein.

 

Test: Eigne ich mich zur Einzelkämpferin?

Wie viele dieser Aussagen treffen auf Sie zu?

  • Ich warte nicht, bis mir Arbeiten zugeteilt werden, sondern kann mir selbst Aufgaben erschließen.
  • Ich kann mich alleine zum Arbeiten motivieren.
  • Ich verfüge über genügend Selbstdisziplin, konzentriert an Aufgaben heranzugehen und sie zu erledigen.
  • Ich kann mich gut selbst organisieren, meinem Arbeitstag einen sinnvollen Zeitrhythmus geben und diesen auch einhalten.
  • Ich erledige meine Arbeiten in der geplanten Zeit und gerate selten unter Druck.
  • Ich mag Herausforderungen und lasse mich nicht so leicht aus der Bahn werfen.
  • Ich fühle mich wohl, auch wenn ich für ein Problem noch keine Lösung habe.
  • Ich bin sehr anpassungsfähig, kann improvisieren und mich gut auf neue, ungewohnte Situationen einstellen.
  • Ich bin willensstark und entscheidungsfreudig. Dabei gerate ich nicht in blinden Aktionismus, sondern überlege mir, was zu welchem Zeitpunkt sinnvoll ist.
  • Wenn ich einmal eine Entscheidung getroffen habe, führe ich sie auch aus.
  • Ich kann meine Motivation selbst reflektieren, sie aus eigener Kraft verstärken und meine Fortschritte belohnen.
  • Ich kenne meine Stärken und Schwächen.
  • Es fällt mir leicht, andere um ihre Meinung zu bitten, und ihre Anregungen anzunehmen.
  • Ich kann mich verkaufen, selbstständig verhandeln und für meine Leistungen auch entsprechendes Geld fordern.
  • Ich verfüge über genügend finanzielle Reserven, um sechs Monate ohne Einkommen überstehen zu können.
  • Ich bin darauf eingerichtet, meinen Lebensstandard - falls erforderlich - einige Zeit zu senken, bis mein Unternehmen floriert.
  • Meine Familie beziehungsweise mein Partner unterstützen meinen Plan, mich selbstständig zu machen.
  • Auch in Zeiten hoher Arbeitsbelastung halte ich den Kontakt zu Freunden und Bekannten aufrecht.
  • Freizeit und Mußestunden sind mir wichtig; dafür kann ich die Arbeit auch mal Arbeit sein lassen.
  • Ich bin in guter körperlicher und psychischer Verfassung
  • Ich bin bereit, Geld, Zeit und Energie in mein Vorhaben zu investieren, obwohl ich weiß, dass viele neue Unternehmen scheitern.
  • Ich habe eine klare Vorstellung davon, was Erfolg für mich bedeutet. Geld ist für mich dabei nur eine Größe, an der ich meinen Erfolg messe.
  • Ich habe mir die Alternativen zur Selbstständigkeit genau überlegt und mich dennoch zu diesem Schritt entschlossen.
  • Ich kenne andere Selbstständige und weiß, wie sie arbeiten.
  • Ich kann drei Gründe nennen, warum ich mich selbstständig machen will.

Zählen Sie Ihre Antworten zusammen. Eine hohe Punktzahl (über 20 Punkte) ist eine gute Indikation, dass Sie es alleine schaffen werden, jedoch keine Garantie. Bei weniger als 12 Punkten sollten Sie Ihren Plan, sich selbstständig zu machen, noch einmal reiflich überdenken.

Quelle: Ulrike Bergmann; Erfolgreich als Einzelunternehmer

 

Literatur

  • Asgodom, S., Balancing - das ideale Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben. Econ Verlag, München 2001.
  • Asgodom, S., Eigenlob stimmt. Erfolg durch Selbst-PR. Econ Verlag, München 2000.
  • Bergmann, U., Erfolgreich als Einzelunternehmer. Von der Idee zum Ziel. mvg-Verlag, Landsberg am Lech 2000.
  • Bergmann, U., Erfolgsteams. Der ungewöhnliche Weg, berufliche und persönliche Ziele zu erreichen. mvg-Verlag, Landsberg am Lech 2000.
  • Bischoff, S., Männer und Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft in Deutschland - Neuer Blick auf alten Streit. Köln 1999.

 

Die Autorin

Gisela Stieve M.A. hat nach dem Studium der Germanistik, Publizistik bei Professor Dr. Dr. Elisabeth Noelle-Neumann und Geographie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, das sie mit dem Examen als Magister Artium (M.A.) abschloss, die journalistische Laufbahn eingeschlagen. In den vergangenen zwanzig Jahren war sie unter anderem für den Münchner Merkur, den Hartmannbund, den Marburger Bund, die Ärzte Zeitung sowie die Deutsche Lufthansa tätig. Von 1993 bis 2000 war sie stellvertretende Chefredakteurin der Pharmazeutischen Zeitung mit den Themenschwerpunkten Gesundheits- und Sozialpolitik sowie Verbandspolitik der ABDA und anderer Verbände aus dem Gesundheitswesen. Seit 2001 ist sie als freie Journalistin mit Standort Neustadt an der Weinstraße tätig.

 

Anschrift der Verfasserin:
Gisela Stieve
Erkenbrechtstraße 40
67434 Neustadt/Weinstraße
E-Mail: Gisela.Stieve@t-online.de

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