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Makrolide und Tetracycline: bakteriostatisch wirksame Antibiotika

12.05.1997
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  Govi-Verlag

Makrolide und Tetracycline: bakteriostatisch wirksame Antibiotika

  Makrolide und Tetracycline gehören neben Betalactamantiobiotika zu den am häufigsten verordneten Antibiotika in der ambulanten Praxis. Aufgrund ihres ähnlichen Wirkungsspektrums und ihrer Wirksamkeit gegen atypische Erreger stellen beide Substanzgruppen bei vielen Indikationen eine gegenseitige Alternative dar. Die lokale Resistenzsituation, das Alter und die Compliance des Patienten, das Nebenwirkungsprofil und die Therapiekosten sind häufig die ausschlaggebenden Argumente für die Auswahl eines bestimmten Präparates.

Makrolide sind strukturell durch einen 12- bis 16-gliedrigen makrocylischen Lactonring mit einem glykosidisch gebundenen Aminozucker gekennzeichnet. Zu den 14-gliedrigen Verbindungen zählt die Leitsubstanz der Gruppe , das Erythromycin, und auch die beiden neuen, halbsynthetisch gewonnenen Makrolide, das Clarithromycin und das Roxithromycin. Azithromycin, das dritte neue Makrolid, hat ein 15-gliedriges Grundgerüst und wird auch als Azalid bezeichnet. Die zusätzliche zweite basische Gruppe der Verbindung ist für die veränderten pharmakokinetischen Eigenschaften der Substanz verantwortlich.

Die orale Bioverfügbarkeit der Makrolide ganz allgemein ist mittelmäßig. Im Gegensatz zu den neueren Makroliden schwankt sie beim Erythromycin und seinen Derivaten stark in Abhängigkeit von der Nahrungsaufnahme und von der jeweils eingesetzten Verbindung. Aufgrund der guten Gewebegängigkeit und der Fähigkeit, sich intrazellulär anzureichern, haben Makrolide relativ niedrige Plasmaspiegel. Die verlängerten Plasmahalbwertszeiten erlauben die Einmaldosierung beim Roxithromycin und beim Azithromycin. Die Gewebehalbwertszeit des Azithromycins beträgt 2 bis 4 Tage und ermöglicht bei vielen Indikationen eine Kurzzeittherapie von 3 Tagen. Besonders in den verbesserten pharmakokinetischen Eigenschaften und der verringerten Einnahmehäufigkeit sind die Vorteile der neueren Makrolide zu sehen.

Bei den Tetracyclinen, die durch ein Naphthacen-Ringsystem gekennzeichnet sind, unterscheidet man zwischen den hydrophilen Derivaten, dem Tetracyclin und dem Oxytetracyclin, und den lipophileren, halbsynthetischen Verbindungen, dem Doxycyclin und dem Minocyclin. Aufgrund seiner überlegenen pharmakokinetischen Eigenschaften, seiner geringeren Dosierung und seiner relativ guten Verträglichkeit ist Doxycyclin das am häufigsten verordnete Tetracyclinpräparat.

Makrolide und Tetracycline sind bakteriostatisch wirksame Antibiotika, sie hemmen auf unterschiedliche Weise die bakterielle Proteinsynthese. Die Wirkspektren von Makroliden und Tetracyclinen ähneln sich und umfassen viele grampositive und gramnegative Erreger, einige Anaerobier und auch sogenannte atypische Mikroorganismen wie Legionellen, Mykoplasmen und Chlamydien. Im Unterschied zu den Makroliden sind aber die Resistenzraten einiger Erreger wie Haemophilus influenzae, E.coli und Pneumokokken in manchen Regionen gegenüber Tetracyclinen sehr hoch.

Entsprechend dem Wirkungsspektrum werden Makrolide im wesentlichen zur Therapie von Infektionen der oberen und der unteren Atemwege eingesetzt, bei Infektionen des Urogenitaltraktes, der Haut und des Weichteilgewebes. Aufgrund der Resistenzsituation sind die Indikationen für Tetracycline heute begrenzt. Zu den Haupteinsatzgebieten insbesondere für Doxycyclin zählen chlamydienbedingte Infektionen des Urogenitaltraktes, atypische Pneumonien, Akne und selten vorkommende Infektionskrankheiten.

Makrolidantibiotika sind in der Regel gut verträglich. Die gastrointestinalen Nebenwirkungen sind bei den neueren Substanzen weniger ausgeprägt als beim Erythromycin. Die Interaktionen mit anderen Arzneistoffen, die häufig durch eine Hemmung der Isoenzyme des Cytochrom P 450 Systems in der Leber bedingt sind, sind bei den neueren Substanzen von geringerer klinischer Relevanz. Bei den Tetracyclinen gehören gastrointestinale Beschwerden und Schleimhautentzündungen zu den häufigsten Nebenwirkungen. Wegen irreversibler Zahnschmelzverfärbungen und möglicher Knochenwachstumsverzögerungen sind Tetracycline bei Kindern unter 9 Jahren und in der Schwangerschaft kontraindiziert. An belichteten Körperstellen können Photodermatosen auftreten.

Da Makrolide und Tetracycline vor allem in der ambulanten Praxis zur kalkulierten Antibiotikatherapie eingesetzt werden, spielt die Resistenzsituation bei der Auswahl eine wichtige Rolle. Wegen lokal sehr hoher Resistenzraten verschiedener Erreger gegenüber Tetracyclinen ist den Makroliden unter dem Aspekt der Wirksamkeit bei vielen Indikationen der Vorzug zu geben. Die Möglichkeit der Einmalgabe, die bessere Verträglichkeit und die dadurch zu erwartende bessere Compliance können die höheren Behandlungskosten der neuen Makrolide rechtfertigen.

PZ-Titelbeitrag von Marion Stützle, Ludwigshafen
       

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