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Rabiater Wettbewerb im Osten

26.04.2004
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EU-Osterweiterung

Rabiater Wettbewerb im Osten

von Patrick Hollstein, Berlin

Am 1. Mai 2004 erweitert sich die Europäische Union um zehn osteuropäische Staaten. Deren Gesundheitssysteme und Pharmamärkte unterscheiden sich nicht nur untereinander, sondern auch wesentlich vom deutschen System. Das gilt insbesondere für den Wettbewerb im Arzneimittelsektor. Interessant sind die Entwicklungen in den Nachbarländern Polen und Tschechien.

Irena Rajdlova stammt aus einem kleinen Dorf im tschechischen Erzgebirge und wollte eigentlich Bibliothekarin werden. In der Apotheke des Ortes entdeckte sie ihr Interesse für die Pharmazie und entschied sich für ein fünfjähriges Studium an der Karls-Universität in Hradec Kralove. Als sie mit ersten Berufserfahrungen als Apothekerin in ihre Heimat zurückkehrte, war ihr Geburtsort dem Bergbau zum Opfer gefallen. Seit 21 Jahren lebt Rajdlova nun in Most, einer „einst sehr schönen Stadt“, wie sie sagt. Wie überall in Tschechien gebe es aber auch in Most zu viele Apotheken. 14 sind es insgesamt, und eine davon leitet Rajdlova seit der so genannten „kleinen Privatisierung“, einer Phase der Versteigerung von bis dahin staatlichen Handels- und Dienstleistungsbetrieben Anfang der 90er-Jahre. Ihre Apotheke, die „Lékárna Arnika“ befindet sich in einem sanierungsbedürftigen Ärztehaus, mitten im größten Neubaugebiet der Stadt.

Etwa 2200 Apotheken gibt es in Tschechien, darunter noch einige wenige in staatlichem Besitz. Hinzu kommen rund 230 Arzneimittelausgabestellen in kleinen und entlegenen Ortschaften. Versandhandel ist nicht zugelassen; nur die Apotheke vor Ort darf Bestellungen an ihre Kunden ausliefern. Da aber unbeschränkter Mehr- und Fremdbesitz im Zuge der Liberalisierung des Gesundheitssystems bereits frühzeitig implementiert wurden, haben – anders als in den meisten anderen Beitrittsländern - einige Apothekenketten bereits eine beachtliche Größe erreicht (Lloyds: 100 Apotheken, Europharm: circa 60 Apotheken, Česká lékárna: 33 Apotheken).

Auch der Großhandelsmarkt, für die Apotheken der einzige legale Bezugsweg für verschreibungspflichtige Arzneimittel, wird von einigen wenigen, zum Teil international agierenden Unternehmen dominiert.

Bereits vor 1989 zählte die Tschechoslowakei mit ihrer starken industriellen Entwicklung, einer geringen Auslandsverschuldung und einem hohen Bildungsniveau zu den wirtschaftlich führenden Ländern innerhalb des Warschauer Paktes. Mit dem Zerfall des Föderalstaates am 1. Januar 1993 übernahm Tschechien auf Grund seines guten Wachstums bei gleichzeitig moderater Inflation und niedrigen Zinssätzen eine Führungsrolle in der wirtschaftlichen Entwicklung der osteuropäischen Beitrittsstaaten.

Probleme bei der Finanzierung

Insgesamt machten die Gesundheitsausgaben Tschechiens im vergangenen Jahr laut IMS Health 7,4 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt aus. Nach Slowenien stellt das Land damit im Verhältnis die größte Summe für die Gesundheitsversorgung seiner Bevölkerung zur Verfügung. Stattliche 28 Prozent der Aufwendungen entfielen auf Arzneimittel, wodurch der tschechische Pharmamarkt eine Größe von rund 1 Milliarde Euro erreichte. Das jährliche Wachstum auf dem Arzneimittelsektor schätzen Experten auf knapp 13 Prozent. Ausländischen Kapitalgebern steht der Zugang zum tschechischen Markt weitgehend offen. Allerdings beklagen die Investoren den rabiaten Wettbewerb im Kampf um die Marktanteile. Darauf hatte auch der Vorstandsvorsitzende der Stuttgarter Celesio AG, Dr. Fritz Oesterle, bei der jüngsten Bilanzpräsentation hingewiesen.

Hauptprobleme des tschechischen Gesundheitswesens sind – wie auch in den meisten anderen Beitrittsstaaten – nicht mehr die aus Zeiten der sowjetischen Besatzung bekannten Versorgungsengpässe, sondern Probleme bei der Finanzierung des Systems. Prognosen zufolge werden dem tschechischen Gesundheitswesen in diesem Jahr 485 Millionen Euro fehlen. Das sind etwa 10 Prozent des gesamten Haushalts der tschechischen Krankenkassen. Von zentraler Bedeutung sind Defizite im Krankenhausbereich, die etwa 200 Millionen Euro ausmachen. Doch auch auf den Pharmamarkt wirken sich die Finanzierungsschwierigkeiten aus. Mit einer weitgehenden Marktliberalität und einer gleichzeitig streng reglementierenden Preispolitik versucht die tschechische Regierung, dem steigenden Konsum sowie den explodierenden Kosten von Arzneimitteln entgegenzuwirken.

Positivliste soll Kosten dämpfen

Zweimal jährlich erhält Irena Rajdlova mit der Post das so genannte Čiselniky. Das umfangreiche Buch ist eine Art Positivliste und beinhaltet neben den für alle Arzneimittel durch das Finanzministerium festgelegten Höchstpreisen Festbeträge für erstattungsfähige Präparate. Deren Definition obliegt seit sechs Jahren einem so genannten Kategorisierungskomitee, dem neben Vertretern des Gesundheitsministeriums auch Parlamentarier, Wissenschaftler, Krankenversicherer und Leistungserbringer, darunter Vertreter von Ärzte- und Apothekerkammer, angehören. Großhandel und Hersteller haben Beobachter-Status.

Die Festbetragsregelungen basieren auf der therapeutischen Äquivalenz verschiedener Präparate und orientieren sich am billigsten Produkt. Da Patienten in Tschechien keine fixen Zuzahlungen leisten müssen, existiert in jeder Indikationsgruppe mindestens ein Präparat, an dessen Kosten sich der Kranke nicht beteiligen muss. In allen anderen Fällen zahlt der Patient die Differenz zwischen tatsächlichem und erstattetem Preis, die beide bei der Abgabe auf der Packung angegeben werden müssen. Einen entsprechend hohen Marktanteil haben in Tschechien Generika und preiswerte Produkte inländischer Hersteller. Marktführer in diesem Segment ist das mit niederländischem Venturekapital gegründete einheimische Pharmaunternehmen Zentiva, das aus der tschechischen Léčiva und der slowakischen Slovakofarma hervorgegangen ist. Auch Ratiopharm und Hexal konnten in den letzten Jahren Marktanteile gewinnen.

Weitere Sparmaßnahmen der tschechischen Regierung sehen vor, dass bestimmte Medikamente nur von Spezialisten verordnet oder in Krankenhäusern angewendet werden können. Die Kosten für die teuersten Präparate werden nur nach vorheriger Genehmigung von der Krankenkasse übernommen.

Geteilte Offizin

In Tschechien dürfen ärztliche Verordnungen nur durch Apotheker beliefert werden. Im OTC-Bereich ist die Abgabe auch durch pharmazeutische Assistenten, die so genannten Laboranten, erlaubt. Typisch ist die Aufteilung einer tschechischen Offizin: An einem Schalter können die Kunden beim Magister Rezepte einlösen, an einer zweiten Kasse berät und verkauft eine Laborantin OTC-Präparate und Produkte aus dem Zusatzsortiment. Eine echte Freiwahl existiert nur in wenigen Apotheken; in der Regel sind auch die Kosmetika in Glasvitrinen verschlossen. Zudem dürfen Laboranten in der Rezeptur tätig werden; ein Arbeitsbereich, der auch in Tschechien zunehmend an Bedeutung verliert. Die Warenannahme obliegt den kaufmännischen Assistenten.

Rajdlova beschäftigt drei Magister sowie zwei Laborantinnen. Der Verdienst der Angestellten sei nicht schlecht; das sei aber von Apotheke zu Apotheke unterschiedlich. Für Apotheker bestehe Fortbildungspflicht: 90 Punkte müssten die tschechischen Pharmazeuten innerhalb von drei Jahren sammeln.

Gemeinsam bedient das kleine Team bis zu 400 Kunden am Tag – mehr als zwei Drittel davon im Rezeptbereich. Außerdem beliefert die Apotheke ein Pflegeheim und bietet seinen Kunden den Service der Zustellung nicht vorrätig gehaltener Medikamente. Bereitschaftsdienste fallen in Tschechien für die Apotheken nicht an. Zum einen fehlt es an Geld zur Vergütung, andererseits gibt es genug Polikliniken, die die Notfälle versorgen.

Schlechte Zahlungsmoral

Die Rezeptabrechnung der tschechischen Apotheken erfolgt direkt mit der Versicherung. Zweimal im Monat versendet Apothekerin Rajdlova ihre Forderungen mit der Post an die verschiedenen Krankenkassen.

Nachdem in den 90er-Jahren viele Versicherungen in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren und der Staat eine Mindestanzahl von 50.000 Mitgliedern pro Versicherer definierte, existieren derzeit in Tschechien noch sechs Krankenkassen. Vor allem die Allgemeine Krankenkasse (VZP) trägt die Last vieler sozial schwacher, alter und kranker Versicherter. Die größte staatliche Krankenversicherung Tschechiens ist in der letzten Zeit immer wieder in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Apotheker und Ärzte haben daher zu Beginn dieses Jahres gemeinsam gegen die verspäteten Zahlungen protestiert und geschlossen ihre Arbeit für eine Stunde niedergelegt.

Insbesondere Arbeitgeber, die für zwei Drittel der Gesundheitsabgaben in Höhe von 13,5 Prozent aufkommen müssen, zahlen ihre Beiträge oft nicht rechtzeitig ein. Vor dem Hintergrund der leeren Kassen scheint das Problem der verspäteten Zahlungen für die Leistungserbringer auch in diesem Jahr programmiert. Angesichts der eigenen Verpflichtungen, beispielsweise gegenüber Großhändlern, fühlen sich viele Ärzte und Apotheker permanent existenziell bedroht. 2003 hatte der Staat Außenstände der Krankenkassen in dreistelliger Millionenhöhe übernommen.

Gerechtere Finanzierung gefordert

Mit etwa 4600 Einwohnern pro Apotheke liegt Tschechien im Mittel der Beitrittsländer und um ein Fünftel höher als Deutschland. Dass dennoch der Markt zunehmend enger wird, liegt auch an der rigiden Gesundheitspolitik der Regierung: Vor einigen Jahren hatte das Finanzministerium den gemeinsamen maximalen Aufschlag für Großhändler und Apotheken von 35 auf 32 Prozent gesenkt.

Die tschechische Apothekerkammer kämpft daher um eine gerechtere und differenziertere Vergütung für die Apotheken. Angesichts der kritischen Finanzsituation des Gesundheitswesens dürfte das auch in Tschechien kein leichtes Unterfangen werden. Erst vor wenigen Wochen war die bisherige Gesundheitsministerin Marie Soucková aus ihrem Amt abberufen worden. Tschechiens Premier Vladimír Spidla sprach von der Notwendigkeit eines neuen Impulses für die Gesundheitsreform, die ins Stocken geraten sei.

Ende März hatte das Regierungskabinett das Reformpaket der scheidenden Ministerin behandelt, das eine Reduktion bei der Zahl der Krankenhausbetten sowie der niedergelassenen Ärzte vorsah. Insbesondere mit ihrer Forderung nach einer stärkeren Selbstbeteiligung der Patienten war Soucková immer wieder auf Ablehnung bei ihren sozialdemokratischen Parteikollegen gestoßen. Ihr Nachfolger, der Mediziner Jozef Kubinyi, will nicht noch mehr Geld ins System pumpen, sondern die vorhandenen Ressourcen effektiver nutzen.

Apothekerin Rajdlova sieht dem Treiben mit einer gesunden Gelassenheit entgegen. Tschechien habe seit der Wende viele Gesundheitsminister gehabt – jeder mit eigenem Konzept und einer Reform, die die Apotheken in irgendeiner Art neu belastete. Als wirklich bedrohlich empfindet sie zurzeit nur die Apothekenketten. Die machten „die Preise kaputt“, auch durch eigentlich verbotene Rabatte auf Arzneimittel und Zuzahlungen. Vor allem in Prag, wo eine große Apothekendichte herrscht, seien derartige Methoden alltäglich. Einen wesentlichen Beitrag an solchen illegalen Geschäftemachereien hat nach Meinung der Apothekerin aus Most der erlaubte Fremd- und Mehrbesitz: Nichtapotheker hielten sich nun einmal nicht an pharmazeutische Codices.

Rajdlova gesteht allerdings dann etwas überraschend, dass auch sie vor einigen Jahren eine Filialapotheke eröffnet hat. Das sei ihr dann aber zu viel Arbeit geworden, und so habe sie das zweite Geschäft wieder abgegeben, fügt sie schnell hinzu.

Grenzgeschäfte an der Oder

Gegenüber von Frankfurt/Oder, auf der anderen Seite des Flusses, liegt Slubice. Die polnische 18.000-Einwohner-Stadt, die erst seit 1945 eigenständig ist, lässt sich in wenigen Minuten über eine kleine Brücke mit Grenzpunkt erreichen. Die Frankfurter Einwohner nutzen regelmäßig die Gelegenheit zu einem Einkaufsspaziergang: Selbst Waren des täglichen Bedarfs werden wegen der unmittelbaren Nachbarschaft sowie des ausgeprägten Preisgefälles gern im nahen Ausland gekauft.

Die sieben Apotheken im Ort, so munkelt man in Slubice, machten mindestens 15 Prozent ihres Umsatzes in Euro, also mit deutschen Kunden. Genaue Auskunft darüber will keiner der Apothekenleiter geben – zu oft sei negativ in der Presse darüber berichtet worden. Ein polnischer Großhandelsvertreter, der gerade vor Ort ist, erklärt aber die besondere Bedeutung des Geschäfts mit den Deutschen. Denn viele Apotheken in Polen rentieren sich nicht. Zwar ist im europäischen Vergleich in Polen der Arzneimittelkonsum pro Kopf - hinter Frankreich - am größten. Darüber hinaus macht der staatlich festgelegte Preis pro Packung in der Regel nur einen Bruchteil der Kosten in Deutschland aus. Angesichts hoher Zuzahlungen bei gleichzeitig geringer Kaufkraft ziehen jedoch viele Patienten die kostenfreie Behandlung im Krankenhaus dem Arztbesuch vor oder verzichten auf ihre Medikamente.

Laut IMS müssen die polnischen Patienten inklusive Selbstmedikation mehr als 60 Prozent aller Ausgaben für Arzneimittel selbst tragen. Einmal im Quartal werden alle zugelassenen Präparate durch das Gesundheitsministerium in Klassen aufgeteilt. Diese Zuordnung entscheidet über die Höhe der Zuzahlung, die bei einer geringen Pauschalgebühr in Höhe von 3,20 Zloty für essenzielle Arzneimittel sowie zusätzlich 30 oder sogar 50 Prozent vom Abgabepreis für alle übrigen Medikamente liegt. Ein weiterer Teil der Präparate ist von der Erstattung ausgeschlossen. Lediglich einige ohnehin sozial schwache Bevölkerungsgruppen sowie Chroniker sind teilweise oder komplett von den Zuzahlungen befreit.

Die Gesundheitsreform des letzten Jahres hat für die polnischen Apotheken keine einschneidenden Neuerungen gebracht. Der polnische Markt sei nach wie vor unübersichtlich, klagt der Großhandelsvertreter. Zehn große sowie eine Vielzahl kleinerer Unternehmen lieferten sich allein auf dem Distributionssektor einen harten Wettbewerb. Nachdem sich im Herbst 2002 das polnische Parlament Sejm gegen das Fremd- und Mehrbesitzverbot für Apotheken entschieden hat, beginnt allmählich die Kettenbildung. Zu den Marktführern gehören Cefarm, Orfe, Enterprise und Euroapteka.

 

Viele liberalisierte Märkte Im Zuge der Privatisierung des Gesundheitswesens wurde in den meisten Beitrittsländern der Arzneimittelmarkt liberalisiert. In Tschechien, Estland, Polen, Slowenien und Malta dürfen Apotheken auch von Nicht-Pharmazeuten betrieben werden. Einzige Voraussetzung ist die örtliche Leitung durch einen Apotheker, der in der Regel eine fünfjährige Berufserfahrung nachzuweisen hat. In Ungarn, Zypern und Litauen müssen Apotheken mehrheitlich Apothekern gehören. In Lettland wurde diese Regelung vor drei Jahren wieder ersetzt: Wie in der Slowakei dürfen ausschließlich Apotheker eine Apotheke betreiben. In beiden Ländern wurden Übergangsfristen zur Umstrukturierung der Eigentumsverhältnisse vereinbart. In Ungarn, Lettland und Slowenien existieren demographische oder geographische Niederlassungsbeschränkungen.

Apothekenketten sind nur in der Slowakei, auf Zypern und in Ungarn nicht erlaubt. Einkaufsgemeinschaften, ein steigender Großhandelseinfluss sowie erste Anzeichen einer vertikalen Integration sind jedoch auch in diesen Ländern zu beobachten. In Slowenien dürfen Apothekenkooperationen nur durch öffentliche Institutionen beziehungsweise den Staat erfolgen. Dieser hat auch in anderen Ländern, beispielsweise im Baltikum, die Möglichkeit, eine öffentliche Apotheke zu betreiben, was in gewissem Maße der historischen Entwicklung geschuldet ist. Krankenhausapotheken befinden sich in den Beitrittsländern meist in öffentlicher Hand.

Relativ streng sind die Abgabebestimmungen für Arzneimittel in den meisten Ländern. In den beiden Mittelmeerstaaten sowie in Slowenien und der Slowakei dürfen ausschließlich Apotheker Medikamente abgeben. In den baltischen Ländern sowie in Ungarn hat der Apotheker – ähnlich dem deutschen Prinzip – die Aufsicht über die Arbeit des pharmazeutischen Personals in der Offizin. In Tschechien dürfen die so genannten Laboranten ausschließlich im OTC-Bereich als Verkäufer tätig werden.

Bestimmte OTC-Arzneimittel sind in Tschechien, Lettland, Polen, Slowenien und Zypern auch im normalen Einzelhandel verkehrsfähig. In Lettland und Litauen bestehen darüber hinaus Sonderregelungen für die Abgabe in ländlichen Gebieten, zum Beispiel in Dispensierstellen sowie durch den Arzt oder weitere, durch das zuständige Ministerium ermächtigte Personen. Der Verkauf von Arzneimitteln über das Internet ist in fast allen Beitrittsländern verboten. Auch in Staaten, in denen die rechtlichen Grundlagen unklar sind oder der Medikamentenversand sogar erlaubt ist (Malta), kommt dem umstrittenen Vertriebskanal bislang kaum Bedeutung zu. Inwieweit das Thema Versandhandel von Arzneimitteln aus dem Osten nach Deutschland an Bedeutung gewinnen wird, liegt derzeit noch völlig im Dunkeln.

Die meisten Apotheken der Beitrittsländer setzen EDV-Systeme ein, beispielsweise in der Kommunikation mit Großhändlern und anderen Geschäftspartnern. Freiwillige Weiterbildungen zum Fachapotheker gibt es in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Slowenien. Kontinuierliche Fortbildung wird von Apothekern beispielsweise in Polen, Tschechien sowie Ungarn, neben der DDR die „ehemalige Apotheke des Ostens“, erwartet.

In allen Ländern reguliert der Staat die Preise auf dem Arzneimittelsektor. Ausschlussgrenzen, Festbeträge und Herstellerrabatte gehören zu den wesentlichen Kostendämpfungsmaßnahmen vieler Beitrittsländer im Pharmabereich. Zum 1. April erniedrigte die ungarische Regierung die Industriepreise um 15 Prozent und fror dieses Niveau für 180 Tage ein. Ebenfalls seit diesem Monat wird das Parlament in die Preisfestsetzung einbezogen. In einigen Staaten, besonders in Litauen und Polen, übernehmen die Patienten einen großen Teil der Kosten für ihre Medikamente selbst.

Für den Marktzutritt internationaler Investoren oder Arbeitnehmer bestehen in der Regel kaum Einschränkungen; lediglich die fließende Beherrschung der Landessprache ist für ausländische Apotheker beispielsweise in Ungarn vorgeschrieben. In Polen dürfen Ausländer zwar in Apotheken arbeiten; die Neugründung oder Leitung bleibt ihnen aber – zumindest vorerst - untersagt.

 

Von den polnischen Politikern und Parlamentariern erwarte er auch in Zukunft nichts Gutes, sagt Jerzy Lazowski von der Polnischen Apothekerkammer. Es fehle einfach das Verständnis für das Besondere pharmazeutischer Dienstleistungen. Trotz ihres hohen Ansehens in der Bevölkerung würden Apotheker in Polen von der Regierung als eine Gruppe betrachtet, die einzig an der Wahrung ihres Monopols bei der Arzneimittelversorgung interessiert sei. Insofern erhoffe sich die Polnische Apothekerkammer vom EU-Beitritt einen positiven Effekt für die Interessen des Berufsstandes, macht Lazowski deutlich.

Ähnliche Hoffnungen äußern gelegentlich Vertreter der pharmazeutischen Industrie. Denn beim Zulassungsverfahren sowie bei der Preisfestlegung und der Festbetragsbildung für erstattungsfähige Medikamente fehlt es in Polen immer noch an Transparenz.

Einheitlichkeit besteht im Gesundheitswesen vor allem auf der Ebene der Krankenversicherung. Fast alle Bürger sind seit März 2003 im so genannten Zentralen Nationalen Gesundheitsfond pflichtversichert. Der allgemeine Beitragssatz beträgt 8 Prozent vom Bruttoeinkommen und ist zum Teil steuerlich anrechenbar. Bemessungsgrenzen existieren nicht.

Jede Menge sparen

Vor der Pharmacos Apteka, die direkt am Grenzübergang in einer Fußgängerzone liegt, hat sich eine Warteschlange gebildet. Ein deutsches Rentner-Ehepaar verlässt mit vollem Einkaufsbeutel die kleine Offizin. Verschiedene Teesorten hätten sie gekauft, für ein Viertel des deutschen Preises, berichten die beiden zufrieden. Das lohne sich, man könne jede Menge sparen, auch junge Leute wüssten das. Sie selbst kaufen seit zwei Jahren ihre Medikamente regelmäßig in der polnischen Apotheke; allerdings könnte sich das mit dem EU-Beitritt Polens ändern. Irgendwann nämlich werden sich die Preise angleichen, sagen die beiden und setzen daher erst einmal ihre Einkaufstour fort. Aus der Apotheke dringen erneut deutsche Stimmen; diesmal geht es um einen Schwangerschaftstest.

Heike Wegner kann die Gründe der Arzneimittelgrenzgänger verstehen. Für sie ist es kein Vertrauensbruch, wenn die Patienten nach preiswerteren Angeboten suchen, erklärt die Frankfurter Apothekenleiterin. Viele der älteren Menschen seien jahrelang von der Zuzahlung befreit gewesen und würden nun von der Gesundheitsreform hart getroffen. Seit dem Jahresbeginn habe sich daher die Situation in den grenznahen Gebieten verschärft: Vor allem rezeptfreie Medikamente wie Voltaren und Ginkgo-Präparate würden auf Grund ihres deutlich günstigeren Preises jetzt in Polen gekauft; zum Teil sogar auf Empfehlung von Ärzten. Manchen Kunden sei das peinlich, andere behandelten das Thema in aller Offenheit. Manche kämen sogar mit polnischen Packungsbeilagen und bäten um Hilfe bei der Übersetzung.

In der Löwen-Apotheke, die von allen 15 Frankfurter Apotheken dem Grenzübergang auf der Stadtbrücke am nächsten liegt, werden seit 1784 Arzneimittel verkauft. In der letzten Zeit verspürt Wegner allerdings immer öfters Existenzängste, auch wegen der Osterweiterung. Zwar könne sie ab Mai endlich wieder Verordnungen polnischer Ärzte beliefern. Wann jedoch mit der prognostizierten Preisannäherung im Arzneimittelbereich zu rechnen sei und welche Strategien die Pharmaunternehmen und Großhändler hinsichtlich der Preisgestaltung in den beiden zusammen rückenden Ländern planten, habe ihr noch kein Außendienstmitarbeiter sagen können. Und auch die alles entscheidende Frage, welche Entwicklungen bei der Belieferung von GKV-Rezepten durch polnische Apotheken zu erwarten sind, sei nach wie vor völlig offen. Seit einiger Zeit habe sie bei der Pflege ihres Warenlagers stets auch die polnische Produktpalette im Hinterkopf, seufzt Wegner und deutet auf die Retourenkiste in der Warenannahme.

Versorgung ohne Grenzen

Anlässlich einer Fachtagung der Techniker Krankenkasse Brandenburg (TK) zum EU-Beitritt Polens sagte Detlef Lischka, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesundheitsakademie, eine grenzüberschreitende Patientenversorgung sei derzeit noch in weiter Ferne. Dennoch zeigen sich Krankenkassen und Gesundheitspolitiker zunehmend für das Thema sensibilisiert und streben einen Erfahrungsaustausch in verschiedenen internationalen Gesundheitsforen an.

Und dass auch bei den Patienten ein Interesse an Auslandsleistungen besteht, macht eine Umfrage der TK vom Februar letzten Jahres bei 6000 ihrer Mitglieder deutlich: Neben der Inanspruchnahme europäischer Spezialistendienstleistungen sind es vor allem ökonomische Interessen, die zwei Drittel der Befragten in andere europäische Staaten locken könnten. Grundsätzlich, so die Mehrheit der Befragten, sollten Versicherte frei wählen können, wo sie medizinische Dienstleistungen in Anspruch nehmen.

 

Der Autor

Patrick Hollstein schreibt seit 2003 als freier Mitarbeiter für die PZ aus Berlin. Dem Pharmaziestudium an der Martin-Luther-Universität in Halle und seiner Diplomarbeit folgte das Studium der Politik- und Literaturwissenschaften an der Freien Universität sowie der Humboldt-Universität in Berlin. Der Autor ist als Dozent für Arzneimittellehre an der Krankenpflegeschule des Deutschen Herzzentrums sowie als Vertretungsapotheker tätig. Top

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