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Eine historische Reise um die Erde

30.04.2001
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CHINARINDE

Eine historische Reise um die Erde

von Jutta Hermann, Düsseldorf

Malaria gehört heute neben Tuberkulose und Aids zu den größten Infektionskrankheiten der Erde. Betroffen sind insbesondere Afrika, Südostasien sowie Mittel- und Südamerika. Noch im 19. Jahrhundert mussten sich auch die gemäßigten Klimazonen mit der Infektionskrankheit auseinandersetzen, die durch Mücken der Gattung Anopheles übertragen wird. In Städten wie Washington, St. Louis, London oder Rom verursachte sie regelmäßig Epidemien, und der ganze Mittelmeerraum war von der Seuche betroffen. Chinin aus der Rinde von Cinchona-Arten, seit dem 17. Jahrhundert in Europa gegen das Sumpffieber bekannt, sollte bis zur Entwicklung von synthetischen Antipyretika Ende des 19. Jahrhunderts das einzige wirksame Therapeutikum bleiben.

Chinin, ein geruchloses weißes Pulver, das außerordentlich bitter schmeckt, tötet als Blutschizontozid die ungeschlechtlichen, erythrozytären Formen aller beim Menschen Malaria erregenden Plasmodium-Arten ab. Darüber hinaus besitzt es analgetische, antipyretische, lokalanästhetische und muskelrelaxierende Eigenschaften. Chinin wird aber auch als Geschmacksstoff verwendet. In den USA dient der größte Teil des importierten Chinins heute zur Aromatisierung von Tonicwater oder Bitter Lemon. Auch die britischen Kolonialtruppen in Indien bevorzugten den bitteren Geschmack dieser Limonade. Ob der tägliche Genuss eines oder mehrerer Gin-Tonics in gefährdeten Gebieten tatsächlich prophylaktisch vor dem Sumpffieber schützt, ist äußerst fraglich (1).

Von Südamerika nach Europa

Die historische Entwicklung der Chinarinde in ihrer Bedeutung für die Alte Welt begann Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts zur Zeit der Eroberung des Inkareiches im heutigen Peru durch die Europäer. Die vielen Legenden, die sich um die Entdeckung der Droge ranken, zeigen, welche Bedeutung der Einführung des Heilmittels in den europäischen Arzneimittelschatz beigemessen wurde (2).

Einer spanischen Darstellung zufolge trank ein Soldat, der in der Wildnis einen Malariaanfall bekam, von dem dunkelbraunen Wasser eines Tümpels, in den Chinarindenbäume gestürzt waren. Daraufhin schlief er ein, und als er erwachte, war das Fieber verschwunden. Noch bekannter ist die Geschichte der wunderbaren Rettung der an Malaria erkrankten Gräfin von Chinchón im Jahr 1638, der Gemahlin des peruanischen Vizekönigs, durch die schöne Häuptlingstochter Zuma. Die dankbare Gräfin soll daraufhin das Arzneimittel in Europa eingeführt und es von Spitälern aus an die Armen verteilt haben. Historisch nachzuweisen ist an dieser Legende nichts. Dennoch stand die Gräfin Pate bei der Namensgebung des Fieberrindenbaumes durch den schwedischen Naturforscher und Begründer der binären Nomenklatur Carl von Linné (1707 bis 1778) (3). Die heutige Schreibweise "Cinchona" geht auf einen Zufallsfehler zurück und wurde auf dem Internationalen Botanischen Kongress zu London 1866 definitiv festgelegt.

Ob es sich bei der Chinarinde um ein altes ethnobotanisches Arzneimittel der peruanischen Indianer handelt, ist ebenfalls nicht geklärt. Wissenschaftler vermuten, dass die Malaria erst im 16. Jahrhundert durch den Sklavenhandel nach Amerika eingeschleppt wurde, so dass die einheimische Bevölkerung gar nicht mit dieser Erkrankung vertraut gewesen sein kann. Mit Sicherheit waren es jedoch Mitglieder des Jesuitenordens in Südamerika, die im 17. Jahrhundert auf die Wirksamkeit der Chinarinde aufmerksam wurden, diese dokumentierten und größere Mengen von Peru über Spanien nach Italien brachten. Beinamen der pulverisierten Droge wie Jesuiten-, Gräfinnen- oder Kardinalspulver lassen sich damit leichter erklären als die etymologische Herkunft des Begriffs "China". Die Bezeichnung hatte in Europa zu zahlreichen Verwechslungen geführt, denn der Ausdruck "quina-quina" (eventuell vom peruanischen kina-kina für Rinde) wurde ebenfalls für den Perubalsam (Myroxylon balsamum) gebraucht.

Seit 1660 fand die Chinarinde vielfältige Anwendung in Europa, verbunden mit berühmten Namen. Der Londoner Apotheker Robert Talbot soll den englischen König Charles II geheilt, der Kardinal von Lugo dem französischen König Ludwig XIV das Pulver empfohlen haben. Oliver Cromwell dagegen lehnte eine Behandlung mit Chinarinde ab; er befürchtete, "jesuitiert" zu werden - und starb an Malaria.

Seit Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte sich ein reger Handel mit Chinarinde. Auch die Botaniker interessierten sich für die überseeische Droge; in wissenschaftlichen Expeditionen wurden die Stammpflanzen ausführlich beschrieben, sorgfältig abgebildet und schließlich in das botanische System Europas integriert. Sämtliche angebotene Ware stammte aus Wildbeständen. Schon damals warnten besorgte Menschen wie der schottische Chirurg William Arrot in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts oder der französische Astronom de la Condamine, der von 1736 bis 1744 Gradenvermessungen in Peru vornahm, vor den Gefahren des Raubbaus und der Ausrottung. Das Angebot an Chinarindenbäumen erschien indes so reichhaltig, dass die Rindensammler von den gefällten Stämmen nur die obere Hälfte abschälten, selbst das Umdrehen war ihnen zu mühsam. Zum Teil wurden die Bäume gar nicht erst gefällt; man löste mannshoch die Rinde ab, was zum Absterben der gesamten Pflanze führte (4).

Chemische Isolierung von Chinin

Die Chinarinde enthält mehr als 30 verschiedene Alkaloide, zumeist Chinolin/Chinuclidin- und Indol/Chinuclidin-Abkömmlinge. Wem die Ehre gebührt, als Erster Chinin aus der Rinde der Cinchona extrahiert zu haben, ist bis heute nicht abschließend geklärt (5, 6, 7).

Der portugiesische Arzt Bernardino Antonio Gomez (1769 bis 1823) gewann 1811 aus einem alkoholischen Extrakt Kristalle, die er mit Cinchonin bezeichnete - nach heutiger Sicht zu Recht. 1819 vermutete der deutsche Apotheker, Arzt und Fabrikbesitzer Friedlieb Ferdinand Runge (1794 bis 1867), als Erster das wirksame Prinzip der Chinarinde entdeckt zu haben. Mit ziemlicher Sicherheit hat er jedoch ein Alkaloidgemisch gewonnen. Nach den Vorschriften der beiden französischen Apotheker Pierre Joseph Pelletier (1788 bis 1842) und Joseph Bienaimé Caventou (1795 bis 1877) aus dem Jahr 1820 lässt sich tatsächlich fast reines Chinin gewinnen. Ein weiteres Alkaloid - Chinidin - erlangte Bedeutung als erstes Antiarrhythmikum. Es wurde 1833 erstmals vom französischen Chemiker Etienne Ossian Henry beschrieben, von der Wissenschaft nicht beachtet und 1848 vom Niederländer J. van Heijningen erneut entdeckt.

Der Bedarf steigt

Die Ausweitung des Kolonialismus in malariaverseuchten Erdteilen ließ den Bedarf an Chinarinde und damit auch deren Preis in die Höhe schnellen. Mitte des 19. Jahrhunderts sandten fast zeitgleich die französische, englische und niederländische Regierung Expeditionen nach Südamerika zum Sammeln von Samen und Pflanzen der begehrten Droge. Die noch jungen Staaten Bolivien, Kolumbien, Ecuador und Peru kannten den hohen Exportwert der Chinarinde sehr wohl, und die Ausfuhr von jeglichem Pflanzenmaterial der Cinchona war bei Todesstrafe verboten.

Dem französischen Konsul in Bogotá gelang es, 1849 Cinchona-Samen nach Paris zu senden. Sie wurden dort erfolgreich zum Keimen gebracht, der Versuch, eine Plantage in Algier anzulegen, misslang dagegen.

Chinarinde in Niederländisch-Indien

Erfolgreich, wenn auch mühsam war die Geschichte der niederländischen Cinchona-Plantagen. Schon 1829 bat der ursprünglich aus Deutschland stammende Arzt und Apotheker Carl Ludwig Blume (1796 bis 1862) (8) die niederländische Regierung um Unterstützung bei der Kultivierung des Chinarindenbaumes. Nachdem schriftliche Bitten an die Regierungen von Peru und Bolivien abschlägig beantwortet wurden, schlug er sogar die Entsendung eines Kriegsschiffes zur Unterstützung einer Expedition vor, fand jedoch keine Beachtung. Erst 1851 erkannte der niederländische Kolonialminister Pahud die Notwendigkeit eigener Plantagen und rüstete eine Expedition aus. Er hoffte, den deutschen Gelehrten Franz Wilhelm Junghuhn (gestorben 1864) als Leiter gewinnen zu können, doch dieser lehnte ab (9, 10, 11).

Den Auftrag erhielt der ebenfalls aus Deutschland stammende Botaniker Justus Karl Hasskarl (1811 bis 1894) (12, 13, 14, 15, 16), der 1852 nach Südamerika abreiste. Wegen der strengen Exportbestimmungen der südamerikanischen Regierungen sollte das Unternehmen geheim bleiben, doch die Tageszeitung "Hamburger Korrespondenz" veröffentlichte im selben Jahr den Plan und nannte sogar Hasskarls Namen. Hasskarl nahm das Pseudonym Muller an und durchkreuzte als angeblicher Geograf zwei Jahre lang die Anden. Zwischendurch gelang es ihm immer wieder, Samen und Pflanzen nach Leiden zu senden, wo sich seit der Gründung des Rijksherbariums 1829 eines der europäischen Zentren für botanische Fragen jeglicher Art entwickelt hatte. Zwar überlebte keine Pflanze den Transport, bei den Samen dagegen gelang der Versuch der Keimung. Junghuhn veranlasste den weiteren Transport nach Java.

Auch von Hasskarls letzter Fracht überlebten fast ausschließlich die Samen. Er selbst erreichte im Dezember 1854 Java und sollte die Aufzucht und Akklimatisierung der Cinchona-Bäume leiten. Im gleichen Monat verlor er jedoch bei einem Schiffunglück seine Frau und vier Töchter, die zu ihm nach Java unterwegs waren. Zwar stellte er seine Arbeitskraft noch zur Einführung des Unternehmens "Chinarindenbäume auf Java" zur Verfügung, 1856 verließ er die Insel für immer.

Hasskarl pflanzte die Chinarindenbäume in Plantagen an. Dazu erwarb der botanische Garten ´s Lands Plantentuin zu Buitenzorg (17, 18) ein Gelände in 1500 m Höhe beim Bergrücken Passir Tjibodas, der den Namen "Bergtuin Tjibodas" (Berggarten Tjibodas) erhielt. Auf diese Weise versuchte man, die natürliche Umgebung der Cinchona-Pflanzen so gut wie möglich nachzuahmen. Junghuhn dagegen, der bei der niederländischen Regierung in hohem Ansehen stand, bevorzugte eine Auspflanzung in den Dschungel. Er war davon überzeugt, dass Chinarindenbäume zum Gedeihen Schatten benötigten. Als Nachfolger Hasskarls seit 1856 gelang es ihm, aus mehreren hundert Samen - ungeachtet der Spezies - über 10.000 Bäume zu ziehen. Zur großen Enttäuschung enthielt die Rinde der meisten Pflanzen sehr wenig Chinin. Nur zehn Prozent der kultivierten Bäume, sowohl in den Plantagen als auch in der Wildnis, gehörten der wertvolleren Spezies Cinchona calisaya an, die übrigen C. pahudiana oder anderen Varietäten mit geringem Chiningehalt.

Cinchona ledgeriana mit sensationellem Chiningehalt

Durch einen Zufall gelang es dann doch noch, Bäume mit hohem Chiningehalt in der Rinde anzupflanzen. Der Engländer Charles Ledger (1818 bis 1905) hatte sich selbstständig auf die Suche nach wertvollen Samen in den Ursprungsländern gemacht und dabei die Hilfe von Eingeborenen in Anspruch genommen. 1865 bot er der niederländischen Regierung Cinchona-Samen für 100 holländische Gulden zum Kauf an, nachdem er zuvor bei der englischen Regierung auf Ablehnung gestoßen war (12). Vorversuche ergaben einen so sensationellen Chiningehalt in der Rinde, dass die niederländische Regierung nochmals freiwillig 500 Gulden bezahlte.

Der neue Leiter der Cinchona-Plantagen seit 1864, Apotheker Karel Wessel van Gorkom (1835 bis 1910) (19), besaß durch seine langjährige Tätigkeit auf Java ausgezeichnete Terrainkenntnisse und viel Erfahrung im Plantagenbau (Kaffeekultur). Er ging dazu über, Cinchona wieder in Plantagen zu kultivieren, und baute die regelmäßige chemische Analyse der Rinde sowie Untersuchungen zur Bodenbeschaffenheit zu einem wichtigen Stützpfeiler der Plantagen aus. War der Anbau zunächst noch ein Regierungsmonopol, so entstanden seit 1867 die ersten Plantagen mit den wertvollsten Sorten in privater Hand. Hierbei entwickelte sich eine vorbildliche Zusammenarbeit zwischen den staatlichen Versuchsstationen und den Pflanzern. Im Jahre 1876 wurde die erste Chinarinde aus privater Hand angeboten.

Van Gorkoms Nachfolger, darunter die Apotheker J. C. Bernelot Moens und Pieter van Leersum, verfeinerten die chemischen Analysen noch weiter. Durch züchterische Veränderungen und regelmäßige Laborkontrollen konnte der Chiningehalt der Rinde von anfangs zwei bis fünf Prozent auf neun bis 14 Prozent gesteigert werden. Der folgende Schritt, das Aufpfropfen der empfindlichen C. ledgeriana auf die anspruchslose und widerstandsfähige C. succirubra, erbrachte in Einzelfällen sogar eine Ausbeute von 17 bis 20 Prozent. Ein derartig hoher Chiningehalt machte die Plantagen unempfindlicher gegenüber dem in Europa sich entwickelnden Preisverfall des Chinins.

Zur Gewinnung der Rinde dienten drei Verfahren (20): das Mossing-, das Coppicing- und das Uprootingsystem. Bei der ersten Art löste man etwa 4 cm breite Streifen der Rinde ab und umhüllte den Baum mit Moos. Die Rinde erneuerte sich schnell und wurde gewöhnlich sogar alkaloidreicher. Beim Coppicingsystem kappte man die Stämme nach etwa sieben bis acht Jahren und entrindete sie. Die aus dem Stumpf entsprungenen Schösslinge bildeten dichte Büsche und konnten nach erfolgter Verholzung wieder zur Rindengewinnung genutzt werden. Am erfolgreichsten erwies sich das Uprootingsystem. Hierbei wurden die ersten Stämme einer Plantage im Alter von etwa sechs bis sieben Jahren gerodet und entrindet. In jedem Jahr fand eine erneute Durchforstung statt, bis nach 15 bis 25 Jahren nur noch etwa ein Viertel der ursprünglich gepflanzten Bäume übrig war. Diese wurden auf einmal geschlagen und ausgerodet. Bei allen drei Verfahren musste die gewonnene Rinde über mäßigem Feuer oder in der Sonne getrocknet werden, was etwa vier bis fünf Wochen in Anspruch nahm und der Vorbeugung gegen Schimmelbefall diente.

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts waren alle Schritte zur Gewinnung der Chinarinde in Niederländisch-Indien professionalisiert, vom Sammeln der Samen über das Auswählen der "Mutterbäume" für die Aufpfropfung oder der Bäume für den Pfropfreiser, das Aussähen auf Keimbetten, die Umpflanzung der jungen Bäume, das Veredeln, das Einsammeln des Bastes, bis hin zur Trocknung, Analyse und Verpackung. Um 1930 produzierten die Plantagen auf Java etwa zehn Millionen Kilo Rinde, aus denen 97 Prozent des weltweit verwendeten Chinins hergestellt wurden.

Weltweit verbreitet

Die britische Regierung begann 1852 in Indien mit der Aufzucht von Bäumen aus Samen, die sie sich in Exkursionen nach Südamerika beschafft hatte. Doch auch nach dem Ankauf einer Partie Samen von Ledger kam der Cinchona-Anbau nie über das Versuchsstadium hinaus.

Fast gleichzeitig erwachte auch auf Ceylon das Interesse für Cinchona-Kulturen. Neben den Samenlieferungen durch Ledger war dies vor allem auf Probleme der Kaffeeplantagen zurückzuführen: Eine Blattkrankheit (Himelaia vestatrix), die infolge jahrelanger ungenügender Düngung des Bodens ganze Bestände vernichtete, ließ viele Pflanzer nach einer Alternative Ausschau halten. 1879 soll schon auf etwa 8000 Hektar Anbaufläche der Kaffee durch Cinchona ersetzt worden sein; 1883 soll der Umfang der Plantagen mit fast 26 000 Hektar sogar die Anbaufläche auf Java in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts überschritten haben. Rinde aus Ceylon erreichte den Weltmarkt seit 1872. Die hohen Preise, die um 1880 noch für Chinin bezahlt wurden (1879 kostete ein Kilo etwa 250 Reichsmark, 1887 etwa 66 RM und 1897 etwa 7,20 RM; nach (21)), ließen Methoden ersinnen, in möglichst kurzer Zeit den Ernteertrag zu steigern, ohne auf die Qualität der verwendeten Bäume oder eine nachhaltige Bewirtschaftung zu achten. Als die Preise auf dem Weltmarkt zu sinken begannen, waren die Auswirkungen dieser Fehler deutlich zu spüren. Viele Plantagenbesitzer meldeten Konkurs an, und 1898 war die Anbaufläche auf weniger als 500 Hektar zusammengeschmolzen. Auf dem Weltmarkt spielte Rinde aus Ceylon keine Rolle mehr.

Mit dem Anbau in Deutsch-Ostafrika wurde 1902, zeitgleich mit der Gründung des Biologischen Landwirtschaftlichen Instituts zu Amani begonnen (21). Züchterisch wertvolle Samen aus Java, die geschickte Auswahl eines geeigneten Terrains und die Berücksichtigung niederländisch-indischer Erfahrungen verhalfen der Cinchona-Kultur zu bescheidenen Erfolgen. Vor allem war die Qualität der Rinde ausgezeichnet. Nach dem Verlust der Kolonie an die Briten setzten diese seit 1918 die Anbauversuche fort. 1923 löste die Regierung die Versuchsstation auf, und auch die Arbeiten an den Chinarindenbäumen kamen zum Erliegen.

Chininfabriken in Deutschland

Chinin ist eng mit den allerersten Anfängen der deutschen pharmazeutischen Industrie verknüpft. Die erste Chininfabrik lag in Oppenheim (22). Durch die Versumpfung des Rheins traten in der Nähe der Rheinauen häufiger Malariaerkrankungen auf. Der Oppenheimer Apotheker Friedrich Koch (1786 bis 1865) verfolgte die Versuche von Pelletier und Caventou mit Interesse (23). Im eigenen Apothekenlabor suchte Koch nach Möglichkeiten, reines Chinin aus der Rinde zu isolieren, um seinen vielen malariakranken Kunden eine standardisierte und somit gut dosierbare Arznei anbieten zu können. 1823 oder 1824 gelang ihm dies erstmals. Kochs Extraktionsverfahren hatte wohl zu einer guten Ausbeute geführt, denn er konnte das Chinin sehr günstig anbieten. Zu seinen Kunden zählten Emanuel Merck in Darmstadt, Rudolf Geigy in Basel oder Joseph Pelletier in Frankreich.

Auch Koch war von dem dramatischen Preisverfall der Chinarinde betroffen. Konnte er 1824 das Kilo Chinin noch für (umgerechnet) 1370 DM verkaufen, sank der Preis bis 1879 auf 410 DM und 1897 sogar auf 20 DM. Sein Sohn Carl Koch ließ daher die Oppenheimer Fabrik 1888 wieder schließen. Heute findet das Gebäude als Weingut Verwendung.

Des weiteren stellten die Vereinigten Chininfabriken Zimmer & Co und ihre Vorläufer aus Mannheim-Waldhof seit 1828 und C. F. Boehringer aus Mannheim- Waldhof seit 1859 Chinin in Reinform her. In den Niederlanden, Großbritannien, USA, Japan, Frankreich, der Schweiz und Italien spezialisierten sich Betriebe auf die Gewinnung des reinen Wirkstoffes. Auf Initiative der Plantagenbesitzer entstanden Chininfabriken auch am Ort der Produktion - in Bengalen 1862 oder Bandoeng auf Java 1896. In der Zeit des ruinösen Preisverfalls wollten sie sich nicht in absolute Abhängigkeit von den Fabrikanten in Europa begeben. Der Produktionsstätte in Bandoeng gelang es, trotz aller Krisen immer mit Gewinn zu arbeiten.

Syndikat in Amsterdam diktiert die Preise

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verfiel der Preis für Chinarinde und Chinin und viele Plantagenbesitzer und Fabrikanten mussten ihre Betriebe schließen. Seit 1905 bemühten sich daher immer wieder Betroffene, durch Preisabsprachen einer weiteren Verminderung des Gewinns entgegen zu wirken. Der Konkurrenzkampf der Pflanzer und Fabrikanten endete erst mit der Gründung der ersten "Kina-Overeenkomst" (21) im Jahre 1913, von der in erster Linie Niederländisch-Indien profitierte. Vertragspartner waren nahezu alle Cinchona-Pflanzer in Niederländisch-Indien sowie sieben Chininfabriken. Es gelang nun, die Rindenproduktion in gewissen Schranken zu halten. 1919 erreichte die Produktionskapazität die Höhe des Weltabsatzes.

An der zweiten Kina-Overeenkomst von 1918 bis 1929, einem Vertragswerk mit über 200 Paragraphen, waren nur noch zwei niederländische und die Bandoengsche Chininfabrik beteiligt. Damit bildete der Vertrag die Grundlage für die niederländische Monopolstellung auf dem Weltmarkt. Nach wie vor gab es jedoch Pflanzer, die sich dem Syndikat nicht anschließen wollten. Sie konnten den übrigen europäischen Fabrikanten das Rohmaterial zu teils höheren Preisen liefern als die an Absprachen gebundenen Plantagenbesitzer. 1934 traten Restriktionsgesetze in Kraft, und die Lieferung der Rinde war an besondere Lizenzen gebunden. In der dritten Kina-Overeenkomst von 1929 bis 1938 wurde die Machtstellung des Chininsyndikats gefestigt.

Mit dem Inkrafttreten der ersten Kina-Overeenkomst 1913 war ein sofortiger Preisanstieg für Rinde und Chinin verbunden. Versuche anderer Länder, sich durch eigene Plantagen unabhängig zu machen, sowie eine latente Überproduktion dämpften zwar immer wieder die Preiskurve, doch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war der Verkaufserlös für die Rinde mindestens doppelt so hoch wie ihre Produktionskosten.

Mangelware im Zweiten Weltkrieg

Die niederländische Monopolstellung in Bezug auf Chinin sollte sich im Zweiten Weltkrieg fatal auswirken (1). Mit der Besetzung Amsterdams durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1940 fielen sämtliche Chininvorräte Europas in die Hände des nationalsozialistischen Regimes. Zwei Jahre später, nach der Eroberung von Niederländisch-Indien durch Japan, waren die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten praktisch von der Chininversorgung abgeschnitten. Eine kleine Plantage mit Cinchona-Bäumen auf den Philippinen fiel wenige Wochen nach der Kapitulation auf Java ebenfalls in japanische Hände. Zwar gelang es den Amerikanern, auf einem ihrer letzten Flüge von den Philippinen nach Maryland Cinchona-Samen in die USA zu transportieren, wo sie zum Keimen gebracht und anschließend in Costa Rica angepflanzt werden sollten. Doch bestand keine Aussicht, in naher Zukunft den Bedarf an Chinin daraus decken zu können.

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs hatten sich in Afrika und im Südpazifik über 600.000 US-Soldaten Malaria zugezogen, bei einer Sterblichkeit von durchschnittlich zehn Prozent. An Malaria starben mehr amerikanische Soldaten als durch japanische Kugeln.

1942, als sich der Verlust der Philippinen abzeichnete, beauftragte die US-Behörde für Wirtschaftskriegführung den Tropenbiologen Raymond Fosberg mit einer speziellen Mission. Zusammen mit mehreren Botanikern sollte er sofort nach Südamerika reisen, nochmals alle bekannten Cinchona-Arten als Samen oder junge Pflanzen einsammeln und an einem geeigneten Ort in den Vereinigten Staaten eine Plantage errichten. Ebenfalls sollte er dafür sorgen, dass so viel Rinde wie möglich zur Pharmafirma Merck in New Jersey gelangte. Fosberg leitete das Unternehmen von Kolumbien aus. Mit einheimischen Helfern reiste er monatelang durch abgelegene Waldgebiete und befragte die Einheimischen nach verschiedenen Spezies von Cinchona. Zur schnellen Qualitätsbeurteilung der Rinde richtete die US-Regierung Labore in Bogotá, Quito, Lima und La Paz ein. Zum Abtransport von hochwertiger Rinde legte Fosberg sogar Landpisten für Flugzeuge mitten im Dschungel an. 1943 und 1944 gelang es ihm auf diese Weise, fast 6 000 Tonnen Chinarinde für die Alliierten zu sichern - jedoch mit einem gigantischen Aufwand.

Synthetische Malariamittel

Ende des 19. Jahrhunderts wurden synthetische Antipyretika wie 1883 Phenazon, 1886 Phenacetin und 1899 Acetylsalicylsäure als Ersatz für Chinin in den Arzneimittelschatz eingeführt (24). Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Bedarf an Chinin durch die Entwicklung synthetischer Malariamedikamente zurück. Den Grundstein zu dieser Klasse von Medikamenten legte Paul Ehrlich (1854 bis 1915) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach seinen Erfolgen mit Salvarsan gegen die Syphilis experimentierte er mit Farbstoffen wie Methylenblau und stellte eine Wirksamkeit gegen Protozoen fest. Wissenschaftler der Firma Bayer in Elberfeld entwickelten daraufhin Medikamente, die gegen bestimmte Formen der Malaria-Erreger Wirksamkeit zeigten (7): Plasmochin (1926), Atebrin (1932) und Resochin (1934).

Zu Beginn der vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts entwickelten britische Labors eine neue Gruppe von malariawirksamen Medikamenten, die nicht mehr von Chinin als Leitbild, sondern von Sulfonamiden, Nukleinsäuren und Vitaminen ausgingen, wie Sulfadoxin und Pyrimethamin. In amerikanischen Labors führten die Syntheseversuche zu Mefloquin und Halofantrin. Im vergangenen Jahrzehnt hat auch Chinin wieder an Bedeutung gewonnen im Kampf gegen die Plasmodien-Stämme, die Resistenzen gegenüber den synthetischen Substanzen aufweisen (25).

 

 

Literatur

  1. Balick, M. J., Cox, P. A., Drogen, Kräuter und Kulturen. Pflanzen und die Geschichte der Menschheit. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg Berlin Oxford 1997.
  2. Anagnostou, S., Jesuiten in Spanisch-Amerika als Übermittler von heilkundlichem Wissen. Mit einem Geleitwort von Fritz Krafft. Wiss. Verlagsges. Stuttgart 2000.
  3. Simmons, J., Who is who der Wissenschaften. Bettendorf München 1997.
  4. Vitalli, L. van, 300 jaar kinabast. In: Nieuwe Rotterdamsche Courant vom 1. 11. 1930, Seite 3.
  5. Eiden, F., Chinin und andere Chinaalkaloide. 1. Teil: Von der Isolierung der Chinaalkaloide bis zur Konstitutionsaufklärung. Pharm. uns. Zeit 27 (1998) 257 - 271.
  6. Eiden, F., Chinin und andere Chinaalkaloide. 2. Teil: Die Aufklärung des räumlichen Baus der Chinolin-Chinaalkaloide. Pharm. uns. Zeit 28 (1999) 11 - 20.
  7. Eiden, F., Chinin und andere Chinaalkaloide. 3. Teil: Vom Weg zur Totalsynthese der Chinolin-Chinaalkaloide über die Herstellung besser wirksamer Malariamittel bis zur Erforschung der Indol-Chinaalkaloide. Pharm. uns. Zeit 28 (1999) 74 - 85.
  8. Rijnberg, T. F., ´s Lands Plantentuin, Buitenzorg 1817-18 mei - 1992, Kebun Raya Indonesia, Bogor. Enschede 1992.
  9. Theye, T., Licht- und Schattenbilder aus den Binnenlanden von Java. Franz Wilhelm Junghuhn, Karl Ritter von Scherzer und die Erdumsegelung der K. K. Fregatte Novara in den Jahren 1857 - 1859. Vortragsmanuskript für den Workshop der Arbeitsgruppe Visuelle Anthropologie am 7. 10. 1993, Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde vom 3. bis 8. 10. 1993 in Leipzig.
  10. Muller, W. C., Junghuhn-Bibliographie. Overdruk uit: Gedenkboek Junghuhn, 's-Gravenhage 1910.
  11.  J. S. M., 12 Januari 1835. Een voor Ned. O. Indië belangrijke datum, na 100 Jaar herdacht. Tydschr. K.N.A.G. 52.
  12. Van Gorkom, K. W., Dr. Justus Karl Hasskarl. De Indische Mercuur vom 13. 01. 1894.
  13. Boerlage, J. G., Een woord ter herinnering aan Justus Karl Hasskarl. 6 Dec. 1811 - 5 Jan. 1894. In: 1e Bijlage tot de 57e Vergadering der Ned. Bot. Vereeniging, 3 Februari 1894 (Overdr. Ned. Kruidk. Archief 2e Serie VI).
  14. Boerlage, J. G., Justus Karl Hasskarl en zijn botanische werken. Teysmannia (1894) 129 - 148.
  15. Greshoff, M., Schets van Hasskarl's Leven en Werken. In: "De Indische Gids", Februari 1894.
  16. W., J. K. Hasskarl. Sempervirens 23, Nr. 5 (1894) (2. 2. 1894) 49 ff.
  17. Treub, M., ´S lands plantentuin te Buitenzorg. 18 mei 1817 - 18 mei 1892. Batavia (Landsdrukkerij) 1892.
  18. `s Land Plantentuin Buitenzorg. Gedenkschrift ter gelegenheid van het Honderdjarig Bestaan op 18 Mei 1917. Eerste gedeelte. Met een voorwoord van J. C. Koningsberger [Ort] 1817.
  19. Anonym (Zeitungsausschnitt ohne Datums-, Verfasser- oder Herkunftsangabe), Karel Wessel van Gorkom herdacht [1935]. Bibliothek Nationaal Herbarium Leiden, A15, GO-GRA.
  20. Johannessohn, F., Chinin in der Allgemeinpraxis unter Berücksichtigung pharmakologischer Befunde. Amsterdam (Bureau tot Bevordering van het Kinine-Gebruik) 1930.
  21. Dethloff, W., Chinin. Verlag Chemie, Berlin 1944.
  22. Schwenk, E., Die erste Chininfabrik stand in Oppenheim. Pharm. Ztg. 144 (1999) 1138 - 1141.
  23. Hagen-Hein, W., Schwarz, H.-D. (Hrgs), Deutsche Apotheker-Biographie. Band 1 A - L. Wiss. Verlagsges. Stuttgart 1975.
  24. Müller-Jahncke, W.-D., Friedrich, C., Geschichte der Arzneimitteltherapie. Deutscher Apotheker Verlag Stuttgart 1996.
  25. Englich, S., Wir müssen weg von der Empirie. Ein Interview mit Prof. Stefan H. E. Kaufmann. MaxPlanckForschung Bd. 4 (2000) 20 - 23.

 

Die Autorin

Jutta Hermann studierte Pharmazie an den Universitäten in Würzburg und Marburg. Anschließend absolvierte sie ein pharmaziehistorisches Aufbaustudium an der Universität Heidelberg und wurde bei Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke mit einer Arbeit über den Apotheker Hermann Hager und die pharmazeutische Fachliteratur des 19. Jahrhunderts promoviert. 1999 erhielt sie einen Lehrauftrag für Geschichte der Naturwissenschaften unter besonderer Berücksichtigung der Pharmazie an der Universität Düsseldorf. Ihr wissenschaftliches Interesse gilt pharmaziehistorischen Aspekten des niederländischen und deutschen Kolonialismus. Dr. Hermann ist Mitautorin des im April 2001 im Govi-Verlag erschienenen "Leitfadens der Pharmaziegeschichte". Seit vier Jahren wohnt sie in Amsterdam und ist dort in der Ausbildung von Apotheker-Assistenten tätig.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Jutta Hermann
Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Gebäude 23.12.04
Universitätsstraße 1 
40225 Düsseldorf
E-Mail: ju.hermann@hetnet.nl

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