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Alzheimer-Projekt der Pharmazie in Jena

19.04.2004
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Gemeinsam gegen das Vergessen

Alzheimer-Projekt der Pharmazie in Jena

von Jochen Lehmann, Jena

Individualismus mit Bereitschaft zur Kooperation prägt die Wissenschaftler an pharmazeutischen Universitätsinstituten. Sie wählen ihre Thematik individuell, den Kooperationspartner weltweit. Ergeben sich thematische Gemeinsamkeiten an einem Standort, so sind zeitlich limitierte Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche möglich. Mit dem „Alzheimer-Projekt“ wird am Institut für Pharmazie der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Sinne der Schwerpunktbildung ein neues Modell pharmazeutischer Hochschulforschung verfolgt.

„Freiheit der Wissenschaft“ ist ein Grundprinzip universitärer Forschung, auch in der Pharmazie. Individuelle Interessen, Erkenntnisse und Fähigkeiten, Visionen und Zufälle bestimmen die thematische Ausrichtung des unabhängigen Wissenschaftlers. Kooperationen nehmen zu, wobei Synergie wichtig, der Aufenthaltsort des Kooperationspartners – lokal, national, international – eher unwichtig ist. Lokal konzentriert gibt es hochrangige, drittmittelgeförderte Einrichtungen wie Forschergruppen, Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereiche. Diese sind jedoch thematisch meist weit gespannt und sehen nicht immer die Beteiligung aller Fachkollegen und Fachdisziplinen am Ort vor. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena erprobt nun die Pharmazie ein neues, ergänzendes Prinzip pharmazeutischer Hochschulforschung, das in drei Phasen zu verwirklichen ist:

  • Eine Erkrankung mit unbefriedigenden medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten wird von den Wissenschaftlern eines Pharmaziestandorts mit einem steigenden Teil ihrer wissenschaftlichen Ressourcen zum Gegenstand gemeinsamer Forschung gemacht.
  • Die Pharmazie bemüht sich um ergänzendes Know-how und Effektivitätssteigerung durch Kooperationspartner.
  • Es entsteht ein langfristig thematisch spezialisierter Pharmaziestandort.

Die Verständigung der Fachkollegen in Jena auf ein festgelegtes, am Standort auch unabhängig von personellen Wechseln verbleibendes Projekt hat den Charakter eines Paradigmenwechsels. Die Entwicklung sei aus der Sicht der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie vorgestellt.

Entstehung des Projekts

Das Jahr 2002 war für die Jenaer Pharmazie ein bewegtes und erfreuliches. Zwei der drei Lehrstühle – Pharmazeutische/Medizinische Chemie und Pharmazeutische Technologie/Biopharmazie – wurden neu besetzt. Die ministerielle Genehmigung eines Institutsneubaus trat in die entscheidende Phase und wurde am Jahresende nach einer positiven Evaluierung des Instituts durch den Wissenschaftsrat positiv evaluiert. Anfang 2003 wurde mit einem „Tag der Pharmazie“ das 10-jährige Jubiläum der Wiedergründung in Jena gefeiert.

Es stellte sich die Frage, ob nicht die angestrebte Vereinigung der auf fünf Standorte in Jena verteilten pharmazeutischen Teilfächer in einem neuen Gebäude auch durch ein gemeinsames Forschungsprojekt begleitet werden sollte. Initiiert von der - zusammen mit Professor Dr. Gerhard Reuter – überragenden Persönlichkeit der Nachwende-Pharmazie in Jena, Professor Dr. Dr. h. c. mult. Herbert Oelschläger, setzte eine intensive Diskussion ein. Es wuchs die Akzeptanz des Projektes „Entdeckung und Entwicklung von neuartigen Wirkstoffen und Trägersystemen für die Pharmakotherapie der Alzheimer-Demenz“, kurz „Alzheimer-Projekt“ genannt, da es der wissenschaftlichen Vorgeschichte und Neigung der Beteiligten entsprach.

Progrediente Krankheit

In westlichen Industrienationen ist die Alzheimer-Demenz (AD) die vierthäufigste Todesursache. In Deutschland sind etwa 800.000, weltweit circa 30 Millionen Menschen erkrankt. Hauptrisikofaktor ist das Alter. Sollten therapeutische Durchbrüche ausbleiben, so könnte durch die demographische Entwicklung diese Zahl bis 2030 auf etwa 60 Millionen ansteigen (1). Die soziale, menschliche und ökonomische Last ist enorm (2).

Störungen bei Erinnerungsvermögen und Orientierungssinn, Antriebsschwäche, Ängstlichkeit, Gedächtnisschwund, Verlust des logischen Denkvermögens und der sprachlichen Artikulation, motorische und sensorische Störungen, vollständiger Verlust der kognitiven Fähigkeiten, extreme Stimmungsschwankungen, Inkontinenz, vollständige Pflegebedürftigkeit sind die Stadien der Erkrankung, die letztlich zum Tod führt. Die diagnostische Abgrenzung gegenüber einer vaskulären Demenz („Durchblutungsstörungen“) ist schwierig und zurzeit nur durch die histologische Untersuchung des Hirngewebes post mortem sicher möglich. Forscher arbeiten intensiv an der Entwicklung zuverlässiger Methoden zur Früherkennung durch Analyse von Liquorproben oder – besser noch – bildgebende Verfahren.

Die Symptome der AD entstehen durch Untergang von Nervenzellen in den Hirnstrukturen, die für Gedächtnis, Vernunft, Sprache, Lernen und Denken verantwortlich sind (3). Die Symptomatik wird erst nach Verlusten von etwa 90 Prozent der Neuronen unübersehbar, also zu einem für therapeutische Interventionen sehr späten Zeitpunkt. Die Alzheimer-Demenz kann als „Entgleisung“ des Eiweißstoffwechsels im Gehirn betrachtet werden.

Mikroskopiert man ein Alzheimerhirn, so findet man verklumpte Proteine in Form von intrazellulären, neurofibrillären Bündeln (tangles) und extrazellulären Ablagerungen (b-Amyloid-Plaques) (3, 4). Die tangles bestehen aus Tau-Protein, das normalerweise die Nervenzellen stabilisiert, durch übermäßige Phosphorylierung diese Funktion aber nicht mehr erfüllen kann und sich paarig innerhalb der Zelle zusammenlagert. Die Bildung der unlöslichen b-Amyloid-Plaques – zunächst von Virchow irrtümlich für Stärkeablagerungen gehalten, dann von Kekulé durch Elementaranalyse als Protein erkannt – wird eingeleitet durch die a-, b- und g-Sekretase-katalysierte Spaltung des membranständigen Amyloid-Vorläuferproteins (APP, etwa 700 Aminosäuren lang). Die „gute“ a-Sekretase spaltet APP zusammen mit g-Sekretase zu löslichen, apathogenen Fragmenten, während die „schlechte“ b-Sekretase zur Erzeugung niedermolekularer b-Amyloide, zum Beispiel von Ab42-, Ab40- und Ab38-Proteinen, beiträgt. Obwohl nur zwei Aminosäuren länger, löst wahrscheinlich nur Ab42 die Aggregation mit den anderen, kürzeren Amyloiden zu unlöslichen Plaques aus.

Weitere pathophysiologische Merkmale der Alzheimer-Erkrankung sind Anzeichen für oxidativen Stress im Hirngewebe, entzündliche Prozesse und glutamatvermittelte Exitotoxizität (3, 4). Stichpunktartig könnte man den Krankheitsverlauf bis zum Vollbild der Alzheimer-Demenz wie folgt beschreiben: Genetische Mutationen, veränderte Enzymexpression - veränderte Proteolyse des APP - verstärkte Produktion des Amyloids Ab42 im Gehirn - Ablagerung von Ab42-Amyloid als diffuse Plaques - Aggregation von Ab40-Amyloid auf Ab42, zusammen mit Cu2+ und Zn2+ - entzündliche Reaktionen (Zelllyse, Mediatorfreisetzung) - fortschreitende neuronale Schädigung - Zelltod, Verlust der Signaltransduktion - Alzheimer Demenz.

Pharmakotherapie

Die Therapie sollte eine soziotherapeutische (Beratung, Umfeldstrukturierung), eine psychologische (kognitives Training, Musiktherapie und andere Verfahren) und eine medikamentöse Komponente beinhalten. Die gegenwärtigen Möglichkeiten der Pharmakotherapie sind sehr limitiert. Sie beschränkt sich im Wesentlichen auf eine Kompensation cholinerger Defizite durch Acetylcholinesterase-Hemmer (5). In leichteren Stadien kann man damit das Fortschreiten der Demenz etwa ein Jahr verzögern. Der NMDA-Antagonist Memantin, dessen Grundstruktur dem Kohlenstoffgerüst des Diamanten entnommen ist, ist der einzige Wirkstoff, der von der EMEA zur Behandlung mittelschwerer bis schwerer Formen zugelassen ist. Festzustellen ist: Die gesellschaftliche Bedeutung der Krankheit und die Intensität, mit der vor allem Biologen und Mediziner deren physiologische Grundlagen erforschen, stehen im eklatanten Missverhältnis zur hilflosen Begrenztheit des Angebots an therapeutischen Wirkstoffen.

Neue Strategien werden erprobt, ohne dass bislang eine Anwendung am Menschen erfolgreich umgesetzt wurde. Die Hemmung der b- und g-Sekretasen ist entsprechend der Amyloid-Kaskaden-Hypothese sinnvoll (3, 4). Erste Hemmstoffe sind publiziert, wobei es sich meist um peptidähnliche, nicht ZNS-gängige, also „arzneimitteluntaugliche“ Strukturen handelt (6, 7). Ebenfalls als erfolgversprechend wird die Stimulierung der a-Sekretase angesehen (8), hat aber bislang keine konkreten Ergebnisse gebracht.

Ein weiterer Ansatz ist die Reduktion des membranären Cholesterols durch Statine. Die Aktivität der Sekretasen wird durch de novo synthetisiertes Cholesterol und Cholesterolester mitreguliert, vermutlich über eine Erhöhung der Membranfluidität (9). Statine stimulieren auch die NO-Synthase; wobei eine Neuroprotektion durch endogenes NO denkbar ist.

Auch die Hemmung der Hyperphosphorylierung zu Tau-Protein bietet einen therapeutischen Ansatz. Kinasen wie GSK-3 (Glykogensynthase Kinase-3 beta) und CDK5 (cyclinabhängige Kinase 5) katalysieren diese Phosphorylierung. Verschiedene niedermolekulare Hemmstoffe dieser Kinasen sind inzwischen bekannt (10).

Das Wirkprinzip des alten Darm-Antiseptikums Clioquinol besteht in der Chelatisierung von Fe2+-Ionen in den Parasiten. Amyloidplaques werden durch Cu- und Zn-Ionen stabilisiert; diese Ionen katalysieren ferner eine schädliche H2O2-Bildung. Mit Clioquinol gelang eine Rückbildung der Plaques bei transgenen Mäusen; bei einem Drittel konnten die Plaques völlig aufgelöst werden. Zurzeit laufen klinische Studien.

Hoffnung vermitteln auch niedermolekulare Nervenwuchsfaktoren wie Leteprinim. Es ist hirngängig und kann möglicherweise ein Neuwachstum von Nervenbahnen durch Stimulierung endogener Faktoren, zum Beispiel von Nerve growth factor (NGF), Basic fibroblast growth factor (bFGF) oder Neurotrophin-3 (NT-3), anregen (11, 12).

1999 gelang es Dale Schenk (13), durch intramuskuläre Injektion eines Impfstoffs, gewonnen aus b-Amyloidablagerungen der Maus, eine Demenzentwicklung bei transgenen „Alzheimer“-Mäusen zu verhindern. Auch ein synthetisches Ab42-Amyloid (AN-1792) war wirksam. Erste Anwendungen am Menschen mussten jedoch nach schweren Neuropathologien abgebrochen werden (14).

Ausgangssituation in Jena

Die personelle Ausstattung in Jena ist klein, die Belastung in Lehre und Selbstverwaltung groß, aber die Motivation für das gemeinsame Projekt dennoch hoch. Es beteiligen sich mit folgenden Expertisen:

  • In der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie die Professoren Herbert Oelschläger (Koordination und Beratung), Jochen Lehmann und Gerhard Scriba sowie die Habilitanden Michael Decker und Andreas Seeling: Synthese potenzieller Wirkstoffe, NO-Analytik, Peptidanalytik, Biotransformationsuntersuchungen, In-vitro-Assays und Zellkulturtechniken.
  • In der Pharmazeutischen Biologie Professor Matthias Hamburger, sein Nachfolger (Nachfolgerin) sowie Privatdozent Bernd Liebermann: ethnopharmazeutisch orientierte Naturstoffisolierung und Leitstrukturidentifizierung, In-vitro-Assays.
  • In der Pharmazeutischen Technologie/Biopharmazie Professor Alfred Fahr mit den Habilitanden Heike Bunjes und Stephan Scheler: Blut-Hirnschrankenmodelle, liposomale und polymere Trägersysteme.
  • In der Pharmakologie Professor Erika Glusa (vaskuläre Pharmakologie) und Professor Christian Fleck (Ganztier-Pharmakologie, Verhaltenspharmakologie, Toxikologie).

Diese Kollegen bilden den inneren Kreis im Organogramm. Ein „Jena-spezifischer“ Vorteil des Projekts ist die Existenz und Ausrichtung zweier, der Universität angeschlossener Forschungsinstitute (Beutenberg-Campus). Das Institut für molekulare Biotechnologie (IMB) erfährt zurzeit unter der Leitung von Professor Peter Herrlich eine Orientierung in Richtung Altersforschung. Das Hans-Knöll-Institut (HKI) steuert Potenziale im Bereich der biochemischen Methodik und Naturstoffchemie bei. Weitere Kooperationspartner sind das Institut für Versuchstierkunde (transgene Tiere) und weitere Institute der Medizinischen Fakultät. Sie alle bilden den zweiten Kreis im Organogramm.

Die Quellen der dann noch fehlenden Kompetenzen - äußerer Kreis - sind in „normalen“ Kooperationen mit Wissenschaftlern außerhalb der Universität Jena, auch unter Einbeziehung der Industrie, zu suchen. Als hoch qualifizierte Kooperationspartner auf der biologischen Seite sind vor allem Sascha Weggen, San Diego, und Professor Joris Winderick, Leuven, zu nennen. Hinzu kommen, besonders in der gegenwärtigen Aufbauphase, beratende Kollegen wie Professor Falk Fahrenholz (Biochemie, Mainz), Professor Klaus Resch (Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover) und Professor Walter E. Müller (Frankfurt am Main).

Startprojekte in Jena

Der Verfasser dieses Artikels vertritt in Jena die Medizinische Chemie und erläutert Forschungsinhalte und -abläufe deshalb am Beispiel von zwei aus diesem Bereich auf den Weg gebrachten Projekten, nämlich der strukturellen Modifikation nicht-steroidaler Antiphlogistika und der Entwicklung zentral verfügbarer NO-Donoren.

Der NSAID-Approach

Epidemiologische Untersuchungen geben Hinweise, dass die Einnahme nicht steroidaler Antirheumatika (NSAIDs) AD-protektiv wirkt (15). Klinische Studien mit verschiedenen NSAIDs (nicht selektive COX-Hemmer, COX-1 und COX-2 selektive Wirkstoffe) liefern widersprüchliche Ergebnisse. Bislang ist nicht klar, über welche molekularen Wirkmechanismen die beobachteten Effekte zu Stande kommen (16, 17). Nach neuen Befunden variiert die tatsächlich beobachtete Senkung des Ab42-Peptidspiegels erheblich – beispielsweise senkt Naproxen ihn kaum, Flurbiprofen dagegen stark – und korreliert nicht mit der COX-Inhibition (18, 19). Dies mag an der unterschiedlichen ZNS-Gängigkeit der NSAIDs liegen, weswegen derzeit systematische Untersuchungen an einem in der Gruppe von Professor Fahr etablierten „realitätsnahen“, auf einem Monolayer aus Hirnendothelzellen beruhenden Blut-Hirnschrankenmodell durchgeführt werden.

Unsere Arbeitshypothese ist, dass die Amyloidsenkung durch NSAIDs keine Folge der COX-Inhibition ist, sondern vielmehr eine Nebenwirkung im Sinne einer g-Sekretase-Modulation. Die NSAIDs sind jedoch als Vorlage geeignet, um durch strukturelle Variationen zu potenteren „Ab42-Senkern“ zu gelangen. Die Blut-Hirnschrankengängigkeit ist bei diesen Variationen zu kontrollieren oder durch „ZNS-Anker“ zu gewährleisten.

 

NSAID-Ansatz für neue Ab42-SenkerFakten und Probleme
  • NSAID-Patienten bekommen seltener AD.
  • AD-Protektion korreliert nicht mit COX-Inhibition.
  • NSAIDs hemmen die Bildung des amyloidogenen Aß42.
  • COX-inaktives R-Flurbiprofen ist antiamylogen.
  • Pharmakologische Daten liegen nur für kommerzielle NSAIDs vor.
  • Alle bekannten NSAIDs sind nicht ZNS-selektiv.
  • COX-1-Inhibitoren sind mit gastrointestinalen Nebenwirkungen behaftet.

Forderungen

Strukturell neue NSAID-Abwandlungsprodukte und andere neue Stoffe müssen gut ZNS-gängig und untoxisch sein und weniger die COX-Aktivität als vielmehr die Ab42-Bildung inhibieren.

 

Der NO-Approach

Stickstoffmonoxid (NO) wurde Ende der 80er-Jahre als der natürliche endogene Vasodilatator (EDRF: endothelium derived relaxing factor) entdeckt (Nobelpreis 1998). Seine physiologische Bedeutung geht jedoch weit darüber hinaus. NO dürfte auch Einfluss auf das Demenzgeschehen haben. Als „good radical“ steigert es die Gehirntoleranz gegenüber oxidativem Stress, der durch „bad radicals“ verursacht wird (21). Befunde mit Neuroblastom- und Astrocyten-Zellkulturen (22) weisen NO als Antioxidans und Neuroprotektor aus. Außerdem kann es durch cerebrale Vasodilatation die Blutversorgung verbessern und protektiv gegenüber sklerotischen Veränderungen wirken. Hinzugefügt sei, dass NO durch die Nitrosierung von cysteinischen SH-Gruppen in Enzymen diese sowohl stimulieren als auch inhibieren kann. So wurden antiapoptotische und antiinflammatorische Effekte durch S-Nitrosylierung der aktiven Seite von Caspasen beobachtet (23). Bisher nicht untersucht wurde der Einfluss von NO auf die Alzheimer-relevanten Sekretasen. Eine positive Beeinflussung von oxidativem Stress, Zelltod und eine Enzym-Rezeptor-Modulation durch SH-Nitrosylierung durch Stickstoffmonoxid (NO) ist denkbar.

 

NO-Donoren als Alzheimer-TherapeutikaFakten und Probleme
  • NO ist ein körpereigener Stoff und verbessert die Durchblutung.
  • NO wirkt antithrombotisch, antisklerotisch, antioxidativ und neuroprotektiv.
  • Es kann biogene Proteine modulieren, also vielleicht auch die Sekretasen.
  • NO ist toxisch.
  • Alzheimer-Patienten exprimieren mehr NO-Synthase.
  • NO aus direkten NO-Donoren gelangt schlecht ins Gehirn.

Forderungen

Neue NO-Donoren müssen chemisch stabil, peroral applizierbar, ZNS-gängig und untoxisch sein und das NO programmierbar freigeben.

 

Wie aber gelangen NO-Donoren gezielt in das Gehirn? Die Kooperation der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie, der Pharmazeutischen Technologie und der Pharmakologie in Jena bietet Lösungsansätze. Es liegen Erfahrungen vor in der NO-Analytik, bei den Substanzen - organische Nitrate und Diazeniumdiolaten (23 a) – aber auch - in der Gruppe von Professor Scriba - bei der Entwicklung spezieller Phospholipid-artiger Prodrugs (24 - 26). Gerade ein erhöhter Level an Phospholipase A2, wie er bei der Alzheimer-Krankheit im Rahmen des entzündlichen Geschehens auftritt (27 - 29), ermöglicht die Wirkstofffreisetzung gezielt im ZNS. Eine weitere Alternative sind die in der Gruppe von Professor Fahr seit längerem in Entwicklung befindlichen ZNS-gerichteten Träger und Transportsysteme.

Das Projekt muss also mit der Synthese von NO-Donoren auf Diazeniumdiolat-, Nitrosothiol- und Nitrat-Basis unter Variation des Freisetzungsverhaltens und der Lipophilie beginnen und die Herstellung hoch lipophiler oder aktiv transportierbarer NO-Donor-Prodrugs einschließen (Pharmazeutische/Medizinische Chemie), wobei Letzteres am Blut-Hirnschrankenmodell zu prüfen und auch die Eignung von Transportsystemen festzustellen ist (Pharmazeutische Technologie). NO-Freisetzungsprofile sind erforderlich (Pharmazeutische/Medizinische Chemie), ebenso eine In-vitro-Charakterisierung der vaskulären Pharmakodynamik und der Biotransformation (Pharmakologie). Zeitgleich erfolgen In-vitro-Assays zur Bestimmung von Neuroprotektion, Apoptose und APP-Processing (Pharmazeutische/Medizinische Chemie, Pharmazeutische Biologie, Kooperationspartner). Nach diesen Arbeiten wird abzuschätzen sein, ob bestimmte NO-Donoren tatsächlich fähig sind, das Alzheimer-Geschehen positiv zu beeinflussen. Ist dies der Fall, können allgemein pharmakologische Versuche und Toxizitätsstudien in vivo an Ratten (Pharmakologie) sowie Untersuchungen mit transgenen Tieren, zum Beispiel an der „Alzheimer-Maus“ (Pharmazeutische/Medizinische Chemie, Kooperationspartner), den Abschluss des Projekts bilden.

Dass NO-freisetzende Gruppen auch bei NSAIDs als „Additiv“ sinnvoll sind, zeigen aktuelle Ergebnisse aus Jena. Ein Naproxen-Nitrat-Hybrid senkte in vivo an Ratten Schmerz, Hyperalgesie und Entzündungen besser als Naproxen und ist darüber hinaus gastroprotektiv (30). Dies ist angesichts einer Langzeiteinnahme von gastrointestinal belastenden NSAIDs vorteilhaft.

Selbstverständlich bringen neben der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie auch die anderen Fächer Projekte ein, die vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden. So sind die Chancen für die Entdeckung neuer Leitstrukturen für Alzheimer-Therapeutika aus der Natur durchaus gut, wenn man an die Acetylcholinesterase-Hemmer Rivastigmin, Eptastigmin und Huperzin A, das cholinerge Alkaloid Galantamin, den Glutamat-Antagonist Bilobalid oder das nootrope Indolalkaloid Vincamin denkt. Ginkgo-biloba-Spezialextrakte erwiesen sich bei günstigerem Nebenwirkungsprofil als therapeutisch äquivalent zur Standardtherapie mit einem Acetylcholinesterase-Hemmer (31). Indirubin aus der chinesischen Rezeptur Danggui Longhui Wan hemmt die GSK-3b und CDK5/P25 und damit die Hyperphosphorylierung von Tau-Protein (32). Andere Pflanzenextrakte hemmen die Akkumulation von b-Amyloid und vermindern in einem transgenen Mausmodell die Bildung des Plaque-bildenden Ab42 (33), während Inhaltsstoffe aus der weltweit verwendeten Arznei- und Gewürzpflanze Curcuma longa (Gelbwurz) neuronale Zellkulturen durch eine zytoprotektive Wirkung gegen Ab42-Toxizität schützen (34). Das antidementive Potenzial des Naturstoffs Dehydroevodiamin (DHED) ist gesichert; partialsynthetische Abwandlungen mit dem Ziel der Lipophilisierung und Wirkungssteigerung werden zurzeit ebenfalls in Jena (Dr. Decker, Pharmazeutische/Medizinische Chemie) durchgeführt.

Als logische Folge langjähriger und erfolgreicher Erfahrung der Gruppe Fahr (35 - 37) auf dem Gebiet nanopartikulärer Trägersysteme und der gewebsspezifischen Wirkstoffapplikation werden die Projekte der Pharmazeutischen Technologie bei solchen Systemen liegen. Sie sind die Basis für die Entwicklung von Trägersystemen, die auf die Nutzung der physiologischen Transportsysteme in das Gehirn optimiert sind.

Zum Nutzen der Gesellschaft

Man erinnere sich: Pharmazie ist die Wissenschaft vom Arzneimittel. Sie ist nicht Biologie, Medizin, Chemie, Physik, obwohl sie von allem etwas hat. Die universitäre pharmazeutische Forschung soll neues Wissen schaffen über alle Aspekte von Arzneimitteln, zweifellos auch Wissen, das der Verbesserung der medikamentösen Therapie von Krankheiten dient. Dies nützt dann auch der Gesellschaft, die sie schließlich finanziert. Die Schwerpunktbildung an einem Standort vermag interdisziplinäre Diskussion, fachliche Ergänzung, Motivation, gegenseitige Verpflichtung zu fördern und damit auch die zielgerichtete Effektivität.

Das Alzheimer-Projekt wird von allen Wissenschaftlern am Institut für Pharmazie in Jena getragen. Der Autor durfte es stellvertretend vorstellen, verständlicherweise aus Sicht der Pharmazeutischen/Medizinischen Chemie. Er dankt allen genannten Kollegen für das unkomplizierte, konstruktive und menschlich angenehme Diskussions- und Arbeitsklima, insbesondere aber Professor Dr. Dr. h. c. mult. Oelschläger, der durch unermüdlichen Einsatz, Tatkraft und Weitsicht die Basis für das Projekt geschaffen hat.

 

Literatur

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Der Autor

Jochen Lehmann studierte Chemie und Pharmazie und wurde im Fach Chemie promoviert. 1980 habilitierte er sich für Pharmazeutische Chemie an der Universität Bonn. Anschließend war er als Professor an den Universitäten Hamburg und Bonn tätig. Von 1998 bis 1999 stand er dem Pharmazeutischen Institut Bonn als Geschäftsführender Direktor vor. Seit 2002 hat Professor Lehmann den Lehrstuhl für Pharmazeutische/Medizinische Chemie an der Universität Jena inne und ist Direktor des dortigen Instituts für Pharmazie. Seine wissenschaftlichen Arbeitsgebiete umfassen die Entwicklung neuer Liganden an Dopamin- und Serotonin-Rezeptoren, Synthese, Analytik und Pharmakologie von NO-Donoren sowie die Entwicklung von Alzheimer-Therapeutika.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Jochen Lehmann
Institut für Pharmazie
Lehrstuhl für Pharmazeutische Chemie
Philosophenweg 14
07743 Jena

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