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Dolly: Ein Schaf revolutioniert die Biologie

24.04.2000  00:00 Uhr

-TitelGovi-Verlag

GENTECHNOLOGIE

Dolly: Ein Schaf revolutioniert
die Biologie

von Britta Urmoneit, Düsseldorf

Gene zu vervielfältigen, zu manipulieren, genetisches Material zu transferieren und komplette Organismen, besonders von Säugetieren, zu klonieren, war lange Zeit Thema vieler Science-Fiction-Thriller. Mit der Geburt von Dolly, Polly und Gene – zwei Schafe und ein Kalb – und den Schweine-Fünflingen Millie, Christa, Alexis, Carrel und Dotcom werden diese futuristischen Visionen nun Realität. Forscher aus aller Welt erkunden das wissenschaftliche Potenzial, das diese Technologien beinhalten. Die pharmazeutische Industrie verspricht sich von der Klonierung unter anderem genetisch identische Versuchstiere und für den Menschen verträgliche Transplantate. Einigen Wissenschaftlern ist das nicht genug: Sie experimentieren bereits mit menschlichen Embryonen.

Das Wort Klon stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich so viel wie Zweig. In der Wissenschaft versteht man darunter Individuen oder Zellen, deren Erbgut identisch ist. Nach einer klassischen Methode lassen sich Lebewesen klonieren, indem man Zellhaufen in einem frühen Embryonalstadium teilt. Die Zellen besitzen dann noch alle Eigenschaften, um einen kompletten Organismus hervorzubringen. Wenn dies in der Natur vorkommt, zum Beispiel beim Menschen, entstehen eineiige Zwillinge.

Klonieren oder Klonen ist kein Begriff, der erst in den Zeiten der Zellbiologie oder Gentechnologie entstanden ist. Er wurde schon lange zuvor von Pflanzenzüchtern und Mikrobiologen benutzt. Dort bedeutet es die ungeschlechtliche und genetisch identische Vermehrung eines Organismus, bei einer Pflanze zum Beispiel über Ableger. Die aus Blattstecklingen gezogenen Ableger sind genau genommen ebenfalls Klone.

Ein Klon ist - einfach definiert - ein genetisches Replikat. Klonieren bezieht sich auf das Erzeugen von multiplen Kopien eines Gens, einer Zelle oder eines vollständigen Organismus. Die Begriffe Klon und klonieren werden in zwei Bereichen verwendet; einmal in der Züchtungs- oder Zellforschung und dann in der Gentechnologie. Es wird also unterschieden zwischen einem Klon, der ein identischer Abkömmling aus einem einzigen Vorläufer ist und zum Beispiel in der Züchtungsforschung eingesetzt wird. In der Gentechnologie dagegen steht das Klonieren für den Einbau eines DNA-Abschnitts in eine Genfähre (Plasmid, Vektor) und die nachfolgende Vermehrung und Expression dieses Gen-Abschnitts in einer geeigneten Wirtszelle, zum Beispiel in einem Bakterium oder einem höheren Lebewesen (transgene Tiere). Der Gen-Abschnitt ist also der eigentliche Klon.

Die ersten Klonierungsversuche

Die Zeiten, in denen alle Tiere ihre Geschlechtspartner frei wählen konnten, sind längst vorbei. Seit der Mensch vor Tausenden von Jahren die Kontrolle über das Sexualleben seiner Haus- und Nutztiere übernahm, entwickeln sich Artmerkmale nicht mehr nach den Gesetzen der Natur, sondern nach den Wünschen der Tierzüchter. Doch während edle Pferde und fleischige Rinder früher das Ergebnis eines empirischen und mühsamen Ausleseprozesses waren, der sich oft über Jahrhunderte erstreckte, kann man Eigenschaften mit den modernen Methoden der molekularbiologisch gesteuerten Tierzucht innerhalb weniger Generationen gezielt manipulieren.

Bis zu Dolly 1997 waren zwei Methoden des Klonierens höherer Lebewesen bekannt. Bereits 1930 erzeugt Hans Spemann den ersten Klon. Er trennte die Zellen eines Molchembryos im Achtzellstadium mit einem Menschenhaar; daraus entwickelten sich identische Molchembryonen. 1981 wagte man sich sogar an Kühe heran, so dass eineiige Kälbermehrlinge entstanden. Hierzu wurden Embryos im 16-Zellstadium durch Mikromanipulation zur Teilung angeregt. Die so verdopppelten, genetisch identischen Embryonen besitzen die Fähigkeit, sich weiter zu teilen und zu einem vollständigem Lebewesen zu entwickeln. Dann werden sie in zwei Empfängerorganismen der gleichen Art eingesetzt, die sie austragen und gebären. Bei diesen Versuchen wird das Erbgut aus Zellverbänden in einem frühen Embryonalstadium - also vergleichsweise kurz nach der Befruchtung einer einzelnen Eizelle - verwendet. Nur ein Bruchteil der embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) hat in diesen Verbänden die Fähigkeit behalten, ein komplettes Individuum heranwachsen zu lassen. 1958 wurde die Klonierungstechnik verfeinert; identische Zellkerne wurden in vorher entkernte Eizellen eines Frosches übertragen. Eine ähnliche Technik führte später zum Klonschaf Dolly.

Dolly, ein Lamm ohne Vater

1997 wurde erstmals ein Säugetier auf biotechnologischem Weg aus einer Zelle eines erwachsenen Tiers erzeugt (1). Das ist das Besondere an "Dolly", wie das junge Schaf nach dem Busenwunder Dolly Buster genannt wurde. Der genetische Ursprung stammt aus einer ausdifferenzierten Euterzelle.

Die beiden Forscher Keith Campbell und Ian Wilmut vom britischen Roslin Institute bei Edinburgh und die britische Biotech-Firma PPL Therapeutics sind die wissenschaftlichen Väter des Lammes, denn sie haben aus dem Erbgut einer einfachen Körperzelle einen lebensfähigen Nachkommen erzeugt (2). Dolly ist eine nahezu identische Kopie des Spendertiers, aus dessen Euterzellen die Wissenschaftler die Erbinformation entnommen haben. Diese DNA wurde mit einer vorher entkernten Eizelle eines anderen weiblichen Spendertiers fusioniert. Dabei gelangt die DNA in die entkernte Eizelle. Die sich entwickelnde Eizelle pflanzten die Wissenschaftler in ein anderes Schaf ein, die eigentliche Leihmutter, die Dolly schließlich auf die Welt brachte. Einen Vater im eigentlichen Sinne hat das Lamm nicht.

Diese Art des Klonierens wird auch als ungeschlechtliche Vermehrung bezeichnet, da das neue Lebewesen nicht aus einer Kreuzung von Ei- und Samenzelle, sondern aus einer einzigen, bereits entwickelten Zelle, also aus nur einem Elternteil erzeugt wird. Allerdings muss die DNA immer mit einer Eizelle oder ES-Zelle verschmolzen werden, da nur diese das Potenzial zur Embryonalentwicklung besitzt.

Für Biologen gilt Dolly als sensationeller Beweis dafür, dass die Erbinformation eines Säugetiers auch in bereits ausdifferenzierten Körperzellen - von der Haut bis zum Herzmuskel - noch geeignet sein kann, um daraus Nachkommen zu erzeugen. Dabei ist es egal, ob die Zelle aus einem männlichen oder weiblichen Organismus stammt. Obwohl das Klonieren von Säugetieren, also die Erzeugung von Lebewesen mit völlig gleichem Erbgut, schon vorher möglich war und praktiziert wurde, ist hier erstmals ein genetisch identisches Jungtier aus einer einzigen Zelle eines älteren Tieres erzeugt worden. Dolly ist gewissermaßen die Zwillingsschwester eines um Jahre älteren Tiers. Ihre Chromosomen sind mit dem Spender des Zellkerns identisch. Theoretisch könnten über Dolly weitere Lämmer erzeugt werden, die allesamt Zwillingsschwestern des ursprünglichen Schafs wären.

Das Unternehmen Geron Bio-med ist Inhaber des weltweit ersten Patents für diese Art der Klonierungstechnik. Keith Campbell und Ian Wilmut hatten die Lizenz zur Verwertung ihrer Dolly-Klonierungsmethode dem Unternehmen übertragen. Damit liegen nun alle Rechte für die Nutzung der Klonierungsmethode in einer Hand, zumindest für die nächsten siebzehn Jahre. Kritiker der Patentierung halten die Kontrolle einer revolutionären medizinischen Technik durch ein kommerziell orientiertes Unternehmen für gefährlich. Sie befürchten, dass die Entwicklung neuer Technologien zur Klonierung durch das Patent gebremst wird.

Kritik am Dolly-Experiment

Nach der Publikation des Experiments bezweifelten Experten, dass Dolly tatsächlich aus einer erwachsenen Zelle geklont wurde (3). Ein damaliger Vorwurf - das Experiment ist noch nicht wiederholt worden – kann jetzt durch den erneuten Erfolg beim Klonieren von Schweinen verworfen werden. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Euterzelle wurde einem trächtigen Schaf entnommen, was ein Zufall bei dem eigentlichen Experiment war. Gegner meinen, man könne so nicht völlig ausschließen, dass Dolly zufällig aus einer fetalen Zelle des trächtigen Schafs entstammen könnte. Allerdings gibt es keine Erklärung dafür, wie die fetale Zelle in das Euter gelangen sollte.

Eric Schon von der Columbia University in New York berichtete kürzlich in Nature Genetics, dass die mitochondriale DNA Dollys von der Eizelle stammt, in die der Zellkern übertragen wurde (4). Genetische Informationen sind nicht nur im Erbgut des Zellkerns enthalten, sondern auch in den Mitochondrien. Diese Zellorganellen werden als Kraftwerke der Zelle bezeichnet, da in ihnen die biochemische Energie der Zellen produziert wird. Sie besitzen eine eigene DNA, die unabhängig von den Chromosomen nur mütterlicherseits weitervererbt wird. So besitzt Dolly Zellkern-DNA und mitochondriale DNA unterschiedlicher Herkunft und stimmt genetisch nicht hundertprozentig mit dem Spenderorganismus überein.

Vom Nutzen der Klontiere

Die Firma PPL-Therapeutics, die an der Entstehung des ersten Klonschafs und der Schweine-Fünflinge mitwirkte, ist aus mehreren Gründen an der Herstellung identischer Tierkopien interessiert. Bisher ist die Etablierung transgener Tierlinien mit erheblichem Aufwand und geringen Erfolgsquoten verbunden. Durch die Klonierung ließen sich transgene Schafe und Schweine einfacher vermehren; darüber hinaus würden sie stets das identische Eiweiß produzieren.

Besonders in der Medizin locken gewichtige Anwendungen. So sollen klonierte Schafe, Ziegen und Rinder Medikamente in ihrer Milch produzieren, was als "Pharming" bezeichnet wird (5). Auch die Transplantationsmedizin wollen die Forscher revolutionieren. Der Patient der Zukunft erhielte genetisch absolut "menschliche" Organe aus Tieren. Damit würden Abstoßungsreaktionen verhindert, die die neuen Organe trotz Immunsuppressiva nach einigen Jahren zerstören. Schweineorgane wurden bereits erfolgreich auf Menschen übertragen. Problematisch ist, dass das Transplantat vom Menschen bislang als fremd erkannt und abgestoßen wird.

Experten, die Schweineherzen und -nieren wegen ihrer Ähnlichkeit mit menschlichen Organen auf ihre Transplantationstauglichkeit untersuchen, äußerten sich besorgt, dass Krankheitserreger mit dem Schweinegewebe auf den Menschen übertragen werden können - mit ungewissen Folgen für den Patienten (6). Daher wollen Forscher gewünschte Gene einfügen und ungeliebte eliminieren: Die Organe sollen für das Immunsystem wie menschliche erscheinen und keine Virusgene mehr enthalten (7). Das "Designschwein" soll dann in Serie gehen, sprich: kloniert werden. Hier treffen also Gentechnik und Züchtungsforschung zusammen; zuerst entstehen transgene Tiere, die anschließend kloniert werden. Dagegen fällt die Herstellung von Dolly nicht unter die Gentechnik (weil Dolly kein fremdes Gen mitbekommen hat), sondern in den Bereich der Zellbiologie oder Züchtungsforschung.

Der Nutzen der Klonierungstechnik zur Herstellung transgener Tiere besteht nicht nur darin, dass man einfach ein Gen hinzufügen kann. Sie dient dazu, präzise genetische Veränderungen vorzunehmen, Gene zu entfernen oder zu modifizieren und zwar in Zellkulturen, bevor daraus Tiere entstehen. Die Organe der genetisch angepassten Klonschweine sollen als Transplantate für den Menschen dienen. Gelänge dies, könnten die Forscher Klone erzeugen, die neue Gene tragen oder bei denen vorhandene Gene gezielt ausgeschaltet werden. Bisher war die Herstellung von Klonen mit gezielten genetischen Veränderungen nur bei Mäusen möglich, beim Schwein aber gescheitert.

Drei Jahre nach Dolly konnten die schottischen Wissenschaftler und die britische Biotech-Firma PPL Therapeutics erstmals Schweine aus Zellen einer ausgewachsenen Sau klonieren. Die Methode entspreche im Wesentlichen der Technik, mit der Dolly hergestellt worden sei, teilten die Wissenschaftler kürzlich mit. Unabhängige Tests der DNA hätten gezeigt, dass es sich um Klone des Muttertiers handele. Der Versuch sei von dem National Institute of Standards and Technology, einer Einrichtung der US-Regierung, unterstützt worden. Die am 5. März 2000 in Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia zur Welt gekommenen Klon-Schweine heißen Millie, Christa, Alexis, Carrel und Dotcom. Millie wurde nach dem neuen Millennium benannt, Christa, Alexis und Carrel heißen nach Christian Barnard, dem 1967 die erste Herzverpflanzung glückte, und dem Nobelpreisträger von 1912, Alexis Carrel, einem Pionier der Transplantationsmedizin. Dotcom hat seinen Namen in Anspielung auf den Börsenboom von Internetfirmen. Alle Assoziationen mit „.com" scheinen heutzutage einen positiven Einfluss auf den Aktienwert eines Unternehmens zu haben, begründete PPL-Geschäftsführer Ron James scherzhaft die Namenswahl.

Honolulu-Technik ist effizienter

Ein Wissenschaftler-Team um Ryuzo Yanagimachi von der Burns School of Medicine an der Universität von Hawai in Honolulu publizierte in Nature 1998 eine neue Technik, die als Honolulu-Technik ihren Einzug in die Züchtungsforschung hielt (8). Sie beschreiben die erste erfolgreiche Klonierung von erwachsenen Mäusen mit einem Zellkern, der aus einer somatischen Zelle stammt (Soma: lat. Gewebe). Dazu mikroinjizierte das Team das genetische Material der somatischen Spenderzelle in eine kernlose Eizelle einer anderen Maus. Die Eizelle ließen sie eine Weile ruhen, um sie dann mit Hilfe von chemischen Agentien zur Zellteilung anzuregen. Sie klonierten mit diesem effizienteren Verfahren mehr als 50 gesunde weibliche Mäuse in mehr als drei Generationen.

Der Unterschied zur Dolly-Methode ist, dass hier mit Hilfe der Mikroinjektion das genetische Material direkt in die entkernte Eizelle gelangte. Bei Dolly wurde das genetische Material ebenfalls aus einer somatischen Zelle, jedoch mit Hilfe der Fusionstechnik in eine entkernte Eizelle gebracht. Dieses Verfahren ist weniger effizient. Das Revolutionäre dieser beiden Techniken war und ist, dass das genetische Material nicht aus einer Ei- oder Samenzelle stammt, sondern aus dem Soma, was lange Zeit wegen des ausdifferenzierten Status dieser Zellen als unmöglich galt.

Die Honolulu-Technik soll noch anwendungsfreundlicher sein als alle bisherigen Techniken, da sie den Forschern erlaubt, den adulten Spender-Zellkern mit Hilfe molekularer Mechanismen besser zu manipulieren und zu kontrollieren. Die Technik ist bereits bei der biotechnologischen Firma ProBio America patentiert worden.

Das Missyplicity-Project in den USA

Wenn der Hund stirbt, ist der Schmerz groß. Experten zufolge soll die Nachfrage nach geklonten Haustieren in Zukunft riesig sein. Ein vermögendes texanisches Ehepaar und Besitzer des zwölfjährigen Collie-Mischlings Missy mit idealen Hundeeigenschaften wünschten sich nichts sehnlicher als eine Kopie ihres alternden Tiers. Sie beauftragten daher den Forscher Mark Westhusin von der Texas A&M University, dem es bereits gelungen war, Hundezellen zu klonieren und in eine Leihmutter zu implantieren (9). Er sollte ihren Liebling für 2,5 Millionen Dollar klonieren und damit ein Duplikat Missys schaffen. Wird die Klonierungstechnik so ihren ersten praktischen Nutzen für die Gesellschaft bringen?

In den USA gibt es bereits weitere Gewinn bringende Pläne mit den geliebten Haustieren. Ein rund 1000 Dollar teures "Do-it-yourself-kit" zum Klonieren von Haustieren soll demnächst auf den Markt kommen. Die Tierbesitzer können ihrem Liebling selbst eine Zellprobe aus dem Mund entnehmen und diese für 50 Dollar Jahresgebühr auf einer Genbank hinterlegen. Stirbt der Vierbeiner, liefern die Forscher einen identischen Nachschub - falls die Technologie bis dahin reif für die Massenproduktion ist.

Eingriff am Homo sapiens

Viele Wissenschaftler fordern es, aber die menschliche Ethik verbietet es: das Klonieren menschlicher Embryonen. In Deutschland verbietet Paragraph 6 des Embryonenschutzgesetzes das Klonieren des Menschen: Wer künstlich bewirkt, dass ein menschlicher Embryo mit der gleichen Erbinformation wie ein anderer Embryo, ein Fetus, ein Mensch oder ein Verstorbener entsteht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer einen in Absatz 1 bezeichneten Embryo auf eine Frau überträgt. Bereits der Versuch ist strafbar. Dieses Gesetz trat am 1. Januar 1991 in Deutschland in Kraft.

Die Ankündigung von Ian Wilmut in einem BBC-Interview, demnächst menschliche Embryozellen klonieren zu wollen, entfachte die Diskussion erneut. Der Genforscher, der das Schaf Dolly erzeugt hat, sagte, er wolle mit den Embryozellen Krankheiten wie Morbus Alzheimer bekämpfen. Therapeutisches Klonieren ist nach Jan Wilmut die Medizin der Zukunft (10). So würden sich viele Krankheiten und Alterserscheinungen durch das Züchten neuer menschlicher Zellen und ganzer Organe heilen lassen. Kritiker warnen aus ethischen Gründen davor: Immer wenn ein Patient behandelt wird, müsste ein klonierter menschlicher Embryo getötet werden.

Um diesen ethisch problematischen Schritt zu umgehen, plant das Biotechnologie-Unternehmen Geron Bio-Med ein neues Verfahren. Der Geschäftsführer Simon Best spricht bereits von vielversprechenden Resultaten. Dabei geht das wissenschaftliche Experiment davon aus, dass die Reprogrammierung der Körperzellen auch von embryonalen Stammzellen – anstelle ganzer Eizellen - erfüllt werden könnte. In diesem Fall würden die programmierten Zellen direkt das gewünschte Gewebe bilden, ohne zuvor einen menschlichen Embryo zu erzeugen. Gegner dieses Verfahrens kritisieren, dass zur Erzeugung embryonaler Stammzellen ebenfalls menschliche Embryonen gebraucht würden. Best jedoch erwidert, dass die Zahl zu opfernder Embryonen äußerst gering wäre, da sich die gewünschten Zellen ohne weiteres in Kulturen weiter vermehren ließen. Ob eine befruchtete Stammzelle wirklich zur Reprogrammierung von Körperzellgenen geeignet ist, muss erst noch wissenschaftlich nachgewiesen werden.

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Professor Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, meint dazu: "Das Klonen menschlicher Embryonen zu therapeutischen Zwecken ist derzeit nicht notwendig. Für das Erforschen des therapeutischen Klonens mit Hilfe sogenannter Stammzellen gibt es Alternativen." Professor Dr. Thomas Boehm vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg ist anderer Meinung: "Man sollte auf Grund des großen medizinischen Nutzens die Methode nicht von vornherein ablehnen."

Anders als in Deutschland sieht die Situation in den Vereinigten Staaten aus (11). Forscher, die an ähnlichen Projekten arbeiten, sollen demnächst sogar mit staatlicher Förderung rechnen können. Das amerikanische Gesundheitsministerium ist der Meinung, dass Stammzellen nicht mit Embryonen gleichzustellen sind, da sie sich allein nicht zu Menschen entwickeln können. US-Forschern ist es bereits gelungen, menschliche embryonale Stammzellen zu isolieren (12). Südkoreanische Forscher hätten sogar erfolgreich menschliche Zellen kloniert, den heranwachsenden Embryo allerdings im Vier-Zell-Stadium abgetötet (13). Auch wenn Deutschland sich bislang gegen diese fragwürdigen Techniken wehrt, sie verbietet oder stark reglementiert, so zeigen diese Beispiele, dass andere Staaten dafür grünes Licht geben. Grosse Biotechnologie-Firmen wanderten wegen des in Deutschland herrschenden strengen Gentechnik-Gesetzes bereits ab. Nur eine weltweite Einigung über den Einsatz von Zellforschung und Gentechnologie könnte dem Fortschreiten der Entwicklung mit bislang biologisch, ethisch und sozial ungewissen Folgen Einhalt gebieten.

Aufsehen erregte im Februar dieses Jahres die Patentvergabe an die Firma Stem Cell Sciences. Irrtümlicherweise, so der Direktor des Europäischen Patentamtes, Christian Gugerell, sei eine Methode patentiert worden, die es erlaubt, mit Hilfe der patentierten Stammzellen menschliche Zellen oder sogar Organe zu züchten. Ein schwerer Fehler des Patentamts. An das Tageslicht gebracht wurde dieses "Versehen" durch den Gentechnik-Experten von Greenpeace, Christoph Then, der damit voll ins Schwarze getroffen hatte und den Patentämtern eine Salami-Taktik vorwarf. Gesundheitsministerin Andrea Fischer versprach daraufhin, erneut die Diskussionen zu diesem Thema zu entfachen.

Die Gefahren des Klonierens

Worin liegen die biologischen Gefahren des Klonierens von höheren Lebewesen? Zum einen können nicht nur gewünschte Eigenschaften weiter vererbt werden, sondern auch Gendefekte. Diese können sich besonders bei Verwendung einer erwachsenen Zelle als Ausgangsmaterial ansammeln. Die Folge wären eine geringere Lebenserwartung und eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten, zum Beispiel Krebs. Genetische Gleichheit macht auch Tiere anfälliger für Seuchen. Während heute bei Tod bringenden Erregern selten alle Tiere einer Herde sterben, wäre eine "Monokultur im Stall" den Seuchen ungeschützt ausgeliefert. Zudem war und ist das unterschiedliche genetische Material jedes einzelnen Individuums Ausgangspunkt für eine gesunde Evolution der einzelnen Arten.

Aldous Huxley sagte damals zu seinem 1932 erschienenen Roman "Schöne neuen Welt": "Alles in allem sieht es ganz so aus, als wäre uns Utopia viel näher, als irgend jemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können. Heute scheint es durchaus möglich, dass uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt." Huxley beschreibt in seinem Roman eine vollkommen uniforme Gesellschaft, in der jede Art von Individualismus als asozial betrachtet wird und in der die Humanität auf der Strecke bleibt. Sinnbild einer nach Maß geklonten Gesellschaft?

Literatur:

  1. Wilmut, I., et al., Viable offspring derived from fetal and adult mammalian cells. Nature 385 (1997) 810-813.
  2. Wilmut, I., Young, L., Campbell, K. H., Embryonic and somatic cell cloning. Reprod. Fertil. Dev. 10 (1998) 639-643.
  3. Evans, M. J., et al., Mitochondrial DNA genotypes in nuclear transfer-derived cloned sheep. Nature Genetics 23 (1999) 90-93.
  4. Solter, D., Dolly is a clone - and no longer alone. Nature 394 (1998) 315-316.
  5. Lundblad, R. L., et al., Molecular 'pharming'. Biotechnol. Appl. Biochem. 30 ( 1999) 99-100.
  6. Chapman, L. E., Xenogenetic infections and public health. Clin. Exp. Pharmacol. Physiol. 26 (1999) 1005-1008
  7. Logan, J. S., et al., Potential use of genetically modified pigs as organ donors for transplantation into humans. Clin. Exp. Pharmacol. Physiol. 26 (1999) 1020-1025.
  8. Wakayama, T., et al., Full term development of mice from enucleated oocytes injected with cumulus cell nuclei. Nature 394 (1998) 369-374.
  9. Westhusin, M. E., De Azambuja, R. M., Development of in vitro derived bovine embryos following pronuclear transplantation and in vitro culture. Anim. Reprod. Sci. 45 (1996) 29-35.
  10. Wilmut, I., Cloning for medicine. Sci. Am. 279 (1998) 58-63.
  11. Nader, C., Newman, S. A., Human cloning. Science 282 (1998) 1824-1825.
  12. Andrews, L., Elster, N., Embryo research in the US. Hum. Reprod. 13 (1998) 1-4.
  13. Saegusa, A., South Korean researchers under fire for claims of human cloning. Nature 396 (1998) 713.
  14. Silver, L., Das geklonte Paradies. Künstliche Zeugung und Lebensdesign im neuen Jahrtausend. Droemer Verlag München, 1998.

Anschrift der Verfasserin:
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