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Supermacht mit Systemfehler

15.03.2004
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Gesundheitsreform in den USA

Supermacht mit Systemfehler

von Thomas Bellartz, New York/Berlin

Nicht nur in Deutschland ist die Reform des Gesundheitswesens ein Dauerbrenner. Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat die Bush-Regierung alle Mühe, den Bürgern eine medizinische Basisversorgung zu sichern und gleichzeitig das System zukunftsfest zu machen. Dabei scheint die Kluft zwischen einer durch und durch liberalen Marktwirtschaft und einem funktionierenden Sozialsystem kaum überwindbar.

Es war Ron McLaughlins erster Herzinfarkt. „Ich saß gerade auf meinem Fahrersitz im Schulbus und hatte stechende Schmerzen, konnte kaum noch meine Schultern bewegen“, erinnerte sich der damals 46-jährige Busfahrer aus Ohio. Zehn Jahre ist das her. Wenig später lag der beleibte Familienvater im OP-Saal eines Krankenhauses in Toledo/Ohio. Mehrere Bypässe und eine riesige Narbe sind die Überbleibsel des Eingriffs. Doch die waren weniger folgenreich als das, was kommen sollte: Ron und seiner Frau Suzie flatterten in den folgenden Monaten stapelweise Rechnungen ins Haus. Rechnungen von Ärzten, über Medikamente und Hilfsmittel. Für die Familie mit zwei erwachsenen Söhnen begann eine typisch amerikanische Krankenkarriere. Und der soziale Abstieg.

Reform für die Wiederwahl

Weit entfernt von den Problemen einer durchschnittlichen Mittelstandsfamilie ist der oberste Heerführer und Präsident der USA, George W. Bush. Der Republikaner wird mit einem gewichtigen Pfund in diesem Präsidentschaftswahlkampf gegen seinen demokratischen Herausforderer wuchern. Denn Bush hat sich jenseits des Kampfs gegen den Terror auch mit den Problemen des Gesundheitswesens auseinandergesetzt.

Oft wird behauptet, das amerikanische Gesundheitssystem sei das beste der Welt. Das ist bislang nicht belegt. Belegt ist lediglich, dass sich die Amerikaner das teuerste System weltweit leisten. Im Jahr 2000 gaben US-Bürger durchschnittlich 4637 US-Dollar für ihre Gesundheitsversorgung aus. Die Gesamtausgaben betrugen in diesem System knapp 1,3 Billionen Dollar und damit rund 13,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Wie in vielen anderen Ländern leidet auch das US-System unter der demografischen Entwicklung, wächst das Ausgabevolumen angesichts des technischen Fortschritts, der daraus resultierenden steigenden Nutzung neuester diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen sowie dank der Inflation an. In nur zehn Jahren hatten sich die Gesundheitsausgaben zwischen 1990 und dem Jahr 2000 verdoppelt. Und die Tendenz der letzten Jahre war noch dramatischer. Das System steht vor dem Kollaps.

Allerdings haben diese enormen Ausgabensteigerungen nicht dazu geführt, dass die Bevölkerung in den Vereinigten Staaten gesünder ist als anderswo auf der Welt. Vielmehr stellte sich heraus, dass die USA nur auf einem Mittelplatz in einem Vergleich mit anderen Industrienationen landen. Das hat seine Gründe. Denn die Versorgung ist nicht flächendeckend gleich gut, sondern unterscheidet sich regional und sozial erheblich. Menschen mit niedrigem Einkommen, ethnische Minderheiten und Einwanderer werden faktisch schlechter versorgt. In ländlichen Gebieten und den inneren Bezirken großer Städte gibt es erhebliche Versorgungsdefizite. In New York City ist es wie in anderen Großstädten. Der amerikanische Traum endet für viele im Obdachlosenasyl – im besseren Fall. Armut geht in den USA einher mit einer höchstens zweitklassigen, oft auch miserablen Gesundheitsversorgung. Manchmal sind es nur noch die Hilfsdienste freiwilliger Ärzte und die Hilfsorganisationen, die sich in den Hochburgen des Wirtschaftsliberalismus um Kranke kümmern.

Besserung nicht in Sicht

Dem amerikanischen Staat geht die Luft aus bei der Versorgung von Armen und sozial Schwachen. Eine Besserung ist nicht wirklich in Sicht. Nicht umsonst trägt die Schuld am finanziellen und sozialen Niedergang einer amerikanischen Familie an erster Stelle der Verlust des Arbeitsplatzes. Schon an zweiter Stelle folgen die nicht zu bewältigenden Kosten für die Gesundheitsversorgung.

Knapp ein Siebtel der Bevölkerung sind nicht krankenversichert – das sind fast 40 Millionen Menschen, davon mehr als 10 Millionen Kinder. Während zwei Drittel der Bevölkerung durch ihren Arbeitgeber versichert sind, werden die übrigen vom staatlichen System teilweise versorgt, nämlich via Medicare und Medicaid. In den vergangenen Jahren waren diese Systeme erheblich in die Kritik geraten. Als Bürokratie-Monster verschrieen, deckte beispielsweise Medicare, das insbesondere Rentnerinnen und Rentner versorgen soll, nur noch etwas mehr als die Hälfte von deren Gesundheitsausgaben ab. Das System von „Managed Care“ hat sich seit seiner Gründung in den 70er-Jahren durch Präsident Nixon alles andere als positiv entwickelt. Eine überbordende Bürokratisierung und tiefe Einschnitte bei der Versorgungsqualität sowie täglich neue Berichte über die steigende Korruption führten zu einer nicht mehr zu überhörbaren Forderung nach einer grundlegenden Systemsreform. Und auch die Disease-Management-Programme (DMPs), die seit den 90er-Jahren zu Kostenersparnissen und qualitativen Fortschritten führen sollten, haben bis heute keine Früchte getragen. Chronisch kranke, mittellose Patientinnen und Patienten gelten in den Vereinigten Staaten als unterversorgt.

Die Reform des Präsidenten

Im Mittelpunkt der seit einigen Monaten andauernden Diskussionen stehen auch die Arzneimittelausgaben. Bush, der als Lobbyist der Industrie ohnehin in die Geschichte eingehen wird, hat es geschafft, die Pharmaindustrie von der Reform zu verschonen. Doch nun steuern einige Bundesstaaten gegen, wollen die Hersteller zwingen, ihre im weltweiten Vergleich hohen Arzneipreise abzusenken.

Zentrales Anliegen der Regierung ist es, die Zukunft von Medicare zu sichern. Seit knapp 40 Jahren werden insbesondere Senioren jenseits von 65 Jahren und arme und schwache Bürgerinnen und Bürger von Medicare unterstützt. Doch mit der überbordenden Bürokratie wurde die Versorgung zusehends schlechter, die Kosten stiegen in astronomische Höhen. Es kam zu einer sich verschärfenden Unterversorgung von Menschen.

Für Ron ist die Unterversorgung ein tägliches Problem. Jahre nach seinem Herzinfarkt und mit immer neuen gesundheitlichen Problemen sitzt er nun fast Abend für Abend an dem runden dunkelbraunen Tisch in seiner hellblau gekachelten Küche. Sein bester Freund und Ratgeber ist ein kleiner silberner Taschenrechner geworden, den ihm sein Sohn, ein junger Architekt, zu Weihnachten geschenkt hat. „Ohne den wäre ich aufgeschmissen“, lobt Ron die Rechenmaschine. Auf die Unterstützung seiner beiden Kinder kann er nicht rechnen. „Die haben doch ähnliche Probleme. Die sollen sich lieber um ihre eigene Gesundheit kümmern. Das wird teuer genug.“

Eine ganze Reihe unbezahlter Rechnungen und die Belege bereits bezahlter Medikamente und Arztkonsultationen rauben Ron und Suzie seit Monaten den Schlaf. Sie wissen längst nicht mehr, wie sie das alles bezahlen sollen. Das Konto ist weit überzogen, die Hypothekenbelastung des Hauses immens. Wenige Monate nach seinem Herzinfarkt wurde dem damals schwerkranken Halbindianer, der zudem polnische und irische Einwandererwurzeln hat, der Job gekündigt. Ein für amerikanische Verhältnisse klassischer Fall. Damit war auch die vom Arbeitgeber bezahlte Krankenversicherung passé. „Man hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“

Mit Nebenjobs hält sich Ron nun über Wasser. Doch die bringen manchmal nur 4 Dollar in der Stunde. Das Gehalt seiner Frau, die halbtags in einer Bibliothek arbeitet, reicht nicht zum Leben; sie hat mittlerweile noch eine weitere Stelle, arbeitet nachts in einem Supermarkt um die Ecke. Urlaub, Geschenke, ganz zu schweigen vom geliebten Zweitwagen – all das gehört für beide der Vergangenheit an.

Epochales Wahlkampfgetöse

Es war ein Auftritt ganz im Sinne der Wahlkampfmanager von George W. Bush. Am 8. Dezember setzte der Präsident feierlich seine Unterschrift unter das Gesetz zur Gesundheitsreform. Hinter seinem Rücken, im Visier der Kameras, prangte ein riesiges Plakat mit der Aufschrift: „Wir halten unser Versprechen an die Senioren."

Seite an Seite mit dem Präsidenten applaudierten die Parteifreunde aus Bushs republikanischer Partei. Innenpolitisch hatte sich Bush damit enorm viel Luft verschafft. Denn niemand hatte dem Präsidenten und seiner Regierung dieses Gesetz zugetraut. Zu unterschiedlich waren die Interessen, zu schwierig war es gerade für die konservativen Republikaner, einem Gesetz zuzustimmen, dass eigenen Wertevorstellungen entgegensteht.

Strategisch versetzte Bush den Demokraten im Kongress mit der Reform einen schweren Schlag. Denn das Thema Gesundheit und Sozialpolitik ist klassisch ein Betätigungsfeld der Demokraten. Bush-Vorgänger Bill Clinton hatte seine Frau Hillary mit der Ausarbeitung einer Gesundheitsreform beauftragt. Doch die heutige New Yorker Senatorin hatte es nicht geschafft, eine Reform durchzusetzen. Die Vorschusslorbeeren für die Demokratin verwelkten nach einem perfekten Start: Das Gesetz scheiterte im Parlament und an den Konservativen; Clinton war nach diesem Versuch der Häme des politischen Gegners ausgesetzt. Damit war das Thema Gesundheit auf Jahre hinaus politisch tot.

Nun kann sich Bush gleich in mehrfacher Hinsicht feiern lassen: Zum einen hat er eines der zentralen Wahlversprechen gehalten. Damit hatte kaum ein politischer Kommentator gerechnet. Zum anderen bedient er mit der Reform eine Wählerklientel, die mehrheitlich demokratisch wählt.

Die Parallelen zwischen dem Umfeld von amerikanischer und deutscher Gesundheitsreform sind frappierend. Denn auch nach der Unterzeichnung des Gesetzes ist die Reform täglich das Ziel von Attacken. Die Gesundheitspolitik wird neben der Außenpolitik Bushs und dem Staatsdefizit das Hauptwahlkampfthema.

Ron McLaughlin traut Bush nicht über den Weg. Das ist wenig überraschend. „Ich habe immer demokratisch gewählt. Das haben wir alle getan, und zwar aus gutem Grund“, sagt er. „Die wollen doch jetzt nur unsere Stimmen.“ Auch Suzie ist seiner Meinung. Trotzdem hofft sie, dass die Reform auch ihnen etwas bringt. Und ihrer Schwester. Im kleinen Vorstadthäuschen der McLaughlins wohnt Suzies Schwester Anne. Die 58-Jährige ist seit Jahren arbeitsunfähig, lebt vom Mini-Scheck des Sozialamts und muss davon das meiste für Medikamente ausgeben. Trotzdem bekommt sie nicht alles, was nötig wäre. Sie ist, wie Ron und Suzie, schwerst übergewichtig. Und das hatte schon vor Jahren fatale Folgen. Ohne Krücken kann sich die 400-Pfund-Frau heute nicht mehr fortbewegen, für die Dinge des täglichen Bedarfs bräuchte sie eigentlich eine Pflegeunterstützung. Doch dafür reicht das Geld nicht. „Es wäre fantastisch, wenn die Reform kommt. Aber wer weiß, wann sich das für uns auszahlt“, so Anne.

Ohne Versicherung

Im amerikanischen Gesundheitswesen gibt es keine dem deutschen Ansatz vergleichbare gesetzliche Krankenversicherung. Ein – abgesehen von Südafrika – typisch amerikanisches Problem. Daher schuf US-Präsident Lyndon B. Johnson Mitte der 60er-Jahre mit Medicare eine Gesundheitsversorgung für ältere und behinderte Menschen. Seit 1965 soll das System allen Senioren über 65 Jahren eine ambulante wie stationäre medizinische Versorgung garantieren.

Doch mit der rasanten Entwicklung in der Arzneimittelforschung wuchs beispielsweise auch der Medikamentenkonsum. Und zwar ganz besonders bei der von Medicare betreuten Patientenschicht. Das Ergebnis ist weithin bekannt und deckt sich mit den Erfahrungen, die gesetzliche Krankenversicherungen rund um den Globus in den vergangenen Jahren machten. Viele Patientinnen und Patienten greifen heute in die prall gefüllten Regale amerikanischer Apotheken und Drugstores. Der Arzneikonsum ist in den USA extrem hoch, die Selbstmedikation spielt angesichts hoher Kosten verschreibungspflichtiger Arzneien eine bedeutende Rolle. Daraus resultieren Folgewirkungen: Arzneimittel-Missbrauch ist eines der gravierendsten gesellschaftlichen Probleme in den Vereinigten Staaten.

In den USA wurde das Problem zum Wahlkampfthema. Denn Arzneimittel werden nur so lange von Medicare erstattet, wie sie im Krankenhaus am Patienten eingesetzt werden. Die Konsequenz: Sobald der Patient aus der Klinik entlassen ist, muss er selbst für die Medikamentenkosten aufkommen. In amerikanischen Apotheken spielen sich seit Jahren immer wiederkehrende Dramen ab. Daraus folgte trotz eines staatlich geregelten Systems angesichts hoher Arzneimittelpreise eine weit reichende Unterversorgung. Und diese Versorgungslücke wurde bereits bei der letzten Präsidentschaftswahl zum zentralen Thema. Damals punktete Bush – wenn auch nur knapp – gegen den damaligen demokratischen Vizepräsidenten Al Gore im Wahlkampf mit der Ankündigung, er werde Medicare reformieren. Kurz vor den nächsten Präsidentschaftswahlen hat Bush seine Ankündigung umgesetzt.

Ins Zentrum des Interesses rückte das Problem der so genannten „Baby Boomer“. Das sind die Nachkriegsjahrgänge. US-Statistiker gehen von rund 77 Millionen Menschen aus, die in den kommenden Jahren das amerikanische Gesundheitswesen zu sprengen drohen. Der Kollaps ist nur durch eine drastische Änderung im Medicare-System zu bewerkstelligen.

Ron, Suzie und Anne sind Teil dieser Baby-Boomer-Generation. Sie sind angewiesen auf staatliche Unterstützung. Das wissen sie. Wegen ihrer Erkrankungen und angesichts ausbleibender Genesung droht ihnen als Familie der Sturz in den sozialen Ruin. Medikamente sind zu teuer. Und auch die zwei Busfahrten nach Kanada halfen zwar kurzfristig dem privaten Haushaltsbudget. Doch auf lange Sicht wachsen die Probleme.

Seit einigen Monaten ist Kanada ins Blickfeld amerikanischer Gesundheitspolitiker, aber ganz besonders der Patientinnen und Patienten gerückt. Der nördliche Nachbar hat mit einer rigiden Preispolitik die Herstellerpreise erheblich gesenkt. Daran konnten auch Bemühungen einiger Konzerne nichts ändern, die ihre Lieferungen einschränken wollten. Und auch Bushs klare Vorgabe, aus Gründen des Gesundheitsschutzes keine Importe in die USA zuzulassen, verhallt derzeit.

Die Reformziele

Kernstücke der Novelle sind die Verbesserung der Arzneimittelversorgung der Medicare-Versicherten durch Kostenerstattungen für rezeptpflichtige Medikamente in Form einer freiwilligen, privaten Zusatzversicherung, die staatlich subventioniert wird. Zudem wird der diese Bevölkerungsgruppe abdeckende Gesundheitsmarkt für den Wettbewerb durch private Versicherungsanbieter geöffnet. Private Versicherer sollen ab 2010, im Rahmen eines sechsjährigen Testprogramms, in sechs Großstädten in Konkurrenz zu Medicare treten. Darüber hinaus ermöglicht das neue Gesetz Steuererleichterungen für die Einrichtung von Gesundheitssparkonten. Danach können Steuerzahler, die eine Police mit hoher Eigenbeteiligung haben, einen Teil ihres Einkommens, bis zu einer Höchstsumme von 2000 Dollar pro Jahr, pro Familie steuerfrei zurückstellen. Die meisten Reformleistungen treten ab 2006 ein, ein Arzneimittelermäßigungsausweis ist für Medicare-Versicherte bereits ab Juni erhältlich. Zudem verbietet die Gesetzesreform Preisbeschränkungen bei Medikamenten und den Import billigerer Arzneien aus dem Ausland, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Profitieren von der Reform werden Rentnerinnen und Rentner mit einem geringen Einkommen sowie Senioren mit sehr hohen Gesundheitskosten und chronisch Kranke mit anhaltend hohen Arzneimittelkosten. Aber Senioren aus den höheren Einkommensschichten und Rentner mit mittelhohen Arzneimittelkosten werden wohl in Zukunft durch neu eingeführte Eigenbeteiligungen schlechter dastehen als bisher.

Überraschend positiv war die Reaktion aus der Pharmaindustrie, die das Gesetz zunächst bekämpft hatte. Die Hersteller sind von der Reform angetan. Schließlich wird nach Berechnungen einer Investmentbank der Umsatz der Pharmakonzerne dank einer neuen Arzneimittelversicherung jährlich um 10 Milliarden Dollar zunehmen; das ist ein Zuwachs von 2 Prozent. Auch die ohnehin attraktiven Gewinnmargen werden von der Reform beflügelt. So soll der Gewinn um beträchtliche 4,7 Milliarden US-Dollar steigen.

Weiterhin vorteilhaft ist die Untersagung von Preisbeschränkungen. Auch der Import preiswerter Arzneimittel aus dem Ausland bleibt grundsätzlich untersagt. Sollten die Arzneipreise aber künftig weiter zu stark steigen, könnte dies zu Preiskontrollen führen. Experten rechnen indes damit, dass der so genannte Arzneimittelermäßigungsausweis zu Preissenkungen und damit auch zu Profiteinbußen führen könnte.

Krankenhäuser und Ärzte können mit höheren Medicare-Zahlungen rechnen. Eine überraschende Wende, denn vor der Verabschiedung der Reform hatten die Leistungsanbieter mit einer Kürzung von bis zu 5 Prozent gerechnet. Daraus wird nun eine Steigerung der Honorierung von mehr als 3 Prozent.

Den besten Schnitt machen Kliniken in ländlichen Regionen, da deren Honorierung an das bislang höhere Stadtniveau angepasst wird. Belohnt mit Steuererleichterungen werden all die Arbeitgeber, die weiterhin Arzneimittelversicherungen anbieten. Dafür hat die Regierung bis zu 70 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt.

Mit kräftigen Subventionen will der Staat die privaten Krankenversicherer animieren, mit den „Managed Care Plans“ in einen Wettbewerb mit Medicare und auch untereinander einzutreten. Um dies zu fördern, schießt die Regierung 12 Milliarden Dollar zu.

Berichten zufolge haben zahlreiche Gesundheitsanbieter Morgenluft gewittert und akquirieren neue Mitglieder beziehungsweise Kunden. Darunter auch viele bislang aus Sicht der Versicherungen schlechte Risiken, die mitunter aussortiert oder schlichtweg schlecht versorgt wurden. Ein neues attraktives Honorierungssystem beflügelte sogar die Aktien der größeren Anbieter. An der US-Börse steigen die Kurse derjenigen Unternehmen, die als Dienstleister von der Bush-Reform profitieren, jedenfalls seit Monaten unentwegt.

Falle: Steuerfinanzierung

Ähnlich wie Vorschläge aus der Kommission des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog (CDU) hat sich die amerikanische Regierung in ihrem Konzept auf eine steuerfinanzierte Reform fixiert. Beide großen Parteien sind sich darin einig, dass die für die Reform in den kommenden zehn Jahren angesetzten 400 Milliarden Dollar nicht mehr sind, als eine Anzahlung auf die tatsächlichen Folgekosten für den Steuerzahler. Faktisch werden die Kosten für diese Gesundheitsreform von der nächsten Generation zu tragen sein. Daraus erwächst eine der schärfsten Kritiken der demokratischen Partei, die Bush vorwirft, ein trojanisches Pferd zum Leben erweckt zu haben.

Denn mit der Reform entlaste er zwar auf den ersten Blick große Gesellschaftsteile, belaste aber zugleich diejenigen, die neben ihrer eigenen Gesundheitsversicherung zudem noch höhere Steuern zahlen müssten. Nämlich die Jungen, heute noch die zumeist guten Risiken.

Senator Edward Kennedy kritisierte die Medicare-Reform als eine „Bedrohung des staatlichen Gesundheitsprogramms“. Die Demokraten hatten bis zuletzt versucht, das teure Gesetz zu ändern, scheiterten jedoch, nachdem ein großer Seniorenverband auf die Linie der Republikaner umschwenkte. Unter dem politischen Druck, endlich eine Arzneimittelleistung für Medicare durchzusetzen, knickten viele Demokraten ein und stimmten dann doch für das Gesetz, das aus den eigenen Reihen als Ausverkauf des Staatsprogrammes bekämpft wurde. Der demokratische Mehrheitsführer im Senat, Tom Daschle, befürchtet, dass durch den Wechsel vieler Rentner in die private Gesundheitsversorgung das staatliche Programm ausgehöhlt werde.

Aber auch für eingefleischte Konservative stellt das neue Gesetz den Verrat an republikanischen Werten dar. Statt schlankem Staat beschere die Reform eine weitere Aufblähung des Staatshaushaltes, die im nächsten Jahrzehnt das Haushaltsdefizit um 400 Milliarden Dollar erhöhe. Das renommierte Wirtschaftsblatt Wall Steet Journal machte Präsident Bush als Verantwortlichen für das „Medicare Fiasko" aus. Und auch die New York Times berichtet beinahe täglich von den Irrungen und Wirrungen, die das Gesetzeswerk in den Vereinigten Staaten ausgelöst hat.

Problematisch dürfte die Steuerfinanzierung besonders deswegen sein, weil dadurch alle avisierten Steuersenkungsprogramme vereitelt, sogar unmöglich gemacht werden. Innerhalb der Union hatte man in Deutschland das Problem erkannt. Das Konzept der Herzog-Kommission war zwar grundsätzlich gut und richtig, widersprach allerdings dem Ziel einer Steuervereinfachung und mithin einer Steuerersparnis, um die Wirtschaft anzukurbeln. Bush hat sich in den USA für diesen Weg entschieden.

„Der Mann ist ein Witz. Und die Reform auch“, kommentiert Ron die Steuerbelastung für seine beiden Söhne. Es bringe nichts, wenn die Regierung zwar die Senioren entlaste, auf der anderen Seite die junge Generation steuerlich schlechter stelle. „Die verlieren doch die Lust an der Arbeit, wenn sie kein Geld mehr für einen Urlaub oder ein eigenes Haus haben“, kritisiert Suzie.

Reform kostet Billionen

Doch es dürfte noch schlimmer kommen: Das Congressional Budget Office rechnet damit, dass die Ausgaben für die Reform nach dem ersten Jahrzehnt von 400 Milliarden Dollar im Folgejahrzehnt auf 2 Billionen Dollar steigen werden. Die Veröffentlichung dieser Zahlen führte zu einer Revolte republikanischer Abgeordneter gegen die eigene Regierung. Doch Bush konnte sich mit seinem Gesetzesvorhaben im Senat eine Mehrheit von 54 zu 44 Stimmen sichern.

Manch ein Abgeordneter hat sich längst wieder beruhigt, besonders mit Blick auf den bereits begonnenen Wahlkampf und dessen Finanzierung. Denn die Republikaner waren bereits in der Vergangenheit Nutznießer der größten Spenden aus der Pharma- und Versicherungsindustrie. Mehr als 20 Spender, die für Bushs nächste Kandidatur bereits jeweils zwischen 100.000 und 200.000 Dollar gesammelt haben, profitieren unmittelbar von dem neuen Gesetz. Mit der Gesundheitsreform gelang somit Präsident George Bush ein doppelter Coup: Er triumphiert als konservativer Politiker mit Sinn für die Interessen der ärmeren Schichten und der Senioren und kann zudem nicht nur auf einen Zuwachs bei den Wählerstimmen, sondern auch auf die finanzielle Dankbarkeit seiner Wahlkampfspender bauen.

Bush hat allerdings ein nicht unbeträchtliches Kommunikationsproblem. Auch das zeigt Parallelen zu mancher Entwicklung in Deutschland auf. Denn die Resonanz der Bevölkerung auf die Reform ist durchwachsen. Immer noch ist eine relative Mehrheit der Bevölkerung gegen das Gesetz, mehr als ein Drittel des Wahlvolks hat sich noch nicht einmal eine Meinung gebildet.

Und sollten die Demokraten im Herbst die Präsidentschaftswahlen gewinnen, droht der Reform das Abstellgleis. Edward Kennedy will das Gesetz rückwirkend kippen: „Sie haben uns ausverkauft. Also werden wir alles, was sie getan haben, wieder rückgängig machen."

Wenn die Stimmung allzu gedrückt ist, packen Ron und Suzie die alten Fotoalben aus. Damals waren beide noch schlanker. Und gesund. Und versichert. „Das waren noch Zeiten“, seufzt Suzie und hofft: „Aber wir werden das schon irgendwie schaffen.“

 

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