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Banditen, Killer und Schmarotzer

19.03.2001
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HERPESVIREN

Banditen, Killer und Schmarotzer

von Elke Wolf, Rödermark

Sind sie erst einmal im Organismus, wird man sie nicht mehr los. Und ab und an kommt ans Tageslicht, was seit geraumer Zeit im Verborgenen dümpelt. Herpesviren haben nur manchmal Blütezeit. Dann aber schlagen die viralen Banditen und Killer in Form von Herpes labialis, genitalis, zoster oder Windpocken richtig zu. Sie erbeuten Strukturen und Enzyme ihres Wirtes für ihre eigene Proteinbiosynthese, und auf Grund ihrer pathogenetischen Eigenschaften bleiben Nerven- und Hautzellen auf der Strecke. Ansonsten schmarotzen sie erfolgreich auf Kosten des Wirts im Ganglion. Was der Apotheker wissen muss, um den Viren Paroli zu bieten, vermittelt der folgende Beitrag.

Durch Herpes-simplex-Viren (HSV) induzierte Erkrankungen kommen in vielerlei Gestalt daher. Das Spektrum reicht von harmlosen Lippenbläschen bis zur lebensbedrohenden Enzephalitis. Am häufigsten outet sich HSV als Herpes labialis und Herpes genitalis. Sich die viralen Plagegeister einzufangen, ist keine große Kunst. Das beweist die Tatsache, dass sich HSV-1 bei über neunzig Prozent und HSV-2 bei rund zwanzig Prozent der Bevölkerung eingenistet haben. Eine Infektion mit Typ 1 bewahrt nicht vor einer Infektion mit der 2er-Spezies und umgekehrt.

Um den ersten Kontakt mit ihrem neuen Opfer machen die viralen Eindringlinge meist kein großes Aufhebens; die Primärinfektion verläuft oft asymptomatisch, danach persistieren alle Herpesviren im Körper. HSV-1 zieht sich ins Trigeminusganglion zurück und HSV-2 in Ganglien entlang des Rückenmarks, vorwiegend in die Kreuzbein- und Lendenregion. Nur sehr selten wird ein Nervenknoten von beiden Virustypen belagert. Das Ganglion fungiert als Aufenthaltsort und Depot, da hier die virale DNA gelagert wird und jederzeit reaktiviert werden kann. Ist die Initialzündung für die Virusvermehrung erst einmal gegeben, vermehren sich die Viren in rasender Geschwindigkeit millionenfach.

Was das Virus weckt

Infektionen oberhalb der Gürtellinie sind vorwiegend HSV-1 zuzuschreiben, Infektionen im Genitalbereich gehen hauptsächlich auf HSV-2 zurück. Veränderte Sexualpraktiken verwischen jedoch diese scharfe Abgrenzung. Mittlerweile haben Virologen auch HSV-2 als Übeltäter im Lippenherpes-Geschehen und HSV-1 als Initiator von Genitalherpes aufgespürt. Ein Herpes genitalis ausgelöst durch HSV-1 verläuft milder als die durch den viralen Bruder induzierte Form. Zudem gibt es Hinweise, dass eine Infektion mit HSV-1 das Risiko für eine HSV-2-Infektion mindert und sogar den Verlauf der Erkrankung verkürzt.

Die mit Abstand häufigste rezidivierende HSV-Erkrankung ist der Lippenherpes. Manche Patienten leiden alle vier bis sechs Wochen unter der viralen Blütezeit, andere ein- bis zweimal pro Jahr. Wie die Viren geweckt werden, ist bis heute nicht genau erforscht; die auslösenden Faktoren können individuell unterschiedlich sein. Man weiß jedoch, dass fiebrige Infekte, Stress, UV-Exposition, Klimawechsel oder hormonelle Veränderungen bei Menstruation oder Schwangerschaft das Immunsystem schwächen. Ein lädiertes Abwehrsystem gibt den Viren die Chance, aus dem Ganglion über die Nervenbahnen an die Hautoberfläche zu wandern.

 

Acht verschiedene Virustypen zählen zur Familie der humanen Herpesviren (HHV)

Virustyp

Krankheit

Herpes-simplex-Virus Typ 1

Herpes labialis

Herpes-simplex-Virus Typ 2

Herpes genitalis

Varicella-zoster-Virus

Windpocken (Varicella zoster) Gürtelrose (Herpes zoster)

Epstein-Barr-Virus (HHV 4)

Pfeiffersches Drüsenfieber (infektiöse Mononukleose)

Zytomegalie-Virus (HHV 5)

Speicheldrüsen-Viruskrankheit

HHV 6

Dreitagefieber?

HHV 7

?

HHV 8

Karposi-Syndrom? 

 

Solange der Herpes labialis in der Schwangerschaft lokal auf den Mund beschränkt bleibt, ist das weder für die werdende Mutter noch für das heranwachsende Kind dramatisch. Topika können ohne Bedenken angewendet werden. Trotzdem bergen die Herpesviren Gefahr: Wenn bei intimen Zärtlichkeiten Viren aus den Lippenbläschen auf die Genitalien übertragen werden und sich dort bei der Frau zu einem Genitalherpes auswachsen, ist größte Vorsicht angebracht. Denn ein akuter Herpes genitalis zum Zeitpunkt der Geburt kann beim Baby schwerste Nervenschäden verursachen, die schlimmstenfalls lebenslange Behinderungen zur Folge haben. Das Immunsystem des Neugeborenen ist noch nicht gegen den viralen Ansturm gefeit. Der Arzt muss rund drei Tage vor der Geburt systemisch Aciclovir verabreichen. Ansonsten kann nur ein Kaiserschnitt das Kind vor dem viralen Überfall bewahren.

Auch nach der Geburt sind einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, wenn die Eltern gerade von einem Lippenherpes belästigt werden. Da Herpes simplex mit dem Speichel übertragen wird, sollten die frisch gebackenen Eltern ihr Kind auf keinen Fall küssen. Auch sollten sie beispielsweise nicht den Schnuller ablecken oder den Sauger des Fläschchens in den Mund nehmen, wenn sie die Milchtemperatur für den Nachwuchs prüfen. Die meisten Menschen stecken sich zwar ohnehin bereits vor dem sechsten Lebensjahr mit den herpetischen Plagegeistern an; das sollte aber möglichst nicht im Säuglingsalter geschehen.

Virustatika-Effekt nur ein Lippenbekenntnis?

Steht die Oberkante Unterlippe in der Schusslinie der Herpesviren, hat der geplagte Mensch mit topischen Präparaten eine gute Waffe in der Hand. In Deutschland sind für die Behandlung des Herpes labialis viele Präparate zugelassen. Das Spektrum reicht von pflanzlichen Präparaten, die Melissenextrakt enthalten (zum Beispiel Lomaherpan®), über Zink-Heparin-Kombinationen (zum Beispiel Lipactin®) bis hin zu chemisch-synthetischen Virustatika wie Aciclovir (zum Beispiel Zovirax®).

Nach den Erfahrungen von Professor Dr. Peter Wutzler, Direktor des Instituts für Antivirale Chemotherapie in Jena, hat sich besonders Penciclovir (zum Beispiel Vectavir®) in der topischen Anwendung bewährt. "Im Prinzip gibt es nur einen Arzneistoff, der in größeren klinischen Studien seine Wirksamkeit bei Herpes labialis bewiesen hat. Das ist das Penciclovir. Trägt man die Creme frühzeitig und regelmäßig alle zwei Stunden noch während der Virusreplikation auf, lässt sich die Zeit, bis Schmerzen und Hautläsionen verschwinden, um etwa ein Drittel verkürzen. Das haben große placebokontrollierte Untersuchungen ergeben", sagte er im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Und: "Allein der Glaube an ein bestimmtes Medikament hilft viel. Es gibt Studien, bei denen ein Placeboeffekt von bis zu 40 Prozent ausgewiesen werden konnte. Deshalb ist es so schwierig, in klinischen doppelblinden Untersuchungen noch eine Wirksamkeit herauszuarbeiten."

Wie erklärt man sich die Wirksamkeit von Penciclovir im Vergleich beispielsweise zu Aciclovir? Beide fungieren als Kettenabbrecher bei der Synthese von Virus-DNA. Wutzler: "Es geht dabei nicht so sehr um den Wirkungsmechanismus, sondern ob die Stoffe überhaupt zum Wirkort gelangen. Die Wirkung von Aciclovir ist unzweifelhaft, wenn es systemisch appliziert wird. Bei topischer Applikationen kommt es auf eine ausreichende Penetration an. Der Wirkstoff muss erst die Hautbarriere überwinden, um an den Wirkort zu gelangen. Bei den einzelnen Präparaten gibt es zum Teil erhebliche Probleme."

Optimistisch zeigte sich Wutzler im Hinblick auf den bei manchen Patienten obligatorischen "Stressherpes". "Es gibt Ereignisse, bei denen man großen Wert darauf legt, keinen Herpes zu haben, zum Beispiel an einer Hochzeit. Um sicher zu gehen, kann man durchaus schon mal Aciclovir systemisch einsetzen." Dazu empfiehlt er drei bis vier Tage vor der Hochzeit oder dem Urlaub bis zum Urlaubsende durchgehend zweimal täglich 400 Milligramm. So könne der Herpes mit nahezu 100-prozentiger Sicherheit verhindert werden. Noch ein Trost: Die Rezidivhäufigkeit scheint im Alter abzunehmen. Studien gebe es zwar keine, aber "wir beobachten das. Ein markanter Punkt scheint beispielsweise die Menopause der Frau zu sein. Dann blüht ein hormonbedingter Herpes labialis seltener oder gar nicht mehr."

Genitalherpes immer systemisch behandeln

Auch der Herpes genitalis ist keineswegs selten. Nahezu jeder Fünfte über zwölf Jahren ist infiziert. Allerdings verhalten sich die HSV bei jedem Fünften, der sie aufgeschnappt hat, wie ruhige Siedler im Ganglion; die Erkrankung verläuft subklinisch oder gar asymptomatisch. Ohne es zu ahnen, geben diese Menschen jedoch beim Geschlechtsverkehr die viralen Unholde weiter. Virologen vermuten, dass so rund 95 Prozent der Neuinfektionen zustande kommen.

Fatal: Viele Betroffene und auch Mediziner interpretieren die Symptome mitunter falsch. Es gibt Hinweise, dass bei annähernd 60 Prozent die Diagnose trotz Symptomatik nicht gestellt wird. Häufig wird sie mit einer Pilzinfektion verwechselt. Als Richtschnur für die Praxis gilt: Der Herpes schmerzt, die Candidose juckt. Die Herpesviren setzen den Betroffenen heftig zu. Manifestieren sie sich zum ersten Mal, kommt es zu den typischen in Gruppen stehenden Bläschen an den Geschlechtsorganen, die mit seröser Flüssigkeit gefüllt sind und in schmerzende Erosionen übergehen. Daneben können Fieber, geschwollene Lymphknoten und allgemeines Unwohlsein die sichtbaren Symptome begleiten. Die Erkrankung kann bis zu vier Wochen dauern. Bei Rezidiven wird ab und zu auch der Harnleiter in Mitleidenschaft gezogen.

Im Gegensatz zum Lippenherpes kommt man dem Herpes unterhalb der Gürtellinie nicht mit topischen Arzneimitteln bei. Die Patienten müssen immer systemisch behandelt werden. Zur Verfügung stehen Aciclovir, Valaciclovir (Valtrex®) und Famciclovir (Famvir®). Nach den Ausführungen von Wutzler sind die Virustatika bei der Behandlung des Herpes genitalis nahezu gleichwertig. Jedoch besäßen Valaciclovir und Famciclovir zwei Pluspunkte: Bei peroraler Gabe seien sie besser bioverfügbar, und sie können in größeren Abständen eingenommen werden. Dennoch: Die intravenöse Gabe von Aciclovir ist bei schwerkranken Patienten und solchen mit Meningitis Therapie der Wahl. Da die Virustatika nur ins Geschehen eingreifen können, solange sich die Viren vermehren, muss mit der Therapie möglichst im Prodromalstadium begonnen werden, wenn also die Haut spannt und kribbelt und nicht erst, wenn die Bläschen geplatzt sind.

Was Dosierschema und -höhe betrifft, unterscheiden Virologen, ob es sich um eine Primärinfektion, eine Rezidivbehandlung oder um eine Dauersuppression handelt. Zur Akuttherapie wird über fünf Tage entweder 5 x 200 mg Aciclovir, 3 x 250 mg Famciclovir oder 2 x 1000 mg Valaciclovir eingesetzt. Bei schmerzhaften Rezidiven, die häufiger als sechs Mal pro Jahr auftreten, ist eine Prophylaxe angezeigt: Aciclovir 2 x 400 mg, Valaciclovir 1 x 500 mg oder Famciclovir 2 x 250 mg jeweils über ein Jahr. Nach Absetzen der Therapie sind Rezidive seltener zu erwarten als vorher.

Pocken vom Winde ins Erwachsenenalter verweht

Harmlose Kinderkrankheit? Mitnichten. Wer als Kind nicht an Windpocken erkrankte, hat als Erwachsener mit zum Teil lebensbedrohlichen Komplikationen wie schwere Lungenentzündung oder Fieber zu rechnen. Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich die Prognose der Patienten. Wie sehr die Gefahr für Erwachsene durch Varicella-zoster-Viren (VZV) in den letzten Jahren angestiegen ist, belegen Krankheits- und Sterbestatistiken aus England, Schottland und Wales, wo die Krankheit meldepflichtig ist. Zwar haben bis zum frühen Schulalter die meisten Kinder eine Varizellen-Infektion durchgemacht, der Erkrankungsgipfel verschiebt sich jedoch mehr und mehr ins Erwachsenenalter. Experten machen verbesserte hygienische Verhältnisse und die Ein-Kind-Familie für die Verschiebung verantwortlich. Dadurch würden sich die Kinder nicht mehr innerhalb der Familien anstecken.

VZV sind die einzigen Vertreter der Herpesfamilie, die aerogen durch Tröpfchen beim Atmen oder Husten übertragen werden. Die Viren werden bis zu mehreren Metern weit geschleudert. Aber auch die Berührung virushaltiger Bläschen oder Krusten birgt Ansteckungsgefahr. Die Viren halten sich beim Erwachsenen in den sensiblen Nervenganglienzellen vor allem im Thorax versteckt, weniger in den Ganglienzellen des Trigeminus und selten im Lumbalbereich.

Nach einer Inkubationszeit von zwei bis drei Wochen bringen die Viren auf Haut und Schleimhaut kleine, stark juckende Bläschen hervor. Da die Bläschen zeitlich versetzt nachschießen, andere aber schon am Eintrocknen sind, sieht man immer mehrere Stadien der Krankheit nebeneinander. Nach ein bis zwei Wochen fallen die Krusten ab - ein Zeichen dafür, dass der Kranke nicht mehr infektiös ist. Was kann der Apotheker Eltern von Windpocken-geplagten Kindern empfehlen, wollte die Pharmazeutische Zeitung von Professor Wutzler wissen. "Antivirale Chemotherapie lehnen wir prinzipiell ab. In Frage kommen Topika wie Lotio alba aquosa, beispielsweise mit einem Lokalanästhetikum. Die Gabe von Antihistaminika gegen den Juckreiz ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Prinzipiell sollte die Immunabwehr nicht beeinflusst werden, um dem Körper die Gelegenheit zu geben, einen guten Immunstatus aufzubauen."

Läuft die Windpocken-Infektion bei den meisten Kindern recht milde ab, kann die Situation für Schwangere, die zuvor keinen Kontakt mit dem Virus hatten, kritisch werden. Immerhin haben derzeit mindestens fünf Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter keine Antikörper gegen VZV. "Die gesamte Schwangerschaft einer seronegativen Frau ist ein großes Risiko für Mutter und Kind", informierte Wutzler.

Die Zahlen sprechen für sich: Infiziert sich die werdende Mutter im ersten und zweiten Drittel der Schwangerschaft mit VZV, ist bei einem Viertel der Frauen auch das ungeborene Kind betroffen. Die Erkrankung verläuft im besten Fall asymptomatisch. Bei zwei Prozent der Feten entwickelt sich jedoch ein Varizellen-Syndrom mit schweren Organschäden. Häufig stirbt das Ungeborene bereits im Mutterleib. Die Schwangere selbst hat ein erhöhtes Risiko, eine Varizellen-Pneumonie zu bekommen, wobei die Letalitätsrate bei etwa 40 Prozent liegt. Wenn sich die Mutter kurz vor oder kurz nach der Entbindung das Virus einfängt, bekommen etwa 30 Prozent der Neugeborenen eine lebensbedrohliche generalisierte VZV-Infektion. Der dringende Rat von Wutzler: Falls eine Schwangere Kontakt mit VZV hatte, seronegativ ist oder nicht mehr sicher ist, ob sie als Kind Windpocken hatte, sollte sie innerhalb von 72 Stunden spezifisches Immunglobulin (zum Beispiel Varicellon®) erhalten. Bricht die Krankheit trotzdem durch, sei eine Therapie mit Aciclovir zu erwägen.

Generelle Varizellen-Impfung in Sicht

Die STIKO empfiehlt denn auch seronegativen Frauen mit Kinderwunsch, sich vor einer Schwangerschaft gegen Varizellen impfen zu lassen (zum Beispiel Varilrix®). Gleiches gilt für Kinder mit Leukämie, Tumoren und Neurodermitis, Kinder vor einer Immunsuppression, Eltern und Geschwister dieser Kinder sowie Mitarbeiter im Gesundheitswesen, besonders solche, die mit onkologischen, immunsupprimierten Patienten zu tun haben, in Kindereinrichtungen oder ähnlichem arbeiten. Der verfügbare Impfstoff ist ein Lebendimpfstoff mit abgeschwächten Varicella-zoster-Viren. Er vermittelt 98 Prozent der gesunden Impflinge einen ausreichenden Schutz vor den Viren. Brechen die Windpocken dennoch durch, läuft die Erkrankung wesentlich milder ab.

Dennoch: "Die bisherige Impfstrategie ist unbefriedigend. Die Entwicklung wird wahrscheinlich dahin gehen, dass im ersten Quartal 2003 ein Vierfachimpfstoff zur Verfügung steht, der gegen Masern, Mumps, Röteln und Varizellen schützt. Ich will hiermit der STIKO nicht vorgreifen, aber die Vierfachimpfung wird dann, denke ich, von der STIKO als generelle Impfung empfohlen werden. Wir erhoffen uns davon, die Varizellen weitgehend zurückdrängen und vielleicht in 15 bis 20 Jahren eliminieren zu können", sagte Wutzler.

Warum die Allgemeinimpfung noch nicht propagiert wird, hat einen wichtigen Grund: "Als Einfachimpfstoff ist die Varizellen-Impfung nicht praktikabel. Der Impfkalender ist jetzt schon vollgepackt. Die Durchimpfung gegen Varizellen ist nur mit dem Vierfachimpfstoff machbar." Erreiche man mit dem Einfachimpfstoff Schutzraten von 50 Prozent, würde zwar die Zirkulation des Virus bei Kleinkindern abnehmen, aber der Erkrankungsgipfel verschöbe sich zu den Jugendlichen und Erwachsenen, mit bekannter Problematik. Ein Windpocken-Impfprogramm ist deshalb nur zu vertreten, wenn Impfraten von 80 Prozent erzielt werden. Nur dann kann die Virusverbreitung gehemmt werden. Diese Chance bietet der Vierfachimpfstoff.

Impfung schlägt zwei Erkrankungen mit einer Klappe

Hauptargument für die Allgemeinimpfung ist jedoch die Verhinderung der Zweiterkrankung mit ihren bisweilen recht unerträglichen Schmerzen, die der Volksmund Gürtelrose und Fachleute Herpes zoster nennen. Denn wer als Kind an Windpocken erkrankt war, kann als Erwachsener auch diese zweite Erkrankung bekommen. Wutzler: "Ein wesentlicher Effekt der Impfung gegen Windpocken soll sein, dass auch die Gürtelrose zurückgedrängt wird. Dazu gibt es Erfahrungen aus den USA. Dort hat man untersucht, wie oft die Gürtelrose bei Geimpften im Vergleich zu Ungeimpften auftritt. Und das sind Unterschiede von bis zu 200-fach weniger. Das hängt damit zusammen, dass der Varizellen-Impfstoff nicht oder kaum in der Lage ist, Windpocken auszulösen. Er induziert zwar die Latenz im Ganglion, hat aber nicht mehr die Fähigkeit, vom Ganglion einen Zoster zu initiieren. Mit der Impfung will man also gleich zwei Erkrankungen angehen."

Nach initiierten Windpocken schlummert das Virus im Dorsalganglion, und die Zweiterkrankung droht meist dann, wenn das Gleichgewicht zwischen der Virulenz der in den Ganglienzellen persistierenden Eindringlinge und der zellulären Immunantwort gestört ist. Dies erklärt die Zunahme mit dem Alter und das gehäufte Auftreten bei Krebs- oder HIV-Patienten. In einer Studie mit über 2000 HIV-infizierten Menschen entwickelte sich bei annähernd 18 Prozent ein Zoster. Er manifestierte sich deutlich früher als alle anderen opportunistischen Infektionen. Experten sehen deshalb die Gürtelrose als frühzeitigen Marker für die HIV-Erkrankung.

Eine Primärinfektion mit Herpes-zoster-Viren kann jedoch in jedem Alter und nicht nur bei Immunsupprimierten auftreten. Bezüglich der Therapie gibt es eine klare Altersgrenze. Immunkompetente Patienten unter 50 Jahren benötigen in der Regel keine systemische Behandlung. Diese wird zur "therapeutischen Pflicht", wie Wutzler sagte, bei Patienten über 50 Jahren, weil Ausmaß und Schwere der Erkrankung vom Alter abhängen. Drohen ophthalmologische oder otologische Komplikationen, müsse in jedem Lebensalter behandelt werden. Für die Therapie stehen in Deutschland vier Nukleosidanaloga in verschiedenen Darreichungsformen zur Verfügung: Aciclovir, Valaciclovir, Famciclovir und Brivudin. Wutzler: "Weil Aciclovir per os fünfmal am Tag (5 x 800 mg) eingenommen werden muss, lehnen wir die perorale Gabe heute ab. Valaciclovir (3 x 1000 mg) und Famciclovir (3 x 250 mg) werden dreimal am Tag gegeben. Seit wenigen Monaten ist ein Präparat mit dem Arzneistoff Brivudin (Zostex®) auf dem Markt; damit erzielt man mit nur einer Gabe am Tag eine gute Wirkung auf den akuten Zoster."

Mit der Haut im Reinen, mit den Nerven im Clinch

Mitunter bleiben die durch das Virus verursachten Schmerzen auch dann bestehen, wenn die sichtbaren Zeichen des Zosters längst abgeklungen sind. Hervorgerufen wird eine solche postzosterische Neuralgie durch Schädigungen (Entzündungen?) der in dem erkrankten Hautareal gelegenen Nerven und Schmerzrezeptoren. Nerven- und Schmerzfasern feuern dann spontan, ohne entsprechenden Reiz. Die neuralgischen Schmerzen sind Komplikation Nummer eins des Herpes zoster. 10 bis 15 Prozent reagieren so stark auf Berührungsreize, dass sogar das Tragen von Kleidungsstücken unerträglich ist. Je älter der Patient, desto wahrscheinlicher ist eine Neuralgie nach der Gürtelrose: Bei den über 70-Jährigen sind bis zu 70 Prozent betroffen. Nach einem Score, den Wutzler und seine Mitarbeiter entwickelt haben, lässt sich das individuelle Risiko abschätzen, nach dem akuten Zoster eine Neuralgie zu entwickeln. Das höchste Risiko haben Frauen über 50 Jahre mit mehr als 50 Effloreszenzen, vor allem bei hämorrhagischer Ausprägung im Kopf- und Lendenbereich, und bei Schmerzen im Prodromalstadium.

"Man weiß heute, dass eine optimale antivirale Therapie in der aktiven Virusphase, also innerhalb der ersten 72 Stunden, eine postzosterische Neuralgie verhindern beziehungsweise ihre Dauer erheblich verkürzen kann. Die Tatsache, dass die rechtzeitige Therapie gleichzeitig einer postzosterischen Neuralgie vorbeugt, sollten alle Ärzte und Apotheker wissen", sagte Wutzler gegenüber der PZ.

Ist das postzosterische Ereignis dennoch eingetreten, sollten Arzt und Apotheker nach den Ausführungen Wutzlers dem Patienten klar machen, dass die Beschwerden schwer zu behandeln sind. Von Anfang an sollte sich der Patient auf eine langfristige Strategie - auch psychologisch - einstellen. Denn: "Mit einem Schmerzmittel ist es leider oft nicht getan. Nach ein paar Wochen brechen die Beschwerden oft wieder durch. Ich empfehle anfangs Analgetika wie Paracetamol mit Codein. Allerdings kommt man mit der alleinigen Analgetika-Gabe häufig nicht sehr weit. Man kombiniert deshalb mit Antiepileptika wie Carbamazepin oder vor allem trizyklischen Antidepressiva wie Amitriptylin oder Doxepin. Bei etwa 40 Prozent der Patienten lässt sich so ein Zustand erreichen, mit dem sie leben können." Auch andere Behandlungsmethoden wie die perkutane Therapie mit Capsaicin, die transkutane Elektrostimulation oder Infiltrationstherapien mit Lokalanästhetika oder Nervenblockaden seien einen Versuch wert. Auf jeden Fall rät Wutzler, die postzosterische Neuralgie von einem Schmerztherapeuten oder spezialisierten Neurologen behandeln zu lassen.

Neue Hoffnung weckt eine Strategie, die ein japanisches Forscherteam vor kurzem vorgestellt hat. Da Glucocorticoid-haltige Tabletten nicht zum Erfolg führten, injizierten sie viermal in einem Monat Methylprednisolon in den Rückenmarkskanal. Direkt nach der Therapie und nach zwei Jahren zogen die Wissenschaftler Bilanz. Ihr drastisches Therapiekonzept scheint Erfolg gehabt zu haben. Zumindest gaben 90 Prozent der Patienten an, deutlich weniger Sensibilitätsstörungen zu haben. Der Effekt hielt über den gesamten Zeitraum von zwei Jahren an.

Schmerzhafte Augenblicke durch Herpes-Infektion

Herpes-Infektionen können ins Auge gehen. Deshalb ist bei einer Herpes-simplex- oder Herpes-zoster-Erkrankung oberstes Gebot: Hände weg vom Auge! Werden die Bläschen beim Lippenherpes berührt oder aufgekratzt, heften sich Viren an die Fingerkuppen oder sammeln sich unter den Fingernägeln. Fasst sich der Erkrankte dann an seine Augen, setzt Kontaktlinsen ein oder reinigt diese mit Speichel, ist die Bahn für die Viren frei. Besonders beim Herpes zoster können die viralen Plagegeister aber auch auf anderem Wege das Auge in Mitleidenschaft ziehen. Das Virus nistet sich gerne im Trigeminusganglion ein. Sobald der Nervus nasociliaris beteiligt ist - am Zosterausbruch an der Nasenspitze zu erkennen -, steht die Bindehaut in höchster Gefahr, von Zosterviren heimgesucht zu werden.

Ein Fremdkörper- und unbestimmtes Spannungsgefühl in den Augen gehören zu den ersten Symptomen. Tränenfluss und Lichtempfindlichkeit setzen ein, Binde- und Hornhaut entzünden sich. Auf der Hornhaut zeigt sich die typische dendritische Keratitis, deren Geschwüre an die Adern eines Blattes mit knötchenartigen Endungen erinnern. Diese Geschwüre beeinträchtigen das Sehen; wird nicht rechtzeitig therapiert, bleiben Narben zurück. Ein häufige, sich oft viel später entwickelnde Folgeerkrankung ist das Glaukom. Mittel der Wahl sind Aciclovir und Brivudin über 14 Tage. Auch nach überstandener Infektion schwelt die Gefahr weiter: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent flammt die Infektion irgendwann von Neuem auf. Danach erhöht sich das Risiko für eine dritte und weitere Herpes-Keratitis ungefähr um 50 Prozent.

 

Herpesviren attackieren Melanomzellen Die Hoffnung, irgendwann eine wirksame Waffe gegen den schwarzen Hautkrebs zu haben, ist zwar winzig klein, aber sie besteht immerhin. Schottische Forscher (9) haben eine harmlose Variante des Herpes-simplex-Virus (HSV 1716) bei vier Patienten auf metastasierende Melanomzellen angesetzt. Das Virus vermehrt sich in den Melanomen und zerstört die Tumorzellen, ohne gesunde Strukturen zu behelligen. Normalerweise befällt HSV 1716 nur Nervengewebe. Es vermehrt sich in Melanomen, weil Hautzellen aus dem fetalen Nervengewebe hervorgehen, vermutet das Team aus Glasgow. Die Wissenschaftler injizierten ihren Patienten die Herpes-Variante direkt in dünn unter der Haut liegende Tochtergeschwülste. Nach drei Wochen fanden sie in allen Metastasen zerstörte Tumorzellen. Einen Patienten behandelten sie mit mehreren Injektionen, woraufhin sich die Metastasen deutlich verkleinerten. Die Forschergruppe feilt ihr Behandlungskonzept jetzt weiter aus.

 

 

Herpesviren erobern neues Territorium Herpes-Forscher haben neue Arbeit bekommen, denn das so genannte Herpes-B-Virus sorgt für Unbehagen. Nicht nur HI-Viren haben mit dem Ortswechsel von Affen auf Menschen ihr angestammtes Revier verlassen, sondern auch Herpes-B-Viren haben dieses neue Territorium für sich entdeckt. Bei den Makaken induziert es Geschwüre im Mund, beim Menschen jedoch schwere Entzündungen im Gehirn und Rückenmark. Die vierzig weltweit bekannt gewordenen Fälle endeten alle tödlich. Genau wie ihre Vorgänger, die HI-Viren, werden Herpes-B-Viren durch infizierte Körperflüssigkeiten übertragen. Beim Menschen hat man die Viren in Speichel, Urin, Tränen und Blut nachgewiesen. Gefährdet sind Menschen, die Makaken zu Forschungszwecken oder in zoologischen Anlagen betreuen. Antikörper gegen das Herpes-simplex-Virus schützen nicht vor einer Herpes-B-Infektion. Auch während einer Urlaubsreise kann man sich das Virus einfangen, wenn man von einem Affen gebissen oder gekratzt wurde. Mehr als die Hälfte dieser Tiere sind mit dem Herpes-B-Virus infiziert. Die Wunde sollte 15 Minuten unter fließendem Wasser ausgespült werden, um die Zahl der Viren zu verringern und sie möglicherweise zu inaktivieren, rät Thomas Hingerl in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift (6). Danach steht eine Behandlung mit Aciclovir oder Ganciclovir an.

 

 

Literatur

  1. Arndtz, N., Schmitt, H.-J., Gegen Varizellen impfen? Monatsschrift Kinderheilkunde 7 (1999) 626-633.
  2. Enders, G., et al., Consequences of varicella and herpes zoster in pregnancy: prospective study of 1739 cases. Lancet Vol 343 (1994) 1548-1551.
  3. Epidemiologisches Bulletin, Ratgeber Infektionskrankheiten. 20 Folge: Varizellen, Herpes zoster 46/2000.
  4. Hanngren, K., et al., Effect of Zoster Immunoglobulin for Varicella Prophylaxis in the Newborn. Scand. J. Infect. Dis. 17 (1985) 334-347.
  5. Harland, S., Haustein, U.-F., Herpes und Gürtelrose. Urania-Verlag, Berlin 1999.
  6. Hingerl, T., Infektion mit Herpes-B-Viren beim Menschen. Dt. Med. Wschr. 126 (2001) 55.
  7. Hofmann, F., Geimpft. Geschützt. Gesund! Informationen rund um's Impfen. Ecomed Verlagsgesellschaft, Landsberg 1998.
  8. Kotani, N., et al., Gürtelrose: Injektion von Kortison in Rückenmarkskanal. N. Engl. J. Med. 343 (2001) 1514.
  9. MacKie, R. M., Herpesvirus zerstört Melanozyten. Lancet 357 (2001) 525.
  10. Malin, J.-P., Die postzosterische Neuralgie - weiterhin ein therapeutisches Problem. Dt. Ärzteblatt 19 (1996) 1269-1272.
  11. Mohrig, A., Melissenextrakt bei Herpes simplex - die Alternative zu Nukleosid-Analoga. Dt. Apoth. Ztg. Nr. 50 (1996) 109-114.
  12. N. N., Herpes und Mykosen. Kleine Sommerakademie. Ärzte Ztg., 27. Juni 2000, S. 10f.
  13. N. N., Mykosen und Herpes. In: Medizin Akademie ´99. Ärzte Ztg. Verlagsges. Neu Isenburg 1999, S. 10f.
  14. N. N., Schutz vor Varizellen - ist eine neue Impfstrategie nötig? Ärztl. Praxis Pädiatrie 4 (1999) 26-29.
  15. N. N., Windpocken in der Schwangerschaft: Risiko für Fetus und Neugeborenes. Gynäkologie und Geburtshilfe 1 (2000) 42.
  16. Pressemappe zur Einführungspressekonferenz von Zostex® (Brivudin), Berlin Chemie, Berlin, Dezember 2000.
  17. Sauerbrei, A., Sommer, M., Wutzler, P., Virologische Diagnostik des Herpes zoster. Hautarzt 12 (1999) 873-878.
  18. Sauerbrei, A., Wutzler, P., Varicella-Zoster-Virusinfektionen während der Schwangerschaft. Dt. Ärztebl. 18 (1999) 846-849.
  19. Varizellen/Zoster. Ärzte-Merkblatt, Fachausschuss Varizellen der Dt. Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten. Dt. Grünes Kreuz, Marburg Ausgabe 2000.
  20. Wagner, U., Varizella-Zoster-Virus: Impfung empfohlen. Pharm. Ztg. Nr. 50 (1999) 4138.
  21. Wutzler, P., Meister, W., Herpes zoster - Symptomatologie, demographische Daten und prognostische Faktoren. Dt. Ärztebl. 17 (1997) 1129-1133.
  22. Wutzler, P., Antiviral Therapy of Herpes simplex and Varicella-zoster Virus Infections. Intervirology 40 (1997) 343-356.

 

Die Autorin

Elke Wolf studierte Pharmazie in Frankfurt. Die Approbation als Apothekerin erfolgte 1995 im Anschluss an das praktische Jahr in der Apotheke Esser in Rödermark/Hessen und in der pharmazeutischen Industrie bei der damaligen Sandoz AG in Nürnberg. Nach einem Praktikum während des Studiums und einem Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung ist sie seit 1997 als freie Journalistin tätig. Die PZ-Leser kennen Frau Wolf seither als Autorin zahlreicher spannender Titelbeiträge.

 

Anschrift der Verfasserin:
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63322 Rödermark

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