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Darmkrebs-Update 2003

10.03.2003
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Vorsorge, Diagnostik und Therapie

Darmkrebs-Update 2003

von Nicola Elke Fritz und Berndt Birkner, München

Der März 2003 ist zum zweiten deutschen Darmkrebsmonat ausgerufen worden. Darmkrebs ist in Deutschland die zweithäufigste Krebstodesursache. Bei einer frühzeitigen Diagnose haben Patienten gute Heilungschancen. Der Erfolg der Früherkennung hängt wesentlich von den Teilnahmeraten der Bevölkerung ab.

In Deutschland erkranken jedes Jahr etwa 60.000 Menschen am Kolonkarzinom (1). 40.000 sterben jährlich an dieser Erkrankung (1). Bei Männern stieg die Mortalitätsrate in den Jahren 1980 bis 1995 sogar um circa 15 Prozent. Damit übersteigt die Mortalitätsrate in Deutschland das derzeitige Mittel aller europäischen Länder. Das kolorektale Karzinom ist bei Männern die dritthäufigste und bei Frauen die zweithäufigste Krebstodesursache (2). Die Diagnose Darmkrebs ist vor dem 45. Lebensjahr eher eine Seltenheit. 10 Prozent der Erkrankten sind aber jünger als 50 Jahre. Ab dem 50. Lebensjahr steigt die Erkrankungswahrscheinlichkeit drastisch an. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Männern bei 65 Jahren und bei Frauen bei 69 Jahren (3).

Stadienabhängige Prognose

Das kolorektale Karzinom wird nach der TNM-U(nio) I(nternationalis) C(ontra) C(ancrum)-Klassifikation (siehe Tabelle 1) in vier Stadien eingeteilt. T(umor) steht für die Ausdehnung des Primärtumors (pT), N(ode) für das Fehlen beziehungsweise Vorhandensein von Lymphknotenmetastasen, M(etastasen) für das Fehlen oder Vorhandensein von Fernmetastasen. Alle Einteilungen richten sich nach der Tumoreindringtiefe in der Schleimhaut, nach der Zahl der befallenen Lymphknoten und nach dem Vorhandensein von Organmetastasen. Die Überlebenswahrscheinlichkeit ist stark stadienabhängig. So haben Patienten in einem frühen TNM-Stadium (pT1N0M0 und pT2N0M0) eine deutlich bessere Überlebenszeit als Patienten mit Tumoren, die in einem fortgeschritteneren Stadium oder gar mit Lymphknoten- oder/und Organmetastasen diagnostiziert werden. Sind Metastasen aufgetreten, versterben die Hälfte der Patienten innerhalb von etwa einem Jahr (4).

 

Tabelle 1: TNM-UICC Klassifikation (1993)

Stadium 0TisN0M0Stadium I T1
T2 N0
N0 M0
M0 Stadium II T3
T4 N0
N0 M0
M0 Stadium III jedes T
jedes T N1
N2, N3 M0
M0 Stadium IV jedes T jedes N M1

 

Um eine Reduktion der Mortalität erreichen zu können, ist es erstrebenswert, die Karzinome in einem früheren und damit eher kurablen Stadium zu diagnostizieren. Noch wünschenswerter ist es, das Auftreten dieser Erkrankung durch Vorsorge drastisch zu senken.

Pathogenese und Symptomatik

Die meisten Kolonkarzinome sind Adenokarzinome, die auf dem Boden eines Adenoms im Rahmen der Adenom-Karzinom-Sequenz entstehen. Adenome sind primär gutartige Tumoren, die vor allem im Kolon und Rektum, aber auch im Magen, seltener in anderen Schleimhäuten entstehen können. Im Kolon finden sich mehr als die Hälfte der Adenome im linksseitigen Kolon. Die genauen Ursachen, warum Adenome entstehen, sind bisher nicht geklärt. Vor allem genetische Faktoren wie APC-, k-ras- und p53-Veränderungen spielen in der Adenom-Karzinom-Sequenz eine entscheidende Rolle. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Adenom ein Karzinom entsteht, hängt von der Größe, der Konfiguration und der Histologie des Adenoms ab (Tabelle 2). Bei einer erblichen Adenomatosis Coli entarten Adenome in 100 Prozent der Fälle. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung im Alter von 50 Jahren haben sporadisch auftretende Adenome. Bei circa 10 bis 15 Prozent dieser Menschen entstehen daraus Karzinome.

 

Tabelle 2: Malignitätsrate von Adenomen in Abhängigkeit von Größe, Konfiguration und histologischem Typ (nach 11)

   Häufigkeit der
malignen Befunde
Größe ≤10 mm 0,4%   11-20 mm 6,5%   21-30 mm 29,1%   31-40 mm 43,7%   > 40 mm 70,4% Konfiguration gestielt 3,3%   tailliert 2,8%   sessil 12,0% Histologie tubulär 3,4%   tubulovillös 16,9%   villös 48,5%

 

Das kolorektale Karzinom ist lange Zeit klinisch stumm. Wenn Symptome auftreten, hat der Tumor meist schon ein fortgeschritteneres Stadium erreicht. Blut- oder Schleimhautauflagerungen, ein Wechsel der Stuhlgewohnheiten oder eine unklare Anämie müssen sofort durch eine hohe Koloskopie abgeklärt werden. Auch Kolonpolypen ab einer Größe von circa einem Zentimeter bluten zu 20 bis 40 Prozent intermittierend. Asymptomatische Adenome weisen jedoch viel seltener Karzinomanteile auf als symptomatische. Weitere Symptome eines Kolonkarzinoms können ein akuter Darmverschluss oder eine Perforation des Darms sein. Circa 10 Prozent der kolorektalen Karzinome werden als Notfälle diagnostiziert, darunter zu 60 bis 75 Prozent mit der Erstmanifestation eines Ileus (5).

Risikogruppen

Das Risiko, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, steigt ab dem 50. Lebensjahr. Nur circa 6 Prozent der Erkrankungen finden sich bei jüngeren Menschen. Das Lebenszeitrisiko (kumulatives Risiko), vor dem 75. Geburtstag an einem Dickdarmkrebs zu erkranken, beträgt in der normalen Bevölkerung zwischen 4 bis 6 Prozent bei Männern und 2,5 bis 4 Prozent bei Frauen (6). Das bedeutet, dass etwa jeder 20. Mensch in seinem Leben an einem sporadischen Kolonkarzinom erkranken kann.

Das Risiko, an einem Kolonkarzinom zu erkranken, ist etwa zweimal höher, wenn in der Familie ein Verwandter ersten Grades (Mutter, Vater, Geschwister) an einem Dickdarmkrebs erkrankt ist oder war. Das Risiko steigt bis zum Fünffachen an, wenn der erkrankte Verwandte jünger als 45 Jahre oder wenn es mehr als ein Verwandter ersten Grades war (Tabelle 3). Bei einer ausführlichen Familienanamnese sollte hier bereits auch an hereditäre (erbliche) Formen (zum Beispiel HNPCC) gedacht werden (Kasten "Amsterdamkriterien").

 

Tabelle 3: Relatives Risiko im Verhältnis zur Normalbevölkerung bei Verwandten ersten Grades mit einem Dickdarmkrebs (nach 6)

  Alter relatives Risiko Allgemeinbevölkerung   1 zwei Verwandte ersten Grades   2,8 bis 5,7 ein Verwandter ersten Grades unter 45 3,7 bis 5,4   45 bis 64 3,3   45 bis 60 2,9   55 bis 64 2,9   über 60 1,4 bis 1,9

 

Hereditärer Darmkrebs

Insgesamt 5 bis 10 Prozent der Darmkarzinome entstehen auf Grund eines erblichen Syndroms oder auf Grund einer langjährigen chronischen Darmerkrankung. Dazu zählen:

  • HNPCC (hereditäres nicht-polyposis Colon Carcinom)
  • Patienten mit einer FAP (Familiäre Adenomatöse Polypose)
  • Peutz-Jeghers-Syndrom
  • Familiäre juvenile Polyposis
  • Torre-Muir-Syndrom
  • Colitis ulcerosa
  • Morbus Crohn

Circa 0,5 Prozent aller Darmkrebserkrankungen sind auf eine familiäre adenomatöse Polypose (FAP) zurückzuführen. 1 bis 3 Prozent entstehen auf Grund einer HNPCC-Mutation. Familienanamnestische Kriterien, die zum Beispiel als »Amsterdamkriterien« (Kasten "Amsterdamkriterien") oder »Bethesdakriterien« zusammengefasst werden, begründen den dringenden Verdacht auf ein hereditäres Kolonkarzinom vorwiegend als HNPCC. Dies rechtfertigt eine genetische Beratung. Bei einer HNPCC und FAP können die Mutationen heutzutage molekulargenetisch nachgewiesen werden.

 

Amsterdamkriterien (alle müssen erfüllt sein)

  1. mindestens drei Familienangehörige mit histologisch gesichertem kolorektalen Karzinom
  2. einer davon Verwandter ersten Grades der beiden anderen
  3. Erkrankungen in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Generationen
  4. mindestens ein Patient mit der Diagnose des kolorektalen Karzinoms vor dem 50. Lebensjahr
  5. Ausschluss einer Familiären Adenomatösen Polyposis (FAP)

 

Vorsorge

Da Dickdarmkrebs häufiger in industrialisierten Ländern und bei Menschen auftritt, die von Regionen mit einer geringen Inzidenz für einen Dickdarmkrebs in Regionen mit einem hohen Fettkonsum ziehen, wurde schon früh nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Ernährung und der Entstehung des Dickdarmkrebs geforscht. Insbesondere eine fett- und fleischreiche sowie ballaststoffarme Ernährung wurde als möglicher Risikofaktor in der Entstehung angesehen.

Zum heutigen Zeitpunkt muss festgestellt werden, dass weder fett- noch kohlenhydratreiche Kost allein eindeutig einen Anstieg des kolorektalen Karzinomrisikos in prospektiven Studien gezeigt hat. Für Ballaststoffe haben sich die bisher angenommenen protektiven Effekte besonders für Frauen anhand neuer Daten aus der amerikanischen Kohortenstudie »Nurses Health Study« nicht gezeigt (7).

Dagegen hat die Einnahme von Multivitaminpräparaten mit mindestens 400 mg Folsäure in der oben erwähnten Studie und in der »Health Professionals Follow-up Study« eine deutliche Reduktion im Auftreten von Kolonkarzinomen mit sich gebracht (8). Hinweise auf protektive Effekte haben sich zudem für hochdosiertes Kalzium, Selen, Knoblauch und Zwiebeln ergeben (9). Die Datenlage hierzu ist allerdings sehr inkonsistent, und da es sich bei der Ernährung um eine sehr komplexe Angelegenheit handelt, ist es sehr schwer, die Bedeutung der einzelnen Nährstoffe genau zu definieren. Neben der Ernährung wirken auch allgemeine Verhaltensweisen wie Gewichtnormalisierung und regelmäßige Bewegung schützend.

Daneben wurde in den letzten 20 Jahren festgestellt, dass nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAR) das Risiko, einen Darmkrebs zu entwickeln, reduzieren, nicht jedoch verhindern können. Diese Erkenntnisse sind mittlerweile auch durch epidemiologische Studien bestätigt (9). NSAR wirken über eine unspezifische Hemmung der COX-1- und COX-2-Isoenzyme. Während die COX-1-Rezeptoren überwiegend in normaler Mukosa angesiedelt sind, findet sich in neoplastisch oder entzündlich veränderter Mukosa vor allem COX-2. Durch Blockade der COX-1-Rezeptoren werden in der Regel die klassischen gastrointestinalen Nebenwirkungen wie Magen-Zwölffingerdarm-Geschwüre verursacht. Zudem scheint eine erhöhte Expression der COX-2-Rezeptoren bereits früh eine Rolle in der Karzinogenese zu spielen. Seit Einführung der COX-2-Inhibitoren stehen hier neue Therapiekonzepte zur Verfügung. In einer prospektiven doppelblinden, placebokontrollierten Studie an FAP-Patienten konnte in der Behandlungsgruppe mit zweimal täglich 400 mg Celecoxib eine Reduktion der Karzinome um 30 bis 40 Prozent gezeigt werden (10). Zurzeit läuft eine prospektive randomisierte, doppelblind placebokontrollierte Studie bei Patienten mit sporadischen Kolonkarzinomen. Die Ergebnisse hierzu bleiben abzuwarten.

Früherkennung

Wird ein kolorektales Karzinom frühzeitig identifiziert, steigen die Überlebenschancen der Patienten deutlich. Die Mortalitätsrate sinkt. Nicht nur Karzinome können entdeckt werden, sondern bereits die adenomatösen Vorstufen. Diese können bei einer Koloskopie mit einer Polypektomie, also mit einem Endoskop, an dessen Spitze sich eine ausfahrbare Diathermieschlinge befindet, abgetragen werden. Damit sinkt die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms, wie die »National Polyp Study« in den USA gezeigt hat (11). Für die Früherkennung stehen in Deutschland heute der Test auf okkultes Blut sowie endoskopische Verfahren (Sigmoidoskopie und Koloskopie) zur Verfügung.

Test auf okkultes Blut im Stuhl

In prospektiven, randomisierten Studien konnte gezeigt werden, dass ein ein- bis zweijährlich durchgeführter, guajac-basierter FOBT, also ein Fecal Occult Blood Test, ein Test auf okkultes Blut im Stuhl, die Inzidenz und Mortalität des kolorektalen Karzinoms reduzieren kann. Referenztest ist der Hämoccult®-Test, für dessen Effektivität weltweit die meisten Daten vorliegen. Es sind aber weitere guajac-basierte Tests für die Früherkennung zugelassen (Hemocare®, Hemofec®). Nicht zugelassen sind immunologische Teste und ein neu auf den Markt gekommener Selbsttest. Die Auswertung eines FOBT gehört in erfahrene Hände. Es konnte gezeigt werden, dass in bis zu 20 Prozent der Fälle eine Fehlbeurteilung im Sinne eines negativen Ergebnisses bei positivem Test abgelesen wurde (12). Aus diesen Gründen ist ein sorgfältiger und qualitätsgesicherter Umgang mit dem FOBT zu fordern.

Die Wirksamkeit dieser Maßnahme in Hinsicht auf eine Senkung der Inzidenz und der Mortalitätsrate ist jedoch sehr von der Teilnahmerate der Bevölkerung an dem Test abhängig. In den oben genannten Studien wurden unterschiedliche Teilnahmeraten für die Inanspruchnahme eines FOBT von circa 60 bis 90 Prozent erreicht. Lieberman konnte zeigen, dass ein Darmkrebs-Screening ab einer Teilnahmerate von 60 Prozent kosteneffektiv ist (13). In Bayern haben im Jahr 1995 gerade 15 Prozent der gesetzlich versicherten Männer und 23 Prozent der gesetzlich versicherten Frauen einen FOB-Test durchgeführt (14). Es ist eine Steigerung der Teilnahmeraten nötig, um eine Senkung der Mortalitätsrate zu erreichen.

Endoskopie

Die Sigmoidoskopie, die endoskopische Untersuchung des Colon sigmoideum (S-Darm), ist einfach durchzuführen, nebenwirkungsarm und kostengünstiger als eine Koloskopie. Sie wird deshalb vor allem in angloamerikanischen Ländern häufig zum kolorektalen Screening eingesetzt. Der Patient sollte mit Hilfe eines Einlaufs vorbereitet werden und braucht im Regelfall keine Sedierung (15). In einer Reihe von Fall-Kontrollstudien und einer kleinen randomisierten, kontrollierten Studie konnte die Effektivität dieser Methode bestätigt werden (16). Hintergrund ist, dass die Mehrzahl der Polypen und Adenome im Rektum und Sigma aufzufinden sind. Alle Patienten, bei denen Polypen gefunden wurden, müssen im Anschluss vollständig koloskopiert werden, damit das gesamte Kolon eingesehen werden kann und weitere Polypen, Adenome oder eventuell ein höher sitzendes Karzinom ausgeschlossen werden können. Die Kombination aus FOBT und Sigmoidoskopie wird zwar in einigen Ländern eingesetzt, die Daten haben aber bisher gerade für die flexible Sigmoidoskopie keine Überlegenheit der Kombination gegenüber dem alleinigen Einsatz eines FOBT oder einer Sigmoidoskopie bewiesen.

Zum Thema »Koslokopie« haben in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren zwei große Kohortenstudien für Aufsehen gesorgt: zum einen die 1993 veröffentlichte »National Polyp Study« (11), zum anderen die 2000 publizierte Studie von Lieberman et al. zum primären Screening mit Koloskopie (17). In beiden Studien konnte eine deutliche Risikoreduktion des Auftretens eines kolorektalen Karzinoms berichtet werden. Es gibt allerdings bisher keine prospektiven randomisierten, kontrollierten Studien. Dennoch liegt der Vorteil bei den endoskopischen Verfahren darin, dass Polypen, Adenome und Karzinome auch ohne Symptomatik (zum Beispiel Blutung) erkannt werden und durch die Entfernung von adenomatösen Polypen einer Karzinomentstehung präventiv begegnet wird. Sonnenberg et al. (18) haben die Koloskopie als kosteneffektiv und, unter Berücksichtigung der niedrigen Complianceraten bei einer Wiederholung der Untersuchung alle zehn Jahre, sogar am kostengünstigsten gegenüber den anderen Screeningverfahren mit FOBT oder Sigmoidoskopie alle fünf Jahre eingestuft.

In Deutschland wurde ab 1977 ein jährlich durchzuführender FOBT empfohlen, den Versicherte ab dem 45. Lebensjahr im Rahmen der Krebsfrüherkennungs-untersuchungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung in Anspruch nehmen konnten. Seit dem 1. Oktober 2002 wurde durch die Novellierung der Richtlinien des Bundesausschuss Ärzte und Krankenkassen (19) der FOBT als eigenständige Vorsorgemaßnahme ab dem 50. Lebensjahr und eine Vorsorgekoloskopie (Indikation ist der Ausschluss einer Kolonerkrankung ohne bisher beobachtete Symptome oder bekannte relevante Vorerkrankungen) mit Beginn des 56. Lebensjahrs in den Katalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen.

Virtuelle Kolographie

Die virtuelle Kolographie/Koloskopie ist eine Spiral-Computertomographie oder Magnetresonanztomographie, bei der auf Grund von speziellen Softwareprogrammen die zweidimensionalen Schnittbilder in eine dreidimensionale Darstellung umgerechnet werden und somit virtuell die Betrachtung des Kolons wie bei der Koloskopie ermöglicht wird. Die Vorteile dieser Untersuchungsmethode sind, dass sie nicht invasiv und die Untersuchungsdauer für den Patienten kürzer ist. Patienten müssen aber weiterhin vor der Untersuchung einen vollständig entleerten Darm haben. Auch wird für eine gute Darstellbarkeit Luft oder CO2 in den Darm insuffliert. In Studien, die an einem selektierten Patientengut mit hoher Prävalenz an Läsionen und überwiegend in spezialisierten Zentren durchgeführt wurden, konnte eine Spezifität von 71 bis 100 Prozent, eine Sensitivität von 85 bis 90 Prozent für Polypen über fünf Millimeter

und eine fast 100-prozentige Sensitivität für Karzinome gezeigt werden. Diese Testkriterien sinken auf unter 50 Prozent für Läsionen unter 5 Millimeter. Aus diesen Gründen kann derzeit keine Empfehlung für die Anwendung einer virtuellen Kolographie zum Screening oder zur Diagnostik ausgesprochen werden (20).

Diagnostik

Das Standardverfahren ist zunächst die hohe Koloskopie bei Verdacht auf einen Darmtumor. Jeder peranale Blutabgang sollte mit einer Koloskopie abgeklärt werden, da in vielen Fällen neben Hämorrhoiden auch vor allem tiefer sitzende Adenome oder Karzinome spontan bluten. Neben der Feststellung der Lokalisation und oberflächlichen Ausdehnung können schon während der Untersuchung Proben zur histologischen Abklärung und Bestätigung entnommen werden. Die Ausdehnung von flachen Adenomen kann besser nach Anfärbung mit speziellen Farbstoffen (zum Beispiel Indigokarmin) beurteilt werden. Es muss stets das gesamte Kolon inspiziert werden, da zu circa 5 Prozent synchrone Tumoren und in bis zu 30 Prozent der Fälle synchrone Adenome auftreten können (5). Die Doppelkontrastuntersuchung des Kolons ist heute nur eine Alternative bei einer nicht vollständigen Koloskopie, zum Beispiel bei einer kompletten Verlegung des Darmlumens oder bei Verdacht auf eine Perforation. Um die Eindringtiefe eines Rektumkarzinoms abschätzen zu können, eignet sich präoperativ eine Endosonographie.

Zur weiteren Abklärung von Metastasen sind eine Oberbauchsonographie sowie eine Röntgenaufnahme des Brustkorbs zwingend nötig. Je nach festgestellten Veränderungen sollten dann weitere Untersuchungen wie eine Computertomographie erfolgen.

Therapie

Standardverfahren sind heute radikale (R0) Resektionen. In Abhängigkeit von der Lokalisation des Primärtumors wird entsprechend der Gefäßversorgung in »no-touch«-Technik , also ohne den Tumor direkt zu berühren, damit keine Tumorzellen durch die Operation im Bauchraum verstreut werden, operiert und der Darm einschließlich des Mesenteriums und der Lymphknoten entfernt. Bei Tumoren im Stadium eines Carcinoma in situ (Tis), also eines oberflächlich begrenzten Tumors, oder eines Tumors im T1-Stadium mit endoskopischer Abtragung im Gesunden ist eine endoskopische engmaschige Überwachung möglich und sicher, vorausgesetzt, es hat sich in der Histologie ein »low risk« ohne Gefäß- oder Lympheinbruch sowie ein noch gut differenziertes und damit dem ursprünglichen Darmepithel sehr ähnliches Gewebe (G1 oder G2 ) gezeigt (21).

Eine adjuvante Chemotherapie, meist mit 5-Flourouracil eventuell in Kombination mit Folinsäure, wird derzeit entsprechend der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) ab dem UICC-Stadium III empfohlen (21).

Was kann der Apotheker tun?

Darmkrebs kann verhindert werden. Insbesondere Menschen mit einem familiären Risiko sollten dieses dringend berücksichtigen und zur Vorsorge gehen. Um die Inzidenz der gesamten Bevölkerung zu reduzieren, ist es wichtig, dass hohe Teilnahmeraten erreicht werden. Der Apotheker kann hier beraten, aufklären und zur Teilnahme anregen. Probleme zunächst organisatorischer Art ergeben sich bei der Ausgabe von Tests auf okkultes Blut. Da die Sensitivität und Spezifität entscheidend von der richtigen Auswertung des Tests abhängen, sollte diese durch erfahrene Hand erfolgen. Das weitere Problem ergibt sich, wenn ein Test positiv ist. Jeder positive Test auf Blut im Stuhl muss mit einer Koloskopie abgeklärt werden. Aber nicht bei jedem positivem Test ist zu erwarten, dass ein Kolonkarzinom gefunden wird. Das sorgt für großen Beratungsbedarf, um Ängste und Verdrängungsversuche der Patienten zu bewältigen. Hauptaufgabe für den Apotheker in der Vorsorge ist die Aufklärung darüber, dass man einem Darmkrebs vorbeugen kann. Daneben muss er darüber informieren, dass neben der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung auch eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung und eventuell der Einnahme eines Multivitaminpräparates mit Folsäure zur Vorbeugung beitragen kann. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass in Bayern vom 13. bis 15. März 2003 vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz in Kooperation mit der Bayerischen Landesapothekerkammer, der Bayerischen Landesärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, der Bayerischen Krebsgesellschaft, den bayerischen Regierungsbezirken und der Felix-Burda-Stiftung mit Unterstützung der Firmen Beckman-Coulter, Krefeld, Dr. Falk, Freiburg, und Pentax, Hamburg, zeitgleich in den sieben Hauptstädten der Regierungsbezirke entsprechende Aktionstage durchgeführt werden. Ziel dieser Aktion soll es sein, die Patienten über die Notwendigkeit der Vorsorge aufzuklären und Ängste und Tabus abzubauen.

 

Literatur

  1. Engel, J., Hölzel, D., Kalies, H.; Epidemiologie gastrointestinaler Malignome. Aus: Manual Gastrointestinale Tumore, Tumorzentrum München, 2001: 3- 6
  2. Gesundheitsbericht für Deutschland: Gesundheitsberichtserstattung des Bundes/Statistisches Bundesamt, Stuttgart: Metzler-Poeschel, 1998
  3. Tumorregister München, Hölzel, D., (Hrsg): Jahresbericht 1998 des klinisch-epidemiologischen Krebsregisters am Tumorzentrum München, Schwerpunkt: Kolorektale Karzinome. Zuckschwerdt Verlag München 1999
  4. Mulcahy, H. E. , Farthing, M. J. G., O’Donoghue, D.P., Fortnightly review: screening for asymptomatic colorectal cancer. BMJ 314 (1997): 285
  5. Hohenberger, W., Hermanek, P., König, H. J., Kolon-, Rektum-, und Analkanaltumore in: Hahn G., Riemann J. F. (Hrsg.) Klinische Gastroenterologie in 2 Bänden, Band 1, 3. Auflage (1996), Thieme Verlag Stuttgart, New York: S. 991 ff.
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  20. Birkner, B., Rösch, T., Virtuelle Koloskopie – eine Alternative zur Koloskopie? DMW 125 (2000): 1485-1486
  21. Schmiegel, W., Adler, G., Frühmorgen, P., et al. Kolorektales Karzinom: Prävention und Früherkennung in der asymptomatischen Bevölkerung – Vorsorge bei Risikopatienten – Endoskopische Diagnostik, Therapie und Nachsorge von Polypen und Karzinomen. Z Gastroenterol 38 (2000): 49-75
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Die Autoren

Nicola E. Fritz studierte von 1989 bis 1996 Humanmedizin an der TU München. Von Juli 1996 bis Dezember 1997 war sie als Ärztin im Praktikum in der gastroenterologischen Fachpraxis Dr. Birkner, Dr. Schatke, München, tätig. Von Januar 1997 bis Januar 1998 ging sie als Ärztin im Praktikum an das Klinikum Rechts der Isar, II. Med. Abt., bevor sie im Januar 1998 die Approbation erhielt. Nach dreieinhalb Jahren als Assistenzärztin in München und in Pfaffenhofen wurde sie 2001 promoviert. Nach einem Masterstudiengang »Public Health« an der Fakultät für Medizin der Ludwig-Maximilians-Universität von 2001 bis 2002 zum Thema »Der Einfluss der Medien auf die Inanspruchnahme von Maßnahmen zur Prävention des kolorektalen Karzinoms in der Bayerischen Bevölkerung« ist sie nunmehr als Assistenzärztin in der Praxis für Allgemeinmedizin Dr. Batze, Kirchheim, tätig.

Berndt R. Birkner absolvierte 1974 sein medizinisches Staatsexamen sowie im gleichen Jahr auch sein amerikanisches Examen (Educational Council for Foreign Medical Graduates) und seine Promotion an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bevor er 1975 die Approbation, 1983 die Gebietsbezeichnung »Internist« mit der Schwerpunktbezeichnung Gastroenterologie sowie 1990 die Zusatzbezeichnung »Medizinische Informatik« und 1997 die Zusatzbezeichnung »Koloskopie« erhielt. Birkner, der unter anderem Vorsitzender der Sektion Gastroenterologie des Berufsverbandes Deutscher Internisten sowie Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften und Kommissionen ist, wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet und ist Fachberater der Kassenärztlichen Vereinigung und der Landesärztekammer zur Qualitätssicherung und zum Qualitätsmanagement.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Berndt R. Birkner, Internist, Gastroenterologe (FEBG), med. Informatik
Einsteinstr. 1
81675 München
BBirkner@t-online.de

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