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Leiden im Verborgenen

03.03.2003
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Schilddrüsenknoten

Leiden im Verborgenen

von Joachim Feldkamp, Bielefeld

Unter einer Schilddrüsenvergrößerung leiden fast 30 Prozent der Bundesbürger. Etwa jeder Fünfte hat eine klinisch bedeutsame Schilddrüsenerkrankung, die unbehandelt weitere, oftmals schwere Gesundheitsschäden nach sich ziehen kann. Früherkennung nach der alten Weisheit „Wehret den Anfängen“ ist wichtig. Schildert der Patient entsprechende Symptome, sollte auch der Apotheker öfter an die Schilddrüse denken und zur Konsultation eines Arztes raten.

Die Schilddrüse liegt, schmetterlingsförmig die Luftröhre umfassend, am Hals unterhalb des Kehlkopfes. Das aus einem rechten und einem linken Lappen bestehende endokrine Organ darf bei der Frau maximal 18 Gramm, beim Mann 25 Gramm wiegen. Die Schilddrüse synthetisiert unter dem Einfluss des thyreoideastimulierenden Hormons (TSH) der Hirnanhangsdrüse L-Thyroxin (T4) und Triiodthyronin (T3). Diese Hormone sind an der Steuerung zahlreicher lebenswichtiger Stoffwechselprozesse beteiligt. Sie regulieren entscheidend den Zucker-, Fett- und Eiweißstoffwechsel sowie den Wärme-, Mineral- und Wasserhaushalt und wesentliche Bereiche des Energieumsatzes, mit anderen Worten: Von ihnen hängt es ab, ob der Stoffwechsel „auf Hochtouren“ oder „auf Sparflamme“ läuft. Herz, Magen-Darmtrakt, Muskulatur oder Haut werden von Schilddrüsenhormonen in unterschiedlicher Weise beeinflusst. Nicht zuletzt das psychische Wohlbefinden und die Denkfunktionen hängen von einem geregelten Schilddrüsenstoffwechsel ab.

Häufig spät erkannt

Die gesamte körperliche Entwicklung des Menschen ist den Schilddrüsenhormonen unterworfen, was besonders in der frühen Kindheit eine entscheidende Bedeutung hat. Ohne den Effekt der Hormone käme es beim Kind zu Kleinwuchs und zu geistiger Retardierung. Schon in der Schwangerschaft ist ein optimaler Hormonhaushalt der Mutter für das werdende Leben entscheidend. So muss häufig bei Frauen mit Hypothyreose unter laufender Schilddrüsenhormonsubstitution bei Gabe von Thyroxin die Dosis in der Schwangerschaft den größeren Anforderungen entsprechend nach oben korrigiert werden. Dies gilt auch für Frauen, die in oder nach den Wechseljahren eine Hormonersatztherapie erhalten. Ob Frau oder Mann: Gerade im Alter werden Funktionsstörungen der Schilddrüse häufig erst spät erkannt, da die typische Symptomatik der Schilddrüsenerkrankungen sich nicht immer klar oder nur mono- oder oligosymptomatisch manifestiert.

Krankheiten der Schilddrüse können sich durch eine Veränderung der Größe und Beschaffenheit des Organs, also in einem „Kropf“ oder „Struma“ äußern. Sie können sich aber auch durch eine Störung der Funktion, also eine Hyperthyreose oder Hypothyreose bemerkbar machen. Symptome der Schilddrüsenüberfunktion sind vermehrtes Schwitzen, Herzklopfen, schneller und manchmal unregelmäßiger Puls, Gewichtsabnahme, Zittern, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Haarausfall, gesteigerte Stuhlfrequenz und Blutdruckerhöhung als Auswirkungen des „angepeitschten Stoffwechsels“. Zeichen einer Schilddrüsenunterfunktion sind Kälteintoleranz, Frieren, Gewichtszunahme, Obstipation, Hypotonie, langsamer Puls, Antriebsstörungen, Lethargie, heisere Stimme und Hypercholesterinämie als Auswirkungen des gedrosselten Stoffwechsels. Als verminderte Ansprechbarkeit des Parenchyms der Schilddrüse auf die hypophysäre TSH-Kontrolle mit vermehrter Bildung von Schilddrüsenhormonen ist oftmals die Autonomie Ursache der Hyperthyreose. Zu dieser kann es jedoch auch in Folge der autoimmun bedingten Basedowschen Erkrankung kommen. Eine Hypothyreose kann häufig Folge einer Schilddrüsenoperation oder Radioiodtherapie sein. Zu spontanen Hypothyreosen kann es durch eine chronische Schilddrüsenentzündung kommen.

Mangel an Iod

Ein Kropf tritt zumeist bei einem Mangel des wichtigen Hormonbausteins Iod auf. Die Schilddrüse versucht, dem Iodmangel abzuhelfen, indem sie zusätzliches Gewebe bildet. Es kommt zur Hyperplasie und Hypertrophie der Schilddrüsenzellen sowie Proliferationen und letztlich knotigen Umwandlungen (1), wobei „heiße“ und „kalte“ Knoten entstehen. Mit heißen Knoten werden Bezirke im Schilddrüsenszintigramm umschrieben, die die applizierte radioaktive Substanz vollständig oder, verglichen mit dem umliegenden Gewebe, vermehrt speichern. Kalte Knoten sind Bereiche im Schilddrüsenszintigramm, die die radioaktive Substanz nicht oder, verglichen mit dem umgebenden Gewebe, vermindert speichern. Die heißen Knoten haben autonome, nicht mehr von der Hirnanhangdrüse gesteuerte Funktionen. Es handelt sich um „autonome Adenome“, die mit einer Schilddrüsenüberfunktion einhergehen können, während kalte Knoten am Schilddrüsenstoffwechsel nicht oder nur in sehr geringem Maße teilnehmen. „Warme“ Knoten sind in der Szintigraphie aufgrund des fehlenden Unterschieds zum Gewebeumfeld in Folge der Normalfunktion nicht nachweisbar. Sie müssen durch Palpation lokalisiert werden.

Schilddrüsenknoten sind in Deutschland sehr häufig. Erst kürzlich konnte durch Ultraschalluntersuchungen an rund 100 000 Menschen im Rahmen der Aktion „Papillon“ 2001/2002 gezeigt werden, dass die Prävalenz von Schilddrüsenvergrößerungen und knotigen Veränderungen der Schilddrüse in der Bevölkerung in Deutschland bei circa 30 Prozent anzusiedeln ist. Untersucht wurden im Wesentlichen Personen im arbeitsfähigen Alter. Mit zunehmendem Lebensalter sind noch höhere Prävalenzen zu erwarten. Nicht immer, jedoch überwiegend sind diese Knoten gutartiger Natur, in sehr seltenen Fällen kann sich jedoch auch ein Karzinom dahinter verbergen.

Die von der Weltgesundheitsorganisation angestrebte tägliche Iodaufnahme von 180 bis 200 µg Iodid zum Ausgleich des Iodmangels als Grundlage der Knotenbildung wird in Deutschland derzeit noch nicht erreicht, wenngleich in den letzten 10 bis 15 Jahren eine deutliche Besserung der Iodversorgung durch die Verwendung von iodiertem Speisesalz sowohl im Privatbereich wie auch im Bereich der industriell hergestellten Lebensmittel zu verzeichnen ist (2). Dementsprechend findet sich bei Kindern und Jugendlichen heute eine deutlich geringere Zahl knotiger Schilddrüsenveränderungen im Vergleich zu Kindern noch in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts (3, 4).

Oft fehlt klinische Symptomatik

In der Regel verursachen kleinere Knoten in der Schilddrüse keinerlei Beschwerden, sodass die Diagnose bei fehlender klinischer Symptomatik häufig zufällig bei einer aus anderen Gründen durchgeführten Ultraschalluntersuchung im Halsbereich gestellt wird. Sehr selten können auch auffällige Laborbestimmungen auf die Schilddrüse hinweisen. Bei zunehmendem Wachstum der gesamten Schilddrüse oder einzelner Knoten kann ein Globusgefühl auftreten, das sich bis zu Schluckstörungen steigern kann. Im Anfangsstadium beklagen viele Patienten ein Beengungsgefühl beim Tragen von Kleidung im Halsbereich. Bei sehr großen Schilddrüsen kann es zu einer Verlagerung oder Einengung der Luftröhre mit entsprechender Symptomatik der Luftnot kommen. Eine vermehrte Venenzeichnung im Halsbereich ist Ausdruck einer venösen Abflussstörung bei stark vergrößerter Schilddrüse (siehe "Symptome der Knotenstruma").

 

Symptome der Knotenstruma

  • häufig fehlende klinische Symptomatik
  • sicht- und tastbare Knoten am Hals
  • Globusgefühl
  • Räusperzwang
  • Schluckstörungen
  • Luftnot bei Verengung der Trachea
  • venöse Zeichnungsvermehrung bei Abflussstauung
  • in seltenen Fällen Heiserkeit
  • bei heißen Knoten Zeichen der Schilddrüsenüberfunktion

 

Die Diagnostik der Schilddrüsenknoten umfasst die Eigenanamnese, die Fremdanamnese, die körperliche Untersuchung, Laboruntersuchungen, eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse einschließlich der umgebenden benachbarten Organstrukturen sowie eine szintigraphische Untersuchung.

Exakte Diagnostik

Durch die Schilddrüsensonographie mit einem hoch auflösenden Ultraschallkopf mit mindestens 7,5 MHz lässt sich auch seitengetrennt die Größe der Schilddrüse exakt bestimmen. Knotige Veränderungen können in ihrer Anzahl, Größe und Echogenität genau beschrieben werden (5). Während benigne Schilddrüsenknoten in der Regel glatt begrenzt sind und ein echonormales oder eher echoreiches Schallmuster aufweisen, zeichnen sich Schilddrüsen-malignome durch eine unscharfe Begrenzung, gelegentlich ein Überschreiten der Organkapsel, ein echoarmes oder echokomplexes Ultraschallmuster sowie in der farbdoppler-sonographischen Untersuchung durch eine zentrale Vaskularisation aus (6). Bei benignen Knoten, besonders bei autonomen Adenomen, zeigt sich häufiger eine deutlich verstärkte Randvaskularisation. Zystische Veränderungen sind in der Regel glatt begrenzt und weisen ein fehlendes Echosignal als Zeichen der Flüssigkeitsansammlung auf.

Um eine Einschätzung der Funktionalität sonographisch gesicherter oder palpabler, sprich: tastbarer, Knoten zu gewinnen, wird in der Regel eine Schilddrüsenszintigraphie mit dem Radionuklid 99m Technetium-Pertechnetat durchgeführt. Diese Substanz wird wie Iod durch das zuständige Transporteiweiß, den Natrium-Iodid-Symporter, an der Schilddrüsenzellmembran in die Schilddrüsenzelle aufgenommen, jedoch nicht in Proteine eingebaut, sodass das Radiopharmakon nach kurzer Zeit die Schilddrüse wieder verlässt. In einer Zeitspanne von etwa 15 bis 25 Minuten nach Applikation des Radionuklids kann eine Funktionsaufnahme der Schilddrüse mit der Gammakamera durchgeführt werden. Knoten mit normaler Funktionalität zeigen im Szintigramm keine Auffälligkeiten. Heiße Knoten zeichnen sich durch eine verstärkte Anreicherung des Technetiums aus. Kalte Knoten weisen eine fehlende Speicherung der Testsubstanz auf. Werden sonographisch knotige Veränderungen mit einer Größe von über 1 cm gefunden, so kann erwartet werden, dass szintigraphisch eine ausreichende Aussage über das Speicherverhalten der Knoten möglich ist.

Da circa 4 bis 10 Prozent der kalten Knoten maligne sein können, ist eine weitere zytologische oder histologische Abklärung dieser Knoten notwendig (7, 8). Die sonographisch gesteuerte Feinnadelpunktion weist eine Sensitivität von über 90 Prozent beim geübten Untersucher auf. Unter sonographischer Sicht wird dabei eine sehr feine Punktionsnadel in den Knoten vorgeschoben und ebenfalls unter Sicht eine kleine Menge Knotenmaterial in die Nadel aspiriert, also angesaugt. Die zytologische Aufarbeitung kann dann Aufschluss über die Dignität, also Gut- und Bösartigkeit des Prozesses geben (9, 10). In seltenen Fällen kann jedoch eine so genannte follikuläre Neoplasie vorliegen. Hierbei handelt es sich um eine proliferative Veränderung der Schilddrüse, bei der man zytologisch nicht ganz sicher zwischen einem follikulären Adenom und einem follikulären Schilddrüsenkarzinom unterscheiden kann, sodass in diesem Falle als endgültige Maßnahme eine operative Knotenentfernung zur histologischen Sicherung notwendig ist. Das Malignitätsrisiko ist gesteigert bei jüngeren und hier vorwiegend männlichen Patienten mit Solitärknoten, schnell wachsenden Knoten, sonographisch echoarmen soliden Knoten, szintigraphischem Speicherdefekt und/oder palpablen Lymphknoten. Ein geringeres Risiko haben ältere Patienten mit multiplen Knoten, sonographisch echoreichen und echogleichen Knoten, szintigraphisch normaler Speicherung oder langer Strumaanamnese.

Medikamentöse Therapie

Im Struma-Endemiegebiet Deutschland empfiehlt sich als kausale Therapie der Iodmangelstruma die Verabreichung einer ausreichend hohen Dosis von Iodid, um die Iodspeicher der Schilddrüse aufzufüllen (11). In der Regel reichen auf Grund der derzeitigen Iodversorgung in Deutschland dabei Iodidmengen von 100 bis 200 µg pro Tag aus. Durch die Kombination mit Schilddrüsenhormonen kann eine schnellere Organverkleinerung erreicht werden. Eine alleinige L-Thyroxinbehandlung wird in der Regel den pathophysiologischen Mechanismen nicht gerecht und führt lediglich über die funktionelle Substitution der Schilddrüsenfunktion zu einer Verkleinerung der Schilddrüse. Im Auslassversuch kommt es dann schnell wieder zu einem Organwachstum. Insgesamt gibt es eine Reihe von Studien, die unter einer Schilddrüsenhormonmedikation beziehungsweise einer kombinierten Iodid/Schilddrüsenhormonmedikation auch eine Verkleinerung von Schilddrüsenknoten schildern (12). Bei größeren Knoten zeigt sich jedoch, dass eine medikamentöse Beeinflussung oft ohne Erfolg ist (13). Auf Grund der hohen Prävalenz knotiger Schilddrüsenveränderungen ist jedoch nicht bei all diesen Patienten eine Operation angezeigt. Besonders bei alten Patienten sollte durchaus eine abwartend beobachtende Haltung eingenommen werden. Bei deutlichem Befundprogress und in jedem Falle bei Malignitätsverdacht ist natürlich ein chirurgischer Eingriff angezeigt.

 

Das „Forum Schilddrüse“ stellt sich vor Schilddrüsenkrankheiten zählen wegen des naturbedingten Iodmangels in unserer Nahrung und der bisher ungenügenden Iodprophylaxe zu den Volkskrankheiten: Eine Iodmangel-Struma entwickelt sich häufig auch in der Pubertät oder Schwangerschaft. Ein Großteil der Betroffenen ist sich dieses Problems nicht bewusst, da eine Vergrößerung der Schilddrüse zunächst optisch kaum wahrzunehmen ist und nur geringe subjektive Beschwerden verursacht. Die durch Schilddrüsenkrankheiten entstehenden Folgekosten werden auf über eine Milliarde Euro pro Jahr geschätzt.

In Ländern mit einer der Bundesrepublik vergleichbaren medizinischen Infrastruktur wurden Organisationen gegründet, die im weitesten Sinne des Wortes Öffentlichkeitsarbeit über die großenteils vermeidbaren beziehungsweise schicksalhaft bedingten, meist chronisch verlaufenden Schilddrüsenkrankheiten leisten sollen. Als Beispiel sei die „Thyroid Foundation of America“ genannt. Mit ähnlicher Zielsetzung wurde in Deutschland im August 1988 das Forum Schilddrüse e. V. gegründet, das sich der Problematik von Schilddrüsenkrankheiten annehmen will. Dieses Forum sichtet unter anderem die neuesten Erkenntnisse zur Diagnose und Therapie von Schilddrüsenkrankheiten, um sie in die Fortbildung von Ärzten und die Information von Laien einfließen zu lassen. Denn: Nichts ist besser für die Prognose als die aktive Mithilfe der Patienten. Dies erfordert jedoch eine umfassende Information über die Ursachen und Symptome einer Krankheit, ihre Diagnose und Therapie.

Förderung der Wissenschaft, Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Einrichtungen im In- und Ausland, Informationen der Öffentlichkeit auch über sozialmedizinischen Folgen bei Schilddrüsenkrankheiten: Das Forum Schilddrüse e. V. verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke. Dem jetzigen amtierenden wissenschaftlichen Beirat gehört neben zwölf Ärzten, zu denen der Autor dieses Titelbeitrages, Professor Dr. Joachim Feldkamp, zählt, mit ABDA-Geschäftsführerin Dr. Christiane Eckert-Lill, Berlin, auch eine Apothekerin an.

Kontakt:
Forum Schilddrüse e. V.
Sekretariat
Rembrandtstraße 13
60596 Frankfurt/Main
Telefon (0 69) 63 80 37 27
Fax (0 69) 60 32 73 66
info@forum-schilddruese.de
www.forum-schilddruese.de

 

Schilddrüsenautonomie

Als Ursache heißer Knoten (autonome Adenome) konnten in den vergangenen Jahren zunehmend Mutationen im Bereich des TSH-Rezeptors auf der Schilddrüsenzelle und im Bereich des GS-Alphaproteins innerhalb der Schilddrüsenzelle nachgewiesen werden (14). Diese konstitutionell aktivierenden Mutationen führen zu einer permanenten Aktivierung der intrazellulären Signalkaskade in der Schilddrüsenzelle mit dauerhafter Aktivierung der Schilddrüsenhormonsynthese. Mit zunehmender Zahl dieser autonom agierenden Schilddrüsenzellen kommt es dann auch im peripheren Blut zu einer Anhebung der Schilddrüsenhormonwerte auf supranormale Spiegel. Dies führt zu den typischen beschriebenen Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion.

Besonders im höheren Lebensalter kann die Hyperthyreose Auslöser von Herzrhythmusstörungen (Tachyarrhythmia absoluta) sein, sodass eine Therapie mit Thyreostatika wie Carbimazol und Thiamazol frühzeitig erfolgen sollte (15,16). Neben den Herzrhythmusstörungen kann eine langjährig bestehende Schilddrüsenüberfunktion bei postmenopausalen Frauen zu einer vermehrten Abnahme der Knochendichte und damit einer erhöhten Osteoporosegefahr führen (17). Die Schilddrüsenszintigraphie ist die wegweisende diagnostische Methode beim Nachweis autonomer Funktionsstörungen, die als über die gesamte Schilddrüse verteilte disseminierte Autonomie oder als uni- oder multifokale Autonomie auftreten kann. Beim asymptomatischen Nachweis autonomer Adenome ist, abhängig von der Knotengröße und des Gesamtareals autonom funktionierender Schilddrüsenbezirke, mit einer Konversionsrate von etwa 5 Prozent pro Jahr in eine definitive Schilddrüsenüberfunktion zu rechnen. Die frühzeitige und definitive Behandlung einer Schilddrüsenautonomie ist zu erwägen bei älteren, multimorbiden Patienten und bei Patienten, bei denen eine Applikation iodhaltiger Röntgenkontrastmittel zu erwarten ist.

Thiamazol und Carbimazol

Die Behandlung der Schilddrüsenautonomie erfolgt bei hyperthyreoter Stoffwechsellage zunächst in der Gabe thyreostatisch wirksamer Medikamente, die eine Neuproduktion von Schilddrüsenhormonen verhindern. Hier werden in Deutschland und Europa vorwiegend Thiamazol und Carbimazol eingesetzt. Wegen der zusätzlichen Konversionshemmung von T4 zu T3 wird in Amerika überwiegend Propylthiouracil rezeptiert. In geringerem Ausmaß und bei Unverträglichkeit auf Thiamazol oder Carbimazol wird diese Substanz allerdings auch in Deutschland verwandt. Selten ist eine Behandlung mit Natriumperchlorat, einem kompetitiven Hemmer der Iodaufnahme in die Schilddrüse, angezeigt. Die Domäne dieser Substanz liegt in der Prophylaxe der Iodaufnahme bei geplanter Kontrastmittelapplikation mit zu erwartender Iodkontamination, um eine Schilddrüsenüberfunktion zu verhindern.

Nach Einstellung der Stoffwechsellage auf euthyreote Laborwerte sollte bei autonomen Funktionsstörungen eine definitive Therapie entweder im Sinne einer operativen Sanierung oder einer Radioiodtherapie erfolgen. Für eine Radioiodtherapie spricht eine nicht zu starke Schilddrüsenvergrößerung ohne weitere knotige Veränderungen. Für eine operative Sanierung sprechen voluminöse Schilddrüsenveränderungen mit mehrknotigem Umbau oder Malignitätsverdacht.

Die Radioiodtherapie wird unter stationären Bedingungen durch Applikation einer individuell berechneten Menge des Radiopharmakons Iod 131 durchgeführt. Diese Substanz hat neben der Gammastrahlung, die mittels Gammakamera sichtbar gemacht werden kann, eine hochenergetische Betastrahlung mit einer Reichweite von knapp 1 mm. Durch Einlagerung und Organifizierung des Radiopharmakons in die autonom funktionierenden Schilddrüsenzellen können diese mit Hilfe des Strahlungseffektes ausgeschaltet werden. Der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt beträgt zur Zeit circa 4,5 Tage bei autonomen Funktionsstörungen. Der Patient darf keinen Besuch empfangen, während diese Therapiemaßnahme in Nachbarländern ambulant durchgeführt wird. Ganz selten kann es als Nebenwirkung zu einer Strahlengastritis oder aber zu Entzündungen der Schilddrüse kommen. Vorteil einer operativen Sanierung ist die Ausschaltung sämtlicher knotiger Veränderungen in der Schilddrüse, sodass die Rezidivraten in der Regel geringer sind. Nachteil der Operation ist die auch bei sehr erfahrenen Chirurgen nicht gänzlich auszuschaltende Rate an Stimmbandlähmungen sowie in sehr seltenen Fällen ein postoperativer Hypoparathyreoidismus (18).

Schilddrüsenmalignom

Schilddrüsenkarzinome gehören mit einem Anteil von 0,5 bis 1 Prozent aller Krebserkrankungen zu den seltenen Tumoren. Die jährliche Inzidenz beträgt etwa 3 pro 100.000 Einwohner. Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer (19). Eine Bestrahlung im Halsbereich in der Vorgeschichte stellt einen Risikofaktor dar. So führten die in den 50er-Jahren häufiger durchgeführten „Entzündungsbestrahlungen“ am Hals in späteren Jahren nicht selten zu Schilddrüsenkarzinomen. Auch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl hat in Weißrussland und in Teilen Polens zu einem dramatischen Anstieg von Schilddrüsenkarzinomen besonders bei Kindern geführt. In den nächsten Jahren ist auf Grund der verbesserten Prognose kindlicher Tumoren mit Einsatz von Chemotherapien und Bestrahlung mit Zweittumoren der Schilddrüse in dieser Patientengruppe zu rechnen, sodass hier eine gute Überwachung im Lebensverlauf stattfinden sollte.

Histologisch werden differenzierte und undifferenzierte Schilddrüsenkarzinome unterschieden. Bei den differenzierten Schilddrüsenkarzinomen macht das so genannte papilläre Schilddrüsenkarzinom den Großteil der Erkrankungen aus, gefolgt von den follikulären Schilddrüsenkarzinomen. Mit circa 15 Prozent aller Schilddrüsenkarzinome ist das so genannte medulläre Schilddrüsenkarzinom als weitere Sonderform des Tumors eher selten. Diese Tumorart geht von den parafollikulären C-Zellen in der Schilddrüse aus. Eine extrem schlechte Prognose hat das anaplastische, also enddifferenzierte Schilddrüsenkarzinom.

Die Primärtherapie des Schilddrüsenkarzinoms besteht in der Thyreoidektomie einschließlich einer differenzierten Lymphknotenchirurgie entsprechend der Primärgröße des Tumors. Lediglich nicht invasive papilläre Mikrokarzinome (< 1 cm) können in einer modifizierten Weise operiert werden. Hier reicht prinzipiell die Hemithyreoidektomie, also die einseitige Lappenentfernung. Auch eine Radioiodnachbehandlung ist bei dieser Entität nicht erforderlich. Ansonsten sollten alle Patienten mit differenzierten Schilddrüsenkarzinomen einer Radioiodtherapie unterzogen werden. Durch diese Therapie, die heute noch in der Regel in hypothyreoter Stoffwechsellage durchgeführt wird, können verbliebene Schilddrüsenzellen im Schilddrüsenlager sowie möglicherweise verstreute Schilddrüsenzellen eliminiert werden (20). Die Prognose ist günstig. So beträgt das 20-Jahres-Überleben bei Patienten mit papillärem Schilddrüsenkarzinom 90 Prozent, bei Patienten mit follikulärem Schilddrüsenkarzinom circa 70 Prozent. Das papilläre Mikrokarzinom geht mit 10-Jahres-Überlebensraten von 99 Prozent einher (21).

Die Optimierung der Radioiod-Therapie wird durch die starke TSH-Stimulation der Schilddrüsenzellen in der Schilddrüsenunterfunktion erreicht. Eine neuere Option stellt die intramuskuläre Gabe von rekombinant hergestelltem TSH (Thyrogen®) dar. Durch die zweimalige Applikation dieser Substanz im 24-Stunden-Abstand können ausreichend hohe TSH-Spiegel erzielt werden, sodass eine Radioiodtherapie beziehungsweise eine Ganzkörperszintigraphie im Rahmen der Nachsorge mit guten Ergebnissen durchgeführt werden kann (22). Durch diese Methode wird den Patienten die gelegentlich unangenehme Phase der Hypothyreose erleichtert. Derzeit ist die Substanz jedoch noch sehr teuer und wird aus diesem Grunde nicht regelhaft eingesetzt.

Autonomie, Hyperthyreose, Hypothyreose, Struma, Malignom: Die diagnostischen Methoden erlauben eine sichere und rasche Erkennung von Schilddrüsenerkrankungen. Moderne Therapieoptionen gehen mit exzellenten Prognosen einher. Allerdings sind Diagnose und Therapie nur möglich, wenn der Patient beim Arzt „vorstellig“ wird. Der Apotheker kann wesentlich zur Früherkennung und Frühbehandlung beitragen, indem er Zeichen einer möglichen Schilddrüsenerkrankung wie Sicht- und tastbare Knoten, Haar- und Hautstörungen, Gewichtsabnahme oder -zunahme, Heiserkeit, Räusperzwang oder aber Schilderungen von Engegefühl im Halsbereich, Schluckstörungen, Pulsbeschleunigung und familiärer Belastung am Patienten erkennt beziehungsweise zuordnet und entsprechend handelt, diesen also berät und an den Arzt verweist. Die Belastungen für den Körper durch Schilddrüsenerkrankungen und -funktionsstörungen sind nicht zu unterschätzen. Ihre Therapie trägt ganz entscheidend auch zur Steigerung der Lebensqualität bei.

 

Literatur

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  2. Meng, W.; Scriba, P.C. Jodversorgung in Deutschland: Probleme und erforderliche Maßnahmen - Update 2002 Deutsches Ärzteblatt 99, Nr. 39 (2002), A2560 - 2564.
  3. Rendl, J., Juhran, N., Reiners, C. ,Thyroid volumes and urinary iodine in German school children. Exp. Clin. Endocrinol. Diabetes 109, Nr.18 (2001), 8 - 12.
  4. Hampel, R., et al., Continuous rise of urinary iodine excretion and drop in thyroid gland size among adolescents in Mecklenburg-West-Pomerania from 1993 to 1997. Exp. Clin. Endocrinol. Diabetes 108, Nr. 3 (2000)197 - 201.
  5. Saller, B., et al., Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenkrankheiten. Der Internist 38 (1997) 177.- 185.
  6. Shimamoto, K.,et al., Thyroid nodules: evaluation with color Doppler ultrasonography. J. Ultrasound Med. 12 (1993) 673-678.
  7. Belfiore, A.,et al., Cancer risk in patients with cold thyroid nodules: relevance of iodine intake, sex, age, and multinodularity. Am. J. Med. 93 (1992) 363 -.369.
  8. Mazzaferri, E.L., Management of a solitary thyroid nodule. N. Engl. J. Med. 328 (1993) 553 - 559.
  9. Danese, D., et al., Diagnostic accuracy of conventional versus sonography-guided fine-needle aspiration biopsy of thyroid nodules. Thyroid 8 (1998) 15 .- 21.
  10. Krishnamurthy, S., Bedi, D.G., Caraway, N.P., Ultrasound-guided fine-needle aspiration biopsy of the thyroid bed. Cancer 93, Nr. 3 (2001) 199 - 205.
  11. Hintze, G., Emrich, D., Köbberling, J., Treatment of endemic goitre due to iodine deficiency with iodine, levothyroxine or both: results of a multicentre trial. Eur. J. Clin. Invest. 19, Nr. 6 (1989) 527 - 534.
  12. Zelmanovitz, F., Genro, S., Gross, J.L., : Suppressive therapy with levothyroxine for solitary thyroid nodules: a double-blind controlled clinical study and cumulative meta-analyses. J. Clin. Endocrinol. Metab. 83 (1998) 3881.-.3885.
  13. Quadbeck, B., et al., Long-term follow-up of thyroid nodule growth. Exp. Clin. Endocrinol. Diabetes 110 (2002) 1 - 7.
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  15. Sawin, C.T., Subclinical hyperthyroidism and atrial fibrillation. Prediction of all-cause and cardiovascular mortality in elderly people from one low serum thyrotropin result: a 10-year cohort study. Thyroid 12, Nr. 6 (2002) 501 - 503.
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Der Autor

Joachim Feldkamp studierte Humanmedizin in Düsseldorf und war dort 1986 auch als Assistenzarzt am Marienkrankenhaus tätig, bevor er von 1986 bis 1991 zur Weiterbildung in der Inneren Medizin als Assistenzarzt nach Mönchengladbach-Rheydt ging. 1989 schließlich wurde Feldkamp mit einer Arbeit über Komplikationen diabetischer Kinder beim Sport promoviert. 1991 wechselte er als wissenschaftlicher Assistent an die Klinik für Endokrinologie und Rheumatologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und erhielt 1992 die Facharztbezeichnung Innere Medizin. 1994 wurde Feldkamp Oberarzt der Klinik für Endokrinologie und Rheumatologie, seit 1995 besitzt er die Schwerpunktbezeichnung Endokrinologie. Als Stellvertreter des Klinikdirektors übernahm er im gleichen Jahr die Leitung der endokrinologischen Laboratorien der Heinrich-Heine-Universität. Es folgte 1999 die Habilitation über Mechanismen des programmierten Zelltodes humaner Schilddrüsenzellen sowie 2001 die Qualifikation als Diabetologe. 2002 übernahm Feldkamp die Chefarztposition der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie, Städtische Kliniken Bielefeld Mitte. Er hat die Kassenermächtigung für den Bereich Endokrinologie.

 

Anschrift des Verfassers:
Privat-Dozent Dr. med. Joachim Feldkamp
Chefarzt der Klinik für Allgemeinmedizin und Endokrinologie
Städtische Kliniken Bielefeld Mitte
Teutoburger Straße 50
33604 Bielefeld
Telefon (05 21) 5 81-35 00
Fax (05 21) 8 81 35 99
Joachim.Feldkamp@sk-bielefeld.de

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