Pharmazeutische Zeitung online

Dem Darmkrebs vorbeugen

23.02.2004
Datenschutz bei der PZ

Darmkrebsmonat März

Dem Darmkrebs vorbeugen

von Gudrun Heyn, Berlin

Bereits zum dritten Mal ist der März Darmkrebsmonat. Auf Initiative der Felix-Burda-Stiftung wird im ganzen Bundesgebiet wieder zur Vorsorge und Früherkennung aufgerufen. Denn bei früher Diagnose hat kein anderer Tumor so gute Aussichten, erfolgreich behandelt zu werden, wie der Darmkrebs. Bei der Aktion sind die Apotheker wieder mit im Boot.

Spricht man von Darmkrebs, so ist damit fast immer eine Krebserkrankung des Dickdarms (Kolonkarzinom) oder des Mastdarms (Rektumkarzinom) gemeint. Mit rund 260.000 Neuerkrankungen im Jahr 2000 stehen die kolorektalen Karzinome in der Europäischen Union auf dem ersten Platz der diagnostizierten Tumorerkrankungen (1). In der Bundesrepublik erkranken jährlich mehr als 60.000 Menschen neu, während rund 32.000 Patienten daran sterben. Hinsichtlich Inzidenz und Mortalität liegt Deutschland damit an der Spitze in Europa. Die niedrigsten Erkrankungsraten in den Ländern der EU findet man in Griechenland, Finnland und Spanien (2).

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass durch die gezielte Vermeidung von Risikofaktoren und durch Früherkennungsmaßnahmen die Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate um die Hälfte gesenkt werden könnte (3).

Darmkrebs wächst langsam

Für die Entstehung von kolorektalen Karzinomen scheint die genetische Disposition besonders bedeutend zu sein. So sind bei 20 Prozent der deutschen Bevölkerung die an der Tumorentstehung beteiligten Erbfaktoren vorhanden (4). Neben dem Erbgut ist das Alter der größte Risikofaktor (5). Aber auch Ernährungs- und Lebensgewohnheiten spielen eine Rolle. Die hohe Neuerkrankungsrate, vor allem in den Industrieländern, wird zunehmend auf die dort übliche Ernährung zurückgeführt.

 

Aktionen laufen an In die Aktionen zum Darmkrebsmonat März sind auch in diesem Jahr die Apotheker miteinbezogen. Über die ABDA werden derzeit alle Apotheken mit Infoblättern und Plakaten beliefert. Die Faltblätter mit einer Auflage von 1,6 Millionen sind zur Auslage in den Verkaufsräumen vorgesehen und enthalten viel Wissenswertes rund um das Thema Darmkrebsprävention. Parallel dazu erhalten insgesamt 70.000 niedergelassene Ärzte und Reformhäuser Informationsmaterial.

 

Kein anderer Tumor gibt auf Grund seiner langsamen Entwicklung über Vorstadien so viel Zeit zum Handeln (4). Mehr als 90 Prozent aller kolorektalen Karzinome entstehen aus Darmpolypen, so genannten Adenomen (3, 6). Ihre maligne Progression verläuft stufenweise über zunehmende Dysplasien des Kolonepithels. Zehn bis 15 Jahre dauert es durchschnittlich, bis aus einem kleinen, neoplastischen Polypen ein invasiv und metastasierend wachsendes Karzinom entstehen kann (6, 7).

Die Reihenfolge der genetischen Veränderungen, durch die aus normaler Dickdarmschleimhaut ein kolorektales Karzinom entsteht, wird als Adenom-Karzinom-Sequenz bezeichnet. Etwa 85 Prozent der sporadisch auftretenden kolorektalen Karzinome folgen dem Tumorsuppressor-Signalweg (8). Gekennzeichnet ist dieser vor allem durch den Verlust von Tumorsuppressorgenen, deren Aufgabe es ist, regulierend auf die Zellproliferation einzuwirken, indem die Apoptose genetisch veränderter Zellen eingeleitet wird. Dabei finden die Mutationen in Onkogenen und Tumorsuppressorgenen in der Tumorzelle selbst statt.

Je nach histologischen Eigenschaften, Konfiguration und Größe können Adenome in unterschiedlichem Maß entarten. Während die Wahrscheinlichkeit invasiven Wachstums bei Adenomen, die kleiner als ein Zentimeter sind, nur bei einem Prozent liegt, beträgt sie bei Adenomen mit einer Größe über zwei Zentimetern bereits 30 bis 50 Prozent (7). Bis zum 60. Lebensjahr findet man bei etwa jedem fünften Bundesbürger Darmpolypen, im höheren Alter fast bei jedem zweiten (6). Jedoch werden nur wenige Adenome größer als ein Zentimeter und entwickeln sich zum Krebs.

Grund zum frühzeitigen Handeln

Werden Polypen konsequent entfernt, ist es in der Regel möglich, die Karzinomrate drastisch zu reduzieren. Aber auch Patienten, deren Tumor in einem frühen Entwicklungsstadium entdeckt und behandelt wird, haben eine sehr gute Prognose.

Sind die Krebszellen nur in der obersten Schicht der Darmschleimhaut zu finden, überleben mehr als 90 Prozent der Betroffenen die nächsten fünf Jahre. Im Stadium II der UICC-Klassifikation (Union Internationale Contre le Cancer; Tabelle 1), in dem sich das Karzinom noch auf die Darmwand beschränkt, haben die Patienten eine Fünfjahres-Überlebensrate von mehr als 80 Prozent. Dagegen sinkt die Wahrscheinlichkeit auf unter 50 Prozent, wenn Lymphknoten beteiligt sind (Stadium III). Nicht einmal drei Prozent der Patienten überleben die nächsten fünf Jahre, wenn bereits eine Fernmetastasierung (Stadium IV) eingetreten ist (4).

 

Tabelle 1: Stadieneinteilung bei Darmkrebs
(nach www.darmkrebs.de)

UICC-Einteilung, Dukes-StadienTNM-StadiumBedeutung Stadium I
(Klasse A) T1-2 N0 M0 Kleiner, noch nicht fortgeschrittener Tumor, der sich auf seinen Entstehungsort beschränkt. Er hat die Darmschleimhaut befallen (T1) oder ist zusätzlich in die Darmmuskelschicht eingedrungen (T2). Stadium II
(Klasse B) T3-4 N0 M0 Größerer Tumor, der sich noch auf seinen Entstehungsort beschränkt. Er ist in alle Schichten der Darmwand eingedrungen. Stadium III
(Klasse C) T1-4 N1-2 M0 Bereits fortgeschrittener Tumor. Er ist in benachbartem Gewebe eingewandert oder Tumorzellen sind in den benachbarten Lymphknoten nachweisbar (N1-2). Stadium IV
(Klasse D) T1-4 N0-2 M1 Es wurden zusätzlich auch Fernmetastasen, etwa in Lunge oder Leber, entdeckt.

 

In der TNM-pTNM-Klassifikation beschreibt T (Tumor) die Ausdehnung des Primärtumors, N (Nodulus) das Fehlen oder Vorhandensein von Lymphknotenmetastasen und M (Metastase) das von Fernmetastasen. Weniger gebräuchlich ist heute die Stadieneinteilung nach Dukes.

 

„Bedauerlich ist, dass in der Bundesrepublik derzeit noch fast die Hälfte aller Darmkarzinome in den ungünstigen Stadien drei und vier diagnostiziert wird“, sagt Professor Dr. Jürgen Riemann vom Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein. So überleben durchschnittlich nur 48 Prozent der betroffenen Männer und nur 51 Prozent der Frauen mit kolorektalem Karzinom die nächsten fünf Jahre (2).

Früherkennung ist sinnvoll

Mit einem durchschnittlichen Erkrankungsalter von 67 Jahren bei Männern und 72 Jahren bei Frauen ist das kolorektale Karzinom eine typische Erkrankung des höheren Lebensalters (2, 7). Sinnvollerweise sollte mit der Früherkennung aber schon mit 45 Jahren begonnen werden, da das Erkrankungsrisiko bereits ab diesem Alter zunimmt (3). Außerdem kennt man Gruppen, die ein erhöhtes Tumorrisiko haben (4):

  • Personen mit gehäuftem Auftreten von Darmkrebs bei Verwandten ersten oder zweiten Grades, insbesondere, wenn die Erkrankung vor dem 45. Lebensjahr aufgetreten ist;
  • Personen, die Träger der genetischen Veränderung der familiären, adenomatösen Polyposis (FAP) sind;
  • Personen, die Träger der genetischen Veränderung des hereditären, nicht polypösen, kolorektalen Karzinoms (HNPCC) sind.

Durch eine Familienstammbaumanalyse und gegebenenfalls molekulargenetische Untersuchungen lässt sich abklären, wer diesen Risikogruppen angehört.

Als Leitsymptome eines Darmtumors gelten Blut- und Schleimablagerungen auf dem Stuhl (4) (Kasten). Auch Adenome sondern oft Blut ab. Doch das Blut in der Toilette ist nicht immer makroskopisch sichtbar. Andererseits bedeutet nicht jeder Blutstropfen, dass eine ernsthafte Erkrankung vorliegen muss. Hämorrhoiden können genauso gut die Ursache sein. Außerdem können Lebensmittel wie Rote Bete den Stuhl verfärben. Viele Symptome, die bei Darmkrebs auftreten, sind unspezifisch.

 

Symptome für Kolorektal-Karzinome
  • makroskopisch sichtbares oder okkultes Blut im Stuhl
  • Flatulenz (Blähungen mit reichlichem Abgang von Darmgasen), Darmkrämpfe
  • Anämie
  • Gewichtsverlust
  • Änderung der Stuhlgewohnheiten, Wechsel von Diarrhö und Obstipation
  • unter Umständen tastbarer abdominaler Tumor
  • Ileus (Störung der Darmpassage infolge einer Darmlähmung oder Darmverschluss)

 

Der Test auf verstecktes Blut im Stuhl ist in der Bundesrepublik eine jährliche Kassenleistung für alle gesetzlich Krankenversicherten ab dem 50. Lebensjahr. Ab dem 55. Lebensjahr wird die sehr viel genauere Darmspiegelung bezahlt. Alle zehn Jahre kann sie wiederholt werden. Alternativ zur Koloskopie ist zu Lasten der GKV ein Okkultbluttest im zweijährigen Abstand möglich.

Ernste Warnung: Blut im Stuhl

Schon die Früherkennung über den einfachen Test auf okkultes Blut im Stuhl (FOBT, Faecal Occult Blood Testing) und anschließende Behandlung kann die Mortalitätsrate bis zu 27 Prozent senken, wenn das Screening jährlich oder alle zwei Jahre erfolgt (1).

Der FOBT ist jedoch nur dann aussagekräftig, wenn vorhandene Polypen oder Tumore zum Testzeitpunkt gerade bluten. Da im Verlauf einer Woche zwei Drittel aller kolorektalen Karzinome bluten (10), werden in der Regel mehrere, aufeinander folgende Stühle beprobt. Bereits bei einem einmaligen, positiven Testergebnis ist eine Abklärung des Befunds durch die komplette endoskopische Untersuchung des Darms erforderlich.

Hämoccult-Test

Der Hämoccult-Test ist derzeit der Standardtest, der von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird. Die Stuhlprobe wird auf einem mit Guajakharz imprägnierten Filterpapier ausgestrichen und anschließend H2O2-Lösung aufgetropft. Ist Blut anwesend, kommt es zur Blaufärbung. Der Test nutzt die Pseudoperoxidase-Aktivität des Häm-Moleküls. In Anwesenheit von Oxidasen und Peroxidasen oxidiert Wasserstoffperoxid den Hauptbestandteil des Guajakharzes, die Guajaconsäure, zu Guajakblau.

Fremde Substanzen können das Testergebnis verfälschen. Kreuzreaktionen mit tierischem Hämoglobin sind möglich, Peroxidasen in Obst und Gemüse können Peroxidase-Aktivität vortäuschen, und Vitamin C in hohen Dosen kann die Pseudoperoxidase-Aktivität des Häms blockieren. Schon drei Tage vor dem Test sollte man daher mit einer schlackenreichen Kost beginnen. Vor allem rohes Fleisch, Blutwurst, Tomaten, Blumenkohl, Rettich, Steckrüben, Brokkoli, Bananen und Kirschen sind zu meiden.

Außerdem können Medikamente das Ergebnis verfälschen. Nicht steroidale Antiphlogistika wie Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Diclofenac gehören dazu, denn als unerwünschte Wirkung können sie gastrointestinale Blutungen auslösen. Manche Testhersteller raten dazu, die Medikamente bereits sieben Tage vor dem Test abzusetzen. Auch Alkohol kann Magenirritationen und damit Blutungen hervorrufen. Schließlich sollten Frauen beachten, dass sie erst drei Tage nach Ausklingen der Regelblutung mit der Stuhlprobe beginnen sollten.

Für die Früherkennung bekommt der Patient drei Testbriefchen mit nach Hause. Bei drei aufeinander folgenden Stuhlgängen soll er jeweils aus mehreren Proben ein erbsengroßes Stück auf die Testfelder auftragen. Anschließend werden die verschlossenen Briefchen zur Auswertung zurück an den Arzt gegeben oder in das Labor des Herstellers gesandt. Das Labor informiert den Einsender schriftlich über das Testergebnis.

Als Nachteil des Hämoccult-Tests gilt seine geringe Sensitivität. Dies bedeutet, dass häufig falsch negative Befunde erstellt werden und der Tumor im Frühstadium nicht entdeckt wird. Verschiedene Studien ergaben, dass bis zu 58 Prozent der kolorektalen Karzinome und bis zu 61 Prozent aller Adenome übersehen werden (7). Allein schon Diätfehler können auch die Spezifität erheblich herabsetzen. Eine geringe Spezifität bedeutet, dass ein Test eine hohe Anzahl falsch positiver Ergebnisse liefert; er zeigt also einen Befund, obwohl kein Adenom oder Dickdarmkrebs vorliegt. Neben der Angst, die die betroffenen Menschen auszustehen haben, müssen sie völlig unnötig Folgeuntersuchungen wie die Koloskopie über sich ergehen lassen.

Immunologische Tests

Ebenfalls in der Apotheke erhältlich sind immunologische Tests zur Detektion von okkultem Blut. Sie sind teurer, zeichnen sich aber durch eine höhere Sensitivität aus. Durch Bestimmung des fäkalen Hämoglobins beziehungsweise Hämoglobin/Haptaglobin-Komplexes konnten in Studien bis zu 95 Prozent aller endoskopisch gesicherten, kolorektalen Karzinome sowie 73 Prozent der Adenome mit einer Größe über 1 cm nachgewiesen werden (7).

Immunologische Tests arbeiten mit hochspezifischen Antikörpern, die ausschließlich menschliches Hämoglobin oder seine Abbauprodukte detektieren. Eine Diät im Vorfeld der Probenahme ist daher nicht erforderlich. Nach wie vor können falsch positive Testergebnisse durch blutende Hämorrhoiden, Regelblutung oder Medikamente hervorgerufen werden. Mögliche Verursacher gastrointestinaler Blutungen sind neben nicht steroidalen Antiphlogistika auch Glucocorticoide oder Cumarin-Derivate. Außerdem können WC-Reiniger das Ergebnis erheblich stören.

Wie beim herkömmlichen Test werden die Stuhlproben über mehrere Tage gesammelt. Zwischenzeitlich ist je nach Produkt die Aufbewahrung im Kühlschrank erforderlich. Zur Auswertung wird der Test an das Labor geschickt. Ähnlich wie beim Schwangerschaftstest ist auch eine Auswertung zu Hause möglich, wobei der Probepuffer auf das Testfeld gegeben wird. Innerhalb weniger Minuten erfolgt die immunologische Reaktion. Ein positives Ergebnis wird durch gefärbte Linien in einem Reaktionsfeld sichtbar.

Stuhltest über Tumormarker

Nicht auf die Detektion von Blut im Stuhl, sondern auf dem Nachweis einer tumorspezifischen Form der Pyruvatkinase beruht der Tumor-M2-PK-Test. Seit wenigen Monaten ist der Test in Apotheken erhältlich. Nach Herstellerangaben liegt die Sensitivität bei 85 und die Spezifität bei 83 Prozent.

Da die Methode nicht mehr auf blutende Tumore angewiesen ist, ist nur noch eine einzige Probenentnahme erforderlich. Allerdings werden Adenome, die noch kein tumorspezifisches Enzym exprimieren, nicht erkannt. Die Stuhlprobe darf nicht mit Wasser oder Urin in Berührung kommen. Auch Reinigungsmittel und Duftsteine können das Testergebnis beeinflussen. Innerhalb von 24 Stunden muss die Stuhlprobe im Labor eintreffen.

Ballaststoffe beugen vor

Um rund 40 Prozent könnte das Kolorektalkrebs-Risiko gesenkt werden, wenn Menschen mit einem niedrigen Durchschnittsverzehr an faserreicher Kost ihren Konsum verdoppeln würden (11). Dies ist ein Ergebnis der EPIC-Studie, an der etwa 520.000 Männer und Frauen im Alter von 25 bis 70 Jahren teilnahmen. Etwa zwei Millionen Personenjahre wurden ausgewertet und 1065 Personen mit kolorektalen Karzinomen in die Statistik einbezogen. Ziel war es, den möglichen protektiven Effekt faserreicher Kost auf die Entstehung von Darmkrebs zu untersuchen.

Trotz der Vermutung eines Zusammenhangs war es bisher nicht gelungen, diesen auch wissenschaftlich nachzuweisen (11). So zeigte sich etwa in der amerikanischen Nurses Health Study, einer großen Kohortenstudie mit Frauen, kein protektiver Effekt (12). Allerdings war dort die Menge der faserreichen Kost wesentlich geringer als in der EPIC-Studie, lautet die Kritik der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. In der EPIC-Studie aß die Gruppe mit dem höchsten mittleren Verzehr täglich etwa 32 g Ballaststoffe, in der Nurses Health Study lediglich 25 g pro Tag.

Der Schutzmechanismus zeigte sich vor allem auf der linken Seite des Dickdarms, der Seite, wo die meisten kolorektalen Polypen auftreten. Im Mastdarm war der protektive Effekt weniger zu beobachten.

Ein vergleichbares Ergebnis erbrachte das amerikanische PLCO Cancer Sreening Trial, eine Studie, bei der Früherkennungsmaßnahmen gestestet wurden. Wissenschaftler des US National Cancer Institutes führten an nahezu 40.000 Freiwilligen ein Screening mittels Sigmoidoskopie durch und ließen sie Fragebögen über ihre Ernährungsgewohnheiten ausfüllen (13). Demnach reduziert der Verzehr von mehr als 30 bis 35 g Ballaststoffen pro Tag das Risiko für ein Adenom signifikant. Bei dieser Studiengruppe war es um 27 Prozent geringer als bei der Gruppe, die im Mittel weniger als 15 g Ballaststoffe täglich zu sich nahm. Zwischen dem Verzehr faserreicher Kost und dem Auftreten von Adenomen im Rektum ließ sich jedoch keine Beziehung nachweisen.

Während in der europäischen EPIC-Studie kein Unterschied zwischen dem protektiven Effekt einzelner Nahrungsmittel festgestellt werden konnte, zeigte sich in der amerikanischen Studie ein verstärkter inverser Zusammenhang bei Fasern aus Korn, Zerealien und Früchten.

Der protektive Mechanismus von faserreicher Kost wird auf mehrere Komponenten zurückgeführt. So erhöhen die Ballaststoffe das Gewicht des Stuhls bei gleichzeitiger Verminderung der Konzentration fäkaler Komponenten, zum Beispiel Bakterien, abgestoßenen Epithelien, Gallenfarbstoffen sowie Kohlenhydrat- und Eiweißfäulnisprodukten (8). Außerdem beschleunigt sich die Passage des Darminhalts. Damit verkürzt sich die Kontaktzeit etwaiger Giftstoffe mit der Schleimhaut, und eine mögliche Störung der genetischen Zellinformationen wird verhindert (3). Dies gilt jedoch nur, wenn zu den Ballaststoffen genügend getrunken wird. Bis zum 15fachen ihres eigenen Gewichts blähen sich die Ballaststoffe durch die Flüssigkeit auf, und der Stuhl wird weich (5). Bei zu wenig Flüssigkeit droht dagegen Verstopfung. Ballaststoffe stimulieren außerdem das Wachstum nützlicher Darmbakterien.

Kein monokausaler Zusammenhang

Hinter dem Begriff Ballaststoffe verbergen sich zahlreiche chemische Verbindungen: von Zellulose über Hemizellulosen und Pektinen bis hin zu resistenter Stärke und Oligosacchariden, die neuerdings ebenfalls zu den Ballaststoffen gerechnet werden. Mit der Schale von Obst und Gemüse werden zudem sekundäre Pflanzenstoffe geliefert, darunter Carotinoide, Flavanoide, Phenolsäuren, Phytosäuren, Glucosinolate, Phytosterole, Protease-Inhibitoren und Phytinsäure. Insgesamt geht man davon aus, dass rund 50.000 verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe in den Nahrungspflanzen des Menschen vorkommen.

Zu den pharmakologischen Wirksubstanzen in Getreide, Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten gibt es derzeit noch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Forscher wie Professor Dr. Hans Konrad Biesalski von der Universität Stuttgart-Hohenheim gehen sogar so weit, die Vitamine C und E sowie Ballaststoffe lediglich als Biomarker für Obst und Gemüse zu bezeichnen. „Jede Form der einseitigen Ernährung ist ungesund“, sagt Biesalski und warnt davor, Ernährungsgewohnheiten nur auf einen Inhaltsstoff zu reduzieren. Für die Krebsprophylaxe hält er sogar den Slogan „Fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag“, der seit 1996 von der Deutschen Krebsgesellschaft propagiert wird, für zu einseitig.

Dass kein monokausaler Zusammenhang zwischen Darmkrebs und bestimmten Nahrungsbestandteilen vermutet werden darf, zeigt auch die PLCO-Studie. Die Teilnehmer mit dem höchsten Faserverzehr hatten auch die gesündesten Lebensgewohnheiten. Sie waren zudem älter, männlich und besser gebildet. Sie bewegten sich mehr, rauchten weniger, tranken weniger Alkohol und nahmen eher Acetylsalicylsäure (ASS), Folate und Calcium zu sich.

So konnte in vielen Kohorten- und Fallstudien ein Anstieg der Darmkrebserkrankungen bei gesteigertem Alkoholkonsum beobachtet werden. Das Risiko steigt anscheinend linear mit der Menge des konsumierten Alkohols, unabhängig von der Art des Getränks (1). Auch Rauchen gilt als statistisch signifikanter Einflussfaktor (14), wobei es Dekaden dauern kann, bis dieser sichtbar wird (15). Calcium soll seine protektive Wirkung durch Bindung von Gallensäure und freien Fettsäuren ausüben (8). Als Nahrungsergänzungsmittel erzielte Calcium in einer amerikanischen Studie den größten Effekt (16).

Auch scheinen Essgewohnheiten Folgen für Kinder und Kindeskinder zu haben. Erste Studien berichten davon, dass ungesundes Essen innerhalb von zwei Generationen die Gene beeinflusst. War der Großvater als Kind dick, steigt das Risiko der Enkelkinder, später an Diabetes zu erkranken (5). US-Forscher fanden heraus, dass nicht die aktuelle Einnahme von Multivitaminpräparaten das Darmkrebsrisiko verringert, sondern der über zehn Jahre zurückliegende regelmäßige Gebrauch von Multivitaminen einschließlich Folsäure hierfür verantwortlich sein kann (17). Besonders bei Männern wirkt sich die Einnahme von Vitamin D aus Multivitamin-Präparaten und aus Nahrungsmitteln positiv aus (16).

Westliche Ernährung ist ungesund

Im Vergleich zu unseren Vorfahren vor hundert Jahren essen wir heute 70 Prozent weniger Getreide und sogar 75 Prozent weniger Ballaststoffe. Dagegen hat sich der Fleischkonsum verfünffacht. In Japan, wo traditionell wenige der bei uns üblichen Lebensmittel verzehrt werden, ist Darmkrebs äußerst selten. Passen Japaner ihre Essgewohnheiten dem westlichen Muster an, steigt auch ihr Risiko (5).

Dieser positive Zusammenhang wird durch Daten der amerikanischen Nurses Health Study bestätigt. Über 76.400 Frauen im Alter zwischen 38 und 63 Jahren wurden zwölf Jahre lang beobachtet (18). Beim Vergleich der Ernährungsgewohnheiten zeigte sich ein bis zu 46 Prozent erhöhtes Risiko für Dickdarmkrebs in der Gruppe mit dem „westlichsten“ Esskonsum. Kennzeichnend für diesen Ernährungsstil: große Mengen rotes Fleisch, Süßigkeiten, Desserts, Pommes frites und wenig Vollkornprodukte. Ein Zusammenhang von Ernährung und Tumoren im Rektum konnte jedoch nicht festgestellt werden.

Medikamente zur Prophylaxe?

Auch Medikamente beeinflussen die Gesundheit im Darm. So sprechen seit 20 Jahren Beobachtungen im Tiermodell, epidemiologische Daten und Studien dafür, dass nicht steroidale Antiphlogistika (NSAR, NSAID) vor der Entstehung kolorektaler Karzinome schützen können.

In einer randomisierten Doppelblindstudie minderte die tägliche Einnahme von ASS die Inzidenz kolorektaler Adenome signifikant (19). Außerdem war in der Verumgruppe die mittlere Zahl der Adenome niedriger und die Zeit bis zur Entdeckung des ersten Adenoms länger als in der Placebogruppe. Die 635 Teilnehmer mit früheren kolorektalen Karzinomen erhielten 325 mg ASS pro Tag oder Placebo. Selektiert wurden dabei nur Patienten, die das Medikament gut vertrugen, ebenso wie in der Physicians` Health Study. Dort erhielt die Verumgruppe der über 22.000 gesunden, männlichen Teilnehmer ebenfalls 325 mg Aspirin pro Tag (20). Allerdings konnte weder im fünf Jahre dauernden, randomisierten Teil der Studie noch in der zwölfjährigen Beobachtungsphase ein Zusammenhang zwischen ASS und Inzidenz von kolorektalen Karzinomen festgestellt werden.

Mediziner wie Professor Dr. Karlheinz Beckh und Dr. Wolfgang Rimili vom Stadtkrankenhaus Worms warnen daher vor einem unkritischen Einsatz im Sinne einer Chemoprävention. Zur Primärprävention müssten Patienten über 10 bis 20 Jahre lang ASS einnehmen, um eine Wirkung zu erzielen. Die kumulativen Risiken dieser Langzeitmedikation würden wahrscheinlich den Nutzen überwiegen.

Vier Stunden Gehen pro Woche

In mehr als 20 Studien wurde überzeugend nachgewiesen, dass körperliche Aktivität das Risiko von Dickdarmkrebs mindert (21). Bei Bewegungsarmut leidet die Muskelaktivität des Darms und Blutgefäße, die die Muskulatur versorgen, verkümmern. Insgesamt wird die Darmbewegung verlangsamt (5). Ist jedoch die Peristaltik unzureichend, verlängert sich die Exposition der Darmschleimhaut mit Nahrungsbrei. Karzinogene Substanzen wie Schimmelpilze, Benz(a)pyrene oder Acrylamid haben eine größere Chance, lokale Irritationen auszulösen.

 

Empfehlungen zur Prävention Die Konsensuskonferenz „Kolorektales Karzinom“ vom 6. Februar 2004 empfiehlt zur Prävention der asymptomatischen Bevölkerung:
  • körperliche Bewegung (30 bis 60 Minuten täglich),
  • übergewichtigen Personen (BMI > 25 kg/m2) die Gewichtsreduktion,
  • auf das Rauchen zu verzichten,
  • vermehrt Obst und Gemüse (fünf Portionen am Tag) zu essen,
  • auf den täglichen Konsum von rotem und/oder verarbeitetem Fleisch zu verzichten,
  • den Alkohohlkonsum zu limitieren,
  • die Ballaststoffaufnahme zu erhöhen und
  • eine Folsäure- und Calcium-reiche Ernährung.

Keine Empfehlungen gibt es zu

  • Fischkonsum,
  • Reduktion des Fettverzehrs,
  • Mikronährstoffen und Medikamenten. Diese Angaben gelten für Calcium, Magnesium, Betacarotin, Vitamine A, C, D und E, Folsäure, Selen und Aspirin,
  • Pro- und Präbiotika.

Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen; 6. bis 7. Februar 2004, Bochum

 

Im Ranking der fördernden und mindernden Einflussfaktoren nimmt die körperliche Aktivität nur eine marginale Rolle ein (13). Allerdings reichten in einer norwegischen Studie etwa vier Stunden Gehen pro Woche aus, um das Risiko für Kolonkrebs gegenüber der sitzenden Referenzgruppe deutlich zu mindern (22).

Vorbeugen ist besser

Mit einfachen Tests aus der Apotheke, die man jährlich wiederholen sollte, gelingt bereits eine sinnvolle und effektive Früherkennung von kolorektalen Karzinomen und ihrer Präkanzerosen. Bei entsprechender Behandlung haben Tumore im Vor- und Frühstadium eine sehr gute Prognose. Ziel des neuen Vereins „Netzwerk gegen Darmkrebs“, an dem auch die Felix Burda Stiftung beteiligt ist, ist es, durch bundesweite Aktionen für die Früherkennung die Mortalitätsrate bei Darmkrebs in den nächsten Jahren um 50 Prozent zu senken. Zur Prävention trägt eine gesunde Lebensführung mit vielseitiger, ballaststoffreicher Ernährung bei.

 

Literatur

  1. Boyle, P., et al., European Code Against Cancer and scientific justification. Ann. Oncol. 14, 7 (2003) 973 -1005.
  2. Arbeitsgemeinschaft Bevölkerungsbezogener Krebsregister in Deutschland (Hrsg.), Krebs in Deutschland - Häufigkeiten und Trends. 3. erw. aktual. Aufl., Saarbrücken 2002, S. 104.
  3. Beck, V., et al., Darmkrebs verhindern - Fragen und Antworten. Deutsche Krebsgesellschaft e. V., 3. aktual. Aufl., 2003, S. 33.
  4. GBK-Krebsgesellschaft NRW (Hrsg.), Dickdarmkrebs - Ein Informationsblatt zur Krebsfrüherkennung und Behandlung. 2003, S. 15.
  5. Maar, Ch. (Hrsg.), Gesundheit aus dem Darm. Verlag Zabert Sandmann München 2003, S. 168.
  6. Steckelberg, A., Mühlhauser, I. (Hrsg.), Darmkrebs Screening. Universität Hamburg, Fachwissenschaft Gesundheit 2003, S. 34.
  7. Fritscher, C., et al., Darmkrebsfrüherkennung. Immunologischer Nachweis von Hämoglobin und Hämoglobin-Haptoglobin-Komplex Tumor M2-PK. bioscientia (2003) 7.
  8. Hacker, A., Die prognostische Relevanz von 20q13.2 beim kolorektalen Karzinom. Diss. Med. Fak. Ludwig-Maximilians-Universität München 2002, S. 85.
  9. Winawer, S. J., et al., Prevention of colorectal cancer by colonoscopic polypectomy. National Polyp Study Workgroup. N. Engl. J. Med. 329, 27 (1993) 1977 - 1981.
  10. Schmiegel, W., et al., Colorectal carcinoma: prevention and early detection in an asymptomatic population - prevention in patients at risk - endoscopic diagnosis, therapy and after-care of polyps and carcinomas. German Society of Digestive and Metabolic Diseases, Study Group for Gastrointestinal Oncology. Z. Gastroenterol. 38, 1 (2000) 49 - 75.
  11. Bingham, S. A., et al., Dietary fibre in food and protection against colorectal cancer in the European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition (EPIC): an observational study. Lancet 361, 9368 (2003) 1496 - 1501.
  12. Fuchs, C. S., et al., Dietary fibres and the risk of colorectal adenoma in woman. N. Engl. J. Med. 340 (1999) 169-176.
  13. Peters, U., et al., Dietary fibre and colorectal adenoma in colorectal cancer early detection programme. Lancet 361, 9368 (2003) 1491 - 1495.
  14. Lieberman, D. A., et al., Risk factors for Advanced Colonic Neoplasia and Hyperplastic Polyps in Asymptomatic Individuals. JAMA 290, 22 (2003) 2959 - 2967.
  15. Giovannucci, E., Martinez, M. E., Tobacco, colorectal cancer, and adenomas: a review of the evidence. J. Natl. Cancer Inst. 88, 23 (1996) 1717-1730.
  16. McCullough, M. L., et al., Calcium, vitamin D, dairy products, and risk of colorectal cancer in the Cancer Prevention Study II Nutrition Cohort (United States). Cancer Causes Control 14, 1 (2003) 1 - 12.
  17. Jacobs, E. J., et al., Multivitamin use and colorectal cancer incidence in a US cohort: does timing matter? Am. J. Epidemiol. 158, 7 (2003) 621 - 628.
  18. Fung, T., et al., Major dietary patterns and the risk of colorectal cancer in women. Arch. Intern. Med. 163, 3 (2003) 309 - 314.
  19. Sandler, R. S., et al., A randomized trial of aspirin to prevent colorectal adenomas in patients with previous colorectal cancer. N. Engl. J. Med. 348 (2003) 883 - 890.
  20. Sturmer, T, et al., Aspirin use and colorectal cancer: post-trial follow-up data from the Physicians‘ Health Study. Ann. Intern. Med. 128, 9 (1998) 713 - 720.
  21. Friedenreich, C. M., Physical activity and cancer prevention: from observational to intervention research. Cancer Epidemiol. Biomarkers Prev. 10, 4 (2001) 287 - 301.
  22. Thune, I., Lund, E., Physical activity and risk of colorectal cancer in men and women. Brit. J. Cancer 73 (1996) 1134 - 1140.

 

Die Autorin

Gudrun Heyn ist als freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin tätig. Im Anschluss an ihr Geologiestudium war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin und befasste sich mit toxischen Einflüssen aus Grundwässern. Nach der Promotion arbeitete sie in verschiedenen Forschungseinrichtungen, darunter am Kernforschungszentrum Karlsruhe und beim Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung. Sie hatte Lehraufträge an der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg und der Freien Universität Berlin. In Fachpublikationen veröffentlichte sie Ergebnisse eigener Forschungsarbeiten. Seit ihrer Ausbildung als Journalistin schreibt Dr. Heyn für Fachzeitschriften über aktuelle Themen aus Medizin und Pharmazie.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Gudrun Heyn
Ferbitzer Weg 33 B
13591 Berlin
gheyn@gmx.de

Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa