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Wenn Enge und Weite Angst auslösen

26.01.2004  00:00 Uhr

Agoraphobie

Wenn Enge und Weite Angst auslösen

von Franz Kohl, Freiburg

Angststörungen sind häufige psychosomatische Erkrankungen. Ein besonders markantes Syndrom ist die Platzangst oder Agoraphobie. Obwohl seit 1870 bekannt, wurde sie erst in den letzten 25 Jahren in Forschung und Therapie vermehrt beachtet. Die frühzeitige Erkennung und Behandlung sind jedoch sehr wichtig, da die Störung zur Chronifizierung neigt und ohne Behandlung kaum ausheilt.

Die Platzangst ist heute als sehr eindringliches, psychisches und physisches Phänomen weithin bekannt und war in den letzten Jahren selbst in den Medien fast populär. Daher kennen auch Laien das Krankheitsbild zumindest teilweise. Doch haben sich die Ansichten über Ursachen und besonders die Behandlungsmöglichkeiten seit den klassischen Beschreibungen des 19. Jahrhunderts mehrfach geändert.

Der Fachausdruck Agoraphobie (griechisch: agora, Marktplatz) ist ein Kunstbegriff, der auf den Erstbeschreiber der Symptomatik, den Berliner Nervenarzt Carl Westphal (1833 bis 1890), zurückgeht. Diese Wortschöpfung und ihre wörtliche Übersetzung als „Angst vor weiten Plätzen“ oder „Angst vor Menschenansammlungen“ beinhaltet bereits eine gewisse Doppeldeutigkeit. Recht häufig ist mit der raumbezogenen Angst eine wesentliche, mitunter unlöslich verwandte Sozialkomponente, nämlich die Angst vor einer Menschenansammlung, verbunden. Entsprechend wurde die Definition in der neueren Diskussion deutlich erweitert.

Wie sich eine Agoraphobie zeigt

Die Agoraphobie wird heute definiert als Angst vor Orten oder Situationen, in denen beim plötzlichen Auftreten von hilflos machenden oder peinlichen Symptomen Hilfe nicht verfügbar oder eine Flucht unmöglich wäre. Angst besteht also nicht nur – wie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts namensgebend – vor weiten Plätzen, sondern vor allem in Situationen, in denen der Betroffene sich außerhalb der gewohnten Umgebung aufhält und sich unsicher, fremd, gefährdet oder möglichen Gefahren ausgesetzt fühlt.

Nach den Kriterien des ICD-10 muss die agoraphobische Angst in mindestens zwei der folgenden, typischen Situationen auftreten:

  • in einer Menschenmenge (beim Schlange stehen, in Läden, Kaufhäusern),
  • auf öffentlichen Plätzen,
  • bei Reisen mit Bus, Auto, Zug, allein oder in die Ferne.

Der Betroffene befürchtet in diesen Situationen insbesondere, dass er Schwindel, Ohnmachtsgefühle, Luftnot und namentlich einen psycho-vegetativen Kontrollverlust oder Herzattacken erleiden könnte. Bereits die Vorstellung oder Erwartung, sich in eine solche Situation begeben zu müssen, ruft bei vielen Betroffenen die charakteristischen, psychischen und körperlichen Symptome hervor. Das vegetative System reagiert mit Angstzeichen wie Schweißausbruch, Schwindel, Benommenheit, Herzsensationen, Kreislauferscheinungen und Hyperventilation. Diese Symptome nehmen viele Patienten als vordringlich wahr und suchen deswegen einen Internisten oder Allgemeinarzt, mitunter auch zunächst eine Apotheke auf.

In der Regel kommt es rasch zu einem ausgeprägten Vermeidungsverhalten, was vorwiegend den räumlichen Aktionsradius erheblich einschränkt. Viele ziehen sich zurück und versichern sich der Anwesenheit oder Erreichbarkeit einer ständig verfügbaren Begleitperson, was den sozialen Handlungsraum bis hin zur sozialen Isolation einengen kann. Charakteristisch ist somit, dass die auslösenden Situationen sowie die Symptomatik meist eine räumliche und soziale Komponente aufweisen. Die Betroffenen sehen fast immer völlig ein, dass ihr Verhalten übertrieben und unvernünftig ist.

Nach heutigem Verständnis geht eine Agoraphobie mit schweren und beeinträchtigenden, eigentlich zwanghaften Befürchtungen einher. Diese können sehr stark, eindringlich und geradezu beherrschend werden (dann „Obsessionen“ genannt), verschiedene Situationen betreffen und sind individuell, von der Biographie und symptombezogenen Lerngeschichte mitbestimmt (siehe Kasten). Eine besonders quälende Zwangsvorstellung ist es, in einer gefürchteten Situation von einer akuten Angstsymptomatik betroffen zu werden und ihren Folgen hilflos und massiv schambesetzt ausgeliefert zu sein.

 

Typische agoraphobe Befürchtungen und Vermeidungsstrategien
  • Angst vor weiten Plätzen, aber auch anderen Räumen wie kleinen Märkten, Alleen, Mauerfluchten, Straßen
  • Befürchtungen vor leeren und vollen Sälen, umbauten Räumen wie Hallen, Kinos, Kirchenräumen, Brücken
  • Angst- und Vermeidungsverhalten in Situationen, in denen es zumindest in der Phantasie des Betroffenen besonders unangenehm oder gefährlich sein könnte, einen Angstanfall zu bekommen. Besonders häufig: Angst vor dem Autofahren, dem Besuch von Kaufhäusern, Supermärkten und Einkaufszentren, sich hinzugesellen zu Menschenmengen jeglicher Art, in Fahrstühlen, Flugzeugen und öffentlichen Verkehrsmitteln

 

Patienten, die Anzeichen einer Agoraphobie aufweisen, sollten möglichst bald einen in der Erkennung und Behandlung von Angstsyndromen erfahrenen Psychiater, Psychologen oder Verhaltenstherapeuten aufsuchen.

Die Betroffenen ersinnen und erproben oft selbst zahlreiche Hilfsmöglichkeiten. Dazu gehören mitunter obskur wirkende Hilfsmittel und Strategien, etwa die Mitnahme von Begleitpersonen, aber auch von symbolischen Schutzobjekten wie Spazierstöcken, Tieren und anderen vertrauten Dingen. Räumliche Aspekte wie Häuserwände, Mauern oder fluchtgesicherte Eckplätze in Türnähe können als schutzgebend und hilfreich erlebt werden.

Ist es dem Betroffenen nicht möglich, die agoraphob erlebten Situationen zu vermeiden, drohen ihm subjektiv sehr unangenehme Folgen. Er bekommt einen trockenen Mund, Schweißausbrüche, Zittern, Beben, besonders häufig Herzklopfen, Herzrasen, das Gefühl einer unregelmäßigen Atmung, Luftnot bis hin zur Erstickungsgefühl. Außerdem kann es zu Gefühlen von Schwindel, Benommenheit oder Ohnmacht kommen. Der Patient befürchtet, dass er die physische oder mentale Kontrolle verlieren könnte, etwas Peinliches oder Schreckliches tun oder gar verrückt werden könnte.

Häufig beginnen die agoraphoben Obsessionen bereits beim Heranwachsenden oder im frühen Erwachsenenalter und zwar im Rahmen wachsender Selbständigkeitsanforderung und steigender Verantwortung. Nicht selten werden die Betroffenen – zu etwa zwei Drittel Frauen – im Lauf der Zeit immer unselbständiger, resignierter, depressiver und letztlich abhängiger. Dies ist sehr wahrscheinlich ein Teilfaktor, warum es neben der Angstsymptomatik auch zu einer zumindest periodischen Selbstunsicherheit und Depressivität kommt.

 

Panik in der Bahn Die 33-jährige Patientin Frau A. kam auf Hinweis eines anderen Nervenarztes zur Beratung, nachdem weder die vom Hausarzt noch vom bisherigen Nervenarzt angeratene Therapie mit konventionellen Antidepressiva erfolgreich waren. Die Patientin berichtete vorrangig über Ängste beim Autofahren, die sich besonders auf dem Weg zur Arbeit und merklich geringer auch auf dem Rückweg äußern. Ihren Beruf als Verkäuferin in einer Einzelhandelskette übte sie seit Jahren mit großer eigener Zufriedenheit und Anerkennung durch Kunden und Vorgesetzte aus.

Die Arbeitszufriedenheit hatte nicht wesentlich gelitten, allerdings ging sie inzwischen wesentlich angespannter ihrer Tätigkeit nach, da sie der Weg zur Arbeit erheblich belastet. Dabei bestanden Erwartungsängste; sie fürchtete, beim Weg zur Arbeit wieder in innere Spannungs- und Angstzustände zu kommen, die ihr das Weiterfahren und Erreichen der Arbeitsstelle unmöglich machen könnten. Begünstigend wirkten Faktoren wie Zeitdruck, Staugefahr, aber auch ein bloß befürchteter Stau, eigenes Unausgeschlafensein, Müdigkeit, innere Anspannung und innerfamiliäre Konflikte.

Wann die raumbezogenen Ängste begonnen haben, konnte Frau A. nur orientierend angeben. Deutlich erinnerte sie sich an zwei Panikattacken auf der Hinfahrt zur Arbeit jeweils am Morgen, nachdem sie wenig geschlafen und unter Zeitdruck losgefahren war. Von da an habe sich nach und nach eine allgemeine Grundspannung entwickelt, begleitet von fluktuierenden und ausgeprägten Ängsten vor dem Weg zur Arbeit. Der Wechsel auf öffentliche Verkehrsmittel habe keine Erleichterung gebracht. Sie habe auch in der Straßenbahn einen Panikanfall erlitten.

Angesichts der großen existenziellen Bedeutung der Arbeitsstelle und der subjektiven Befriedigung bei der Arbeit nahm Frau A. den Arbeitsweg immer wieder auf sich. Sie berichtete aber, dass sie nicht dringend notwendige Fahrten zum Einkauf oder zu geselligen Veranstaltungen zurückgestellt und dadurch konsekutiv ein Vermeidungsverhalten entwickelt habe. Nach einer schweren Herzerkrankung eines nahen Angehörigen habe sich ihre Paniksymptomatik nochmals verstärkt. Daher suchte sie letztlich den Nervenarzt zur Abklärung auf.

 

Oft verbunden mit Panikattacken

Die übergeordnete Bezeichnung „Angsterkrankungen“ entstand im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von der klassischen, deutschen Konzeption der „Angstneurose“ wurden verschiedene Unterformen differenziert. Zur Einteilung konnten Aspekte wie der anfallsartige Charakter der Angst (Angstanfall, Panikattacke), das objektbezogene Angstsyndrom (Phobie) und einige mehr diffuse Varianten (somatoforme Störungen, Generalisierte Angststörungen) herangezogen werden.

Eine besonders enge Verbindung besteht zwischen dem Symptomkomplex der Panikattacke und der Agoraphobie, auch wenn Panikattacken aus vielen Anlässen und Ursachen auftreten können. Die Agoraphobie kann Teilsymptom und Folge der Panikattacke sein, anderseits gibt es auch Sonderformen und Untergruppen wie die Agoraphobie mit oder ohne Panikattacken. Wichtig ist es daher, die Symptomatik der Panikattacke zumindest in Grundzügen zu kennen (siehe Kasten).

 

Häufige Symptome von Panikattacken
  • Gefühl von Unsicherheit, Ohnmacht und einer existenziellen, todesähnlichen Bedrohung
  • Benommenheit, Bewusstseinsveränderung
  • Schwindelzustände oder Schwindel-ähnliche Gefühle
  • Druck und Schmerzen im Bereich der Brust, Herzrasen, Herzstolpern
  • Engegefühl und Beklemmung, Atemnot
  • inneres Beben und Zittern, weiche Knie oder Beine
  • Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Kälteschauer
  • Taubheits- und Kribbelgefühl, Missempfindungen
  • allgemeine Übelkeit, Brechreiz
  • trockener Mund
  • Schwächegefühl

 

Diagnose oft sehr spät

Die Patienten nehmen häufig die vegetativen Symptome – besonders mit thorakalem Schwerpunkt – als besonders eindrücklich wahr und suchen daher zunächst den Allgemeinarzt oder Internisten auf. Bei der Diagnose der Agoraphobie sind sowohl die beschriebenen Situationen als auch die Folgen der Störung, insbesondere das Vermeidungsverhalten, zu berücksichtigen. Für die klinische Praxis kann die Diagnose des Vermeidungsverhaltens charakteristischer und aussagekräftiger sein als die typischen agoraphoben Phänomene oder gar Panikattacken, die keineswegs spezifisch für die Agoraphobie sind. Außerdem erleben manche Betroffene aktuell wenig Angst, weil es ihnen weitgehend gelingt, phobische Situationen zu vermeiden.

Bis vor etwa zehn Jahren kamen agoraphobe Patienten erst in einem mittleren bis fortgeschrittenen Krankheitsstadium zur Beobachtung und Behandlung. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Verhaltensmuster, vor allem von Rückzug und Vermeidung, häufig schon verfestigt. Zudem hatten viele Patienten bereits soziale Isolation, beruflichen Abstieg und Komplikationen wie sozialen Abstieg, comorbide Depression oder Suchterkrankung erlebt. Treten agoraphobische Ängste gemeinsam mit Panikattacken auf, können sich akute und chronische Angst auch gegenseitig verstärken und den Menschen in die völlige Isolation treiben.

Leider erkennen die meisten Betroffenen zu spät, dass es sich um einen systematisch fortschreitenden Prozess handelt, der sich durch die subjektiv gewählten Bewältigungswege – Rückzug, Passivität, Vermeidungsverhalten, Medikamenten- und Alkoholabusus – nicht nur nicht aufhalten lässt, sondern sich mehr und mehr ausbreitet.

Menschen mit einer agoraphoben Zwangsbefürchtung werden gelegentlich als zurückgezogen, ängstlich, scheu, unsicher, aber auch durch ihre Fügsamkeit als angenehm und pflichtbewusst eingestuft. Infolge der Neigung zu Korrektheit, Ordnungssinn und Arbeitsleistung können sie als Kollegen geschätzt sein, als Partner liebenswert, anhänglich und treu erscheinen. Andererseits kommen sie durch die agoraphobe Symptomatik mehr und mehr in eine Rückzugssituation und haben Schwierigkeiten, ihre beruflichen Qualifikationen zu leben. Sie gelten oft als initiativelose Personen mit geringer Risikobereitschaft und Aktivität, die Schwierigkeiten und interpersonelle Konkurrenzsituationen vermeiden.

Wie häufig sind Angststörungen?

Mit einer Lebenszeitprävalenz von fast 15 Prozent gehört die Gesamtgruppe der Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung. Trotz zeitweilig massiver Aufklärungskampagnen in den letzten Jahren werden Angststörungen immer noch häufig nicht oder erst spät korrekt diagnostiziert und nach wie vor zu selten spezifisch und adäquat behandelt. Dabei bessern sie sich ohne Therapie nur selten spontan, viel häufiger ist ein chronischer Verlauf. Spontanremissionen von Ängsten im Erwachsenenalter sind selten.

Charakteristisch ist die Geschlechtsverteilung der Angsterkrankungen. Der Anteil von Frauen zu Männern beträgt mindestens 2 : 1, nach tiefer gehenden Studien bis zu 3 : 1.

Spezifische Phobien manifestieren sich in der Regel in der Kindheit, soziale Phobien in Jugendzeit und früher Adoleszenz, Agoraphobien typischerweise häufig zwischen dem 20. und dem 35. Lebensjahr. Die generalisierte Angststörung hat dagegen zwei Manifestationsschwerpunkte: zum einen Jugendzeit und Adoleszenz, zum zweiten die frühen 40er-Jahre.

Charakteristisch ist eine gewisse familiäre Häufung. Nicht selten sind in „Angstfamilien“ beispielsweise auch die Mutter, Schwester oder Tante betroffen. Das Erkrankungsrisiko ist für geschiedene, getrennt lebende und verwitwete Personen erhöht.

Ängste treten keineswegs immer isoliert auf. Etwa die Hälfte der Patienten mit einer diagnostizierten Angststörung leidet an einer weiteren Angststörung. Außerdem entwickeln die Patienten oft depressive oder somatoforme Störungen sowie Persönlichkeitsstörungen und/oder missbrauchen Substanzen wie Alkohol oder Benzodiazepine. In aller Regel verschlechtern Begleiterkrankungen die Prognose und Therapieaussichten.

 

Die Angst, angesprochen zu werden Eine 27-jährige Krankenschwester, Frau B., hatte in den Jahren vor Behandlungsbeginn zahlreiche Belastungen erlebt. Zunächst war ein Bruder in jungen Jahren an einer seltenen Krankheit gestorben. Die Beziehung der Eltern hatte sich zunehmend verschlechtert, so dass sich diese etwa vier Jahre vor Behandlungsbeginn scheiden ließen.

Frau B. stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor Abschluss ihrer Ausbildung und zog in ein Schwesternwohnheim. Beruflich kam sie gut zurecht, berichtete aber über Anspannungs- und Stresszustände auch mit Schlafstörungen vor den Prüfungen. Inzwischen an einem Krankenhaus recht gut etabliert, schlug die Stationsleitung sie für eine Betreuungsfunktion und eine Anzahl weiterer Zusatzaufgaben vor, da ihre Qualifikation und ihre Einsatzbereitschaft zunehmend geschätzt wurden.

In diesem Zusammenhang bildeten sich somatoforme Symptome aus, wobei Frau B. etwa im Rahmen von Chefvisiten innere Unruhe, Herzrasen und Kollapsneigung verspürte, wenn Autoritätspersonen sie ansprachen. Nachdem eine ähnliche Symptomatik auch bei der Heimfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln aufgetreten war, begann sich eine Angst vor Bussen und Straßenbahnen auszubilden. Sie vermied es mehr und mehr, zumindest zu Stoßzeiten Busse und Straßenbahnen zu benutzen. Einmal war es nach Zusteigen von immer mehr Personen in eine zunächst leere Bahn zu einer regelrechten Panikattacke gekommen. Danach erkannte Frau B. die Notwendigkeit, eine Psychotherapie aufzusuchen.

 

Erste Hinweise ernst nehmen

Eine frühe Diagnose ist besonders wichtig für den Verlauf einer Agoraphobie. Anhand einfacher Fragen kann man bereits eine erste Einordnung einer Angstsymptomatik vornehmen. Fragen für den Laien zur Früherkennung einer beginnenden Agoraphobie können sein:

  • Sind Sie durch Ängste in Ihrem räumlichen Aktionsradius eingeschränkt?
  • Bereitet es Ihnen Schwierigkeiten, Orte, Plätze oder Situationen aufzusuchen, die Sie früher gern besucht haben?
  • Haben Sie Angst vor bestimmten Situationen und Orten, insbesondere Kaufhäuser, Menschenmengen, Warteschlangen?
  • Meiden Sie öffentliche Verkehrsmittel, PKW, Fahrstühle oder geschlossene Räume?
  • Haben Sie Ängste und Befürchtungen, dass Ihr Leben immer eingeengter, monotoner und kontaktärmer wird?
  • Mussten Sie schon einmal eine Reise verschieben, konnten Sie nicht weiter- oder zurückreisen, obwohl Sie es gerne getan hätten, weil Sie Angst verspürten?
  • Waren Sie schon einmal durch Ängste gehindert, Ihr Haus oder Ihre Wohnung zu verlassen oder einen bestimmten Ort aufzusuchen?
  • Haben Sie eine zunehmende Tendenz, diese Ängste zu beobachten?

Wenn eine oder mehrere Fragen bejaht oder Frühsymptome (siehe Kasten) beobachtet werden, kann dies bereits einen wichtigen Hinweis geben. Die definitive Diagnose einer Angsterkrankung kann selbstverständlich nur der Facharzt stellen.

 

Häufige Früh- und Erstsymptome die auf Angstzustände allgemein, auch im Rahmen einer Agoraphobie, hindeuten können
  • Gefühl weicher Knie oder Beine
  • schwindelig oder benommen werden
  • sich wacklig oder schwankend fühlen
  • Zittern und innere Unruhe
  • allgemeines Schwächegefühl
  • Angstzustände im Rahmen anderer seelischer Erkrankungen

 

Therapie der Agoraphobie

Grundsätzlich sind pharmako- und psychotherapeutische Ansätze zu unterscheiden. Vor allem werden verhaltens- und hypnotherapeutische, tiefenpsychologische sowie systemische Methoden eingesetzt. Allerdings ist die Studienlage zu Kombinationstherapien oft noch nicht befriedigend.

Im Grundsatz gelten psychotherapeutische Verfahren als Mittel der Wahl, wenn immer der Patient dafür zu motivieren ist und eine entsprechende Behandlungsstätte zeitnah zur Verfügung steht. Ideal ist die umgehende, konsequente und langfristige psycho- oder verhaltenstherapeutische Behandlung. Weitere Teilfaktoren sind regelmäßig körperliche Aktivität, phasenweise Entspannungsübungen und Medikamente (siehe Kasten).

 

Medikamente zur Behandlung
von Agoraphobie und Panikattacken
  • Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI)
  • MAO-A-Hemmer
  • Betarezeptorenblocker
  • bei klarer Indikation und Begrenzung: punktuell Beruhigungsmittel oder Tranquilizer

 

Wie bei vielen Angststörungen kommen auch bei der Agoraphobie besonders solche Strategien zum Einsatz, die auf die Kernsymptome des Syndroms, hier das Vermeidungsverhalten, die kognitiven Fehlannahmen und die katastrophisierenden Phantasien abzielen. Daher haben kognitiv-behaviorale, das heißt auf reale Verhaltensänderung angelegte Ansätze offensichtliche und durch Studien belegte Vorteile. Die dysfunktionalen Vorstellungen können zusätzlich durch hypnotherapeutische, tiefenpsychologische und systemische Methoden modifiziert werden.

Die Pharmakotherapie hat ihren Platz besonders in der Krisenintervention, der Erstbehandlung, zur initialen symptomatischen Koupierung und Überbrückung sowie Stabilisierung bis zum Einsatz komplexerer, psychotherapeutischer Strategien. Der Einsatz von Medikamenten ist oft auch bei comorbiden Störungen, kurzfristig nicht verfügbarer Psychotherapie und zur Stabilisierung eines (Teil-) Behandlungserfolgs zu erwägen. Allerdings sollte der Patient – auch bei primärer Indikation einer Pharmakotherapie – unbedingt auf die Sondersituation angesprochen und parallel die Möglichkeit einer Psychotherapie intensiv und zeitnah geprüft werden, um diese effektivere Behandlung nicht unnötig zu verzögern oder gar zu verhindern.

Hauptziel der Behandlung ist es, dass sich der Betroffene dem Gefühl der Angst stellt und bei der gefürchteten Exposition subjektiv einen Intensitätsabfall der Angst und eine Steigerung der Selbstsicherheit erlebt. Über die kognitive Neubewertung situativer Auslöser und physiologischer Körperreaktionen sowie durch die physiologische Gewöhnung soll sich die Assoziation zwischen Auslöser- und Reaktionselementen der Agoraphobie lockern.

Gezielt auf Konfrontation gehen

Die verhaltenstherapeutische Konfrontations- oder Expositionsbehandlung gilt als Methode der Wahl. Hierbei wird der Patient gebeten, Angst auslösende Situationen aufzusuchen und darin zu verweilen, bis die Angstreaktion abnimmt. Das klassische Vorgehen gliedert sich in drei Phasen.

  • Vorbereitung: Diagnostik und Aufbau der therapeutischen Beziehung, Motivation durch Vermittlung eines Störungsmodells unter Berücksichtigung subjektiver Krankheitstheorien des Patienten;
  • symptomorientierte Therapie: Veränderung wichtiger, störungsrelevanter Fehlinterpretationen und Glaubenssätze, Konfrontation mit der angstbesetzten Situation und Abbau von Vermeidungsverhalten;
  • psychische Stabilisierung: biographische Aufarbeitung, Klärung familiärer Beziehungen, Steigerung der Selbstsicherheit.

Die Konfrontationsbehandlung kann graduell (langsame Desensibilisierung) oder massiert (Reizüberflutung, Flooding) sowie in vivo (Exposition an reale Auslöser) oder in sensu (Exposition an imaginierte, äußere Auslöser und deren Verknüpfung mit Entspannung) erfolgen. Nach Studienergebnissen und tierexperimenteller Grundlagenforschung ist die massive Konfrontation zumindest bei der schweren Agoraphobie langfristig am wirksamsten. Oft geht die Angst bereits nach drei Tagen deutlich zurück.

Eine Arzneitherapie während der Exposition wirkt sich eher ungünstig auf den Therapieerfolg aus. Daher sollte man Angst reduzierende Medikamente, je nach individueller Situation, möglichst vorher absetzen. Wie neuere Effektivitätsstudien zeigen, lässt sich die Agoraphobie auf diese Weise in der Kurzzeittherapie überaus erfolgreich behandeln.

Kontraindikationen gegen die massierte Konfrontation bestehen im Einzelfall in real gefährlichen Situationen, bei nennenswert einschränkender, somatischer Comorbidität (zum Beispiel bei Herz-Kreislauferkrankungen, Asthma) sowie in Situationen, in den Leistungen erbracht werden müssen. In diesen Fällen sollte der Patient schrittweise an die schwierigste Situation herangeführt werden.

Im Einzelfall sind auch Interventionen der modernen Hypnose Erfolg versprechend wie

  • Konfrontation in Trance,
  • bildsprachliche Verdinglichung des Symptoms Angst, das heißt Projektion der Angst auf ein reales Objekt,
  • Neuprogrammierung des inneren Dialogs und
  • Etablierung eines „sicheren“ inneren Ortes oder Ruhebildes.

Ergänzend eignen sich Atemtechniken und Entspannungsverfahren wie progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und autogenes Training. Diese Übungen sollen das psycho-physiologische Angstmuster unterbrechen und die übersteigerte innere Erregung dämpfen.

Behandlung ist nötig

Im Allgemeinen erlebt nur jeder siebte Betroffene innerhalb von sieben Jahren eine Spontanremission. Ohne Behandlung ist der Verlauf der Agoraphobie ausgesprochen ungünstig. Häufige Folgeprobleme sind affektive Störungen sowie Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Die sozialen Konsequenzen sind für viele Patienten verheerend: Gefährdung oder Verlust des Arbeitsplatzes, zunehmende Isolierung, Fixierung an fragwürdige Hilfsmittel und sozialer Abstieg.

Unter längerfristiger, rein pharmakologischer Therapie – ohne ausreichende Psychotherapie - erleiden rund zwei Drittel der Patienten nach Absetzen der Medikation signifikante Rückfälle. Kontrollierte Vergleichsuntersuchungen zeigen dagegen die deutliche Überlegenheit verhaltenstherapeutischer Interventionen: Bei mehr als 75 bis 80 Prozent der Patienten kann die Agoraphobie geheilt oder deutlich gelindert werden.

 

Weiterführende Literatur

  • Faust, V., Psychische Störungen heute. Erkennen – Verstehen – Behandeln. Ecomed Landsberg 2002.
  • Hippius, H., Klein, H. E., Strian, F., Angstsyndrome. Diagnostik und Therapie. Springer Heidelberg, Berlin 1999.
  • Reinecker, H., Grundlagen der Verhaltenstherapie. Psychologie Verlags-Union München, Weinheim 1987.
  • Schneider, S., Margraf, J., Agoraphobie und Panikstörung. Hogrefe Göttingen 1998.
  • Kasper, S., Möller, H. J., Angst- und Panikerkrankungen. Fischer Jena, Stuttgart 1995.

 

Der Autor

Franz Kohl studierte Medizin in Marburg und erhielt 1980 die Approbation als Arzt. Nach seiner Ausbildung in Neurologie und Psychiatrie wurde er 1985 mit einer Arbeit zu einem medizinhistorischen Thema promoviert. Seit 1994 ist Dr. Kohl als niedergelassener Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie und Rehabilitationswesen in Freiburg tätig. Zudem widmet er sich besonders der Geschichte der Neuro- und der Verhaltenswissenschaften sowie den historischen Grundlagen der naturwissenschaftlichen Medizin.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Franz Kohl
Schillerstraße 18
79102 Freiburg
franzkohl@praxis-kohl.de

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