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Ohne niedergelassene Apotheker geht es nicht

03.01.2005
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.Interview

Ohne niedergelassene Apotheker geht es nicht

von Hartmut Morck und Daniel Rücker, Berlin

Seit Jahresbeginn hat die ABDA eine neue Führungsspitze. Mit Magdalene Linz steht die erste Frau an der Spitze der Bundesapothekerkammer (BAK) und Heinz-Günter Wolf ist der erste Verbandsvorsitzende an der Spitze der ABDA. Allein der Deutsche Apothekerverband (DAV) hat mit Hermann S. Keller den bisherigen Vorsitzenden im Amt bestätigt. Auf das Trio kommt einige Arbeit zu.

PZ: Bedeuten die personellen Änderungen auch einen Kurswechsel in der ABDA-Politik? Hat der DAV nun mehr Einfluss auf die ABDA-Politik?

Wolf: Warum soll sich die ABDA-Politik grundsätzlich ändern? Die ABDA war bisher erfolgreich. Wenn sich etwas ändert, dann vielleicht, dass wir die Positionen der Apothekerschaft noch offensiver vertreten werden. Die Positionen werden aber dieselben bleiben.

Linz: Ich will mich ab sofort dafür einsetzen, dass die BAK auch die Apotheker, die nicht in der Offizin arbeiten, stärker in die Arbeit einbezieht. Die BAK ist ein Sammelbecken für Apotheker aus den unterschiedlichsten Tätigkeitsbereichen. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass die meisten Kolleginnen und Kollegen in der öffentlichen Apotheke arbeiten. Deshalb wird sie immer ein Schwerpunkt sein. Die Meinungen und Probleme der Kollegen aus Krankenhaus, Verwaltung, Industrie, öffentlichem Dienst, Bundeswehr und anderen Berufsbereichen müssen uns aber auch wichtig sein.

PZ: Und beim DAV, bleibt dort alles beim Alten?

Keller: Der DAV hat seinen bewährten Vorstand wiedergewählt. Das entlässt uns aber nicht aus der Verantwortung, neue Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Wir haben ja bereits in diesem Jahr vieles bewirkt. Die Apothekerschaft ist bei Telematik und elektronischer Gesundheitskarte voll eingebunden und kann mitgestalten. Ich denke weiter an den Hausapothekenvertrag, der Ende des Jahres in den integrierten Vertrag überführt wurde. Dies gilt es nun umzusetzen. Die Resonanz auf den Vertrag ist sehr gut und wird uns beflügeln, den Weg weiterzugehen. Für die Zukunft der Apothekerschaft ist dies enorm wichtig.

PZ: Kann man den trilateralen Vertrag auch als Paradigmenwechsel ansehen? Insbesondere auch für die Stellung des Apothekers im Rahmen des SGB V?

Keller: Ja, im SGB V ist die integrierte Versorgung vorgeschrieben und die Apotheker sind im SGB V mit erwähnt. Es ist aber nicht zwingend notwendig, dass der Apotheker eingebunden wird. Er kann aber über Sonderverträge eingebunden werden. Es gibt wohl auch Krankenkassen, die ohne Apotheker einen Vertag abschließen oder andere Gruppierungen als den DAV einbeziehen. Insofern ist es schon ein Paradigmenwechsel, dass hier erstmalig die gesamte Apothekerschaft die Möglichkeit bekommt, an der integrierten Versorgung teilzunehmen. Die Vertragsunterzeichnung war zweifelsohne ein historischer Moment.

PZ: Welche Erwartungen haben Sie an die integrierte Versorgung? Bei der Hausapotheke haben relativ viele Apotheken mitgemacht, aber jeder weiß, dass die Zahl der Patienten größer sein könnte. Hat die Kombination mit den Ärzten eine bessere Chance?

Keller: Ja, unbedingt. Auf den Patienten wird nun Druck ausgeübt und zwar beim ersten Besuch beim Arzt. Er kann die Praxisgebühr für drei Quartale sparen, aber nur, wenn er sich auch bei einer Hausapotheke einschreibt. Dies wird der Vereinbarung den Schwung geben.

Wir haben in den Verbänden jetzt das große Problem, bis März den neuen Vertrag umzusetzen und gleichzeitig diejenigen, die noch nicht zertifiziert sind, zu schulen. Dies heißt, wir müssen in den nächsten Monaten Seminare für Neueinsteiger und auch für die Hausapotheker anbieten. Das wird eine große Herausforderung für die Landesverbände.

PZ: Wir stehen zwei Jahre vor der Bundestagswahl, politisch wird sich wahrscheinlich nicht mehr viel bewegen. Trotzdem kann man Weichen für die Zeit nach der Bundestagswahl stellen. In welche Richtung geht die Politik der ABDA?

Wolf: Öffentlichkeit und Politik müssen erfahren, dass ohne die niedergelassenen Apotheker im Gesundheitssystem nichts geht. Die Apotheker müssen das deutlicher als bisher klarmachen, indem sie sich als Problemlöser präsentieren. Ein wesentliches Problem ist die Steuerung der Arzneimittelausgaben. Hier hat man unseren Sachverstand bislang nicht eingesetzt. Das soll sich nun ändern. Kassenärzte, Krankenkassen und Gesundheitsministerium haben nun erkannt, dass sie hier von der Kompetenz der Apotheker profitieren können.

Grundsätzlich müssen wir über strategische Allianzen nachdenken. Eine neue strategische Allianz ist zum Beispiel die institutionalisierte Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft. Zwischen allen Heilberufen gab es definierte Schnittstellen. Aber zwischen den Hausärzten und den Hausapothekern gab es keine Schnittstellen. Das haben wir nun im Integrationsvertrag geändert. Wenn ich sagte Problemlöser, dann gilt dies immer für die Bereiche Qualität und Wirtschaftlichkeit. Die Apothekerschaft, insbesondere die ABDA, hat im Vergleich zu anderen Heilberufen einen ungeheuren Vorteil: Wir haben eine Dachorganisation, in der die Garanten der Freiberuflichkeit und der Qualität, nämlich die Kammern, sowie die Partner des SGB V, also die Landesapothekerverbände, gemeinsam organisiert sind. Insofern können wir der GKV und auch den Patienten Angebotspakete schnüren, die in Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit so gut sind, dass wir in jedem Vertragswettbewerb immer besser sind als unsere Mitwerber.

Noch ein Wort zur Positionierung: Im Jahr 2006 sind Wahlen und unser Ziel sollte es sein, bis dahin allen Parteien klar zu machen, dass wir eine aktive Rolle spielen und es überhaupt nicht notwendig ist, neue Gesetze zu erlassen, die uns weiter belasten, einengen oder gängeln. Das Gesundheitswesen muss sich darauf einrichten, dass wir diese aktive Rolle langfristig spielen werden.

PZ: Qualität ist ein Stichwort, das eigentlich die BAK belegen muss.

Linz: Wir haben durchaus schon Ziele für das nächste Jahr formuliert, auch wenn der neue Vorstand sich offiziell erst im neuen Jahr konstituieren wird. Die beiden nächsten Jahre stehen im Zeichen einer Qualitätsoffensive an allen Fronten. In der öffentlichen Apotheke bedeutet dies, die Kolleginnen und Kollegen aufzufordern, trotz des bereits heute sehr hohen bürokratischen Aufwandes die pharmazeutisch-apothekerliche Tätigkeit nicht zu vergessen und wesentlich stärker als bisher zu dokumentieren, dass unsere Tätigkeit einen echten Mehrwert für das Gesundheitswesen darstellt.

Wir haben jetzt in Niedersachsen aktuell einen Blumenstrauß für die Kolleginnen und Kollegen zusammengestellt, der es ihnen sicherlich ermöglichen sollte, niederschwellig die Qualität zu verbessern. Wir stellen unseren Kollegen zum Beispiel Formblätter zur Verfügung, auf denen sie dokumentieren können, wie oft und in welchen Bereichen sie bei der Medikation eines Patienten intervenieren müssen. Wir werden auf diese Weise deutlich machen, wie oft Doppelverordnungen verhindert werden, wie oft Wechselwirkungen erkannt werden, wie oft Nachfragen zu Dosierungen und möglicherweise Nachfragen zu konkreten Präparaten erfolgen. Wir leisten dies natürlich schon lange. Wir haben es aber bislang nicht ausreichend dokumentiert.

Wir haben das in Niedersachsen in einer kleiner Ministudie schon mal probiert. Die Resonanz der Kollegenschaft war hervorragend. Die Kollegen haben mitgemacht und wir hatten eine Rückläuferquote von fast 40 Prozent gehabt. In den anderen Bundesländern wird das Ergebnis genauso sein, davon bin ich überzeugt. Deshalb wollen wir als BAK die Landeskammern motivieren, an die eigene Kollegenschaft heranzutreten. Wir müssen belegen, dass die Qualität gut ist, wir müssen unsere Defizite beseitigen und belegen, dass wir die Besseren sind. Dann erledigen sich auch viele andere Debatten.

PZ: Und die Wirtschaftlichkeit?

Keller: Qualität und Wirtschaftlichkeit sind nicht voneinander zu trennen. Wir haben 2004 die Arzneimittelpreisverordnung umgestellt. Eine Systemänderung, die Anfang des Jahres zu erheblichen Diskussionen in der Apothekerschaft führte. Jetzt, nach einem Jahr, sieht man ein, dass dieser Schritt richtig war. Natürlich hat nicht jede Apotheke davon profitiert. Das ist bei einer Pauschalierung über ein ganzes System auch nicht möglich. In der Politik haben wir damit das richtige Zeichen gesetzt und sind jetzt völlig aus der Preisdiskussion raus.

Zu dem Qualitätsargument von BAK und ABDA kommt im Integrationsvertrag automatisch die Wirtschaftlichkeit hinzu. Nur wenn die Medikationsdatei in der Apotheke erstellt wird, hat der Apotheker ein Anrecht auf ein Honorar.

Das System hat sich verändert und die Politik honoriert dies auch. Ich glaube, die Apothekerschaft hat sich in den letzten drei Jahren mehr bewegt als in den 10 Jahren zuvor.

PZ: Bleiben wir noch bei Qualität und Wirtschaftlichkeit. Qualität muss nicht nur wirtschaftlich für die Gesellschaft sein, sie muss sich auch für den Apotheker rechnen. Wenn Apotheker auch ohne hohe pharmazeutische Qualität ökonomisch erfolgreich sein können, dann fällt es schwer, einen hohen Standard flächendeckend einzuhalten. Müsste deshalb die Qualität der pharmazeutischen Dienstleistung nicht noch deutlich besser honoriert werden, als es im Moment geschieht? Der Integrationsvertrag ist zwar ein Einstieg, aber sicherlich nicht ausreichend.

Wolf: Wir müssen uns über eines klar werden und dies sagen uns alle Parteien, egal, ob die gelb, schwarz oder rot sind: Erst muss die Qualität in der Apotheke nachgewiesen werden und dann erst können wir über alles andere reden. Wir sollten jetzt keine vorschnellen Forderungen nach einem zusätzlichen Honorar stellen.

Der Apotheker hat vom Gesetzgeber eine Verbraucherschutzfunktion bekommen. Dazu gehört auch der Schutz der Bevölkerung vor unkontrollierter Arzneimitteleinnahme. Es gibt ja nicht umsonst den Begriff der Apothekenpflicht für Arzneimittel. In anderen Länder gilt bei OTC-Arzneimitteln: Buy one, get one free. Dafür stehen die Apotheker in Deutschland nicht. Sie müssen auch vor Fehl- und Zuvielgebrauch der Arzneimittel schützen. Wir sind hier in einer Zwitterphase zwischen Kaufmann und Verbraucherschützer. Die Funktion Verbraucherschützer kostet uns im Grunde genommen Geld, vom Verkauf leben wir. Im OTC-Bereich werden wir immer vom Verkauf der Arzneimittel leben müssen. Das ist in jedem anderen Land auch so.

Im Bereich der Versorgung nach dem Sachleistungsprinzip der GKV sind wir in einer Übergangsphase. Wir können heute von der Honorierung der pharmazeutischen Leistung mit Sicherheit noch nicht leben. Ich kann mir vorstellen, dass auch mit dem Wandel der Schwerpunkte der Apothekenstruktur das Honorar für die pharmazeutische Dienstleistung wichtiger wird.

Die Gesellschaft wird die Apotheker für das bezahlen, was sie von den Apotheken an Leistung verlangt. Wir hatten über 750 Jahre den Apotheker als handwerklichen Arzneihersteller. Dann kam eine Phase des Apothekers als Verkäufer von Fertigarzneimitteln. Jetzt hat die dritte Phase der Apotheker begonnen, nämlich die Versorgung und pharmazeutische Betreuung der Bevölkerung mit Arzneimitteln.

PZ: Halten Sie es für möglich, dass irgendwann die Apotheker im RX-Bereich nur noch für die Dienstleistung und nicht mehr für die Abgabe der Arzneimittel bezahlt werden?

Wolf: Nein, das geht zu weit. Es wird eine Koppelung sein. Heute erwirtschaften wir unseren Ertrag vornehmlich über den Verkauf der Arzneimittel. Die Honorierung der pharmazeutischen Leistung ist bisher ein finanzielles Beiwerk. Ich kann mir vorstellen, dass sich der Schwerpunkt so weit verschiebt, dass sich eine intensive pharmazeutische Betreuung für Apotheker unmittelbar wirtschaftlich lohnt.

Linz: Es gibt Länder wie Kanada, in denen solche Leistungen bereits honoriert werden, etwa wenn eine Doppelverordnung erkannt wird und das Arzneimittel nicht abgegeben wird. Dafür erhält der Apotheker ein Honorar, weil er die Kosten senkt. Auch für Deutschland könnte ich mir dies durchaus vorstellen.

PZ: Honorierte Wirtschaftlichkeit klingt ja sehr gut. Muss es da auch nicht das genaue Gegenteil geben: Bestrafte Unwirtschaftlichkeit? Die Apotheker haben dies in den letzten 20 Jahren immer abgelehnt haben. Sie wollten auch keine erweiterte Aut-idem-Regelung mit Regress. Müsste man aber nicht konsequenterweise sagen: ‚Ich muss mehr Wettbewerb unter den Apotheken dadurch schaffen, dass ich die Faulen auch entsprechend bestrafe?’

Keller: Wir brauchen sicher keine expliziten Strafen. Das regelt der Markt. Der Patient wird sich in der integrierten Versorgung genau anschauen, wo er sich einschreibt, welche Leistung die Apotheke bringt. Er hat ja die Möglichkeit, nach einem Jahr seine Hausapotheke zu wechseln. Er wird sich für die freundlichere und bessere entscheiden, die das umfassende Versorgungspaket anbietet.

Die Patienten fragen heute mehr. Sie werden in Zukunft, wenn sie sich einschreiben, noch mehr fragen, weil sie beim Arzt schon fragen und dann in der Apotheke eine Bestätigung erwarten.

Wolf: Bei der Übernahme wirtschaftlicher Verantwortung als Vertragspartner der Krankenkassen macht der DAV gerade einen Riesenschritt. Es gibt ja die Möglichkeit für Krankenkassen und Arzneimittelhersteller Rabattverträge abzuschließen. Hier wird der Apotheker über einen zweiten Vertrag tatsächlich in eine wirtschaftliche Verantwortung gebracht. Er muss über eine für die integrierte Versorgung ausgehandelte Aut-idem-Regelung die Arzneimittel, die für die Krankenkasse per Rabattvertrag besonders günstig sind, bevorzugt abgeben. Die Krankenkasse ist dann durchaus bereit, von dem Rabatt, den ihr das Pharmaunternehmen gewährt, dem Apotheker ein Substitutionshonorar zu bezahlen. Das ist der ganz konkrete Einstieg in wirtschaftliche Verantwortung durch den Vertragsapotheker.

PZ: Können kleine Apotheken dies überhaupt noch leisten? Werden sie von einer zeitintensiven Beratung nicht überfordert? Sie sagten ja, Apotheken, die keine ausreichende Qualität bieten, werden hinten runterfallen.

Linz: Man kann doch nicht pauschal sagen, dass kleine Apotheken keine ausreichende Qualität bieten können. Das hängt vor allem vom individuellen Einsatz ab. Es gibt durchaus Apotheken - ein Chef, zwei Mitarbeiter -, die auch ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt haben und auf Grund der geringeren Kundenzahl eine sehr persönliche und gute Beratung leisten. Nicht die Größe ist entscheidend. Wichtiger ist das Mitarbeiter-Kunden-Verhältnis. Wenn ich eine Apotheke habe, die 80 oder 100 Kunden am Tag hat, dann kann ein Apothekenleiter mit einer PTA eine gute Beratung machen und eine hervorragende pharmazeutische Qualität leisten. Während es im Umkehrschluss auch große Apotheken gibt, die deswegen nicht zwingend eine gute pharmazeutische Qualität gewährleisten müssen.

Sie haben insofern Recht, dass man für eine hohe Qualität eine solide wirtschaftliche Basis braucht. Es wird sicherlich der Wettbewerb zwischen den Apotheken größer werden. Herr Keller hat es zu Recht gesagt, der Wettbewerb wird auch durch die neuen Verträge immer stärker. Er wird aber – und das ist ganz in unserem Sinne – vor allem über die Qualität gehen und weniger über Preiskämpfe und Bonussysteme.

PZ: Es gibt also aus Ihrer Sicht für eine qualitätsorientierte Apotheke keine Mindestgröße?

Keller: Es gibt natürlich wirtschaftlich gesehen kritische Umsatzgrößen, die erreicht werden müssen. Generell bin ich mit Frau Linz einig. Gute Beratung ist für jede Apotheke, selbst für die Ein-Mann-Apotheke mit Helferin, möglich. Über die EDV hat jeder Apotheker das notwendige Rüstzeug für eine gute Beratung. Schwieriger wird es wahrscheinlich für kleine Apotheken sein, denselben Service mit Untersuchungen und Aktionen zu bieten wie eine große Apotheke. Aber auch hier kann man sich zum Beispiel mit einem Sprechzeitenbuch helfen und Termine für längere Beratungen vorab vergeben.

PZ: Die Integrationsversorgung wird sicher das Jahr 2005 dominieren. Welche langfristigen Ziele haben die ABDA, der DAV und auch die BAK über 2006 hinaus?

Wolf: Wir wollen die Apotheke in der jetzigen Form als freiberuflich geführte Einzelapotheke erhalten. Ich sehe den Apotheker in der Zukunft als Medikationsmanager und als Dreh- und Angelpunkt für Arzneiversorgung und pharmazeutische Betreuung der Bevölkerung, bedarfs- und behindertengerecht rund um die Uhr.

Keller: Für den Weg zu diesem Ziel gibt es verschiedene Optionen. Die Vertragsgestaltung mit den Krankenkassen ist enorm wichtig. Wir haben heute schon ein anderes Verhältnis zum Vertragspartner Krankenkassen. In den kommenden Jahren wird es sich noch verbessern. Wir können dann auch über Honorare sprechen und vielleicht den Abschied von einer packungsorientierten Bezahlung einleiten. Der Apotheker soll in Zukunft eine zentrale Rolle in diesem System spielen und nicht nur der Letzte in der Arzneimittelversorgungskette sein. Daran arbeiten wir und ich glaube, die Signale, die wir von Kassen und Politik hören, zeigen, das wir auf dem richtigen Weg sind. Aber das geht nicht von heute auf morgen. Wir brauchen zwar nicht noch einmal 750 Jahre, aber 4 oder 5 Jahre wird es schon dauern.

Wolf: In einem stimmen wir aber auch überein: Die Therapieverantwortung bleibt beim Arzt. Wir wollen nicht in Wettbewerb zur Ärzteschaft gehen.

Linz: Langfristig ist es ausgesprochen wichtig, die Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker auf ein stabiles Fundament zu stellen. Deshalb ist ja auch der Integrationsvertrag so bedeutsam. Qualität in der Versorgung und Transparenz im System sind nur möglich, wenn Ärzte und Apotheker optimal zusammenarbeiten. Auch wird der Patient nur dann Vertrauen zu weiteren Reformen haben, wenn beide Heilberufler an einem Strang ziehen.

Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Apotheker setzt aber voraus, dass jeder seine Rolle kennt. Der Arzt stellt die Diagnose und setzt die Therapie fest und der Apotheker sorgt für die optimale Durchführung der Therapie und übernimmt seinen Part als Fachmann im Arzneimittelbereich und muss sich da auch stärker einbringen, als es bisher der Fall ist.

Es ist aber eben im Moment die Schwierigkeit, dass die Ärzte unsere Arbeit als Einmischung in ihr Terrain betrachten. Der Patient muss wissen, dass ein Datenaustausch zwischen Ärzten und Apothekern zu seinem Vorteil ist.

Keller: Der Vertrag übt Druck auf die beiden Heilberufe aus und auf den Patienten. Er muss sich genauso umstellen. Heute gibt es noch viele Patienten, die wollen gar nicht, dass ihr Arzt weiß, welche Medikamente sie noch eigenverantwortlich einnehmen. Dieses Problem müssen wir gemeinsam lösen. Da müssen wir den Patienten mitnehmen, ansonsten verliert er das Vertrauen zu unserem Gesundheitssystem. So wie wir zum Beispiel seit Jahren den Patienten Zuzahlungsveränderungen und Verschreibungsfähigkeit erfolgreich erklären. Die Einführung der Patientenakte wird eine gute Gesprächsgrundlage sein.

PZ: Noch einmal zur langfristigen Perspektive. Sie haben alle drei gesagt, dass der selbstständige Apotheker erhalten werden kann. Viele Experten aus dem Gesundheitswesen bezweifeln, dass dies gelingen wird, weil der Fremdbesitz nicht aufzuhalten sei.

Wolf: Die Leute, die behaupten, dass es in 2, 4 oder 6 Jahren Fremdbesitz geben wird, verfolgen vor allem Eigeninteressen. Niemand kann die Zukunft mit Gewissheit voraussagen, aber wir können uns rüsten. Wir müssen die Aufgaben erfüllen, die uns von der Politik und von der Öffentlichkeit übertragen werden. Maßstab sind dabei – wie bereits gesagt – Qualität und Wirtschaftlichkeit, wobei die Qualität flächendeckend durchgesetzt und nachgewiesen werden muss.

Vor kurzem hat Professor Dr. Gerd Glaeske in einer Diskussion behautet, Fremdbesitz sei das Beste für Apotheken, weil in einer großen Firma alle Angestellten zu einer guten Beratung angewiesen werden können. Genau das Gegenteil ist aber richtig. Ein wesentlicher Bestandteil der Freiberuflichkeit ist die Verkammerung und damit auch die Berufsgerichtsbarkeit. Wir haben in der Apothekenbetriebsordnung die Pflicht zur Beratung und ich bin der Auffassung, wenn eine Apotheke keine Lust hat zu beraten, dann müssen wir überlegen, ob sie dann nicht mit der Berufsgerichtsbarkeit in Kontakt gebracht werden muss.

Keller: Wir müssen der Politik verdeutlichen, dass Fremdbesitz nur für die großen Konzerne ein Vorteil ist. Man sollte dazu einmal über die Grenze schauen, zum Beispiel nach Norwegen. Da hat man vor zwei Jahren eine Umstellung erlaubt, hat den Fremdbesitz zugelassen und was ist passiert? Alle Apotheken sind in Fremdbesitz übergegangen, Großhändler haben ein Oligopol gebildet. Die Versorgung hat sich nicht verbessert, die Preise sind nicht gesunken. Die Ausgaben der Krankenkassen sind nicht gefallen. Es gibt wirklich gute Gründe, die nicht nur aus dem Blickwinkel der Apotheker gegen die Einführung des Fremdbesitzes sprechen.

PZ: Frau Linz, wenn man die Ausführungen von Heinz-Günter Wolf zu Ende denkt, dann würden die Kammern in Zukunft stärker als Aufsicht fungieren. Halten Sie dies für erstrebenswert?

Linz: Kammern sind schon heute nicht nur Service-Stationen für ihre Mitglieder, sondern auch ein verlängerter Arm des Staates. Wir werden auch als Aufsichtsbehörde gesehen. Auf der anderen Seite haben wir als Kammern natürlich die Verpflichtung, die beruflichen Belange der Kollegen zu berücksichtigen und zu vertreten.

Gerade dies beinhaltet aber auch, dass wir dafür sorgen, dass eine bestimmte Qualität in den Apotheken erreicht wird. Unsere Mitglieder machen da von sich aus Druck. Sie wollen, dass die Kammer flächendeckend die Qualität in den Apotheken kontrolliert. Das darf natürlich nicht dazu führen, dass wir als Kammer statt 20 Berufsgerichtsverfahren im Jahr plötzlich 200 haben. Weitaus wichtiger als der Zwang ist es, den Kollegen zu vermitteln, dass wir als freier Beruf nur dann überleben können, wenn wir unseren Patienten und den Krankenkassen eine qualitativ hochwertige Leistung anbieten. Wir wollen nicht jedes Detail, jedes unvollständig beschriftete Gefäß sanktionieren. Wenn allerdings die pharmazeutische Qualität und die Beratung einer Überprüfung nicht standhalten, dann passt die Relation nicht mehr.

Ein wichtiger Baustein für die Gewährleistung der Beratungsqualität ist das Pseudo-Customer-Modell auf freiwilliger Basis. Ich meine, es muss erst mal die zentrale Aufgabe der Kammern sein, die Kollegen mitzunehmen. Bei Sanktionen denke ich nur an diejenigen, die sich ganz konsequent verweigern. Da muss dann die Keule aus dem Sack.

PZ: Der ABDA wurde im abgelaufenen Jahr in einigen Prozessen vorgeworfen, sie würde die angestellten Apotheker nicht ausreichend vertreten. Das Berliner Gericht hat deshalb sogar die Kammer Berlin zum Austritt aus der ABDA verpflichtet. Nun stehen an der Spitze zwei Vertreter der Verbände und damit der selbstständigen Apotheker. Frau Linz, sie waren bis vor wenigen Jahren selbst angestellte Apothekerin. Werden die Interessen der Mitarbeiter zu wenig vertreten?

Linz: Wir haben vor kurzem in der ABDA eine Strukturkommission gegründet, die sich genau über diesen Punkt Gedanken macht. Das Berliner Urteil müssen wir ernst nehmen, auch wenn die Gerichte in München und Stuttgart den Sachverhalt anders bewertet haben. Es ist wichtig, über die Strukturen nachzudenken und sich zu überlegen, wie kann man wirklich sicherstellen, dass die Interessen der Angestellten angemessen berücksichtigt werden. Ich habe ja auch zu Anfang gesagt, dass wir in der BAK die Apotheker aus anderen Bereichen, aber selbstverständlich auch die Vertreter der Angestellten aus öffentlichen Apotheken stärker einbeziehen wollen. Es ergibt wenig Sinn, wenn wir wunderbare Verträge schließen und Konzepte auch zur Qualitätsverbesserung auflegen, die Angestellten aber nicht beteiligen.

PZ: Wir würden gerne die Frage auch an den künftigen ABDA-Präsidenten weitergeben, der zwar Verbandsvorsitzender ist, aber als ABDA-Präsident auch die Aufgabe hat, für alle zu sprechen.

Wolf: Eine Woche vor der Wahl war ich beim Bundesverband der PTA eingeladen, um dort über meine Vorstellung zur Rolle der PTA in der zukünftigen Apotheke zu sprechen. Es ist ganz einfach: Was nützt der am besten fortgebildete Apothekenleiter mit einem Zertifikat in der Kitteltasche, wenn er gerade im Labor arbeitet und vorne stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht fortgebildet sind und deswegen ein Problem in der Beratung und mit den Patienten haben? Es ist unser gemeinsamer Job, dafür zu sorgen, dass die Kommunikation innerhalb der Apotheken funktioniert. Das zweite große Anliegen sind Fortbildungen für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Insofern spielen die Angestellten eine entscheidende Rolle für die Apotheken und sind deshalb bei der ABDA wirklich gut aufgehoben.

PZ: Eine Frage noch zur zukünftigen Ausbildung des Apothekers. Der Deutsche Apothekertag hat in einem Beschluss die Umstellung des Pharmaziestudiums auf Bachelor- und Master-Studiengänge abgelehnt. Die pharmazeutischen Hochschullehrer sind nun in einer Zwickmühle, denn einige Länder schreiben im Hochschulrahmengesetz die Einführung dieser Studiengänge vor. Wie sieht die neue BAK-Präsidentin diesen Beschluss? Ist es nicht gefährlich, wenn die organisierte Apothekerschaft sich aus einer solchen Diskussion herausnimmt und die Hochschullehrer quasi gezwungen sind, sich jetzt ohne die Standesorganisationen Gedanken zu machen, wie eine Umstellung des Studiums aussehen könnte.

Linz: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, es ist nicht gut, sich aus einem Prozess völlig auszuklinken und einfach nur Nein zu sagen. Sie haben völlig Recht: Es kommt nämlich wirklich Druck schon durch die Gesetzgebung innerhalb der einzelnen Länder.

Meiner Meinung nach wurde bei der Diskussion ein Problem bislang überhaupt nicht diskutiert. Mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge wäre zwingend eine Verlängerung des Studiums verbunden. Wenn man mit einem Master abschließen will, kommt man nicht mit acht Semestern aus. Das heißt im Klartext: Es kommen – bei allgemein knappen Kassen – zusätzliche Kosten auf die Universitäten zu. Gleichzeitig verlangen die Länder von den Hochschulen, weiter Geld einzusparen. Wie das gehen soll, ist mir ein Rätsel.

Die Konsequenz wäre ein Abbau von Studienplätzen. Das würde jedoch langfristig einen Apothekermangel nach sich ziehen. Wir müssten aus anderen Ländern per Green Card Apotheker importieren, weil wir in Deutschland nicht mehr genügend haben. Ich denke, dies müssten wir auch diskutieren, wenn wir über die Umstellung des Studiums sprechen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Beruf durch Frauen dominiert ist. Viele Apothekerinnen haben eine Familie und arbeiten deshalb nicht voll. Wenn wir erst einmal einen Apothekermangel haben, dann wird es auch deshalb enorm schwierig, diesen wieder zu beseitigen. Es darf uns nicht so gehen, wie einigen skandinavischen Ländern, die schon händeringend nach Ärzten und Apothekern aus Deutschland suchen. Es ist auch die Aufgabe der BAK, dem entgegenzuwirken und wir haben durchaus Argumente, die stichhaltig sind. Top

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