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Politik 3

11.12.2000
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INTERNETAPOTHEKEN

Juristen statt Pharmazeuten

dpa/PZ-Artikel

Verbraucherschützer und Apotheker warnen vor gesundheitlichen Gefahren, Kassen und Gesundheitspolitiker erhoffen sich Sparmöglichkeiten. Per Gesetz ist in Deutschland der Versandhandel mit Medikamenten - mit und ohne Internet - verboten. Manchen Betreibern von Internetapotheken scheint dies egal zu sein.

Die Internetapotheken beschäftigen heute mehr Rechtsanwälte als Pharmazeuten. Und die Juristen suchen nach Wegen, das Versandhandelsverbot auszuhebeln oder zu umgehen. Dabei berufen sie sich unter anderem auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes, das EU-Bürgern gestattet, Medikamente aus jedem EU-Land zu beziehen. Ausgenutzt wird auch die ungeklärte Rechtslage beim E-Commerce. Hier stellt sich die Frage, ob die Gesetze des Landes gelten, aus dem verschickt wird, oder die des Landes, in das versandt wird.

Ein Paradebeispiel für die juristischen Scharmützel ist der Rechtsstreit zwischen der Internet-Apotheke "0800DocMorris.com" mit Sitz im niederländischen Landgraaf und dem Deutschen Apothekerverband (DAV). Das Landgericht Frankfurt untersagte DocMorris per Einstweiliger Verfügung das Versenden an deutsche Kunden. Doch DocMorris macht weiter: Auf ihrer Homepage weist die niederländische Internetapotheke zwar darauf hin, dass keine Arzneimittel an deutsche Adressen geliefert werden, bezeichnet sich aber gleichzeitig als Internetapotheke für alle Bürger der Europäischen Union.

DocMorris ist nur der Anfang. Im Januar will eine zweite Internetapotheke von Holland aus den deutschen Markt erobern. Unter der Adresse www.phaona.com kündigt eine Apotheke aus dem niederländischen Bergen ihren Auftritt für die nächsten Wochen an. Auch sie versucht das Versandhandelsverbot zu umgehen. Nach Aussage ihres Marketingleiters Klaus Gritschneder suchen zurzeit die Anwälte nach einem "rechtssicheren" Weg für da Geschäft mit deutschen Kunden (lesen Sie dazu das Interview).

In Wirklichkeit ist die eigentliche Geschäftsidee der Internetapotheken gar nicht der Versandhandel: Die meisten Betreiber nutzen die Preisunterschiede für Arzneimittel in den Ländern der EU aus. Internationale Vergleiche haben ergeben, dass die Kosten für identische Produkte um bis zu 30 Prozent abweichen können. Wer Medikamente billig im Ausland bezieht und in einem Land mit niedriger Mehrwertsteuer tätig kann schnell Gewinne machen.

"Rosinenpickerei" lautet der Vorwurf aus dem Deutschen Apothekerhaus in Eschborn. "DocMorris hat fast ausnahmslos hochpreisige Arzneimittel im Sortiment", sagt ABDA-Sprecher Elmar Esser. Den wenig lukrativen Hustensaft überließen die Internet-Händler gern der lokalen Konkurrenz. Doch davon alleine könne die nicht leben, sagt Esser. Die Folgen: "Das Ende der flächendeckenden Versorgung und höhere Preise gerade bei den Medikamenten, die der Kunde selbst bezahlen muss."

Hauptkritikpunkt jedoch ist die Patientensicherheit. Testkäufe von "Stiftung Warentest" oder dem ZDF-"Gesundheitsmagazin Praxis" förderten Erschreckendes zu Tage: Herzkranke bekamen ohne Umstände das für sie lebensgefährliche Potenzmittel "Viagra", eine Creme gegen schwere Akne wurde als "Faltenkiller" verkauft. Beipackzettel fehlten, waren in fremden Sprachen verfasst oder gar - mit Lücken - eigenhändig abgetippt.

Natürlich gebe es für Patienten derzeit Risiken, räumen die Kassen ein. Doch die Probleme bei Daten- und Verbraucherschutz seien nur ungelöst, nicht unlösbar. Wenn es gelänge, im Internet dieselben Qualitätsstandards durchzusetzen, wie sie für andere Apotheken gelten, fänden zumindest die Betriebskrankenkassen Internet-Handel gut.

Mittlerweile bröckelt auch in der Pharmazeutischen Industrie die Front der Ablehnung. Der Internetvertrieb von Arzneimitteln wird kommen, glaubt der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). "Es geht nicht mehr um das ob, es geht um das wie", sagt BPI-Hauptgeschäftsführer Hans Sendler. Sendlers Vorschlag: Ein gemeinschaftliches, qualitätsgesichertes Internet-Portal aller deutschen Apotheken für Information und Bestellung. Liefern könnte der Apotheker um die Ecke.

 

PHAONA.COM

"Wir betreiben keinen Versandhandel nach Deutschland"

von Daniel Rücker, Eschborn

Obwohl der Arzneimittelversand verboten ist, schießen die Internetapotheken wie Pilze aus dem Boden. Im Januar bekommt DocMorris Konkurrenz. Unter der Adresse www.phaona.com will eine niederländische Apotheke aus Bergen in den deutschen Markt einsteigen. Die Pharmazeutische Zeitung sprach mit dem Marketingleiter Klaus Gritschneder. Er ist im Apothekenbereich nicht unbekannt. Sein früherer Arbeitgeber war die DGN Service GmbH.

PZ: Herr Gritschneder, wann geht Phaona ans Netz?

Gritschneder: Phaona wird Anfang Januar seinen Betrieb aufnehmen.

PZ: Welche Arzneimittel führen Sie im Sortiment? Handelt es sich ausschließlich um Originalpräparate oder führen Sie auch Generika?

Gritschneder: Phaona versteht sich als europäische Apotheke, die zunächst in Länder liefern wird, in denen Versandhandel mit Arzneimitteln bereits erlaubt ist. Geliefert werden Arzneimittel für chronische Erkrankungen. Der Lieferumfang entspricht etwa 85 Prozent aller im jeweiligen Land zugelassenen Präparate. Ausgenommen sind alle Präparate, die dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen.

PZ: Verkaufen Sie auch in Deutschland apotheken- und verschreibungspflichtige Arzneimittel? Wie wollen Sie Verordnungen beliefern?

Gritschneder: Verschreibungspflichtige Präparate für deutsche Kunden werden nur nach Vorlage eines Rezepts in der Apotheke ausgehändigt.

PZ: Ein Kunde aus Bayern wird wohl kaum nach Bergen bei Venlo kommen, um dort ein Rezept einzulösen. Sie müssen also die Präparate versenden. Damit verstoßen Sie eindeutig gegen deutsche Gesetze.

Gritschneder: Wir betreiben keinen Versandhandel nach Deutschland. Der Kunde oder ein vom Kunden Beauftragter muss mit dem Rezept in die Apotheke kommen. Das ist exakt der gleiche Vorgang wie in einer niedergelassenen Apotheke.

PZ: Den vom Kunden Beauftragten wollen Sie sicher gleich mit anbieten. Im Prinzip organisieren sie dann einen Kurierdienst. Auch dies dürfte kaum dem deutschen Recht entsprechen.

Gritschneder: Unsere Anwälte prüfen gerade, wie ein rechtssicherer Weg aussehen könnte.

PZ: Erwarten Sie, dass deutsche Krankenkassen die Kosten erstatten?

Gritschneder: Wir haben bereits einige Gespräche geführt. Die Kostenträger sind interessiert. Mehr möchte ich an dieser Stelle dazu nicht sagen.

PZ: Woher beziehen Sie die Arzneimittel, die Sie auf Ihrer Website anbieten?

Gritschneder: Über normale Bezugswege. Wir wollen nach Deutschland auschließlich deutsche Arzneimittel versenden. Wir werden also nicht in Spanien einkaufen.

PZ: Dann beliefert Sie ein deutscher Großhändler?

Gritschneder: Dazu möchte ich nichts sagen. Wir wollen unseren Bezugsweg nicht aufdecken.

PZ: Arbeiten bei Phaona überhaupt Apotheker?

Gritschneder: Die Apotheke wird vom niederländischen Apotheker Hans Bracht geführt. Für die Qualitätssicherung stehen außerdem ein deutscher Apotheker und ein Internist zur Verfügung. Die Qualitätssicherung hat für uns höchsten Stellenwert. Deshalb haben wir auch den europäischen Dachverband "European Association of Mail Service Pharmacies" ins Leben gerufen. Ziel ist es, ein Zertifikat für seriöse Anbieter zu schaffen, das dem Verbraucher hilft, die seriösen Anbieter von den schwarzen Schafen zu unterscheiden.

PZ: Und wenn sie keinen legalen Weg finden - wovon wir ausgehen - dann bedeutet dies, dass Sie nicht nach Deutschland liefern?

Gritschneder: Wir sind keine Gesetzesbrecher. Wir werden nur in Länder versenden, in denen Versandhandel mit Arzneimitteln erlaubt ist.

PZ: Wir haben da unsere Zweifel.Top

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