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Industrie soll Qualitätszentrum boykottieren

03.11.2003
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Industrie soll Qualitätszentrum boykottieren

von Daniel Rücker, Eschborn

Der Bayreuther Gesundheitsökonom Professor Dr. Peter Oberender hält das geplante Zentrum für Qualität in der Medizin für einen weiteren Meilenstein auf dem Weg in die Staatsmedizin. Der Industrie empfiehlt er, nicht mit dem Institut zusammenzuarbeiten.

„Das Zentrum für Qualität in der Medizin ist ein Vehikel, politische Meinung in das Gesundheitswesen zu bringen.“ Wenn die Industrie geschlossen das Institut boykottiere, würden die Krankenkassen dem Druck der Patienten nicht standhalten, so seine Prognose. Die vom Qualitätszentrum zu bewertenden Arzneimittel würden in anderen EU-Staaten ohnehin zugelassen und könnten dann von Patienten aus dem Ausland bezogen werden, sagte er auf einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden. Oberender glaubt nicht, dass die Kassen die Erstattung dieser Arzneimittel verweigern würden. Der Druck der betroffenen Patienten wäre zu groß.

Das GKV-Modernisierungsgesetz sieht die Gründung des Qualitätsinstitutes zur Kosten-Nutzen-Bewertung von neuen und bereits auf dem Markt befindlichen Arzneimitteln vor. Nur wenn diese Untersuchung positiv ausfällt, darf das Arzneimittel zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden. Entgegen den ursprünglichen Plänen der Bundesregierung, das Institut dem Bundesgesundheitsministerium zu unterstellen, wird es nun von einer Stiftung getragen, an der Krankenkassen und Kassenärzte beteiligt sind.

Oberender sieht die deutsche Gesundheitspolitik grundsätzlich auf einem falschen Weg. Statt einer immer stärkeren staatlichen Kontrolle sollten im Gesundheitswesen Entscheidungen dezentral getroffen werden. In einem wettbewerblich ausgerichteten System würden sich ohnehin die effizientesten Konzepte und Therapien durchsetzen.

Zu Einsparungen werde dies allerdings wegen der Alterung der Gesellschaft und der Fortschritte in der Medizin auch nicht führen. Dieser Trend sei nicht aufzuhalten. Oberender sieht darin auch keinen Sinn. Es sei falsch den Wachstumsmarkt Gesundheit zu beschneiden. Es genüge über den Wettbewerb schlechte Leistungen auszugrenzen.

Später auf dem Markt

Die pharmazeutische Industrie lehnt das Qualitätsinstitut zwar ab, Oberenders Boykottaufruf fand aber zumindest bei Dr. Dieter Götte, Aventis, keine direkte Unterstützung. Er geht davon aus, dass die Industrie zähneknirschend zur Zusammenarbeit bereit sei. Götte befürchtet allerdings, dass die Kosten-Nutzen-Bewertung den Markteintritt der Arzneimittel verzögern wird. Erfahrungen mit der britischen Qualitätsbehörde Nice legten diese Vermutung nahe. Zudem sei es sehr aufwendig, den geforderten Zusatznutzen neuer Medikamente im Vergleich zu bereits etablierten zu beweisen. Damit stiegen folglich auch die Kosten der Unternehmen.

Götte befürchtet, dass die Kosten-Nutzen-Bewertung den Anteil innovativer Arzneimittel am Gesamtmarkt weiter reduzieren werde. Schon heuet seien nur noch 25 Prozent der verordneten Arzneimittel patentgeschützt. Im Vergleich zu anderen Staaten sei dies eine extrem niedrige Quote.

Götte und Professor Dr. Peter Scriba, Mitglied des Sachverständigenrates, kritisierten zudem, dass eine valide Nutzenbewertung von Arzneimitteln zwingend auf den Erkenntnissen einer ausgiebigen Versorgungsforschung aufbauten. Diese finde jedoch in Deutschland kaum statt. Top

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