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Der Ton wird schärfer

14.10.2002
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Arzneiverordnungs-Report

Der Ton wird schärfer

von Thomas Bellartz, Berlin

Beinahe rituelle Formen hat der Verbalstress nach der alljährlichen Veröffentlichung des Arzneiverordnungs-Reports angenommen. Die aktuellste Fassung des Reports nahmen Krankenkassen und Regierung zum Anlass, um Apotheker, Pharmaindustrie und Großhandel öffentlich unter Beschuss zu nehmen.

Der Studie aus dem Springer-Verlag zufolge verordnen deutsche Ärzte zu viele, zu teure oder umstrittene Arzneien. Rein rechnerisch ließen sich angeblich 4,2 Milliarden Euro einsparen, ohne dass die Versorgung leidet. Das Umfeld für den Report war publizistisch selten so günstig wie in diesem Jahr. Durch die hohen Ausgabenzuwächse bei den Arzneien, das GKV-Defizit und die Pläne der Regierung für ein Vorschaltgesetz wächst die Beachtung enorm.

AOK-Vorstandschef Hans-Jürgen Ahrens machte bei der Vorstellung des Werkes in Berlin indirekt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) für den Ausgabenschub bei Arzneien verantwortlich. „Es war ein Fehler, das Arzneimittelbudget aufzuheben.“ Man habe seinerzeit die Politik davor gewarnt, kritisierte Ahrens.

Die Herausgeber des Reports, Professor Dr. Ulrich Schwabe und Dieter Paffrath, warfen der Regierung unterdessen „planloses Agieren“ vor. Der Pharmokologe Schwabe forderte unter anderem die schnelle Einführung der Positivliste sowie eine prozentuale Zuzahlung für Arzneimittel.

Ahrens betonte, die am vergangenen Freitag veröffentlichten Reformpläne von Rot-Grün seien zwar „überfällig, bei weitem aber nicht ausreichend“. Das in einem Vorschaltgesetz verpackte Arzneisparpaket werde den drohenden Beitragsschub nicht mehr verhindern, weil es erst 2003 greife. Der AOK-Chef kündigte Beitragssatzerhöhungen von bis zu 0,4 Prozentpunkten an. Das Vorschaltgesetz könne eine dringend notwendige Gesundheitsreform nicht ersetzen.

Unwirtschaftliches Verschreiben

Harte Kritik übte Ahrens wie auch der Vorsitzende des Bundestags-Gesundheitsausschusses Klaus Kirschner (SPD) an den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), den Ärzten sowie der Pharmaindustrie. Ahrens bestritt den von KBV-Vize Leonhard Hansen angeführten Nachholbedarf bei innovativen Präparaten. „Weder Pest noch Cholera“ seien ausgebrochen, auch die äußeren Bedingungen seien unverändert. Die Mehrausgaben bei den Arzneimitteln seien weitestgehend auf „das unwirtschaftliche Verschreiben“ der Ärzte zurückzuführen.

Damit nicht genug, müsse man, so Ahrens, auch „in die Wertschöpfungskette bei Arzneimitteln eingreifen“. So forderte der AOK-Boss die Wiedereinführung der Festbeträge auf patentgeschützte Arzneien, die Einführung des Versandhandels von Arzneimitteln und einiges mehr.

Kirschner kritisierte das Festzuschussmodell der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und kündigte die Einführung des Arznei-Versandhandels an: „Da spricht nichts dagegen, dass wir das machen.“ Auch den Anteil der Reimporte wolle man weiter ausbauen. Über die 7,7 Millionen Unterschriften, die im Rahmen der „Initiative Pro Apotheke“ gegen den Versandhandel gesammelt worden waren, mäkelte Kirschner, wie leicht sich „doch die Leute vor den Wagen einer kleinen, aber starken Gruppe“ spannen ließen. Kirschner deutete in Berlin an, dass Rot-Grün noch weitergehende Reformpläne in der Schublade habe.

Politik gegen 7,7 Millionen

Der Hauptgeschäftsführer der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Professor Dr. Rainer Braun, reagierte am Montag prompt. Es sei bedenklich, dass die Regierung bereit sei, eine Politik zu machen, gegen die sich 7,7 Millionen Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Unterschrift gewandt hatten. Man werde die Bevölkerung über die Folgen des geplanten Vorschaltgesetzes informieren und eventuell auch darüber aufklären, „wie ernst die Regierungskoalition die Meinung von 7,7 Millionen Menschen nimmt“.

Der Arzneimittelverordnungs-Report skizziere völlig überzogene Einsparvisionen und diene lediglich der Flankierung politischer Planspiele als denn der Lösung der Finanzierungsprobleme der GKV, so Braun. Während die Krankenkassen ihre stark steigenden Verwaltungskosten mit wachsenden Aufgaben begründeten, sollten die Apotheken Einschnitte hinnehmen, die eine „ordnungsgemäße Versorgung der Bevölkerung unmöglich machen würden“. Es sei bedauerlich, dass die rot-grüne Regierung scheinbar dem Sankt-Florians-Prinzip der Kassen folgen wolle.

Vorwürfe gegen Pharmaindustrie

Ahrens schlug vor, die Arzneiausgaben und die Honorare der Ärzte zu einem Gesamtbudget zusammenzulegen. Als Folge könnten die Ärzte mehr verdienen, wenn sie bei Arzneien sparen. Umgekehrt drohten ihnen Abstriche, wenn sie zu viel verschreiben. Der Kassenchef forderte zudem, Pharmafirmen zu einer Senkung der Arzneipreise um 10 Prozent zu zwingen.

Schwabe erhob schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie. Diese bremse mit ihrer „undurchsichtigen Marketing- und Preispolitik“ immer wieder Sparversuche aus. Dagegen nahm der Experte die Ärzte gegen die Kritik der Kassen in Schutz. Die Ärzte hätten seit 1992 gegen den Widerstand der Pharmalobby und ohne wirklichen Beistand der Politik Milliardenbeträge gespart, indem sie mehr preiswerte Nachahmerpräparate und weniger umstrittene Mittel verordnet hätten, lobte Schwabe. Zuvor hatte der Wissenschaftler bereits klar gestellt, dass es durchaus eine ganze Reihe sinnvoller Innovationen gebe. Trotzdem: Mit 690 Millionen Euro machten die aus Sicht der Herausgeber medizinisch entbehrlichen Produkte rund ein Drittel der Mehrausgaben von rund 2 Milliarden Euro aus.

Pharmaverbände und Ärzte kritisierten den Arzneiverordnungs-Report heftig. Gleichzeitig scheint sich allerdings auch zwischen Pharmaindustrie und Ärzten ein neuer Graben aufzutun. Denn die KBV machte am Dienstag in Berlin nun ausschließlich die Industrie für die Preissteigerungen und demzufolge auch für die Ausgabenzuwächse verantwortlich.  Top

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